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Absolute Opernrarität in Basel

Telemaco ossia L’isola di Circe

Vorstellung: 26. 6. 2011

 

In einer Koproduktion mit den Schwetzinger Festspielen und dem Staatstheater Nürnberg spielte das Theater Basel die Oper „Telemaco ossia L’isola di Circe“ von Christoph Willibald Gluck, die nach ihrer Uraufführung im Jahr 1765 in Wien von den Spielplänen verschwunden war und – nach einer konzertanten Aufführung 1987 in Salzburg – erst beim English Bach-Festival 2003 in London wieder szenisch gezeigt wurde. Zur Oper, die in Basel in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln dargeboten wurde, ein Zitat aus dem Artikel Circes Welt versinkt von der Dramaturgin Ute Vollmar aus dem gut illustrierten Programmheft: Fiel die Oper damals durch und verschwand nach nur zwei Aufführungen von den Bühnen, so erscheint sie uns heute in der Modernität ihrer Figuren und deren musikalische Sprache bereits auf Mozarts „Zauberflöte“ und ein humanistisches Menschen- und Weltbild hinzuweisen.

Gluck (1714 in der Oberpfalz geboren, 1787 in Wien gestorben) gilt als der große Reformer der Oper. Er ließ sich Ende 1752 in Wien nieder, wo er Kapellmeister des kaiserlichen Feldmarschalls Joseph Friedrich von Sachsen-Hildburghausen wurde. Seine Förderer waren der Kanzler Graf Kaunitz, Graf Durazzo, der Direktor des kaiserlichen Theaters und der Hofdichter Metastasio. Gluck schuf bis 1764 eine Reihe von Adaptionen französischer Stücke sowie eigene Werke im französischen Stil. Bis zur Wiederentdeckung Monteverdis und Händels im 20. Jahrhundert waren seine Opern die ältesten Werke innerhalb des Repertoires.

Die Handlung von Glucks „Telemaco“, dessen Libretto Marco Coltellini verfasste, in Kurzfassung: Penelope, von Freiern bedrängt, erwartet sehnsüchtig die Rückkehr ihres Mannes, der seit Jahren verschollen ist. Odysseus wird von der Zauberin Circe, die sich in den Helden verliebte, auf deren Insel festgehalten – in der Hoffnung, er würde ihre Liebe erwidern. Auch Asteria, die als Kind von Circe geraubt und auf die Insel entführt wurde, darf ihr Reich nicht verlassen. Als Telemach, der Sohn von Odysseus, auf der Suche nach seinem Vater auf die Insel kommt, verliebt sich Asteria in ihn. – Ein Orakel verkündet, dass derjenige zum Leiden verurteilt werde, der sich in der Liebe tyrannisch verhält. Daraufhin beschließt Circe, ihre Gefangenen freizulassen. Doch bis Vater und Sohn in die Heimat aufbrechen können und Asteria erfährt, dass sie als Tochter des Königs von Kreta ohnehin Telemach zur Gattin bestimmt ist, müssen noch einige durch die magischen Künste der einsamen Circe hervorgerufenen Hindernisse überwunden werden.

Tobias Kratzer verlegte die antike Handlung in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, wozu

ihm Rainer Sellmaier eine karge Bühne mit urwaldähnlichem Gehölz im Hintergrund baute und die dazu passenden, armselig wirkenden Kostüme entwarf. Mit dem Erfolg, dass in einigen Szenen das Schweizer Publikum zum Lachen animiert wurde, obwohl einem eigentlich zum Weinen hätte sein müssen. Zum Schmunzeln regte auch der Bühnenvorhang an, der eine Landkarte mit verschiedenen Flugrouten zeigte, vor dem ein kleiner Junge mit einem Mini-Flugzeug spielt. Dazu schlüssig die vorletzte Szene, in der Odysseus die Insel Circes per Flugzeug verlässt, um in der Schlussszene Penelope auf Ithaka im Pilotengewand begrüßt. Für die Lichteffekte in dieser nicht gerade wegweisenden Inszenierung, die an Abenteuerfilme erinnerte, sorgte Guido Hölzer.

