DON GIOVANNI
Mit einer
konzertanten Aufführung von Mozarts „Don Giovanni“ wurden die diesjährigen
Baden-Badener Sommerfestspiele glanzvoll eröffnet. Dirigent Yannick
Nezet-Seguin setzte zusammen mit dem Mahler
Chamber Orchestra auf einen leichten, locker dahinfliessenden und
unspektakulären Mozart-Klang, wobei er mehr die lyrischen als die dramatischen
Akzente betonte. Insbesondere bei den ersten Takten des Vorspiels und der Szene
des Steinernen Gastes wären etwas mehr Wucht und Fulminanz schön gewesen.
Sängerisch
wies die Aufführung wahrlich Festspielniveau auf. Für die Titelpartie konnte
einer der ersten internationalen Rollenvertreter gewonnen werden, nämlich Ildebrando D’ Arcangelo, der mit
wunderbar sonorem, erotisch eingefärbtem und in jeder Lage gleichermaßen gut
ansprechendem Bass die legitime Nachfolge des großen Cesare Siepi antrat. Das
war eine hervorragende Leistung! Als Leporello stand ihm der kräftig und
versiert singende Luca Pisaroni in
Nichts nach. Auch er verfügt über einen vorbildlichen Stimmsitz und eine große
Farbpalette. Indes scheint es sich bei ihm mehr um einen Bariton als um einen
Bass zu handeln. Jedenfalls ist sein Timbre um einiges heller als das von D’
Arcangelo. Mit ausladender, bestens gestützter Bassstimme trumpfte Vitalij Kowaljow als Commendatore imposant
auf. Angenehmes Stimmmaterial brachte Konstantin
Wolff für den Masetto mit. Ein Hochgenuss war es, Rolando Villazon zuzuhören, der sich mit dem Don Ottavio etwas
abseits von seinem angestammten Fach bewegte, dennoch aber voll überzeugen konnte.
Er setzte seinen virilen, prächtig focussierten Tenor intensiv und
abwechslungsreich ein, wobei er auch die eklatanten Koloraturen von „Il mio
tesoro intanto“ bravourös bewältigte. Nicht nur hier wurde deutlich, dass der
Ottavio in Villazons Interpretation kein verweichlichter Schwächling ist,
sondern ein ganzer Mann, bei dem Entschlusskraft und Gefühl nahe beieinander
liegen. Das „Dalla sua pace“ begann er vollstimmig und robust, um erst bei der
Wiederholung dieser Phase in ein zartes, emotionales Piano zu verfallen. Es
wäre interessant, ihn einmal in einer szenischen Aufführung in dieser Partie zu
erleben. Seit der Geburt ihres Kindes ist die Stimme von Diana Damrau fülliger und runder geworden, was ihrer Donna Anna gut
zustatten kam. Sie verfügte sowohl über die nötige Dramatik, um das „Or sai chi
L’onore“ eindrucksvoll zu bewältigen, als auch über schöne Piani und gute
Legatofähigkeiten, was ihr „Non mi dir“ zu einem Ereignis werden ließ. Übertroffen
wurde sie indes von Joyce DiDonato,
die sich als Donna Elvira mit ungemein kräftigem und dramatisch anmutendem
Mezzosopran mächtig ins Zeug legte und sowohl die Rachefurie als auch die
verzweifelt liebende Frau durch differenzierte und nuancenreiche Tongebung
glaubhaft zu vermitteln verstand. An das hohe Niveau des übrigen Ensembles
konnte Mojca Erdmann leider nicht
anknüpfen. Die Sängerin stattete die Zerlina mit einem ziemlich variablen
Stimmsitz aus. In der tieferen Lage und bei Stellen, bei denen sie ihre Stimme
breit dahinfließen lassen konnte, wies ihr Sopran eine leidliche Körperstütze
auf. So gefiel sie beispielsweise im Duett mit Don Giovanni „La ci darem la
mano“ recht gut. In der Höhe und bei schnellen Parlandotempi, wie sie z. B. das
„Giovinetti che fate all’ amore“ verlangt, klang die Stimme dagegen sehr dünn. Sie
sollte daran arbeiten, ihren Sopran ganz in den Körper zu bekommen. Solide
entledigte sich der Chor seiner Aufgabe.
