TANNHÄUSER
Wagner-Glück
Geradezu zu lechzen scheint das Berliner Publikum generell nach konzertanten Opernaufführungen und speziell nach denen von Wagners Werken durch Marek Janowski mit dem RSB. Ausverkauft war am 5.5. auch der „Tannhäuser“ in der Dresdner Fassung, und die offensichtlich hochgespannten Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Das lag nicht nur daran, dass der musikalische Genuß nicht durch irgendwelche Regiemätzchen gestört wurde, sondern mehr noch an der hohen Qualität der Aufführung. Dabei gab es durchaus eine Art Regie durch die unterschiedliche Positionierung von Solisten, Chor- und Orchestergruppen, die, durch die besondere Architektur der Philharmonie begünstigt, ein besonderes, um eine Dimension erweitertes Hörerlebnis möglich machten.
Vorzüglich waren auch an diesem Abend fast alle Solisten. Eingesprungen für Torsten Kerl war Robert Dean Smith, dessen größte Schwäche, die blässliche Bühnenerscheinung, nun keine Rolle spielte, der mit exemplarisch guter Diktion und wohlklingendem Timbre sehr lyrisch sang. In den drei Strophen im Venusberg konnte er sich unangestrengt, dabei eindringlich bis zum „Mein Heil ruht in Maria“ steigern, im zweiten Akt fehlte es ihm etwas an Durchsetzungsvermögen, ehe er mit „Erbarm dich mein“ noch einmal alles erfolgreich auf eine vokale Karte setzte. Nach einer tadel-, wenn auch etwas leidenschaftslos gesungenen Romerzählung mochte man ihm den danach hörbaren Abbau der Kräfte nachsehen. Einen kernigen, virilen Wolfram erlebte man mit Christian Gerhaher, dem man die innige Vertrautheit mit dem Liedgesang anmerkte. Für ihn schien manchmal das einzelne Wort eine größere Bedeutung zu haben als die musikalische Linie, was sich vereinzelt in einer etwas geschmäcklerisch wirkenden, unruhigen Stimmführung ausdrückte, aber zugleich sehr schön den Eindruck erweckte, dass sein Preislied situationsgerecht wie improvisiert wurde. Recht tief lag für den schönen, noblen Bariton das „Rezitativ“ zum Lied an den Abendstern, das er wunderbar getragen interpretierte. Glücklich machen konnte die Wiederbegegnung mit dem jungen Sänger Peter Sonn als Walther, der als David die Entdeckung in den „Meistersingern“ gewesen war und der nun erneut seinen klangvollen Tenor in einem schwärmerischen Preislied zu Gehör brachte. In besserer Verfassung als in der Premiere von „Lohengrin“ an der DOB zeigte sich Albert Dohmen, dessen Landgraf zwar ebenfalls Höhenprobleme hatte, aber auch streckenweise die alte Bassqualität aufblitzen ließ. Gewonnen an Volumen, jedoch auch an schon bedenklichem Vibrato hat der Mezzo von Marina Prudenskaja, deren völlig textunverständliche Venus dunkel verführerische, aber auch unangenehm jaulende Töne vernehmen ließ - bei der Partie natürlich immer eine Gefahr. Eine einfach wunderbare Wagnersängerin, jüngst an gleicher Stelle als Isolde, ist Nina Stemme. Dem Charakter der Elisabeth ist sie mit ihrem dunklen Timbre fast schon entwachsen - aber über eine so prachtvolle, runde, warme Stimme mit so weichem Tonansatz wie die ihre darf man einfach nicht meckern. Die Hallenarie strahlte ebenso, wie die Stimme über den Herrenensembles triumphierte, der Schwellton auf dem schmerzerfüllten „Heinrich“, die leiderfahrene Stimme im Gebet - das alles waren Höhepunkte des Abends. Einen silber- und glockenhellen Sopran hatte Bianca Reim für den intonationssicheren Hirten.
Phänomenal war, wie der Chor jubeln, vor allem aber wie er als nahende und sich entfernende Pilger die Lautstärke bruchlos regulieren konnte. Bestens vorbereitet zeigte sich das Orchester, klar die musikalischen Strukturen herausarbeitend, von herrlich dunklem Klang im Vorspiel zum dritten Akt, Intimität für die Sänger - so im Duett Elisabeth-Tannhäuser - zulassend, dynamisch und zu atemberaubenden Zuspitzungen, so am Schluß des zweiten Aktes, fähig.
