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ARIADNE AUF NAXOS - 2.) Meinung

 

Belanglos und langweilig

Einen zwiespältigen Eindruck hinterließ die Neuproduktion von Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ - Premiere war bereits am 18. 2. 2012 -, mit der das Festspielhaus Baden-Baden seine diesjährigen Winterfestspiele eröffnete. Einmal mehr wurde deutlich, dass es bei weiten nicht ausreicht, ein paar international berühmte Namen zu versammeln, um dem Prädikat „festspielwürdig“ zu genügen. Nein, dazu gehört wahrlich mehr als ein renommiertes Staraufgebot zu präsentieren. Dass der Abend - besucht wurde die zweite Vorstellung am 22. 2. 2012 - insgesamt nicht gerade den Eindruck einer Gala hinterließ, lag in erster Linie an der sehr oberflächlichen und letztlich verfehlten Regie von Philippe Arlaud, der auch für das Bühnenbild verantwortlich zeigte. Dieses kann man allerdings als durchaus gelungen bezeichnen. Die steril anmutende Bühne wird im Vorspiel von einigen zylinderförmigen Wänden beherrscht, deren gewundene Fläche wohl an die Labyrinthsage erinnern und vielleicht auch die Wellen des Meeres rund um die Insel Naxos symbolisieren sollen. Links befindet sich ein Schminktisch mit Spiegel, rechts sieht man in einem Verschlag einige Musikinstrumente und in der Mitte ist auf einem hölzernen Aufbau ein Flügel platziert. Nach der Pause sind die Zylinder an die Seiten verschoben. Eine den Raum im Vorspiel quer aufteilende Zwischenwand geht hoch und gibt den Blick in die volle Tiefe der Bühne frei. Im Hintergrund ragt ein riesiger Naturprospekt auf, vor dem die Gäste des „reichsten Mannes von Wien“ untätig auf Stühlen sitzend das Geschehen verfolgen. Da das Spiel entgegen der Anordnung des Hausherrn zu lange dauert, verlässt diese Schicki-Micki-Gesellschaft noch vor Schluss der Oper ihre Plätze, um dem von ihrem Gastgeber angesetzten Feuerwerk beizuwohnen, das noch vor dem Ende der Oper im Backround veranstaltet wird. Die Truppe spielt das Stück ohne Zuschauer zu Ende, ein nicht gerade gelungener Einfall von Herrn Arlaud, den man nicht gerade zu den Größen der Regiezunft zählen kann. Mag sein ästhetisches und stimmungsvoll ausgeleuchtetes Bühnenbild noch durchaus ansprechender Natur sein, als Regisseur hat er auf der ganzen Linie versagt. Was er zu bieten hatte, war gleichsam eine Nichtinszenierung, deren konzeptionelle und handwerkliche Schwächen vor allem im zweiten Teil offenkundig wurden. Ging das Vorspiel noch relativ solide über die Bühne, war dann in der eigentlichen Oper auf der Bühne überhaupt nicht mehr viel los. Arlaud verweigerte sich dem Werk in jeder nur erdenklichen Art und Weise und beschränkte sich auf eine simple Einrichtung von Szene und Arrangement. Belanglos inszenierte er an dem Werk entlang und versagte ihm jegliche Ausdeutung. Was hätten andere Regisseure mit dem stückimmanenten sozial- und gesellschaftskritischen Gehalt wohl angefangen? Daran darf man gar nicht denken. Arlaud lässt diese zentralen Aspekte jedenfalls gänzlich außen vor und nutzt keine Gelegenheit, seine Produktion irgendwie interessant zu gestalten. Es drängte sich der Eindruck einer ersten Probe auf, bei der alles nur mal so ungefähr gestellt wird und eine tieferschürfende Ausdeutung noch aussteht. Nur wenige Ideen des Regisseurs sind überzeugend. Zwar macht es durchaus Sinn, dass der Komponist während der Ariadne-Oper immer wieder mit letzten Anweisungen an seine Sänger für deren Auftritte dazwischenfunkt. Total unverständlich war dagegen, warum Ariadne von dem wohl nur in ihrer Erinnerung vorhandenen Minotaurus auf einer Zeltplane über die Bühne geschleift wird. Auch die Charakterzeichnungen blieben sehr oberflächlich und die ausgesprochen linkische Personenregie war eigentlich gar keine. Arlaud konnte mit seinen Sängern praktisch nichts anfangen und erwies sich als unfähig, Beziehungen unter den Personen aufzubauen. Zwischen den Handlungsträgern fand strenggenommen überhaupt kein Austausch statt. Jeder stand oder saß mehr oder weniger für sich allein und darüber hinaus oft noch stocksteif da und spulte seine Noten ab, ohne dabei auf die anderen Protagonisten sonderlich einzugehen. Das Stück verkam bei Arlaud so zu purem Rampensingen, zu einer inszenatorischen Nullnummer. Gähnende Langweile war die Folge und ließ die Vorstellung nach der Pause praktisch zu einer konzertanten Aufführung abdriften. Am Ende breitet sich zudem Kitsch pur aus, wenn die Mondscheibe zu einem blendenden Lichtkosmos mutiert, dessen Zentrum Ariadne und Bacchus auf der Suche nach neuem Liebesglück in trauter Zweisamkeit entgegenschreiten. Was einem hier geboten wurde, war ausgemachter szenischer Dilettantismus und alles andere als festspielwürdig.

