DER OPERNFREUND - 44.Jahrgang
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Neuköllner Oper

 

Thomas Zaufke

SCHWESTERN IM GEISTE

Eine musikalische Zeitreise  -  Produktion der Universität der Künste Berlin

UA am 13.3.2014

Damals wie heute

Bereits die 158. Uraufführung und gewiss eine der besonders guten ist die von Thomas Zaufkes (Musik) und Peter Lunds (Libretto) „Schwestern im Geiste“ mit dem Untertitel „Eine musikalische Zeitreise“ in der Neuköllner Oper. Schwestern sind einmal die berühmten Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts Charlotte, Emily und Anne Brontë und andererseits aus unserer Zeit die Lehrerin Lotte mit ihren Schülerinnen Milly und Aydin. Beide Gruppen leiden unter Zwängen, die Schwestern unter dem Verdikt, in der Heirat und nicht etwa in einer beruflichen Tätigkeit, schon gar nicht als Autorin ihr Glück zu suchen; die Türkin unter dem Beschluss der Familie, sie wenige Wochen vor dem Abitur mit einem Cousin zu verheiraten und in die Türkei zu schicken; die Lehrerin unter dem Zwang, die lesbische Liebe zu einer Schülerin zu verleugnen, die sich ihrerseits keinerlei Zwang auferlegt, sogar die Lehrerin erpresst und von ihr die Auslieferung des Abiturthemas fordert. 

Keine der Brontë-Schwestern wurde auch nur 35 Jahre alt, vor Vater und Bruder mussten sie ihre schriftstellerische Arbeit verbergen, der Roman „Jane Eyre“ war Skandal und Riesenerfolg zugleich. Im Verlauf des Stücks siechen der Bruder Branwell sowie Emily und Anne dahin, Charlotte schickt sich in die Ehe mit dem als bigotte Karikatur angelegten Arthur. Aylin macht schließlich doch das Abitur, während Milly darauf verzichtet. Zum Personal gehört auch das Dienstmädchen Tabby, das an die Intrigantin Despina erinnert und die sexuellen Nöte des Reverend  Arthur für sich zu nutzen weiß.  

Sind zu Beginn die Spielebenen streng voneinander getrennt, links auf größerer Fläche das Zimmer der Schwestern, rechts das Klassenzimmer, verlaufen auch die Handlungsstränge parallel, ohne sich zu kontaktieren, so gibt es zunehmend ein Einandertangieren der beiden Ebenen, bis schließlich nicht nur in dem eingängigsten, sehr originell schmissigen  Stück „Skandal, Skandal“ alle ein Ensemble bilden, sondern es später auch Berührungspunkte gibt, wenn die tote Anne der zögernden Aylin Mut zuspricht, ihren Willen durchzusetzen. Zwar wirken die beiden jetztzeitigen Mädchen samt Gutmenschenlehrerin etwas klischeehaft angelegt im Vergleich zu den Brontë-Schwestern, das relativiert sich aber im Zusammenspiel mit den letzteren. Die schlichte, mit Worten aus den Werken der Schwester beschriebene Bühne stammt von Ulrike Reinhard, deren Idee, mit einer Videowand einen Ort der Sehnsucht, aber auch des Jenseits zu schaffen, dem Ablauf des Geschehens sehr dienlich ist. Die typisierenden Kostüme hat Anna Hostert kreiert. Eine Band, bestehend aus drei Streichern, drei Bläsern und Klavier, von welchem aus Hans-Peter Kirchberg auch die musikalische Leitung ausübt, begleitet und bringt die Musik, deren Instrumentierung fein auf Situationen und Personen ein- und so über den gängigen Musicalsound hinausgeht, zur Geltung. Zuständig für die Choreographie ist Neva Howard. 

