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Klassik und Romantik im Gegenklang zeitgenössischer Kläng

 

Von der programmatischen Kunst des Musikmanagers Klaus Lauer

Was wäre schon ein Festival ohne die Initialzündung einer innovativen Programmkonzeption. Mit einer Symbiose aus Bewährtem und Neuem fand das exquisite AlpenKlassikFestival in Bad Reichenhall nun zum vierten Mal zu prickelnden Programmfacetten.  Klassiker und Romantiker spiegelten sich im Gegenklang zeitgenössischer Klänge des 20. und 21. Jahrhunderts .Vier Säulen, bestehend aus zwölf Konzerten wurden griffig mit einem Motto definiert: Gebäude der Erinnerung – Hommage à György Ligeti – New York zu Gast.

Für wissbegierige Hörer winkten noch Einführungen zu den Konzerten und Lesungen. Kenntnisreich vermittelte der Musikredakteur Rainer W. Peters werkspezifische Einblicke. Nike Wagner referierte über „Mein Liszt“. Der Europäer und Weltbotschafter sei von der Familie Wagner ja von allem Anfang an auf ein Nebengeleis geschoben worden. Siegfried Mauser spürte in einem musikalischen Protokoll den verinnerlichten Spannungen in den kargen schmucklosen späten Kompositionen von Franz Liszt nach. Hier sind die Türen zur modernen Musik weit geöffnet und signalisieren eine Sinnsuche nach Neuem. Liszt gelingt hier eine bewegende Verdichtung der Ausdrucksebenen, etwa in der zweiten Version der „Trauergondel“.

 

 

Erinnerungen an Leos Janácek weckte in der ersten Sektion Prazák Quartett in der Kirche St. Nikolaus von der Flüe in Bayerisch Gmain. Die progressiven musikalischen Sequenzen im Streichquartett Nr. 1 nach Leo Tolstois ‚“Kreutzer-Sonate“ (l923), den großen Gefühlsrausch, die harten Kontraste und die naturhafte Entfaltung der instrumentalen Klänge, machte das Pratzák-Team (mit seinem neuen Primarius Pavel Hula) zum fesselenden Hörabenteuer – eine kompromisslose Wiedergabe, schonungslos expressiv ausgeformt.

 

 

Aufregende Perspektiven vermittelte schließlich Joseph Haydns „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuz“ (l787). Keine leichte Aufgabe für Interpreten, bei durchwegs getragenen Tempi in diese Bekenntnismusik Abwechslung zu bringen. Alle artikulatorischen Feinheiten wurden bis zur Neige ausgekostet, z. B. die Klangmischungen zwischen den Geigenstimmen in der Sonate II und die zart angezupften Pizzicati in der Sonate V – ein bewegendes Protokoll vom Leiden und Sterben Jesu.

 

 

Ein großes Gipfeltreffen über die Eisriesen der späten Quartette von Ludwig van Beethoven organisierte das Vogler-Quartett im Königlichen Kurhaus in Bad Reichenhall. Fabelhaft gelang im a-Moll Quartett op. 132 der sensibel ausgespielte „Heiliger Dankgesang eines Genesenden an die Gottheit“, das energisch durchgeformte „Alla marcia“ des vierten Satzes und die fulminant hoch wirbelnde Final-Stretta.  Danach durchfurchten die vier Streicher  die Riesenlandschaft des Quartetts Nr. 13 op. 130 von Beethoven. Nach den vorausgegangenen fünf anspruchsvollen Sätzen investierten die Interpreten viel Artikulationskraft in die sich nahtlos anschließende Fuge op. 133, um den satztechnischen Reichtum - Fuge, Sonatensatz und viersätzigen Kosmos - schlüssig zu einem Ganzen zu formen.