Ludwig Steinbach
SALOME
Interessantes Stilgemisch
Mit
einer gelungenen Neuproduktion von Strauss’ „Salome“ wurden die diesjährigen
Baden-Badener Pfingstfestspiele eröffnet. Nun kann man diese Oper auf die
verschiedenste Weise in Szene setzen: klassisch, zeitgenössisch oder
begrifflich. Darüber war sich Regisseur Nikolaus
Lehnhoff sehr wohl im Klaren. Letztlich entschied er sich aber nicht für
eine dieser Darstellungsformen, sondern braute kompromissbereit ein Ragout
zusammen, das für jeden Geschmack etwas enthielt. Zusammen mit Bühnenbildner Hans-Martin Scholder und
Kostümbildnerin Bettina Walter
versah er das Werk gekonnt mit konventionellen, modernen, abstrakten und sogar
fernöstlichen Elementen - ein sehr interessantes Stilgemisch, das dem Ganzen
ein ungemein abwechslungsreiches Gepräge gab. Klassisch-archaisch mutete das
aus verschiedenen steinernen Wandfragmenten bestehende Bühnenbild an, in die
der Bühnenbildner augenzwinkernd immer wieder einige Kacheln der Jetztzeit
geschmuggelt und auch dem eleganten Sportwagen der Königsfamilie einen
Parkplatz angewiesen hat. Der auf diese Weise dargestellte, sich bis in den
Zuschauerraum erstreckende Palast des Herodes ist nur noch eine bessere Ruine,
ein äußeres Zeichen für die ausgeprägte Dekadenz seiner Bewohner, die ausweglos
dem Untergang geweiht sind. Hinter ihm ragt ein dreieckiges Segel auf, das im
Lauf des Abends verschiedene Farben annimmt. Der Hofgesellschaft wird ein ziemlich
modernes Outfit verpasst. Man trifft sich offenbar gerade auf einem der öfters
abgehaltenen Gesellschaftsabende, dem die gelangweilte, im roten Partykleid
auftretende Salome genervt entflieht und lieber die ihr noch fremde japanische
Kultur neugierig unter die Lupe nimmt, die ihr Jochanaan vermittelt. Der
Prophet wird vom Regisseur rein äußerlich als Samurai mit Glatze und
hochstehendem Harrschopf gedeutet, der sich anscheinend nur so zum Spaß mal
nach Jerusalem verirrt und Wüstenkleidung angelegt hat. So aufgemacht bildet er
einen Fremdkörper in der schicken, aufgedonnerten Gesellschaft. In seinem
eifernden Gehabe gibt er sich indes sehr konventionell. Dass sich Salome von
diesem seltsamen Fremdling wie magisch angezogen fühlt, ist verständlich. Ihren
Schleiertanz, bei dem sie ihre Oberkleider ablegt und schließlich in einem
bunten Untergewand die Empore des Palastes stürmt, bewältigt sie in
althergebrachter Manie. Wenn sie Herodes in ihre Darbietung mit einbezieht und
auf einmal beginnt, mit ihm gemeinsam zu Walzerklängen auch einen Walzer zu
tanzen, erweist sich, dass Lehnhoff beim Regieführen auch auf die Musik hört.
Da hat er so manchem seiner Kollegen was voraus. Salomes Szene mit dem Kopf
bringt nichts Neues. Insgesamt mutet die Personenregie in ihrer Gesamtheit
recht konventionell an, indes aber auch ungemein ausgefeilt und stringent. Der
Regisseur kann mit Sängern ausgezeichnet umgehen und vermag sie spannend und
kurzweilig zu führen. Da wird der Einfluss seines Lehrers Wieland Wagner,
dessen Assistent Lehnhoff in den 1960er Jahren war, nur allzu deutlich.
Eine Glanzleistung erbrachte
Stefan Soltesz am Pult, der Strauss’
Oper zusammen mit dem Deutschen
Symphonie-Orchester Berlin ungemein abwechslungsreich und vielschichtig
auslotete. Wo viele andere Dirigenten mit ungeheuren Orchesterausbrüchen aufwarten,
nahm er die Lautstärke oft zurück und gab einem subtilen, weichen und
kammermusikalischen Ton den Vorzug vor aller Kraftmeierei. Das Werk mehr innig
und lyrisch als dramatisch interpretierend, setzte er zudem auf eine reiche
Farbpalette, die er gekonnt an die Oberfläche brachte und den gesamten
Klangteppich sehr differenziert und nuancenreich erblühen ließ. Nicht der sich wie
wild aufbäumenden erwachenden Sexualität der jüdäischen Prinzessin frönte der
Dirigent, sondern betonte mit den seine Intentionen einfühlsam umsetzenden
Musikern ihre große Unsicherheit und das vorsichtige Erkunden des ihr neuen
Gefühls.
Angela Denoke war eine darstellerisch höchst intensive Salome. Die Sängerin verfügt
über eine treffliche schauspielerische Ader, die sie jede Facette ihrer
anspruchsvollen Partie mit Bravour ausloten ließ. Stimmlich war sie leider
nicht im gleichen Maße überzeugend. Ihre Mittellage klingt herrlich dunkel, gut
gestützt, dramatisch und gleichzeitig gefühlvoll. Diese Vorzüge gelten indes
nicht für den gesamten Stimmbereich. Frau Denoke hat ein Problem, an dessen
Beseitigung sie arbeiten sollte: Mit zunehmender Höhe verliert ihr Sopran immer
mehr an der nötigen Körperstütze, woraus in der oberen Lage eine wenig gut
focussierte und flache Tongebung resultiert, was mit einer Abnahme der
Ausdrucksintensität einhergeht. Eine überzeugende Leistung erbrachte Alan Held, der mit gut sitzendem,
robustem Bariton dem Jochanaan, den er auch überzeugend spielte, ein
treffliches vokales Profil verlieh. Einen soliden Tenor brachte Kim Begley für den Herodes mit. Als
Herodias stellte Doris Soffel
eindrucksvoll unter Beweis, dass sie noch immer über beachtliche volle
Mezzoressourcen verfügt. Lediglich die Spitzentöne gerieten ihr manchmal etwas
zu ausladend. Von den Vorzügen einer italienischen Technik schien Marcel Reijans in der Rolle des
Narraboth nichts zu halten. Sein dünner, jeglicher Körperstütze total
entbehrender und wenig klangvoller Tenor war nicht gerade ansprechend. Da
schnitt die den Pagen der Herodias voll und rund singende Jurgita Adamonyte viel besser ab. Solide sangen David Jerusalem und Artur Grywatzik, die beiden Soldaten. Ordentlich
gab Steven Humes die Erzählung des
ersten Nazareners von den Wundertaten Christi zum Besten. Nichts auszusetzen
gab es an Roman Grübners zweitem
Nazarener und Cappadocier. Das aus Jeffrey
Francis, Benjamin Hulett, Timothy Robinson, Pascal Pittie und Reinhard Dorn
bestehende orthodoxe Judenensemble hatte stimmlich nicht viel zu bieten. Das
gilt auch für den Sklaven von Iwona
Sakowicz. In der stummen Rolle des halbnackten Henkers Naaman machte Patrick Büttner eine gute Figur.
