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ARIODANTE  

Besuchte Aufführung am 02.03.13                          (Premiere am 03.02.13)

Vergebne Liebesmüh

Eigentlich ist die Idee, anläßlich des Kaiser-Karls-Jahres 2014 die Ariost-Opern Georg Friedrich Händels zu spielen, eine gute, doch was nützt ein gutes Vorhaben,wenn man es nicht adäquat umsetzen kann? Jarg Pataki wurde als Regisseur für seine Freiburger "Madame Butterfly", bzw. für die Inszenierung des Jahres, von der Zeitschrift "Die Opernwelt" nominiert und soll in Aachen, die Händel-Triologie auf die "Orlando furioso"-Vorlage inszenieren. Nach dem Auftakt mit "Ariodante" fragt man sich allerdings warum?

Denn , um mich kurz zu fassen, habe ich selten so eine stümperhafte Regiearbeit gesehen. Anna Börnsen stattet die Bühne mit Klinkermauer, Kunstblümchen und Pop-Tapeten ein bißchen aus,wie die erfolgreichen Händel-Britpop-Inszenierungen der Bayrischen Staatsoper vor fünfzehn Jahren, Sandra Münchows durchaus schöne Kostüme mit Photoprintstoffen in verschiedenen historischen Stilen machen auch etwas her. Doch die Personenführung "Geh`mal hierhin, jetzt kommt die Arie, stelle dich an die Rampe und sing ins Publikum " geht einfach gar nicht, Aktionen ohne Aussage finden einfach nur statt, der Höhepunkt im Balletttableau des ersten Aktes der "Walla-walla-Tanz" des Chores in neonfarbenen Assessoires, der zweite Akt verhängt mit schäbiger, weißer Plastikfolie, sorgt dann noch für große Stolpergefahr bei den Bühnenkünstlern, dazwischen immer wieder so Pseudogespräche a la jetztmacht die Laienspielgruppe des Altersheimszur schattigen Pinie Bühnenkunst, da reißt der schön choreographierte Schwerterkampf im dritten Akt auch nichts mehr heraus. Im Finaledann eine unvorbereitete Schlußpointe, die keiner versteht. Oje!

Musikalisch kann man mit Volker Hiemeyers Leitung und dem ordentlich aufspielenden Sinfonieorchester Aachen gut leben, da swingt der Barocke Klang zwar nicht durchgehend, finden immer wieder Lücken zwischen Continuo und Musiknummern statt,doch es wird beherzt musiziert. Was mich mehr stört ist die für das Barocke Fach nicht adäquate Sängerbesetzung:als Gäste für die beiden Frauenpartien machen sich die technisch sehr versierte Marietta Zumbült, obwohl ihr jugendlich-dramatischer Sopran nicht wirklich zur keuschen Ginevra passt, und Agata Wilewska als Dalinda fast ein neues Stimmfach erfindend, die Barocksoubrette, wirklich sehr gut.Doch vom Hausensemble kommt eigentlich nur Patricio Arroyo als Lurcanio einer stilistisch gediegenen Leistung nahe, da er die Affekte seiner Arien mit emotionalem Gehalt zu füllen weiß, immer wieder eine raffiniertere Technik zur Ausdrucksskala verwendet. Violetta Radomirska ist mehr damit beschäftigt die vielfältigen Anforderungen der Titelpartie zu bewältigen und vernachlässigt dabei öfters die Intonation, wobei ihr Mezzosopran eigentlich eine schöne Klangfarbe besitzt. Sanja Radisic gibt mit voluminösem Alt den Bösewicht Polinesso, doch die gebellten Koloraturen, groben Registerwechsel und brutalenVerismo-Effekte, die Santuzzas "A te la mala pasqua" erinnern, haben mitbarockem Stilgefühl wenig zu tun. Der waberige Bass von Pawel Lawreszuk als König von Schottland und der schnarrende Tenor von Hans Schaapkens passen auch nicht zu Alter Musik.

Nach drei Stunden fragt man sich letztendlich, warum man dieses Stück spielen mußte, wenn man es nicht wirklich besetzen kann. Immerhin applaudierte das Publikum freundlich. Mal sehen, was aus den Opern "Alcina" und "Orlando", die immerhin noch zur Trilogie gehören, wird.

Martin Freitag

 

 

 

ARIODANTE

Premiere am 3. Februar 2013

Aus Anlass des 1200. Todestag Karls des Großen hat sich das TheaterAachen ein besonderes Opernprojekt einfallen lassen: Als Zyklus werden die drei Händel-Opern „Ariodante“, „Alcina“ und „Orlando“ gezeigt, die alle auf Episoden aus Ariosts Epos „Orlando furioso“ beruhen. Inszeniert wird das ganze Unternehmen von dem Schweizer Regisseur Jarg Pataki, der nun mit „Ariodante“ sein Aachener Debüt gab. Schauplatz dieser Oper ist ein imaginäres Schottland, wo der verträumte Ritter Ariodante hofft Ginevra, die Tochter des schottischen Königs heiraten zu können. Der Nebenbuhler Polinessio beschuldigt Ginevra jedoch der Untreue, was zu vielen barocken Verwirrungen führt. Am Ende findet das Paar zusammen und der Bösewicht findet den Tod.

Der erste Akt der Aachener „Ariodante“ ist auch der stärkste: Besonders beeindruckt ist man hier von der Bühne Anna Börnsens und den Kostümen Sandra Münchows. Der Bühnenraum ist ebenso schön anzuschauen wie hintergründig gestaltet. Überall sind Abbildungen von Pflanzen versteckt, welche die Sehnsucht der Menschen nach einem ursprünglichen Zustand ausdrücken. Die rückwärtige Wand ist mit einer Tapete in Blätteroptik verziert. Aus einer gemauerten Wand wächst ein Ast, die über eine Holztreppe erreichbar ist. Auch die Kostüme sind vom Wechselspiel von Zivilisation und Natur dominiert, sind modern geschnitten, aber mit Pflanzenmustern in schönen Farben bedruckt.

Jarg Patakis Regie wirkt reduziert und konzentriert, was von den Darstellern spannungsvoll umgesetzt wird. Zudem verzichtet er im ersten Akt auf modische Effekte und rückt das Erzählen der komplizierten Geschichte in das Zentrum. Dies gelingt ihm gut, was bei sechs Hauptfiguren und diversen Intrigen und Verwirrungen nicht leicht ist. Ab dem zweiten Akt wirkt Patakis reduzierte Personenführung aber zu sparsam. In fast jeder Arie reicht ihm eine Körperhaltung, die dann während des ganzen Stückes beibehalten wird. Dass Pataki für Ariodantes berühmte zehnminütige Arie „Scherza infida“ gerade zwei Posen einfallen, ist für eine wirkliche Opernregie doch zu wenig.

Auch das Bühnenbild schwächelt im zweiten Akt: Als Sinnbild für Polinessios Intrige verschwindet die Ausstattung hinter einer riesigen Plastikplane. Zum Finale der Aufführung versucht das Regieteam „Ariodante“ noch eine politische Dimension zu geben: Kitschige Kinderbilder aus dem kommunistischen China, sollen dem Zuschauer mit dem Regie-Holzhammer deutlich machen, dass Händels Oper nicht in einer parlamentarischen Demokratie spielt.