Es war sicherlich der unausgegorenen Regie zu verdanken, dass sogar die große Renée Fleming an diesem Abend nur bedingt überzeugen konnte. Schon in der Rolle der Primadonna im Vorspiel war sie nicht sehr auffällig. Und dann als Ariadne fand sie, von Arlaud schmählich im Stich gelassen, in keinem Augenblick zu ihrer Rolle. Gesungen hat sie freilich prachtvoll. Sie ist ohne Übertreibung eine der ersten Strauss-Sängerinnen unserer Tage. Wunderbar, wie sie ihren silbern schimmernden, leicht ansprechenden und gefühlvollen Sopran insbesondere in den Höhen aufblühen ließ und dabei den Farben- und Nuancenreichtum ihrer prachtvollen Stimme aufs Trefflichste herausstellte. Lediglich die tiefen Töne hätten etwas profunder klingen können. Das Fehlen einer führenden Hand schlug auch bei dem recht hölzern wirkenden Bacchus von Robert Dean Smith negativ zu Buche, der zudem mit seinem jeder soliden Körperstütze abholden und flach geführten Tenor auch gesanglich nicht zu überzeugen vermochte. Mit den Erfordernissen einer vorbildlichen italienischen Technik scheint dieser international weit überschätzte Sänger genauso wenig vertraut zu sein wie Jane Archibald, die typmäßig für die Zerbinetta ausgezeichnet passte und auf ihre Weise auch die extrem schwere Arie „Großmächtige Prinzessin“ mit leichter und flexibler Tongebung bewältigte. Aber auch ihr Sopran ist recht flacher Natur und sollte besser im Körper verankert sein. Eine hervorragende Leistung erbrachte Sophie Koch, die einen bestens focussierten, warmen und emotionalen Mezzosopran für den Komponisten mitbrachte, der zu ihren absoluten Glanzrollen zählen dürfte. Und über was für phantastisches Baritonmaterial verfügte doch Eike Wilm Schulte, der zu den ersten Vertretern des Musiklehrers gehört. Der Sprechrolle des Haushofmeisters verpasste René Kollo einen herrlich bornierten und snobistischen Anstrich. Kräftig und markant sang Nikolay Borchev den Harlekin. Einen unterschiedlichen Stimmstandart wiesen seine Mitstreiter in dem wohl aus Großbritannien stammenden Komödiantenteam  Kenneth Roberson (Scaramuccio), Steven Humes (Truffaldin) und Kevin Connors (Brighella) auf. Von den drei Nymphen gefiel die über einen vollen Mezzosopran verfügende Dyrade von Rachel Frenkel besser als die stimmlichen Leichtgewichte Christina Landshamer (Najade) und Lenneke Ruiten (Echo). Mit sonorer Baritonstimme wertete Roman Grübner die kleine Rolle des Lakaien auf, und auch David Jerusalem verlieh der winzigen Partie des Perückenmeisters vokal einiges Gewicht. Den Tanzmeister gab der sehr dünn singende Christian Baumgärtel mehr schlecht als recht. Als Offizier war Michael Ventow zu erleben.

Die Stars des Abends aber waren Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle Dresden, denen eine überragende Leistung zu bescheinigen ist. Der Dirigent schlug recht bedächtige Tempi an, was  insbesondere dem Vorspiel einiges an der von anderen Pultmeistern her gewöhnten Hektik nahm. Da wurde über nichts hinwegdirigiert, sondern fein zelebriert, und das bei einem durchweg konstant bleibenden kammermusikalischen Grundton. Das gilt auch für die eigentliche Oper, bei der der Dirigent und die Musiker genüsslich in den herrlichen Strauss’schen Kantilenen schwelgten, die sie regelrecht zum Blühen brachten und mit viel Gefühl präsentierten. Dabei gelangen Thielemann sehr eindringliche Nuancierungen und eine feine Auffächerung der breiten Farbpalette der Partitur. Zudem achtete er stets auf größtmögliche Transparenz und machte innerhalb des berauschenden Klangteppichs viele Einzelheiten hörbar, die sonst oft untergehen. Sowohl heitere als auch ernste Momente wurden von ihm trefflich ausgelotet und zu einer wunderbaren Symbiose vereint. Dabei fiel die Spannung nie ab. Im Gegensatz zur Szene stellten sich in der Musik nie Leerläufe ein. Da wirkte alles wie aus einem Guss und wurde hochkompetent und mit großer Intensität dargeboten.

