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IPHIGENIE mal 2

Premiere am 07.09.11,

besuchte Aufführung am 14.09.11

Es gibt Opernabende, die man meint schon einmal gesehen zu haben, auch wenn das nicht stimmt: die Amsterdamer Oper hat jetzt die Übernahme von Glucks beiden "Iphigenien" an einem Abend laufen; Regie vom jahrzehntelangen Hausregisseur Pierre Audi, doch langsam scheint seine gediegene Ästhetik in die Jahre gekommen, Wiederholungen, wie das bühnensprengende Raumkonzept aus dem Ring mit Publikum auf der Bühne, die betuliche Personenregie mit maßvollem Schreiten innerhalb einer fein modernisierten Designerdekoration anhand des Werkspektrums, das ist alles nett anzusehen, tut keinem weh, gibt allerdings auch keine Deutung von sich. Ein Menschenopfer (Tauris) wird ritualisiert dargestellt, das Opfer mittels einem roten Stoff garniert, das schreckt keinen Abonnenten mehr hoch...

Aulis, Michael Simons Dekor ist leicht archaisch, zwei Türen auf Podien lassen seitliche Auftritte über Treppen zu, die Kostüme von barocker Eleganz bis modernem Duktus zeigen durch die Camouflage-Muster: es ist Krieg. auf dem Podium findet meistens die Handlung statt, sauber ,ästhetisch und adrett, dahinter sitzt das Orchester, danach wird der Chor auf einem Halbrund (griechisches Theater) szenisch entsorgt, eine apart beleuchtete Felswand begrenzt den Bühnenhintergrund.

Tauris: dasselbe in konstruktivistisch, statt Erdfarben dominieren Metall und Schwarz/ Weiss, die skythischen Barbaren tragen teilweise recht peinliche Netzhemden zu Bundfaltenröcken (Kostüme Anna Eiermann), immerhin darf der Herrenchor nach vorne marschieren und um den Opferstein tanzen. Ansonsten wie gehabt.

Doch welch musikalischen Reichtum bietet der Abend: Marc Minkowski am Pult der Musicien du Louvre läßt Gluck erklingen, wie man ihn sich träumt. Klassischer Faltenwurf und trotzdem hochkonzentrierte Emotion, filigranste Verzierungen, musikalische Figuren in den Tutti mit Akuratesse zelebriert, betörende Soli. Orchester und Dirigent sind ein Klangkörper, der die Sänger auf Händen trägt, immer wieder zu feinen Phrasierungen in zartesten Schattierungen ermutigt. Selbst in extremen Emotionen nie lärmend, sondern durch Harmonien kunstvoll gebändigt. Perfekt.

Aulis: Veronique Gens nutzt den gebotenen Klangteppich, vor allem in den Abschiedsklagen Iphigeniens, wenn sie ihren mädchenhaft leuchtenden Sopran zu innigen Piani zurücknimmt, berührt es das Herz des Hörers.Nicolas Teste als Agamemnon läßt einen kernig männlichen Bariton, wenngleich mit leichtem Druck in der Tiefe, hören. Anne Sofie von Otter singt mit französischem Barock/Klassik ( wie in Frankfurt als Charpentiers "Medee") als Clytemnestre genau ihr Fach, mütterlicher Glanz wechselt in furiose Aufregung. Frederic Antoun sollte man sich als französischen Tenor merken, schöner kann man so hochliegende Partien wie den Achille nicht singen. Martijn Cornet (Patrocle), Christian Helmer (Calchas) und der halbnackte, goldene Arcas von Laurent Alvaro komplettieren die homogene Besetzung auf hohen Niveau. Salome Haller mit heroischem Mezzo gibt der Göttin Diane olympisches Format, beiden Iphigenien sozusagen die akustische Klammer.

Tauris: Mireille Delunsch sind, folgerichtig mit dramatischerem Sopran, die Tauridische Iphigenie, doch die Höhen kommen unfrei mit Schlacken behaftet daher, was auch Fehlintonation zur Folge hat. Laurent Alvaro muß als Thoas eine Art faschistoiden Scarpia mimen, die Rolle könnte man vielschichtiger anlegen. Jean-Francois Laponte als Orest gefällt mit angenehmem Bariton und heldenhafter Pose als Orest, während Yann Beuron als Pylade selbst indisponiert ein Beispiel an französischer Diktion und wohltönendem Tenor gibt. Die sechs solistischen Priesterinnen sind mit niederländischem Sangesnachwuchs hervorragend besetzt.

Die Chöre der Niederländischen Oper zeigen vokales Niveau, sind szenisch einfach unterfordert.

Viereinhalb Stunden dauert der Abend mit den (vor allem in den Balletten) leicht gekürzten "Iphigenien", es ist sicherlich recht spannend die Entwicklung Glucks von der barockeren Vorbildern verhafteten Aulidischen zur herberen Reformoper der Tauridischen, die mehr der französischen Tradition des drame lyrique folgt, nachzuvollziehen, doch Gluck hat sicherlich seinen Werken auch eine Spieldauer zugebilligt, deshalb bleibt die Frage, ob man dem Komponisten durch diesen sehr langen Abend nicht doch einen Bärendienst erwiesen hat, als daraus zwei Abende zu gewinnen.

Martin Freitag

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com