Nun kann man auf den „Ring“ im Herbst 2012 und Frühjahr 2013 gespannt sein.
6.5. Ingrid Wanja
VI. Biennale Alter Musik
In Memoriam Montserrat Figueras
Vor zehn Jahren wurde das renommierte und durch seine außergewöhnliche Programmkonzeption herausragende Festival zeitfenster gegründet und in diesem Jahr zum 6.Mal im Konzerthaus veranstaltet. In einem der ersten Konzerte des reichhaltigen Festspielkalenders trat JORDI SAVALL mit dem von ihm und seiner Frau Montserrat Figueras gegründeten Ensemble Hespèrion XXI auf, um das Programm seiner neuesten CD Mare Nostrum zu präsentieren. In diesem Dialog christlicher, sephardischer, ottomanischer und arabisch-andalusischer Musik im Umfeld des Mittelmeeres kam es zu einer spannenden Konfrontation der verschiedenen Kulturen und Religionen des Mittelmeerraumes. Die beiden Sänger MARC MAUILLON aus Frankreich und LIOR ELMALEH aus Israel interpretierten andalusische, katalanische, griechische, italienische, französische, arabische und hebräische Gesänge mit ihren faszinierend fremdartigen Stimmen. Dazwischen erklangen Instrumentalstücke und Tänze, die von Savall und seinen sechs Musikern mit farbig-exotischen Klängen und effektvollen Rhythmen gespielt wurden. Diese Musik kann einerseits von asketisch-strengem oder lamentierendem Duktus sein, andererseits mit ihrer mitreißenden Vitalität, der gespannten Energie und dem scheinbar ungezügelt Temperament eine geradezu trance- und sogartige Wirkung haben. Bewegend war der Schluss des Konzertes mit Savalls Ankündigung, dass man den letzten Block des Programms – die alte Melodie eines Wiegenliedes in mehreren Versionen – der vor fünf Monaten verstorbenen Montserrat Figueras widmen würde. Savall nannte sie „Geliebte, Mutter und Muse des Ensembles“. Nach den Fassungen aus Griechenland, Marokko, Israel, Rhodos und der Türkei ertönte dann noch die Stimme der katalanischen Sopranistin in einer Aufnahme des Wiegenliedes „Durme, hermosa donzella“ – ein ergreifender Moment und eine gebührende Verneigung vor der großen Künstlerin.
Las Idas y las vueltas – Von Hin- und Rückwegen nannte sich das Programm des nächsten Konzertes, das von der Accademia del Piacere unter ihrem Leiter FAHMI ALQHAI an der Viola da gamba sowie dem Flamencosänger ARCANGEL, dem Flamencogitarristen MIGUEL ANGEL CORTES und AGUSTIN DIASSERA am Schlaginstrument Cajón bestritten wurde. Beabsichtigt war ein Dialog zwischen Barockmusik der Kolonialzeit und dem Flamenco-Stil, der in drei Gruppen unterteilt war. Da gab es Bezüge zu den Wurzeln dieser musikalischen Traditionen, zur Musik der Mestizen und zu den verschiedenen Tänzen, wie den Alegrías de Cadiz, den Canarios, Xácaras, Bulerías, Guarachas und Guajiras. Der Gesangssolist mit melancholisch verschleiertem Timbre, aber auch fremdartigen Kehllauten und gelegentlichen Ausbrüchen von aufbäumender Kraft begeisterte ebenso wie das Ensemble, das vor allem in der Improvisación sobre La Spagna oder bei den Folás (mit dem berühmten follia-Thema) und natürlich bei den mit überschäumendem Temperament und stampfenden Füßen sowie rhythmischem Klatschen dargebotenen Tänzen für mitreißende Momente sorgte.
Regelmäßig zu Gast in der Philharmonie ist das Freiburger Barockorchester, dessen Konzert im Kammermusiksaal am 25.4. in das Festspielprogramm eingegliedert war und mit Il pianto d’Arianna ein reizvolles, dem Titel eines Concerto grosso von Pietro Antonio Locatelli entlehntes Motto hatte. Das Ensemble spielte kultiviert und akzentreich unter Leitung der Geigerin ANNE KATHARINA SCHREIBER, die den erkrankten Gottfried von der Goltz kompetent ersetzte. Mit seinen zehn Sätzen ist das Konzert im Aufbau ungewöhnlich, spiegelt aber quasi mit instrumentalen Mitteln das Schicksal der verlassenen Ariadne wider. Entsprechend kontrastreich sind die Sätze im Charakter – von melancholischer Trauer, schmerzvoller Gebärde und stürmisch bewegter Verzweiflung. Ein weiteres Concerto war das in d-Moll von Baldassare Galuppi, das nach einer energisch-straffen Einleitung dem virtuosen Spiel zweier Soloflöten breiten Raum gibt.
