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Carl-Orff-Festspiele – Kloster Andechs

http://www.carl-orff-festspiele.de/

 

DIE BERNAUERIN

Ein bairisches Stück    

Vorstellung am 26.07.12       (Premiere 19.07.2012)

Eindringliches Musiktheater vor historischer Kulisse

Carl Orff hat seine letzten Jahre in Dießen am Ammersee verbracht und liegt in Andechs begraben. Grund genug, dass dort seit 1992 Carl-Orff-Festspiele stattfinden, die vom Kloster Andechs veranstaltet werden. Veranstaltungsort für das Musiktheater ist der „Florian-Stadl“, eine riesige Scheune. Die Festspiele laufen während der beiden Monate Juni und Juli und bieten neben dem Schwerpunkt Musiktheater auch Konzerte. Auf der Opernbühne gab es in diesem Sommer die Wiederaufnahme von „Die Kluge“ sowie eine Neuproduktion von „Die Bernauerin“, von der man sagt, sie gehöre zu Andechs wie der „Jedermann“ zu Salzburg. Beide Inszenierungen sind von Marcus Everding, seit 2008 künstlerischer Leiter der Festspiele.  Es herrscht eine sehr lockere Atmosphäre rings um den Aufführungsort vor der Sil- houette des Benediktinerklosters; das Personal ist so freundlich und zuvorkommend, dass man sich nur als Besucher, sondern auch als Gast fühlt. Dass die Aufführungsstätte inmitten des Klosters am „Heiligen Berg“ liegt, wird auch durch die Anwesenden von patres und fratres deutlich, von denen der eine oder andere auch auf der Liste der Mitwirkenden zu finden ist. Klostergasthof und Braustüberl sorgen für das leibliche Wohl der Gäste.

Der Stoff der Bernauerin beruht auf einer historischen Begebenheit des 15. Jhdts im Herzogtum Baiern. Herzog Albrecht III hatte in einer Augsburger Badstube die Badertochter Agnes Bernauer kennengelernt, sich in sie verliebt, sie geehelicht und sich mit ihr aufs Schloss Vohburg zurück- gezogen. Sein Vater, der die nicht standesgemäße Verbindung nicht billigte, ließ die Bernauerin diffamieren, in Kollusion mit der Kirche als Hexe verurteilen und in Straubing in der Donau ertränken. Der Stoff wanderte mit fliegenden Blättern und Bildgeschichten in die bayerische Folklore ein, wurde zum Thema einer Volksballade und diente Friedrich Hebbel als Vorlage für sein Drama Agnes Bernauer. Carl Orff wurde auf den Stoff aufmerksam, als seine Tochter Godela 1942 am Staatsschauspiel in München mit 21 Jahren in Hebbels Drama mit der Rolle der Agnes betraut wurde. Orff fasst den Stoff neu für ein „bairisches Stück“, wozu er in Teilen eine Sprache ver- wandte, wie er sich Bayerisch im 15. Jhdt. vorstellte. Die Bernauerin ist keine Oper im überkommenen Sinne, sondern Musiktheater, in welchem die Handlung mit Orchesterbegleitung und Chorgesang gesprochen wird. Das Stück wurde 1947 in Stuttgart uraufgeführt; die Titelrolle spielte wieder Godela Orff, der das Stück auch zugedacht war.

Marcus Everding bringt das Stück mit einem einfachen, aber wandlungsfähigen Bühnenbild von Thomas Pekny auf die Bühne, der auch die Kostüme geschaffen hat. Das Bühnenbild reicht mit kleinen Plattformen und Laufstegen bis in die eindrucksvolle Dachkonstruktion des Stadls mit seinen weit spannenden Bindern hinein. Auf dem Spielboden, einer kreis-runden leicht nach hinten ansteigende Fläche vor einem senkrecht verbretterten halbrunden Hintergrund,  steht als Bühnenausstattung nur ein großer, mehrfach teilbarer Bretterkasten, der in verschiedene Positionen gedreht werden kann und letztlich die Spielorte der zwölf Szenen ganz ordentlich beglaubigen kann. In der ersten  Szene (Badstube in Augsburg) sitzen die Badegäste in Bademulden der Kiste unter geöffneten Klappen. Herzog Ernst steigt da nicht hinein: er himmelt seine Agnes an (und kauft sie dem Vater ab). In der dritten Szene wird die Kiste längs gedreht; sie stellt nun einen großen Wirtshaustisch dar, an welchem sich die Münchner Bürger über den Herzog Albrecht und seine Bernauerin sorgen. Diese Kiste dient auch als Tisch in der Staatskanzlei; in der Hexenszene strecken die bizarren weiß geschminkten Figuren ihre Köpfe unter den Deckeln heraus und informieren das Publikum über die Fortschritte bei der Hinrichtung der Agnes. Die tote Bernauerin in weißem Unschuldskleid ersteigt zum Schluss der Oper, in welchem Der Herzog nach München zum Nachfolger seines Vaters bestellt wird, ein hohes Podest: vom dem Himmel herunter beobachtet sie die irdischen Vorgänge.

