Das vielleicht schönste und akustisch beste Opernhaus Deutschlands

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Perfekte und spannende Madama Butterfly
Tilman Knabes Meister-Inszenierung & Stefan Soltesz´s überragende Puccini-Interpretation
Repertoirevorstellung am 6.Januar 2012
(PR April 2011)
Nach unserer euphorischen Premierenbesprechung zeigte die gestrige Repertoire-Vorstellung mal wieder ein Phänomen, welches gerade unter Stefan Soltesz´s Theaterleitung am Aalto immer wieder zu beobachten war: Viele Wiederaufnahmen oder Folgeaufführungen sind/waren oft besser als die ehemals schon bejubelten Premieren. Und wenn eine "moderne" Inszenierung von Tilman Knabe ! auch noch, vom eigentlich durchaus konservativ kritischen Essener Opernpublikum, zum "Kult" erklärt wird, dann muß Außergewöhnliches auf der Bühne zu sehen sein und im Graben passieren. Es gibt nicht eine Sekunde Langeweile.

Das Copyright aller Produktions-Bilder liegt beim Aalto Theater Essen
Ich sprach damals vom "Maß der Dinge" an "gelungenem Musiktheater". Ich würde dies auch heute noch - nachdem ich diese geniale Inszenierung nun viermal gesehen habe - so weiterhin formulieren. Hier stimmt alles, ist alles stimmig und überzeugend logisch. Die Inszenierung durchzieht ein roter Faden von erschütternder Modernität und fast würgender Aktualität. Die Produktion ist bis ins kleinste Detail feinsinnig und intelligent ausziseliert, und man entdeckt jedes Mal noch etwas Neues. Auch das allerkleinste Handlungsdetail findet seine Entsprechung durch Bühne, Kostüme, Gesang, passende Requisite und Darstellerkunst.

Darüber hinaus ist es auch immer wieder ein hochmusikalischer Genuß und ein Erlebnis der Sonderklasse Stefan Soltesz und dieses herausragende Essener Orchester spielen zu hören. Hier gilt es Puccini neu zu entdecken. Selten wurde diese Partitur so entschlackt allen Kitsches und filmmusikalischer Süßlichkeiten, so lebendig, temporeich und doch mit solch großer Empathie und enormer Transparenz, wiedergegeben. So muß, so sollte Puccini im Jahr 2012 klingen! Eine perfekte orchestrale Durchleuchtung - ein audiophiler Hochgenuß im 5-Sterne-Format.

Sängerisch bot Annemarie Kremer, trotz ihrer riskanten Salome-Eskapaden in Wien, weiterhin eine Trauminterpretation in jeglicher Hinsicht. Sie wirkte auch darstellerisch wieder so unheimlich überzeugend, wozu Maske und Kostümschneiderei ein gerüttelt Maß an Genialität beitragen, daß man immer wieder das Gefühl hat, diese Inszenierung ist dieser grandiosen Musiktheaterdarstellerin regelrecht auf die Haut geschrieben worden. Ihre Wandlungsfähigkeit ist geradezu phänomenal! So etwas brennt sich ein - das bleibt unvergesslich.

Gestern stand ihr mit Corby Welch ein perfekter Pinkerton gegenüber. Selten habe ich Welch dermaßen perfekt gehört, und er passte auch darstellerisch superb in diese Rolle. Es war einer jener Glanzabende, wo eben alles stimmte. Alle Künstler kommen auf höchstem Niveau zusammen.

Und ewig werden die Bilder und die großen Eindrücke bleiben. Seien es der schwerelose Wohncontainer, der traumhaft aus den höchsten Beleuchterrängen intonierende Summchor oder die, eine riesige Amerika-Fahne, hoffnungsfroh schwenkende Butterfly, die dann doch so bitter enttäuscht wird und so tragisch endet.

Und der überwältigende und schockierende Schluß, wenn der Kleine seiner toten Mutter die blonde Perücke vom Kopf zieht und, mit dem blutigen Messer in Vorhalte, fast roboterhaft bedrohlich in Richtung Publikum schreitet - auch wenn die Musik schon verklungen ist, geht er weiter und das Publikum hält den Atem an. Wieder sekundenlanges Schweigen, bevor der schon gewohnt rauschhafter Beifall und die hier völlig berechtigten (!) Standing Ovations folgten. Viele "Bravi" für Frau Kaufmann und Stefan Soltesz bzw. dieses herausragende Orchester.

