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Über BALLETT in um um Wien berichtet für Sie unsere OF-Ballerina

(c) Kiss

Katharina Gebauer

 

 

DORNRÖSCHEN

24. Februar 2014                   zum 3.)

The Show must go on...

Die 47. Vorstellung von Peter Wrights "Dornröschen" an der Wiener Staatsoper stand unter keinem guten Stern. Nina Polakova, welche ein grandioses Rosenadagio tanzte und auch die anderen Variationen der Aurora mit ihrer stupenden Technik mühelos meisterte, erlitt, kurz bevor sie sich an der Spindel stach, ganz plötzlich eine Kreislaufschwäche, weswegen ab dem 2. Akt Ludmila Konovalova die Titelpartie übernahm. Dennoch muss hier gesagt werden, dass Polakova bis zum Schluss des 1. Aktes durchhielt und auch wenn sie am Schluss markieren musste, alles gab.

Eine 20 minütige Pause wurde zwischen dem 1. und 2. Akt eingeschoben, dies war jedoch die einzige unerwartete Unterbrechung des Abends.

Ludmila Konovalova, welche vor 2 Jahren eine sensationelle Wiederaufnahme von "Dornröschen" tanzte, glänzte mit bildschönem Ausdruck und perfekten Linien und rettete damit die Vorstellung. Als Prinz stand ihr Denys Cherevychko zur Seite, welcher in seinen Variationen um einiges besser tanzte, als vorige Woche, allerdings als Partner nicht besonders sicher, diverse Hebefiguren im Pas de deux konnten nur durch die technische Sicherheit von Konovalova bewältigt werden.

Hervorragend war einmal mehr der Pas de deux der verzauberten Prinzessin und des blauen Vogels (lieblich: Natascha Mair, brillant: Davide Dato), sowie der Pas de quatre mit Alice Firenze, Nina Tonoli, Richard Szabo und Dumitru Taran, und auch das weisse Kätzchen (Maria Alati), der gestiefelte Kater (Alexis Forabosco), Rotkäppchen (Eszter Leda) und der Wolf (Gabor Oberegger) sorgten für gute Laune.

Auch die Charakterfiguren waren wieder bestens besetzt mit der eleganten, strahlenden Dagmar Kronberger als Fliederfee (im März wird sie als Carabosse zu erleben sein), der energischen, kraftvollen Ketevan Papava als ihre Kontrahentin Carabosse, Alexandra Kontrus und Thomas Mayerhofer als Königspaar, Christoph Wenzel als Zeremonienmeister und der sehr amüsante Lukas Gaudernak als Galifron.

Im Orchester unter der schwungvollen Leitung von Fayçal Karoui gab es einige Unstimmigkeiten, besonders bei den Blechbläsern. Das Corps de Ballet präsentierte sich grösstenteils harmonisch. 

Katharina Gebauer 26.2.14

 

 

 

Wiener Staatsoper

DORNRÖSCHEN

Vorstellung 20. Februar 2014          zum 2.)

Grandiose Protagonisten 

Dieser Abend gehörte Wiens Erster Solotänzerin Olga Esina und dem Gastsolisten Matthew Golding, welcher aufgrund einer Erkrankung von Vladimir Shishov sein Hausdebüt in der Rolle des Prinzen Florimund gab. Der gutaussehende Kanadier ist seit kurzem Principal Dancer im Royal Ballet London und wurde gemeinsam mit Publikumsliebling Olga Esina gebührend vom Publikum gefeiert. Solch eine Bühnenpräsenz und Rollengestaltung, die Golding von Beginn an mitbringt, vermisst man bei den aktuellen Ersten Solisten des Wiener Staatsballets doch ziemlich, während die Ersten Solistinnen durch perfekte Technik und Ausdrucksstärke ihre Partner oft in den Schatten stellen. In Golding hat Esina endlich wieder einen ebenbürtigen Partner. Sie ist eine selbstbewusste Aurora, welche besonders durch ihre perfekten Balancen Zwischenapplaus erntet, aber auch durch ihre geschmeidigen Bewegungen der Aurora entzückend mädchenhafte Züge verleiht. Man kann sich schon sehr auf die Schwanensee-Première freuen, welche voraussichtlich Olga Esina tanzen wird.

Mit Auftrittsapplaus werden sowohl Esina als auch Golding begrüsst, und Golding zeigt vom ersten Augenblick an, dass der Dornröschenprinz durchaus nicht oberflächlich angelegt werden muss, jede Mimik überzeugt und er tanzt seine Soli sehr souverän. 

Hervorragend ist auch das Rollendebüt von der jungen Corpstänzerin Natascha Mair, welche mit ihrem mädchenhaften Charme an die Starballerina Eva Petters erinnert, im blauen Vogel - Pas de deux mit dem brillanten Davide Dato. 

Wie immer glänzen auch die Charakterpartien Fliederfee (anmutig: Dagmar Kronberger), Carabosse (dramatisch: Ketevan Papava), Königin (eine Luxusbesetzung: Alexandra Kontrus), und Zeremonienmeister und Galifron (erheiternd: Christoph Wenzel und Lukas Gaudernak), sowie im 3. Akt die Katzen (Rui Tamai und Dumitru Taran), Rotkäppchen (Céline Janou Weder) und der Wolf (Gabor Oberegger). Im Pas de quatre überzeugt erstmals Prisca Zeisel gemeinsam mit Reina Sawai, Greif Matthews und Alexandra Tcacenco. 

Unter der Leitung von Fayçal Karoui spielte das Orchester der Wiener Staatsoper schwungvoll und manchmal etwas uneins die schöne Musik von Tschaikowsky.

Katharina Gebauer 21.2.14

 

 

Wiener Staatsoper

DORNRÖSCHEN

Vorstellung vom 17. Februar 2014

Für die Wiederaufnahme des klassischen Balletts "Dornröschen" wären in den Hauptrollen Olga Esina und Vladimir Shishov vorgesehen, durch eine plötzliche Erkrankung gab es wenige Stunden vor der Vorstellung eine Umbesetzung und so konnten Nina Polakova und Denys Cherevychko bereits eine Woche früher als geplant ihre Rollendebüts absolvieren. Zahlreiche Rollendebüts gab es auch in einigen Nebenpartien. 

