Der
Waffenschmied
10.10.2010
Es war eine köstliche Zeit
Man muss weit reisen, um Lortzing hören zu können, ganz stiefmütterlich
wird er von den großen Häusern behandelt, als braver, leichter Komponist
angesehen, der nur zur Unterhaltung dient. Seine Werke hätten keinen Tiefgang,
seine Melodien seien simpel gestrickt und er wäre der klassische Komponist des
Kleinbürgertums. So geriet Lortzing immer mehr ins Abseits und wurde fast aus
allen Spielplänen verdrängt. Die großen Häuser spielen ihn fast gar nicht, die
mittleren kaum, ab an mal einen Zaren, aber das war’s. Lortzing sei zu
biedermeierlich, so brav deutsch. Aber stimmt das? Ist Lortzing nicht genauso
gesellschaftskritisch wie der hehre Revoluzzer Wagner? Birgt sein Werk nicht
den versteckten Aufruf zum bürgerlichen Ungehorsam, stellt er nicht den Adel
und das, um 1800 aufkommende, bornierte Geldbürgertum bloß? IN seiner Zeit, die
industrielle Revolution zeigte schon ihre hässliche Seite, Proletarisierung,
Landflucht und Entfremdung von der Arbeit, zeichnete er ein besseres Bild,
glückliche zufriedene Menschen, deren Konflikte auch ohne Kadi zu lösen sind.
Dabei blieb er immer distanziert, er malte seine Vision eines besseren Lebens,
ohne dabei den Zeitbezug zu verlieren.
In Annaberg-Buchholz, jenem kleinem, feinem Bürgertheater aus dem vorletzten
Jahrhundert steht mit Ingulf Huhn ein bekennender Lortzingianer an der Spitze.
Und so geriet seine Inszenierung des Waffenschmiedes nicht zur Pflicht, sondern
avancierte zur Liebhaberarbeit. Das schöne, variable Einheitsbühnenbild von
Tilo Stadte vermittelt in warmen
Holztönen durchaus die Enge des mittelalterlichen Worms, ohne einen direkte Ortsbezug
zu nehmen. Entsprechend waren die Kostüme von Anna Maria Polldrack und Erika
Lust ebenso stimmig. Naoshi Takahashi leitete die Erzgebirgische Philharmonie
Aue souverän, der durch einen Extrachor verstärkte Haus Chor unter Uwe Hanke
bestach durch Spiellust und Beweglichkeit. Mit Markus Sandmann hatte Huhn einen
spitzbübigen, aber auch komischen Georg zur Hand, der sängerisch wie
spielerisch die Rollenerwartung gänzlich erfüllte. Tatjana Conrad gibt keine altertümlich
verbiesterte Irmentraut, sondern eine Frau, die mitten im Leben steht, und den
Freuden des Lebens auch nicht abgeneigt ist. Ihr wohlklingender Mezzo überzeugt
genauso wie ihr schauspielerisches Talent. Desgleichen gilt für den Bass
Leander de Mol. Voller Spiellaune charakterisiert er den am Ende düpierten
Vater als einerseits liebevoller Polterer, andererseits als selbstbewusster,
von sich selbst überzeugter, Bürger. Durch geschickte Strophenumstellung in
seinem „Jünglingslied“ gelang es Huhn aktuelle tagespolitische Themen
einzuflechten, ohne das Werk zu sabotieren. Der junge Bass Lázló Varga gibt den
schwäbischen Ritter Adelhof mit ungarischem Verve, Akzent und Charme. Zusammen
mit Matthias Stephan Hildebrandt als Brenner deckt er fabulös den komischen
Teil des Abends ab.
Ein gelungener Fachwechsel machte Jason-Nandor Tomory, der aus Coburg ins
Erzgebirge kam. Sein Graf Liebenau, da ja gleichzeitig auch der Schmiedegesell
Konrad ist, war ein schauspielerisches Meisterstück. Sein klug geführter
Bariton füllte das Haus mit reinstem Wohlklang. Madeleine Vogt war ihm da eine
ebenbürtige Marie. Aus den „Armen kleinen Mädchen“ machte sie ein
Kabinettstückchen voll hintergründigem Charme.
Ingulf Huhn inszenierte mit scheinbar leichter Hand ein nur scheinbar leichtes
Stück. Die Sozialkritik Lortzings wird, im Sinne des Komponisten,
unterschwellig unterbreitet. Von Lortzing selbst ist ein Wort überliefert:“ Einige
meiner Opern bereiten vielen ehrlichen Seelen angenehme Stunden“ In
Annaberg-Buchholz hat sich dieses Wort gänzlich erfüllt, es war einen köstliche
Zeit.
Alexander Hauer