In der Titelrolle glänzt Violetta Radomirska und zeigt eindrucksvoll Ariodantes emotionalen Abstieg: Im ersten Akt singt sie mit hellen Sopranfarben und zeigt optimistische Leichtigkeit. Im zweiten Akt kommt nachtschwarze Trauer hinzu, die sich bis zur Verzweiflung steigert. Radomirska liefert zudem präsente und funkelnde Koloraturen und wird während der Vorstellung und beim Schlussbeifall mit viel Jubel gefeiert. Als ihre Verlobte Ginevras tritt Katharina Hagopian stimmlich sehr selbstbewusst auf, was gut zu ihrer Rolle passt. In der Höhe klingt ihre Stimme aber immer wieder eng und unschön.

Jugendlich Frische strahlt Jelena Rakic als Hofdame Dalinda aus. Dabei gefällt mit welcher Leichtigkeit sie ihre Arien singt. Als Bösewicht Polinessio suhlt sich Sanja Radisic oft im Zynismus ihrer Rolle, könnte dabei aber auch einige dunklere Farben benötigen. Aufhorchen lässt Tenor Patricio Arroyo als Ariodantes Bruder Lurcanio: Seine Stimme ist sehr beweglich, verfügt über viel Energie und ein interessantes Timbre.

Dirigent Peter Halász huldigt am Pult des Sinfonieorchesters Aachen einem freundlichen und hellen Händel-Klang. Federnd treibt er die Arien voran, wobei Cembalo und Laute sowie einige historische Blasinstrumente im modernen Orchesterklang barocke Farbtupfer setzen.

Diese „Ariodante“ –Aufführung, die 3 Stunden und 20 Minuten dauert, ist mal faszinierend und mal ermüdend. Sängerisch ist es der Abend Violetta Radomirskas in der Titelrolle.

Rudolf Hermes                                    

 

 

 

SUPERFLUMINA

Oper von Salvatore Sciarrino

Besuchte Vorstellung am 15.12.12 (Premiere am 09.12.12)

Besinnliche Moderne

"Superflumina".... Über den Wassern Babylons... die alttestamentarischen Worte inspirierten Salvatore Sciarrino zu seinem, in Mannheim uraufgeführten, Musiktheaterwerk, das jetzt am Stadttheater Aachen seine zweite Produktion erfuhr. Es ist ja nicht hoch genug zu loben, wenn sich Theater nicht mit der Uraufführung brüsten wollen, sondern ein Werk einfach nur nachspielen, zumal diese Oper, wie wenige geeignet ist, in der konsumorientierten Weihnachtszeit einen nachdenklichen Kontrapunkt zu setzen. "Superflumina", das könnte man auch mit Überfluss übersetzen und diese Anspielung gibt es auch in der Oper von nur einer Stunde und vierzig Minuten.

Die Handlung ist eher reflektiv: wir treffen an einem Bahnhof auf eine Frau, die sich erst bei näherem Hinsehen und Hinhören heraushebt. Sie ist eine Unbehauste, die mit sich selbst spricht, eine, die vielleicht Flaschen sammelt, einer, wie man vielfach auf den Staßen unserer Großstädte antrifft, eine, die viele ale verhaltensauffällig bezeichnen würden. Diese Frau begleiten wir durch die Menschenmenge in einer Nacht; drei Begegnungen gibt: es ein Passant, der sie zurückweist und ein Beamter, der sie ausfragt zu Beginn und Ende; Hrolfur Saemundsson absolviert die kurzen Auftritte akurat, dazwischen ein junger Mann, mit dem sie wohl einen Teil der Vergangenheit geteilt hat, mit wohlklingendem Countertenor Armin Gramer. Diese Dialoge tauschen zwar Worte aus , ohne jedoch zur echten Kommunikation zu führen. Den Mittelteil bilden drei liedhafte Elemente, die sich zu lyrischen Aufschwüngen steigern, eines prangert die Verschwendung von Lebensmitteln an, das letzte sprüht vor tänzerischem Grimm, was die Inszenierung mittels eines Streetdancers zu einem tänzerischem Intermezzo führt. Sonst wird Sciarrinos Kompositionsstil von seiner gewohnten Sparsamkeit geprägt und entwickelt einen nahezu hypnotischen Sog. Dem Orchesterpart mit seinen Geräuschen und seinem Flüstern, wird ein repetitionsähnlicher Gesangsstil der Protagonistin zugeordnet, zwei Sprecher sondern Durchsagen vom Bahnhof ab, was Antonella Schiazza und Jorge Escobar auch mit teilweise karikierendem Spiel gekonnt abliefern.Für die Inszenierung sind Ludger Engels und, der bislang als Ausstatter bekannte, Ric Schachtebeck verantwortlich, schon der Bühnenaufbau zieht sich quer durch das Theaterparkett, Mülleimer und Schalensitze gerieren einen Bahnsteig, dafür sitzen einige Zuschauer mit Orchester und Chor auf der Bühne. Die Regie bewegt sich konzentriert und schlicht entlang der Szenen, den Solodarstellern werden immer wieder die Chormenge, sowie eine große Statistenhorde in Alltagskleidung gegenübergestellt. Entscheidend für diesen Abend jedoch ist Anna Radziejewska in der Hauptrolle, für die Sciarrino diese Oper überhaupt komponiert hat, ein Glücksfall für Aachen, sie auch für diese zweite Produktion zu gewinnen, denn sie füllt die anspruchsvollen, vokalen Voraussetzungen der Musik mit absolut faszinierendem Wohllaut, taucht in Mezzotiefen und schwingt sich mit apart fraulichem Timbre in die Sopranhöhen. Ihre schlichte, unaufgesetzte Bühnenpräsenz geben der Figur Glaubwürdigkeit und lassen den Zuschauer emphatisch teilhaben an dem Mysterium Mensch. Peter Halasz leitet das Sinfonieorchester Aachen und den Opernchor durch die Schwierigkeiten der Partiur und sorgt für eine tadellose Abmischung aus Stimmen und Orchester.Insgesamt ein inspirierender Abend für alle, die sich abseits der Hörgewohnheiten und üblichen Opern, einen nachdenklichen, vielleicht sogar besinnlichen Abend gönnen wollen. Sciarrinos Musik macht das Zuhören leicht, ohne dabei seicht zu werden. Natürlich wird der Zuschauerraum nicht so voll, wie bei "Carmen" oder "Hänsel und Gretel" (beide Werke im Aachener Programm), doch die anwesenden Zuschauer zeigten sich gegenüber der ungewohnten Kost und den Künstlern beim Applaus sehr dankbar. Ein Besuch der Oper sei aufgeschlossenen Gemütern nachdrücklich ans Herz gelegt.