Schwungvoll beginnt der Prolog unter dem facettenreichen Dirigat von Hausdebütant Fayçal Karoui, das Bühnenbild ist knapp 20 Jahre nach der Première zwar etwas vergilbt, aber immer noch prunkvoll, und auch die Kostüme (Philip Prowse) sorgen für ein rauschendes Ballfest. Bildschön ist einmal mehr Alexandra Kontrus als Königin, welche mit ihrer eleganten Bühnenpräsenz alle überstrahlt. 

Die Feen präsentieren ihre Variationen souverän, besonders hervorragend ist dabei Prisca Zeisel, welche ihr Rollendebüt als Fee der Lebensfreude gibt. 

Bestens besetzt sind auch die Charakterpartien der Fliederfee (anmutig: Dagmar Kronberger) und Carabosse (ausdrucksstark: Ketevan Papava), und Christoph Wenzel als Zeremonienmeister und Lukas Gaudernak als Galifron sorgen für heitere Momente.

 Wenngleich im 1. Akt einige Unstimmigkeiten im Orchester geschehen, vermag Karoui diese doch schnell wieder auszubügeln und bereitet Dornröschen ein feierliches Rosenadagio. Nina Polakova war anfangs die Nervosität etwas anzusehen, die sich aber während dem technisch äusserst anspruchsvollen Rosenadagio legte und sie steigerte sich von Akt zu Akt. Besonders vermag sie im 2. Akt in der Traumszene zu berühren. Ihr zur Seite ist Denys Cherevychko als ein sehr jugendlicher Prinz, der seine Variationen sauber absolviert, jedoch in den "frechen Charakterpartien", wie Ulrich (Fledermaus), Mercutio oder Moritz (Max und Moritz) viel mehr punkten kann, als in den Prinzenrollen, auch ist Polakova etwas gross für ihn.  

Der 3. Akt schliesslich ist mit technisch versierten Solisten besetzt, brillant der Pas de quatre (Ioanna Avraam, Alice Firenze, Davide Dato und Eno Peci), geschmeidig der Katzen-Pas de deux (Maria Alati und Alexis Forabosco), humoristisch Rotkäppchen (Céline Janou Weder) und der Wolf (Gabor Oberegger), und besonders kraftvoll und elegant der umjubelte Mihail Sosnovschi als blauer Vogel, mit Rollendebütantin Kiyoka Hashimoto als souveräne verzauberte Prinzessin. Schlussendlich der Grand Pas mit Nina Polakova und Denys Cherevychko, wobei Polakova zur Höchstform aufblüht und man kann sich sehr freuen, dass sie nun doch in mehreren Vorstellungen zu erleben sein wird.

Eine schöne Produktion, welche noch am 20., 23., 24. Februar, sowie am 1., 2. und 5. März in insgesamt drei verschiedenen Besetzungen zu sehen sein wird.

Katharina Gebauer 19.2.14

Bilder: Wiener Staatsoper

 

 

 

Wiener Staatsoper

MANON

Wiederaufnahme vom 8. Jänner 2013

Mit der Wiederaufnahme von Kenneth MacMillans romantischem Ballett „Manon“ hat Ballettdirektor Manuel Legris wieder einen Volltreffer gelandet. Das Publikum feierte die Protagonisten gebührend.

Maria Yakovleva war bereits vor 6 Jahren als eine damals besonders junge, verspielte Titelpartie zu erleben, heute hat sie an Facettenreichtum und darstellerischer Reife gewonnen, die diffizile Choreographie meistert sie spielerisch. Sie lebt die Partie vom ersten Augenblick an, überzeugt in jeder Gefühlslage, sei es als verliebte, mädchenhaft kokette Manon, oder aber auch als selbstsüchtige, selbstbewusste grande Dame, die sich ihrer unglaublichen Schönheit sehr wohl bewusst ist, aber tief im Herzen sich doch zu Des Grieux hingezogen fühlt. Mit dem gutaussehenden Gastsolisten Friedemann Vogel (1. Solotänzer im Stuttgarter Ballett) ist die Partie des Des Grieux ideal besetzt, der bereits in seiner ersten Variation Bravorufe erntet – wobei er die äusserst schwierigen Balancen perfekt steht. Für Yakovleva ist er ein hervorragender Partner, die beiden wirken als so verliebtes, vertrautes Paar, dass man gar nicht vermuten könnte, dass sie zum ersten Mal miteinander tanzen.

In der Charakterpartie des Bruders Lescaut beweist Kirill Kourlaev einmal mehr Ausdrucksstärke und eine technische Perfektion, Kamil Pavelka gibt einen schmierigen Monsieur G.M., bei Ketevan Papava als Lescauts Geliebte würde man sich weniger zackige Bewegungen wünschen, gerade wenn man sie in Glanzpartien, wie Anna Karenina oder Carmen erlebt hat.

Apropos technische Perfektion: Mit Davide Dato ist die kleine aber feine Partie des Bettlerkönigs hochkarätig besetzt. In weiteren Nebenrollen überzeugen Gabor Oberegger als brutaler Aufseher und Dagmar Kronberger als elegante Madame, sowie die drei Herren (Alexis Forabosco, Dumitru Taran und Greig Matthews). Das Corps de Ballet war bis auf wenige Unsicherheiten in guter Form.

Unter der Leitung von Ermanno Florio gab das Orchester der Wiener Staatsoper eine solide Leistung, die vereinzelten Buh-Rufe zu Beginn des 3. Aktes und beim Schlussapplaus waren nicht gerechtfertigt. In dieser Wiederaufnahme wurde übrigens ein weiteres Zwischenspiel mit wohlklingendem Cellosolo im 3. Akt hinzugefügt (musikalische Einrichtung: Martin Yates).

