Absolute Opernrarität in Basel
Telemaco ossia L’isola di Circe
Vorstellung: 26. 6. 2011
In einer Koproduktion mit den Schwetzinger Festspielen und
dem Staatstheater Nürnberg spielte das Theater Basel die Oper „Telemaco ossia
L’isola di Circe“ von Christoph Willibald Gluck, die nach ihrer Uraufführung im
Jahr 1765 in Wien von den Spielplänen verschwunden war und – nach einer
konzertanten Aufführung 1987 in Salzburg – erst beim English Bach-Festival 2003
in London wieder szenisch gezeigt wurde. Zur Oper, die in Basel in
italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln dargeboten wurde, ein Zitat aus
dem Artikel Circes Welt versinkt von der Dramaturgin Ute Vollmar aus dem gut
illustrierten Programmheft: Fiel die Oper damals durch und verschwand nach nur
zwei Aufführungen von den Bühnen, so erscheint sie uns heute in der Modernität
ihrer Figuren und deren musikalische Sprache bereits auf Mozarts „Zauberflöte“
und ein humanistisches Menschen- und Weltbild hinzuweisen.
Gluck (1714 in der Oberpfalz geboren, 1787 in Wien
gestorben) gilt als der große Reformer der Oper. Er ließ sich Ende 1752 in Wien
nieder, wo er Kapellmeister des kaiserlichen Feldmarschalls Joseph Friedrich
von Sachsen-Hildburghausen wurde. Seine Förderer waren der Kanzler Graf
Kaunitz, Graf Durazzo, der Direktor des kaiserlichen Theaters und der
Hofdichter Metastasio. Gluck schuf bis 1764 eine Reihe von Adaptionen
französischer Stücke sowie eigene Werke im französischen Stil. Bis zur
Wiederentdeckung Monteverdis und Händels im 20. Jahrhundert waren seine Opern
die ältesten Werke innerhalb des Repertoires.
Die Handlung von Glucks „Telemaco“, dessen Libretto Marco
Coltellini verfasste, in Kurzfassung: Penelope, von Freiern bedrängt, erwartet
sehnsüchtig die Rückkehr ihres Mannes, der seit Jahren verschollen ist.
Odysseus wird von der Zauberin Circe, die sich in den Helden verliebte, auf deren
Insel festgehalten – in der Hoffnung, er würde ihre Liebe erwidern. Auch
Asteria, die als Kind von Circe geraubt und auf die Insel entführt wurde, darf
ihr Reich nicht verlassen. Als Telemach, der Sohn von Odysseus, auf der Suche
nach seinem Vater auf die Insel kommt, verliebt sich Asteria in ihn. – Ein
Orakel verkündet, dass derjenige zum Leiden verurteilt werde, der sich in der
Liebe tyrannisch verhält. Daraufhin beschließt Circe, ihre Gefangenen
freizulassen. Doch bis Vater und Sohn in die Heimat aufbrechen können und
Asteria erfährt, dass sie als Tochter des Königs von Kreta ohnehin Telemach zur
Gattin bestimmt ist, müssen noch einige durch die magischen Künste der einsamen
Circe hervorgerufenen Hindernisse überwunden werden.
Tobias Kratzer verlegte die antike Handlung in die erste
Hälfte des 20. Jahrhunderts, wozu
ihm Rainer Sellmaier eine karge Bühne mit urwaldähnlichem
Gehölz im Hintergrund baute und die dazu passenden, armselig wirkenden Kostüme
entwarf. Mit dem Erfolg, dass in einigen Szenen das Schweizer Publikum zum
Lachen animiert wurde, obwohl einem eigentlich zum Weinen hätte sein müssen.
Zum Schmunzeln regte auch der Bühnenvorhang an, der eine Landkarte mit
verschiedenen Flugrouten zeigte, vor dem ein kleiner Junge mit einem Mini-Flugzeug
spielt. Dazu schlüssig die vorletzte Szene, in der Odysseus die Insel Circes
per Flugzeug verlässt, um in der Schlussszene Penelope auf Ithaka im
Pilotengewand begrüßt. Für die Lichteffekte in dieser nicht gerade wegweisenden
Inszenierung, die an Abenteuerfilme erinnerte, sorgte Guido Hölzer.