Von verschiedenen Komponisten wurde der Ariadne-Mythos vertont – eines der ersten Zeugnisse ist Monteverdis L’Arianna, aus der leider nur das berühmte Lamento erhalten ist. Frühestes Beispiel des Konzertprogramms war Benedetto Marcellos Arianna, die 1726 in Venedig uraufgeführt wurde, 1733 folgte in London Nicola Porporas Arianna in Nasso und im Jahr darauf am selben Ort Händels Arianna in Creta. Aus all diesen Opern stellte die englische Sopranistin CAROLYN SAMPSON Auszüge vor – mit einer klaren, runden Stimme von schöner Substanz und differenziertem Ausdrucksspektrum. Bei den beiden Arien aus Marcellos Vertonung traf sie bei„Incauta farfalletta“ mit leicht getupften Koloraturen und betörend flirrenden Tönen in der Höhe den lyrischen Charakter der Arie und deren flatternden Duktus perfekt, ebenso den sehnsüchtig-inbrünstigen Ausdruck bei der folgenden „Come mai puoi vedermi piangere?“. Auch aus Händels Werk waren zwei Arien zu hören –„Sdegno amore“ und „Turbato il mar si vede“, die zum Typus der Rache- und Sturm-Arien zählen und mit gebührendem Aplomb und Furor, aber auch schmeichelnder Süße vorgetragen wurden. Zwei Auszüge aus Porporas Oper standen am Schluss des Konzertes – „Il tuo dolce mormorio“ , das als klagende Erinnerung das Murmeln eines Flusses in wiegendem Rhythmus tonmalerisch beschreibt und den Sopran in seiner Leuchtkraft wunderbar zur Geltung kommen ließ, sowie das Rezitativ „Teseo? ... Io moro“, welches Ariadnes Stimme ganz entrückt, wie aus einer anderen Welt kommend ertönen und schließlich verlöschen lässt. Das Publikum dankte für dieses interessante Programm und die hochrangige Interpretation und wurde dafür von der Solistin und dem Orchester noch mit Vivaldis Mottete „In Furore“ als Zugaber belohnt. Carolyn Sampson konnte hier noch einmal mit ihrer brillant-dramatischen Koloratur glänzen und das Ensemble mit stürmischer wie farbiger Begleitung imponieren.
Bernd Hoppe
CARMEN
Zwitter
Eine blonde Carmen ist seit Lucia Valentini-Terrani kein Anlaß zur Aufregung mehr, eine mit einer ausgesprochen leichten Stimme ebenfalls nicht, paßt nur das vokale und orchestrale Umfeld dazu. Nimmt man den Begriff „Opéra comique“ im musikhistorischen Sinn ernst und denkt an die ersten überlieferten Aufnahmen des Werks, dann kann Magdalena Kozená sogar eine gute Carmen sein mit ihrer leichthin im Chanssonstil gesungenen Habanera und präzis hingetupften Seguidilla in bestem Französisch, optisch dazu eher ein laszives Nymphchen als eine feurige Zigeunerin. Im Kontext einer leidenschaftlich singenden Micalea und eines ebensolchen Don José jedoch, dazu eines luxuriös-üppigen Klangkörpers, wie es die Berliner Philharmoniker nun einmal sind, bleibt sie blaß, erringt sie kaum Szenenbeifall und muß man in dem Verzicht auf Solo“vorhänge“ eine Absicht wittern, ist dementsprechend verstimmt.
Im Anschluß an eine CD-Einspielung fand am 21.4. eine einmalige konzertante Aufführung mit den Kräften von den Salzburger Osterfestspielen statt, abweichend davon nur der Chor (Eberhard Friedrich) und Kinderchor (Vinzenz Weissenburger) der Berliner Staatsoper, die sich beide mehr als wacker schlugen. Allerdings führt die hohe Mädchenbeteiligung dazu, dass letzterer weicher klingt, als man zum Beispiel die munter krähenden Schöneberger Sängerknaben aus der Deutschen Oper in Erinnerung hat. Daran änderten auch die zu Schallverstärkern geformten Hände nichts. Drahtig hingegen zeigten sich die Herren, mit schwebendem Klang die Damen des Staatsopernchors im ersten Akt. Die Solisten waren zwischen Orchester und Chor platziert, was auch dem Publikum auf den seitlichen Blöcken der Philharmonie die Sicht auf sie ermöglichte und zudem Raum für einige darstellerische Ansätze bot, was beim Erstechen Carmens allerdings eher ungeschickt und irritierend wirkte, wenn man die Regieabsichten nicht kannte.