Ausgezeichnet waren die stimmlichen Leistungen des international besetzten Ensembles. In der Doppelrolle Circe / Penelope beeindruckte die schwedische Sopranistin Agneta Eichenholz durch ihre große Wandlungsfähigkeit in der Darstellung der beiden Frauenrollen. Auch stimmlich drückte sie einerseits die vergeblich nach Liebe heischende und dann rachsüchtige Circe und andererseits die sehnsüchtig und treu Wartende Penelope wunderbar aus. In der Titelrolle überzeugte der kanadische Countertenor mit koreanischen Wurzeln David DQ Lee, der Odysseus’ Sohn sowohl stimmlich wie auch schauspielerisch mit enormer Leidenschaft gab. Ebenso überzeugend der polnische Tenor Tomasz Zagorski als Odysseus – ein kraftstrotzender Mann, der auch in Gefangenschaft unbeugsam wirkte und mit seiner lyrischen Stimme zu beeindrucken wusste. Eine Idealbesetzung für diese Rolle!

Die französische Mezzosopranistin Solenn’ Lavanant-Linke spielte die Rolle der Merione, die als Tochter des Königs von Kreta auf Circes Insel auf der Suche nach ihrer entführten Schwester ist, sehr martialisch und mit stimmlich großer Bandbreite. Als Asteria konnte die zierliche Schweizerin Maya Boog mit ihrer ausdrucksstarken Sopranstimme begeistern. Dass sie ein Liebling des Basler Publikums ist, konnte man am Schluss der Vorstellung am Jubel erkennen, der ihr zuteil wurde. Der amerikanische Bariton Christopher Bolduc lieh dem Orakel seine tragende Stimme. Der Chor des Theater Basel (Einstudierung: Henryk Polus) spielte in diesem Werk eine eher untergeordnete Rolle.

Das Freiburger Barockorchester – von der jungen Estin Anu Tali sehr schwungvoll und dennoch einfühlsam geleitet – schaffte es, die zum Teil sehr musikdramatische  Partitur Glucks dem Publikum mit allen Nuancen zu vermitteln. Mit nicht enden wollendem Applaus feierten die Zuschauerinnen und Zuschauer am Schluss der letzten Vorstellung dieser Produktion das gesamte Ensemble, die junge Dirigentin und das Orchester.

Udo Pacolt

mit freundlicher Genehmigung unserer Freunde vom MERKER-online



Pique Dame

6.02.2011

Dramaturgische Ungereimtheiten verwirren das Publikum

Man muss sich vor Augen halten, dass Tschaikowskys Oper 1890 und somit 16 Jahre nach Mussorgskys Boris Godunow uraufgeführt wurde und musikentwicklungsgeschichtlich und puncto musikalischer Originalität weit hinter diesen zurückfällt. Tschaikowskys Orchestermusik könnte man vereinfacht ausgedrückt so beschreiben: man nehme ein bisschen von Beethoven bis Brahms und rühre dann mit einem Schuss Soljanka auf. Th. W. Adorno drückt das natürlich etwas vornehmer aus. Ebenso treffend wie verknorzt bezeichnet er diesen Schuss Soljanka als „Kolorit, das Tschaikowsky als Kostüm auf dem kosmopolitischen Maskenball irrtümelnder Zivilisation zu tragen beliebt“. Wenn man diese Musik allein vielleicht nicht besonders schätzt, dann wird doch durch die Verbindung mit einem tiefgründigen vielschichtigen Stoff daraus eine Oper, die viel interessanter ist als das Frauenrührstück Eugen Onegin und doch viel seltener aufgeführt wird.

