DER OPERNFREUND - 44.Jahrgang
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Aus Nürnberg

ZWEIHEIT

Choreographien von Crystal Pite und Mauro Bigonzetti. Deutsche Erstaufführung

Premiere: 26. 4. 2013.

Besuchte Vorstellung: 12. 7. 2013

Der Mensch als Maschine – und als erotisches Wesen

Das Nürnberger Ballett hat unter seinem Compagniechef Goyo Montero unzweifelhaft eine Gestalt gewonnen, die sie leicht identifizierbar macht. Monteros Arbeiten, auch die seiner Tänzer, die kürzlich wieder in einer Sammelchoreographie zu bewundern waren („Exquisite Corpse II“), bewegen uns auch deshalb, weil bei aller extremen Künstlichkeit der sogenannte Mensch, der Tänzer als Individuum, zum Ausdruck kommt. Eben deshalb muss es auffallen, wenn die Tänzer aus der umjubelten, über die Grenzen Nürnberg hinaus bekannten und geliebten Truppe plötzlich in einer Choreographie erscheinen, die sie als ganz Andere erscheinen lässt. Auch dies ist ein Produkt höchster Kunstfertigkeit und mitreißenden, kontrollierten Temperaments – aber etwas ist völlig anders. 

„Zweiheit“, so heißt das Doppelprogramm, dessen erster Teil zumindest den Rezensenten irritiert hat. Die Idee ist originell und geht auf: in „Short works: 24“, einer Arbeit von Crystal Pite, sehen wir auf 24 Minichoreographien, die jeweils nicht länger sind als maximal eine Minute. Das heißt dann, laut Programmheft: „Ein Tanzstück für 14 Tänzer“, „Die Bewegung wird mental geleitet“ oder „Geometrischer Bewegungsablauf“, auch „Zucken, springen, schlendern, schleudern, halten, loslassen“. Innerhalb dieser kleinen Form schaut man auf sehr langarmige und -beinige – und auf sehr schnelle Bewegungen. Die Schritte und Ausstellungen der Extremitäten wirken geradezu sportiv; mitunter scheint es, als wolle Crystal Pite es mit dem Hiphop aufnehmen. Schon schnell wird klar, welcher Logik (fast) alle dieser Mininummern gehorchen: der Logik der Technik, der Maschine, des bewegten Ornaments. Es gibt hier tatsächlich nicht den geringsten Anschein von Individualismus; selbst in den Soloszenen – wenn sich nicht gerade mehrere Tänzer in synchronen oder wellenförmigen Bewegungen in einer Masse vereinigen – erblickt man niemals den Menschen, der da tanzt.

Die Choreographin sagt es selbst: die Sequenzen werden „rein nur vom Klang und von der Bewegung selbst angetrieben“. Genauer kann man diese Art der Choreographie nicht auf den Punkt bringen, die den sich bewegenden Menschen als Marionette der Choreographin auf die Bühne bringt. Nicht sie scheinen zu tanzen – es tanzt. Selbst eine schöne Frau – die Tänzerin heißt Simone Elliott – entgeht hier nicht der Gefahr, zur Puppe zu werden, zugegeben: einer Puppe, die ihr Fuß- und Handwerk versteht. Es ist kein Zufall, dass ein Männerkollektiv einmal auf ein Frauenkollektiv (mit gleichmacherischen Blindhaarperücken) stößt. Man sieht: der Individualismus zerstiebt in der Gruppe. Man kann das schön finden, weil es wieder „einfach gut gemacht“ ist – aber man darf auch anmerken, dass die Entfremdung, die hier in 24 Variationen auf die Bühne gebracht wird, nachhaltig irritiert. Die vermutlich unbeantwortbare Frage bleibt nur, ob das, was Crystal Pite hier darstellt, kritisch oder affirmativ betrachtet werden sollte. Der Rezensent fürchtet, dass der Zuschauer hier – bei aller Brillanz und Unterhaltsamkeit der 24 Nummern - zu einem abschliessenden Urteil finden muss, das negativ ausgehen könnte. 

