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Opernhaus Zürich, Premiere am 12.10.2013

WOYZECK

Ballett von Christian Spuck, nach Georg Büchners gleichnamigem Dramenfragment  Musik: Philip Glass, Martin Donner, Akfred Schnittke, György Kurtág | Uraufführung: 24. September 2011 in Oslo 

Eine respekt- und würdevolle Hommage an den viel zu früh verstorbenen Dichter -  und ein triumphaler Abend des Balletts Zürich!

Werk: ... der Woyzeck Georg Büchners … Eine ungeheure Sache ... wie er’s nicht hindern kann, dass bald da, bald dort, vor, hinter, zu Seiten seiner dumpfen Seele die Horizonte ins Gewaltige, ins Ungeheure, ins Unendliche aufreißen, ein Schauspiel ohnegleichen, wie dieser missbrauchte Mensch in seiner Stalljacke im Weltall steht, malgré lui, im unendlichen Bezug der Sterne. Das ist Theater, so könnte Theater sein.“ Rainer Maria Rilke

Georg Büchner (17.10.1813 – 19.2.1837), obwohl nur 23 Jahre alt geworden, gilt als einer der grossen Literaten des Vormärz. Sein Drama Dantons Tod, das Lustspiel Leonce und Lena, die Erzählung Lenz und das Dramenfragment Woyzeck gelten als Wegbereiter der modernen Literatur. Gerade der WOYZECK hat verschiedene Künstler inspiriert: Der Stoff diente als Vorlage für Opern (Berg, Gurlitt), ein Musical (Tom Waits) und wurde oft für den Film adaptiert (z.B. durch Werner Herzog). In diesem Jahr jährt sich der Geburtstag Büchners zum 200. Mal. Fast auf den Tag genau zeigt nun das Ballett Zürich Christian Spucks expressiv getanzte Version des Stoffes, welche vor zwei Jahren erfolgreich in Oslo uraufgeführt wurde. Spucks überaus sehenswerte Adaption von LEONCE UND LENA wird ebenfalls in dieser Saison wieder aufgenommen (November 13 und Januar 14).

Kritik: Da schreibt ein begnadeter Dichter fragmentarische Szenenfolgen über den tragischen „Fall Woyzeck“, stirbt jedoch vor der Vollendung seines Dramas, welches zuerst nicht einmal in sein Werkverzeichnis aufgenommen und erst beinahe 80 Jahre nach seinem Tod uraufgeführt wurde – und doch ist der WOYZECK mittlerweile eine der zentralen Inspirationsquellen verschiedener künstlerisch tätiger Menschen. Dass dieses Werk, welches ja eigentlich auch von seiner ungemein präzisen, ausdrucksstarken Sprache lebt, auch als Tanzschöpfung ergreift, ist das grosse Verdienst des Choreografen Christian Spuck mit seiner Ballettversion. Er versucht gar nicht erst, den fragmentarischen Charakter der Vorlage zu überdecken, sondern spielt gerade damit äusserst virtuos. 

Schon die Auswahl der Musik hat etwas Fragmentarisches an sich, werden doch Werke von Philipp Glass, Alfred Schnittke und György Kurtág für die kurzen Szenen aneinandergereiht, Choräle von Bach werden von diesen Komponisten ebenso zitiert wie Walzer von Ravel oder Anklänge an Schostakowitsch. Über die gesamte Abfolge spannen sich wie eine Klammer Trommel-Variationen von Martin Donner (exzellent auf der Bühne dargeboten und ins Geschehen integriert von Hans-Peter Achtenberger, Luca Borioli, Michael Guntern, Mario von Holten und Ramon Kündig). Die Auswahl und Bearbeitung der anderen Kompositionen wirkt trotz der unterschiedlichen Stile wie aus einem Guss, überaus differenziert gespielt von der Philharmonia Zürich unter Vello Pähn, welcher die Steigerungen und Ostinati mit beklemmender Intensität erfüllt. Emma Ryott hat eine der Tragik und der zunehmenden Klaustrophobie der Vorlage angepasste, düster-funktionale Bühne geschaffen. Ihre Kostüme in Anlehnung an einen Biedermeier Stil, jedoch nur in Schwarz- und gedeckten Farbtönen, fügen sich wunderbar stimmig ein. Besonderes Lob verdient auch die ästhetische und dramaturgisch packende Lichtgestaltung von Reinhard Taub – die Schlussszene bleibt unvergesslich! 

