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DON CARLOS

Besuchte Aufführung am 15.02.14

Premiere am 09.02.14 - zum 2.)

Musikalische Leistungsschau

Verdis große, historische Oper "Don Carlos" ist für ein Stadttheater der Größe Aachens ein echtes Schwergewicht, wenn man sich dann noch an die fünfaktige Modena-Fassung mit dem Fontainebleau-Akt wagt setzt man quasi noch eine "Kirsche auf die Sahne des Eisbechers". Kein Opernhaus hatte sich in der letzten Zeit an diese üppige Version herangetraut, obwohl sie sowohl dramaturgisch schlüssiger, wie musikalisch verständlicher wirkt; stellt sie doch die private Liebesbeziehung zwischen Carlos und Elisabetta noch viel zentraler in das Geschichtspanorama, die thematischen Reminiszenzen der Musik, die das Werk durchziehen wirken konsequenter, kurzum die Architektur dieses grandiosen Meisterwerks tritt besser zu Tage. Außerdem habe ich länger wirkende vieraktige Versionen erlebt, als diese gut dreieinhalbstündige Aufführung, das vorweg.

"Trotzdem" muß man sagen, denn die Regiearbeit von Michael Helle hinterläßt einen recht dürftigen Eindruck, man hat das Gefühl hier arbeitet jemand das Werk anhand der Geschehnisse einfach linear herunter und garniert ein wenig mit zeitgenössischen, modern gerierenden Regiezutaten. Dieter Klaß` Ausstattung zeigt, als mehr oder minder Einheitsbühnenbild, einen , zum Auditorium geöffneten, Raum mit zwei Türlöchern, tapeziert mit einer überdimensionalen Barockmustertapete, die Rückwand kann kammerspielmäßig den Raum verkürzen. Garniert wird das mit insgesamt drei Sitzmöbeln während des Abends, suggeriert jedoch keine Atmospäre. Ein Plastiktotenschädel wird plakativ symbolisch auf den Souffleurkasten platziert. Die Kostüme bewegen sich fast durchgängig zwischen Weiß und Schwarz, handelsübliche Anzüge und Kostüme mit kaum Farbe, dazu schlecht geschnitten. Man hat den Eindruck, daß die Ausstattung billig sein mußte.

In diesem Umfeld entfacht Regisseur Helle seine Regie, die von absoluter Unglaubwürdigkeit strotzt. Ich nehme keinem der Darsteller auf der Bühne seine Rolle ab, die Chorregie bleibt einfallslos und wirkt "nicht gekonnt". Es kommt sogar zu kleinen Lachern seitens der Zuschauer, ob der Ungeschicklichkeiten, die auf der Bühne stattfinden. Höhepunkt im einfallslos inszenierten Autodafè-Bild wird, wenn Carlos unter seinem Hemd ein T-Shirt mit dem Bild des Königs mit Hitlerschnäuzer zeigt, großes Gekicher im hell ausgeleuchteten Zuschauerraum. Auch Ebolis zeitgemäßes "Pussy-Riot"-Kapüzchen bei Carlos Befreiung aus dem Kerker hinterläßt eher ein peinlich berührtes Schulterzucken. Die ganze Szene wirkt müde abgearbeitet ohne Aussage, wenn auch mit Pseudoideen dekoriert. Eine der schlechtesten Regiearbeiten, die ich in der letzten Zeit gesehen habe. Hier bleibt "Don Carlos" die Oper des Schulterklopfens und der vielen ausgestreckten Zeigefinger.

Was den Abend rettet ist jedoch die insgesamt beeindruckende Potenz der musikalischen Ausführung, vielleicht kommt das gleich in der folgenden Einzelkritik nicht so herüber, doch es ist ein mitreißender Verdiabend mit großem Gesang. Volker Hiemeyer hatte in der zweiten Vorstellung die musikalische Leitung von GMD Kazem Abdullah übernommen und serviert einen sehr schwungvollen Verdi mit gut ausgearbeiten Orchesterfarben, zwar läßt die Akustik des Aachener Hauses manches Details etwas knalliger wirken als gewollt, doch das Sinfonieorchester Aachen folgt der Leitung mit Hingabe und musikalischem Gestaltungswillen. Manch kleiner Wackler zwischen Graben und Bühne wird schnell wieder aufgefangen.

Mit Andrea Shin in der Titelpartie hat man einen absolut überzeugenden Tenor gewinnen können, die Partie ist nicht ohne und sehr lang, doch Shin läßt mit nie versiegendem Strahl und wirklich schöner Tessitur gar keinen Gedanken daran aufkommen, das muß man erst einmal so singen ! Ihm zur Seite hat man die Sopran-Perle des Hauses: Irina Popova mag in manchen Höhenlagen ihres Sopranes nicht perfekt klingen, doch mit der Elisabetta fügt sie den vielen Verdi-Portäts an diesem Hause ein weiteres hinzu, die Musikalität der Künstlerin und ihre geschmackvolle Phrasierung lassen die Vanitas-Arie zu einem Höhepunkt werden, sicherlich die emotional schönste Leistung des Abends. Gleich dahinter kommt Sanja Radisic als Eboli mit fulminant auftrumpfendem Mezzosopran vermag sie in den Melismen des Schleierliedes zu gefallen, wie mit fruchtigem Timbre bei "O don fatale" mitzureißen. Woong-jo Choi bringt einen in allen Lagen hervorragend ausgeprägten Bass als Philipp mit, besonders die satte Tiefe gefällt, doch muß er sich auf der Bühne wie ein flegelhafter Rüpel verhalten, jeder Zoll kein Herrscher, den empfindsamen Abgründen der Partie bleibt er fern. Hrolfur Saemundssons Posa gefällt solange er sein schönes, lyrisches Baritonmaterial auf Linie hält, wenn er auf Volumen drückt oder durch dramatisches Outrieren mindert er seine mögliche Leistung. Jacek Janiszewskis Großinquisitor versucht, seine Autorität lediglich durch Lautstärke zum Ausdruck zu bringen, kein Rollenportrait was überzeugt. Taejun Sun läßt als Lerma mit solidem Tenor aufhorchen, Soetkin Elbers Tebaldo gefällt mit geradem Sopranklang. Eui Hyun Park als Stimme, hier von der Rampe, sei vor forciertem Ton gewarnt, das hat sie nicht nötig. Die Opern- und Extrachöre sind szenisch unterfordert, machen aber musikalisch einen sehr guten Eindruck.

Für die Szene allein hätte dieser Abend eine Opernfreund-Schnuppe verdient, doch die musikalische Seite der Vorstellung fängt das wieder auf. Ein volles Aachener Stadttheater mit begeistertem Publikum lohnt den großem Aufwand.