Doch seltsam: ein Wesen erscheint (vor dem Hintergrund der elektronischen Musik Owen Beltons, die hier besonders düster dräut und eine fantastische Atmosphäre der Finsternis provoziert) fast menschlicher als die anderen Tänzer. Es bewegt sich langsam und rätselhaft über den Boden, getaucht in ein dunkles Licht. „Zwischendurch ist Raum für improvisatorische Elemente“, liest man, nachdem man den seltsamen Bären gesehen hat, der langsam und tastend in die linke Gasse kroch. Die letzte Nummer passt zu dieser Idee des Anderen: eine wild um sich her wirbelnde Frau, angetrieben von einer fremden Macht, strudelt schließlich ins Abseits.

Der zweite Teil aber verhält sich zum ersten wie die Rückseite einer Medaille; das Material ist vielleicht das Gleiche, aber die Gravierung ist eine andere. „Cantata“, eine Choreographie von Mauro Bigonzetti, sieht auf den ersten Blick völlig anders aus als „Short works: 24“ - aber auch hier haben wir es mit dem Kollektiv zu tun, in dem die einzelnen Figuren – bei aller ausgeprägten tänzerischen Individualität - unterzugehen drohen. Nur ist es diesmal wesentlich vitaler, glutvoller, erotischer. Grundlage dieser Arbeit ist das portugiesische Straßenleben, gekoppelt mit einem italienischem Tanzritual, der Pizzica. Man tanzte es einst, um sich von der Wirkung des Bisses der Tarantel zu heilen; heute braucht es keine Spinnenattacken mehr, um sich die Seele aus dem Leib zu tanzen, die eben deshalb umso stärker wiederkehrt. Und so begegnet man sich, begleitet von der Musik der Gruppe „Musicale Assurd“. Männlein und Weiblein streiten sich, versöhnen sich, tanzen zusammen, zu zweit, zu dritt, erobern den Luftraum in wilden Sprüngen und vereinigen sich schließlich in einer Apotheose des Lebens, wie es sein sollte. Immer wieder brechen einzelne Frauen aus dem Kollektiv aus, gehen zurück, schließen sich neuen Gruppen an: wie das Leben, nicht nur auf der Straße, so spielt.

Riesiger Beifall, auch für diese Choreographie.

Frank Piontek                                                 Fotos: Jesús Vallinas

 

 

 

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Wolfsburg MOVIMENTOS 3

Don Quichotte du Trocadéro

Besuchte Vorstellung am 24. April 2013 

(Premiere: 22.4.2013)

Ein köstlicher Spaß

Bereits zum dritten Mal war der künstlerische Leiter und Choreograph José Montalvo mit seinem bunt gemischten Tanzensemble vom Pariser Théâtre National de Chaillot bei den Wolfsburger „movimentos“ höchst erfolgreich zu Gast, diesmal mit einer Adaption bekannter Don Quichotte-Episoden zur Ballett-Musik von Léon Minkus, die durch zeitgenössische Kompositionen aufgebrochen wurde. Seit 20 Jahren verfolgt Montalvo die Idee, realen Bewegungen der Tänzer auf der Bühne kunstvolle Videoeffekte gegenüberzustellen; das hat er hier z.B. mit U-Bahn- und Mühlen-Videos zur Perfektion ausgebaut. Dazu steht ihm ein Ensemble zur Verfügung, dass die unterschiedlichsten Stile von klassischem Tanz (nach Petipa) über Flamenco bis zu Hip-Hop und Rap beherrscht.

In der Titelrolle erlebte man Patrice Thibaud – als Schauspieler, Komiker und Pantomime in Frankreich ein Star –, der die pure Lust am köstlichen Spaß vermittelte, indem er u.a. die anderen persiflierte, als „Trainer“ antrieb und sich auch nicht scheute, Hüllen fallen zu lassen. „Sancho Pansa“ glänzte mit atemberaubenden Break-Dance-Einlagen. Eindrucksvoll war es beispielsweise auch, als die Gruppe, die auf dem Video im U-Bahnhof tanzte, plötzlich auf die Bühne stürmte und mitmachte. Oder als die ganz in sich versunken Flamenco-Tanzende, die sich im Video nicht von dem spielenden Kind stören ließ, auf der Bühne direkt die Zuschauer fesselte.