Zum „Gesamtkunstwerk“ gehört als dritte Dimension die Inszenierung, die die Schätze heben und darstellen sollte, die unter der Oberfläche des Stücks liegen, das zunächst an Schauerromantik erinnert und als „Große Oper“ wohl ursprünglich dem Operngeschmack eines konservativen Publikums entgegen kommen sollte. Hier liegen aber zugleich interessante Stärke und Schwäche der Basler Produktion in der Inszenierung von David Hermann. Tiefe und Doppeldeutigkeiten im Werk (die bei Puschkin angelegt sind) werden wohl aufgezeigt, aber nicht durchgängig dargestellt; die Bebilderung ist nicht geschlossen und konsequent durchgeführt, und es fehlt allenthalben an Plausibilität und Glaubwürdigkeit. Was haben eigentlich die Produktionsdramaturgen  gemacht?

Die große Bühne zeigt drei verschieden große Guckkästen, die zum Szenenwechsel jeweils auf- oder zugezogen werden. Laut Einführungsvortrag sollte sich dies an Überblendungstechnik im Film anlehnen, der kurz nach der Uraufführung der Oper seine ersten Gehversuche zu machen begann. (Sinnzusammenhang herbei gezogen und nicht tragfähig) Der größere der Kästen zeigt im ersten Bild einen verrümpelten Raum neben dem Spielcasino. Dann öffnet sich unten links eine kleinerer ganz in Weiß gehaltener Kasten, in welchem sich der Chor schon vorsortiert hat: in weiße Mäntel gekleidet und mit weißen Larven maskiert singt er so seine zwei Szenen bei stocksteifem Stehen; als ob Laborpersonal in einem Sterilraum das schöne Wetter besingen würde! Die Anlehnung an Filmtechniken geht dann gar so weit, dass der weiße Chor mit Filmflimmern überleuchtet wurde, wozu über Lautsprecher noch das Knacken und Knistern der ersten Tonfilme eingespielt wird –  Was für ein Unfug! Denn der Tonfilm machte seine ersten Gehversuche erst 30 Jahre später. Weitere „Überblendung“: aus der Gerümpelkammer ist mittlerweile ein hübscher Wohnraum geworden, aus welchem man nach links über ein paar Stufen hinauf zu einem Balkon gelangt, der den dritten Guckkasten ausmacht, der aufgezogen wird. Auf diesem Balkon mit ein paar großen Zierpflanzen siedelt die Regie die erste große Szene Hermann - Lisa an, die vor Angst über das Geländer klettert und fast abstürzt. Das erste Bild des zweiten Akts wird quasi vor geschlossenem Vorhang (außerhalb des Ballsaals) gespielt. Erst zum Schluss wird wieder ein Raum geöffnet; die Zarin erscheint allein und zu Fuß (diese Szene hätte man sich wegen völliger Unglaubwürdigkeit schenken können; aber auf den großen Chorauftritt kann man natürlich schlecht verzichten.)

Nach der Pause zum vierten Bild im zweiten Akt werden die drei Guckkästen aufgegeben. Vielmehr steht auf der voll geöffneten Bühne nun ein großer Raum wie ein Wohncontainer auf Pfählen in halber Bühnenhöhe wie ein Unteruhldinger Pfahlbau. Es ist nur der große Guckkasten übrig geblieben, der nun zum  Schlafzimmer der mysteriösen Gräfin „Pique Dame“, ausstaffiert ist, von dessen Wänden der Putz bröckelt, umgeben von einem Park, in welchem dann die Protagonisten unmotiviert herumirren, um sich schließlich vor einem einfachen Büroarbeitstisch, hinter welchem drei große Spielautomaten stehen, zum letzten entscheidenden Spiel zu treffen. Die Überblendungstechnik ist aufgegeben, die  Szenenwechsel erfolgen durch die gemächlich arbeitende Drehbühne. Die Kostüme sind teils zeitlos, teils an die Entstehungszeit der Oper angelehnt. Die zur Kennzeichnung der Spielsucht dienenden Spielautomaten sind den Sechziger Jahren zuzuordnen. (Bühne und Kostüme: Christof Hetzer). Die Beleuchtung ist in vielen Szenen so dürftig, dass man ganz genau hinhören musste, um festzustellen, wer da gerade den übertitelten Text sang