Es gibt noch eine Aufführung in dieser Spielzeit: Bitte vormerken: Freitag, der 26.Januar 2012. (Hier ist allerdings Ausrine Stundyte für die Butterfly avisiert, was allerdings beim Essener Theater nichts heißt, denn heuer war eigentlich Zurab Zurabishvili avisiert, der auch auf den Bilder zu sehen ist)
Ich werde mit Sicherheit auch noch einmal dabei sein, denn ein dermaßen überzeugender und spannender Puccini-Genuss, wird zur Zeit nirgends auf dieser Opernwelt geboten. Das ist unvergessliches Musiktheater auf absolutem Weltklasse-Niveau. 5 Sterne im Repertoire!
Peter Bilsing / 7.1.
DER ROSENKAVALIER
Besuchte Wiederaufnahme am 12.11.2011.
Fangen wir von hinten, vom Schlussapplaus an. Zu Unrecht gab es keine Bravi für Andreas Hermann - seine kurze, mit Bravour gesungene Rolle des Sängers im 1. Akt hat das Publikum nach fast vier Stunden wahrscheinlich vergessen. Nicht aber der Sänger, er hat sie gewiss nicht vergessen; diese Vorzeigearie gilt in den Fachkreisen als technisch sehr schwierig. Und schön ist sie auch, obwohl sie - auch in den Fachkreisen - als Strauss‘ Jugendsünde gesehen wird, allerdings ohne eine nachvollziehbare Begründung.
Und kein Bravi für Michaela Selinger? Das wundert mich sehr. Ihr Rosekavalier ist ein frecher, verwöhnter Bub, schalkhaft, nur kurz und oberflächig zerrissen zwischen Vergnügen und Liebesknall, echt wienerisch von einer (fast) Wienerin gespielt und gesungen. Hier kommen auf ihre Kosten all die Kritiker, die sich über sprach- oder gar kontinentfremde Sängerinnen mokieren, die sich im Wiener Dialekt versuchen, ohne das Hochdeutsch zu verstehen.

Copyright der Produktionsbilder: Aalto Oper Essen
Bravi aus vollem Hals bekamen Michaela Kaune als Marschalin, Rebecca Nelsen als Sophie und Albert Pesendorfer in der Rolle des Grafen Ochs auf Lerchenau. Verständlich bei solch einer Brillanz der Stimmen. Und doch trauern nicht wenige der Zuschauer der alten Premierenbesetzung nach: Die Bühnenpräsenz und das Schauspiel des Franz Hawlata als Ochs bleiben noch gut in Erinnerung. Die Inszenierung von Anselm Weber stammt aus dem Jahr 2004. - Wegen des auferlegten Sparzwangs wird zur Wiederaufnahme sieben Jahre später das alte Programm verkauft mit den Fotos der Premierenbesetzung, und mit dem fehlehrhaften Todesdatum von Hofmannsthal 1909. Die Rosenkavalier-Inszenierung war Webers Einstiegsarbeit in Essen, er wurde gerade zum Intendanten des Essener Grillo Theaters berufen, ein Fremder im Ruhrgebiet.
Man kann sich Webers Dilemma gut vorstellen: Essen, das Ruhrgebiet, eine Region im Wandel (mit der nicht beatworteten Frage, wohin?) - wie wird hier das Theater rezipiert? Raffiniert intellektuell, gut bürgerlich, oder gar als ein Bildungsauftrag, der sich an das Publikum und die Kommunalpolitik richten soll? Weber geht den Mittelweg. Er macht ein gutes, verständliches Theater. Die Dramatis personae sind anfangs Ausstellungsexponate in einem Museum, sie erwachen nach dem Museumsschluss, treten aus den Vitrinen heraus, um - wie im Tanz der Vampire - in das Scheinleben zurück zu kehren. So lange, bis sie von der Putzkolonne verscheucht werden. Ein Theater im Museum also. Oder das Museum im Theater? Amüsant durchaus. Dass der Chor und die Sänger der Nebenrollen wie eine Art Gummi-Mannequins über die Bühne herum zucken - als wollten sie sterbende Spermien mimen - stört nur in Grenzen. Hauptsache, Anselm Weber pfuscht Strauss & Hofmannsthal nicht ins Werk. Dafür allein verdient er ein lautes Bravo. Der Rosenkavalier ist eine abgeschlossene, konsequent konstruierte Erzählung, die keiner Einführung und gar keiner Erklärung bedarf, was sie ist und warum gerade so. Es ist halt eine Komödie über Lust, Liebe, clowneske Intrige und Gier, mit philosophischen Ansätzen über die Vergänglichkeit des Lebens. Und dabei ist sie auch eine rührende Liebesgeschichte, bei der man vorsichtshalber ein Taschentuch parat haben sollte.