Die Hip-Hop-Gruppe überzeugte ebenso durch kraftvolle Darbietung wie die Steppenden durch Exaktheit und Tempo. Der klassische Spitzentanz wurde von drei anmutigen Tänzerinnen und einem äußerst eleganten, farbigen Tänzer hervorragend präsentiert. Auch die Idee, eine Passage aus Minkus‘ Musik von einer Spitzentänzerin und einem Hip-Hopper gleichzeitig in ihren unterschiedlichen Stilen interpretiert zu zeigen, riss das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Standing ovations beschlossen den witzigen, spannenden Tanzabend.

Marion Eckels                                  Bilder: Thomas Ammerpohl

 

 

 

Wolfsburg MOVIMENTOS 2

Bachiana N° 1 / Inquieto / Peekaboo 

Besuchte Vorstellung am 17.April 2013 (Premiere am 16.4.)

Meisterhafte Körperbeherrschung

Zum Auftakt des dreiteiligen Ballettabends der Tanzcompagnie aus Sao Paulo gab es eine zauberhafte Interpretation der Bachiana Brasileiras N° 1 von Heitor Villa-Lobos. Rodrigo Pederneiras, der weltweit als Choreograph arbeitet (u.a. an der Deutschen Oper Berlin), ließ das Ensemble halb auf Spitze tanzen, d.h. auf Zehenspitzen in Ballerinas; weiche, schmiegsame Bewegungen waren ideal der Musik angepasst, zu der die Tänzerinnen und Tänzer über die Bühne „schwebten“. Im Mittelteil des Werkes stand ein faszinierender Pas-de-deux, von Karina Moreira und Joca Antures mit größter Eleganz und romantischer Hingabe ausgeführt.

Ein starker Kontrast dazu war die Choreographie „Inquieto“ („ruhelos“) von Henrique Rodovalho zu einem elektronischen Soundtrack. Drei unterschiedliche Einstellungen zu dem Thema „Ruhelosigkeit“ wurden gezeigt: Der eine nahm nur durch fast unmerkliche kleine Bewegungen dazu Stellung, eine andere verfolgte zielstrebig ihr Ziel und spannte entschlossenen Schrittes Seile vielfach quer über die Bühne, um z.B. die Wellen des Internets sichtbar zu machen, in denen sich die Menschheit in ihrer Ruhelosigkeit verfängt; dies wurde durch gelungene Lichtregie unterstrichen. Ein Dritter gab rastlose Bewegungsabläufe vor, die nacheinander von weiter Dazukommenden aufgenommen und vervielfacht wurden. Bei diesem barfuß getanzten Stück wurde den Akteuren höchste Körperbeherrschung abverlangt, die sie eindrucksvoll in spannenden Bildern darboten.

Zu Benjamin Brittens „Simple Symphony“, kombiniert mit Schreien eines finnischen Männerchores, präsentierten die Brasilianer mit „Peekaboo“ („Kuckuck-Bah“) eine Weltpremiere des deutschen Choreographen Marco Goecke, derzeit am Nederlands Dans Theater. Es geht darin um das uralte Kinderspiel, in dem sich Erwachsene und Kinder das Gesicht verstecken und den Eindruck haben oder ihn vortäuschen, sie seien verschwunden; wenn man wieder schaut, ruft man „Kuckuck-Bah“ (daher der Untertitel: „Häupter hinter Hüten“). Hier wurde nun in einer seltsam eckig abgehackten Bewegungssprache mit Hüten und um sie herum getanzt. Atemberaubende Körperverrenkungen und starke Figuren auch aus liegenden Positionen unterstrichen die Vielseitigkeit und Perfektion des südamerikanischen Ballettensembles. Begeisterter Applaus belohnte den extremen Körpereinsatz.

