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LULU

Projektion von Männerphantasien

Mit seiner Neuinszenierung von Alban Bergs „Lulu“ ist dem Theater Augsburg zur Adventszeit - Premiere war am 4. Dezember - ein Höhepunkt gelungen, an dem sich die in dieser Saison noch folgenden Produktionen werden messen lassen müssen. Als Regisseurin konnte Monique Wagemakers gewonnen werden, deren Name in der Opernlandschaft schon lange für unangefochtene Qualität steht und die auch diesmal wieder bewies, dass sie ihr Handwerk hervorragend versteht. Bei ihr war Bergs Werk in besten Händen. Routiniert inszenierte sie an dem Stück entlang, wobei sie die aufgebotenen Sänger rein schauspielerisch zu Höchstleistungen zu animieren wusste. Dabei wartete sie mit einer spannenden und logischen Führung der Personen auf, wobei sie - im Gegensatz zu vielen anderen Deutungen dieser Oper - gänzlich ohne Nacktheit Lulus auskam.

 

Copyright aller Produktionsbilder: Theater Augsburg

Auch ohne die sonst oft anzutreffende vollständige Entblößung der Titelfigur vermochte sie es trefflich, dem Stück einen erotischen Anstrich zu geben. Dazu trugen nicht zuletzt die gelungenen Kostüme von Angelika Riek ihren Teil bei. Auch der geistige Unterbau, den Frau Wagemakers der „Lulu“ angedeihen ließ, war überzeugend. Sie näherte sich Bergs Werk von der psychologischen Warte aus und nahm die seelischen Verirrungen insbesondere der Männer gleichsam durch die Brille Siegmund Freuds einfühlsam unter die Lupe. Der Raum, den ihr Momme Röhrbein dazu auf die Bühne gestellt hat, ist zuerst ein Rummelplatz, später ein von Glastüren eingenommener gutbürgerlicher Salon, den man auch als Spiegelkabinett bezeichnen kann, in dem sich die Seelen der Protagonisten spiegeln. Hier ist nichts privat, sämtliche Konflikte sind schonungslos den Augen der Öffentlichkeit preisgegeben. Auf einfühlsame Weise erschließt sich dem Zuschauer ein gnadenloser Kampf auf Leben und Tod jedes einzelnen Handlungsträgers, der indes mehr innerer als äußerer Natur ist. Und im Innern der Männer nimmt Frau Wagemakers konzeptioneller Ansatzpunkt seinen Anfang. Während die Angehörigen des männlichen Geschlechts alle real sind, ist Lulu als geistig zu begreifen. Sie ist gleichsam identitätslos, ein Konstrukt jener den Herren der Schöpfung eigenen, von einer fragwürdigen Doppelmoral geprägten sexuellen Bedürfnissen und Charaktereigenschaften. Diese werden gebündelt auf ein gemeinsames fiktionales Wesen projiziert, dem seine männlichen Schöpfer ganz unterschiedliche Namen, darunter Lulu, geben. Das ist verständlich. Die Abgründe der menschlichen Seele sind vielfältiger Natur. Da ist es nur natürlich, dass dieses Fleisch gewordene Bild kollektiver Männerphantasien auch unterschiedlichste Erscheinungsformen aufweist. Jeder hat seine eigene Vorstellung von Lulu, die konsequenterweise ständig Kleider und Perücken wechselt, nicht Subjekt ist, sondern nur Objekt zügelloser männlicher Begierde. In dieser Funktion bleibt sie zunächst passiv, nimmt aber zunehmend eine aktivere Rolle ein. Das Sinnbild für die verkommenen Wunschbilder der Männer emanzipiert sich Schritt für Schritt von diesen, entwickelt immer mehr Eigeninitiative und hält ihren geistigen Erzeugern schließlich selber den Spiegel eines subjektlosen, fremdbestimmten Lebens vor, in dem keiner ohne den anderen weiterzuleben vermag. Wie die Männer Lulu als Katalysator für ihren ausgeprägten mentalen Schmutz brauchen, benötigt auch sie wiederum deren ausgeprägte Phantasien, um überhaupt existieren zu können. Alle fristen ihr Leben in einer unauflösbaren Symbiose, die von Sex and Crime bestimmt ist. Die Titelfigur existiert nur durch die Männerphantasien, die ihrerseits durch Lulu Form und Inhalt erfahren. Sie ist gleichsam als schwarzer Spiegel der sie umgebenden Männerwelt zu deuten, als geistiger Atlas, auf dem die ganze Welt männlicher Auswüchse lastet und dessen Aufbegehren letztendlich vergebens ist. Da ist es auch irrelevant, dass sich der Inhalt der männlichen Reflexionen variabel zeigt, neben erotischer auch merkantiler Art sein kann, was im Paris-Bild des dritten Aktes offenbar wird. Egal in welcher Ausprägung: Ohne den von ihr selbst geschaffenen Reflektor Lulu kann die Herrenliga nicht überleben und geht, wenn man Frau Wagemakers Konzeption logisch fortdenkt, praktisch an sich selbst zugrunde. Dieser Projektions- und Objektivierungsgedanke ist zwar nicht mehr neu - das hat man bei anderen Produktionen dieser Oper schon ähnlich gesehen -, aber immer wieder sehr wirkungsvoll, v. a. wenn er so stringent umgesetzt wird wie von Monique Wagemakers, der für ihre gelungene, intellektuell anspruchsvolle Arbeit großes Lob auszusprechen ist.