Die Produktion entstand in Zusammenarbeit mit der Hochschule der Künste, Abteilung Musical, und die jungen Sänger leisten Erstaunliches, lassen, was besonders schwierig sein dürfte, auch die Figuren der drei Schwestern überaus glaubwürdig erscheinen, was sicherlich auch ein Verdienst der Regie von Peter Lund ist. Einen starken Eindruck hinterlässt Rubini Zöllner als Milly durch intensives Spiel und viel Power in den Gesangsdarbietungen. Zu schönen Modulationen des Tons fähig ist Teresa Scherhag als Lotte, und sie weiß auch das Hin- und Hergerissensein zwischen Pflicht und Neigung eindrucksvoll zu vermitteln. Jaqueline Reinhold ist ebenso überzeugend die Türkin Aydin. Eher als Karikatur angelegt ist der Arthur von Denis Edelmann, der seiner Figur angenehme Baritontöne zukommen lässt. Einen durchdringenden Charaktertenor und ein überaus gewandtes Spiel steuert Andres Esteban als Branwell bei. Am bewundernswertesten allerdings sind die Darstellerinnen der drei Schwestern, denen es gelingt, den Zuschauer in eine andere Zeit mit anderen Charakteren und deren Problemen zu versetzen, und das, obwohl sie durchweg typische Musicalstimmen (übrigens durchweg verstärkt) einsetzen, wie es das Stück vorgibt. Keren Trüger (Charlotte), Dalma Viczina (Emily), Katharina Abt (Anne) sind durchweg Mädchen wie aus einer vergangenen Zeit und doch ganz individuell angelegt, was Charakter und dazu gehörenden Stimmtyp anbelangt. Als Kontrast zu ihrem Befangensein in ihrer Zeit spielt und singt Sabrina Reischl den kessen Dienstbolzen mit lustiger, erfrischender Hemmungslosigkeit.

Ein Besuch der Aufführung, noch in März wie April möglich, ist dringend zu empfehlen, ganz besonders auch für Schulklassen, die allerdings nicht, wie das Stück vortäuscht, jemals mit den Brontë-Schwestern im Deutschunterricht in Berührung kommen werden.

14.3.2014   Ingrid Wanja                                        Fotos Matthias Heyde

 

 

 

 

 

 

 

 

Aus dem Konzerthaus am Gendarmenmarkt

I MASNADIERI

Eine Aufführung der berliner operngruppe

http://www.berlineroperngruppe.de/index.html

Halbszenische Aufführung am 26.2.2014

Opera minore? 

Es gibt sie noch die magischen Momente in der Oper, und es gibt sie seltener in den hoch subventionierten Häusern als ganz unverhofft, aber umso beglückender dort, wo in erster Linie aus Liebe zur Oper musiziert wird. Zu diesen Lichtblicken gehören seit 2010 die konzertanten oder halbszenischen Aufführungen der berliner operngruppe, die bisher jedes Jahr eine selten gespielte italienische Oper auf die Bühne gebracht hat, in den ersten Jahren im Radialsystem V, seit vergangenem Jahr im Großen Saal des Konzerthauses am Gendarmenmarkt.

Francesco Ellero d'Artegna

 Oberto, Maria di Rohan, Attila, Beatrice di Tenda waren bisher auf dem Programm, in diesem Jahr stand erneut Verdi mit „I Masnadieri“  auf dem Spielplan. Leiter und Dirigent der berliner operngruppe ist Felix Krieger, dem es im Verlauf der Jahre gelungen ist, aus bescheidenen Anfängen, was Orchester und Chor aus Profis und Laien betrifft, hochmotivierte und kompetente Klangkörper zu schaffen, nicht nur quantitativ (von einem auf sieben Celli), sondern ganz besonders auch, was die künstlerische Qualität angeht. Da gab es ein brioreiches Spiel voller Italianità, dass man sich im Heimatland des Belcanto wähnte.  Ein ständiger Begleiter des Unternehmens ist Francesco Ellero d’Artegna, der mal Regisseur, mal Sänger der Titelpartie (Attila), mal Betreuer einer Meisterschülerin ist und der mit seiner Professionalität sicherlich das Unternehmen zusätzlich beflügelt. 