Marion Eckels                                          Bilder: Thomas Ammerpohl

 

 

 

http://www.movimentos.de

Wolfsburg MOVIMENTOS 1

IF AT ALL

Besuchte Vorstellung am 7. April 2013                 (Premiere am 5.4.2013)

Reicher Bewegungskanon

In diesem Jahr stehen die zum 11. Mal stattfindenden Movimentos Festwochen der Autostadt in Wolfsburg unter dem Thema „Toleranz“. Aus dem vielfältigen Programm, das neben dem modernen Tanztheater auch Schauspiel, Konzerte und Szenische Lesungen umfasst, habe ich u.a. eine Aufführung der Kibbutz Contemporary Dance Company aus Ga’Aton, Israel, besucht. Die Tänzerin und Choreographin Yehudit Arnon, eine Überlebende des Holocaust, widmete ihr Leben dem Tanz und gründete 1970 dieses Ensemble, das seit 1996 von ihrem Schüler RAMI BE’ER geleitet wird und weltweit erfolgreich gastiert. Im denkmalgeschützten Kraftwerk des Volkswagenwerks fand nun die Deutschlandpremiere von „If At All“ statt, ein Tanzstück in der für Rami Be’er typischen Choreographie mit äußerst umfangreichem, betont energetischem Bewegungskanon in klarem Bühnenbild und passender Lichtgestaltung, für die er ebenfalls verantwortlich war. Auf der schwarz ausgeschlagenen Bühne leuchtete lediglich ein kleiner gelber Vollmond, unter dem sich die unterschiedlichen Szenen abspielten. Zu Beginn war es nur eine Tänzerin in einem Lichtkreis, die einen Kampf mit sich selber kämpfte, um die Bewegungen rang, die ihr Freiheit und Ruhe geben könnte.

In dieses Geschehen brach plötzlich das gesamte Ensemble zu hart pulsierender Musik ein, es wurden Kreise gebildet und kraftvolle Aktionen der Tänzer vorgeführt, die später auch von den Tänzerinnen übernommen wurden. So zeigte sich einerseits eine gewisse Gleichberechtigung der Geschlechter statt, andererseits wurde in einer anderen starken Szene erstaunlich dezent die Vergewaltigung einer Frau von fünf Männern angedeutet.

Sobald die Gruppe tanzte, lösten sich oft Einzelne zu körperbetonten Soli; in einer spannenden Szene konnten die fugenartig auftretenden Tänzer trotz gleicher Bewegungsabläufe ihre jeweilige Individualität zum Ausdruck bringen. Es gab auch spannende Paar-Begegnungen, die von Kampf über Zärtlichkeit bis zu Humor viele Facetten an Beziehungen enthielten, stets gelungen mit farblich entsprechendem Lichtdesign und Streicherklängen untermalt; dazwischen hörte man immer wieder eindringlich die gleichen Worte: „Our last lost chance“. Der Abend schloss mit dem Ensemble in absolutem Gleichklang, das mit seinem künstlerischen Leiter und Choreographen zu Recht begeisterten Applaus und Standing Ovations für einen äußerst nachdrücklichen Tanztheater-Abend erhielt.                         

Marion Eckels                                              Bilder: Thomas Ammerpohl

 

 

Gastpiel von Shen Yun in Berlin

Superbes Tanztheater!

Besuchte Vorstellung: 24.03.2013

Shen Yun 2013 – Eine hochmoderne Zeitreise durchs alte China

In New York ein Must-see, in der deutschen Kulturszene fast noch ein Geheimtipp: Das Ensemble Shen Yun Performing Arts aus New York ist das einzige unabhänginge chinesische Tanzensemble der Welt und zeigt in seinem Programm eine Zeitreise durch die 5000jährige Geschichte Chinas. Letztes Wochenende gab Shen Yun drei Vorstellungen in Berlin im ICC am Funkturm. Vier weitere Aufführungen werden von Karfreitag bis Ostersonntag (29.-31.03.) in der Jahrhunderthalle in Frankfurt am Main folgen.

Gesamtkunstwerk der Künste

Shen Yun ist eine der aufwendigsten Theaterproduktionen der Welt. Allein die Kostüme zeigen eine nie gesehene Eleganz und Detailfreude und sind so blendend farbenfroh, dass sich der Mitteleuropäer erstmal die Augen reibt.Dass dieses Juwel als „Show“ vermarktet wird, irritert etwas, handelt es sich doch um ein Gesamtkunstwerk der Spitzenklasse aus mehreren Kunstformen: Traditionelles chinesisches Tanztheater bildet den Kern, dazu kommen computeranimierte Bühnenbilder, die mit Spezial- und Soundeffekten an der Grenze zum Kino kratzen. Ein westliches Orchester, verfeinert mit chinesischen Instrumenten, spielt dazu Eigenkompositionen, die folkloristische Stile adaptieren – Musik, die ebenso streng strukturiert wie erzählerisch eindrucksvoll ist. Das hört sich sehr chinesisch an, besitzt aber eine musikalische Dramaturgie und Verständlichkeit, die Zuhörer auf der ganzen Welt begeistert.

