DER OPERNFREUND - 44.Jahrgang
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DIE LEGENDE VON DER UNSICHTBAREN STADT KITESH UND DER JUNGFRAU FEWRONIA

Besuchte Premiere am 08.02.12

Das Paradies liegt in der eigenen Seele

Lange war es still um die Oper mit dem wohl längsten Titel "Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesh und der Jungfrau Fewronia" von Nikolai Rimski-Korssakow, in den Neunziger Jahren wagte Bregenz mit der Komischen Oper Berlin unter Harry Kupfers Regie, wie Wiesbaden unter der musikalischen Leitung von Oleg Caetani, allerdings recht gekürzte, Aufführungsversuche, doch erst jetzt wagte sich Amsterdam mit einer ungestrichenen Aufführung hervor und gewann, um es vorwegzunehmen, auf ganzer Linie.

Unter Fachleuten galt "Kitesh" immer als der russische "Parsifal", doch die Märchenoper macht es den Menschen nicht leicht: im ersten Akt lebt die Jungfrau Fewronia allein mit den Tieren im wald, bis Prinz Wsewolod kommt , sieht und liebt; ihr die Vermählung anbietet. Im zweiten Akt lernen wir in Klein-Kitesh mit Grischka Kuterma einen zynischen Trinker ohne moralische Bodenhaftung kennen, Fewronia kommt als Braut in die Stadt und wird als "Prinzessin der Herzen" begrüßt, das Glück ist kurz, denn die Tartaren überfallen die Stadt und metzeln die Einwohner nieder, lediglich Fewronia und Grischka überleben als Gefangene. Im Tartarenlager wird die Prinzessin erniedrigt, während Grischka die Lage von Groß-Kitesh verrät. In Groß-Kitesh finden wenige Überlebende Aufnahme, Fürst Joeri bietet Hilfe und Trost, während Prinz Wsewolod mit einem Heer seine Braut befreien will. Nebel und Licht umhüllen die Stadt. Im Tartarenlager wird nach dem vernichtenden Sieg , der Prinz überlebte das musikalische Zwischenspiel mit der Schlachtenschilderung nicht, gefeiert. Fewronia und Grischka können aus dem Lager der betrunkenen Sieger fliehen, das geisterhafte Verschwinden von Groß-Kitesh löst bei den Barbaren eine panische Flucht aus. Im Wald finden wir Heldin und Anti-Helden wieder, Fewronia ist am Ende ihrer Kräfte angekommen, während Grischka endgültig wahnsinnig wird. Im Sterben sieht die Jungfrau alle Menschen, die sie liebt, in einer Vision in einer himmlischen Stadt, mitsamt den paradiesischen Vögel der Freude und Gnade, Sirin und Alkonost.

Eigentlich passiert in dieser letzten halben Stunde gar nichts außer Musik, Text und Bild, dieses Finale übertrifft von Dimension und Ausdehnung sogar ähnliche Ausuferungen wie bei Wagner und Strauss, bildet also den unglaublich übersteigerten Schluß einer typisch epischen Oper des russischen Repertoires, doch die Musik ist betörend und lohnend.