Ludwig Steinbach
ELINA GARANCA
04.03.2011
Unter
dem Titel „Habanera“ präsentierte Elina Garanca etwas variiert ihr Silvester 2008-Remake im Festspielhaus
und zog wiederum das Publikum in ihren
Bann. Eine betörend schöne Frau und für mich die Weltbeste ihres Fachs verstand
es, mit erlesener Vokalkunst die Herzen der Zuhörer zu öffnen und zu erfreuen.
Mit dem Charisma einer gebürtigen Spanierin bot der vielseitige Mezzosopran in
unvergleichlichen Phrasierungen und
schillernden Couleurs „El vito“ (Fernando
J. Obradors) sowie „Canción espanola“ (Pablo Luna). Mühelos mit leuchtendem
Timbre glänzte die Sängerin mit Rezitativ und Arie der Leonora aus „La
Favorita“ (Gaetano Donizetti) mit dramatischen Akzenten. Verhalten, im
samtweichen Altregister präsentierte sie sodann die La Cieca-Arie aus „La
Gioconda“ (Amilcare Ponchielli). Begleitet wurde die Garanca von einem sehr
kultivierten und bestens intonierenden Klangkörper
dem Lettischen Nationalen Symphonieorchester, unter der temperamentvollen
Stabführung von Karl Mark Chichon heizten die Gäste dem Auditorium mit atmosphärischen Latinoklängen mächtig ein. Zu Beginn des Programms erklang
ein rhythmisches Feuerwerk zum Faschings-Samstag „Danzón Nr. 2“ von Arturo
Márquez sowie das Prelude aus „El bateo“ (Federica Chueca), der schwungvoll
inspirierten Ouvertüre „I Vespri Siciliani“ (Giuseppe Verdi) und dem
effektvollen „Capriccio Espagnol“ (Rimsky-Korsakow). Glutvoll in belkantesker
Brillanz erfreute wiederum die exzellente Vokalistin mit „Canción de Paloma“
(Francisco Asenjo Barbieri) und interpretierte im leisen Ton die Vokalise „El cant dels
ocells“ (Xavier Montsalvatge). Schwungvoll servierte Chichon mit dem prächtig
musizierenden Instrumentarium das
Vorspiel zum 1. Akt „Carmen“ (Georges Bizet) und Elina Garanca brachte eine
besondere Delikatesse zu Gehör die „Habanera“ und zwar in der ersten Fassung,
erotisch- knisternd, verführerisch erklang diese Rarität und nach dem
orchestralen „Entr´acte“ folgte sodann „Chanson bohéme“ im lasziv-verhaltenen
Ton bis zur explosiven Finalekstase.
Das
Publikum war hingerissen, spendete Ovationen und wurde für seine Begeisterung
mit dem grandiosen Schmankerl „Carceleras“ und den beiden tenoralen Domänen
„Granada“ (Lara) und dem herrlich parodierten „Marechiare“ (Tosti) belohnt. Nur
schwerlich ließ man die Künstler ziehen und man darf sich schon jetzt auf die
erneute Begegnung dieser charmanten
Sängerin freuen, beim Liederabend am 17. Juni 2011.
Gerhard
Hoffmann
MOZART-REQUIEM
30.01.2011
Wegen der Kürze des Hauptwerkes bereicherte das Festspielhaus sein Abendprogramm noch mit zwei Werken. So
erklang zunächst das Klavierkonzert Nr. 23 von Wolfgang Amadeus Mozart mit dem
Solisten Alexander Melnikov am Hammerklavier. Wohltuend dezent und dennoch
frisch interpretierte der russische Gast dieses leichtgewichtige Werk, das
begleitende Bathasar-Neumann-Ensemble sorgte für den warmen Streicherklang in
sorgfältig ausbalancierten Nuancen. In bester Kommunikation mit dem Solisten
leitete Teodor Currentzis das vorzüglich aufspielende Orchester ohne übertriebene Gestik und demonstrierte musikalische,
exemplarische, gestalterische
Klangdelikatesse. Man hörte den Pianisten bei den Phrasen „singen“, er formte
die Themen kantabel aus, ließ sie atmen und erhielt dafür die begeisterte
Zustimmung der Zuhörer. Sodann erklang ein sehr selten gespieltes Werk das
vertonte „Vater Unser“ von Leos Janacek mit dem Tenor Steve Davislim. In vortrefflicher Korrespondenz harmonierte
der Sänger mit dem Balthasar-Neumann-Chor, formte charakterisierend die Melodik
des 15-Minutenwerkes in der interessant
instrumentalen Begleitung für Harfe (Ann Fierens) und Orgel (Johannes Lang). Das
Publikum war entzückt.