Hermann verpasst der Oper kräftige Striche, mit denen klugerweise überflüssige Stereotypen der Großen Oper wie Ballett und anderer Ringelpietz eliminiert werden, die nur den Blick aufs Wesentliche verstellen würden. Aber dann entfernt er sich leider immer mehr vom eigentlichen Drehbuch und nimmt unverständliche Änderungen am vorgesehenen Geschehen vor. Höhepunkt: bei Hermanns Eindringen in das Gemach der Gräfin ist auch Lisa präsent; zuerst kuschelt Hermann mit ihr im Bett der Gräfin, die nur drei Schritte weiter steht, sich umdreht mit den Worten „Was macht ihr da?“, die eigentlich ganz anders gemeint und an Hermann gerichtet sein sollen, Dann veranstalten die drei zusammen einen flotten Dreier. Unfug ersetzt die mögliche knisternde Spannung in dieser Szene. Die Gräfin wird dann von Hermann erwürgt, was späteren Dialogen den Sinn nimmt, obwohl die in der übertitelten Übersetzung schon reichlich verbogen wurden. Das Publikum versteht hier vieles nicht; denn entstehen im Saal erklärungsheischende Gespräche. Wer am Schluss des Spiels (Hermann und Fürst Jeletzki spielen nicht nur um 40000 Rubel, sondern auch um Lisa) wen bedroht und umbringt und wie, geht im Tumult unter.  Wenn hier eine Psychologie-Studie abgeliefert werden sollte, dann ist diese verworren und verwirrend. Dem Stück wird viel vom überkommenen Sinn geraubt, ohne ihm einen verständlichen Neuen zu verleihen. Trotz einiger hochinteressanter Ansätze hat die Regie letztlich das Thema verfehlt. Die Personenführung scheint hier und da etwas zufällig, die Chorregie hausbacken.

Musikalisch sah es besser aus. Es wurde auf hohem Niveau musiziert und gesungen. Klangschön und präzise untermalte das tadellos aufspielende Sinfonieorchester Basel unter der Leitung von Gabriel Feltz die Handlung und widerstand dabei der Versuchung der slawischen Klangsauce, sondern ließ vielmehr eine gewisse Strenge herrschen. Prächtig einstudiert und klanggewaltig wirkte der Herrenchor, die Damen dagegen etwas spitz. Es entstand auch der Eindruck, dass man hier mit der Aussprache des Russischen  Schwierigkeiten hatte.

Anekdotisch sei angemerkt, dass der Sänger des Hermann, Maxim Aksenov, bei der Premiere am 10.12.2010 wegen einer Erkältung nur die ersten beiden Bilder singen konnte. Der schon von Stuttgart anreisende Ersatz, der die Folge von der Seite sang, kam verspätet, weil er ja, wie die Schweizer Kritik genüsslich ausführte, mit der Deutschen Bahn reiste. Das Basler Theater musste zur Ruhigstellung des Premierenpublikums Getränke austeilen: Kollateralschaden! An diesem Abend war Aksenov nicht indisponiert gemeldet, schwächelte aber zu Beginn derartig, dass man ihn teilweise gar nicht hörte. Im Verlauf wurde er aber besser, seine schwache Ausstrahlung konnte den mysteriösen Charakter des Hermann nicht glaubhaft machen. Die Lisa der Svetlana Ignatovich gefiel nicht nur durch ihre vorteilhafte Erscheinung, sondern auch durch die große Musikalität im Ausdruck, über die man leichte Schwächen in der Höhe gern vergaß. Der Star des Abends war Hanna Schwarz als Gräfin. Die Maske hatte sie in eine attraktive Mittvierzigerin verwandelt, weswegen sie auch nicht vor Schreck verstarb, sondern von Hermann erdrosselt werden musste. Ihr weicher runder Mezzo verzauberte das Publikum. Auch Nikolay Borchev als Fürst Jeletzkij sang eine starke Partie, die in der hinreißend interpretierten Verzweiflungsarie kulminierte. Eung Kwang überzeugte mit kernigem Bassbariton als Tomsky.