Martin Freitag                             

 

 

 

HÄNSEL & GRETEL

Vorstellung am 10.11.2012

Märchenhafte Kurzweyl

Passend zur Vorweihnachtszeit kam am Aachener Stadttheater Engelbert Humperdincks wunderbare Märchenoper "Hänsel und Gretel" zur Premiere. Ewa Teilmans gelingt mit ihrer Inszenierung ihre bisher beste Arbeit auf dem Opernsektor: schon zur Ouvertüre beleben Sand- und Taumännchen die Bühne, um dann den Blick auf die arme, verschachtelte Welt der Besenbinder freizugeben, modernes Interieur, wie ein alter Kühlschrank, legen dabei einen Fingerzeig auf die durchaus heutige Problematik der Kinderarmut, doch das Spiel findet in den phantasievollen Bildern von Andreas Becker statt, ohne je die Märchenatmosphäre, wenn auch durchaus in unserer Zeit, zu verlassen. Der Wald wird zu einer Projektionsfläche mit lediglich naturalistischen Anspielungen, betörend beleuchtet. Wenngleich erinnert werden sollte, daß "Das Männlein, welches im Walde auf einem Beine steht" nicht der riesige Fliegenpilz sein kann!Wunderschön gelungen ist der Abendsegen, indem die Engel, leicht bizarre Waldgeister in diesem Falle, den Kindern die Tafel decken; die Eltern, jetzt schön gewandet, mitsamt den herzigen Großeltern für die Kinder sorgen. Nach der Pause überzeugt die Szene nicht ganz so, denn die Knusperhexe ist eine sehr merkwürdige Mischung aus schrillbunter Jahrmarktpuppe, wie später als zerfledderter, alter Vettel a la Angelica Huston im Film "Hexen hexen" (sollten sie den nicht kennen, sollten sie dem unbedingt Abhilfe schaffen, es lohnt sich!). Vielleicht liegt es auch daran, daß sie an diesem Abend mit einem dramatischen Mezzo, statt mit Sopran oder Tenor besetzt ist; Sanja Radisic wirft sich zwar mit Schmackes in die Partie, aber so ganz zündet sie nicht. Ob man den "Besentanz" beim Hexenritt mit einer Flamenco-Einlage wie in "Carmen" ersetzen kann, bleibt fraglich. Was mir gefällt: die Hexe als industrielle Backwarenherstellerin anzulegen, die armen Kinder auftaufertig und produktionsbereit in riesigen Kühlschränken zu lagern, was ja auch in der Londoner Kinoübertragung vor zwei Jahren beeindruckt hatte.Kazem Abdullah hat mit dem Sinfonieorchester Aachen die Partitur mit großer Liebe und Hingabe erarbeitet, was man an vielen Details und Feinheiten hören kann; indes, was mir schon bei seiner "Carmen" auffiel, das Gleichgewicht zwischen Graben und Bühne ist noch nicht austariert, die Sänger müssen sehr auf die Einsätze aufpassen, als ob am Abend manches Tempo ungeworfen und neu entschieden wird, was die Phrasierung beim Gesang recht schwierig gestalten kann. Wie gesagt ein Eindruck, den ich zum zweiten Mal unter Abdullahs Leitung wahrzunehmen meinte. Die Besetzung indes macht Freude: Maria Hilmes als burschikoser Hänsel mit hellem Mezzo,die wie Camille Schnoor als Gretel mit erstaunlich schöner Mittellage und Tiefe aufwartete, wobei die Höhe bei Gretels Weckruf nicht mit Koloraturbrillianz, doch effektvoll zur Geltung kam. Perfekt das Elternpaar mit Irina Popova und Hròlfur Saemundsson, so schön hört man diese Rollen nicht oft, beide sehr menschlich und sympathisch in der Ausstrahlung. Carla Hussong und Foteini-Niki Grammenou als Sand-und Taumännchen in bezaubernden Kostümen und bezwingendem Spiel, letztere passenderweise noch etwas stimmfrischer. Der Kinderchor Aachen unterstützt szenisch (schon als Engel) und akustisch nicht ganz ausgeglichen den positiven Eindruck des Abends.

Insgesamt verging die Zeit wie im Fluge, vielleicht war das sogar eine der kurzweiligsten "Hänsel und Gretel"-Aufführungen, derer sind einige, die ich erlebt habe, überhaupt. Eine Produktion, die das Aachener Publikum mitsamt hohem Kinderanteil, hoffentlich noch einige Jahre erfreuen wird.

Martin Freitag                                                

 

CARMEN

Vorstellung am 11.10.2012

Alte Oper in neuen Kostümen

Michael Helle hatte letztes Jahr mit Mozarts "Figaro" eine schöne Regiearbeit abgeliefert, vielleicht war daher meine Erwartungshaltung zu groß, denn die diesjährige Eröffnungspremiere am Stadttheater Aachen mit Georges Bizets Dauerrenner "Carmen" stellte mich szenisch so gar nicht zufrieden, erschwerend die sehr kurzfristige Umbesetzung der Titelpartie, doch das war nicht der Grund.

Denn allzu enttäuschendes Handwerk des, vom Schauspiel stammenden Regisseurs, zeigte sich allenthalben: zunächst der recht unprofessionelle Umgang mit dem Chor, versuchte Einzelaktionen gegen ein taktweises Kollektiverwachen. Dazu kommt, das gerade eine Choroper wie "Carmen" ohne Extrachor gespielt wird, was gerade bei den unterbesetzten Herren (irgendwann zählte ich dreizehn Choristen) zu einem recht dürren Klang führte, die Damen zogen sich weit besser aus der Affäre. Zurück zur Regie: doch auch Ungeschicklichkeiten im Einzelnen, wie die Fesselung Carmens mit Hilfe eines Sicherheitsstrips an einen Leichtmetallklappstuhl, da kommt eine Frau wie Carmen ja nie wieder weg ! Im zweiten Akt, Lillas Pastias Bruchbude sieht in Hartmut Schörghofers Bühnenbild mehr aus wie ein abgewrackter Jugendtreff, die mißverstandene Erotik mittels Zerpressen von Zitrusfrüchten auf bekleideten (!) Körpern. Warum geht Micaela auf bloßen Füßen zu den Schmugglern in die verlassene Fabrikhalle ? Überhaupt immer wieder ein opernhaftes Rampensingen, was zu den in Aachen üblichen modernen Kostümen (Renate Schwietert) so überhaupt nicht passt. Szenisch wirkt der Abend auf mich wie mit Links auf die Bühne geworfen, schade.

Musikalisch wird die Aufführung vom Schwung des neuen Aachener GMD, Kazem Abdullah, der einen leichten französischen Ton mit dem Sinfonieorchester Aachen anschlägt, getragen. Was ausgezeichnet zur Dialogfassung der Opers Comique passt, gesungen wird auf Französisch, gesprochen auf Deutsch, bei dem gemischtnationalen Ensemble ist die Textverständlichkeit nicht immer gewährleistet. Doch Abdullah setzt gegen die luzide Leichtigkeit auch immer wieder sehr emotional musizierte Stellen zu, was besonders bei der musikalisch wundervollen Micaela von Irina Popova zum Tragen kommt, kein junges Mädchen, sondern eine beherzte Frau singt sich den Weg ins Herz. Der Star des Abends ist natürlich immer die Titelpartie, Sania Anastasia ist in Aachen schon als Amneris bekannt und singt und spielt als temperamentvolle Einspringerin mit dramatischem Mezzo das "Megaweib", freilich klingt ihre Stimme am schönsten, wenn sie auf die feine Linie achtet (Habanera, Seguidilla), später setzt die Sängern manchmal sehr auf melodramatische Verismoeffekte und vergrößert den Fokus unnötig, trotzdem ein großer Dank für das Ermöglichen der Vorstellung. Jon Ketilsson singt seine Helden schon an großen Häusern, da muß man um keinen Ton bange sein, auch wenn die Höhe mehr robust, als schön klingt, die Gestaltung des tapsigen Ehrenmannes hat durchaus etwas Berührendes. Sam Handley ist ein basslastiger Escamillo, der sehr auf elegante Linie bedacht ist, szenisch wirkt er in weißem Sakko mit Sängergestik irgendwie wie ein Fremdkörper auf der Bühne. Das Schmugglerquartett wird durch die zwitscherige Frasquita von Jelena Rakic und die erotische Mercedes von Astrid Pyttlik angeführt, Patricio Arroyo (Dancairo) und Louis Kim (Remendado) singen und agieren auf Augenhöhe. Der Zuniga profitiert von Pawel Lawreszuks starker Bühnenpräsenz, wie Maximillian Krummen als Morales gute Figur macht.