 

 

Eine ehrenvolle Würdigung zum 200. Geburtstag und 125. Todesjahr Franz Liszts, des wohl größten Klaviervirtuosen des 19. Jahrhunderts, durfte im AlpenKlassik-Festival nicht fehlen. Bereits im Alter von sieben Jahren soll Liszt Noten aufs Papier gekrakelt haben soll, und mit neun Jahren trat er zum ersten Mal am Klavier öffentlich auf. Mit weitgefächertem  Anschlagsspektrum interpretierte der französische Pianist Francois-Frédéric Guy die zehn „Harmonies poétique et religieuses“, die in liturgischer Form sinnliche und religiöse Gefühlssteigerungen durchdringen etwa im „Ave Maria“ oder „Miserere“.  Pompöse Staffagen donnern in „Invocation“ (Anrufung), und innige Empfindungen tönen in der Träumerei der „Hymne de l’enfant“ à son réveil“, im „Gebet des Kindes beim Erwachen“. Schließlich evozieren dumpfe Glockenschläge in „Funérailles“ (Totenfeier) naturalistische klangliche Effekte. Schöne melodische Bögen, mitunter auch dynamisch überfrachtete Fortissimi, weiteten die Botschaften zu einer spannungsgeladenen Exegese.

 

 

Aus der Alchimistenküche des Magiers György Ligeti schöpft das Programm der zweiten Säule des Festivals AlpenKlassik. In der Tat: Ligeti-Werke sind keine musikalischen Ruhekissen, keine Stücke zum genussvollen Zurücklehnen, sondern Zeugnisse bedingungsloser Rigorosität, wie ein Komponist sich den Instrumenten zur Klangerzeugung ausliefert.

 

 

Wer Ungewöhnliches riskiert, von der Normalroute abweicht, bedarf einer besonderen Spezies von Interpreten, bei denen die Neugierde auf musikalische Abenteuer wachgeblieben ist. Zu dieser Kategorie zählen die Analytiker des Arditti-Quartetts aus London. Sie erwiesen sich beim Festival AlpenKLASSIK als hochkompetente Wegweiser für zeitgenösssische Musik der Gattung Streichquartett. Das gilt im Besonderen für die Wiedergabe der beiden Quartett-Kompositionen von György Ligeti. Im zweiten  Quartett (1968) verbinden sich motorische Elemente, pathetische Abschnitte und eine wild aufzuckende Rhythmik zu einem klangsinnlichen effektreichen Szenario. Die Koryphäen um die Primgeiger Irvine Arditti interpretierten diese Partitur mit nachtwandlerischer Sicherheit. Hier gelangen spieltechnisch Wunderdinge. In den ungarisch eingefärbten „Metamorphoses nocturnes“ (erstes Streichquartett) verbinden sich motorisch vibrierende rhythmische Muster und unregelmäßige Metren. Da hört man Anklänge an Bartóks Nachtmusiken und treibende Halbtonschritte – ein Szenario, das mit schimmernden Glissando-Harmonien bereits den reifen Ligeti wetterleuchten lässt. Schließlich widmeten sich die Musica-Nova-Spezialisten  noch einem Pionier der neuen Musik des vergangenen Jahrhunderts, Conlon Nancarrow, Weggenosse von Henry Cowell und John Cage. Sein drittes Streichquartett, komponiert l987, verriet einiges von seinen Ideen, den Tempoüberlagerungen, von der Vielfältigkeit gleichzeitiger Rhythmen und verschlungener Kanonstrukturen. Zu hören war auch Ligetis Horntrio (mit dem klangschön und sicher blasenden Niederländer Teunis van der Zwart, der Geigerin Isabelle Faust und Alexander Melnikov Klavier).

 

 

Bemerkenswert war der Kontext, in den György Ligeti gestellt wurde. Ein Werk von Johannes Brahms, das Trauer und Schmerz auf den Tod seiner Mutter reflektierende „Trio für Klavier, Violine und Waldhorn E-Dur op. 40“ und die erste Violinsonate op. 13 von Gabriel Fauré, ergänzten das Programm. Dass Fauré als ein musikalischer Feinzeichner gilt, wurde in der Wiedergabe von Isabelle Faust und Alexander Melnikov prägnant umgesetzt. Sehr präsent erschien das Waldhorn allerdings im Brahms Trio weniger. Zum hellen klanglichen Timbre der Violine und den rustikal artikulierten Klaviertönen von Alexander Melnikov könnte ein modernes Horn gezielter zur klanglichen Balance beitragen. 