Martin Freitag 19.2.14

 

 

DON CARLO     

Premiere am 9. Februar

Musikalisch hochkarätig

Auch nach dem Jubiläumsjahr 2013 wird kein Opernhaus ohne Wagner und Verdi auskommen wollen. Wenn Aachen „Don Carlo“ gibt, so hat dieses “Encore“ eine zusätzliche lokale Legitimation, begeht man hierorts doch das Karls-Jahr. Und da wollte man wohl mit etwas Besonderem aufwarten. Gespielt wird die Oper in der 5aktigen „Modena“-Version, welche auf die Scala-Fassung (1884) zurückgreift und zusätzlich das Fontainebleau-Bild berücksichtigt. Das bedeutet eine Aufführungsdauer von 3 ¾ Stunden, aber die ist bei Verdis inspirierter Musik nicht nur zumutbar, sondern auch willkommen. Dass die Länge des Abends das szenische Defizit der Aachener Produktion unterstreicht, steht auf einem anderen Blatt. Aber dieses sei erst zuletzt aufgeschlagen, drängt es doch, die Karätigkeit der musikalischen Präsentation hervorzuheben.

KAZEM ABDULLAH setzt mit dem SINFONIEORCHESTER AACHEN die Musik unter Dampf, wobei die Akustik des Hauses mitunter etwas vergröbernd wirkt. Aber man wird dramatisch aufgewühlt. Doch auch Verdis Melos kommt optimal zur Geltung.

Das Aachener Ensemble besteht ausschließlich aus nicht-deutschen Sängern (Ausnahmen bei den flämischen Deputierten). Dieser Hinweis sei wohlgemerkt lediglich statistisch verstanden und als Hinweis auf eine typische Situation an deutschen Bühnen. Die Aachener Besetzungsliste würde sich fast für ein Gastspiel in Korea anbieten. Dieses Land liefert Sängernachwuchs mittlerweile en masse. Da wäre in Aachen zum einem WOONG-JO CHOI als Filippo, ein Bassist, der drei Jahre zum Ensemble gehörte, um dann wieder in sein Heimatland zurückzukehren. Als Marke stand er aber gastweise zur Verfügung und wird Aachen nun erneut zu seiner Heimstätte machen. Choi verfügt über einen ausladenden, ausdrucksstarken und doch sensibel nuancierenden Bass (leichte Intonationstrübungen am Premierenabend in „Ella giammai m’amò“); und er agiert sehr markant. Das tut auch ANDREA SHIN in der Titelpartie. Bei ihm fasziniert jedoch vor allem eine von der Tiefe bis hin zur Extremhöhe hinein in punkto Timbre und Dynamik perfekt ausgeglichene Stimme, die emphatisch zu glühen und doch lyrisch zu schmeicheln versteht. Koreaner darf man auch in TAEJUN SUN (kerniger Lerma), EUI HYUN PARK (ein vokal ansprechender Mönch) und Maria-Eunju Park (sphärische Himmelsstimme) vermuten. SANJA RADISIC, eine Serbin, ergänzt als mezzoflammende Eboli das Ensemble ausgesprochen positiv.

Der Isländer HRÓLFUR SAEMUNDSSON interpretiert mit dem Posa ein Fachpartie, und das respektabel. Doch fehlt seiner Stimme Italianità-Färbung, und darstellerisch wirkt er wie ein deutscher Beamter. Die Bulgarin IRINA POPOVA hat sich seit 2005 als vielseitige Rollengestalterin erwiesen. Ihre Elisabetta lässt allerdings (zumal neben Andrea Shin) ein schon immer beobachtetes Flackern der Stimme über Gebühr hervortreten; die Belcanto-Intensität imponiert gleichwohl. Respekt auch für den Großinquisitor von JACEK JANISZEWSKI, der als Wassermann in „Rusalka“ aber einen noch stärkeren Eindruck hinterließ. Die Belgierin SOETKIN ELBERS wird mit ihrer Stimme sicherlich noch fertig. Den (weiblichen) Tebaldo muss sie als nervige Zicke geben.

Womit das Szenische des Aachener „Carlo“ anzusprechen wäre. MICHAEL HELLE kommt vom Schauspiel her und war in dieser Sparte zeitweilig als Oberspielleiter in Aachen engagiert. Mit d’Alberts „Die toten Augen“ erprobte er (wohl erstmals, und sehr glücklich) seine Operneignung und präsentierte in der Folge u.a. hochintelligent durchleuchtet und spielerisch flüssig „Nozze di Figaro“. Sein „Don Carlo“ ist – ohne Umschweife gesagt – eine Katastrophe. Nur in ganz seltenen Momenten spürt man eine gestaltende Regiehand (Vorspiel Filippo-Arie). Meist werden auf der Bühne lediglich Auf- und Abtritte geordnet: eine hausbackene Schreit-Choreografie nicht zuletzt beim Chor. Die nun wirklich spannende Psychologie bei den Figuren der Oper verdorrt kläglich unter einer blühenden Musik. Die stupendeste Negativ-Idee Helles ist, sich den toten Posa wieder erheben zu lassen, denn es muss ja vorhanglos zum letzten Bild gewechselt werden. Rodrigo zeiht Schuhe und Socken aus, ordnet sie sorgsam. Eine Putzfrau erscheint, verstaut die Klamotten in einem Müllsack und reinigt mit einem Mopp den blutigen Boden. Weitere Nachweise für inszenatorisches Unglück gerne auf Anfrage. Das Einheitsbühnenbild von DIETER KLAß blässelt vor sich hin, die Kostüme langweilen mit ihrer öden Modernität, die an Einsichten nichts bringt. Im Schlussbeifall ein einsames Buh. Es hätte per Mikro verstärkt werden sollen.

Christoph Zimmermann 10.2.14                Bilder: Theater Aachen / Carl Brunn

 

 

PRINZESSIN IM EIS

Besuchte Vorstellung am 13.12.13                      Uraufführung am 08.12.13

Ein merkwürd`ger Fall

Am Stadttheater Aachen gibt es jetzt die "Prinzessin im Eis" zu erleben, eine multinationale Polarkomödie für alle ab zwölf Jahren. Wenn sich der Vorhang über flirrenden Streicherklängen (der Anfang von Brittens "Peter Grimes" klingt so ähnlich) hebt , sehen wir ein schönes, monochromes Bild in Weißtönen: ein verschneiter Tag in Grönland mit achtzehn singenden Eisbären, sehr schön in Bewegung und Klang der Aachener Herrenchor. Plötzlich fällt eine Coladose auf die Bühne, so weit, so schön. Eine multinationale Forschungsgruppe betritt das "Eis" um Genproben für die Nachwelt einzufrieren. Bei den Bohrungen stoßen sie in einem Hohlraum auf eine eingefrorene Frau. Eine Prinzessin in blauem Prinzessinnenkleid ohne Gedächtnis, wie es sich erweist. Man spielt das Spiel um die absolutistische Hoheit mit, vor allem die Männer bemühen sich um die verzaubernde Schönheit (Katharina Hagopian sieht wirklich bildschön aus, leider hat sie keine schöne Sopranhöhe). Sie selbst verliebt sich in den Deutschen Schneupel, der sich als einziger nicht bemüht, bis eine Erdgasexplosion beide auf einer Eisscholle abtreibt, die Expedition wird abgeblasen. Die Eisbären kommentieren: Die Menschen haben es mal wieder versaut.