Folgevorstellungen: 18., 25. Jänner (mit Nina Polakova und Roman Lazik), 2. und 9. Februar 2013 (mit Irina Tsymbal und Vladimir Shishov)

Katharina Gebauer                                     Bilder: Wiener Staatsoper

 

 

 

 

ROMEO UND JULIA

Wiener Staatsballett am 06.11.2012 in der Staatsoper

Berührendes Rollendebüt

Nach einigen Repertoire-Vorstellungen von John Crankos „Romeo und Julia“ an der Wiener Staatsoper erwartet man mit Spannung das Rollendebüt von 1. Solotänzerin Nina Polakova als Julia.

Die Julia ist ja schon lange die „Wunschrolle“ von Nina Polakova, und das pure Glück, die Partie endlich tanzen zu können, stand ihr besonders im ersten Auftritt ins Gesicht geschrieben. Keck und unbeschwert tanzt sie eine kindliche Julia, die sich dann sehr romantisch zum ersten Mal verliebt, die Balkonszene ist ein Feuerwerk der Gefühle, gepaart mit technischer Perfektion und schwebenden Hebefiguren. Polakova und Lazik harmonieren phantastisch miteinander, die Liebe wird glaubhaft vermittelt. Doch auch im 3. Akt vermag Polakova, diesmal mit dramatischem Ausdruck, zu punkten. Berührend schildert sie Pater Lorenzo (Christoph Wenzel) ihr Leid und zeigt in der Giftszene, dass Julia wirklich keinen anderen Ausweg sieht.

Eine grosse positive Überraschung erlebt man bei Roman Lazik, welcher diesmal den Romeo vom ersten Auftritt an überzeugend spielt. Er hat sowieso schon das perfekte Aussehen für Prinzenrollen, ist mit einer soliden Technik und als sicherer Partner für die grossen Partien gut besetzt, aber erfreulicherweise hat er in den letzten Jahren an Ausdruck gewonnen, und solche 1. Solisten braucht man!

Ein routinierter und gern gesehener Mercutio ist Denys Cherevychko, der Schalkhaftigkeit gekonnt mit technischer Brillanz verbindet, Kirill Kourlaev als Tybalt ist kraftvoll und angriffslustig. Einzig die Sterbeszenen der beiden wirken ein wenig aufgesetzt. Dagmar Kronberger ist eine sehr elegante, aber auch emotionale Gräfin Capulet, Alexandru Tcacenco gleich im Doppeleinsatz als gutaussehender Graf Paris und als temperamentvoller Faschingskönig. Marcin Dempc als Benvolio hält wacker im pas de trois mit Lazik und Cherevychko mit.

Weniger erfreulich ist das Orchester der Wiener Staatsoper unter der sehr bemühten Leitung von Guillermo Garcia Calvo, das Motto scheint „laut und schnell“ zu sein, die Geigensoli leiden teils an Intonationsschwäche, die Klarinette schrillt die Mandolinen im Faschingstanz rücksichtslos zu. Besonders viele Facetten werden – im Gegensatz zu dem, was sich auf der Bühne abspielt – nicht geboten.

Das Debüt von Polakova ist allerdings mehr als geglückt und es bleibt zu hoffen, dass sie nächste Spielzeit – sofern diese wunderschöne Produktion wieder am Spielplan steht – wieder zum Einsatz kommt. Auf jeden Fall kann man sich schon im Jänner auf ihre erste Manon an der Seite von Roman Lazik als Des Grieux freuen – den Pas de deux hat sie ja bereits mit Ballettdirektor Manuel Legris bei der Ballettgala getanzt.

Katharina Gebauer

 

 

DER NUSSKNACKER

Bilder: Wiener Staatsoper
 

Premiere: 7. Oktober 2012
Besucht wurde die Generalprobe

Die grundlegende Geschichte – dass die kleine Clara zu Weihnachten einen Nussknacker geschenkt bekommt und dass sie in eine Traumwelt entgleitet – bleibt immer dieselbe, die Variationen, sie tänzerisch umzusetzen, sind mannigfaltig. Wien hat manche Version davon gesehen, aber interessanter- weise noch nie jene von Rudolf Nurejew. Dass dieser zu den privaten Göttern von Wiens Ballettchef Manuel Legris zählt, ist bekannt und absolut kein Schaden – schließlich stand Nurejew, abgesehen von seinen durchaus vorhandenen Interessen für die Moderne, doch für das Beste, was das klassische russische Ballett zu bieten hat.

Nurejews Fassung, die Clara die ganze Zeit von ein- und derselben Tänzerin gestalten lässt (auch als kleines Mädchen), wahrt die Bedrohlichkeit, die bei dem Schöpfer der Originalgeschichte, E.T.A. Hoffmann, immer mitschwingt, indem er Clara nicht nur als Einzelgängerin darstellt, sondern ihr die Erwachsenenwelt in den Traumszenen auch durchaus bedrohlich entgegen-stellt – wenn “die Großen” da mit riesigen Papmaché-Köpfen auf sie eintanzen, kann man sich als Kind schon schrecken.

Hingegen spielt der Mäusekönig hier keine besonders große Rolle, aber die Mäuse (oder Ratten?) kommen wahrlich zur Geltung – der enorme Anteil der Kinder ist vielleicht auch ein Bonus, der diesen Abend noch kindergerechter macht, als er es von seinen Voraussetzungen her schon wäre: Denn die kleinen Herrschaften im Tierkostüm watzen und trippeln ganz hinreißend herum, schütteln die Pfoten (selbst wenn Mäuse vermutlich keine solchen haben) und sorgen für zahlreiche Lacher – wie auch die anderen Kinder der Opernschule, die als sie selbst (also kleine Kinder im Gewand des zaristischen Russlands) herumwirbeln, marschieren, umhertollen, wie es am Weihnachtsabend eben so ist, wenn die Geschenke herumkollern…

Diese Rahmen-Szenen haben durchaus Gewicht, die Eltern (Franziska Wallner-Hollinek und Gabor Oberegger würdig) und die boshaften Geschwister (Davide Dato und Emilia Baranowicz) haben ihre Funktion ebenso wie die feine Gesellschaft – Nicholas Georgiadis hat eine Ausstattung geschaffen, die in den Dekorationen eher sparsam bleibt (allerdings müssen deren Teile von den Bühnenarbeitern sichtbar umhergeschoben werden), dafür in den Kostümen prunkt: Damit kann man zur Not auch alle Opern spielen, die aus dem Zarenreich stammen… Ein schlanker weißhaariger Herr ist halb guter Geist, halb durchaus geheimnisvoll: Drosselmeyer, Claras Pate und von ihr heimlich angeschwärmt…