 

 

Gerne gesehen ist die Bad Reichenhaller Philharmonie im Festival AlpenKlassik. Zu letzten Mal trat der demissionierende Chefdirigent Thomas J. Mandl ans Pult. Im uraufgeführten Konzert für Orchester des in Leipzig geborenen Jan Masanetz (er war Schüler von Manfred Trojahn und Wolfgang Rihm) wurden die Zuhörer mit dissonantem Aufruhr aufgerüttelt. Doch bald driftete das Geschehen in wuselige Gefilde. Bläser wetteiferten mit kantigen Motiven und blitzenden Einwürfen, die sich zu orchestralen Ausbrüchen verdichteten. Das rückwärts orientierte Stück kam den Erwartungen des heftig applaudierenden Publikums sicher entgegen. Ihr spieltechnisch brillantes Können stellte das Klavierduo Andreas Grau/Götz Schumacher im „Concerto pathétique“ für zwei Klaviere unter Beweis, dargeboten in einer Version mit begleitendem Orchester, die Stefan Heucke besorgte. Die gleiche Komposition, im Original für zwei  Klaviere solo, war vom Duo Grau/Schumacher in einem Recital zu hören. Da spürte man, dass  die Neugierde auf musikalische Abenteuer wach geblieben ist. Staunenswert die pianistischen Potenziale und die geistige Vehemenz  mit der das bruchlos aufeinander abgestimmte Duo in den drei Stücken für zwei Klaviere (l976) von Ligeti die Polyrhythmik und Polytempik in den Griff bekam. Hier liegt die Messlatte wahrlich hoch, zumal Ligeti nicht nur den großen Paten der Klaviertechnik nacheifert, sondern sie an Komplexität und Perfektion übertrifft.

 

 

Welch ein Solitär. In Europas Konzertsälen wird man der Chamber Music Society of Lincoln Center New York wohl kaum begegnen. Doch Klaus Lauer, der gewiefte Kulturmanager aus Badenweiler machte es möglich, nach einem programmatischen Gastspiel in New York sozusagen als Gegenbesuch die Kammervirtuosen (Wu Han, und Gilbert Kalish, Klavier, Lily Francis und Arnaud Sussmann Violine sowie die Cellisten Nicolas Altstaedt und David Finckel) für sein Festival in Bad Reichenhall einzuladen. In drei Konzerten präsentierten die Kammervirtuosen aus New York Edelsteine der Kammermusik. Über stilistische Querverbindungen, angefangen von Klassikern und Romantikern bis hin zu den US Repräsentanten, dem Avantgarde-Historiker, Experimentator und kauzigen Eigenbrötler Charles Ives und dem Nestor der jüngsten amerikanischen Moderne, dem 102-jährigen Elliott Carter, formte sich das schlüssig gebaute Programm der Lincoln Kammervirtuosen aus New York – ein spannungsgeladener Brückenschlag über Zeiten und Kontinente.

 

 

Dem Musikrevolutionär Charles Ives zu begegnen, der den schillernden Kosmos des amerikanischen Lebens auf so pittoresk kongenial einzufangen suchte, ist immer ein Vergnügen. Auf dem Programm stand seine zweite Klaviersonate, im Umfang und Anspruch eine außergewöhnliche Schöpfung aus den Jahren  l909 – 1915 - in der Tat ein viersätziges Monster. Es faszinierte, wie der aus New York stammende Pianist Gilbert Kalish flexibel alle interpretatorischen Freiräume nutzte, um aus den vielen fakultativen Vortragsanweisungen seine ganz spezifische Spielauffassung für den Abend zu präsentieren.  Über vielschichtige rhythmische Verschränkungen, rasante Ragtime-Texturen, aggressive Marschepisoden, choralartige Harmonien, kühn gebauten Cluster-Gebilden und mächtig aufrauschenden emotionalen Ausbrüchen formten sich die unterschiedlichsten Profile der Persönlichkeiten von Emerson, Hawthorne, Alcott und Thoreau. Sie alle wirkten zwischen 1840 und l860 in Concord, Mass. und huldigten einst sozial utopischen Experimenten.