Von unterschiedlicher Qualität war die Sängerbesetzung. Einem sonoren, dabei flexibel singenden Dancairo (Simone del Savio) stand ein schütter, wenn auch idiomatisch klingender Remendado ( Jean-Paul Fouchécourt) gegenüber. Angenehm fielen die beiden Kameraden Josés auf, von denen man, sei es der Zuniga von Christian van Horn oder sei es der Moralés von André Schuen, einen besseren Escamillo erwartet hätte, als ihn Kostas Smoriginas mit verquollen klingendem, tief im Hals zu sitzen scheinendem Bariton sang, dessen Torerolied kaum Eleganz und Straffheit besaß. Besser lag ihm das kurze Duett im vierten Bild in der Stimme. Sehr anständig besetzt waren die Zigeunerinnen mit Christina Landshammer als frischstimmiger Frasquita und Rachel Frenkel als Mercedes mit sanftem Mezzosopran. Das Bestreben jeder Carmen muß es sein, ihr „l’amour“ erotischer klingen zu lassen als das der Gefährtinnen, das von Magdalena wirkte beim entsprechenden Versuch eher hohl als von sinnlicher Fülle bestimmt. Auch die Barfüssigkeit und das einmalige Lüften des Rocks konnten nicht überhören lassen, dass dem Fatalismus von „toujours la mort“ das dem Zuschauer durch Mark und Bein Gehende, dem Chanson bohémien die herausfordernde Sinnlichkeit fehlte.
Wie spannend gestaltete hingegen Genia Kühmeier das Duett im ersten und die Arie im dritten Bild mit rundem lyrischem Sopran, der auch schon zu einigem dramatischem Aplomb fähig ist und vor allem eine anrührende Identifizierung mit der Partie der Micaela verriet. Ihr galt dann auch neben der Blumenarie der heftigste Szenenapplaus. Jonas Kaufmann hat man schon glücklicher auf dem Podium der Philharmonie gesehen. An diesem Abend wusste er nicht, wohin mit den Händen, die mal in den Frackhosentaschen, häufiger noch im Gesicht landeten, wohl unsicher in der Entscheidung darüber, ob dies nun ein reines Konzert oder mehr sein sollte. Die Partie des José ist eine seiner besten, die dunkle, leicht umflorte Mittellage passt gut ins französische Fach, das ausgesprochen dynamische Singen lässt die Figur lebendig werden, in der Blumenarie folgte sogar auf das notierte Decrescendo vor dem perfekten hohen B noch ein Crescendo. Die dramatischen Passagen im dritten Bild sind für den auch im Wagnerfach Erprobten kein Problem.
Die Berliner Philharmoniker waren nie ein Opernorchester, sie entzückten an diesem Abend unter Sir Simon Rattle vor allem in den wunderbar ausmusizierten Vor- und Zwischenspielen, waren oft nicht mehr ganz sie selbst, wenn sie sich in Rücksicht auf die Sänger üben mussten.
Im Sommer gibt es die Produktion erneut in Salzburg, der ideale Abschied aus der Festspielstadt ist dies für die Philharmoniker nicht.