Das Haus, was in Basel eher selten ist, war voll besetzt, der Beifall fast frenetisch. Das heuchlerische Publikum hatte sich aber schon vorher positioniert: Zunehmende Hustenrafalen machten die Vorstellung fast zu einer Qual. In der Pause an der Bar und während der Bravourstücke der Sänger war kein einziger Huster zu vernehmen! Die Leute haben sich also bei für sie angenehmer Unterhaltung im Saal gelangweilt! Ein Haus solchen Niveaus und, solcher Bedeutung und solchen Anspruchs (immerhin von der „Opernwelt“ aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen zum Opernhaus des Jahres lanciert)  müsste seinem Publikum auch mal kommunizieren, dass es, nachdem der Maestro den Taktstock hebt, die Klappe zu halten hat. Wie gerne kehren wir nach Frankfurt zurück!

Manfred Langer

 


LA CALISTO


Apardheidsübung gegen Guckkastentheater in Basel


5.6.2010

Mit dieser Inszenierung trat Jan Bosse in Basel wieder einmal in Aktion gegen das Guckkastentheater. Korrekterweise wurde man schon beim Erwerb der Karten darauf hingewiesen, dass bei dieser Vorstellung Damen und Herren getrennt sitzen würden. Die Besucherinnen wurden bei freier Platzwahl ins Parkett geleitet; die Männer durch die Hinterbühne auf die die Opernbühne, auf welcher Zuschauerränge aufgebaut waren. (Die Ränge blieben unbenutzt, was bei der immer noch schlechten Auslastung des Theaters wohl unbeachtlich bleiben konnte.) Männer und Frauen saßen sich gerade gegenüber; die verfügbaren Plätze waren fast voll belegt; es konnte konstatiert werden, dass mehr Frauen als Männer die Opern besuchen. Der Orchestergraben war quer durch einen etwa zwei Meter breiten Laufsteg überspannt: das war die Spielfläche. Das verstärkt besetzte Barockorchester „La Cetra“ wurde nun in einen weiblichen und einen männlichen Teil aufgespaltet, wobei die Musikerinnen zur Zuschauerseite der Damen saßen und umgekehrt. Einzige Ausnahme: der Dirigent Andrea Marcon dirigierte vom Cembalo aus dem Damenorchester. Die Auftritte erfolgten überwiegend aus den Publikumsreihen, in den zur besseren Beweglichkeit der Protagonisten ganze Reihen frei gelassen wurden (siehe oben); dabei traten die Sängerinnen aus dem Damenpublikum auf und umgekehrt.

Da die Bühne nicht viel Raum bot, gab es auch keinerlei Aufbauten oder Requisiten. Es wurde nur gespielt. Der Prolog der Oper war gestrichen, und es fing mit dem Regenmacher Jupiter an, der durch den satten von oben kommenden Strahl Calisto beeindruckte. Später wurde der Regen sehr in die Breite gezogen, so dass ein Regenvorhang generiert wurde, auf den projiziert werden konnte; insofern kam es doch noch zu einer Bühnen-ausstattung (Bühne: Stéphane Laimé). Die Sänger wurden aber dauernd nass und mussten sich daher mehrfach umziehen. In der Pause erhielten die ZuschauerInnen kleine Diodenlampen mit weißem Licht. Als am Ende der Oper Calisto auf ihre Rolle am Firmament vorbereitet wurde, schalteten die Zuschauer auf Anweisung die Lämpchen ein und erzeugten zu beiden Seiten der Bühne einen Eindruck von Sternenhimmel. Das räumliche Inszenierungskonzept basierte rein auf dem Wunsch, das Guckkastentheater aufzuheben. Ob damit Erkenntnis-gewinn zu Musik oder Stück verbunden werden sollte, muss angezweifelt werden.