So ist es auch logisch, dass er in der Traumwelt, wenn sie zur erwachsenen Prinzessin avanciert, nun ihr Prinz ist, zuständig für Soli und Pas de deux, wie man sie sich in einem klassischen Werk nur wünscht. Wie die meisten anderen Choreographen hat Nurejew auch die originale Fasung mit der Zuckerfee verschmäht, bei ihm erwachen einfach Puppen zum Leben – und ein Tanz der Schneeflocken kann es mit den Schwänen im „Schwanensee“ aufnehmen (mit Alena Klochkova und Prisca Zeisel als Schneeflocken-Anführerinnen).

Und im übrigen gibt es, auch wie in „Schwanensee“, die bunten, folkloristischen Einlagen, wobei Ketevan Papava und Eno Peci beim arabischen Tanz enorm rassig wirken, Marcin Dempc, András Lukács und Richard Szabó drei lustige Chinesen sind und die europäische Barock-Pastorale ausschließlich exotische Gesichter zeigt: Ioanna Avraam, Kiyoka Hashimoto und Masayu Kimoto. Geschwister und Eltern von Clara bekommen mit einem spanischen bzw. russischen Tanz ihre Solo-Möglichkeiten.

Wie immer in Wien werden schon bei den nächsten Vorstellungen die Darsteller von Carla und Drosselmeyer / Prinz abwechseln. Da wir keine „heimischen“ Lieblinge mehr haben (was schon moniert wird – jahrzehnte- lang war das Wiener Ballett mit österreichischen Publikumslieblingen bestückt, aber die muss man natürlich heran erziehen), aber dafür jede Menge fabelhafter Russen, gab es Liudmila Konovalova und Vladimir Shishov für die Premiere, sie poetisch-elegisch-elegant, aber nicht wirklich wie ein junges Mädchen wirkend, er dafür ein jugendlich stürmischer Prinz.

Wenn Ballettfans nun Vorstellung für Vorstellung besuchen werden, um die Alternativen zu sehen, werden sie vermutlich an dem detailreichen Abend, den Legris selbst (zusammen mit Aleth Francillon und mit Nathalie Aubin für die reichen Kinderszenen) einstudiert hat und den Paul Connelly brav dirigiert, ihren Spaß haben.

„Ist das nicht zu schön?“ habe ich meinen Mann gefragt.
Und er antwortete: „Es muss ja nicht alles heutzutage auf dem Misthaufen spielen.“
In diesem Sinn – viel Freude mit dem „Nussknacker“.

Renate Wagner

 

 

LA SYLPHIDE

Wiener Staatsballett am 29. Jänner 2012 in der Staatsoper

Ätherischer Genuss

Die 8. Vorstellung der „Sylphide“ an der Wiener Staatsoper brachte einige gelungene Rollendebüts mit sich und einen grossen Applaus für die Protagonisten.

Das Copyright aller Produktionsbilder liebt bei der Weiner Staatsoper

Ein sensationelles Rollendebüt gab die grazile Natalie Kusch in der Titelpartie. Wie schon vor einem halben Jahr als traumhafte Giselle, schwebt sie nun als Sylphide so schwerelos über die Bühne, dass es ein ätherischer Genuss ist! Da hat der liebe Gott wohl vergessen, ihr vor der Geburt die Flügel abzunehmen. Sie kostet jede Balance aus und präsentiert zudem eine perfekte Fussarbeit. Sie lebt die Rolle von Anfang bis zum Schluss, verleiht der Sylphide das Neckische, das Federleichte und stirbt zum Schluss so ergreifend, dass dem Zuschauer die Tränen kommen. In Denys Cherevychko (ebenfalls Rollendebüt) hat sie einen ebenbürtigen Partner, welcher besonders durch kraftvolle, aber flinke Sprünge brilliert (der eine unfreiwillige Spagat sei ihm verziehen), aber vor allem dem James eine frische Persönlichkeit verleiht. Er sprüht nur so vor Lebensfreude und realisiert viel zu spät, dass er durch jugendlichen Leichtsinn selbst die Sylphide getötet hat. Cherevychko ist vom „Gesamtpaket“ her die Idealbesetzung für den James und harmoniert wunderbar mit Kusch.

Ebenfalls zum ersten Mal tanzte die Halbsolistin Kiyoka Hashimoto eine liebliche Effie mit einer sauberen Technik, im Pas de deux begeisterten Rollendebütanten Reina Sawai und Alexandru Tcacenco. Andrey Kaydanovskiy sorgte wieder für gruslige Momente als ausdrucksstarke Hexe Magde, und in den Charakterpartien Gurn und Mutter überzeugten Kamil Pavelka und Eva Polacek.

Das Corps de ballet zeigte sich grösstenteils harmonisch, allen voran die drei Solo-Sylphiden Marie-Claire D'Lyse, Alena Klochkova und Andrea Nemethova.

Und unter der Leitung von Peter Ernst Lassen brachte das Orchester der Wiener Staatsoper eine solide bis sehr gute (hervorragendes Violoncello-Solo!) Leistung. Das Publikum war begeistert und belohnte die Künstler mit lang anhaltendem Applaus.

Katharina Gebauer

 

 

 

DORNRÖSCHEN

Wiederaufnahme vom 21.12.2011 in der Wiener Staatsoper

Gelungene Rollendebüts - Technische Perfektion

Nach 6 Jahren Pause steht das Märchen-Ballett „Dornröschen“ in der Choreographie von Peter Wright wieder am Spielplan und wartet mit einer Fülle von Rollendebüts auf.