 

 

Im Mittelpunkt des AlpenKlassik Festivals 2012 wird unter dem Motto „Ruhe und Eruption“ der mittlerweile sechzigjährige  Komponist Wolfgang Rihm stehen. Aus seiner Feder wird ein neues Werk unter dem Titel „Zwei Linien“ präsentiert, die seit dem Jahr 2000 als „work in progress“ – Widmungsträger Annette und Klaus Lauer – fortgeführt werden.

 

 

Egon Bezold

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


ALPENKLASSIK 2010

Mit Programmen, die von der Normalroute abweichen, hält der Musikmanger Klaus Lauer, seit dem er 2008 die künstlerische Leitung des Festivals Alpenklassik übernommen hatte, sein Publikum in Schach. Keine Frage: Bad Reichenhall  entwickelte sich so zu einer Oase in der alpenländischen Festivallandschaft, die von originellen kammermusikalischen Programmen zehrt. Hier gibt es abseits der publikumsträchtigen Hitparaden immer etwas zu entdecken.  Klaus Lauer weiß, was er seinen wissbegierigen Besuchern schuldig ist. Die rekrutierten sich nicht nur aus den Ehemaligen aus dem südbadischen Raum. Auch Besucher aus Reichenhall und Umgebung, aus dem Freistaat und anderen Teilen Deutschlands, besonders aus dem benachbarten Salzburger Land, machten dem Festival ihre Aufwartung.

Die Messlatte für das Anspruchsniveau der Veranstaltungen lag auch in diesem Jahr hoch. Man favorisierte rare Piecen der Kammermusik, aber auch avancierte Dinge, die in normalen Konzerten wohl kaum unter die Haube kämen. Zehn Konzerte lockten die Zuhörer in den historischen Festsaal des Alten Königlichen Kurhauses.

„Carte Blanche à Pierre-Laurent Aimard“ spiegelte den ersten Brennpunkt der Reichenhaller Dramaturgie in unterschiedlichen Facetten. Es ist eine besondere Spezialität des französischen Pianisten, Rezitals mit stilistisch spannungsvollen Kontrasten anzureichern, vor allem mit Querverbindungen, die Komponisten aus unterschiedlichen Zeitepochen und landspezifischen Perspektiven beleuchten. So wurden vier Konzerte im ersten Teil des Festivals geradezu zum Modellfall einer innovativ schlüssig gebauten Programmwahl.  Selbstbewusst trat das Kuss-Quartett, auch gern gesehene Gäste von den ehemaligen Musiktage in Badenweiler, auf das Podium. Zur viel bejubelten Kostbarkeit geriet das mit blühender Melodik, vibrierenden Rhythmen und fein schattierten Stimmungen ausstaffierte Klavierquintett op. 81 von Antonín Dvorák. Tief drang das Kuss-Team in die Geheimnisse von Franz Schuberts Streichquintett C-Dur D 956 ein -  die zweite Cello-Stimme versah Valérie Aimard. Da wurden all die schmerzlichen Befindlichkeiten, die melodischen Spannungen, mit großer Intensität ausgelostet. Beide Cellisten legten ein sattes Bassfundament. Die Farben der Streicher gewannen besonders an Leuchtkraft. Mit Feuer und Kalkül erschien Ludwig van Beethovens spätes F-Dur Quartett op. 135. Flexibel reagiert das Team auf die Stimmungsumschwünge, die von den prägnant artikulierten Mittel- und Bassstimmen immer wieder aufgeheizt werden. Das ergreifend verinnerlichte Lento assai gewann durch den warmen dunkel timbrierten, stets feinnervigen Quartett-Ton, der auch die subtilen Nuancierungen reflektiert

