DER OPERNFREUND - 44.Jahrgang
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Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz

 

http://www.winterstein-theater.de/

 

 

KISS ME, KATE

Premiere am 28.10.12

Vokalstark und sexy

Als sich im Jahre 1948 erstmals der Vorhang über dem Musical „Kiss me, Kate“ hob, ahnte keiner der Beteiligten, dass die Shakespeare-Adaption einmal die 1000er-Marke knacken würde – was nur wenigen klassischen Broadway-Musicals gelang. Das Werk gilt heute als einer der Meilenstein der Gattung Musical – und als Hauptwerk Cole Porters, der in der Zeit, als das unsterbliche Duo Rodgers & Hammerstein bereits das Musical neu erfunden hatte, seine eigene Sprache beibehielt und ein unverwechselbares Werk schuf.

Als sich im kleinen Eduard-von-Winterstein-Theater im erzgebirgischen Annaberg-Buchholz der Vorhang über der letzten Nummer, dem zweiten Finale, schloss, war der Beifall gewaltig. Er war schon vorher stark: ausnahmslos nach jeder Nummer. Um den Erfolg einer derartigen Produktion in einem 320-Stühle-Haus recht einzuschätzen, muss der Zuschauer sich erst einmal über die Bedingungen klar werden - in einem Haus, das über kein eigenes Ballett und über einen kleinen Orchester-graben, aber über ein höchst motiviertes Ensemble verfügt. Vergessen werden darf auch nicht, dass Cole Porter und das Librettistenduo Bella und Sam Spewack dreierlei in Einem fordern: gute Sänger, gewandte Schau-spieler und elegante Tänzer. Wurden der Chor extraverstärkt und die von Alexandre Tourinho choreographierten, schönen und charakteristischen Tanzeinlagen des Tanzcorps von halben Laien gestaltet („Too Darn Hot“ ist einfach klasse), so konnten die Sänger des Hauses beweisen, dass sie auch bei Shakespeare nachgeschlagen haben (wer auch immer sich hinter diesem Namen verbirgt; ich tippe, wie die intelligentere Mehrheit, auf Edward de Vere, den Earl of Oxford).

Natürlich bringt man auch in Annaberg das Stück auf deutsch, wie es dort gute Tradition ist – denn ansonsten hätte die Intendanz Schwierigkeiten, größere Zuschauermengen ins Haus zu ziehen. Es macht Spa0, dem allen zuzuschauen und zuzuhören. Erstaunlich schon die Besetzung der Lilli Vanessi (ach, denkt sich der nostalgische Kritiker, was waren das noch für Zeiten, wo man ungestraft derartige Namen verteilen konnte): Therese Fauser liefert einen fulminanten Annaberger Einstieg. Die Nürnberger haben sie vielleicht noch als Mitglied des Opernstudios in Erinnerung, wo sie als Candida in Donizettis „Emilia di Liverpool“ brillierte, auch als Isabella in der Kinderoper „Kaimakan und Papatatschi“ nach Rossinis „Italienerin in Algier“. Wie sie gegenüber ihrem Ex die liebebedürftige Diva gibt, mag so „unrealistisch“ sein wie manches bei „Shakespeare“ – das Musical beglaubigt mit seinem operettenhaften Hang zum happy end auch den größten Unsinn, wenn hervorragend singende und bewegt spielende Akteure auf der Bühne stehen.

Michael Junge spielt diesen Ex: als Rauhbein mit Herz und kräftigem Organ. Jason-Nandor Tomory ist einer der vielen Annaberger Publikumslieblinge; kein Wunder: bei dieser butterweichen, starken Stimme. Mit Kerstin Maus (als Lois Lane, nicht zu verwechseln mit Supermans Freundin) entzückt sie vokalstark und sexy das Publikum. Die beiden „clowns“ (wie es bei „Shakespeare“ gewöhnlich heißt) sind zwei Gangster, die von Leander de Marel und Matthias Stephan Hildebrandt komisch, aber nicht exaltiert gespielt werden, so das die Erinnerung an Wolfgang Neuss und Wolfgang Müller – die diese Rollen im deutschen Sprachraum unsterblich machten – erst gar nicht aufkommt. Marcus Sandmann und Frank Unger spielen die drei Freier der Bianca: zwei „kleine“ Rollen, die in Annaberg gut besetzt werden können.

Wo das Experimentelle auf der kleinen Bühne, vor dem spezifischen Annaberger Publikum, in Grenzen bleiben muss, ist Fantasie gefragt – der Raum, den Francesca Ciola entworfen hat, kommt mit ein paar wenigen Elementen aus: zwei fahrbaren Garderobenspiegelrahmen, die wie große Bilderrahmen aussehen, einer Hängegarderobe und einem nach Mustern der 30er Jahre gemalten Prospekt. Die Regie hat sauber gearbeitet; die Dialoge kommen geradlinig und detailliert, die Drehbühne wird effektvoll bedient, das Publikum amüsiert sich. Wieder wird es poetisch: wenn maskierte Gestalten den Karneval des Geschlecherkampfes begleiten und ein entzückender blauer, ausgesprochen weiblicher Esel (nur das Hinterteil gehört dem Männchen) auf die Eselhaftigkeit der Liebeswelt zu verweisen scheint. So zieht die Regisseurin wieder eine zarte Ebene mehr ein in ein Spiel, das in seiner Grundform von herzhaften Brutalitäten nicht frei ist.