Leider bewegt sich das Libretto von Constantin von Castenstein auf recht bemüht lustigen Wegen von der Art Nationalitätenwitzen a la "Treffen sich ein Russe, ein Amerikaner, ein Deutscher am Nordpol...". Demgemäß dürfen halt die Russen immer Wodka trinken, die sind halt so, haha! Manchmal lacht das Publikum wohlwollend mit; mir persönlich geht dieser Humor leider völlig am Gemüt vorbei. Ich weiß eigentlich auch gar nicht, was man mir mit dieser Geschichte erzählen will. Anno Schreiers Musik dazu ist gut zu hören, provoziert nicht mit übermäßigen Disharmonien, bedient auch sehr gut die Sänger. Die einzelnen Nationalitäten werden mit musikalischen Klischees durchaus nett gezeichnet: die beiden Russen mit Kasachok-Mentalität sind mit Pawel Lawreszuk und Jorge Escobar natürlich mit den tiefen Stimmen besetzt. Kate Louise MacFarlane darf als Chinesin niedliche Hihi-Koloraturen verbreiten. Die kettenrauchende Französin befleissigt sich mit Eun-Kuyong Lims sattem Alt des Chansontones. Rüdiger Nikodem Lasa darf als amerikanischer Geheimdienstler baritonal strotzen. Der dauerfrierende Afrikaner gefällt mit interessant timbriertem Tenor, Keith Stonum. Patricio Arroyo als brasilianischer Frauenforscher überzeugt mit seinem lyrischen Tenor zu südamerikanischen Rhythmen. Ja, der Deutsche ist dann als putziger Erbsenzähler ebenfalls Tenor, Johan Weigel macht das ganz passend.

Anna Malunats Inszenierung in Geelke Gayckens schöner Bühne mit den putzigen Kostümen von Mona Ulrich verhält sich absolut stückkonform, etwas naiv, manchmal etwas schülertheaterhaft, doch das passt schon. Christoph Breidler serviert mit dem Sinfonieorchester Aachen gekonnt und engagiert die hübsche Musik Anno Schreiers. Dann ist es aus. Insgesamt bleibt es doch ein etwas bemüht konstruierter Versuch eine heitere Oper für die ganze Familie zu schreiben, doch ehrlich gesagt: über "nett" kommt es nicht heraus, doch das ist auch meine ganz persönliche Meinung.

Martin Freitag 16.12.13

Bilder: Theater Aachen

 

 

RUSALKA

Besuchte Aufführung am 08.11.13  (Premiere am 03.11.13)

Waldbrand-Gefahr im Aachener Opernhaus

Der - zumindest über Wasser - ständig rauchende Wassermann in „Rusalka“, der neuen Aachener Inszenierung, wirft seine brennende Zigarette achtlos in das trockene Laub auf der Bühne; ein nicht ungefährliches Verhalten. Aber auch sonst gibt es etliche Ungereimtheiten auf der Bühne.

Das knapp 200 Werke umfassende Oeuvre des Tschechen Antonin Dvorak umfasst auch zehn Opern, die bis auf sein Spätwerk Rusalka (UA 1901 in Prag) außerhalb seiner Heimat kaum gespielt werden. Der Theatermann und Librettist Jaroslav Kvapil hatte „Rusalka“ – das tschechische Wort für Wassernixe – zuvor mehreren Komponisten vergeblich angeboten; bei Dvorak hatte er dann Erfolg. Aber nicht wegen der Symbolik der Geschichte um die Wassernixe, die - wenn auch unter Verlust der Stimme - ihrer Welt entfliehen und ein Mensch werden möchte, sondern wegen seiner ausgeprägten Liebe zur Natur und ihren Wesen. So entstand ein höchst erfolgreiches poetisches Märchen im Rang einer tschechischen Nationaloper, angelehnt an die Figur der Undine (Hans-Christian Andersen) und an das Märchendrama „Die versunkene Glocke“ von H.-C- Andersen. Und mit einer überbordenden spätromantischen, lyrischen Musiksprache, mit arioser Melodik und liedhaften Formen. Ein großes musikalisches Drama, an Wagner orientiert und mit Ansätzen seiner Leitmotivtechnik, aber mit eigener Kraft der Musik.

Hier liegt auch der Glanzpunkt der Aachener Inszenierung: Die musikalische Seite. Kazem Abdullah zauberte mit seinen Aachener Sinfonikern ein vollmundiges märchenhaftes Klangbild, mit fesselnder Dynamik, sattem Streicherklang, epischen Bögen und blühenden Bläserstimmen. Wenn auch insgesamt um ein weniges zu laut und kräftig; dem Vernehmen nach klang es bei der Premiere deutlich zarter. Das mag aber auch an der Raumakustik gelegen haben; das Haus war erschreckend schwach besetzt. Erfahrungsgemäß ist zwar die zweite Aufführung immer dünner besucht; aber da fragt man sich schon, wie weit eine negative Kritik in der Lokalpresse ihre Wirkung tut.

Der Klang passte jedoch durchaus zur Inszenierung von Ewa Teilmanns, Lebensgefährtin des Hausherrn Michael Schmitz-Aufterbeck, denn hier wurde anstatt einer romantischen Geschichte leider derbe und sinnferne Kost serviert. Schon zur Ouvertüre tummelten sich leicht bekleidete junge Nixen zwischen im Herbstwald mit viel Laub, mit Steinen eingefasstem See, Baumstämmen, Hydranten und Betonrohren (Bühne: Elisabeth Pedross), heftig begrapscht von einer Gruppe Männern und auch - Alberich und die Rheintöchter lassen grüßen - vom spätlüsternen Wassermann. Der stellt sich spätestens beim Erscheinen der Hexe Jezibaba in knappem rotem Glitzerfummel als Zuhälter heraus. Er treibt seine Schäfchen in ein unterirdisches Betonverlies; auch die Hexe verschwindet immer wieder unter einem Kanaldeckel. Die Andeutung einer unterdrückten erotischen Beschäftigung mit den Kinder-Nixen mag ja noch angehen, hier aber mutiert sie zur sinnentstellenden Hauptader des ersten Aktes. Aus dieser perfiden Welt sucht Rusalka zu entkommen, sie verlangt nach der Liebe des Prinzen, den sie oft am See gesehen hat; wenn auch die Hexe eindringlich vor den Gefahren und Konsequenzen warnt.

Sehr überzeugend gelingt hier die Verwandlung der Rusalka zum Menschen: von Jezibaba mit OP-Handschuhen und einem Elixier aus einer braunen Apothekenflasche bepinselt, von der Nixe mit bodenlangem Goldgewand (Kostüme von Sandra Münchow) zum stummen und schüchternen Mädchen.

Szenisch schwach bleibt auch der zweite Akt, hier wabern und wogen wallende weiße Vorhänge als Schloss des Prinzen, aus denen sich dann die Akteure schälen. Eindrucksvoll die Hochzeitsgesellschaft in der Verachtung der jungen Braut; auch die üppige Fürstin (Irina Popova), die Schampus aus der Flasche trinkt und sich wie eine Domina an den Prinzen schmeißt, überzeugt in der Darstellung ebenso die schweigende Rusalka, die mühsam zu sprechen versucht und auf ihren weltlichen Stöckelschuhen kaum laufen kann.