Musik zum Mitdenken, Musik zum Mitfühlen und zum Mitleiden: unter dieses Motto ereignete sich „Aimards Choice“. Die filigrane Ästhetik von Görgy Kurtágs „Játékok“ (Spiele) fand in diesem fabelhaften Anwalt für neue Musik einen Interpreten, der die Miniaturen frisch und unverzärtelt auslotete. Kurtágs aphoristisches Denken, das er ja mit dem seelenverwandten Anton Webern teilt, reflektiert einen geradezu neurotischen Zwang zum Kürzelhaften. Bravourös legte die Pianistin  Tamara Stevanovich Béla Bartóks 14 Bagatellen  hin.

Jeder Konzertabend überraschte mit veritablen Entdeckungen. So erwies Pierre Laurent Aimard dem Doyen der US Avantgarde, dem 102 Jahre alten Elliott Carter und seiner vertrackten Dissonanzen reichen Tonsprache, mit Piècen „90 plus“ große Ehre. Die Wiedergabe machte deutlich, dass der französische Pianist über jenen Grad an musikalischen Scharfsinn und Intelligenz gebietet, um anvancierte Musik zum Erlebnis werden zu lassen.

Schließlich wurde die Neugierde auf musikalische Abenteuer  auch durch die Duo Besetzungen Valérie und Pierre-Laurent Aimard erfüllt. Dank gleichgestimmter Einheit imponierte die im Spätsommer l915 entstandene Sonate für Violoncello und Klavier von Claude Debussy. Nuancenreich tönten die Ironismen im grimmassierenden Nachtstück (2. Satz Sérénade). Im weit ausschwingenden, glatt fließenden Finale fanden sich die Künstler zu eingehenden klanglichen Reflexionen zusammen. Die innere Lebendigkeit der Musik wurde zutreffend illuminiert.

In der Duo-Formation Tamara Stefanovich und Pierre Laurent Aimard mangelte es der Sonate für zwei Klaviere op. 34 b von Johannes Brahms keinesfalls an kräftigen Akzenten, an prägnanter Artikulation und feuriger Attacke. Kontrastreich gelang den Interpreten das spannungsvolle Changieren zwischen Forte und Piano. Obwohl das Duo Stefanovich und Aimard  Mozarts Sonate KV 448 auf zwei modernen Flügeln musizierte, entfernte sich die Wiedergabe weit von einer orchestralen Überfütterung der Noten. Hier war nicht Romantisierung gefragt, sondern die Zielrichtung eines klassizistischen Ideals.

„Übergänge, letzte Romantik“ signalisierten den zweiten Abschnitt der sehr gut besuchten  Konzerte von AlpenKlassik in Bad Reichenhall.  Da wurden Stimmungen des Aufbruchs und Umbrüche an der Wende vom 19 zum 20. Jahrhundert beleuchtet wie sie beispielhaft das Schaffen von Alexander Zemlinsky offenbart. Der Komponist war lange Zeit unschuldig vergessen. Erst die Retrospektive im Grazer „Steirischen Herbst“ l974 leitete eine zögernde Rehabilitierung ein. Die kompositorischen Qualitäten des in die USA Emigrierten und dort in New York l942 verstorbenen Wegbereiters der neuen Wiener Schule (er gehörte ihr allerdings nicht an) kamen viel zu spät ans Tageslicht. Zemlinsky war ein resignierender Zeuge einer mittlerweile beschädigten Tonalität. Wenn die Formation des Streichquartetts die „kompositorische Königsdisziplin“ schlechthin ist, so braucht man sich um die „Qualifikation“ der jungen und jüngeren Garde wohl keine Sorgen zu machen. Als ein Team von lobenswerter Homogenität und vitaler  Musizierfreude gastierte das Prager Zemlinsky Quartett in Reichenhall, u.a. mit dem dritten Streichquartett op. 19 (1924) ihres Namensvetters Alexander Zemlinsky. Da ließen rhythmische Kühnheiten aufhorchen, thematisch dichte Verarbeitung sowie sich distanziert äußernde Leidenschaftlichkeit des Ausdrucks. Spürbar wurde auch wie Zemlinksy quasi hinter Masken versteckt nach der Katastrophe des Ersten Weltkrieges das Auseinanderfallen der Gesellschaft und damit auch den Verlust eines Miteinanders zu zeichnen versucht. Berührungsängste lassen den Komponisten auch in Rollen schlüpfen, die als Spiel mit Masken erkennbar bleiben (Vgl. Horst Weber in „Streichquartette von Zemlinsky“, Kassette Deutsche Grammophon).