Nach der Pause gelangte Mozarts „Requiem“ in einer geradezu
exemplarischen Darbietung zur Aufführung. Mit seinem umsichtigen Dirigat
verhalf Currentzis dem Werk zur trefflichen, inneren Dramatik, wählte sehr
zügige Tempi, betonte die kontroversen Abläufe zwischen den langsamen und schnelleren
Sätzen und rückte die Chorpassagen mehr in den Hintergrund, somit hatte das
ausgezeichnete Solisten-Quartett genügend Spielraum, sich prächtig zu
entfalten. In elegischer Geschlossenheit vereinte sich das kostbare Damenduo:
Véronique Gens im reinen zum Himmel stürmenden Sopranklang, Sylivia Tro Santafé verhalten in weichen Mezzofarben.
Strahlend ohne trompetenhafte Töne versah Steve Davislim den Tenorpart und
feine Bassnuancen steuerte Konstantin Wolf bei, vollendet harmonisierte wiederum der
bereits genannte Chor und das klangschöne Orchester in wunderbarer Harmonie, ohne
opernhaften Pathos mehr zum Oratorium tendierend. Große Begeisterung für alle!
Gerhard Hoffmann
OTELLO
30. 9. 2010
Im Rahmen seiner
diesjährigen Herbstfestspiele präsentierte das Festspielhaus Baden-Baden eine
konzertante Aufführung von Verdis „Otello“. Trotz des konzertanten Rahmens ist
es indessen durchaus gerechtfertigt, von einer halbszenischen Vorstellung zu
sprechen. Ein im Programmbuch nicht genannter Regisseur hat mit dem Ensemble
eine unaufgesetzte, aber doch erkennbare Personenregie erarbeitet. Zwischenmenschliche
Beziehungen zwischen den ohne Noten singenden Beteiligten wurden so durchaus
sichtbar. Während die Sänger auf dem vorderen Teil des Bühnenraumes agierten
und Otello sein „Esultate“ sogar aus dem ersten Rang des Zuschauerraumes singen
durfte, war der Chor über drei Akte hinweg im hinteren Teil der Bühne platziert.
In dem vor einer ästhetischen Trennwand spielenden vierten Akt schien man es
dann auf einmal gänzlich mit einer szenischen Ausdeutung zu tun zu haben. Da
wurde z. B. ein Bett herein geschoben, vor dem Desdemona kniend ihr „Ave Maria“
sang. In diesem Akt erinnerten nur noch die Konzertkleider der Beteiligten
daran, dass man es ja eigentlich nur mit einer konzertanten Darbietung zu tun
hatte.
Am
Pult erwies sich Daniel Harding als
hervorragender Interpret von Verdis genialem Werk. Bereits bei den ersten
Takten war klar, dass das von musikalischer Seite her ein ganz großer Abend
werden würde. Harding zauberte ein fulminantes Vorspiel voller ausladender Dramatik.
Stark vorwärts drängend kündigte sich hier bereits der folgende große Sturm der
Leidenschaften an. Scharf angerissene Akzente bestimmten den Feuer-Chor und
Jagos Trinklied. Wunderbar gelang Harding das „Gia nella notte densa“, bei dem
das Mahler Chamber Orchestra mit
überaus warmem und emotional eingefärbtem Streicherklang aufwartete. Hier erzeugten
Dirigent und Musiker ein geradezu berauschendes Klangtableau von hoher
Intensität und Ausdrucksstärke. Berückend schön erklang auch das inbrünstig und
sehnsuchtsvoll dargebotene Liebesmotiv. Das war Wohlklang pur! Von großer
Brillanz war weiter die Begleitung des Racheduetts im zweiten Akt. In Teilen
etwas zu bombastisch geriet indes der Auftritt der Venezianer im dritten Akt. Darüber
hinaus vermochte es Harding ausgezeichnet Spannung aufzubauen. Bei vielen
Stellen hielt man schier den Atem an. Er ist wahrlich ein Meister seines Fachs!
Nicht
überzeugend mutete die Leistung von Ben
Heppner als Otello an. Eine lange Überbeanspruchung hat der früher durchaus
guten Stimme wohl geschadet. Der Sänger kann nur noch beeindrucken, wenn er mit
voller Kraft und forte singt. So war die heldentenorale Attitüde, mit der er
zeitweilig etwas zu stark aufwartete, schon beachtlich. Sobald er aber lyrische
und leise Töne anschlagen musste, wurde es problematisch. Derartige
zurückgenommene Phrasen gerieten, weil dem Sänger die richtige Technik fehlte,
zu einem Vabanquespiel, bei dem man immer um das Gelingen fürchten musste. V.
a. im oberen Stimmbereich schnürte er den Gesangsapparat manchmal zu sehr zu.