Die bunten Kois, welche auf dem Bühnenvorhang per Video ihre Runden ziehen, schwimmen im 3. Akt dann auf einmal in einem riesigen Müllhaufen, aus dem sich die Nixen und der Wassermann so langsam herausschälen und den sie mühsam beklettern müssen – man wartete förmlich auf einen Ausrutscher. Rusalka bewohnt gar das Abwasserrohr aus dem ersten Akt, der Wassermann und die Hexe qualmen unentwegt; ob sie wohl ob wegen ihrer Stimme angstrei sind? Wenn dann der Prinz trotz der Weissagung seines Todes Rusalka küssen will, sollte er nach dem Libretto eigentlich sterben. Aber er zieht es vor, sich selbst zu erstechen. Unklarheiten und Ungereimtheiten zu Haufe. Klar, Rusalka scheitert an der neuen Welt, aber die Inszenierung spiegelt weder die Intention von Dvorak als Naturmärchen noch eine „moderne“, männerfeindliche Deutung der Regisseurin ; viele Details von Regie und Bühne erschließen sich mitnichten. Warum müssen Jäger mit modernen Stirnlampen im schwarzen Gesellschaftsanzug durch den Wald streifen und der auf einmal rosa gewandete Küchenjunge befummelt und später angeschossen werden, von den vielen Wasserspritz-Slapsticks ganz abgesehen.

Die musikalische Seite reißt die Aufführung jedoch ein ganzes Stück aus dem Feuer. Verpflichtet sind hervorragende Sänger aus neun Nationen, eine schon sehr eindrucksvolle Truppe. Im Zentrum und später auch beim Applaus steht die junge Linda Ballowa als Rusalka, eine grazile Gestalt mit sehr schön geführter Stimme, eine in allem überzeugende Darstellung der Figur. Zum Schwärmen innig ihre berühmte Mond-Arie, wenn auch der von ihr mit einem Spiegel an die Bühneneinfassung reflektierte wandernde Erdtrabant eher kitschig kommt. Auch Sanja Radisic als Jezibaba hatte ihren großen Auftritt, und das nicht nur optisch. Mit sattem, gerade in den tiefen Lagen üppigem Mezzo und erotischem Flair stellte sie die Hexe als glaubhafte Figur dar. Irina Popova verführte den Prinzen nicht nur mit imposanter Stimme, auch der Wassermann von Janek Janiszewski beeindruckt mit großem, manchmal ein wenig aggressivem Bassvolumen. Christ Lysack meistert die schwierige Partie des Prinzen mit strahlendem und in den Höhen sicherem Tenor. Die kleineren Rollen der Nymphen, des Küchenjungen, des Hegers und des Wächters sind ganz prima besetzt, der mäßig beschäftigte Chor (Einstudierung Andreas Klippert) agiert und singt wie immer vorzüglich.

Fazit: Musikalisch sehr empfehlenswert, auch der Besuch, wenn man die Inszenierung für sich etwas ausblenden kann.

Michael Cramer 11.11.2013   

Fotos siehe unten!

 

 

 

RUSALKA

2. Vorstellung am 8. Nov. 2013   (Premiere am 3. Nov. 2013)

 aachen

Wie sein Landsmann Bedrich Smetana ist Antonin Dvorak nur mit einer einzigen seiner Opern auf hiesigen Bühnen wirklich geläufig, nämlich „Rusalka“ Dass dieses Werk allerdings zum festen Repertoire gehört, bewies in jüngster Zeit das Interesse großer Häuser wie München (Regie: Martin Kusej), Berlin (Regie: Barrie Kosky) und Brüssel (Regie: Stefan Herheim). Die zweite Vorstellung der Neuproduktion in Aachen konnte mit ihren lichten Zuschauerreihen freilich glauben machen, diese Tatsache sei hier bislang noch nicht zur Kenntnis genommen worden. Doch soll von diesem Befund nicht auf die Premiere geschlossen werden, die dem Vernehmen nach gute Resonanz fand, auch nicht auf die noch folgenden Aufführungen.

 Dvorak hat mit dem Stoff und der Musik seiner vorletzten Oper die Romantik noch einmal voll ins 20. Jahrhundert geholt, mit aller Schönheit, allem Glanz und auch aller Wehmut, welche diesem Märchenstoff innewohnt. Jaroslav Kvapil, der Librettist, orientierte sich vor allem an Hans Christian Andersens „Kleiner Seejungfrau“ und Gerhart Hauptmanns Drama „Die versunkene Glocke“. Die Nixe Rusalka (verwandte Figuren sind Undine und Melusine) fühlt sich im Herzen leer, in ihrem angestammten Wasserelement unbehaust. Sie sehnt sich nach irdischen Gefilden, die sie idealisiert, nach Liebe und einer Seele, die ja nur Menschen besitzen. Sind diese deshalb auch moralisch bessere Wesen? Sicher nicht, wie die tragische Geschichte aufdeckt. Dvoraks Musik hält für den Prinzen immerhin ein kleines Plädoyer bereit, gönnt dem in seiner Liebe Wankelmütigen Verzeihung. Das Leid Rusalkas, die zum Irrlicht geworden ist, mildert sich dadurch freilich nicht, dennoch liegt über dem Ende der Oper ein mildes Licht der Versöhnung, vielleicht sogar des Friedens.

 Auch wenn es immer noch Freude bereitet, Andersens Märchen in einer Buchausgabe mit Illustrationen der Entstehungszeit zu lesen: auf der Bühne lässt sich „Rusalka“ nicht mehr naiv erzählen, auch wenn dies am Theater, von dem hier berichtet wird, vor etwa 20 Jahren der Fall war (Günther Schneider-Siemssen). Die jetzige Ausstattung (ELISABETH PEDROSS) zeigt 3 hohe, kahle Baumstämme, bietet aber auch viel herbstliches Laub, was eine leicht romantische Stimmung erzeugt. In den Boden eingelassen sind mehrere wassergefüllte Becken, welche diesen Eindruck unterstreichen. Aber dann geht’s unromantisch zu. Die kindhaften Nymphen (zu den Sängerinnen SOETKIN ELBERS, Camille Schnoor und DIMITRA KALAITZI-TILIKIDOU gesellen sich einige Statistinnen) werden von ruppigen Männern massiv bedrängt und heftig begrapscht. Wenn dann Jezibaba im hautengen roten Glitzer über die Szene stöckelt, steht endgültig fest, dass es sich hier um ein Bordell handelt, wohl um die Außenstelle eines verzweigten Konzerns. Das Büro liegt versteckt unter der Erde.

 Der Charakter des Wassermanns wird in diesem Umfeld nicht ganz klar, auch wenn Intendant und Dramaturg MICHAEL SCHMITZ-AUFTERBECK in seiner Einführung im Foyer eifrig auf Parallelen zu Alberich und den Rheintöchtern bei Wagner hinweist. Das stützt zumindest das Konzept seiner Gattin EWA TEILMANS, der Regisseurin. Sicher kann man dem Wassermann in Grenzen ein johannistriebhaftes erotisches Begehren unterstellen, aber Libretto und Musik machen da nur bedingt mit. Aber Frau Teilmans möchte es den Männern offensichtlich einmal so richtig geben. Und so geht im 2. Akt auch der Heger dem Küchenjungen (hier ein Dienstmädchen) tölpelhaft an die Unterwäsche. Ganz vermag die Inszenierung dem Wassermann eine Fürsorglichkeit für Rusalka nicht zu nehmen. Für diese steht sein trauriges Lied im 2. Akt ebenso wie der Fluch auf das Menschenpack im letzten. Auch die Puffmutter Jezibaba verliert nun letzte Reste der aufoktroyierter Rollenkontur. Die Plantschbecken sind in diesem Finalbild weiterhin vorhanden und werden auch eifrig benutzt; von den Bäumen ist nur ein Stumpf übrig geblieben. Dafür erhebt sich symbolhaft gewichtig eine Müllhalde, in welcher sich die Nymphen nach ihrem becircenden Gesang verkrallen. Der Wassermann macht es sich mit einer neuen Zigarette hingegen gemütlich.