22.4. Ingrid Wanja
SCHWESTER ANGELIKA & SANCTA SUSANNA
Grenzwege
Gab es am Vorabend mit der „Carmen“ der Philharmoniker so etwas wie eine wenn auch nicht angekündigte viertelszenische Aufführung, so hatte sich das DSO ganz offiziell eine halbszenische Produktion von Puccinis „Suor Angelica“ und Hindemiths „Sancta Susanna“ vorgenommen mit einem Betstuhl als Requisite und weißen bzw. dunklen Kutten und strenger Frisur für die respektiven Nonnen. Das 5. Konzert der Themenreihe „Grenzwege“ beschritt solche im spirituellen Bereich mit der Madonnen- in Puccinis und der Christuserscheinung in Hindemiths Einakter. Wirkten die Angelica umgebenden Suore in ihrer „Darstellung“ noch etwas wie die Einstudierung eines Grundkurses für darstellendes Spiel, so entwickelte sich im Dialog zwischen Angelica und der Zia Principessa spannendes Musiktheater dank zweier hervorragender Singschauspielerinnen. Für Barbara Frittoli war Maria Luigia Borsi kurzfristig eingesprungen, präsentierte eine schöne lyrische Sopranstimme und steigerte sich von der bangen Befragung der Tante über ein anrührend gestaltetes „Senza mamma“ zu einer hinreißend gesungenen Vision im Todeskampf, den sie auch schauspielerisch so geschmack- wie eindrucksvoll zu gestalten wusste. Im eleganten schwarzen Abendkleid war trotz des Krückstocks Lioba Braun eine attraktive Zia, angemessen autoritär und hart im Auftreten, tadellos im mit kalter Miene vorgetragenen „Il principe Gualtiero, vostro padre“. Sängerisch hatte vor allem die Deutsche Oper lobenswerte Kräfte für die Nonnenschar zur Verfügung gestellt: Heidi Stober war die liebenswerte, sanft- und klarstimmige Suor Genovieffa, Liane Keegan mit der dunklen Autorität einer Altstimme die Badessa, Jana Kurucová mit glockenreinem, hellem Mezzo die Suora Zelatrice. Versöhnen mit der strengen Klosterwelt konnten auch die engelsgleichen Chöre des Cantus Domus und des Ensemberlino Vocale.
Nach der Pause zeigte sich das Podium in geheimnisvolles Licht getaucht, eine Unterstützung, die die beiden phänomenalen Sängerinnen der Susanna und der Klementia gar nicht nötig gehabt hätten. Mit bewundernswerter Intensität und einem exakt konturierten, warmen, leuchtenden Sopran stellte Melanie Diener die exstatischen Visionen der Susanna dar, üppig und fest zeigte sich der Mezzo von Lioba Braun bei der Erzählung von der unseligen Nonne Beata. Ziemlich komisch wirkte der kurze Auftritt des nur sprechenden Liebespaars in undefinierbarem Dialekt. Eher als in “Suor Angelica“ steht in diesem Einakter mit dem Libretto von Extrem-Espressionist August Stramm tatsächlich die „Lust“ im Mittelpunkt des Geschehens: im Wörtlichnehmen des „Braut- Christi“ –Seins der Nonnen.
Die Grenze zum noch Goutierbaren war beim dritten Programmpunkt des Abends mit Alexander Skrjapins „Poéme d’extase“, was materialschlachtartige Üppigkeit der Instrumentation wie die Darstellung der Lust angeht, fast überschritten. Das DSO unter Hans Graf, der bereits seine Opernerfahrung bei den beiden Einaktern einfühlsam unter Beweis gestellt hatte, bewältigte das Hörbarmachen der extremen Erregungszustände auf grandiose Art.
23.4. Ingrid Wanja
TRISTAN & ISOLDE
Wunschloses Glück - Dreimal „Tristan und Isolde“ innerhalb weniger Wochen in Berlin, zum Glück den „Piraten“ nicht zur Kenntnis gelangt, die dann wohl nicht nur der Deutschen Oper, sondern mindestens auch einem Berliner Sinfonieorchester die Subventionen gern sperren würden. Nach dem Parkinson-Tristan der DOB und dem Kletter-Rutsche-Engel an der Staatsoper sorgte nun die konzertante Aufführung des RSB unter Marek Janowski mitten in der Woche für eine fast ausverkaufte Philharmonie. Nicht wenige Besucher, die nicht schon am späten Nachmittag abkömmlich waren, erschienen wenigstens zum zweiten und dritten Akt, denn mittlerweile ist der konzertante Wagner der jeweilige Klassikhöhepunkt eines Kulturmonats. Die jeweils besten Vertreter ihres Fachs können für die Aufführungen gewonnen werden, da strapaziöse szenische Proben entfallen, eine CD die eigene Leistung dokumentiert, wo es Opern-Gesamtaufnahmen im Studio kaum noch gibt und mit dem Dirigenten und seinem Orchester mittlerweile Wagner-Experten von Rang herangewachsen sind. Auch am 27.3. erwiesen sie sich als solche mit edlem, dunklem und doch leuchtendem Klang, schon in der Ouvertüre im variierenden Vorwärtsdrängen Spannung aufbauend und mit hervorragenden Solisten, so dem einmalig eindringlichen Englischhorn, dem nur die Nervosität einen Streich spielte.