Das Shen Yun Orchester unter Keng-Wei Kuo war in Bestform: Glasklare und transparente Klänge, den ganzen Abend lang, rythmisch hinreißend und voller Esprit. Die Details steckten diesmal in der Instrumentation. Prominente Rollen spielten die Suona (Doppelblatt-Holzblasinstrument, mit der Oboe verwandt), die kichern kann wie eine Klezmer-Klarinette, aber auch strahlend heroische Klänge entfaltet, die Bambusflöte, die exotisch-elegante Pipa (chinesische Laute) und die lyrisch-melancholische Kniegeige „Erhu“. Außerdem viel Glockenspiel und Schlagwerk.

Archetypen und Leute von heute

Der klassische chinesische Tanz sieht federleicht und natürlich aus. Er hat in den Jahrtausenden seiner Entwicklung ein Trainingssystem hervorgebracht, dass „Form“ (Posen und Bewegungen),

„Technik“ (Sprünge, Überschläge und Luftfiguren) und „Yun“, die innere Qualität trainiert. Yun ist die Fähigkeit eines Tänzers, das Dargestellte selbst zu empfinden und direkt an das Publikum zu transportieren, jener intuitive Draht zwischen Bühne und Publikum, der den Zuschauer sofort verstehen lässt, was hier gespielt wird. Und so sieht man schon von Weitem, ob der Herr da vorne ein edler Held oder ein Räuber ist, dessen Verschlagenheit sich bereits in der Körperhaltung ausdrückt. Natürlich werden die Schatztruhen, die dem Helden Yang Zhi in der Wüste abhanden kommen, wiedergefunden und die Räuber überführt ...

Alle Geschichten und Volkstänze bestechen wieder durch starke Solisten und ein unglaublich präzises Ensemble, dessen Synchronität und Synergie einzigartig ist. Die Ensemblekultur von Shen Yun ist das Ergebnis von Jahren des gemeinsamen Trainings und der Zusammenarbeit an diesem einzigen Projekt. Im heutigen Jetset-Theaterbetrieb ist dies bereits Argument genug, die Aufführung zu sehen.

Die Highlights von 2013

Das Programm von Shen Yun umfasst rund 20 Nummern, darunter befindet sich die mulitmedial gepowerte Eröffnung (per Animation rast man durch einen Zeittunnel auf die Erde zu und landet vor einem Kaiserpalast) und, u.v.a., folgende Highlights: „Die Schlachtformation der Tang-Dynastie“ ein virtuoser Tanz der Herren, in Gelb und Orange, in dem die Choreographie Kampftechniken und - taktiken visualisiert. Überraschende Tempowechsel im Orchester, Überschlag-Sprünge und ein Pipa-Solo, das geradezu rockt. „Der mongolische Schalentanz“ bei dem die Tänzerinnen vor saftig grüner Steppenkulisse umherschweben und Schüsseln auf dem Kopf balancieren. „Weisheit besiegt den Sandmönch“ In der Episode aus dem Roman „Die Reise nach dem Westen“ jagen der Affenkönig und das Schwein Zhubajie ein Flussmonster, das Schuld am Verschwinden eines kleinen Mädchens ist. Platschendes Wasser, rasante Orchesteruntermalung und viel Komik.

„Die Wiederbelebung der chinesischen Kultur und ihrer Werte“ hat sich Shen Yun auf die Fahne geschrieben. Das klingt brav, ist es aber nicht. Liebevolle Schilderungen von Menschen und ihrer Konflikte bergen die beruhigende Botschaft, dass Konflikte im Leben unvermeidlich sind. In Shen Yun wird so manche Konventionen dargestellt, um gleich wieder gebrochen zu werden, z.B. das buddhistische Fleisch-Tabu. „Im Tempel der Shaolin“ fangen Mönche aus Jux einen fetten Hasen – als er ausversehen stirbt, verspeisen sie ihn heimlich. Die Pointe erklärt, wie die Shaolin zur Fleisch-Erlaubnis kamen.