Für den mäkeligen Kritiker war der Abend nicht ganz so zufriedenstellend, doch das gut besuchte Haus, wie die für die Künstler heftig applaudiernden Zuschauer, zeigen, wie wichtig und angenommen die künstlerische Arbeit des Aachener Stadttheaters in der Kommune ist.

Martin Freitag                                             

 

 

 

 

L´ENFANT ET LES SORTILÈGES

Vorstellung am 16.06.2012

Das Kind in der Frau

Alle Jahre wieder gibt es am Stadttheater Aachen zum Spielzeitende die Hochschulproduktion, diese Saison hatt man sich für Maurice Ravels Einakter-Meisterwerk "L´enfant et les sortileges" (Das Kind und die Zauberdinge) entschieden. Sebastian Jacobs hatte als Regieansatz mal nicht die übliche "Böses Kind erlebt Läuterung durch die belebten Gegenstände und die Tiere des Gartens"- Deutung, sondern er widmete sich der Essenz der Oper über die Librettistin Colette. Ein biographisches Ereignis aus deren frühen Jahren bietet den Anlass: Colette und ihre Liebhaberin Missy, beides Revuetänzerinnen, lassen es während einer Vorstellung zu einer öffentlichen Zärtlichkeit kommen, die einen Skandal auslöste. Jacobs löst durch alptraumhafte Begegnungen aus, das sich Colette mit den Verletzungen aussöhnt, die sie als Kind erfahren haben muß. Die Autorin begreift ihre provozierende Handlung und kann wieder positiv an ihrer menschlichen Entwicklung arbeiten und am Leben teilnehmen.

Doch vorweg, um dem Abend eine wenigstens siebzigminütige Länge zu geben, wird zu Darius Milhauds quicker Ballettmusik "Le boeuf sur le toit" die allabendliche Vorstellung eines Varietés gezeigt, fünf Tänzer und das Gesangspersonal führen die Nummernrevue in dem schon etwas angewitterten Etablissement auf, Flavia Tabarrinis Choreographie wirkt herrlich platt von der Hinterbühne gesehen, Detlev Beaujean baute ein schön angeranztes, mit vielen liebevollen Details ausgestattetes Bühnenhaus, Renate Schwieterts Kostüme wirken in ihrem verwitterten Semiglitter und dem Zwanziger-Jahre-Charme absolut passend. Nach dem Eklat beginnt die Oper, nur kurze Überschriften geben die Stationen des inneren Dramas wieder, so verwirrt keine Übersetzung des eigentlichen Librettos das Publikum.Jacobs schafft schöne Anspielungen an das Gruselgenre der Zeit, so taucht leibhaftig der Nosferatu Max von Schrecks auf, das Wichtige gelingt ihm jedoch zweifelsohne, indem er die Attitude der Musik exakt in die Traumhandlung übersetzt. Manchmal merkt man freilich doch noch die Verhaltenheit der angehenden Künstler, die sich auch gesanglich äußert, indem vor allem auf die saubere Umsetzung der anspruchsvollen Musik geachtet wird, da könnte noch etwas mehr theatralische Geste im Gesang für Lebendigkeit sorgen, weniger genaue Intonation, als emotionale Zuspitzung. Egal, denn insgesamt stimmt die Umsetzung.Marie Seidler als Kind/Colette gefällt mit eigenwilligem Wuschelkopf und vor allem wunderschönem Mezzotimbre mit der melancholischen Träne im leichten Vibrato. Jessica Grzanna als Missy liegen die virtuosen Aufgaben mit exakten Koloraturen (Feuer/Prinzessin/Nachtigall) gut in der Kehle, das Volumen in der Höhe wird sich schon noch öffnen. Anne Heffner als Theaterchefin (Maman/Libellule) weist eine starke Bühnenpersönlichkeit bei sattem Alt auf. Alle anderen beteiligten, jungen Sänger befinden sich auf gutem Wege in ihren Beruf, mal etwas überzeugender, mal etwas verhaltener, doch um das herauszukitzeln sind Hochschulproduktionen schließlich da. Als musikalischer Spiritus Rektor hat Herbert Görtz bei seiner wunderschön impressionistischen Interpretation am Pult des Hochschulorchesters alles, wie gewohnt, im Griff.

So ist der kurze, wie kurzweilige Abend im Nu vergangen. Heftige Akklamation. Den Intendanten sei Sebastian Jacobs nach seinen sehr gelungenen Produktionen (Haydn, Henze, Ravel) jetzt wirklich mal als Nachwuchstalent für größere Produktionen ans Herz gelegt.

Martin Freitag

 

 

TRISTAN & ISOLDE

Abschiedsgeschenk

Premiere am 20.05.12;  besuchte Aufführung am 1.6.12

Für die letzte Premiere als GMD hatte sich Marcus R.Bosch am Aachener Theater Richard Wagners "Tristan und Isolde" gewünscht, wahrlich kein leichter Brocken für ein Haus dieser Größe, um so erfreulicher das Resultat: Schon bei den ersten Takten des Vorspiels merkt man an Boschs Leitung, daß es ein sehr theatralischer, diesseitiger "Tristan" wird, das Dirigat wird von einer recht zupackenden Dramatik mit relativ flotten Tempi getragen. Besonders gelungen ist die Arbeit mit der Streichergruppe des Sinfonieorchesters mit ausgeprägtem Rubato und romantisch vibrierendem Pathos, ebenfalls die exzellenten Holzbläser mit dem herausragenden Englischhorn-Solo (auf der Bühne), bei den Hörnern gab es ein paar Wackler, wie kleinere Unsauberkeiten beim Blech, doch der Wille und die Konzentration der Musiker sorgten für einen insgesamt beflügelnden Abend.

Zugegeben bin ich nicht unbedingt ein Fan von Ludger-Engels-Inszenierungen, doch der erste Akt kann , trotz des ungeschickten Hantierens Brangänes mit den Tränken, als gelungen und nahezu klassisch bezeichnet werden. Christin Vahl stellt einen Kubus aus Holz auf die Bühne, der anschaulich die Enge einer Schiffskabine zeigt, wie den Sängern einen ausgezeichneten Resonanzraum bietet. Im zweiten Akt hat sich der Raum auf das Bühnenportal geweitet, die scheußlichen, leicht angeranzten Siebziger-Jahre-Möbel samt Goldfischaquarium sehen allerdings nicht aus wie bei "Königs", zum Duett öffnet sich das Zimmer und zwei Paare bereichern die Szene, ein junges, frischverliebtes und ein älteres, desillusioniertes.