Es stimmte an diesem Abend einfach alles, angefangen von der Luxusbesetzung für den Hirten mit Clemens Bieber, über den frischstimmigen, kernigen jungen Seemann von Timothy Fallon bis hin zum einsatzfreudigen Melot von Simon Pauly, wobei ein scharfer Charaktertenor in dieser Partie wohl mehr Fiesheit suggeriert hätte. Eine eigenartige Kombination waren die Isolde von Nina Stemme mit ausgesprochen dunklem Sopran gegenüber dem hellen Mezzo der Brangäne Michelle Breedts. Deren Stimme klang neben der ihrer Herrin ausgesprochen mädchenhaft, ließ die Stimme der Partnerin majestätischer in dunkelgoldenem Glanz erstrahlen - ein so nie gehörter, aber sehr überzeugender Effekt und allerorten Pausengespräch. Dabei waren weder der Isolde die Sopran- noch der Brangäne die Mezzoqualität abzusprechen, mühelos wurden kraftvolle wie zarte, pianoselige Höhen erreicht. Einfach unübertrefflich war der König Marke von Kwangchul Youn mit tiefdunklem, geschmeidigem Baß voller Noblesse, empfindsam gestaltend und zutiefst berührend. Einen prachtvollen Heldenbariton setzte Johan Reuter für den Kurwenal ein, wie König Marke so textverständlich, dass man Übertitel nicht vermisste. Wann hört man einen dritten Akt, der durchweg gesungen wird, dazu mit metallischer Tenorstimme von erstaunlich leichter Emission: Stephen Gould brachte das Wunder zustande, gestaltete dazu mit großer Intensität- eine bewundernswerte Leistung. Die erbrachten auch die Herren des Rundfunkchors unter Eberhard Friedrich.
Glücklicherweise wird es auch diese Aufführung auf CD geben - wer es nicht abwarten kann, sollte das Rundfunkprogramm studieren.
Am 5.5. ist der Tannhäuser - ebenfalls mit Nina Stemme - in der Philharmonie zu erleben. In der nächsten Saison dann folgt der Ring.
28.3. Ingrid Wanja
KONZERT - Für einen guten Zweck
Trotz horrender Eintrittspreise ausverkauft war am 29.2. die Berliner Philharmonie, denn es ging zum einen um einen guten Zweck - die Renovierung der Staatsoper- zum anderen um ein Konzert mit Anna Netrebko und Daniel Barenboim mit der Staatskapelle. Erfreut hatte man die kurzfristige Änderung des Programms zur Kenntnis genommen: Nicht Tschaikowski-Lieder erklangen neben solchen von Richard Strauss, sondern als absolutes Debüt für den Sopran zwei italienische Opernarien. Zudem stammten diese aus in Berlin völlig oder fast unbekannten Werken : Boitos „Mefistofele“ und Verdis „I Vespri Siciliani“. Begonnen wurde mit Strauss’ „Till Eulenspiegels lustige Streiche“, wo Barenboim den Schalk behänd von einer Bläsergruppe zur nächsten hüpfen ließ, die Streicher den Schelmenstreichen einen schimmernden Teppich unterlegten, auch in den Tutti und Fortepassagen bei aller Üppigkeit Durchsichtigkeit und Klarheit herrschten. Im zweiten Teil wurde Berlioz’ „Ungarischer Marsch“ effektvoll gegen den rhythmischen Strich gebürstet, die Ouvertüre zu Verdis „I Vespri Siciliani“ weniger der Melodie dienend als die Kontraste hervorhebend dargeboten.
La Netrebko, wunderschön anzusehen in engem, rotem Abendkleid und mit eleganter Dreißiger-Jahre-Frisur, bot im ersten Teil drei Lieder von Richard Strauss mit noch verbesserungswürdiger Diktion, mit einer in der Mittellage dunkler und schwerer gewordenen Stimme mit großem Wiedererkennungswert, die den für die vom Orchester begleiteten Stücke notwendigen corpo hat. In der Höhe dagegen vermisste man etwas das schimmernde Schweben einer typischen Straussstimme. Besser als im Wiegenlied gelang dies in „Morgen!“ in schöner Korrespondenz mit dem Orchester. Nur nicht mit diesem, sondern auch mit dem Publikum schien die Sängerin in stetiger Kommunikation zu stehen, trug der Tatsache Rechnung, dass man auch auf den billigeren Plätzen nicht nur ihren Rücken bewundern wollte. Eine sehr sympathische Geste, die sich bei den Arien wiederholte.