Dies und ein häufiges zu starkes Drücken auf die Stimme ließen diese im Verlauf
des Abends mehrmals brechen. Und das bei so herrlichen Stücken wie dem
Liebesduett, Otellos Tod oder dem „Dio! Mi potevi“. Darüber hinaus war es auch mit
seiner Intonation häufig nicht gerade zum Besten bestellt. Als geradezu ideale
Desdemona erwies sich hingegen Anja
Harteros. Diese hochkarätige Sängerin verfügt über einen phantastisch
focussierten, große Wärme und Eleganz ausstrahlenden Sopran, den sie noch in
der sicheren Höhe weich und geschmeidig dahinfliessen ließ. Vorbildlich ihr
subtiles Legato und das saubere „appoggiare la voce“. Nicht zuletzt durch ihre
beseelten, schwebenden Piani gelang ihr eine sehr einfühlsame Vermittlung des
Seelenlebens von Otellos unschuldiger Gattin. Große Trauer und tiefes Leid brachte
sie glänzend zum Ausdruck. Sehr berührend gelang ihr das „Piangera cantando“ im
vierten Akt. In nichts nach stand ihr Franco
Vassallo, der als Jago nachhaltig auf sich aufmerksam machte. Er legte
seine Partie ungemein kräftig an, sang mit großer Kraft und Virilität. Auch an
seinem Stimmsitz gab es nichts auszusetzen. Sehr beeindruckend gelangen ihm die
ausladenden Ausbrüche des „Credo in un Dio crudele“, wo er ungeheures
dramatisches Potential zeigte. Dabei war sein italienisch geschulter
Prachtbariton aber auch flexibel genug, um das heikle Trinklied anstandslos zu
bewältigen. Er krönte es mit tadellosen, strahlenden hohen ‚a’s. Dabei vermochte
er sogar in dem hier vorliegenden halb-szenisch-konzertanten Ambiente trefflich
die enorme Bosheit und Hinterhältigkeit des neidischen Fähnrichs zu vermitteln.
Als Cassio empfahl sich mit bestens sitzendem Tenor Alexey Dolgov nachhaltig für größere Rollen. Es wäre interessant,
diesen jungen Sänger, der beachtliches Material sein Eigen nennt, einmal als Alfredo
oder Rodolfo zu erleben. Einen volltönenden Mezzosopran brachte Christina Daletska in die Rolle der Emilia
ein. Mit sonorem Bass wartete Stanislav
Shvets als Lodovico auf. Solide bewältigte Giovanni Guagliardo den Montano und den Herold. Bei dem Roderigo
von Emanuele Giannino hätte man sich
einen besseren Körperklang gewünscht. Auf hohem Niveau bewegte sich der sich
mächtig ins Zeug legende und sehr prägnant singende WDR Rundfunkchor Köln.
Ludwig Steinbach
„STARS DER OPER“
20. 7. 2010,
Tolle Sänger
Zu einer beachtlichen
Angelegenheit geriet das Konzert „Stars der Oper“ bei den diesjährigen Sommerfestspielen
Baden-Baden. Zur Aufführung kamen Ausschnitte aus Opern von Modest Mussorgsky
und Richard Wagner. Den
Anfang bildete die Ouvertüre aus Mussorgskys Oper „Chowanschtschina“. Hier
zeigten sich Dirigent Valery Gergiev
und das Orchester des Mariinsky-Theaters
St. Petersburg voll in ihrem Element, zauberten einen Klangteppich von
geradezu betörender Pracht. Wunderbar wie Gergiev hier einen regelrechten
Rausch der Streicher heraufbeschwor und am Ende das verbleibende Soloinstrument
derart leise und dabei so intensiv ausklingen ließ, dass man die Luft anhielt.
Dass
der Dirigent für die Musik seiner russischen Heimat ein gutes Gespür hat, wurde
auch beim zweiten Stück des Konzertes, dem Schlussmonolog des Boris aus
Mussorgskys Oper „Boris Godunow“ deutlich, den er mit hoher Prägnanz und ausgemachter
Dramatik darbot. Der deutsche Bass Rene
Pape steuerte den gesanglichen Teil bei. Und das auf höchstem Niveau! Papes
bestens gestützte, warme und geschmeidige Stimme weist einen ungemeinen
Reichtum an Farben und Ausdrucksfacetten auf, ist nuancenreich und
differenzierungsfähig. Seine ungemein emotional, manchmal sogar bedächtig
gehaltene Tongebung ließ den Tod des Zaren zu einer ungemein anrührenden Sache
werden.
Das
Vorspiel zu Richard Wagners romantischer Oper „Lohengrin“ zeichnete sich unter
Gergievs musikalischer Leitung durch seinen intensiven, flirrenden
Streicherklang sowie weiche Bläserpassagen aus. Insgesamt war Gergievs
Auffassung von der Musik hier weniger pathetisch, sondern mehr zarter,
ätherischer Natur, wobei er stark einen reinen Schönklang pflegte.
Eine
Klasse für sich war der von Rene Pape
äußerst klangschön und ausdrucksstark dargebotene Abschied Wotans von
Brünnhilde aus dem dritten Aufzug der „Walküre“. Den großen Schmerz und die
tiefe Erschütterung des Göttervaters hat der Bassist sehr einfühlsam
vermittelt. Die vorbildliche italienische Gesangstechnik Papes kam den langen
Bögen sowie den Kantilenen der Singstimme sehr entgegen. Hier hörte man ganz
trefflichen, auf Wagner angewandten Verdi-Gesang, was die grandiose Wirkung des
Ganzen nur noch erhöhte. Hier haben wir es mit einem ganz großen Künstler zu
tun, auf dessen Bühnendebüt als „Walküren“-Wotan - den „Rheingold“-Wotan hat er
jüngst in Mailand unter Barenboim schon gesungen - man schon gespannt sein
kann. Fest steht jedenfalls jetzt schon:
Hier wächst ein Wotan der Sonderklasse nach. Gergiev setzte bei der Begleitung
des Sängers auf ein insgesamt gefühlvolles Klangbild, hätte indes an mancher
Stelle etwas mehr aus sich herausgehen können. Bereits der ziemlich langsam
genommene Anfang klang verhalten. Auch das am Ende des Feuerzaubers auftretende
Siegfried-Motiv, sonst kraftvoll und intensiv, wirkte hier etwas belanglos.