Josef Suks monumentales einsätziges Quartett op. 31 (l911) wurde straff musiziert, dennoch gelöst und klangfarblich höchst sensibel. Der Komponist könnte sich wohl kaum engagiertere Botschafter für seine suggestiven Klänge wünschen. Deutlich schält sich hier die Nähe zu Arnold Schönbergs erstem Quartett heraus, nicht zuletzt durch den substanziell radikalen Anspruch, durch den schroffen Tonfall.

Für nachklingende Musikerlebnisse sorgte auch das aus den Vereinigten Staaten stammende,  internationalen Ruhm genießende Pacifica  Quartett, das vor einigen Jahren alle fünf Streichquartette anlässlich der legendären Musiktage im Römerbad in Badenweiler spielte. In Elliott Carters erstem Streichquartett aus dem Jahr l951 öffnen sich durch raffinierte Gruppierung der vier Streichquartette zu Duo-Formationen weite sinfonisch anmutende Landschaften. Man spürt, wie der Nestor der amerikanischen Avantgarde mit seinen hochvirtuosen Klängen das strukturelle Gefüge bis in die letzten Winkel auf das Minutiöseste fixiert hat. Kühn gebaute Klangstrukturen und dissonante Reibungen lassen aufhorchen.

Den klassischen Kontrapunkt zu der exzessiven Quartett-Intention Carters besorgte das Pacifica Quartett mit dem cis-Moll Quartett op. 131, das Ludwig van Beethoven in den suitenartig aneinander gereihten Abschnitten auf das Komplizierteste miteinander verzahnt. Das Stimmengewebe gewann prägnante Konturen. Da wurden mit wohl kalkulierter Emotionalität die Riesenlandschaft durchmessen und die Satzcharaktere im schwer durchschaubaren Quartett getroffen. Das Presto geriet zum Kabinettstück spieltechnischer Präzision. Subtil ausgeformt wirkte die Eingangsfuge. Innere Ruhe verströmten die schier endlos sich hin dehnenden Variationen, während der Finalsatz von bohrender überredender Kraft und beispielhaftes Standvermögen kündete.

Als Ausdruck der Beweglichkeit, des Unterwegssein, auch als Aufbruch in neue Klanglandschaften, vermittelte der Liederabend von Hedwig Fassbender interessante Perspektiven. Mitreißend gestaltete die in Fankfurt lehrende Professorin mit dem hellhörig begleitenden Florent Boffard Arnold Schönbergs fünfzehn George-Lieder „Das Buch der hängenden Gärten“ op. 15. Für den Komponisten waren die George-Lieder ja im Zeichen des inneren Aufruhrs und der errungenen stilistischen Freiheit das stützende Gegengewicht, ein notwendiger Ausdruck ästhetischer wie auch pädagogischer Autorität. Beeindruckend wie Hedwig Fassbender mit ihrer dunkel timbrierten  Stimme den tragischen Ausgang, Ausdruck des damaligen Lebensgefühls von Arnold Schönberg, hörbar machte.

In emotionale Tiefen lotete die bewegend gestaltete Abschiedsszene aus Gustav Mahlers „Lied von der Erde“. Das geschah in der Klavierfassung des Komponisten, die parallel zur Ausgabe für Orchester entstand und im Vergleich zur hörgewohnt großformatig besetzen Version dem Interpreten anders geartete Perspektiven eröffnet.