 Da Wagner schon einmal bemüht wurde, könnte man zur Aachener „Rusalka“- Inszenierung gemäß den „Meistersingern“ sagen: „O Ewa, Ewa, schlimmes Weib, was hast du angerichtet?“ Die Intentionen der Regisseurin scheinen nicht nur einigermaßen fehlgelenkt (ein Nebenaspekt wird zum Hauptgedanken), sondern ihre Inszenierung wirkt über weite Strecken einfach ungeschickt gearbeitet, im Mittelakt mit den langweiligen weißen Stoffbahnen sogar unzulänglich. Wenn Rusalka LINDA BALLOVA auf der Bühne steht, vermag man das immerhin vorübergehend zu verdrängen. Die junge Slowakin gibt nämlich ein zutiefst rührendes Mädchenbild ab und singt ganz einfach bezaubernd.

 Auch sonst hat sich Aachen für seine in tschechischer (!) Sprache erarbeitete Produktion erfolgreich um rollenprägende Sänger bemüht. SANJA RADISIC (aus dem Ensemble)  besticht als Jezibaba mit satter Mezzofülle (man hört sie förmlich als Erda), IRINA POPOVA (von SANDRA MÜNCHOW nicht eben vorteilhaft kostümiert) bietet als Fremde Fürstin eine gediegene Leistung. Der polnische Bariton JACEK JANISZEWSKi, mehrere Jahre in Bielefeld engagiert, macht mit voluminöser Stimme aus dem Wassermann eine fast wotanähnliche Figur. Zum Repertoire des Kanadiers CHRIS LYSACK, dessen Jahre im Hamburger Opernstudio noch nicht lange zurückliegen und der bislang das leichtere Tenorfach abdeckte (z.B. Monostatos), überzeugt als Prinz mit lyrischer Linie, geschmackvoller Artikulation und einer mühelosen Bewältigung des heiklen Spitzentons im 3. Akt. Rustikal porträtiert RÜDIGER NIKODEM LASA den Heger.

 Unter KAZEM ABDULLAH klingt Dvoraks Musik um Grade zu laut, ihre Zartheit kommt zu kurz. Das hat teilweise mit der Raumakustik zu tun, die nach einer Renovierung des Theaters vor einigen Jahren eigentlich behoben sein sollte, aber wohl doch nicht letztgültig. Immerhin erwies sich für den Rezensenten ein Platzwechsel als günstig. Die opernhaft theatralischen Impulse der Oper kamen beim Dirigenten und dem SINFONIEORCHESTER AACHEN aber gut und wirkungsvoll heraus. Viel Begeisterung im Publikum - die entschädigte für die bescheidene Platzausnutzung.

Christoph Zimmermann / 10.11.13                    Foto: Theater Aachen / Koerfer

 

 

 

FIDELIO

15.9.13 Premiere

Eine Collage mit Texten vom Band und Fidelio-Häppchen

Wer sich auf eine "schöne Oper" mit Beethovens einzigem Bühnenwerk "Fidelio" im Aachener Theater gefreut hatte und nicht die Vorab-Presse verfolgt hatte, dürfte sich sehr gewundert und enttäuscht nach Hause gegangen sein - so konnte man es zumindest dem für das höfliche Aachener Publikum ungewöhnlichen Buh-Sturm entnehmen. In der Pause wie auch bei der nachfolgenden Premierenfeier beherrschte allgemeine Rat - und Verständnislosigkeit das Feld mit vielen negativen Kommentaren: „Was soll das? Unverständlich! Meine arme Lieblingsoper“. Was war geschehen?

Der junge Wiener Regisseur Alexander Charim wollte den immerhin seit 200 Jahren weltweit ständig auf dem Spielplan stehenden Klassiker vom Muff befreien und speziell die Gedankenwelt der Akteure herausstellen. Das geht nur schwerlich mit dem angestaubten Originaltext, den man oft wohlweislich nicht als Übertitel präsentiert. Unangenehm ist die musikalisch hervorragende konzertante Aufführung in Köln in Erinnerung, wo die Texte fast in Augenhöhe der Sänger großformatig projiziert wurden. Charim hatte die Idee, die gesprochenen und gesungen Dialoge als Wort- und Satzfetzen vom Band über eine Vielzahl von Lautsprechern zu präsentieren, dazu eigene Texte, das Ganze oftmals immer wieder und besonders laut, mit Hall, Verfremdung, mit unterlegten Geräuschen, sogar Vogelzwitschern war zu vernehmen. So sann Leonore darüber nach, ob sie ihren Mann wohl finden werde oder ob er tot ist, Marzelline dachte an ihre Leidenschaft zu Florestan, Pizarros Gedanken – und sein extrem aufgeregtes Verhalten - kreisten nervös um den nahenden Besuch des Ministers.

Zur Eingewöhnung und noch vor der Ouvertüre hockte Leonore auf dem Bett in einem weißen hellen Schlafzimmer, welches später als gitterlose und nicht abgeschlossene Gefängniszelle dienen sollte; auf die Wand starrt Florestan. Dazu dann die ersten Texte aus Marguerite Duras „Der Schmerz“, ein wenig vom Beethoven-Brief „an seine ferne Geliebte“ und einiges von Charim selbst. Das mochte zur Einstimmung auf die Themen Liebe und Treue, Revolution, Gerechtigkeit, Freiheit ja noch angehen. Aber es nervte zunehmend, vor allem die ständigen Wiederholungen, was zwar als Bild für die Gedanken, die einem im Kopf kreisen, nachvollziehbar ist, aber mit der Zeit Widerwillen auslöst und vor allem die Oper und ihren Fluss vollends zerreißt. So wird das wunderschöne Quartett zunächst fast abgehackt heruntergehechelt, um dann in der Originalversion präsentiert zu werden. Wer kann da noch genussvoll zuhören?

Ort der Aktionen ist ein drehbares schickes Haus im Bauhausstil, welches den Blick freilässt auf die Hinterbühne und die Technik, mit Schlafzimmer/Gefängniszelle, mit dem Hof für die Gefangenen, mit einem Platz für das Personal, mit einer heile-Welt-Seite per gepinseltem See vor einem Alpen-Panorama. Darüber das verglaste Büro des Pizarro mit guter Übersicht. Und Raum für allerlei Mätzchen – militärische Morgentoilette mit Zähneputzen und synchrones Jogourth-Löffeln der Gefangenen, ewiges wildes Herumgerenne, und das Absingen aller von „Leb wohl du warmes Sonnenlicht“ am Ende des ersten Aktes an der Rampe und von vorher verteilten Zetteln. Und muss ein Knabe im Rokoko-Dress die nahende Befreiung ankündigen ?