Die Tänzerinnen und Tänzer des Balletts Zürich erbringen eine grandiose, psychologisch subtil interpretierte und restlos ergreifende Leistung. Allen voran natürlich der Tänzer der Titelpartie, Jan Casier. Sein geradezu (vor allem im Gegensatz zu William Moors überheblich maskulin strotzendem Tambourmajor) zerbrechlich wirkender Körper scheint wie geschaffen für den getriebenen, von zunehmendem Wahn verfolgten Woyzeck. Und doch wohnt Casier eine Kraft inne, die verblüfft und berührt. Linkisch kann er herumstehen, immer wieder versuchen, sich seinen Peinigern anzunähern, sie zu imitieren – um doch stets zu scheitern. Beinahe körperlich wird einem beim Zusehen der ungeheure Schmerz, welchen dieser Mann erdulden muss, vermittelt. Seine geliebte Marie wird von Katja Wünsche mit ebenso starker Ausdruckskraft getanzt. Abgewinkelt sind Hände und Füsse, wenn sich Woyzeck ihr auf der Suche nach Zärtlichkeit annähern will, verführerisch und von rauem fleischlichem Begehren geprägt dagegen tanzt sie mit dem Tambourmajor, welchen William Moore mit geballter Kraft und dem Sexappeal eines mechanischen Zinnsoldaten darstellt. Christian Spuck und seinen Solisten gelingt es, die Woyzeck bedrängenden und ihn missbrauchenden Charaktere mit grossartiger Klarheit und karikierender Raffinesse zu zeichnen: Der grotesk-lächerliche, dickbäuchige Hauptmann (Cristian Alex Assis), den an Hoffmanns fiesen Dr. Mirakel erinnernden Doktor (Manuel Renard) und den brutal experimentierenden Professor (Felipe Portugal) mit seinen sich in fantastischer Slapstickmanier bewegenden Studenten (Eric Christison, Benoit Favre, Ty Gurfein - der auch den Andres tanzte - , Christoper Parker und Tars Vanderbeek). Immer wieder tauchen sechs Paare auf, welche sich in bestechender Synchronizität und Strenge vom Aussenseitertum Woyzecks (und auch Maries) abheben und einen Hauch von biedermeierlicher Idylle aufrechterhalten wollen – die es in diesem düsteren Stück aber nicht geben kann und darf.

Dem Ballett Zürich und seinem Direktor ist erneut ein unter die Haut gehender Abend gelungen – unbedingt empfehlenswert! Weitere Aufführungen am 25.10. | 27.10.| 2.11. | 8.11. | 3.12. | 13.12. | 15.12. | 19.12. | 21.12.2013 und zusätzlich am 27. und 28 November 2013 in Ludwigsburg.

Kaspar Sannemann, 12.10.2013

Copyright der Fotos: Judith Schlosser mit freundlicher Genehmigung Opernhaus Zürich

Originalbeitrag bei unserem Kooperationspartner oper aktuell

 

 

 

SCHWANENSEE

Opernhaus Zürich, Ballett Zürich

24.2.2013 Nachmittags- und Abend-Vorstellung

Die Repertoire-Vorstellungen von Heinz Spoerlis „Schwanensee“ hinterlassen gemischte Gefühle.