Ausgezeichnet waren die stimmlichen Leistungen des
international besetzten Ensembles. In der Doppelrolle Circe / Penelope
beeindruckte die schwedische Sopranistin Agneta Eichenholz durch ihre große
Wandlungsfähigkeit in der Darstellung der beiden Frauenrollen. Auch stimmlich
drückte sie einerseits die vergeblich nach Liebe heischende und dann
rachsüchtige Circe und andererseits die sehnsüchtig und treu Wartende Penelope
wunderbar aus. In der Titelrolle überzeugte der kanadische Countertenor mit
koreanischen Wurzeln David DQ Lee, der Odysseus’ Sohn sowohl stimmlich wie auch
schauspielerisch mit enormer Leidenschaft gab. Ebenso überzeugend der polnische
Tenor Tomasz Zagorski als Odysseus – ein kraftstrotzender Mann, der auch in
Gefangenschaft unbeugsam wirkte und mit seiner lyrischen Stimme zu beeindrucken
wusste. Eine Idealbesetzung für diese Rolle!
Die französische Mezzosopranistin Solenn’ Lavanant-Linke
spielte die Rolle der Merione, die als Tochter des Königs von Kreta auf Circes
Insel auf der Suche nach ihrer entführten Schwester ist, sehr martialisch und
mit stimmlich großer Bandbreite. Als Asteria konnte die zierliche Schweizerin
Maya Boog mit ihrer ausdrucksstarken Sopranstimme begeistern. Dass sie ein
Liebling des Basler Publikums ist, konnte man am Schluss der Vorstellung am
Jubel erkennen, der ihr zuteil wurde. Der amerikanische Bariton Christopher
Bolduc lieh dem Orakel seine tragende Stimme. Der Chor des Theater Basel
(Einstudierung: Henryk Polus) spielte in diesem Werk eine eher untergeordnete
Rolle.
Das Freiburger Barockorchester – von der jungen Estin Anu
Tali sehr schwungvoll und dennoch einfühlsam geleitet – schaffte es, die zum
Teil sehr musikdramatische Partitur
Glucks dem Publikum mit allen Nuancen zu vermitteln. Mit nicht enden wollendem
Applaus feierten die Zuschauerinnen und Zuschauer am Schluss der letzten
Vorstellung dieser Produktion das gesamte Ensemble, die junge Dirigentin und
das Orchester.
Udo Pacolt
mit freundlicher Genehmigung unserer Freunde vom MERKER-online
Pique Dame
6.02.2011
Dramaturgische
Ungereimtheiten verwirren das Publikum
Man
muss sich vor Augen halten, dass Tschaikowskys Oper 1890 und somit 16 Jahre
nach Mussorgskys Boris Godunow uraufgeführt wurde und musikentwicklungsgeschichtlich
und puncto musikalischer Originalität weit hinter diesen zurückfällt. Tschaikowskys
Orchestermusik könnte man vereinfacht ausgedrückt so beschreiben: man nehme ein
bisschen von Beethoven bis Brahms und rühre dann mit einem Schuss Soljanka auf.
Th. W. Adorno drückt das natürlich etwas vornehmer aus. Ebenso treffend wie
verknorzt bezeichnet er diesen Schuss Soljanka als „Kolorit, das Tschaikowsky
als Kostüm auf dem kosmopolitischen Maskenball irrtümelnder Zivilisation zu tragen
beliebt“. Wenn man diese Musik allein vielleicht nicht besonders schätzt, dann
wird doch durch die Verbindung mit einem tiefgründigen vielschichtigen Stoff
daraus eine Oper, die viel interessanter ist als das Frauenrührstück Eugen
Onegin und doch viel seltener aufgeführt wird.