In der Titelrolle gab die erste Solotänzerin Liudmila Konovalova ein gelungenes Rollendebüt. Dem Auftrittsapplaus wird sie gleich in ihrer ersten Variation gerecht, vorzüglich meistert sie auch das anspruchsvolle Rosenadagio, in welchem sie besonders durch die perfekte Balancen punktet. Die mädchenhafte Ausstrahlung mag zwar in seltenen Momenten etwas verblassen, was sie allerdings durch eine stupende Technik wieder wettmacht. Im Endeffekt ist es immer eine Freude, ihr zuzusehen. Da kann auch ihr Ex-Chef Vladimir Malakhov, welcher höchstpersönlich anwesend war und übrigens die Première 1995 an der Wiener Staatsoper getanzt hat, zufrieden sein. In Vladimir Shishov als Prinz Désiré hat Konovalova einen gut aussehenden Partner, welcher in den Solovariationen besonders durch kraftvolle Sprünge punktet, jedoch im Pas de deux nicht immer ganz sicher ist. Die berühmte Chemie muss noch etwas besser gemischt werden, was sich vermutlich bei den Folgevorstellungen einstellen wird. 

Copyright aller Bilder: Wiener Staatsoper

Hervorragend besetzt sind die Charakterpartien, wie die liebliche Dagmar Kronberger, eine bereits versierte Fliederfee, aber auch die ausdrucksstarke Ketevan Papava, welche erstmals die Carabosse tanzte. Ein freudiges Wiedersehen gab es mit der ehemaligen Solotänzerin Alexandra Kontrus als elegante Königin (vor 6 Jahren sorgte sie noch als Carabosse für Gänsehaut), welche vom ersten Auftritt an die ganze Bühne zum Strahlen brachte. Eine Persönlichkeit sondergleichen! Aber auch Lukas Gaudernak als Gaston brilliert mit seinem komischen Talent.

Überhaupt ist „Dornröschen“ in dieser kitschig-schönen Version für zahlreiche Tänzer eine gute Gelegenheit, sich in kleinen, aber feinen Soli zu präsentieren. Besonders in Erinnerung bleibt einem da die zierliche Natalie Kusch, einmal hervorragend als Fee des Gesangs, dann vermittelt sie im Pas de Quatre im 3. Akt dem Publikum die pure Freude am Tanzen. Aber auch die Halbsolisten Shane A. Wuerthner und Andrey Teterin können u.a. als Begleiter der Feen, dann als Prinzen im Rosenadagio und zum Schluss auch im Pas de Quatre überzeugen. Niedlich ist der Pas de deux der weissen Katze (Rui Tamai) und des gestiefelten Katers (Alexis Forabosco), für Erheiterung sorgt dann Rotkäppchen (Emilie Drexler) und der Wolf (Gabor Oberegger). Nina Polakova, erstmals als verzauberte Prinzessin zu erleben, besticht einmal mehr durch perfekte Linien, der blaue Vogel, auch zum ersten Mal von Denys Cherevychko getanzt, beginnt erst in der Coda schwerelos zu fliegen.

Bis auf wenige Momente zeigte sich auch das Corps de ballet sehr harmonisch. Das Orchester unter der Leitung von Paul Connelly bot besonders im Prolog eine solide Qualität, im 1. und 2. Akt liess es an Präzision nach, um wieder im 3. Akt ein ordentliches Finale zu spielen.

Um die Weihnachtszeit herum ist diese konventionelle Inszenierung gerade richtig für das Wiener Publikum, und die Musik von Tschaikowsky ist nunmal wunderschön.

Katharina Gebauer

Folgevorstellungen:  3. und 7. Jänner 2012

 

 

 

SCHRITTE UND SPUREN

Wiener Staatsballett am 5.12.2011in der Staatsoper

Geschmeidig und brillant

Photo: Axel Zeininger / Wiener Staatsballett

Mit dem Vierteiler „Schritte und Spuren“ hat das Wiener Staatsballett die Gelegenheit, sich auch einmal in modernem Repertoire zu beweisen.

Eröffnet wurde der Abend mit Jiri Bubenicek’s „Le Souffle de l’esprit“ – ein Werk, das er 2007 für das Zürcher Ballett choreographierte. Bubenicek, ehemaliger 1. Solist des Hamburger Balletts, jetzt 1. Solist an der Semperoper Dresden, ist der jüngste Choreograph des Abends. Die Tänzer (allen voran Mihail Sosnovschi) können in seiner Choreographie durch Geschmeidigkeit punkten. Eine weitere Augenweide ist das Bühnenbild (Otto Bubenicek), passend zur Musik von J.S. Bach, Pachelbel und Hoffstetter.

Das zweite Stück des Abends, „Glow-Stop“ von Jorma Elo, ist dem Wiener Publikum schon länger bekannt, stand es doch seit 2008 fast jährlich am Spielplan, sei es bei Ballettgalas, oder eingebunden in einen „Vierteiler“- Abend. Dieses neoklassische Werk erfordert von den Tänzern eine enorme Präzision, besonders brillant präsentieren sich Maria Yakovleva, Ketevan Papava und Shane A. Wuerthner. Dass auf den Allegro-Satz aus Mozarts Symphonie KV 200 eine direkt endlose Minimal Music folgen muss, darüber kann man streiten. Die Geschmäcker sind verschieden. Die Choreographie bleibt schön anzusehen, schön sind auch die Kostüme (Zack Brown) und die Tänzer ernten für ihre solide Leistung grossen Applaus.

Vor der Pause gibt es dann noch ein sehr komödiantisches Stück, „Skew-Whiff“ von dem kongenialen Duo Paul Lightfoot und Sol Leon. Sensationell war das Rollendebüt von Céline Janou Weder, welche die anspruchsvolle Hauptpartie einfach perfekt gestaltete, flink, elegant und mit einem charmanten Humor. Perfekt waren auch ihre drei Gegenspieler Mihail Sosnovschi, Dumitru Taran und Marcin Dempc. Dementsprechend reagierte auch das begeisterte Publikum.

Der vierte Choreograph des Abends, Jiri Kylian, ist dem Wiener Publikum bereits bekannt, durch Werke wie „Sechs Tänze“ und „Petite Mort“. Mit „Bella Figura“ kann sich das Wiener Staatsballett, insbesondere Ketevan Papava und Erika Kovacova, von einer sehr sinnlichen Seite präsentieren.