Das Orchester, die Erzgebirgische Philharmonie Aue, spielt unter der sicheren Leitung Dieter Klugs Cole Porters Meisterpartitur in der Fassung von Don Sebesky, die 1999 am Broadway uraufgeführt wurde; sie klingt nur ein wenig moderner als die Fassung der 50er Jahre, aber modern genug, um das Publikum am Ende jubeln zu lassen.

Über 1000 Vorstellungen werden es im Erzgebirge nicht werden – aber zu einer längeren ausverkauften Serie sollte es reichen.

Frank Piontek

 

 

LA BOHEME

Premiere am  22.01.12

Schönes aus einem „kleinen“ Haus

Das Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz, im tiefsten Erzgebirge gelegen, gehört unter den den 80 deutschen Opernhäusern nicht zu denen, die regelmäßig im Zenit der überregionalen Presse stehen. Mit seinen kaum mehr als 300 Sitzplätzen bedient es vor allem die Interessen der örtlichen Bevölkerung einer Stadt und Umgebung, die aufgrund der reichen Silbervorkommen vor 300 bis 500 Jahren ihre große Zeit hatte, als der Ort die zweitgrößte sächsische Stadt war. Heute kommen die Touristen nicht nach Annaberg, weil hier ein gut gemachtes Adam-Ries-Museum und eine Oper stehen, sondern weil die „Manufaktur der Träume“ alljährlich viele tausend Besucher aus aller Welt anlockt.

Copyright aller Produktionsbilder: Winterstein-Theater

Trotzdem ist es erstaunlich, dass an einem derartig kleinen Haus eine Oper wie „La Bohème“ nicht nur komplett, sondern auch hoch achtbar mit reinen Hauskräften besetzt werden kann. Unter Intendant Ingolf Huhn und dem Generalmusikdirektor Naoshi Takahashi hat sich hier in den letzten Jahren eine Opernkultur entwickelt, auf die man andernorts vielleicht mit Neid blicken kann – es gelingt selbst größeren Häusern nicht immer, eine „Bohème“ ohne den Einsatz von Gästen zu stemmen. Dabei fallen nicht nur die beiden Hauptrollen ins Gewicht: Frank Unger ist ein Rodolfo, dessen sauberer, sich am Abend steigernder Tenor noch Schöneres ahnen lässt.

Auch Bettina Grothkopf dürfte zu jenen Sängerinnen gehören, deren Weg einmal an größere Häuser führen wird. Wer schließlich den jungen Jason-Nandor Tomory als Marcello hört, glaubt sich in ein „bedeutendes“ Haus versetzt – und unbedeutend ist kein Haus, das mit weiteren guten Namen wie Madelaine Vogt (Musetta), Michael Junge (Schaunard) und László Varga (Colline) aufwarten kann. Kommt hinzu die Erzgebirgische Philharmonie Aue, die unter dem GMD einen lyrischen wie schneidigen Puccini heraus spielt, wie er dem schlackenlosen Drama angemessen ist.
Dem Werk angemessen ist auch die Regiearbeit Birgit Eckenwebers, die die Welt der Bohème nicht neu erfinden muss, um zu eigenständigen szenischen Ideen zu finden. Sie lässt – im Bühnenbild Wolfgang Clausnitzers – die Bohèmiens von gestern und heute in einem leicht ruinierten Einheitsraum spielen, träumen und leben.

Selbst der sonst als komische Figur strandende Alcindoro behält seine Würde als elegantes Grauhaar im Stil des alternden Marcello Mastroianni. Diese „Bohème“ ist realistisch, wo sie die Konflikte der „kleinen Leute“ mit Liebe zeichnet, aber sie besitzt auch eine poetische Ebene, die durch eine neu erfundene Figur im Kunst-Raum eingezogen wurde. Aus dem Spielzeugverkäufer Parpignol, der inmitten des zirkushaften Treibens im zweiten Akt sein Debüt hat, wurde eine unheimliche wie heimlich traurige, venezianische Maskenfigur. Sie erscheint immer wieder bei den Bohèmiens: als Wächterin an der „Schranke der Hölle“, als Sterbegleiterin, als eine Figur, die von einem Dichter namens Rodolfo hätte erfunden werden können. Starker Beifall für ein insgesamt homogenes Ensemble und eine unaffektierte, doch bildbewusste und figurengetreue Regiearbeit.

Frank Piontek


 

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