In
gleicher Weise zurückhaltend war leider auch Gergievs Interpretation des ersten
„Walküre“-Aufzuges, bei dem die ziemlich bedächtigen Tempi wohl der Grund dafür
waren, dass es manchmal zu Durchhängern kam. Wo andere Dirigenten große
Steigerungen verlangen und mächtig vorwärts drängen, wie beispielsweise am Ende
des Vorspiels sowie bei Sieglindes liebevoller Fürsorge, legte Gergiev dem
Orchester etwas die Zügel an, woraus dann ein Spannungsabfall resultierte. Das
klang umso einschneidender, als man gerade vorher noch die tiefen Streicher der
Sturmmelodie ganz prachtvoll und dramatisch aufspielen gehört hatte. Insgesamt
betonte der Dirigent eher die lyrischen Seiten der Partitur, wobei er den
hochkarätigen Sängern ein kongenialer Begleiter war. Den Siegmund gab mit
kernigem, seine Bariton-Vergangenheit nicht verleugnendem Heldentenor Gary Lehman. Von diesem Sänger, der in
der Vergangenheit bereits nachhaltig auf sich aufmerksam gemacht hat und der auch
bereits an der Metropolitan Opera New York erfolgreich war, wird man in Zukunft
wohl noch viel erwarten können. Das
stimmliche Zeug dazu hat er. Er stellt eindeutig eine Bereicherung bei den so
rar gesäten guten dramatischen Wagner-Tenören dar. Susan Foster als Sieglinde stand ihm in Nichts nach. Auch sie
verfügt über einen ansprechenden, kräftigen jugendlich-dramatischen Sopran, mit
dem sie gekonnt alle Register ihrer anspruchsvollen Partie zog. Sowohl die
großen Jubelausbrüche wie auch die lyrischen Ergüsse kamen mit derselben großen
Eleganz. Rene Pape steuerte den
Hunding bei, wobei er ausdrucksmäßig mit so mancher Raffinesse aufwartete. Noch
nie hat man z. B. die Stelle „Froh nicht grüßt dich der Mann, dem fremd als
Gast du nahst“ mit so echter, tief gefühlter Besorgnis gesungen gehört. Dem abschließenden
„Hüte dich wohl“ verlieh er mit leiser, ironisch eingefärbter Stimme einen
Unterton ganz eigener Art, wodurch die Gefährlichkeit Hundings nochmals eine
Steigerung erfuhr.
Ludwig Steinbach
TRISTAN & ISOLDE (2.Akt)Simon Rattle dirigiert Wagner
Das mag so manchen Opernfreund verärgern, wenn bei der
Inszenierung von Richard Wagner Opern dem Publikum akustische Maulschellen
verpasst werden - wenn im Höhenmarathon und der Liebesraserei die letzten
Kraftreserven geweckt werden und mit brachialer Gewalt der erbitterte Kampf um
die Noten ein Ende findet. Da besteht wohl kein Zweifel, dass von
Textverständlichkeit, von einer ausgewogenen Balance der Wort- und
Tongestaltung, kaum die Rede sein kann.
Wer einer
Krise des Wagner-Gesangs das Wort redet (aktuelle Festspielszenen legen
dies wohl nahe), fand bei den Protagonisten im Festspielhaus zu Baden-Baden
allerdings keine Spur davon. Es war ja auch etwas Exquisites, was der Intendant
Andreas Mölich-Zebhauser sich zum Saisonschluss ausgedacht hatte: Richard
Wagner in aufgeklärter historisch informierter Aufführungspraxis. Simon Rattle,
handverlesene Solisten und das auf Originalinstrumenten aufspielende „Orchestra
of the Age of Enlightenment“ präsentierten eine schlüssig gebaute Dramaturgie
mit der „Scène d’amour“ aus der dramatischen Sinfonie „Roméo et Juliette“ op.
17 von Héctor Berlioz und den zweiten Aufzug aus dem Musikdrama „Tristan und
Isolde“ von Richard Wagner. Wenn Rattle am Pult der Berliner Philharmoniker
steht um Richard Wagner zu interpretieren (siehe Ringaufführungen bei den
Salzburger Osterfestspielen oder in Aix en Provence), dann pflegt er mit
inspirierendem Elan einen großbogig angelegten, vollmundigen Wagner zu
dirigieren. Sicher ließ sich da einiges individualisierter, detailreicher, auch
dynamisch differenzierter, auch nuancenreicher durchgeformt denken. Historische
Aufführungspraxis dagegen evoziert andere klangliche Resultate. Die kann,
sofern sie sich aus der puristische Ecke entfernt und geschmeidig artikuliert
wird, Wunder vollbringen. Rattle ließ am Pult seiner „Historiker“ das rechte
musikalische Feeling für das „opus metaphysicum“ spüren. Wagner tönte auf der
Konzertbühne agogisch diszipliniert und gut ausbalanciert in der
Fortissimo-Hitze – ein die Mittelstimmen intensiv, subtil ausgeleuchteter
Klang, vor allem in der Bläserregion und den lupenrein leuchtenden
Naturhörnern. Hörner treten allerdings in gemischter Formation auf. Nichts
schwappt über die Sänger. Auch die gedeckt klingenden, geschmackvoll
vibrierenden im erwärmenden Timbre artikulierenden Streicherstimmen legen ein
sattes Fundament für die vokalen Ereignisse. Ein Ohrenschmaus die feinen Soli
der Bassklarinette.