„Die Mondreise des Kaisers“ zeigt Majestät in eher privater Situation. Solist Gu Yun schwankt bei Vollmond betrunken über´s Palastdach und träumt, dass die Mondfeen kommen und ihn abholen. Er findet sich wieder inmitten bezaubernder Damen und Pagoden auf weißen Wolken. Welch vollendete Studie von Yin und Yang.

Regimekritik, die Beifall findet

In „Eine unerwartete Begegnung“ entgleitet die anfangs heitere Szene in die Realität eines chinesischen Gefängnisses: Zwei Touristen werden mit meditierenden Demonstranten verwechselt und in eine dramatische Situation hineingezogen. Die Gleichgültigkeit und Brutalität des Regimes werden mit schwarzen Schlagstock-Schurken symbolisiert. Eine Szene, die vom Publikum besonders viel Zustimmung und Beifall bekommt. Danach schließt sich vor Gebirgspanorama ein fulminanter Tanz aus Tibet an. Spätestens hier hat jeder verstanden, dass er beim Regimegegner zu Gast ist …

Im Teil zwei treffen wir auf himmlische Feen, die mit einem meterlangen durchsichtigen Schleier tanzen, die tiefblau gewandeten „Phönixfeen“ und die Herren der Han Dynastie wirbeln in Malachitgrün über die Bühne. Visuelle Verschnaufpausen sind das empfindsame Erhu-Solo von Xiaochun Qi und drei Sänger, die würdevolle Kunstlieder mit Klavier vortragen: Die strahlkräftige Pi-ju Huang (Sopran), der warm timbrierte Tenor Yuan Qu und die überragende, mezzogefärbte Sopranistin Haolan Geng.

Shen Yun wird auf deutsch moderiert und eignet sich für Menschen von 6-99. Für Asien- und Tanz-Fans ist es ein Muss, ebenso für Regietheater-Geschädigte: Die „göttliche Schönheit“ (wörtl. Übersetzung für„Shen Yun“) ist für sie die reinste Seelendusche.

Rosemarie Frühauf

Info:

Shen Yun gastiert vom 29.-31. März in der Jahrhunderthalle in Frankfurt a.M.

 

 

 

 

DIE SCHNEEKÖNIGIN

als ein herzergreifendes Traummärchen getanzt

Kinder, wie wunderwunderschön kann doch Ballett sein !!!

Premiere im Neusser Landestheater am 16.3.2013

 

(Augustinus von Hippo)

Alle Jahre wieder - immer dann, wenn gut zwei Jahre Vorbereitungszeit und hartes Training sich zu einem Gesamtkunstwerk gefügt haben - tritt die Compagnie der Ballettschule Groenendijk zur Präsentation, immer wieder toller Tanzabende, im großen Theater auf. Was vor über einem Viertel-Jahrhundert in einer Aula begann, später im alten Neusser Landestheater, hat nun, seit Jahren, einen berechtigten Aufführungsort im richtig schönen professionellen neuen RLT gefunden. Das Haus ist mit seinen knapp 500 Plätzen ist ein Kleinod, denn selbst Kinder haben von allen (!) Plätzen aus eine gute Sicht auf die Bühne.

Mittlerweile wurde auch die Tontechnik erheblich verbessert. Gleich vorweg einen Dank an das Team von Frodo Helmert (RLT), die mit ausgewogener Technik und einfühlsamer Aussteuerung den Zuschauern schon beinah ein Live-Musik-Erlebnis bescherten - und wenn ein Mozartsches Klavierwerk, ebenso wie die großsinfonische Filmmusik von "Piraten der Karibik" die strengen Ohren der Rezensentin klaglos passieren, dann ist hier gute Arbeit geleistet worden. Eigentlich schade, daß die Stadtväter einst die geringen Mehrkosten für einen Orchestergraben gescheut haben - schöne kleine Opern könnte man hier präsentieren.