Schließlich erwies sich der Pianist Dénes Várjon als ein fulminant aufspielender Streiter für die im spät romantischen Aufriss erscheinende moderne Aufbrüche: zu hören war neben Bartóksche Elegien und farbreicher Scriabin Sonate Nr. 5 auch in Fortissimo-Trunkenheit hochschäumende Werke von Franz Liszt - seine h-Moll Sonate, ferner die Lisztsche Adaption von Wagners „Isoldes Liebestod“ und mit dramatischen Steigerungswellen und dicht gedrängten Strukturen angelegte  Klaviersonate op. 1 von Alban Berg. Alle harmonischen wie rhythmischen Kühnheiten werden technisch untadelig und stilistisch geschmackvoll interpretiert.

Der große Publikumsrun ereignete sich bei den beiden Konzertabenden der Emersons, die seit den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts unverbrüchlich die Treue zu Klaus Lauers Konzertexpeditionen halten.

Nun zählen die Emersons ja zu jenen Quartett-Formationen von denen man Außergewöhnliches erwarten darf. Fünfunddreißig Jahre leuchten diese Sterne am Quartett-Himmel. Vom personellen Wechsel, von dem namhafte Vereinigungen oft genug konfrontiert werden, blieben die Emersons verschont. Fünfunddreißig Jahre in musikalischer Harmonie vereinet zu sein, sozusagen eine glückliche Ehe im Quartett zu führen, das verdient allen Respekt.

Mit Anton Webern, Arnold Schoenberg (Streichsextett „Verklärte Nach“t mit Matthew Hunter zweite Viola und Roberta Cooper zweites Cello) und Alban Bergs kühnem Opus 3 wurde die zweite Wiener Schule vorgeführt: ein Spiel von fabelhafter Einheitlichkeit, angefangen von der Wahl der Tempi und Phrasierung bis hin zur akkurat dosierten Behandlung und Nutzung des Bogens. Was die formale Beherrschung, die Schnörkellosigkeit der Phrasierung und Klarheit der Durchzeichnung betrifft, ist das immer wieder ein Ereignis.

Die Emersons geizten nicht mit Spürsinn, mit Eifer und Musizierfreude, um mit untrüglichem stilistischem Geschmack eine wohlige böhmische Atmosphäre in den prächtigen alten Saal  zu zaubern. Da schwang im Streichquartett op. 106 (l895) einiges mit von der Hochstimmung und der Schaffensperiode als Antonìn Dvorák aus den USA zurückkehrte. Wie genüsslich rollte das Viererteam doch den Klangteppich aus: musikantisch, empfindsam, mit sicherem Instinkt für all die kleinen Rückungen, Ritardandi und Rubati. Im zündenden Rondo Finale, das mit einer überschäumenden Stretta zu Ende geht, erlebte man im Rückblick alle Kontraste und Feinheiten dieser glücksprühenden Komposition.

„Denken Sie sich einen Jungen, der verliebt ist“ ließ Antonín Dvorák seinem Verlegen wissen als er aus seinem 1865 komponierten Liederzyklus „Zypressen“ zwölf umgearbeitete Sätze für Streichquartett avisierte. Es war die unerwiderte Liebe zur Schauspielerin Josephina Cermaková, die den jungen Dvorák zu diesem Zyklus inspirierte. Wer nach Folklorismen Ausschau hält, wird enttäuscht, denn er junge Dvorákl huldigt hier eher einer romantisch eingefärbten Sehnsucht. Eine Auswahl aus diesem Zyklus stellte das Emerson Quartet als Eröffnungsstück ihres ersten Konzertes in eine wehmütig-sehnsuchtsvolle, verhalten-empfindsame, aber nicht tränennahe Stimmung. Der junge Dvorák durfte schwelgen und von Glückseligkeit träumen.

Wie geht es weiter in Bad Reichenhall? Sorgen bereitet den Veranstaltern die unmittelbare Platzierung synchron zu den übermächtigen Salzburger Festspielen. Grund genug, die nächste Ausgabe von AlpenKLASSIK 2011 in die letzte Oktober-Woche zu verlegen

Egon Bezold 
 

 

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