Ein wirklich gelungener Abend, wenngleich die Musik aus der Box kam. Das Wiener Staatsballett wird den verschiedenen Stilen mehr als gerecht, wie es bestimmt auch auf der bevorstehenden Tournee nach Monte Carlo beweisen wird.

Katharina Gebauer

 

Irina Tsymbal

erste Solotänzerin des Wiener Staatsballetts

Anlässlich des grossen Erfolges bei der „Sylphide“-Première an der Wiener Staatsoper wurde die Interpretin der Hauptrolle, Irina Tsymbal, zur ersten Solotänzerin ernannt. Die grazile Tänzerin wurde in Minsk (Weissrussland) geboren, wo sie 1997 ihr Ballettstudium an der Choreographischen Akademie abschloss. 1992 gewann sie den 1. Preis beim Ballettwettbewerb in Szczecin und den 2. Preis beim Diaghilew-Ballettwettbewerb in Moskau, 1996 den 3. Preis beim Internationalen Ballettwettbewerb in Varna, und 2000 den Sonderpreis beim Internationalen Ballettwettbewerb in Paris.

Ihr erstes Engagement erhielt sie an der Lettischen Nationaloper in Riga, 1998-2002 war sie Solistin am Litauischen Opern-und Balletttheater in Vilnius, Lettland, bevor sie bis 2005 ebenfalls als Solistin in Budapest beim Ungarischen Nationaltheater tanzte. 2004 gastierte sie mit dieser Kompanie als Mary Vetsera (Mayerling, MacMillan) in St. Pölten. 2005 wurde sie Solotänzerin des Balletts der Wiener Staatsoper und Volksoper, ab 2010 Wiener Staatsballett, und ist seit dem 26. Oktober 2011 erste Solotänzerin. Zu ihren wichtigsten Partien gehören die Sylphide (Lacotte), Julia (Cranko), Tatjana (Onegin, Cranko), Giselle (Tschernischova), Prinzessin Maria (Der Nussknacker, Harangozo), Mary Vetsera (Mayerling, MacMillan), Anna Karenina (Eifman), Titania (Sommernachtstraum, Elo), Micaëla (Carmen, Bombana), Verlobte des jungen Dichters (Platzkonzert, Harangozo sen.), sowie Hauptpartien in Ben van Cauwenberghs „Queen“, George Balanchines „Rubies“, Jerome Robbins’ „The Concert“ und „In the Night“, Twyla Tharps „Variationen über ein Thema von Haydn“, Jiří Kyliáns „Petite Mort“ und „Bella Figura“, Myriam Naisys „Ederlezi“ und Jorma Elos „Glow – Stop“ sowie Marius Petipas Pas de deux aus „Dornröschen“ und Wassili Wainonens „Moszkowski-Walzer“. In Ivan Cavallaris „Tschaikowski Impressionen“ kreierte sie zwei Partien. Sie gastierte in Italien und beim Stuttgarter Ballett.

Mit der frischgebackenen ersten Solotänzerin sprach unsere Opernfreund-Fachkritikerin fürs Tanztheater: Katharina Gebauer.

 

OF: Sie wollten ja ursprünglich gar nicht Ballerina werden, erinnere ich mich von einem Künstlergespräch? (Anm.: mit Ingeborg Tichy-Luger, Präsidentin vom Ballettclub der Wiener Staatsoper und Volksoper)

IT: Als ich in der Volksschule war, wollte ich Biologie studieren. Aber das ist schon viele Jahre her. Ich war damals zehn, als ich mich entschieden hatte, auf die Ballettschule zu gehen. Meine Mutter hat mich sehr gefördert, und das Leben hat mir nun diesen Weg gezeigt.

OF: Was Sie ja besonders auszeichnet, ist die enorme Ausdruckskraft, gerade in dramatischen Partien, wie Tatjana und Mary Vetsera, aber auch in lustigen Partien, wie die Ballerina im „Concert“ und die Bella in der „Fledermaus“. Wie bereiten Sie sich auf neue Rollen vor?

IT: Ich versuche, soviel Informationen wie möglich zu bekommen. Zum einen, wenn es Literatur dazu gibt, wie bei der Tatjana – ich habe Puschkin oft gelesen und versucht, auch zwischen den Zeilen zu lesen – vertiefe ich mich darin, zum anderen lese ich auch verschiedene Meinungen über die jeweiligen Werke, der nächste Schritt ist, dass ich mich selbst in das Werk integriere und es für mich umsetze. Für mich ist eine grosse Rolle ein langer Prozess, würde ich sagen. Viel Lesen, Bilder anschauen, sofern sie vorhanden sind -gerade bei der Sylphide habe ich mich eingehend mit Marie Taglioni beschäftigt, mit Berichten und Bildern aus dieser Zeit. Man kann es mit einem Schwamm vergleichen, der sich langsam mit Informationen aufsaugt. Und dann kommen meine Gedanken, Gefühle dazu, wie ich das Werk verstehe.

Copyright aller Bilder: Wiener Staatsballett / Axel Zeininger

OF: Das gelingt Ihnen auch sehr gut, wenn ich z.B. an Ihre berührende Interpretation der Tatjana denke.

IT: Es war eine grosse Arbeit für mich, besonders weil ich die Tatjana zum ersten Mal sehr früh, mit 23, getanzt habe. Ich war jung, damals noch in Budapest, hatte noch nicht soviel Lebenserfahrung und auch beruflich noch nicht. Und ich erinnere mich, wie ich mit dem letzten Pas de deux gekämpft habe, weil man hierfür eine gewisse Reife braucht. Und Ivan Cavallari hat mich in dieser Zeit vorbereitet, ist vor mir gekniet und hat versucht, meine Emotionen herauszulocken. Es war wirklich harte Arbeit, und es ist auch interessant, über die Jahre zurückzublicken, wie man sich weiterentwickelt hat, weil je länger man lebt, desto mehr Schwierigkeiten erlebt man, desto mehr Krisen macht man durch, dann kann man das alles auf die Bühne bringen. Besonders beim „Onegin“ letztes Jahr hatte ich begriffen, wie man den Schluss tanzen muss. Ich hatte viel erlebt und das hat mir viel gebracht. Besonders beim Pas de deux im 3. Akt habe ich viel empfunden und konnte das in die Rolle mitnehmen. Das ist ein glücklicher Moment für die Künstler.