Engels läßt weder Romantik noch Nähe aufkommen, schon gar nicht zwischen dem Liebespaar. Im zweiten Akt beginnen dann auch die dramaturgisch verkopften Bilder und ungeschickten Gesten, die mir die meisten seiner Inszenierungen verleiden. Der dritte Akt spart in passendem Grauschwarz mit wallenden Nebeln, den Kubus aus, dafür ist die Hinterbühne geflutet, atmosphärisch die Seenähe aufzeigend, doch irgendwie tritt die Personenregie auf der Stelle, damit etwas passiert dürfen Kurwenal und der Hirt (mit Daueranwesenheit) mit dem Wasser herumspritzen, ab und zu geht ein alter oder junger Nackter über die Bühne. Ganz ehrlich, mir erschließt sich das nicht.

Eine große Entdeckung ist Claudia Iten als Isolde, denn die Sängerin hat nicht nur eine sehr starke Bühnenpersönlichkeit, sondern einen jugendlich klingenden Sopran mit feingeschliffenen Stahlspitzen für die nötige Dramatik, wenn sich im dritten Akt leichte Stimmmüdigkeit hörbar macht, wundert das nicht, doch das gesangliche Niveau ist hoch, mancher Sängerin diente es als Kompliment, die Isolde als Grenzpartie so singen zu können, trotzdem sollte sie die Partie nicht zu oft interpretieren, um sich den frischen Schmelz der Stimme zu bewahren. Ivar Gilhuus´Tristan ist ein interessanter Fall, in der Mittellage gelingen wundervolle lyrische Bögen, in der Höhe hat er den wichtigen Strahl, doch seine Stimme bekommt dann auch einen etwas fahlen charaktertenoralen Klang, spielerisch wirkt er leider oft wie ein Fremdkörper, fast konzertant, da kann sich seine Isolde noch so abmühen. Absoluten Wohlklang mit balsamischem Bass bietet Woong-jo Choi als König Marke, doch szenisch wirkt die Partie wie eine Nullnummer, zumal Marke doch eigentlich der väterliche Freund Tristans sein soll, hier doch vom Alter sein Sohn sein könnte. Sanja Radisic als Brangäne wirkt auf der Bühne ein wenig wie eine Mischung von Miss Moneypenny in chickem Siebziger-Caro (Kostüme Ric Schachtebeck) und Evelyn Hamann als Frau Hoppenstedt, vokal setzt sie sich mit ihrem klangvollen Mezzo angenehm von Itens Isolde ab, wunderbar die hohen Aufschwünge in Soprannähe und der pastose Wachtgesang. Hrolfur Saemundssons Kurwenal wirkt auf mich sehr naiv als Charakter mit etwas tumber Ausstrahlung und überschwenglicher Gestik, gesanglich ist er eine perfekte Verkörperung der Rolle von der Warte des lyrischen Baritons. Patricio Arroyo läßt mit frischem Tenor als Hirte aufhorchen, während Louis Kim vokal und szenisch viel Pathos abliefert. Der Herrenchor erledigt seine Aufgaben im ersten Akt mit Prezision.

Insgesamt ein großartiges Resultat, ein gut besuchtes Haus mit konzentriertem Publikum, die Inszenierung bleibt sicherlich Geschmackssache (immerhin diesmal nur zwei zerknüllte Plastikbecher ! ), doch ein echtes Plädoyer für das Aachener Theater. Danke, Marcus Bosch für die inspirierenden zehn Jahre in Aachen !

Martin Freitag

Copyright aller Produktionsbilder: Theater Aachen

 

 

 

 

KING ARTHUR

besuchte Vorstellung am 07.04.12     (Premiere am 1.4.12.)

 
Folter durch Regie
 
Man mag die Aufführung vielleicht für einen schlechten Aprilscherz halten (Premiere am 1.04) doch Albrecht Hirches Inszenierung von Henry Purcells Semi-Opera "King Arthur " ist das Überflüssigste, Enervierendste und Langweiligste, was ich in letzter Zeit auf der Bühne erleben mußte. Wenn Zuschauer sich mitten in der Vorstellung mit einem lauten "Und Tschüss!" verabschieden, darf man sich fragen, ob der Regisseur sich am Publikum oder am Stadttheater Aachen rächen wollte. Langeweile sowohl bei den alten Abonnenten links, wie bei den jungen Studenten rechts von mir. Danke, Hirche!
 
Was ist eine Semi-Opera? Vielleicht kann man es als Vorläufer des Musicals bezeichnen, ein Stück Unterhaltungstheater, dessen Musiknummern in Gesang und Tanz mittels eines Sprechtextes einen losen Zusammenhang erfahren. Im Fall von "King Arthur" ein nicht sehr geniales Schauspiel aus den Tagen des alten Britannien, zum Finale das große Lob von "Merry Old England". Doch es soll unterhalten! Hirches Bühnenbild, ein auf der Spitze stehendes Podestdreieck, welches von Gräben durchzogen wird, steht zunächst einmal den Darstellern im Weg, die großen Buchstaben von A bis Abrakadabra erinnern an Testminuten beim Augenoptiker, dazu die bunten Kostüme von Franziska Grau ein Mischmasch aus Monty Pythons "Ritter der Kokosnuss" und der Sesamstrasse, der böse Zauberer Osmond in grauem Ganzkörperdingens mit Schniedelwutz, der Erdgeist Grimbald sieht aus wie ein großer, brauner Haufen, äh, Erde. Die Schauspielstellen zerwalzt zu einem zähen Wust aus Lauten, teils sehr langatmigen, komisch sein wollenden Witzeleien, teilweise auch noch in völlig unnötigem Englisch; wenn die Musik aufspielt, fällt Hirche so gut wie gar nichts ein, meistens erstarrt die Bühne. Die Schauspieler und Sänger kämpfen tapfer gegen das Publikum an mit den Dingen, die sie tun müssen, nicht dass sie es an Verve fehlen lassen, doch man meint zu merken, dass ihnen auch nicht gefällt, was sie da auf der Bühne tun sollen.
 
Leider schlägt diese szenische Leere auch auf die musikalische Seite, zwar versucht Volker Hiemeyer das Sinfonieorchester Aachen zu einem vibratolosen, historisch orientierten Spiel zu ermutigen, doch so richtig süffig klingt es nicht, die Tempi sind mal zu schnell (auch für die Sänger), mal zu pathetisch, so richtiger Barockswing will sich nicht einstellen. Die Sänger schlagen sich ganz ordentlich, doch habe ich Besseres von einzelnen am Aachener Haus im Ohr; Katharina Hagopian mit ihrem etwas dramatischen, in der Höhe flackerig uncharmantem Sopran darf sogar als absolute Fehlbesetzung für Alte Musik bezeichnet werden.
Doch irgendwann ist auch für die Ausharrenden ein Ende, manch einer hatte die unendlichen drei Stunden nicht durchgehalten. Schade, denn nach "Fairy Queen" und "Dido und Aeneas" hätte man dem Orpheus Britannicus doch noch eine schöne Aufführung am Aachener Theater gegönnt.
 