Nachmittags-Vorstellung: Seit 13 Jahren ist Galina Mihaylova Mitglied des Zürcher Balletts. Warum sie bisher in keinen klassischen Hauptrollen zu erleben war, fragt man sich nach dieser grandiosen Leistung erst recht. Eine sehr begabte junge Ballerina wird unmittelbar nach der Ballettausbildung an der SBBS (heute TAZ) ins Corps de Ballet aufgenommen, zeigt bereits in der zweiten Spielzeit mit der Marie im „Nussknacker“, dass sie sehr wohl das Talent hat, Rollen zu gestalten, dennoch bekommt sie erst Schritt für Schritt diverse Soli in modernen Stücken („Nussknacker“ bleibt länger die Ausnahme), die sie alle brillant absolviert, eine stets verlässliche Tänzerin mit einer sauberen Technik, aber bei Spoerli hauptsächlich für diverse 2. oder 3. Solistinnen-Partien, wie Henriette in „Raymonda“ oder Helena im „Sommernachtstraum“ eingesetzt, obwohl sie mehr könnte. Nun ist es endlich soweit mit ihrer ersten Odette/Odile! Und wie sie dieser Partie gerecht wird! Gut, man hat davor die Weltstars Polina Semionova und Alina Cojocaru in derselben Inszenierung erlebt und bejubelt, aber Mihaylova verfügt sehr wohl über eine solide Technik, dass sie die anspruchsvolle Doppelrolle meistert UND abends noch im pas de trois brilliert. Perfekte Arabesquen und sichere Balancen sind selbstverständlich bei ihr. Sie zeigt gekonnt die verschiedenen Facetten der Odette/Odile, als verletzlicher Schwan, aber genauso selbstbewusst und kokett, und ihre Gefühle für Prinz Siegfried vermittelt sie glaubhaft.

Olaf Kollmannsperger ist in erster Linie ein gut aussehender, jugendlicher Prinz, der insbesondere mit geschmeidigen Sprüngen den technischen Ansprüchen von Spoerlis diffiziler Choreographie durchaus gerecht wird, aber wo sind die grossen Gefühle geblieben, mit denen er als Romeo vor wenigen Monaten das Publikum verzauberte? Auch ihm gilt aber generell ein sehr grosses Lob, da er, genau wie Mihaylova, abends noch einmal im pas de trois (der technisch wohl die schwierigsten Elemente des ganzen Abends beinhaltet!!) glänzt.

Hervorragend ist Filipe Portugal als kraftvoller Rotbart, der auch mit kleinen, aber intensiven Gesten für Gänsehaut sorgt. Eva Dewaele ist eine elegante, aber sehr junge Königinmutter, man mag vielleicht etwas konventionell sein, wenn man eine ehrwürdige Dame um die 60 als Idealbesetzung empfindet.

Im (wie bereits erwähnt) technisch äusserst anspruchsvollen pas de trois im 1. Akt war die Nervosität deutlich spürbar, Pornpim Karchai, Mélissa Ligurgo und Tigran Mkrtchyan waren zwar in ihren Solovariationen durchaus solide, jedoch entstanden gemeinsam einige wackelige Momente. Nicht umsonst hatte Spoerli die Première 2005 mit den erfahrenen Solotänzern Yen Han, Evelyne Spagnol und Arman Grigoryan besetzt.

Vielmehr erschreckend jedoch waren Unstimmigkeiten im Corps de Ballet, gerade im klassischen Ballett fallen technische Unsicherheiten viel eher auf, als im Modern Dance, und die Perfektion, welche unter Heinz Spoerli zur Tagesordnung gehörte, scheint auf beängstigende Art und Weise vernachlässigt worden zu sein. Wenn im Herren Corps offensichtlich nicht gleichzeitig gesprungen, und bei Drehungen mehrmals nachkorrigiert wird, gibt das leider zu denken… Das Damencorps wirkte im 2. Akt ungewohnt uninspirierend im Vergleich zu den letzten Jahren, der 4. Akt jedoch gelang besser. Eine Augenweide hingegen waren die eleganten grossen Schwäne (Sarah-Jane Brodbeck und Juliette Brunner), sowie auch die vier kleinen Schwäne (Daria Chudjakowa, Pornpim Karchai Irmina Kopaczynska, Constana Perotta Altube), die einem ungewöhnlich schnellen Tempo standhielten!