OF: Sie haben ja 2005 „Schwanensee“ für ein Gastspiel in Polen vorbereitet, gemeinsam mit Margaret Illmann. (Anm.: ehemalige 1. Solotänzerin des Wiener Staatsopernballetts)

IT: Ja, ich habe sie gebeten, mir bei den Vorbereitungen zu helfen, sie ist eine wunderschöne Künstlerin, Tänzerin und auch ein grossartiger Mensch. Ich hatte wirklich Glück, mit vielen tollen Leuten zu arbeiten und sie zählt zu diesen Menschen. Die Proben mit ihr werde ich nie vergessen, alles, was sie mir gesagt hat, hat mir enorm viel gegeben.

KG: Welche Tänzer oder Choreographen haben ansonsten Ihre Laufbahn geprägt?

IT: Während meiner ganzen Karriere war immer jemand da, die Wiener Staatsoper ist ja nicht mein erstes Engagement, es gab davor auch wichtige Personen. Ich kann nur sagen, hier habe ich in meiner schwierigen Zeit eine wunderbare Lehrerin kennen gelernt, sie unterrichtet in der Ballettschule St. Pölten und viele Schülerinnen von ihr sind jetzt Solistinnen an der Staatsoper. Wir haben uns zu einem Zeitpunkt kennen gelernt, wo es mir nicht gut ging, und sie war und sie ist eine besonders wichtige Person in meinem Leben, ich bin sehr dankbar um ihre Freundschaft. Sie heisst Schyda Mubaryakova. Sie hat meinen beruflichen Werdegang sehr beeinflusst, ich hatte genau das gefunden, was ich gesucht habe.

OF: Welche Partien tanzen Sie am liebsten? Gibt es Präferenzen, ob eher dramatische Partien, oder lustige, oder ganz klassisch, oder modern?

IT: Die traditionelle Frage *lacht*. Es ist so eine Stempelfrage. Ich müsste da länger ausholen. Ich fühle mich jeder Rolle, die ich tanze, so nahe, es bedeutet mir jedes Mal viel, wenn ich in den Vorbereitungen für eine Rolle bin. Es ist immer sehr emotional. Man kann es mit einer Schwangerschaft vergleichen. Man trägt das Kind in sich, man gibt dem Kind Leben, es ist ein langer Prozess. Und in dem Moment, wo man eine Rolle vorbereitet, entsteht etwas Neues. Und wenn jemand mich fragt, welche Rolle ist Ihre Lieblingsrolle, dann kann ich nur sagen, bei Rolle x hatte ich das erlebt, da gab es diese Schwierigkeiten, bei Rolle y waren es andere Herausforderungen, aber Rolle z liebe ich auch total. Jede Rolle, die man neu einstudiert, ist ein Schritt vorwärts. Genau wie im Leben. Unser Beruf IST unser Leben, das wird jeder Tänzer bestätigen. Das heisst, dass alles zusammenhängt, man entwickelt sich in den Rollen weiter, aber auch im Leben. Daher würde ich sagen, mir sind generell dramatische Rollen am liebsten, wie Mary Vetsera oder Tatjana.

OF: Auch die Julia war ganz phantastisch.

IT: Julia auch! Aber auch die lustigen Partien, wie z.B. die Ballerina im „Concert“ haben mir echt Spass gemacht. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so lustig sein kann. Ich dachte zuerst, ich bin zu langweilig für diese Partie. Aber dann war das für mein Herz so eine natürliche Sache, ich musste gar nicht gross übertreiben. Wahrscheinlich habe ich einfach komisches Talent. Jetzt ist jede Rolle für mich schön zu tanzen. Ich bin dankbar dafür, dass ich so ein Glück in der Karriere hatte und viele Partien tanzen kann. Sylphide war etwas Besonderes, das war ein sehr grosser Schritt für mich. Ich kann allerdings sagen, welche Partie ich gerne einmal tanzen würde, die Kameliendame. Das würde ich wirklich gerne einmal tanzen.

OF: Sie haben sich ja in den 6 Jahren in Wien schon ein breitgefächertes Repertoire aufgebaut, wie z.B. Balanchine, Cranko, MacMillan, Nurejew, Tschernischova, Robbins und jetzt eben Lacotte. Welche Choreographien tanzen Sie am liebsten?

IT: Das ist schwer zu sagen. Die Choreographien sind so unterschiedlich, und die Möglichkeit, das alles zu probieren, zu tanzen, ist ein Erlebnis. Es ist für die Tänzer so toll, verschiedene Choreographien zu tanzen, es ist eine tolle körperliche Erfahrung, in jede Richtung, ich kann nicht sagen, welcher Stil mir am liebsten sind, jeder von den eben genannten Choreographen hat einen grossen Namen in der Ballettwelt. Ich würde keinen Vorschlag machen, was jetzt besser ist, es ist nicht nötig, weil sie alle toll sind. Und ich bin eine einfache Tänzerin, das sind grosse Choreographen, ich kann nicht darüber diskutieren, das ist eine andere Sphäre. Ich kann nur mit grossem Respekt sagen, danke, dass ich das tanzen darf. Die ganze Welt hat schon entschieden, dass das wichtige Werke bzw. Persönlichkeiten sind.

KG: Aber z.B. von „Romeo und Julia“ haben Sie ja zwei verschiedene Choreographien getanzt, damals in Weissrussland und hier die Cranko-Version, wie war das?