Ludwig Steinbach

 

 

 

Ariadne auf Naxos

Premiere am 18.03.2012

Zwiespältiger Eindruck der neuen Ariadne: musikalisch höchstklassig; regiemäßig flach

Ariadne auf Naxos ist unter den Werken des Hauptrepertoires zwar bei weitem nicht eines der meist gespielten, aber mit Sicherheit eines der originellsten, das literarisch und musikalisch Opern(un)arten von Lullys Bourgeois Gentilhomme bis zu hochsophistischer postwagnerscher Motivverflechtung verarbeitet und von von der Parodie bis zum Bierernst reicht. Da werden in gut zwei Stunden drei Opern mit dreizehn Darstellern miteinander verquickt und es sollte keine Sekunde Langeweile aufkommen, ja wenn … ja wenn nicht Philippe Arlaud der Regisseur wäre, dessen Inszenierung den Verdacht nahelegt, dass er zu einer tiefer gehenden Beschäftigung mit Text und Partitur keine Zeit hatte, denn da wurde vor allem im zweiten Teil nur irgendwie der Text abinszeniert.

Dabei kommt das Vorspiel noch ganz unterhaltsam, gefällig und munter daher, wenn auch ohne großen Neuigkeitswert. Arlaud hat sich seine eigene Bühne gebaut. Man sieht als seitliche Begrenzungen je zwei große weiße bühnenhohe Zylinder. Die Handlung spielt auf der Vorderbühne, die nach hinten durch wiederum weiße senkrecht gewellte Elemente abgeschlossen ist. Dies ist in etwa die Halle im Hause des reichsten Mannes von Wien, wo man eine Opernaufführung vorbereitet. Noch in Bretterverschlägen stehen da Musikinstrumente, Requisiten und ein Stutzflügel herum sowie ein großer Schminkspiegel mit Tisch. Die Kostüme von Andrea Uhmann verweisen auf die Entstehungszeit der Oper. Die Hauptfiguren treffen nach und nach ein, zuletzt Harlekin mit seinen drei Zeitgenossen in englischen Reiseanzügen und braunen Lederkoffern. Das Ganze ist hübsch mit Statisterie garniert, die in sehr ineffektiver Weise laufend irgendwelche Zutaten für das spätere Essen über die Bühne schleppen. Schön ist der Stimmungsumschwung des Komponisten durch die plötzlich Anlehnung suchende Zerbinetta herausgearbeitet. Was dann folgt, ist eher ungewöhnlich für die Ariadne: eine Pause. Die reißt das Werk ziemlich schnöde auseinander, aber am Festspielhaus, wo man den Spielbetrieb ohne öffentlichen Zuschuss gestaltet, kann man schon Verständnis für den Zusatznutzen der Pauseneinnahmen aufbringen.

Zur „eigentlichen“ Oper wird die Mittelbegrenzung der Bühne hochgezogen; der Blick auf je sechs weitere weiße Zylinder wird frei, die eine sich nach hinten erhebende und verengende Treppe einschließen, hinter der der Prospekt mit der Möglichkeit, Landschaften zu projizieren, die Bühne abschließt Oben auf dieser haben die Gäste der Gönners Platz genommen und müssen der Oper zuschauen: uniforme Bürger in Frack bzw. grünlich Abendkleidern und roten Perücken. Sie sehen dem Beginn der Ariadne-Oper gelangweilt zu. Die drei Nymphen entschälen sich in goldenen Flitter gekleidet aus ihren schmuddeligen Kitteln. Beleuchtungsfarbenwechsel auf den weißen Kulissen; Harlekin und Genossen in bunten Hosen, Ringelhemden und Clown-Hüten vervollständigen den Eindruck eines sehr grob gezeichneten provinziellen Revuetheaters  Jeweils vor Einsatz der heroischen Szenen der Oper eilt der Komponist herbei und weist noch schnell die Darsteller anhand der Noten an, sein Werk ernst zu interpretieren. Bei den Zuschauern erweckt erst das „Großmächtige Prinzessin!“ der Zerbinetta Interesse: Die Männer kommen die Treppe herunter und nähern sich sehr zum Verdruss ihrer Ladies verehrerisch der Primadonna. Danach sind die Zuschauer allesamt verschwunden. --- Interaktionen zwischen den spielenden Personen, wie sie die Musik suggeriert, werden nicht in Szene gesetzt. Im Gegenteil, wo es doch beim Personal gerade um ein Ineinanderübergehen und Grenzüberschreitungen geht, separiert Arlaud die Personenscharf je nach ihrer Herkunft und lässt sie gar nicht aufeinander eingehen. Hinzu kommt eine ungelenke steife Personenführung. An dieser Stelle wäre eine konzertante Aufführung besser gewesen, weil der Zuschauer da nicht versucht ist, die Inszenierung zu hinterfragen: zum Beispiel, warum ein Minotaurus auftritt, der die Ariadne zum Wiederauftritt auf einer Zeltplane auf die Bühne schleift. Zum Schluss scheint der Mond aus dem Bühnenprospekt und wandelt sich in das Licht um, in welches hinein Ariadne und Bacchus abgehen; na ja…