Gespielt und gesungen wurde von der jungen Sänger-Truppe (die meisten waren gerade über dreißig Jahre alt) auf beachtlichem Niveau. Jan Bosses Personenführung war gekonnt komödiantisch, unterstützte jederzeit die Handlung und verlangte in ihrer Lebhaftigkeit den Protagonisten sehr viel ab. Singend auf den hochgeklappten Sitzen einer leeren Reihe zu balancieren stellte die Spitze der Übungen dar. Reiner Klamauk wurde vermieden. Die Regie hatte noch einen Amor ganz in Rot mit roten Flügelchen eingefügt, von Anna Fusek dargestellt (superschlank uns androgyn wirkend), die über das gesamte Spiel flötespielend die Protagonisten Flöte spielend statt Pfeile schießend umwieselte.

Marcon hatte Zwischenmusiken von Johann Rosenmüller eingefügt. Wegen der Verstärkung der Continuo-Instrumente wurde eine Erhöhung auch der Zahl auch der  anderen Instrumente erforderlich, so dass die beiden Teilorchester mit insgesamt 24 Musikern groß besetzt waren. Es wurde auf Original-Instrumenten gespielt; sogar Zinken waren zu hören. Die beiden Orchesterteile „ begleiten auf konsequente Art die verschiedenen Figuren je nach deren vermeintlichen oder wirklichem Geschlecht. Manchmal entsteht eine Art ‚Combattimento’ zwischen den beiden Orchestern bzw. Geschlechtern, manchmal verschmelzen die beiden Seiten zu einer Einheit.“ (Andrea Marcon im Programm) Für den Zuschauer wurde das nicht so klar: man musste schon hinschauen, um festzustellen, welches Teil gerade spielte. Und ob durch die Aufspaltung des Orchesters in Herren und Damen eine bessere musikalische Qualität gehoben wurde, entzieht sich natürlich der Beurteilung des Zuhörers. Immerhin wurde nach einigen Ungenauigkeiten zu Beginn sauber und farbenreich musiziert und der Handlung eine schöne Grundierung geboten. Aber wahrscheinlich wäre diese zweichörige Spielweise auch  im gemischt-geschlechtlichen Betrieb gelungen.

Die Sänger waren in gelungene moderne Kostüme gewandet (Kostüme: Kathrin Plauth), die die Charaktere ihrer Träger verdeutlichten; Jupiter im dunkelvioletten seidenen Hausrock, Merkur geckenhaft bis halbseiden im engen längsgestreiften Anzug; Diana und Calisto in langen weißen Unschuldsgewändern, Juno tantenhaft in langem violetten Kleid, die Satyre und Pan klassisch mit befellten Beinen und Bauch und Hörnchen. Luca Tittoto sang den Jupiter mit volltönendem schönem Bass und brachte auch im Falsett in seinen Travestieszenen ein beachtliches Volumen. Dazu beherrschte er auch die leiseren lyrischen Töne Nikolay Borchev brachte den Mercurio mit spritziger Bühnenpräsenz mit leichtem etwas bissigen Bariton. Die Calisto wurde von Maya Boog mit jugendlichem, nicht sehr durchschlagskräftigem Sopran und einigen Eintrübungen ausdrucksstark und einfühlsam interpretiert und mit ihrer aparten Erscheinung überzeugend verkörpert. Agata Wilewska verführte mit schön grundiertem klangschönem Sopran als Diana; Xavier Sabata als ihr Liebhaber Endimione sang seine Altus-Rolle sehr schön und gefühlsintensiv aus; es fehlte ihm aber an Volumen. Der andere Altus, Flavio Ferri Benedetti mit kraftvoller und zugleich beweglicher Stimme und scheinbar anstrengungslos in der Höhe kann als Entdeckung des Abends gelten. Alice Borciani gab ihre Rolle als Satirino betont piepsig; Geraldine Cassidy betörte als Juno mit klarem Mezzo in der Mittellage, musste aber in der Höhe ein scharf wirkendes Vibrato bemühen. Als Pan bewarb sich Michael Feyfar mit strahlendem Tenor um Diana. Andrew Murphy rundete mit kernigem Bassbariton als Silvano die starke Besetzungsliste ab,

Alles in allem ein sehr unterhaltsamer Abend, den das Publikum mit lang anhaltendem Applaus belohnte.