 

Mit einer wahren Glanzleistung wartete Dirk Kaftan am Pult auf. Es war schon imposant, wie mächtig sich der junge GMD zusammen mit dem Philharmonischem Orchester Augsburg ins Zeug legte und Bergs Zwölftonmusik mit ungeheurer Verve und Prägnanz auslotete. Die lyrisch-empfindsamen Stellen der Partitur bekamen unter seiner routinierten Leitung eine ganz eigene Note. Das herrliche Liebesmotiv Lulus für Dr. Schön hat mal selten so gefühlvoll und ausdrucksstark gehört. Im dritten Akt wurde auf die von Eberhard Kloke geschaffene Neufassung zurückgegriffen, die viel mehr gesprochenen Text auswies als Cerhas Version und die Jack-the-Ripper-Szene nicht vollständig enthielt.

Gemischte Gefühle hinterließen die sängerischen Leistungen. Rein darstellerisch gab es an der Lulu von Sophia Christine Brommer nichts auszusetzen. In dieser Beziehung war die mit einer guten spielerischen Ader gesegnete und obendrein gut aussehende Sopranistin sehr glaubhaft. Leider kann man das in vokaler Hinsicht von ihr nicht in gleichem Maße behaupten. Ihr Stimmsitz ist ausgesprochen variabler Natur. Profunde und tiefgründige Töne waren selten. Insgesamt hat sie ihren Sopran v. a. in der Höhe sehr dünn geführt, er klang bei den eklatanten Spitzentönen der Partie oft unangenehm schrill. Sie sollte dringendst daran arbeiten, ihre Stimme in den Körper zu bekommen. Da vermochte Stephen Owen in der Doppelrolle von Dr. Schön und Jack the Ripper mit kräftig-männlichem und gut sitzendem Bariton schon viel mehr zu überzeugen. Von wunderbarer italienischer Natur war der sonore und elegante Bass, den Dong-Hwan Lee für den Tierbändiger und den Athleten mitbrachte. Es wäre interessant, ihn einmal mit Verdi oder Puccini zu hören. Das war die beste Leistung des Abends! Einen insgesamt kräftig intonierenden Maler und Neger gab Keith Boldt. Schade, dass ihm ein Spitzenton im ersten Bild nur mit Hilfe der Fistelstimme möglich war. Als Alwa wartete Mathias Schulz mit durchaus durchsetzungsfähigem Tenormaterial auf, das indes noch besser im Körper verankert sein sollte. Letzteres gilt auch für Kerstin Descher, die einen sehr unsteten und stark im Hals sitzenden Alt für die Gräfin Geschwitz mitbrachte. Über lediglich dünnes, noch entwicklungsfähiges Tenormaterial verfügte Christopher Busietta, der als Prinz, Kammerdiener und Marquis nicht gerade bemerkenswert war. Mit profundem Mezzomaterial stattete Stephanie Hampl die Theatergarderobiere, den Gymnasiasten und den Groom aus. In den Mini-Partien des Medizinalrates und des Professors war Petar Naydenov besetzt. Ein Sänger sei noch besonders herausgehoben: Das Urgestein Franz Mazura, der mit seinen inzwischen 87 Jahren (!) nicht nur noch über kräftige Bassreserven verfügte, sondern sich auch schauspielerisch ungeheuer versiert und spielfreudig zeigte und auf diese Weise dem Schigolch ein sehr charismatisches Gepräge gab.

Ludwig Steinbach

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