Martin Freitag

 

 

 

EIN MASKENBALL 

besuchte Aufführung am 25.02.12  (Premiere am 05.02.12)
 
leider keine Bilder
 
Nahezu klassisch kann man die Neuinszenierung von Verdis "Ein Maskenball" durch den Intendanten Michael Schmitz-Aufterbeck an seinem Aachener Haus bezeichnen, denn der Regisseur inszeniert ohne große Mätzchen das tragische Spiel um den Schwedenkönig Gustav III, der als Kunstliebhaber in seiner selbstentworfenen Theaterwelt die Bodenhaftung verliert und dabei ums Leben kommt. In Oliver Brendels "Holztheater"-Bühnenbild machen sich immer wieder Türen für die reale Welt dahinter auf, bis sie beim Tod des Monarchen birst. Sandra Münchow hat vor allem den Herren schöne historische oder zumindest historisierende Kostüme entworfen, die durch die gepuderten Perücken deutlich auf die Originalzeit anspielen, bei den Damen hat sie sich merkwürdigerweise für ein eigentümliches, zeitloses Mischmasch entschieden, doch der eigentliche Maskenball in seinen leuchtenden Rottönen auf der schlichten Bühne überzeugt szenisch. Lediglich die etwas steife Standbein/Spielbein-Personenführungmit ihrer konventionellen Operngestik wünschte man sich spielerisch ausgefeilter.  
Musikalisch ist die Aufführung ein größtenteils etwas lautes Vergnügen, denn Marcus R. Bosch übernimmt den Abend von Peter Halasz und erreicht lediglich einen sehr knalligen, pauschalen Verdi, ohne mit dem durchaus aufmerksam spielenden Sinfonieorchester Aachen der eigentlichen, federnden Dynamik gerade des "Maskenballes" gerecht zu werden. Auch gesanglich klingen die Stimmen, sicherlich auch durch die Schachtel des Bühnenbildes unterstützt, öfters zu laut. Yikun Chung gibt sich dabei redlich Mühe den Gustavo geschmackvoll zu gestalten, doch ab einer bestimmten Höhe sitzt sein sicherer, bombenfester Tenor nur noch im Forte, was bei der hohen Tessitur der Partie nicht nur für ihn leicht ermüdend, sondern auch das Zuhören anstrengend macht. Bei Tito Yous Bariton muß man sich ebenfalls um keinen Ton Sorgen machen, doch ein ständiges Dauerforte macht noch keine echte Interpretation aus, erst bei seiner zweiten Arie, "Eri tu", bekommt man geschmackvolle Phrasierungen zu hören. Dagegen besticht Irina Popova wieder einmal durch Musikalität und emotionale Gestaltung, wenngleich die dramatischen Höhen bei ihrer Amelia an diesem Abend angestrengter als gewohnt klingen, die Pianostellen dagegen ein wahre Wonne sind. Sanja Radisics Ulrica erstaunt bei schlanker Figur durch prächtiges Volumen in Höhe wie Tiefe ihres dramatischen Mezzo/Alts. Jelena Rakic zwitschert einen sauberen Oscar, ohne durch ihr Timbre besonders aufzufallen. Vasilios Manis gibt mit markantem Bariton als Christiano seine gelungene Visitenkarte ab. Pawel Lawreszuk und Il-Hoon Kim als Verschwörerduo, wie Hans Schaapkens als Richter runden auf gutem Niveau das Ensemble ab. Aachens Chöre klingen prächtig in ihren vielfältigen, geforderten Aufgaben.
 
Insgesamt ein gerundeter, wenn auch nicht in allen Details gelungener Abend, der dem Aachener Publikum im gut gefüllten Stadttheater viel Freude bereitet.
 
Martin Freitag

 

 

 

LE NOZZE DI FIGARO

Premiere am 04.12.11 - besuchte Aufführung am 30.12.11

In der Zeit zwischen den Jahren haben es die Theater oft schwer, ihr Haus zu füllen, umso erfreulicher die ausverkaufte Vorstellung von "Figaros Hochzeit" am Silvestervorabend im Aachener Stadttheater. Michael Helles Inszenierung ist zwar nicht welterhellend, doch wird der turbulente Tag auf Schloß Almaviva ohne Schnörkel vorgeführt. Kleinere Fehler ließen sich schnell übersehen, so im ersten Akt, wenn Cherubino etwa fünfmal aus dem Zimmer entkommen könnte, doch wo ist Oper schon ein logisches Kunstwerk? Helle zelebriert eine klassisch reduzierte Aufführung, lediglich ein paar Stühle und wenige Requisiten bereichern die klassizistische Türen und Wandlandschaft Dieter Klaßens, die sich in ein schlossartiges Labyrinth öffnen, seine Kostüme ziehen die Protagonisten ins klassische Schwarze, die Dienstboten werden durch Schürze oder Chaffeursmütze gekennzeichnet, ärgerlich wenn das Konzept im Gartenfinale durch einen monströsen Pappmacheast gesprengt wird, der eigentlich nur die spielerische Aktion beeinträchtigt.

Musikalisch zeigt Marcus R. Bosch mit dem blendend disponierten Sinfonieorchester Aachen, wo der Hammer hängt. Forsche Tempi kündigen den vorrevolutionären Sturm und Drang an, eine differentierte Dynamik gibt den Blick frei auf Details, die oft überhört werden. Ein sehr überzeugendes Plädoyer für Mozart, zumal von den musikalischen Nummern nichts gestrichen ist, dafür allerdings die Rezitative auf ein Mindestmaß reduziert wurden.

Gesanglich gefällt der indisponiert angekündigte Figaro von dem recht hellstimmigen Bariton Shadi Torbeys, der sich krankheitsbedingt geschickt aus der Affäre zieht, ebenso wie Susanne Serfling als Einspringerin für ihre ganz unsoubrettige, handfeste Susanna, die ich vom Timbre schon sehr nah an einer Contessa sehe. Katharina Hagopians Gräfin irritiert durch ihre recht flackerigen Sopran mit etwas uncharmanter Höhe, lediglich in den tiefen Lagen weiß sie mich zu überzeugen. Hrolfur Saemundsson dagegen sitzt der Graf wie angegossen, mit recht flexibler Dynamik mal als auftrumpfender Choleriker, dann wieder mit differentierten Gemütslagen. Perfekt klingt Astrid Pyttlik als Cherubino, mit charismatischem Mezzo die Tiefen und Untiefen des Pubertierenden ertönen lassend, mit Recht die gefeiertste Leistung des Abends. Erfreulich Antonella Schiazza als frischstimmige Marzellina, Pawel Lawreszuk etwas fahl als Bartolo. Patricio Arroyo irritiert als Basilio mit dem jugendlichen Aussehen eines Latin Lovers, stimmlich jedoch untadelhaft. Katrin Stösel holt mit jungem Sopran aus der Barbarina heraus, was herauszuholen ist. Hans Schaapkens und Johannes Piorek ergänzen das Ensemble als Don Curzio und Antonio. Der Chor bringt sich angenehm aktiv in seinen kurzen Szenen ein. Ein runder Abend, der durch einzelne Gesangssolisten und vor allem durch das Dirigat Marcus R.Boschs mit seinem Orchester positiv geprägt wird, und vom voll besetzten Aachener Haus dementsprechend gefeiert wird.           

Martin Freitag

 

 

LA VOIX HUMAINE  &

COMBATTIMENTO DI TANCREDI E ClORINDA

Premiere am 06.11.11 - besuchte Aufführung am 20.11.11.