Manfred Langer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


La Grande Duchesse du Gerolstein

Theater Basel 16.01.10

Stell dir vor es ist Krieg und (fast) jeder (Musiker) muss hin. In Deutschland, wo ab September 1944 alle Theater wegen der totalen Mobilisierung geschlossen wurden, hat diesen Gedanken noch niemand auf die Bühne gebracht.  Dafür aber jetzt Christoph Marthaler am kaum 10 Kilometer von der deutschen Grenze entfernten Theater Basel. Niemand weiss am  Ende des 1. Aktes so richtig, warum das Großherzogtum Gerolstein seinen Nachbarn den Krieg erklärt, die Großherzogin liebt eben das Militär und da muß auch  das Orchester  den Graben verlassen und abmarschieren. Wie umsichtig, dass Kostümbildnerin Sarah Schittek, die Musikerinnen und Musiker gleich im Kampfanzug zur Arbeit hat antreten lassen. Das spart Zeit und auch oder gerade in Kriegszeiten ist Zeit ja Geld.    

Zeit nun hat aber Christoph Marthaler sich immer genommen und so dauert allein der erste Akt der Offenbachschen  Großherzogin von Gerolstein mehr als eineinhalb Stunden. Schließlich will ja alles erst mal eingerichtet werden. Im Untergeschoss des Großherzoglichen Palastes (im Stil des Realsozialismus der 1970 – Bühne: Anna Viebrock) muss erst eine Waffengeschäft neueröffnet werden, die nebenan gelegene Damenboutique ist auch noch geschlossen, aber bald kommt die Großherzogin probiert das eine oder andere an. Entschliesst sich dann doch nicht zum modischen Kampfkostüm sondern zum primadonnenhaften Staatsgewand. Gleichzeit wird eine Ebene höher die Sichhheitsüberprüfung durch das typisch Marthaler mäßig groteske Personal  abgeschlossen. Inzwischen ist auch das Kammerorchester Basel  eingetroffen. Dirigent Hervé Niquet sieht aus als käme er direkt von einer Freiwilligenübung des Schweizer Bundesheeers. Erste Missverständnisse „im Graben“ sind geklärt. Nein: es gibt nicht Tannhäuser, obwohl die ersten Töne der Ouvertüre so engagiert klangen, dass man gern mehr davongehört hätte. Jetzt kann die Operette beginnen. Wer das Programmheft gelesen hat weiß bereits, es wird nur der erste Akt aufgeführt. Die Schlacht auf dem Fuselfeld entfällt, vom glorreichen Sieg wird nur kurz zu berichten sein.

Anne Sofie von Otter ist, nachdem vor langer Zeit  ihre internationale Karriere am Theater Basel begonnen hat, zurückgekehrt, um mit Marthaler die Gerolstein zu machen. Gab es Gerüchte, der Herbst ihrer Karriere sei angebrochen? An diesem Abend werden sie auf das Überzeugendste widerlegt.  Nathlos fügt von Otter  sich in das Ensemble von erfahrenen Marthaler - Schauspielern wie Jürg Kienberger und Ueli Jäggi (als Pressesprecher und Privatsekretär)  und Marthaler - Sängern wie Christoph Homberger als General Boum Boum. Wie sie – es wird deutsch gesprochen und französisch gesungen – den Text ihrer Arien erst auf deutsch deklamiert, bevor sie ihn singt, das ist die große Marthalersche Kunst des Kenntlichmachens durch Überpointierung.   Fritz und Wanda ( sehr gut gesungen von Norman Reinhardt und Agata Wilewska), die eigentlich Liebenden  geraten dadurch genau in dem Maße aus dem Zentrum des Interesses in dem Offenbach sich auch nicht für sie interessiert. Denn es geht um Herrschaft und Krieg nicht um Gefühle. 