Hier breitet sich von
der ersten bis zu letzten Note eine fiebrige Tristan-Spannung aus. Wie
stimmungsvoll dämmert die Nacht herein. In dieser konzertant auf die
Baden-Badener Bühne gestellten, dunkel umschatteten Nachttragödie ist alles auf
Hoffnung, Freude, Liebeserfüllung gestimmt. Das beginnt mit der sehnsuchtsvoll
dem Rendezvous entgegenfiebernden Isolden-Szene,
den zauberhaft fernen Rufen der gemischt aufspielenden Hörner, den
leidenschaftlichen Beschwörungen der Liebe und Lobpreisungen der Nacht („O
sink‘ hiernieder, Nacht der Liebe) bis hin zum brutalen Crash, wenn König Marke
mit seinen Leuten in die Idylle einbricht.
Bei Simon Rattle wird kein vokaler Ringkampf ausgetragen,
nichts dröhnt hier oder verfängt sich im lärmend pathetischen Getöse. Violeta
Urmana - mit beachtlicher Vergangenheit im italienischen Fach - verkörpert kein
wuchtiges Heroinen-Profil, sondern eine stimmfrische, ausgesprochen jugendlich
wirkende Isolde, die in den Pianoregionen viel Innenspannung zeigt. Ben Heppner gibt einen klug sich steigernden
Tristan. Tonhöhen und Ausdruck befinden sich durchwegs in stimmiger Balance. Er
beweist souveräne Stimmkraft ohne heldisch aufzutrumpfen. Ein Glücksfall ist
die prägnant artikulierende Brangäne der Sarah Connolly. Markantes Profil zeigt
Franz-Josef Selig in der mit aller Brutalität hereinbrechenden Welt des König
Marke.
Dieser britische von frischen Tempi getragene Wagner, der
vor wenigen Tagen bei den Proms in der Royal Albert Hall zu hören war und
ebenfalls in Stehposition exklusiv für Deutschland im Festspielhaus von
Baden-Baden präsentiert wurde, enthüllt Vorzüge, wie sie sonst in szenischer
Realisierung wohl kaum zu erfahren wären: so widerfährt dem Wagner-Gesang in
der textlichen Ausdeutung viel Klarheit, weil die detailreiche Vermittlung der
Partitur im historischen Kontext nicht zuletzt durch subtil abgestufte Dynamik
die unabdingbaren Voraussetzungen hierzu liefert – einen durchsichtigen
Klang. So gesehen könnten
Wagner-Rezeptionen in der verschlankten historischen Aufführungspraxis, nicht
zuletzt durch analytisches Kalkül, impulsgebend sein für ein alternatives
Hören.
Welch empfindungstiefe Musik Héctor Berlioz in der
Liebesszene zu „Romeo und Julia“ gelang, wie er sehnsuchtsvoll fein gestuft das
Liebessehnen in Noten fasst, war als Entrée
zu erfahren – die rechte dramaturgische Brücke für den folgenden
Klangzauber des Tristan.
Groß war der Jubel im gut frequentierten Festspielhaus.
Egon Bezold
P.S.
Nach der Ferienpause beginnt die Herbstsaison in Baden-Baden
mit dem Auftritt von Kent Nagano am Pult des Bayerischen Staatsorchesters. Auf
dem Programm steht Beethovens Erste und die Anton Bruckners „schönste“
Sinfonie, die Siebte in E-Dur.
GALA 2010
ANNA NETREBKO
27. 7. 2010 - Uneingeschränkt Freude bereitete die
Gala mit Anna Netrebko im Rahmen der
diesjährigen Baden-Badener Sommerfestspiele. Zusammen mit der Altistin Marianna Pizzolato, dem Dirigenten Antonio Pappano und dem Orchester der Accademia Nazionale di Santa
Cecilia war sie mit Werken von Giovanni Battista Pergolesi zu hören, dessen
300. Geburtstag die Musikwelt dieses Jahr begeht. Dass der Abend wahrhaft
festspielwürdig geriet, ist allen Beteiligten gleichermaßen zu verdanken. Es
ist erstaunlich, mit wie viel Raffinesse die drei genialen Künstler einem
Pergolesis Werke erst klar machten. Selten hat man die musikalischen
Schöpfungen dieses leider allzu früh verstorbenen Komponisten derart brillant
gehört.
Den
Anfang machte die Sinfonia zum Drama „Li prodigi della divina grazia nella
conversione e morte di. S. Guglielmo duca d’Aquitania“, deren einleitendes
Allegro Dirigent und Orchester mit energischem Impetus sehr dramatisch
ausloteten. Einen sehr wehmütigen Charakter erhielten das Andantino und das
abschließende Andante, die sich durch schöne Differenzierungen auszeichneten. Eindrucksvoll
wurden sich unvermittelt ablösende Forte- und Piano-Stellen gegenübergestellt,
ohne dass die Spannung jemals abriss.