Zum
„Gesamtkunstwerk“ gehört als dritte Dimension die Inszenierung, die die Schätze
heben und darstellen sollte, die unter der Oberfläche des Stücks liegen, das
zunächst an Schauerromantik erinnert und als „Große Oper“ wohl ursprünglich dem
Operngeschmack eines konservativen Publikums entgegen kommen sollte. Hier
liegen aber zugleich interessante Stärke und Schwäche der Basler Produktion in
der Inszenierung von David Hermann. Tiefe und Doppeldeutigkeiten im Werk (die
bei Puschkin angelegt sind) werden wohl aufgezeigt, aber nicht durchgängig
dargestellt; die Bebilderung ist nicht geschlossen und konsequent durchgeführt,
und es fehlt allenthalben an Plausibilität und Glaubwürdigkeit. Was haben
eigentlich die Produktionsdramaturgen
gemacht?
Die
große Bühne zeigt drei verschieden große Guckkästen, die zum Szenenwechsel
jeweils auf- oder zugezogen werden. Laut Einführungsvortrag sollte sich dies an
Überblendungstechnik im Film anlehnen, der kurz nach der Uraufführung der Oper
seine ersten Gehversuche zu machen begann. (Sinnzusammenhang herbei gezogen und
nicht tragfähig) Der größere der Kästen zeigt im ersten Bild einen verrümpelten
Raum neben dem Spielcasino. Dann öffnet sich unten links eine kleinerer ganz in
Weiß gehaltener Kasten, in welchem sich der Chor schon vorsortiert hat: in
weiße Mäntel gekleidet und mit weißen Larven maskiert singt er so seine zwei
Szenen bei stocksteifem Stehen; als ob Laborpersonal in einem Sterilraum das
schöne Wetter besingen würde! Die Anlehnung an Filmtechniken geht dann gar so
weit, dass der weiße Chor mit Filmflimmern überleuchtet wurde, wozu über
Lautsprecher noch das Knacken und Knistern der ersten Tonfilme eingespielt wird
– Was für ein Unfug! Denn der Tonfilm
machte seine ersten Gehversuche erst 30 Jahre später. Weitere „Überblendung“:
aus der Gerümpelkammer ist mittlerweile ein hübscher Wohnraum geworden, aus
welchem man nach links über ein paar Stufen hinauf zu einem Balkon gelangt, der
den dritten Guckkasten ausmacht, der aufgezogen wird. Auf diesem Balkon mit ein
paar großen Zierpflanzen siedelt die Regie die erste große Szene Hermann - Lisa
an, die vor Angst über das Geländer klettert und fast abstürzt. Das erste Bild
des zweiten Akts wird quasi vor geschlossenem Vorhang (außerhalb des Ballsaals)
gespielt. Erst zum Schluss wird wieder ein Raum geöffnet; die Zarin erscheint
allein und zu Fuß (diese Szene hätte man sich wegen völliger Unglaubwürdigkeit
schenken können; aber auf den großen Chorauftritt kann man natürlich schlecht
verzichten.)