Doch zurück zu unserem 250-köpfigen Dreamteam, wobei ich von der Riesenschar, die alle toll waren, doch (entgegen meinen Gewohnheiten bei Laienaufführungen) zwei Namen nennen möchte, die mich besonders beeindruckten, ja gerade zu Tränen gerührt haben:

Romy Kreutzer & Florestan Leander Bilsing

Hier muß ich angesichts der scheinbaren Leichtigkeit von Hebefiguren, der fabelhaften mühelos erscheinenden Sprünge und tänzerischer Ausgewogenheit den großen Fred Astaire zitieren, der einst sagte:

"Tanz ist ein Telegramm an die Erde mit der Bitte um Aufhebung der Schwerkraft."

Damit ist alles gesagt, obwohl unser "Traumtanzpaar" gestern ja nicht nur die Schwerelosigkeit schier aufgehoben hatte, sondern sich auch beim herrlichen Strauß-Walzer und besonders beim hochkünstlerisch choreografieren und grandios umgesetzten finalen Grand Pas de Deux (zu edlen mozartschen Klavierklängen) auf dermaßen tänzerischen Wolken bewegte, wie man es selbst in großen Theatern, von professionellen Tänzern dargeboten, nicht oft so überzeugend erlebt. Hier kam alles zusammen, was ein großes romantisches Ballett ausmacht: Harmonie, Musikalität, federnde Leichtigkeit und tänzerische Ausstrahlung. Nur wenige Insider und die Protagonisten wissen, was da für teils schmerzliche lange und harte Trainingsarbeit hinter steckt. Bravi! Bravissimo!

Was darüber hinaus all die Jahre wieder so großartig ebenfalls zu Herzen gehend beeindruckt, ist die Vielfältigkeit der vielen einzelnen Choreografien (gesamtverantwortlich: Greetje Groenendijk - Co-Choreografie: Jasmin Eskandari & Patricia Slachmuylders) welche speziell auf die Altergruppen zugeschnitten sind; auch kleinste Bewegungen finden ihre Entsprechung in der Musik. So muß Ballett sein!

Pars pro toto:  Was kostet es eine Vierjährige für Überwindung alleine (ohne Mami) nur auf sich und ihre Gruppe allein gestellt, sich auf diesen Brettern, die immer noch die Welt bedeuten, zielsicher zu bewegen und nicht schlagartig im Angesichts der 500 Zuschauer vor Schreck plötzlich alles zu vergessen, oder zu heulen bzw. in Panik zu erstarren...

Ein herzliches "Bravi-Bravissmo" auch für diese vielen süßen kleinen Tanzherzchen - man möchte sie alle knuddeln für ihren Mut und diese Anmut in Unperfektion, welche jedem im Publikum so anrührte. Da muß im Blumenbild schon einmal eine Solistin so einen Zwerg, der sich nicht ganz klaglos in den liegend Kreis eingepasst hatte, zur optischen Rundung des Bildes und der Formation wieder hereinschieben. Verständlich und rührend, wenn eine Kleine ihre unsichtbare, weil im Dunkeln sitzende Mama (alle Regeln vergessend) lauthals von der Bühne grüßen möchte, und dann von ihrem Mini-Ensemble ein lautes "Pscht! Ruhig! Leise" erntet und wieder zur tänzerischen Ordnung gerufen wird.

Eine dezidierte Würdigung aller Szenen & Einzelgruppen, sowie Solisten wäre hochverdient angesichts dieser unglaublich tollen und engagierten Leistungen, würde aber den Rahmen einer Kritik sprengen, und so muß der gesamte Corps du Ballett mit diesem Pauschal-Lob auskommen.

Was wäre ein famoser Ballettabend ohne ein Bühnenbild, wobei man ja heute überwiegend beim Ballett an den großen Häusern mit Projektionen arbeitet. Thomas Diek versetzte uns mit seiner absolut professionellen Lichtregie in die wunderbare Traumwelt dieses Märchens. Die vielen betörend schönen Bühnenbilder (sie würden manch großem Opernhaus zum Glanze reichen) wurden von Stephanie Proboszcz betörend gezeichnet.

Wer je hinter den Kulissen die Ablauforganisation von großen Theaterproduktionen erlebt hat, welche unabdingbar die Voraussetzung für das Gelingen auf der Bühne sind, wird das nie vergessen. Im Fachjargon heißt das: Die Backstage-Organisation ist von existentieller Wichtigkeit um Frontstage auf der Chorus-Line zu bestehen.