Xavier Cortes

Eher rührend als maßgeblich zum Erfolg beitragend war der Einsatz von drei Kindern, die zu Beginn spielerisch die Dreierkonstellation im Hause Moor  spielten, nach der Pause das schreckliche Ende mit dem Erstechen Amalias vorwegnahmen. Das war von der Regisseurin Isabel Ostermann gut gemeint, sorgte aber auch für unvorhergesehene Heiterkeit, als beim Meuchelmord einige Pfui-Rufe aus dem Publikum ertönten. Ansonsten gab es zwischen Frack (Carlo) und Priestergewand (Moser) alles, was man sich so einem solchen Anlass an Kostümen vorstellen kann. Eher bemüht wirkte die „Darstellung“ des vokal tüchtigen Chors (Steffen Schubert, Johannes Wolff) beim Treueschwur, zu dem er auch einmal ganz nach vorn kommen durfte, hoch professionell waren natürlich die schauspielerischen Leistungen der Solisten.

Es gibt neben drei kleineren Rollen deren vier, denn die bei Schiller sehr differenziert gestalteten Räuber vom skrupellosen Spiegelberg bis zum ehrpusseligen Schweizer sind hier, wie es die Gattung Oper verlangt, einfach nur „der Chor“, abgesehen von einem kleinen Einsatz des bei Verdi Rolla genannten vom Schafott Geretteten. Aus dem Gesellschaftsdrama des deutschen Dichters wurde so eine Art „Ernani in Germania“. 

Aurelia Florian

Gerade erst einen großen Erfolg als Violetta hatte Aurelia Florian an der Deutschen Oper gefeiert. Nun sang sie – übrigens wie alle anderen auswendig – die anspruchsvolle Partie der Amelia und hatte alles für sie: ein sehr apartes Timbre, das wunderbar melancholisch klingen kann, ein beachtliches Volumen bei großer Flexibilität und Agilität, gut gestützte Piani und eine absolut sichere Höhe. Simone Kermes hätte man gewünscht, dass sie sich einmal anhört, wie man die Arie und besonders die Cabaletta im zweiten Akt zu singen hat. Eine ganz große Überraschung war Alfredo Daza von der Berliner Staatsoper als infamer Francesco. Hatte man ihn bisher nur in weniger dramatischen Partien gehört, so u.a als Marcello oder mit Rossini oder Mozart, so trumpfte er hier mit einem voluminösen, farbsatten, in Tiefe wie Höhe ungefährdeten Bariton auf, den er mit überraschendem Aplomb einzusetzen verstand. Mit einem zwar noch eher lyrischen, aber für eine Partie wie diese angenehm dunkel gefärbten Tenor, mit beispielhafter Diktion und nach kleinen Passaggioschwächen am Anfang durch schönes Legato und gute Phrasierung erfreuend, war der Mexikaner Xavier Cortes ein würdiger Carlo. Einen für das deutsche Fach sehr geeigneten, gesund und frisch klingenden Tenor konnte auch Stephen Chambers als Arminio präsentieren. Francesco Ellero d’Artegna bewies, dass er noch immer zu den führenden Bässen im italienischen Fach zählt, und scheute vor einem angemessenen Pathos als Massimiliano nicht zurück. Höchst beachtenswertes Material stand dem Bass Grigory Shkapura für den Pastor Moser zur Verfügung, Raúl Alonso sang einen angenehmen Rolla.

Wer glaubte, junge Leute ziehe es vor allem, wenn überhaupt, in „modern“ inszenierte Opern, der wurde in diesem so gut wie ausverkauften Saal mit vielen, vielen Menschen unter Dreißig eines Besseren belehrt. Und ihre Begeisterung war am Ende wie die der Älteren riesengroß.

Ingrid Wanja, 28.02.2014           

 

 

 

 

STADTBAD STEGLITZ

BASTIEN UND BASTIENNE

7. Vorstellung am 6.12.2013                          

(Premiere am 22.11.2013)