Auch die Szene mit der versuchten Erschießung von Florestan gab zu denken: Pizarro hatte ihm eine Pistole in die Hand gedrückt mit der Aufforderung zum Selbstmord, er selbst hatte zwei davon, und Leonore auch eine, die man starr aufeinander richtete und dann gleichzeitig fallen ließ. Was die ersten Buhrufe provozierte: die Assoziation zum zeitgleich laufenden „Sonntagabend-Tatort" in der ARD war da durchaus naheliegend.

Es mögen durchaus interessant Ansätze da sein, den psychischen Schaden eines Eingekerkerten eindringlich darzustellen, der kaum einen Rückweg in sein normales Seelenleben zu finden vermag; insofern hat Ünüsan Kuloglu als Florestan die Rolle zumindest darstellerisch interessant gestaltet. Als „bester Opernsänger der Türkei“ ausgezeichnet, sang er sein "Gott ! welch´ Dunkel hier" nicht nur bei hellster Beleuchtung (auch der Zuschauerraum war illuminiert), sondern passte von seinem Leibesumfang her nicht wirklich zum Bild des ausgemergelten Gefangenen. Und war mit der schwierigen Partie vollends überfordert oder indisponiert – was aber nicht angesagt worden war. Seine kräftige Stimmen schaffte nur mit großer Anstrengung die Höhen, war gequetscht, scharf, kippte gelegentlich gar. Sein Wechsel vom Bariton zum Heldentenor war zumindest an diesem Abend doch sehr bedenklich. Dazu hatte ihm der Regisseur Stumpfsinn und Bewegungslosigkeit verordnet, er sang oft gegen die Wand und aus der Ecke, was dazu den Klang unangenehm veränderte.

Sängerisch und mimisch hervorragend schlugen sich die amerikanische Sopranistin Emily Newton mit glockenreiner ausdrucksstarker Stimme sowie Ulrich Schneider als Rocco mit sonorem Bass. Jelena Rakic konnte erkältungsbedingt die Marzelline leider nur spielen. Aber sie mimte auch sängerisch; das klappte so hervorragend Dank der wunderbaren Stimme von Antonia Bourve von der Seitenbühne, dass es fast nicht auffiel - die beiden bekamen besonderen Applaus für diese Leistung. Der Isländer Hrólfur Saemundsson gab einen schneidigen Pizarro, wenn er auch im Duett mit Rocco stimmlich schon der Schwächere war. An Patricio Arroyo in der kleinen Rolle des Jaquino und dem wenig beschäftigte Chor war nichts auszusetzen. Wohl aber am Orchester, welches sich wohl immer noch ein wenig im Urlaub wähnte. Etliche Patzer der Hörner, viel Unruhe, oft zu große Lautstärke und kräftige Synchronisationsmängel mit der Bühne vor allem im zunehmend aus dem Ruder laufenden nervösen Schlussteil waren schon ein wenig verdrießlich. Wenn auch der GMD Kazem Abdullah einen schönen Grundklang und blühende Farben aus dem Graben entließ. Aber da ist sicherlich in den nächsten Aufführungen noch viel Luft nach oben.

Das Werk – eine Oper war es ja eigentlich nicht – endete wieder im Schlafzimmer, Florestan hatte seine Nöte und Fantasien unsichtbar an die Wände gekritzelt, die von seiner Frau wieder weggewischt wurden; ihm blieb nur noch, das Tagebuch zu zerreißen. Mit Taschenlampen im dunklen Raum dann das Schlussduett, Leonore umarmt Florestan zum Schluss, er lässt fast widerstrebend seine Hände unten. Offen bleibt die Zukunft. Es gibt viele psychologische Ansätze in der Inszenierung; so verstieg sich der Rezensent auf eine Ansatzmöglichkeit, indem Florestan unter einer schweren Psychose leidet, die er vielleicht bereits schon hatte er und ich die ganze Geschichte als therapeutischen Ansatz nur vorgestellt hat.

Wie dem auch sei – das Thema Kerker, Folterungen, politische Morde und Menschen verschwinden lassen ohne Urteile ist ja aktueller denn je und muss auch thematisiert werden. Aber ob sich Beethovens wunderbarer Oper in derartig zerstückelte Form dazu eignet, muss doch sehr bezweifelt werden. Viel und einhelliger Applaus für die Sänger, Buhsalven für das Regieteam, welches sich ganz am Schluss und auch nur einmal zeigte.

Michael Cramer                       Bilder: Theater Aachern / Carl Brunn

 

 

 

 

 

Theater Aachen erzielt bestes Ergebnis seit der Spielzeit 95/96

 

 

Theater Aachen, Außenansicht, Foto: @Ludwig Koerfer

Theater Aachen, Außenansicht, Foto: @Ludwig Koerfer

 

Das Theater Aachen kann auf eine bemerkenswerte Spielzeit 2012/13 zurückblicken: Rund 160.000 Zuschauer besuchten die Schauspiel- und Opernaufführungen sowie Konzerte. Das ist das beste Ergebnis seit der Spielzeit 1995/1996.

24 Premieren, darunter drei Uraufführung (»Lichter ziehen vorüber«, »Tiere essen« und »Oprheus²«), hat das Ensemble des Theater Aachen von September 2012 bis Juli 2013 auf die Bühne gebracht.

Sanja Radisisc (Carmen) und Jon Kettilson (Don Jose)-Foto@Wil van Iersel

Sanja Radisisc (Carmen) und Jon Kettilson (Don Jose)-Foto@Wil van Iersel

Viele Vorstellungen in allen drei Spielstätten waren bereits frühzeitig ausverkauft. Mit Michael Helles Inszenierung von »Carmen« startete das Theater in die Spielzeit und Kazem Abdullah gab als neuer GMD der Stadt Aachen seinen Einstand im Musiktheater und wurde vom Aachener Publikum begeistert gefeiert. Die Inszenierung war beim Publikum so nachgefragt, dass das Theater Zusatzvorstellungen angeboten hat. Insgesamt besuchten 12.336 Zuschauer 19 Vorstellungen.

Engelbert Humperdincks Oper »Hänsel und Gretel« erfreute viele große und kleine Theaterbesucher – insgesamt sahen in 18 Vorstellungen rund 12.400 Zuschauer die Inszenierung. Dies entspricht einer Auslastung von 94,2 %. In der kommenden Spielzeit wird diese Erfolgsproduktion wieder aufgenommen. Bundesweite Beachtung und überregionale Kritiken erhielt Ludger Engels für seine Inszenierung von Salvatore Sciarrinos Oper »Superflumina« unter der musikalischen Leitung von Péter Halász, die auch beim Publikum sehr gefragt war und auf eine Auslastung von 88,2 % blicken kann. Zum Publikumsrenner im Musiktheater entwickelte sich zum Spielzeitende »Der Barbier von Sevilla«. Das Stück sahen bisher rund 4.700 Zuschauer. Aufgrund der großen Nachfrage wird die Inszenierung in der neuen Spielzeit wieder aufgenommen.