Dmitri Tscherniakow, dessen erklärte Herzensangelegenheit diese Oper ist, bringt uns als Regisseur und Ausstatter das Werk auf zeitgemässe Weise nahe: schon beim Aufgehen des Vorhanges bekommt das naturhafte Bühnenbild eines herbstlichen Waldes spontanen Applaus , nicht der letzte für die Bühne an diesem Abend, Gleb Filshtinskys Lichtgestaltung hat dabei ihren Anteil, hier lebt in einer kleinen Datsche Fewronia, statt Tierchen a la Disney, finden wir sie mit einem alten, verschrullten Paar und einem Kind als praktische Frau in einer Art Zusammenlebens. Auch der "Prinz" ist ein Mensch von Heute und verliebt sich in die Gutherzige. In Klein-Kitesh finden wir uns in einer urbanen Gesellschaft unseres Zeitalters wieder, Grischka ist ein entwurzelter Mann, dem Alkohol ergeben, den lauten Lustigen spielend. Die Menschen sind sich ihres modernen Lebens sicher, bis die Invasoren auftauchen; Bilder von anarchistischen Umstürzlern, nicht nur im Nahen Osten, auch in Paris, Rom oder Athen haben wir solche erschreckenden Bilder gesehen. Groß Kitesh ist eine Art Saal in gold und himmelblau, den Farben des "himmlischen Jerusalem", jedoch ein moderner Saal wie ein Auffanglager für Flüchtlinge, die Verwandlung wird auf minimale Weise während des Schlachtenzwischenspieles vollzogen, direkt auf den Betten wird das Barbarenlager aufgeschlagen, die Frauen von Kitesh haben sich lediglich auf die Hinterbühne verzogen, gleichsam durch das Licht als innere Emigration angedeutet, denn seiner Zeit gibt es kein Entkommen. In finsteren Wald vollzieht sich das entgültige Schicksal Fewronias, durch den wahnsinnigen Grischka zu Tode geprügelt, doch die Menschen ihrer Liebe, ihre Datscha, die vertraute Heimat finden sich im Sterben in ihrer ungefährdeten Seele. Tscherniakows Bilder sind einfach, ergreifend, geben den eigenen Gedanken, wie der Musik den nötigen Raum. Das Wenige wird geschickt präsentiert und wirkt alles andere als langweilig.Zu so einer Interpretation gehört schon eine Menge Glauben, an das Leben , an die Hoffnung und nicht zuletzt an das Werk, eine jener christlich/ pantheistischen Visionen, die Rimski-Korssakow auch in seiner "Snegourotschka" schildert.

Angelpunkt freilich ist die Titelpartie, die eine unbedingte Hingabe verlangt, wie man sie an diesem Abend von  Svetlana Ignatovich als Fewronia erlebt, im sinnigen Spiel dieser doch in manchem sehr naiv anmutenden Partie, wie in der nie nachlassenden Spannung ihres innigen Sopranes, der vor allem in Wärme und Ausdruck der mittleren bis tiefen Lage bezaubert, wie im leuchtenden Strahl, der in die Höhe weisenden Bögen, grandios! MIt John Daszak als Grischka Kuterma hat man einen ebenso intensiven Darsteller für den menschlichen Gegenentwurf, sicherlich einer der interessantesten Partien für einen Charaktertenor, russisch zerquält wie eine Figur aus einem Dostojewski-Roman. Daszak bietet vokal stählerne Höhen und in der Tiefe fundierten Gesang zur Rundung des zerrissenen Charakters an, auch keine alltägliche Leistung. Maxim Aksenov als Prinz Wsewolod ist mit angenehm lyrischem Timbre, bei heldischen Aufschwüngen eine echte Tenor-Entdeckung. Während Vladimir Vaneev sich als Fürst Joeri mit Gennady Bezzubenkov als Guslispieler um den Preis des balsamischen Basses des Abends streiten kann, beide großartig. Ante Jerunika und Vladimir Ognovenko verleihen den Tartarenführern charakterische Vokalität. Alexey Markov als maskuliner Fjodor Pojarok bezwingt mit sämigem Bassbariton, wie intensiver Gestaltung. Mayram Sokolova als Knappe läßt mit traumhaften Mezzo-Timbre aufhorchen und empfiehlt sich nachdrücklich auch für größere Partien. Ebenso Iurii Samoilov mit aparter Stimme als Bettler, der, wie eigentlich alle kleineren Partien, ausgefeilt besetzt ist. Ganz zum Schluss mit sinnlichem Mezzo und etwas scharfem Sopran Margarita Nekrasova und Jennifer Check als Paradiesesvögel Alkonost und Sirin das Ensemble vollendend.

Absolut traumhaft die Chorkollektive des Amsterdamer Hauses, wenn sich bei den Gebeten in Groß-Kitesh Vladimir Vanneevs Bass mit den a capella Chören mischt hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Last not least der überzeugte und überzeugende Mark Albrecht am Pult des Philharmonischen Orchesters der Niederlande, die zu einer ausgefeilten und hochemotionalen Auslegung von Rimski-Korssakows Partitur fanden. Dabei sämtliche Nuancen der luxuriösen Orchestrierung auskostend. Solche durch die Bank weg berührenden Abende, bei denen man an allen Beteiligten nur Positiva feststellen kann, werden lange im Gedächtnis bleiben. Bitte wenigstens eine Aufzeichnung auf DVD, wie sie die Stopera in Amsterdam öfters erstellt, wenn nicht gar eine Fernsehübertragung, wären dringend anzuraten. Eine echte Fünf-Sterne-Stunde! (Siehe auch OF-Operntipps)

Martin Freitag

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