Da tönt es über die internen Lautsprecher der Hinterbühne "Teufelchen - bitte fertigmachen - Auftritt in fünf Minuten!" bzw. "Schneebienchen - Ihr seid in einer Minute dran bitte auf die Nebenbühne!" - "Sind die letzten Eiskristalle eingetroffen? - Auftritt in einer Viertelstunde!" - "Sind die Herbstelfen fertig geschminkt?" "Pinguine auf den Flur bitte!" usw. Es geht zu, wie auf dem Bahnhof: "Achtung auf Gleis Eins hat der Zug aus Meerbusch-Lank jetzt Einfahrt!"

Daher sind die Damen für die Ablauforganisation - Ingrid Liebrecht, Inge Grothe-Rosenberg, Klaudia Kornblum & Evelyne Hartmann - praktisch unersetzbare lebenswichtige Säulen für das Gelingen.

Bei jeder gute und gelungene Theaterproduktion, die uns nachhaltig in Erinnerung bleibt, müssen neben Tanz, Licht und Bühne auch die Kostüme nachhaltig beeindrucken. Wenn ich hier Ingrid Liebrecht besonders hervorhebe, dann ist das auch ein Dank für über ein Viertel-Jahrhundert stetig begleitende und prachtvolle Arbeit. Ihre handgefertigten Kostüme können jenen an großen Opernhäusern durchaus Paroli bieten, allerdings liegt dort der durchschnittliche Preis bei 2500 Euro lt. Statistik des Deutschen Bühnenvereins. So würde ich den Oscar für die schönsten, prächtigsten und für den optischen Zauber der Illusion manchmal mehr als trickreich gefertigten Kostüme an sie verleihen. Nicht zu vergessen Inge Grothe-Rosenberg und die vielen Hundert Mütter, die sich fleißig mit eingebracht haben.

Fazit: The last Time?

Ich habe viele Produktionen über die Jahre begleitet und bin ebenso, wie die Direktorin dieser wunderbaren kleinen liebenswürdigen Ballettschule in Lank quasi alt geworden und kann sagen, daß jede neue Produktion immer noch die Letzte übertrumpft hat. Am Ende fragten wir uns immer wieder: "Kann das überhaupt noch besser werden?"  Yes we can! Yes we could! - hat dann die Hausherrin immer wieder bewiesen.

Und was heuer in Neuss wieder geboten wurde war unfassbar. Besser geht es wirklich nicht. Soll man nicht auf dem Höhepunkt des Schaffens seiner Karriere aufhören? Die Ballettchefin spricht von ihrer letzten Produktion und der Hoffnung auf einen irgendwann einmal, hoffentlich stattfindenden, verdientem Ruhestand. Die Eleven sehen das natürlich ganz anders...

Wenn man Greetje Groenendijks Schaffen, ihren über Jahrzehnte stattgefunden unentwegten Einsatz, Ehrgeiz, die verzehrende Arbeit, die künstlerische Akribie, das persönliche hinreißende Engagement (welches weit über das normale Betreiben einer Ballettschule hinaus geht - nicht ohne Grund fühlen sich alle Tänzer als große Familie) und letztlich die mal wieder hunderte von zusätzlichen Proben betrachtet, dann ist es nur normal, daß dieser Stress, der natürlich auch viele Opfer fordert, vielleicht mit dieser grandiosen SCHNEEKÖNIGIN ihren krönenden Abschluss findet; auch wenn viele nun fordern, daß dies doch bitte bitte bitte nicht das Ende der großen theaterfüllenden Groenendijk-Ballettabende, die mittlerweile schon Kult-Charakter haben, sein soll.

Ich würde mich dem durchaus anschließen können, hätte aber auch großen Respekt, wenn dies tatsächlich, um filmisch zu sprechen "the last picture show" gewesen wären.

Giuditta Masina / 17.3.2013           Dank für die tollen Bilder an Eduard Straub

 

P.S.

Natürlich gibt es, wie immer, von der Aufführung eine HD-DVD zum quasi Selbstkostenpreis und viele professionelle Einzelbilder. Zu beziehen über Ballettschule Groenendyk Ossumer Straße 6, 40668 Meerbusch, Tel: 02150 4433 - E-Mail: info@ballettschule-groenendyk.de

 

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com