So bleiben dann nach Ausbruch der „kriegsähnlichen Handlungen“ auf der obersten Bühnenebene ganz nah beim Schnürboden ein Barpianist ( Bendix Dethleffsen) und im Graben ein meist lesender Continuo-Spieler (Martin Zeller) verantwortlich für die musikalische Begleitung des restlichen Bühnengeschehens, das sich in meist sonabulen Handlungen ergeht, oft ohne direkten Offenbachbezug ergeht. Die Großherzogin singt eine betörend schöne Händel-Arie, der Chor (Einstudierung: Henryk Polus)  übt sich in Auszügen aus dem Brahmsschen Reqiuems und wie immer wenn Profimusiker zusammen sind, wird Johan Sebastian Bach mit großer Inbrunst Tribut gezollt. Kurzzeitig will es scheinen, als ob die Großherzogin sich doch wieder in das von Offenbach vorgegebene Handlungsschema einfügen will.  Die Vorbereitungen für die Hochzeit mit Prinz Paul (von Rolf Romel mit der notwendigen Unerträglichkeit überzeugend gestaltet) beginnen, da entschliesst sich die  bereits fertig ausgestatte Braut zum finalen Ausbruch. Sie stürmt das Waffengeschäft und probt auf dem Sofa die Vereinigung mit einer Reihe automatischer Schnellfeuerwaffen. So weit kann Kriegslust führen.

Thomas Göthe


Beat Furrer Wüstenbuch

Theater Basel beim Festival Maerzmusik Berlin 27.03.10

 

Beat Furrer hat auf Grundlage von Texten – oder sollte man besser sagen vor dem Hintergrund von Texten-  von Händl Klaus, Ingeborg Bachmann u.a. einen Kompositionsauftrag des Theaters Basel zur Aufführung gebracht: Wüstenbuch.

Christoph Marthaler hat das 90 minütige Werk in Szene gesetzt.  Der Komponist dirigiert das Klangforum Wien. Die Solistes XXI singen und sechs Marthaler erprobte Schauspieler unterstützen sie bei der szenenischen Realisation.

Minimale Gesten kommentieren die Musik und wer nicht den Fehler macht, nach einer Handlung oder Aussage zu suchen, dem wird bald klar, der szenische Ablauf gliedert die Musik, macht sie damit für den aufgeschlossenen Zuhörer leichter veständlich  und nimmt ihn mit auf einen typische Marthaler-Reise. Ziel: Die Wüste, wo immer was auch immer das auch sei.  Furrers Exkursion führt von eher clusterhaften Klängen am Anfang immer stärker in eine transparente Landschaft bei die einzelnen Solisten des Orchesters die Funktion eines Reise(ver)führers übernehmen.  Zwar gibt es einige verbale Bezüge zu Ägypten, aber meistens geht es um die Wüste in uns, verschüttete Emotionalität und mehr oder weniger gelungene Versuche, diese wieder freizulegen.

Das was auf der Bühne am besten funktioniert ist die Kultur des aneinander Vorbeiagierens. Sprachlosigkeit und Hilfslosigkeit durch Wiederholung gesteigert. Es werden die unterschiedlichsten Vereinigungen versucht, mal konventionell Mann und Frau, mal Frau auf Sofa wenig später Frau unter Sofa aber auch die weniger naheliegenden Varianten wie Frau mit Tisch oder Frau mit Feuerlöscher werden auf das Ergötzlichste probiert. Aber es hilft alles nichts, an diesem Marthaler für Fortgeschrittene Abend ist Erlösung nicht vorgesehen.

Thomas Göthe   

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com