Ein besonderes Highlight im 3. Akt war der russische Tanz mit der hervorragenden Yen Han (welche mit ihrer Bühnenpräsenz die Männer weit hinter sich liess, einzig Filipe Portugal in der Abendvorstellung wurde ihr gerecht), von einer etwas ungewohnten Härte präsentierte sich die technisch brillante Katja Wünsche im pas de cinq, während ihre beiden Kolleginnen Mélanie Borel und Juliette Brunner dem Publikum ein warmherziges Lächeln schenkten. Ihre verlässlichen Partner (Nathan Chaney und Ty Gurfein) punkteten mit kraftvollen Sprüngen. Der „Schwarze Schwan - Pas de deux“ liess das etwas matte Publikum endlich zu Zwischenapplaus hinreissen.

Nach einem emotionalen 4. Akt siegt die Liebe über Rotbart und Odette und Siegfried sterben gemeinsam, der Vorhang fällt, grosser Applaus für Mihaylova und Kollmansperger, welche gerade mal 2 ½ Stunden Pause zwischen den Vorstellungen haben, Hut ab!

Abend-Vorstellung:

Nun kommt die 1. Besetzung zum Zug, was gerade beim pas de trois offensichtlich ist, da Galina Mihaylova, Katja Wünsche und Olaf Kollmannsperger die technischen Ansprüche mit Lockerheit erfüllen. Mihaylova und Kollmannsperger, die am Nachmittag in den Hauptrollen zu erleben waren, gaben noch einmal alles.

Eine sehr routinierte Odette/Odile ist die junge Russin Viktorina Kapitonova, welche bereits seit 3 Jahren diese Rolle verkörpert und sie von Anfang bis zum Schluss ausfüllt. Auch sie besticht als weisser Schwan durch perfekte Linien und bildschönen Ausdruck und dreht mit gefährlich funkelnden Augen die Fouettés als schwarzer Schwan, triumphiert über den törichten Siegfried, um im 4. Akt als wunderschön leidender weisser Schwan das Publikum zu bewegen. Eine Ballerina mit Stil, die hoffentlich noch lange dem (abends aufgeweckterem) Zürcher Publikum erhalten bleibt.

Solotänzer William Moore hat sich Spoerlis Stil sehr gut angeeignet, er ist ein klassischer danseur noble, ideal für Prinzenpartien und ein sicherer Partner für Kapitonova. Die beiden harmonieren sehr schön miteinander.Auch Manuel Renard als Rotbart überzeugt durch Ausdruckskraft, als Königinmutter war erneut Eva Dewaele zu erleben.

Und sowohl die grossen, als auch die kleinen Schwäne durften gleich zweimal antreten, sowie auch die vier Prinzessinnen (Pornpim Karchai, Mélissa Ligurgo, Roberta Martins Portugal und Chinatsu Sugishima), lediglich beim pas de cinq löste Sarah-Jane Brodbeck Mélanie Borel ab.

Generell ist es aber (trotz aller Kritik an der etwas vernachlässigten klassischen Basis seit Spoerlis Abgang) eine enorme Leistung von allen Mitwirkenden, gleich zwei Vorstellungen von einem derart anspruchsvollen Stück an einem Tag zu tanzen, und vor allem abends noch einmal die bestmögliche (oder bessere) Leistung zu geben! Eine Freude war in beiden Vorstellungen die bezaubernde Musik von Tschaikowsky, welches das Musikkollegium Winterthur unter der Leitung von Pavel Baleff sehr facettenreich und wohlklingend zum Besten gab.

Katharina Gebauer                                    Fotos:  © Bettina Stöß

 

 

 

ROMEO UND JULIA

26. Oktober 2012

Grosse Gefühle

Nach vier umjubelten und ausverkauften Vorstellungen von Christian Spucks „Romeo und Julia“ kommt nun die 2. Besetzung ebenso umjubelt zum Zug.