Nach
der Pause zum vierten Bild im zweiten Akt werden die drei Guckkästen
aufgegeben. Vielmehr steht auf der voll geöffneten Bühne nun ein großer Raum
wie ein Wohncontainer auf Pfählen in halber Bühnenhöhe wie ein Unteruhldinger
Pfahlbau. Es ist nur der große Guckkasten übrig geblieben, der nun zum Schlafzimmer der mysteriösen Gräfin „Pique
Dame“, ausstaffiert ist, von dessen Wänden der Putz bröckelt, umgeben von einem
Park, in welchem dann die Protagonisten unmotiviert herumirren, um sich
schließlich vor einem einfachen Büroarbeitstisch, hinter welchem drei große
Spielautomaten stehen, zum letzten entscheidenden Spiel zu treffen. Die
Überblendungstechnik ist aufgegeben, die Szenenwechsel erfolgen durch die gemächlich
arbeitende Drehbühne. Die Kostüme sind teils zeitlos, teils an die
Entstehungszeit der Oper angelehnt. Die zur Kennzeichnung der Spielsucht
dienenden Spielautomaten sind den Sechziger Jahren zuzuordnen. (Bühne und
Kostüme: Christof Hetzer). Die Beleuchtung ist in vielen Szenen so dürftig,
dass man ganz genau hinhören musste,
um festzustellen, wer da gerade den übertitelten Text sang
Hermann
verpasst der Oper kräftige Striche, mit denen klugerweise überflüssige
Stereotypen der Großen Oper wie Ballett und anderer Ringelpietz eliminiert
werden, die nur den Blick aufs Wesentliche verstellen würden. Aber dann
entfernt er sich leider immer mehr vom eigentlichen Drehbuch und nimmt
unverständliche Änderungen am vorgesehenen Geschehen vor. Höhepunkt: bei
Hermanns Eindringen in das Gemach der Gräfin ist auch Lisa präsent; zuerst
kuschelt Hermann mit ihr im Bett der Gräfin, die nur drei Schritte weiter
steht, sich umdreht mit den Worten „Was macht ihr da?“, die eigentlich ganz
anders gemeint und an Hermann gerichtet sein sollen, Dann veranstalten die drei
zusammen einen flotten Dreier. Unfug ersetzt die mögliche knisternde Spannung
in dieser Szene. Die Gräfin wird dann von Hermann erwürgt, was späteren
Dialogen den Sinn nimmt, obwohl die in der übertitelten Übersetzung schon
reichlich verbogen wurden. Das Publikum versteht hier vieles nicht; denn
entstehen im Saal erklärungsheischende Gespräche. Wer am Schluss des Spiels
(Hermann und Fürst Jeletzki spielen nicht nur um 40000 Rubel, sondern auch um
Lisa) wen bedroht und umbringt und wie, geht im Tumult unter. Wenn hier eine Psychologie-Studie abgeliefert
werden sollte, dann ist diese verworren und verwirrend. Dem Stück wird viel vom
überkommenen Sinn geraubt, ohne ihm einen verständlichen Neuen zu verleihen.
Trotz einiger hochinteressanter Ansätze hat die Regie letztlich das Thema
verfehlt. Die Personenführung scheint hier und da etwas zufällig, die Chorregie
hausbacken.
Musikalisch
sah es besser aus. Es wurde auf hohem Niveau musiziert und gesungen. Klangschön
und präzise untermalte das tadellos aufspielende Sinfonieorchester Basel unter
der Leitung von Gabriel Feltz die Handlung und widerstand dabei der Versuchung
der slawischen Klangsauce, sondern ließ vielmehr eine gewisse Strenge herrschen.
Prächtig einstudiert und klanggewaltig wirkte der Herrenchor, die Damen dagegen
etwas spitz. Es entstand auch der Eindruck, dass man hier mit der Aussprache
des Russischen Schwierigkeiten hatte.
Anekdotisch
sei angemerkt, dass der Sänger des Hermann, Maxim Aksenov, bei der Premiere am
10.12.2010 wegen einer Erkältung nur die ersten beiden Bilder singen konnte.
Der schon von Stuttgart anreisende Ersatz, der die Folge von der Seite sang,
kam verspätet, weil er ja, wie die Schweizer Kritik genüsslich ausführte, mit
der Deutschen Bahn reiste. Das Basler Theater musste zur Ruhigstellung des
Premierenpublikums Getränke austeilen: Kollateralschaden! An diesem Abend war
Aksenov nicht indisponiert gemeldet, schwächelte aber zu Beginn derartig, dass
man ihn teilweise gar nicht hörte. Im Verlauf wurde er aber besser, seine
schwache Ausstrahlung konnte den mysteriösen Charakter des Hermann nicht
glaubhaft machen. Die Lisa der Svetlana Ignatovich gefiel nicht nur durch ihre
vorteilhafte Erscheinung, sondern auch durch die große Musikalität im Ausdruck,
über die man leichte Schwächen in der Höhe gern vergaß. Der Star des Abends war
Hanna Schwarz als Gräfin. Die Maske hatte sie in eine attraktive Mittvierzigerin
verwandelt, weswegen sie auch nicht vor Schreck verstarb, sondern von Hermann
erdrosselt werden musste. Ihr weicher runder Mezzo verzauberte das Publikum.