Patricio Arroyo, Herren des Opern- und Extrachor Aachen-Foto@Wil van Iersel

Patricio Arroyo-Barbier von Sevilla-, Herren des Opern- und Extrachor Aachen-Foto@Wil van Iersel

Das Interesse fürs Schauspiel ist ebenso groß: Der Start mit »Macbeth« auf der Bühne und mit Werner Schwabs »Die Präsidentinnen« in der Kammer war mehr als gelungen und auch die nachfolgenden Produktionen (»Verrücktes Blut«, »Der gute Mensch von Sezuan«) erfreuten sich beim Publikum größter Beliebtheit und waren meist ausverkauft. Von 22 Vorstellungen »Verrücktes Blut« waren 12 restlos ausverkauft, »Der gute Mensch von Sezuan« kann eine Auslastung von 86,2 % aufweisen und die Premiere von Moritz Rinkes Komödie »Wir lieben und wissen nichts« war bereits Wochen vorher ausverkauft – ebenso die Folgevorstellungen. Auf reges Interesse stieß auch die Uraufführung »Tiere essen« mit der das Theater Aachen weltexklusiv die berührende und sehr persönliche Geschichte von Jonathan Safran Foer für die Bühne adaptierte. Über 1000 Zuschauer haben die Inszenierung besucht.

Ein Stück Holz, das plötzlich sprechen und laufen kann, hat um die Weihnachtszeit vielen Kindern ihr erstes Theatererlebnis beschert. Rund 26.700 Besucher verfolgten in 38 Vorstellungen gebannt auf der Bühne die Abenteuer von Pinocchio.

Die Nachfrage für die Produktionen im Mörgens ist so groß wie nie zuvor. Die Inszenierung »Tschick« nach dem Erfolgsroman von Wolfgang Herrndorf war von Anfang an ein Publikumsmagnet und wurde bereits über 40 Mal vor ausverkauftem Haus gespielt und weitere Vorstellungen sind für die nächste Spielzeit in Planung, da die Nachfrage ungebrochen ist. Ebenso sieht es bei »Iphigenie auf Tauris« aus. Mit »Deportation Cast« wurde das unpopuläre Thema »Abschiebung« in einem intensiven Theaterabend auf die Bühne gebracht. Die Inszenierung von Jan Langenheim wurde zum diesjährigen NRW-Theatertreffen nach Bielefeld eingeladen.

Superflumina- Anna Radziejewska, Sinfonischer Chor Aachen-Foto@Wil van Iersel

Superflumina- Anna Radziejewska, Sinfonischer Chor Aachen-Foto@Wil van Iersel

Die erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem THEATERausBruch wurde auch in dieser Spielzeit fortgesetzt und fand in der Inszenierung»King’s Fate – König Ödipus auf dem Hungerhügel« in der Kirche St. Hubertus (Backenzahn) einen krönenden Abschluss.

Eine erfolgreiche Bilanz kann auch das Sinfonieorchester Aachen unter seinem neuen GMD Kazem Abdullah verzeichnen. Das Aachener Publikum feierte ihn – trotz Regen – bei den Kurpark Classix und die Sinfonie- und Sonderkonzerte unter seiner Leitung waren alle sehr gut besucht, teilweise sogar ausverkauft. Mit Schulkonzerten und »Einsteins Music Box« in der RWTH hat das Sinfonieorchester neue Wege gefunden, junges Publikum für klassische Musik zu gewinnen.

Die Nachfrage nach den theaterpädagogischen Angeboten des Theaters wächst stetig. Neben den regulären Vorstellungen wurden mehrere geschlossene Vorstellungen extra für Schulklassen gespielt. Mehr als 600 Schulklassen nutzten in dieser Spielzeit die Angebote des theaterpädagogischen Büros. Damit trägt das Theater Aachen enorm zur kulturellen Bildung bei und fördert damit künstlerische, personale und soziale Kompetenzen.

Emily Newton singt Leonore in Fidelio

Emily Newton singt Leonore in Fidelio

Mit den Kurpark Classix vom 29. August bis 2. September beginnt für das Sinfonieorchester Aachen unter der Leitung von Aachens GMD Kazem Abdullah die neue Spielzeit. Am 14. September startet das Theater Aachen ab 14.00 Uhr mit einem großen Theaterfest in die neue Spielzeit. Am nächsten Tag, dem 15. September, hebt sich um 18.00 Uhr der Vorhang für die erste Musiktheaterproduktion der neuen Spielzeit: »Fidelio« von Ludwig van Beethoven in der Regie von Alexander Charim und unter der musikalischen Leitung von Kazem Abdullah. In der Woche darauf folgt am 19. September mit »Agonie und Ekstase des Steve Jobs« die Eröffnung des Mörgens. Mit »Orlando« nach dem Roman von Virginia Woolf wird am 20. September die Saison in der Kammer eröffnet und am 22. September feiert mit »Hamlet« von William Shakespeare das erste Schauspiel auf der Bühne Premiere.

Die Theaterkasse hat in den Ferien geschlossen und öffnet erst wieder am 26. August 2013. Karten sind aber während der Ferien unter der bekannten Telefonnummer 0241 – 47 84 244, an allen bekannten Vorverkaufsstellen oder rund um die Uhr über die Internetseite des Theater Aachen unter www.theateraachen.de erhältlich.

Detlef Obens

Übernahme aus Opernmagazin.de

 

 

IL BARBIERE DI SIVIGLIA

Besuchte Aufführung am 09.07.13            (Premiere am 09.06.13)

"Almaviva" - die Telenovela

Rossinis "Barbier" ist mit vier Premieren im Rhein-Ruhr-Gebiet wohl mit die meistgespielteste Oper der Saison 2012/13 in der Gegend. Jean Anton Rechis Inszenierung am Stadtheater Aachen ist davon wahrscheinlich die lustigste. Die Bearmarchais-Vorlage fußt ja selbst auf ein Commedia dell`arte-Schema und ist daher für die unterschiedlichsten Interpretationen zugänglich. Rechi kippt das Werk auf Telenovela (eine lateinamerikanische Fernseh-Fortsetzungsserie mit Happy End), der erste Akt spielt im Fernsehstudio vor Blue-Screen-Dekoration und Kamera, die Darsteller spielen die Opernhandlung und gleichzeitig die Fernsehdarsteller mit ihren sämtlichen Macken, was zu Rossinis artifizieller Musik bestens passt, das Finale birgt eine inszenatorische Überraschung voll schrägen Humors; der zweite Akt stellt die Handlung in den Fernseher, das Gewitter findet eine ungewöhnliche Umsetzung, die hier nicht verraten wird. Rechi geht gekonnt mit den Untiefen des heutigen Lieblings-Unterhaltungsmediums um und animiert die Sänger zu einem überbordend outierendem Spiel, man mag es manchmal als albern bewerten, doch bringt es trefflich zum Lachen. Alfons Flores blaues und rosa Bühnenbild bringt die Scheinwelt des TV's hervorragend auf die Bretter und Sebastian Ellrichs Kostüme passen dazu.