Die Choreographische Uraufführung vom neuen Ballettdirektor kommt beim Zürcher Publikum sehr gut an, verbindet er doch gekonnt moderne Lässigkeit mit klassischen Elementen. Man erkennt durchaus Vorbilder von John Cranko und Jiri Kylian (Beginn der Ballszene bei den Capulets), aber besonders legt Spuck auf eine starke Personenführung Wert, was ihm dank hervorragender Tänzer sehr gut gelingt. Was früher unter Spoerli zwar höchst virtuos, aber etwas steril wirken mochte, ist nun bei diesem fulminanten Einstand von Spuck beseelt und die Emotionen stehen im Vordergrund.

Das Bühnenbild (Christian Schmidt) dient mit wenigen Requisiten (Tisch wird in der Schlafzimmerszene als Bett umfunktioniert) eher als Rahmen, ein Kronleuchter deutet den Prunk der Capulets an, die Handlung aber geschieht durch die Tänzer. Man mag vielleicht kritisieren, dass Capulets und Montagues zumeist schwarz gekleidet sind (Kostüme: Emma Ryott), doch ist in Spucks Choreographie gleich zu erkennen, wer zu welchem Lager gehört, da die Capulets durch aggressive und die Montagues durch lässige Bewegungen charakterisiert werden.

In zahlreichen Choreographien wird die Ballszene bei den Capulets mit „starken Männern“ und Frauen als Zierde getanzt, bei Spuck sind die Frauen (in dieser Szene in Kostümen aus Shakespeares Zeit) gleichberechtigt, genauso wird aus der Gräfin Capulet eine eiskalte, energische Lady (hervorragend: Juliette Brunner), die ganz klar das Kommando in der Familie hat und nur bei Tybalts und Julias Tod zutiefst getroffen ist. Zu ihrem Vater (Cristian Alex Assis) hat Julia anfangs ein wesentlich besseres Verhältnis, die Distanz zur Mutter ist gleich von Anfang an deutlich zu spüren. Die Rolle des Pater Lorenzo (geschmeidig: Manuel Renard) wird dankenswerterweise aufgewertet, durch die Sonnenbrille wirkt er wie ein Geheimagent, taucht immer wieder unvermutet auf, versucht vergebens, die zerstrittene Familie zu vereinen. Ebenfalls eine Aufwertung der Rolle erfährt Graf Paris (Nathan Chaney); er wird diesmal nicht als blasser Schönling, sondern vielmehr als beinahe sympathischer Freak dargestellt, ein schmieriger Herr mit Brille, der sich der Gesellschaft anpasst und Julia mit Stupsern auf die Nase eher irritiert als amüsiert (hervorragende Mimik von Yen Han!).

Solotänzerin Yen Han, welche bereits in Spoerlis Inszenierung eine fabelhafte Julia tanzte, verleiht nun in der moderneren Fassung von Christian Spuck der Titelpartie jugendlichen Charme und vermittelt beson- ders in den dramatischen Szenen starke Gefühle. Sie lebt die Rolle vom ersten Auftritt bis zum grossen Finale und überzeugt voll und ganz. Dass sie sich in jeden Tanzstil einleben kann, beweist sie einmal mehr – zuletzt bewegte sie das Zürcher Publikum als drogensüchtiges Dornröschen – durch ihre perfekten Linien, gepaart mit fliessenden Bewegungen. In Olaf Kollmannsperger findet sie einen leidenschaftlichen, und technisch sehr versierten Romeo, welcher die starken Emotionen besonders in der Fechtszene gegen Tybalt, sowie in der Schlussszene überzeugend vermittelt. Ein sehr harmonisches Paar, welches die tragische Liebe glaubhaft überbringen kann.

Daniel Mulligan (in der Première bereits ein hervorragender Benvolio) brilliert als schelmischer Mercutio und wahrt die Lässigkeit gekonnt auch bis zur Sterbeszene. Als sein Kontrahent Tybalt überzeugt Tigran Mkrtchyan.

Galina Mihaylova verleiht der schrulligen Amme sehr gelenkige, akrobatische Elemente und ist die Sympathieträgerin des Abends.