Auch Nikolay Borchev als Fürst Jeletzkij sang eine starke Partie, die in der
hinreißend interpretierten Verzweiflungsarie kulminierte. Eung Kwang überzeugte
mit kernigem Bassbariton als Tomsky.
Das
Haus, was in Basel eher selten ist, war voll besetzt, der Beifall fast
frenetisch. Das heuchlerische Publikum hatte sich aber schon vorher positioniert:
Zunehmende Hustenrafalen machten die Vorstellung fast zu einer Qual. In der
Pause an der Bar und während der Bravourstücke der Sänger war kein einziger
Huster zu vernehmen! Die Leute haben sich also bei für sie angenehmer
Unterhaltung im Saal gelangweilt! Ein Haus solchen Niveaus und, solcher
Bedeutung und solchen Anspruchs (immerhin von der „Opernwelt“ aus nicht ganz
nachvollziehbaren Gründen zum Opernhaus des Jahres lanciert) müsste seinem Publikum auch mal kommunizieren,
dass es, nachdem der Maestro den Taktstock hebt, die Klappe zu halten hat. Wie
gerne kehren wir nach Frankfurt zurück!
Manfred Langer
LA CALISTO
Apardheidsübung gegen Guckkastentheater in Basel 5.6.2010
Mit dieser Inszenierung trat
Jan Bosse in Basel wieder einmal in Aktion gegen das Guckkastentheater.
Korrekterweise wurde man schon beim Erwerb der Karten darauf hingewiesen, dass
bei dieser Vorstellung Damen und Herren getrennt sitzen würden. Die
Besucherinnen wurden bei freier Platzwahl ins Parkett geleitet; die Männer
durch die Hinterbühne auf die die Opernbühne, auf welcher Zuschauerränge
aufgebaut waren. (Die Ränge blieben unbenutzt, was bei der immer noch
schlechten Auslastung des Theaters wohl unbeachtlich bleiben konnte.) Männer
und Frauen saßen sich gerade gegenüber; die verfügbaren Plätze waren fast voll
belegt; es konnte konstatiert werden, dass mehr Frauen als Männer die Opern
besuchen. Der Orchestergraben war quer durch einen etwa zwei Meter breiten
Laufsteg überspannt: das war die Spielfläche. Das verstärkt besetzte Barockorchester
„La Cetra“ wurde nun in einen weiblichen und einen männlichen Teil
aufgespaltet, wobei die Musikerinnen zur Zuschauerseite der Damen saßen und
umgekehrt. Einzige Ausnahme: der Dirigent Andrea Marcon dirigierte vom Cembalo aus
dem Damenorchester. Die Auftritte erfolgten überwiegend aus den Publikumsreihen,
in den zur besseren Beweglichkeit der Protagonisten ganze Reihen frei gelassen
wurden (siehe oben); dabei traten die Sängerinnen aus dem Damenpublikum auf und
umgekehrt.
Da die Bühne nicht viel Raum
bot, gab es auch keinerlei Aufbauten oder Requisiten. Es wurde nur gespielt.
Der Prolog der Oper war gestrichen, und es fing mit dem Regenmacher Jupiter an,
der durch den satten von oben kommenden Strahl Calisto beeindruckte. Später wurde
der Regen sehr in die Breite gezogen, so dass ein Regenvorhang generiert wurde,
auf den projiziert werden konnte; insofern kam es doch noch zu einer Bühnen-ausstattung
(Bühne: Stéphane Laimé). Die Sänger wurden aber dauernd nass und mussten sich
daher mehrfach umziehen. In der Pause erhielten die ZuschauerInnen kleine
Diodenlampen mit weißem Licht. Als am Ende der Oper Calisto auf ihre Rolle am
Firmament vorbereitet wurde, schalteten die Zuschauer auf Anweisung die
Lämpchen ein und erzeugten zu beiden Seiten der Bühne einen Eindruck von
Sternenhimmel. Das räumliche Inszenierungskonzept basierte rein auf dem Wunsch,
das Guckkastentheater aufzuheben. Ob damit Erkenntnis-gewinn zu Musik oder
Stück verbunden werden sollte, muss angezweifelt werden.