Natürlich liegt das Funktionieren des Abends ganz auf den hinreißenden Darstellern des Ensembles: Patricio Arroyos feiner Tenor passt ausgezeichnet zur Rossini-Musik, die Darstellung der zickigen, männlichen Diva und vor allem der Auftritt als tanzender Musiklehrer treibt eine ganze Schulklasse neben mir in den kollektiven Lachkrampf. Hrolfur Saemundsson singt mit agilem Bariton einen perfekten Figaro, der unglaublich souverän alle Register des nötigen Könnens zieht, von der Falsett-Einlage der Auftrittsarie bis zum charmanten Geplänkel des homosexuellen Friseurs mit Rosina. Cordelia Katharina Weil ist als Rosina ein an die Alt-Tiefe grenzender Mezzosopran und füllt die Partie gut aus. Pawel Lawreszuk hat nicht den unbedingt charmantesten Bassbariton, doch rettet durch gutes Spiel die Partie des Don Bartolo. Ulrich Schneider als Don Basilio ist ein mächtig schwarzes Basstier mit manchmal leicht ungenauer Intonation. Katrin Stösel als Berta und Maximillian Krummen als Fiorello erfreuen mit sehr gutem, vokalen Massstab, doch ihre überbordende, szenische Präsenz in ihren, durch die Inszenierung sehr aufgewerteten, Rollen muß man einfach selbst erlebt haben. Der Herrenchor ist absolut klasse.

Volker Hiemeyer hat genau das Händchen für Rossinis trockenes Brio und ist mit seinem Dirigat immer am Puls der Szene. Nach kleinen Hornpatzern in der Ouvertüre hält das Sinfonieorchester Aachen sein gewohnt gutes Niveau.

Insgesamt vielleicht kein perfekter "Barbier", doch die Aufführung ist genaudas, was sie sein soll: echte Komische Oper. Das Publikum feierte nach vielem Gelächter die Künstler. Wer einfach mal wieder einen wirklich vergnüglichen Opernabend erleben möchte, dem sei eine Fahrt ins schöne Aachen ans Herz gelegt. Die Aufführung wird übrigens in die nächste Spielzeit übernommen.

Martin Freitag

 

 

 

SIMONE BOCCANEGRA

Besuchte Aufführung am 10.05.13                (Premiere am 07.04.13)

Verdi Forte

"Simone Boccanegra" gehört immer noch zu Verdis unterschätzen Meisterwerken, vom Titel her nicht so bekannt, die Musik mehr dem Drama verpflichtet als ohrwurmlastig und eine etwas spröde Dramaturgie mit Zeitsprüngen in der Handlung. Im Verdi-Jahr gibt es diese Preziose am Theater Aachen zu erleben. Nadja Loschky gilt als junges Talent unter den Opernregisseuren und wirklich erzählt sie die schwierige Werkstruktur mit den großen Zeitrückungen glasklar verständlich und überhaupt nicht verwirrend. Gabriele Jaeneckes Ausstattung, mit ihren schlichten, zeitgenössischen Kostümen, setzt auf ein starkes Einheitsbühnenbild: ein großes Halbrund von Steinplatten begrenzt die Bühne und gibt den Sängern eine hervorragende, akustische Folie; auf der Bühne ein angeschrägtes Halbrund, das durch Drehung schnell von Innen nach Außen gewendet wird und die zeitlichen Sprünge erleichtert.

Leider wird die Drehbühne von Loschky irgendwann als Selbstzweck genutzt und die Dreherei bekommt etwas manisches, manchmal wird die starke Raumunterteilung auch zur Einengung der Aktion, so bei dem, durch einen runden Tisch sowieso verkleinerten Raum, Senatstableau. Auch ist die Personen- und Chorregie recht opernhaft geraten, da wäre am natürlichen Spiel der Protagonisten noch zu feilen. Ansonsten eine unverstellte Werkschau, die in ihrer gezielten Verständlichkeit von großem Vorteil ist.

An diesem Abend hatte Peter Halàsz die musikalische Leitung übernommen und sorgt für einen reibungslosen Ablauf mit ansprechenden Tempi, schwierig ist eh und je der etwas knallige Orchesterklang des Aachener Stadttheaters, der vor allem bei den Bläsern noch stärkerer Austarierung bedürfte. Die Bläser, vielmehr eigentlich die Hörner, waren an diesen Abend dann auch der Schwachpunkt des gut disponierten Sinfonieorchesters. Mit großen Sängerstimmen wurde auch aufgewartet: Tito You in der Titelpartie hatte schon leichten Prominentenbonus, sein prächtiger Bariton hat eine wunderbar warmen Färbung und gefällt vor allem in den stimmlich zurückgenommenen Phrasen, manchmal setzt er recht selbstverliebt auf Volumen (die ausgeweiteten Kadenzen im Senatsbild!), was unnötig monochrom und eigentlich zu laut für den Raum klingt, trotzdem eine sehr bemerkenswerte Gesangsleistung.

Das gleiche Manko gilt für Ulrich Schneider, dessen beachtliches Bassmaterial mehr Freude bei ausgefeilterer Interpretation auslösen würde, ansonsten auch hier eine tolle Stimmschau. Für Alexey Sayapin kommt der Gabriele Adorno meines Erachtens zu früh, denn sein leicht metallischer Tenor hat zwar ein schönes Timbre und auch die nötige Stamina, doch gerade die höheren Lagen werden mit viel zu viel Druck eingesetzt, die Interpretation erhält nicht nur dadurch eine unangenehm larmoyante Note, dem Publikum jedoch gefiel`s. Hrolfur Saemundsson als Fiesling Paolo setzt ebenfalls auf die "Wir beeindrucken durch Lautstärke"-Karte, weniger wäre auch hier mehr gewesen, zumal die veristisch eingesetzten "Horrore"-Rufe einfach aus dem Rahmen fallen. Wie man technisch und musikalisch einen guten Verdi gestaltet, hätten sich die Herren alle von ihrer Kollegin Irina Popova abschauen und abhören können. Denn die Haussopranistin zeigt, trotz leichter Schwierigkeiten im hohem Pianobereich, wie man eine Phrase interpretiert und geschmackvoll gestaltet, es wäre sicherlich leichter gewesen ebenfalls auf "Laut" zu setzen, doch sie setzt mutig auf die schwierigen Bereiche, um die musikalische, wie emotionale Linie ihrer Partie zu wahren. In den Ensembles bildet ihr leuchtender Sopran stets die führende Linie, für mich die gesanglich beste Leistung des Abends. Pawel Lawreszuk, May Bellefroid und Katrin Stösel umrahmen als Utilitès die Hauptpartien. Sehr gut auch die Opern-und Extrachöre des Thetares, zudem für dieses gewaltige Werk aufgestockt durch den Sinfonischen Chor Aachen, da hat man bei den Revolutionsklängen einen ordentlichen Klangrausch.

Insgesamt eine beeindruckende Aufführung, die das Publikum bei einem unbekannten Verdi ordentlicher Begeisterung zuführt.

Martin Freitag                     Produktionsbilder: Carl Brunn / Theater Aachen

 

 

Besprechungen älterer Aufführungen befinden sich ohne Bilder weiter unten auf der Seite Aachen des  Archivs

 

 

 

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