Nach der Pause erschien der Sopran in neuer, golden schimmernder Robe und mit zwei Partien, die bald zu seinem Repertoire gehören könnten. Als Boitos Margherita mit „L’altra notte“ befand sie sich in der für sie idealen Tessitura, konnte die wunderbare Mittellage ausspielen und sang wesentlich expressiver als je von einer italienischen Sängerin gehört. Ein schwerer Brocken für jeden Sopran ist Elenas „Mercè, amiche dilette“, nicht nur weil am Schluß eines schwierigen Werkes stehend und dazu mit Koloraturen gespickt. La Netrebko bewältigte es mühelos und vermittelte viel von der übermütigen Freude des Boleros.
Für die Zugaben, zwei Lieder von Tschaikowski, wohl aus dem ursprünglich vorgesehenen Programm, wurde ein Flügel aus dem Untergrund empor gefahren, und Daniel Barenboim begleitete die noch einmal und jetzt in übermütiger Laune sich dem gesamten Rund zuwendende Sängerin, der man für ihren nicht nur einmaligen Einsatz für die Staatsoper nur dankbar sein kann.
Ingrid Wanja
Liederabend Kaufmann
Es lebe das Lied!
Wenn ein weltweit begehrter und geschätzter Opernstar sich die Mühe macht, einen quantitativ und qualitativ bedeutsamen Liederabend einzustudieren und damit durch die Konzerthallen zu reisen, ist das schon einmal ein Verdienst an sich. Kaum ein Sänger kann heutzutage einen großen Saal mit dem Vortragen von Liedern füllen, wenn einer von ihnen das Wagnis unternimmt, tut er der vernachlässigten Gattung und dem Publikum, weniger sich selbst, einen großen Gefallen, denn es gibt keine Oper, in der man als Solist so lange fast pausenlos singen muß, schon gar nicht, wenn man sich noch, wie am 17.2. Jonas Kaufmann in der Berliner Philharmonie, zu sieben Zugaben hinreißen lässt. Von der Konzentration, der Bereitschaft, sich innerhalb weniger Minuten immer wieder auf ein neues Kunstwerk einzustellen, soll gar nicht die Rede sein. Franz Liszt ( mit Reminiszenzen an den Liederabend in der Staatsoper), Gustav Mahler, Henri Duparc und Richard Strauss standen als 3. Konzert der Reihe „Umarmungen - Die Welt der Vokalmusik“ auf dem Programm. Zwei Vertonungen von Heinrich Heine durch Liszt wiesen sofort auf die Besonderheiten der Tenorstimme hin: eine leicht verhangene, baritonal gefärbte, ausgesprochen viril klingende Mittellage, die heldische Strahlkraft entwickeln kann, dazu eine im Forte ebenso squilloreiche Höhe, die im Piano nicht mit der Vollstimme, sondern dem Falsettone genommen wird. Bewundernswert sind die Dynamik des Vortrags, der Reichtum an Crescendi und Decrescendi, die präzise Diktion, die sich jedoch vor einer Überbetonung der Wortverständlichkeit hütet. Mehr noch als Stimmmaterial und technisches Vermögen überzeugt die Art, in der Kaufmann interpretiert, das Grüblerische, aber nicht Zergrübelnde seines Vortrags, das Spiel mit den Farben, die Variationsbreite in der Wiederholung, so bei Mahlers „Um Mitternacht“, die Ausgewogenheit zwischen Textinterpretation und Melodieverhaftetsein. Besonders gut passt das etwas verschattete Timbre zum französischen Repertoire, aber auch bei Strauss, von dem sämtliche Zugaben stammten, kann der Sänger mit einer heldischen Fanfare punkten. Von den Ermüdungserscheinungen beim Konzert mit Barenboim, die eine Abnutzung der Stimme hatten befürchten lassen, war nichts mehr zu spüren. Dazu kommt ein nur wenigen Sängern beschiedenes Charisma, sicherlich auch der optischen Attraktivität geschuldet, mehr aber noch dem künstlerischen Ernst, dem Star-Sein ohne sich als Star zu produzieren, das den Sänger auszeichnet. Um das Glück perfekt zu machen, hatte der Tenor als Begleiter Helmut Deutsch zur Seite, den besten, den man sich augenblicklich wünschen kann - das Vorspiel zu Strauss’ „Morgen“ hätte ruhig viel länger sein können.