Gespielt und gesungen wurde
von der jungen Sänger-Truppe (die meisten waren gerade über dreißig Jahre alt)
auf beachtlichem Niveau. Jan Bosses Personenführung war gekonnt komödiantisch,
unterstützte jederzeit die Handlung und verlangte in ihrer Lebhaftigkeit den Protagonisten
sehr viel ab. Singend auf den hochgeklappten Sitzen einer leeren Reihe zu
balancieren stellte die Spitze der Übungen dar. Reiner Klamauk wurde vermieden.
Die Regie hatte noch einen Amor ganz in Rot mit roten Flügelchen eingefügt, von
Anna Fusek dargestellt (superschlank uns androgyn wirkend), die über das
gesamte Spiel flötespielend die Protagonisten Flöte spielend statt Pfeile
schießend umwieselte.
Marcon hatte Zwischenmusiken
von Johann Rosenmüller eingefügt. Wegen der Verstärkung der Continuo-Instrumente
wurde eine Erhöhung auch der Zahl auch der
anderen Instrumente erforderlich, so dass die beiden Teilorchester mit
insgesamt 24 Musikern groß besetzt waren. Es wurde auf Original-Instrumenten
gespielt; sogar Zinken waren zu hören. Die beiden Orchesterteile „ begleiten
auf konsequente Art die verschiedenen Figuren je nach deren vermeintlichen oder
wirklichem Geschlecht. Manchmal entsteht eine Art ‚Combattimento’ zwischen den
beiden Orchestern bzw. Geschlechtern, manchmal verschmelzen die beiden Seiten
zu einer Einheit.“ (Andrea Marcon im Programm) Für den Zuschauer wurde das
nicht so klar: man musste schon hinschauen, um festzustellen, welches Teil
gerade spielte. Und ob durch die Aufspaltung des Orchesters in Herren und Damen
eine bessere musikalische Qualität gehoben wurde, entzieht sich natürlich der
Beurteilung des Zuhörers. Immerhin wurde nach einigen Ungenauigkeiten zu Beginn
sauber und farbenreich musiziert und der Handlung eine schöne Grundierung
geboten. Aber wahrscheinlich wäre diese zweichörige Spielweise auch im gemischt-geschlechtlichen Betrieb
gelungen.
Die Sänger waren in gelungene
moderne Kostüme gewandet (Kostüme: Kathrin Plauth), die die Charaktere ihrer
Träger verdeutlichten; Jupiter im dunkelvioletten seidenen Hausrock, Merkur geckenhaft
bis halbseiden im engen längsgestreiften Anzug; Diana und Calisto in langen
weißen Unschuldsgewändern, Juno tantenhaft in langem violetten Kleid, die
Satyre und Pan klassisch mit befellten Beinen und Bauch und Hörnchen. Luca
Tittoto sang den Jupiter mit volltönendem schönem Bass und brachte auch im
Falsett in seinen Travestieszenen ein beachtliches Volumen. Dazu beherrschte er
auch die leiseren lyrischen Töne Nikolay Borchev brachte den Mercurio mit
spritziger Bühnenpräsenz mit leichtem etwas bissigen Bariton. Die Calisto wurde
von Maya Boog mit jugendlichem, nicht sehr durchschlagskräftigem Sopran und
einigen Eintrübungen ausdrucksstark und einfühlsam interpretiert und mit ihrer
aparten Erscheinung überzeugend verkörpert. Agata Wilewska verführte mit schön
grundiertem klangschönem Sopran als Diana; Xavier Sabata als ihr Liebhaber
Endimione sang seine Altus-Rolle sehr schön und gefühlsintensiv aus; es fehlte
ihm aber an Volumen. Der andere Altus, Flavio Ferri Benedetti mit kraftvoller
und zugleich beweglicher Stimme und scheinbar anstrengungslos in der Höhe kann
als Entdeckung des Abends gelten. Alice Borciani gab ihre Rolle als Satirino
betont piepsig; Geraldine Cassidy betörte als Juno mit klarem Mezzo in der
Mittellage, musste aber in der Höhe ein scharf wirkendes Vibrato bemühen. Als
Pan bewarb sich Michael Feyfar mit strahlendem Tenor um Diana. Andrew Murphy
rundete mit kernigem Bassbariton als Silvano die starke Besetzungsliste ab,
Alles in allem ein sehr
unterhaltsamer Abend, den das Publikum mit lang anhaltendem Applaus belohnte.