So wie die Inszenierung zum puren Langweiler absinkt, bleibt die musikalische Darbietung konstant auf hohem bis höchstem Niveau. Christoph Thielemann am Pult  einer so gut wie perfekt aufspielenden Auswahl der Dresdner Staatskapelle zeigte eindrücklich, dass er nicht nur den Strauss‘schen Grossapparat zu nuancieren versteht, sondern auch die kammermusikalischen Aspekte der Ariadne-Partitur und deren Witz umsetzen kann. Im Vorspiel präsentierte er ein transparentes Geflecht der Hauptmotive und führte es das Orchester zu einem rauschenden ersten Finale. Im zweiten Teil kommt dann musikalisch aus dem Graben, was auf der Bühne nicht thematisiert wird: das Durchwirken von Charakteren und deren Motiven. Dazu das ganze Spektrum von feinnerviger Eleganz bis zur wagnerischen Schwere.

Für die Bühne war ein hochkarätiges Ensemble aufgeboten. René Kollo, der in letzter Zeit wieder etliche Gesangsrollen übernommen hatte, genügte das wohl nicht. Er gab einen perfekten Haushofmeister, vollendet in der Form und schön sonor gesprochen. Fast wie ein Antityp neben ihm wirkte Eike Wim Schulte als Musiklehrer wie ein etwas schmuddliger Impressario mit großem Spielwitz und überlegener Stimmgestaltung! Sophie Koch als Komponist kam etwas zögerlich in die Rolle, aber je kantabler sie wurde, desto mehr ließ sie ihre Stimme aufblühen und wurde dann zu Recht als eines der Glanzlichter des Abends bejubelt. Auch Renée Fleming kam im Parlando des Vorspiels nicht so zu Geltung, wohingegen sie im zweiten Teil bestätigte, dass sie die führende Strauss-Sopranistin unserer Zeit ist. Ihre Vorstellung als Feldmarschallin in Baden-Baden vor drei Jahren ist noch unvergessen. Aber in der Ariadne kann sie zusätzlich im tiefen Register schöpfen, noch besser farblich gestalten und zu ihren betörenden Höhen aufsteigen. Vor allem gegen Ende der Oper amalgamiert sie ihre Stimme in einer Art und Weise mit der Orchestermusik, dass man meinen könnte, Strauus habe die Partie der Ariadne für sie persönlich geschrieben. Die Regie hat sie nur in einen schwarzen Schleppenmantel über einem roten Kleid gehüllt und auf der Bühne meist allein gelassen. Jane Archibald schlug sich achtbar mit ihrer Bravourarie, für die sie Szenenapplaus bekam, aber ganz fehlerfrei kam sie nicht über die Runden. Robert Dean Smith gab einen strahlenden Bacchus. Er musste im weißen Dreiteiler mit einem togaartig übergeworfenen Bettlaken auftreten, das er erst ganz zuletzt ablegte. Ihm liegt wohl diese Rolle besonders: seine warme baritonale Mittellage konnte er sehr gut mit Ausflügen in die Spitzenlagen verbinden. Traumhaft schön sang das Trio der Nymphen aus Christina Landshamer (Najade), Rachel Frenkel (Dryade) und Lenneke Ruiten (Echo). Ihr  „Töne, töne, süße Stimme“ wirkte noch lange nach. Nicht ganz so homogen, aber dennoch überwiegend luxuriös besetzt das Quartett aus der Commedia dell’arte mit Nikolay Borchev (Harlekin), Kenneth Roberson (Scaramuccio), Steven Humes (Truffaldin) und Kevin Conners (Brighella). Der Tanzmeister des Christian Baumgärtel wirkte daneben sehr schmal. 

Das Festspielhaus war annähernd ausverkauft. Das musikalische Personal erhielt anhaltend großen Beifall; auch die Regie wurde höflich bedacht. Weitere Vorstellungen am 22. und 25. Februar.

Manfred Langer, 20.02.2012

Fotos: © Andrea Kremper

 

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