Einen kurzen (zwei Stunden inklusive Pause), doch auch ungemein inspirierenden Opernabend hat das Theater Aachen im Programm: es beginnt mit der selten gespielten Orchesterfassung von Francis Poulencs Ein-Frauen-Einakter "Die menschliche Stimme". Ein nach hinten spitz zulaufender Raum, von einer absteigenden Decke und einem ansteigenden Boden (Ausstattung Piero Vinciguerra) nahezu erdrückt, wenige Requisiten des Lebens; ein Hocker, ein Stuhl, ein Waschbecken, Bügelbrett, Wäschekorb und andere Petitessen. Ein unbehaustes Zimmer für eine unbehauste Seele. Alexander von Pfeil, sonst oft sehr provokant in seinen Regiearbeiten, inszeniert das quälend lange Telefongespräch der Verlassenen auf klassische Art und Weise. Getragen wird so ein Spiel natürlich nur von einer starken Protagonistin, die das Theater Aachen in seiner Sopranperle Irina Popova zweifelsfrei besitzt.

Schlicht, glaubwürdig kommt das Spiel der russischen Sängerin daher, die schöne Stimme klingt fragil, verletzt, die Nerven liegen hörbar bloß, lediglich zu einigen melodiösen Aufschwüngen läßt Popova ihr beachtliches Material aufblitzen. Das hat großes, fesselndes Format, eine, wenn die die beste ihrer guten Partien am Haus.

Nach der Pause spielt das ausgezeichnete Sinfonieorchester Aachen unter der stilsicheren Leitung von Peter Halasz ein kurzes Orchesterstück des Zeitgenossen Salvatore Sciarrino "canzon francese del principe" als Ouverture oder Überleitung zu Monteverdis "Combattimento di Tancredi e Clorinda", einem fast dreihundert Jahre früher komponiertem, szenischen Madrigal. Sciarrino zitiert in seinem Stück Melodiefragmente von Gesualdo, bildet mit wenigen leichten Schärfen einen perfekten Übergang zur Alten Musik. In der Episode aus Tassos "befreitem Jerusalem" geht es um den Kampf des christlichen Ritters Tancred gegen die unterliegende Sarazenin Clorinda, eigentlich lieben sich die beiden, im Sterben bekennt sich Clorinda, der damaligen Zeit gemäß zum Christentum. Die musikalische Hauptpartie kommt dabei dem Erzähler (Testo) zu, die Titelpartien sind schon positioniert, haben allerdings nicht so viel Gesang.

Pfeil inszeniert im gleichen Bühnenbild mit wenigen, anderen Requisiten und sonnigem, quasi mediterranem Licht zu der heute recht formalisiert wirkenden Madrigal-Musik Monteverdis auf geniale Art eine spannende Geschichte aus einem der heutigen Kriege, sagen wir im Irak. Clorinda hat sich als Attentäterin mittels einer Liebesnacht in ein westliches Militärlager eingeschlichen. Der Erzähler und vier hervorragend solistisch spielende Statisten als Soldaten, zwingen das Paar, auf verschiedene Weise kommentiertend, zu einem Kampf auf Leben und Tod. Die Reibung aus der Musik mit der modernen Erzählung funktioniert spannend und packend, ein echter Thriller ! Pfeil ist ein großer Wurf gelungen!

Patricio Arroyo (Testo), Georgios Iatrou (Tancredi) und Katrin Stösel (Clorinda) spielen und singen einfach perfekt, mehr gibt es eigentlich nicht dazu zu sagen. Für alle Freunde des Musiktheaters ein zwingender, in allen Belangen überzeugender Abend. Dem Theater Aachen einen großen Dank für diese mutige Kombination.                

Martin Freitag

 

 

DIE FLEDERMAUS

unlustig...

Premiere am 25.09.11 - besuchte Aufführung am 28.09.11

Aachens Stadttheater tat sich in den letzten Jahren schwer mit der Operette, um so erfreulicher damit die Spielzeit 2011/12 zu eröffnen, wenngleich auch drei andere Bühnen im näheren Ruhrgebiet sich ebenfalls für Johann Strauß Hyper-Operette "Die Fledermaus" entschieden haben. Operette ist eine schwierige Bühnenform geworden, zumal in Zeiten von internationalen Ensembles, denn Textverständlichkeit bei Spiel und Gesang sind das Nonplusultra bei einer guten Aufführung. Insofern schon einmal ein Pauschallob für die beachtliche Textarbeit, doch muß man nicht nur den Text verstehen, sondern die Pointen servieren. Ewa Teilmans inszeniert, als Intendantengattin, einmal pro Saison Oper, meistens mit großem Erfolg, doch warum sie sich jetzt dem heiteren Genre zuwendet, wird nicht ersichtlich, selten habe ich eine so unlustige "Fledermaus" erlebt, weder das Timing, noch die Betonung oder gar der Witz der Musik wird zum Blühen gebracht, dabei gibt Oliver Brendels Bühnenbild in seiner gekonnten Sparsamkeit durchaus die Folie zu einer gediegenen Arbeit, auch die schönen, wenngleich nicht immer stilsicheren Kostüme von Britta Leonhardt wären geeignet, doch der Witz , der nötige Funke wird nicht gezündet.

Wenn die konventionelle Arbeit mit einer Publikumsbeschimpfung über die Figur des Prinzen Orlofsky (der als Figur unentschieden ambivalent, gelangweilt, wie langweilend bleibt,) so etwas wie kritisches Musiktheater geriert werden soll, dann in der Choreographie, allenfalls nett von Marga Render, zu "Unter Donner und Blitz" billigster Can-Can dem Publikumsaffen als vermeintlicher Zucker hingeworfen wird, fehlt es einfach an Geschmack oder Stilgefühl, von Humor ganz zu schweigen.

Peter Halasz dirigiert allenfalls einen robusten Strauß, immerhin stets den Sängern Raum zur Textverständlichkeit gebend, was eine Seltenheit bei Operettenaufführungen geworden ist. Doch viele Feinheiten des Straussschen Melos fallen unter den Tisch, auch musikalisch wird zu wenig an der gewitzten Nuanciertheit dieses Meisterwerks gearbeitet. Mit dem Sinfonieorchester Aachen kann man zufrieden sein, doch habe ich den Klangkörper schon mit stärkeren Eindrücken erlebt.

Gesanglich bewegt sich der Abend leider auch im Mittelmaß: Katharina Hagopian ist zwar ein Rasseweib als Rosalinde, doch die schrille Höhe der Sopranstimme klingt einfach nicht schön. Rüdiger Nikodem Lasa ist als Eisenstein kein Ausbund an Charme, gesanglich holzt er sich mit robustem Bariton so quer durch die Partie. Als Adele dagegen gefällt Jelena Rakic als feine Koloratursoubrette mit stupender Höhe, man darf auf die Entwicklung der jungen Sängerin gespannt bleiben. Hrolfur Saemundsson nuschelt sich mit verwaschener Diktion als Falke durch die Vorstellung, zumindest an diesem Abend kommt mir sein, sonst so sicherer Baroton, sehr angestrengt vor. Pawel Lawreszuk bleibt dem Gefängnisdirektor Frank dagegen nicht schuldig, eine gute Leistung in Wort und Ton. Astrid Pyttliks Orlofsky scheint an der merkürdigen Figur nicht so zu brillieren, wie man das bei der Altistin sonst gewohnt ist. Louis Kim versucht als Alfred auf erschreckende Weise komisch zu sein, irgendwie kommt es aber als Parodie der Parodie eines Tenores über die Rampe. Patricio Arroyo bietet als Dr. Blind eine gute, kleine Partie. Ein echter Lichtblick dagegen ist Rainer Krause als wienernder Frosch, der einzige, dem es an diesem Abend gelingt komisch zu sein, seine Extempores zur Aachener Situation des GMD-Wechsels sind sehr gelungen.Insgesamt eine schlecht verkaufte (nicht von der Publikumsauslastung) Möglichkeit eines Meisterwerkes der Unterhaltungsliteratur, mit einer Komik, die die Abgründe von schlechten RTL-Comedians streift, trotzdem ein begeisterter Publikumszuspruch, sicherlich auch den genialen Melodien des Walzerkönigs (nein, nicht Andre Rieu !) zuzuschreiben.                  