Bei so viel Schönem war es kein Wunder, dass alle, die gemeint hatten, nach drei Zugaben wäre Schluß, sich mit Mantel im Arm im Foyer versammelten, um wenigstens am dortigen Bildschirm noch die restlichen davon mitzuerleben.
Ingrid Wanja
Wunschloses Glück mit
„Lohengrin“
Ein hörbar lange und mühsam zurückgehaltener Jubelaufschrei war der erste Laut nach dem letzten Klang von Wagners „Lohengrin“ in der Philharmonie, ehe sich die allgemeine Begeisterung über eine wunderbare konzertante Aufführung Bahn brach. Marek Janowski hatte seine Wagner-Reihe, in der es bereits „Der fliegende Holländer“ ( CD!), „Parsifal“ und „Die Meistersinger von Nürnberg“ gegeben hatte, fort- und auf die Trümpfe gesetzt, die bisher immer gestochen hatten: ein perfekt vorbereitetes Rundfunk-Sinfonieorchester, ein wunderbarer Rundfunkchor und teils in Berlin und der Welt bestens bekannte, teils hier noch nicht gehörte Solisten, die zu einer mehr als angenehmen Überraschung wurden. Zu ihnen gehörte der junge Baß Günther Groissböck mit einer gewaltigen, dabei schlank geführten Stimme, die sich auf Sanftmut gegenüber Elsa wie auf den heroischen Appell zur Rettung des Vaterlandes gleichermaßen glaubwürdig einzustellen wusste. Das war einmal kein vokal wattebärtiger Brummelbaß, sondern ein jugendlicher Held mit einer tiefen Stimme voller sympathischer Überzeugungskraft. Eher in skandinavischen Ländern bekannt ist bisher Susanne Resmark, die mit einem tadellos fokussierten, machtvollen Mezzosopran eine nie gefährdete, hochgefährliche Ortrud sang. Ihr Partner war Gerd Grochowski, dessen Telramund auch die von vielen Sängern gefürchtete Szene vor dem Dom tadellos sang, mit einem nicht schönen, aber der Partie des Telramund angemessenen Bösewichtbariton. Eine Luxusbesetzung war Markus Brück als Heerrufer mit farbigem, flexiblem und dazu noch durchschlagskräftigem Bariton, aus der Deutschen Oper bestens bekannt und dort demnächst als Posa zu erleben. „Gesegnet soll sie schreiten“ hatte für Annette Dasch an diesem Abend eine ganz besondere Bedeutung, denn dieses dürfte einer ihrer letzten Auftritte vor der Geburt ihres Kindes gewesen sein. Die Stimme für die Elsa war frisch und mädchenhaft, vielleicht lag es auch an der Konzentration auf die rein sängerische Leistung, dass sie besser gefallen konnte als bei der Übertragung aus Bayreuth. Am stärksten neben dem Baß als auch optischer Gestalter sah sich an diesem Abend Klaus Florian Vogt, in dessen Gestik und Mimik sich die Stimmungen des Gralsritters widerspiegelten. An seiner Stimme scheiden sich bekanntlich die Geister, aber unwidersprochen sollte man feststellen dürfen, dass gerade sein Timbre besonders glaubwürdig macht, dass Lohengrin aus einer anderen Welt stammt, so ätherisch klingen die reichlich eingesetzten Piani, so körperlos und dabei doch raumfüllend hört sich der Tenor an. Selten hört man eine so differenziert gestaltete Gralserzählung, die sich so genau an die Vorgaben in der Partitur hält, eine so schwebende „Taube“, ein so feines „sollt ihr mein gedenken“ vernehmen lässt. Den Solisten nicht nach stand der Chor, von Eberhard Friedrich einstudiert, mit kraftvollen Mannen und sanftstimmigen Frauen- einfach ein Hochgenuß. Selten hört man einen „Lohengrin“ mit so fehlerlos und engagiert auftrumpfenden Bläsern, die, über den ganzen Saal verteilt, einer besondern Art von „Regie“ gehorchten. Aber auch die Streicher entzückten bereits zu Beginn mit zartestem Silberklang. Dirigent Marek Janowski hatte wieder einmal das Wunder vollbracht, das Publikum in der ausverkauften Philharmonie wunschlos glücklich zu machen und vom Sinnspruch seiner Wagner-Serie zu überzeugen: „Das Wesentliche ist die Musik“.
Bis zum März muß man nun auf die nächste Aufführung, den Tristan, warten.
Ingrid Wanja