Manfred Langer
La Grande Duchesse du Gerolstein
Theater Basel 16.01.10
Stell dir vor es ist Krieg und (fast) jeder (Musiker) muss
hin. In Deutschland, wo ab September 1944 alle Theater wegen der totalen
Mobilisierung geschlossen wurden, hat diesen Gedanken noch niemand auf die
Bühne gebracht. Dafür aber jetzt
Christoph Marthaler am kaum 10 Kilometer von der deutschen Grenze entfernten
Theater Basel. Niemand weiss am Ende des
1. Aktes so richtig, warum das Großherzogtum Gerolstein seinen Nachbarn den
Krieg erklärt, die Großherzogin liebt eben das Militär und da muß auch das Orchester
den Graben verlassen und abmarschieren. Wie umsichtig, dass
Kostümbildnerin Sarah Schittek, die Musikerinnen und Musiker gleich im
Kampfanzug zur Arbeit hat antreten lassen. Das spart Zeit und auch oder gerade
in Kriegszeiten ist Zeit ja Geld.
Zeit nun hat aber Christoph Marthaler sich immer genommen
und so dauert allein der erste Akt der Offenbachschen Großherzogin von Gerolstein mehr als
eineinhalb Stunden. Schließlich will ja alles erst mal eingerichtet werden. Im
Untergeschoss des Großherzoglichen Palastes (im Stil des Realsozialismus der
1970 – Bühne: Anna Viebrock) muss erst eine Waffengeschäft neueröffnet werden,
die nebenan gelegene Damenboutique ist auch noch geschlossen, aber bald kommt die
Großherzogin probiert das eine oder andere an. Entschliesst sich dann doch
nicht zum modischen Kampfkostüm sondern zum primadonnenhaften Staatsgewand.
Gleichzeit wird eine Ebene höher die Sichhheitsüberprüfung durch das typisch
Marthaler mäßig groteske Personal
abgeschlossen. Inzwischen ist auch das Kammerorchester Basel eingetroffen. Dirigent Hervé Niquet sieht aus
als käme er direkt von einer Freiwilligenübung des Schweizer Bundesheeers.
Erste Missverständnisse „im Graben“ sind geklärt. Nein: es gibt nicht
Tannhäuser, obwohl die ersten Töne der Ouvertüre so engagiert klangen, dass man
gern mehr davongehört hätte. Jetzt kann die Operette beginnen. Wer das
Programmheft gelesen hat weiß bereits, es wird nur der erste Akt aufgeführt.
Die Schlacht auf dem Fuselfeld entfällt, vom glorreichen Sieg wird nur kurz zu
berichten sein.
Anne Sofie von Otter ist, nachdem vor langer Zeit ihre internationale Karriere am Theater Basel
begonnen hat, zurückgekehrt, um mit Marthaler die Gerolstein zu machen. Gab es
Gerüchte, der Herbst ihrer Karriere sei angebrochen? An diesem Abend werden sie
auf das Überzeugendste widerlegt.
Nathlos fügt von Otter sich in
das Ensemble von erfahrenen Marthaler - Schauspielern wie Jürg Kienberger und
Ueli Jäggi (als Pressesprecher und Privatsekretär) und Marthaler - Sängern wie Christoph
Homberger als General Boum Boum. Wie sie – es wird deutsch gesprochen und
französisch gesungen – den Text ihrer Arien erst auf deutsch deklamiert, bevor
sie ihn singt, das ist die große Marthalersche Kunst des Kenntlichmachens durch
Überpointierung. Fritz und Wanda ( sehr
gut gesungen von Norman Reinhardt und Agata Wilewska), die eigentlich
Liebenden geraten dadurch genau in dem
Maße aus dem Zentrum des Interesses in dem Offenbach sich auch nicht für sie
interessiert. Denn es geht um Herrschaft und Krieg nicht um Gefühle.