Martin Freitag

 

 

ARABELLA

Besuchte Vorstellung 07.05.2011 (Premiere am 01.05.2011)

Im Westen wenig Neues: Biedere Arabella-Inszenierung

Der Regisseur Ludger Engels lässt die Handlung Libretto-getreu in einem Hotel spielen, verlegt sie aber zeitlich um etwa100 Jahre nach vorn. So sehen wir im ersten Aufzug das große Zimmer der Eltern Waldner mit einem einfachen großen Hotel-Doppelbett auf der einen Seite sowie einer Sitzecke und einem Tisch mit zwei Stühlen auf der anderen Seite. Der Stil der Möbel (Stahlgestell mit Formica-Tischplatte) zeigt sowohl die sehr bescheidene Sternebewertung des Hotels, das sich die Waldners noch leisten können als auch die zeitliche Ansiedlung in den 70er Jahren. Die Wände des Bühnenraums sind etwa mannshoch offen. Beim Auftreten der Darsteller gehen diese immer erst einmal rings um den Raum herum; so weiß der Zuschauer immer zeitig, wer da wohl kommen wird. Der zweite Aufzug spielt um eine moderne öde Hotelbar herum.  Im dritten Aufzug verlassen Regie und Bühnenbildner (Ric Schachtebeck) die eingetretenen Pfade und zeigen auf der Bühne die Hotelhalle nun einmal ohne Treppe, aber dafür aber hinten mit dem großen Doppelbett aus dem ersten Akt und einem mit Schleiervorhang verhängten Umkleideraum. Während der kurzen Einleitungsmusik zum dritten Aufzug wird nun im Zeitraffer eine Pantomime aufgeführt, die sinngerecht das zeigen, wofür im echten Leben wie auch im Libretto eine gute Stunde zu veranschlagen ist. Matteo kommt in die unaufgeräumte Hotelhalle, in der die Möbel alle durcheinander stehen. Statt aber mit seinem Schlüssel zielgerichtet auf die Tür neben Arabellas Zimmer zuzugehen, welche der Schlüssel ja sperren soll, findet er die von Zdenka im Sinne einer Schnitzeljagd ausgelegten Zettel und zieht sich schon einmal die Oberkleidung aus. Außerdem verbindet er sich die Augen, was auch unbedingt nötig ist, denn sonst hätte er selbst im Dunkeln aufgrund der verschiedenen Figuren die beiden Schwestern nicht verwechseln können. Währenddessen entledigt sich im Umkleideraum auch Zdenka der meisten ihrer Kleidungsstücke, schlüpft hinter dem Schleier hervor und liefert sich mit Matteo eine nur wenige Sekunde dauernde Kuscheltour. Dann muss sie auch schon weg, denn Arabella kommt heim. Nun spielt der Rest des Akts in einer Hotelhalle mit Ehebett und einem dort in Unterhosen herumlaufenden Matteo. Das ist alles ganz nett und von leichter Hand inszeniert, von einem stringent-logischen Ablauf aber deutlich entfernt. 

Britta Leonhardt steckt die Darsteller zuerst in etwas grau anmutende moderne Alltagskleidung. Im zweiten Akt haben sich alle in Schale geworfen, wobei Waldner mit einem dunkelroten Samtsmoking und Matteo mit einem hellbeigen Anzug hervorstechen, während alle anderen in einfacher Abendgarderobe stecken. Bis auf Arabella, die in eine Art Tournurenrock aus weißem Krepp gesteckt ist, vorne kurz, und dazu ein schwarzes Oberteil. So kommt sie daher wie ein Vogel Strauß, die zauberhafte Arabella sieht wirklich unvorteilhaft aus. Die Personenregie ist durchgängig unspektakulär bis bieder. Viele spritzige Regieeinfälle gibt es nicht. Ganz gelungen sind die  Spieler, die sich dauernd Karten-mischend und –spielend auf die Bühne befinden und immer auf den dritten Mann warten; dabei spülen sie ihren Frust schon einmal mit ein paar Kurzen herunter. Aufgemacht sind sie wie pensionierte Buchhalter. Oder wenn Adelaide aus dem Kühlschrank neben Brausegetränken und Piccolo auch Brot und Käse herausholt, um dem Waldner eine Stulle zu schmieren. Der gibt sie allerdings dem Welko weiter, der sie nach kurzem Probieren entsorgt. (In Slawonien gibt es anscheinend Besseres als Analogkäse aus einem Vorstadtsupermarkt.) - Strauss wollte „in den Stoff einige ernstere seelische Konflikte hineinbringen, die ihn über die normale Lustspielverwicklungen hinausheben und die Mitwirkung der Musik wirklich nötig machen“ (Brief an Hofmannsthal). Anders herum: die Verwicklungen sind nur die einer Operette; gerade das macht eine hohe Qualität des Texts und der Musik erforderlich, die dann auch über eine etwas einfallslose humorlose Regie hinweg helfen. 

Diese Musik wurde von Marcus R. Bosch am Pult mit dem konzentriert spielenden Sinfonieorchester Aachen sehr ordentlich umgesetzt. Es wurde getrieben und kommentiert, dabei wurden schöne Farben entwickelt; hier und da kam schwelgerischer Strauss-Klang zustande. Sängerisch und darstellerisch vermochte die Aufführung dagegen nur begrenzt zu überzeugen. Michaela Maria Meyer als Zdenka war mit ihrem schön fokussierten hellen Sopran und lebendigem Spiel die überragende Darstellerin des Abends. Auch der Graf Waldner des Marek Gaszteki überzeugte mit solidem weichem Bass und gutem komödiantischen Spiel. Allerdings störte hier seine Einfärbung der Vokale. Leila Pfister sang die Adelaide kultiviert mit klangschönem ausbalanciertem Mezzo; im Spiel wirkte sie blass. Mark Adler als Matteo mit feinem helltimbrierten lyrischen Tenor etwas eng in den Höhen. Moritz Gogg blieb als Mandryka stimmlich und darstellerisch ohne Ausstrahlung; Irina Popova als Arabella im Parlando mit unschön flackernder Stimme; die  Kantilenen gelangen ihr hingegen gut mit klaren strahlenden Höhen und schönem Legato. Jolanta Kosira als Fiakermilli stemmte ihre Rolle im Stile einer Koloratur-Etude. 

Letztlich sah man doch eine ganz ordentliche Aufführung, die mehr Zuschauer verdient hätte, als die hier im nicht einmal halb besetzten Raum erschienen waren; die spendeten dafür anhaltenden Beifall.  

Manfred Langer                                               

 

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com