Wenn auch einige der Szenen etwas spannungslos bleiben und ein Gefühl von Länge erzeugen, so es gelingt dem Regisseur doch, die Unheil-stimmung, die über dem Stück liegt, von Anfang bis zum Ende als großen Bogen zu inszenieren und sehr eindringliche Bilder zu erzeugen. Spannend sind die Darstellung der wankelmütigen Bürger, die Hetze des Mönchs, das kalte Vorgehen des Kanzlers und natürlich die grausige zentrale Hexenszene. Ausdrucksvolle Kostüme charakterisieren die verschiedenen Bevölkerungs-schichten. Die Personenführung stellt teilweise hohe Anforderungen an die Darsteller. Wirkungsvoll wurden die Szenen durch die klare Lichtgestaltung von Georg Boeshenz abgegrenzt.

Es musizierte das „Orchester der Andechser ORFF®-Akademie des Münchner Rundfunkorchesters unter der Leitung von Christian von Gehren. Das Orchester war überwiegend unter der Bühne untergebracht; zweifellos bildete das orchestrale Geschehen für Musikfreunde die Speckseite des Abends dar. Dem großen Schlagwerk standen große Streicher- und Bläsergruppen gegenüber, die die für Orff charakteristischen harten Schlagzeug-Ostinati mit weichem runden Klang grundierend abfingen. Der Chor begleitete mit stark rhythmisch betontem Gesang, teilweise nur auf einer Tonhöhe. Die eindrucksvolle Musik wurde vom Orchester mit großer Präzision gebracht. Beim Andechser Festspielchor bestand indes sowohl bezüglich des Klangs der Frauenstimmen als in der Präzision noch Verbesserungspotential.

Florian Fisch war wie bei der letzten Produktion als überzeugender Herzog Albrecht besetzt und spielte ihn mit jugendlichem Schwung und großem Körpereinsatz. Seine Textverständlichkeit hätte besser sein können und war es auch bei seiner kleinen Gesangseinlage im deklamatorischen Singen. Auch Katharina Kram als Agnes Bernauer hatte schon in der letzten Produktion in dieser Rolle mitgewirkt und gefiel durch ihr eindringliches Spiel. Ihr Prachtkostüm als „Duchessa“ täuschte nicht über ihr zerbrechliches Wesen hinweg. In einer dritten Hauptrolle agierte Sebastian Goller als Kanzler mit wuchtigem bestimmtem Auftreten. Dass es ihm nicht ganz wohl in seiner Haut war, brachte er gut rüber. An Gesang gab es die Vokalisen des Tenors Manuel König, mit denen die Visionsszene vom Einzug des Paars in München in der Wirkung verstärkt werden. Der Gesang vom Rang aus klang verstärkt. Am Schluss noch ein kleines Sopransolo, mit schlanker Stimme von Bele Kumberger gesungen.

Auch aufgrund der verwendeten Sprache war eine volle Textverständlichkeit nicht immer gegeben. An dieser Stelle muss der sehr instruktive Einfüh-rungsvortrag von Marianne Lauser erwähnt werden, nach welchem man sich dennoch während der Vorstellung immer im Bilde fühlte.

Das Publikum im fast ausverkauften Stadl bedankte sich für den gelungenen Abend mit lang anhaltendem herzlichem Beifall.

Manfred Langer, 04.08.2012

Fotos: Carl Orff Festspiele Andechs

 

 

 

 

 

 

 

 

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