Ralph Bollmann in seinem gerade erschienenen Führer über die deutsche Opernlandschaft Walküre in Detmold klagt: „Leider konnte ich mit dem Rosenkavalier noch nie etwas anfangen. Gekünstelt wienerisch kommt er mir vor, (…) Dazu kommt die rückwärtsgewandte Musik mit all ihren Zitaten.“
Nun, das Musiktheater besteht gewöhnlich aus zwei Elementen, Musik und Theater. Wenn beides nicht zusammenspielt - wie das Beispiel von Alban Bergs Lulu besonders krass zeigt - dann muss man sich fragen, ob die Textvorlage nur als Scheingrund für die progressive Musik dient, oder ob die Musik eine plumpe Begleitung des bedeutungsvollen Textes ist. Hofmannsthal - ein echter und kein gekünstelter Wiener - hat ein Libretto voller Witz und Ironie geschrieben, Strauss - dessen bissiger Humor berüchtigt war - die Musik dazu, die die einzelnen Typen und die Situationskomik kongenial nachzeichnet. Die kritisierte Verwendung von Zitaten zeigt auf bereits bekannte Typen und ihre Verwicklungen. Es ist schließlich eine Musiksatire, besser noch, ein satirisches Musiktheater, das der Unterhaltung dienen soll. Wie unterschiedlich die Charaktere und ihre Handlungen, so unterschiedlich die Musik. Drum geht es ja in diesem Medium. Man muss lange in der Opernliteratur nach vergleichbarer Korrespondenz und Spannung zwischen Emotionen, Drama, Liebe, Verlust, Wut und Verzweiflung suchen, wie in dem Schlussterzett mit Marschalin, Rosenkavalier und Sophie.
Vielleich ist das der Grund, weswegen Der Rosenkavalier polarisiert. Bemerkenswert sitzt auf beiden Polen, wie im Spiegelbild, dieselbe Gesellschaft sich gegenüber: in beiden Lagern raffinierte Opernfans vereint mit Anhängern von Trivialmusik. Die Oper der Opern und schöne Melodik und Harmonie gegen Kitsch und Langeweile. Muss man weinen, weils gar so schön is? Oder, weil es statt Provokation nur eine Unterhaltung ist?
Einmal, in einer Vorstellung kurz nach der Premiere 2004, saß ich neben einer Holländerin. Just in diesem Augenblick, in dem die Marschalin ihre Arie begann: Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding. Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar Nichts. Aber dann auf einmal… - griff mich die Holländerin am Arm und in einer verlangsamten Körperdrehung rutschte sie auf meinen Schoß herab. Der Theaterarzt saß hinter uns. Kaum jemand hat gemerkt, wie die leblose Frau diskret hinausgetragen wurde. Obwohl? Man hätte Bravo rufen müssen - für so einen Abschied.
Sieben Jahre später während der Wiederaufnahme saß ich neben einem älteren Ehepaar, das zu dem Kreis der Sofa-vorm-Fernsehen-Kultur gehörte. Sie unterhielten sich, trotz vielen Pssst und anderen Beruhigungsversuchen, unbekümmert über das Bühnengeschehen: Schau da, oh, was macht sie denn, pass of, da, da, da kommt noch einer! Dass der Mann zwischendurch nicht aufstand, frische Getränke & Erdnüsse zu holen, lag wohl an seiner fortgeschrittenen Unbeweglichkeit. Aber als die Frau anfing, mit dem Ochsen seine Ohne mich Arie zu singen, habe ich mir nur die diskreten Sanitäter herbeigewünscht. Und keine Nacht Dir zu lang, Nachbarin! Aber nicht im Theater. Und ohne mich!