IT: Es waren zwei verschiedene Interpretationen. Jeder hatte seine Vision von dem Ballett. Es war in Weissrussland meine erste Julia, mit 20 Jahren, ich wollte sie unbedingt tanzen, ich war noch sehr jung und sagte mir, warum sollte ich bis 30 warten, wenn ich schon alt bin – in dieser Zeit fand ich, mit 30 bin ich schon sehr alt – und dieses Ballett war sehr emotional, und Jelisarjew ist ein phantastischer Choreograph, er hat sich seinen Namen gemacht, und in Weissrussland sehr populär. In seiner Choreographen gibt es sehr schöne Elemente, es war toll, dies zu tanzen. Auch die Cranko-Version ist wunderschön, sie erfordert nicht nur eine solide Technik, sondern man muss auch darstellerisch etwas ausdrücken. Und er hat genau die richtige Mischung von Tanz und Ausdruck gefunden, das ist wichtig für das Publikum. Aber es ist so eine Geschmackssache, welche Choreographie jetzt am besten ist, ein guter Vergleich wäre jemand trägt lieber rote Hemden, der andere lieber schwarze.

OF: Wie war das für Sie, die Sylphide einzustudieren, auf welche technischen Elemente haben Sie sich besonders konzentriert?

IT: Ich habe diese Version der Sylphide erst auf Video gesehen mit Aurélie Dupont, mir ist gleich aufgefallen, dass ihre Technik ganz anders ist, als diejenige, welche ich gelernt habe. Die russische Technik unterscheidet sich enorm von der französischen Technik. Ich habe begriffen, dass ich mir diese neue Technik aneignen muss, und daran habe ich gearbeitet. Ich wollte alles perfekt machen. Es war eine hervorragende Zusammenarbeit mit Manuel Legris, er hat mir soviel geholfen, ebenso Elisabeth Platel, ich habe sehr viel auch von Pierre Lacotte gelernt, es war wirklich eine tolle Arbeit. Ich habe viele Stunden im Ballettsaal verbracht, nicht nur in den regulären Probezeiten, sondern auch alleine. Ich bin oft früher im Ballettsaal gewesen und als Letzte gegangen. Langsam, wie in der Schule, Schritt für Schritt perfektioniert. Der Anfang war schwer, dann ging es leichter, und ich habe mich weiterentwickelt.

OF: Gerade bei der Sylphide konnte der Zuschauer sehen, wie sehr Sie Ihre Technik perfektioniert haben, das war eine wirklich grandiose Leistung!

IT: Ich hoffe, dass es auch weiter so funktioniert. Nach einer Woche Pause ist es schwer, wieder reinzukommen. Wenn man in der Routine nonstop arbeitet, wird man zwar müde, aber man muss weitermachen. Aber der Körper braucht auch ab und an seine Ruhe, wir sind alles nur Menschen. Für mich ist es nach jeder Pause mühsam, wieder reinzukommen.

OF: Welche Schuhmarke verwenden Sie?

IT: Freed. Seitdem ich in Wien bin, bekomme ich immer die Schuhe der Marke Freed, sie haben meine Füsse gemessen und mit dieser Marke funktioniert es am besten. Spitzenschuhe sind zwar generell nie bequem, diese Belastung des Fusses ist schon gegen die Natur. Ich habe zuerst mit Bloch versucht, aber diese Schuhe sind für meine Füsse zu hart.

OF: Die Margaret Illmann hat ja auch mit Freed getanzt.

IT: Ich weiss. Und sie hat tolle Füsse! Was macht sie jetzt?

OF: Soweit ich weiss, hat sie eine Zeitlang Ballett unterrichtet, jetzt ist sie Physiotherapeutin.

IT: Ja, es ist schon Zeit zu überlegen, was man später macht. Ich denke schon seit 2 Jahren darüber nach. Das ist normal. Das Leben eines Balletttänzers ist kurz, irgendwann kommt der Moment, wo man aufhören muss.

OF: Ich könnte mir vorstellen, dass Sie in 15-20 Jahren eine ganz tolle Lady Capulet darstellen würden.

IT: Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Die Alexandra Kontrus war ja eine phantastische Lady Capulet. Und immer wenn wir gemeinsam getanzt haben, meinten viele, ich könnte ihre Tochter sein, weil wir einander so ähnlich sehen. Alexandra Kontrus ist eine sehr starke Persönlichkeit mit einer enormen Ausdruckskraft. Es ist so wichtig, wenn man die Lebenserfahrung auch mit auf die Bühne bringen kann. Das ist auch ein Geschenk von Gott, wenn man das kann.

OF: Eine klassische Frage, wie viele Paar Spitzenschuhe verbrauchen Sie  im Jahr?

IT: Das ist schwer zu sagen. Es kommt natürlich immer darauf an, welche Partien man tanzt. Mit Sylphide habe ich vermutlich mein Pensum für diese Saison schon verbraucht, es ist so viel Fussarbeit, die Schuhe müssen weich und leise sein und nach einer Probe kann man sie schon wegschmeissen.

OF: Nun noch die letzte Frage: Wie sieht ein Arbeitstag von einer ersten Solotänzerin aus?

IT: 10h ist Trainingsbeginn, ich wärme mich davor schon selbst auf. Dann wird für die jeweiligen Stücke geprobt, es kommt darauf an, in welchen man dabei ist und ob abends Vorstellung ist. Und wenn etwas noch nicht gut genug ist, trainiere ich abends noch für mich selbst weiter. Es ist viel Arbeit, und natürlich ist man danach müde. Am Wochenende habe ich Zeit für meinen Mann. Eine wichtige Lehrerin hat mir gesagt: Irina, je älter du wirst, desto mehr musst du arbeiten. Wenn man jung ist, macht der Körper viel mehr mit. Und gerade bei Tänzern merkt man es noch viel früher. Ausser man hat von Natur aus einen Körper, der mehr aushält.

OF: Liebe Frau Tsymbal, vielen herzlichen Dank für das Gespräch!

 P.S.

Irina Tsymbal ist demnächst in folgenden Partien zu erleben:

La Sylphide (Sylphide): 12. November 2011 und 15. Jänner 2012

Schritte und Spuren (Solistin in „Glow Stop“ und „Bella Figura“): 24., 26. November, 2. Dezember 2011

Dornröschen (verzauberte Prinzessin): 23. und 25. Dezember 2011

 

 

 

 

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