Die
Kantate „Questo e il piano, e questo e il rio“ wurde von Marianna Pizzolato“ mit dunkler, gut gestützter Altstimme
vorgetragen. Das technische Können dieser Sängerin ist enorm. Sie kann ihre
Stimme diminuieren, ohne dass diese dabei an Körperstütze verliert. Bei so
manchem unvermittelten Wechsel von gewaltigen Forte-Attacken zu langsamen,
verhaltenen und leise klingenden Tönen, wie sie in der Arie „Torna, torna a
Cocito“ häufig vorkommen, hielt man regelrecht den Atem an. Auch ist ihr Alt
flexibel genug, um die vertrackten Verzierungen anstandslos zu bewältigen. Die
feurigen, mit großer Brisanz in den Raum geschleuderten Koloraturen der
Schlussarie „Se nel dir“, belegen die hohe technische Versiertheit der Stimme. Auch
Frau Pizzolatos Linienführung und die hohe Ausdrucksintensität ihres Vortrags vermochten
nachhaltig zu begeistern.
Anna Netrebko ging die Kantate „Nel chiuso centro“ des Orfeo mit rundem,
vollem Stimmklang und gefühlvoller, inniger Tongebung an. Bereits dem
einleitenden Rezitativ, in dem sie gleich mehrere Emotionsskalen trefflich
bediente, verlieh sie mit großem Können etwas Arienhaftes. Schon hier wurde
deutlich, über welchen beträchtlichen Stimmumfang Frau Netrebko doch verfügt.
Zu einer leicht ansprechenden, dabei phantastisch focussierten Höhe gesellte
sich eine profunde Tiefe. Bei aller lyrischen Prachtentfaltung weist ihr Sopran
inzwischen auch einen ansprechenden dramatischen Kern auf, was in erster Linie
bei der Arie „Euridice e dove sei?“ deutlich wurde. Orpheus’ Klage um die
gestorbene Gattin hat Frau Netrebko sehr differenziert, nuancenreich,
musikalisch vielschichtig und mit einem Höchstmaß an Emotionalität wiedergegeben.
Bemerkenswert sind insbesondere ihr sauberes Legato und der empfindsame
Ausdruck, den sie dem Ganzen unterlegte. Auch ihr bereiteten die schwierigen
Wechsel von der herrlich sonoren unteren Mittellage zur strahlend aufblühenden
Höhe, von der die Arie „O d’ Euridice n’ andro fastoso“ geprägt werden, nicht
die geringsten Schwierigkeiten. Diese gefürchteten technischen Klippen wurden
von ihr mit Bravour bewältigt. Dabei atmete ihr Vortrag eine furiose, wilde
Entschlossenheit. Bei aller glutvollen Virtuosität ihres Gesangs faszinierte
aber auch die glutvolle Leidenschaft, mit der sie das Dargebotene mit einen
Höchstmaß an Leben erfüllte. Jeder Phrase vermochte sie das dazu gehörende
Gefühl zu geben.
Dem
„Stabat Mater“ unterliegen schwermütige, lastende Leidensklänge, die Antonio Pappano mit verzehrender
Inbrunst interpretierte. Hier vereinigten sich die beiden Stimmen von Anna Netrebko und Marianna Pizzolato zu einem ungemein anrührenden Gesamtklang. Beide
Stimmen harmonisierten bereits in dem einleitenden Duett herrlich miteinander.
Ausdrucksmäßig warteten beide Sängerinnen mit einem Maximum an Schmerz und Traurigkeit auf. Bei der
anschließenden Arie „Cuius animam“ gelangen der Netrebko in der Höhe stark
unter die Haut gehende qualvolle Schmerzensschreie, die sie mit höchster
Intensität präsentierte. Und bei dem Duett „Quis est homo“ war in erster Linie
sie es, die es durch seelenvolle Tongebung verstand, in den Zuhörern Mitgefühl zu
wecken. Sie versteht es wirklich gut, ihre Gefühle auf das Publikum zu
übertragen. Durch wunderbare, schwebende Piani zeichnete sich ihre wahrlich
herzzerreißend gesungene Arie „Vidit suum dulcem natum morientem“ aus.
Schlichte Rührung mündete hier in einen grandiosen Verzweiflungsausbruch, in
den die Netrebko all ihr Herzblut legte. Dynamisch differenziert gingen beide
Damen das Duett „Fac ut ardeat“ an. Im folgenden Zwiegesang „Sancta Mater“ gelang
ihnen eine sehnsuchtsvolle Einfärbung ihrer betörenden Stimmen. Anschließend
trug Frau Pizzolato mit großer, zu Herzen gehender Rührung die Arie „Fac ut
portem Christi mortem“ vor. Bei „Inflammatus et accensus per te, Virgo“ schlug
die Musik dann von Trauer in Hoffnung und Freude um, die von den
Gesangssolistinnen mit frischem, emphatischem Stimmklang interpretiert wurde.
Zu Beginn des abschließenden Duetts „Quando corpus morietur“, das wiederholt
wurde, herrschte wieder eine schwermütige Moll-Atmosphäre vor, bevor die beiden
Sängerinnen mit lauten Jubeltönen die Herrlichkeit des Paradieses rühmten.
Fazit
zum Schluss: Ein wahrhaft denkwürdiger Abend auf höchstem Niveau, der das
Prädikat „Festspiel“ wahrlich verdient hat. Auf die Veröffentlichung des von
der Deutschen Grammophon mitgeschnittenen Konzertes auf CD im März 2011 kann
man sich jetzt schon freuen!
Ludwig Steinbach