Nicht nur das Auge kann bei dieser Produktion in vollen Zügen geniessen, auch das Ohr kommt ganz auf seine Kosten, denn unter dem Dirigat von Michail Jurowski, der die Partitur von „Romeo und Julia“ wirklich gut kennt, gibt die Philharmonia Zürich (ehemals Orchester der Oper Zürich) die wunderschöne Musik von Prokofieff facettenreich und mit einer wohligen Wärme zum Besten. Eine sehens- und hörenswerte Produktion, die man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte!

Katharina Gebauer                                     Bilder: Monika Rittershaus

 

 

 

 

 

EIN SOMMERNACHTSTRAUM

26.2.2012 Nachmittagsvorstellung

Endlich wieder am Spielplan ist Spoerlis Ballett „Ein Sommernachtstraum“, welches vor 16 Jahren erstmals in Zürich zu sehen war. Durch die komplette Neubesetzung der Schauspieler gab es einige Neuerungen in der Regie (nicht aber in Spoerlis Choreographie) und Kostümen. Pyramus (Pascal Goffin) und Thisbe (Gabor Biedermann) entzücken neu im Römer-Outfit, die Wand (Jeroen Engelsman) ist nun mit roten Kacheln und Blumentopf auf dem Kopf versehen, der Mond (Matthias Renger) sorgt unter anderem durch den „Moonwalk“ für Erheiterung. 

Sarah Jane Brodbeck

Bei den Tänzern gab es einige Neubesetzungen (Rollendebüts vergangenen Sonntag). Als Titania brilliert einmal mehr die Schweizerin Sarah-Jane Brodbeck. In ihr sind Eleganz und Präzision vereint, ihre Arabesquen sind schlichtweg perfekt. Sie kostet die Balancen stets aus und berührt besonders im Pas de deux mit Oberon. Der routinierte Arman Grigoryan gibt einen kecken Puck und punktet durch kraftvolle Sprünge. Kraftvoll ist auch Vahe Martirosyan (erstmals in dieser Saison) als majestätischer Oberon, obschon Spoerlis Version ihm nicht soviel Gelegenheit gibt, sein Können zu zeigen - man bekommt immer noch Gänsehaut, wenn man an Martirosyans grandiosen Carabosse in „Dornröschen“ denkt! Der „Sommernachtstraum“ ist bei Spoerli nunmal eine „Puck-Show“ - vor 16 Jahren eroberte François Petit als Puck die Herzen des Zürcher Publikums - , das indische Königskind, weswegen Titania und Oberon sich überhaupt zerstreiten, kommt erst gar nicht vor.

Neu besetzt ist das erste Liebespaar Hermia-Lysander. Viktorina Kapitonova gibt in erster Linie eine hübsche, technisch saubere Hermia, welche manchmal etwas unterkühlt wirkt, ihr zur Seite der umso romantischere Sergiy Kirichenko, welcher auf ganzer Linie überzeugt. Es ist erfreulich, dass er endlich die Gelegenheit bekommt, sein Können in einer grossen Rolle zu beweisen. Bereits routiniert ist das zweite Liebespaar, wobei Galina Mihaylova als mädchenhafte Helena besonders durch Geschmeidigkeit besticht und Filipe Portugal sehr überzeugend den genervten Demetrius gibt, welcher plötzlich zum glühenden Liebhaber umschwenkt.

Arman Grigoryan

Herrlich komödiantisch sind die neuen Schauspieler, allen voran Pascal Goffin als Zettel/Pyramus, neue Gags werden eingebaut, wie z.B. auf dem Handykalender nachgeschaut, ob in der Nacht der Vorstellung auch der Mond scheint, oder ein herrlich tuntiges Gehabe der Thisbe. Sehr dynamisch und aufeinander abgestimmt ist sowohl Damen, als auch Herren Corps de Ballet. Unter der Leitung von James Tuggle spielt das Winterthurer Orchester differenziert und solide.

Eine sehenswerte Vorstellung, nicht zuletzt, weil sie wahrscheinlich unter der neuen Direktion nicht mehr gespielt wird.

Katharina Gebauer                                 Fotos: Peter Schnetz

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