So bleiben dann nach Ausbruch der „kriegsähnlichen
Handlungen“ auf der obersten Bühnenebene ganz nah beim Schnürboden ein
Barpianist ( Bendix Dethleffsen) und im Graben ein meist lesender
Continuo-Spieler (Martin Zeller) verantwortlich für die musikalische Begleitung
des restlichen Bühnengeschehens, das sich in meist sonabulen Handlungen ergeht,
oft ohne direkten Offenbachbezug ergeht. Die Großherzogin singt eine betörend
schöne Händel-Arie, der Chor (Einstudierung: Henryk Polus) übt sich in Auszügen aus dem Brahmsschen
Reqiuems und wie immer wenn Profimusiker zusammen sind, wird Johan Sebastian
Bach mit großer Inbrunst Tribut gezollt. Kurzzeitig will es scheinen, als ob
die Großherzogin sich doch wieder in das von Offenbach vorgegebene
Handlungsschema einfügen will. Die
Vorbereitungen für die Hochzeit mit Prinz Paul (von Rolf Romel mit der
notwendigen Unerträglichkeit überzeugend gestaltet) beginnen, da entschliesst
sich die bereits fertig ausgestatte
Braut zum finalen Ausbruch. Sie stürmt das Waffengeschäft und probt auf dem
Sofa die Vereinigung mit einer Reihe automatischer Schnellfeuerwaffen. So weit
kann Kriegslust führen.
Thomas Göthe
Beat Furrer Wüstenbuch
Theater Basel beim Festival
Maerzmusik Berlin 27.03.10
Beat Furrer hat auf Grundlage von Texten – oder sollte man
besser sagen vor dem Hintergrund von Texten-
von Händl Klaus, Ingeborg Bachmann u.a. einen Kompositionsauftrag des
Theaters Basel zur Aufführung gebracht: Wüstenbuch.
Christoph Marthaler hat das 90 minütige Werk in Szene
gesetzt. Der Komponist dirigiert das
Klangforum Wien. Die Solistes XXI singen und sechs Marthaler erprobte
Schauspieler unterstützen sie bei der szenenischen Realisation.
Minimale Gesten kommentieren die Musik und wer nicht den
Fehler macht, nach einer Handlung oder Aussage zu suchen, dem wird bald klar,
der szenische Ablauf gliedert die Musik, macht sie damit für den
aufgeschlossenen Zuhörer leichter veständlich
und nimmt ihn mit auf einen typische Marthaler-Reise. Ziel: Die Wüste,
wo immer was auch immer das auch sei.
Furrers Exkursion führt von eher clusterhaften Klängen am Anfang immer
stärker in eine transparente Landschaft bei die einzelnen Solisten des
Orchesters die Funktion eines Reise(ver)führers übernehmen. Zwar gibt es einige verbale Bezüge zu
Ägypten, aber meistens geht es um die Wüste in uns, verschüttete Emotionalität
und mehr oder weniger gelungene Versuche, diese wieder freizulegen.
Das was auf der Bühne am besten funktioniert ist die Kultur
des aneinander Vorbeiagierens. Sprachlosigkeit und Hilfslosigkeit durch
Wiederholung gesteigert. Es werden die unterschiedlichsten Vereinigungen
versucht, mal konventionell Mann und Frau, mal Frau auf Sofa wenig später Frau
unter Sofa aber auch die weniger naheliegenden Varianten wie Frau mit Tisch
oder Frau mit Feuerlöscher werden auf das Ergötzlichste probiert. Aber es hilft
alles nichts, an diesem Marthaler für Fortgeschrittene Abend ist Erlösung nicht
vorgesehen.
Thomas Göthe