Durch und durch professionell

Vom Schäferspiel des Rokoko, das der zwölfjährige Mozart 1768 auf eine Parodie des Librettos des Aufklärers Rousseau vertonte, ist in der Aufführung des clubtheater-berlin im Stadtbad Steglitz nur ein Plüschschaf geblieben, das der verzweifelte Bastien seiner Bastienne als Versöhnungsgeschenk aus dem Zapf-Umzugskarton reicht. Statt auf der lieblichen Aue spielt das Stück nun im modernen Berlin, in das es ein gerade im Streit liegendes Liebespaar verschlagen hat, und dass es noch nicht Wurzeln schlagen konnte, bezeugen die unzähligen Umzugskartons und der Stadtplan, mit dem in der Hand Bastienne den Esoteriker, Magier, Sterndeuter Colas aufsucht, um Rat zu finden, wie sie den flatterhaften Bastien an sich binden könne. Colas hatte bereits, ehe das Stück überhaupt beginnt, mit magischen Klängen auf sich aufmerksam gemacht, mit ihnen wird das Publikum auch nach gut einer Stunde wieder verabschiedet. Während der Magier nach großem Brimborium mit einem Tanz unter der Diskokugel ihr den Rat gibt, abweisend gegenüber dem Liebhaber zu sein, führt diesen gerade die scheinbare Kälte Bastiennes ebenfalls zu Colas, der zu mehr Liebenswürdigkeit gegenüber der nun gespielt Kaltherzigen rät. Das alles scheint nichts zu nützen, so dass Bastien mit dem Handwerkszeug für vier Arten von Selbstmorden bewaffnet sich für das Erhängen entschließt und damit endlich die Geliebte erweichen und das Stück zu einem glücklichen Ende führen kann. Anders als man es auf mancher großen Opernbühne erlebt hat, gewinnt das liebenswürdige Etwas von Singspiel durch die Aktualisierung, weil diese selbst sich auch nicht allzu ernst nimmt.

Man merkt der Aufführung in der Regie von Stefan Neugebauer, der auch die Ausstattung besorgt hat, an, mit wie viel Liebe zur und wie viel Wissen um die Oper die Produktion gestaltet wurde. Davon zeugen viele die Situation und die Personen charakterisierende Regieeinfälle, so auch die Einbeziehung des Publikums in das Geschehen. Wie im Sommer für "Fidelio" mit der großen Schwimmhalle, wurde für das Kammerspiel ein intimerer Raum mit der Fitnesshalle gewählt. Eine hübsche Idee ist es, den ganz jungen Mozart durch einen noch weniger als Gleichaltrigen verkörpern und sich Geige spielend um Versöhnung bemühen zu lassen. Ob das an diesem Abend Edmund Frendo oder Linus Herrmann war, ließ sich aus der Besetzungs-Karte nicht erschließen. Freude bereitet es auch, junge Leute im Studentenalter das Orchester bildend zu sehen; ein Streichquartett, dazu Oboe und Klarinette, am Klavier und gleichzeitig als Dirigent der musikalische spiritus rector Helmut Weese. Zwar klappte das Zusammenspiel nicht durchgehend, aber insgesamt zeigten sich die jungen Leute mit ihrem Betreuer als tüchtige Musikanten.

War man beim Fidelio noch etwas skeptisch gewesen, was die Besetzung von Rollen wie Florestan und Pizarro mit ganz jungen Sängern betraf, so waren die des Singspiels für die Mitwirkenden wie geschaffen. Hansjörg Schnaß, der damals Rocco gewesen war, spielte und sang nun den Colas mit abgrundtiefem Bass und traf die liebenswürdige Zwielichtigkeit der Figur sehr gut. Laurent Martin besaß für den Bastien einen hübsch timbrierten, in allen Lagen gut ansprechenden, obertonreichen Tenor, der über viel Farbe und Flexibilität verfügte. Überaus charmant gab Kathleen Morrison die Bastienne, ihre Stimme scheint seit der Marzelline im Sommer gewachsen zu sein, dunkler grundiert, höhensicher, mit interessantem Timbre und präsenter Mittellage. Nur die Intervallsprünge gelangen noch nicht perfekt. Insgesamt war das in allen Bereichen eine Aufführung auf hohem, durchaus professionell zu nennendem Niveau, und man kann nur hoffen, dass alle Beteiligten ihre Arbeit fortsetzen werden.

Es gibt bis zum 22.12. an jedem Freitag, Sonnabend und Sonntag Vorstellungen - und der Besuch lohnt sich!     

6.12.2013   Ingrid Wanja

 

 

HAUPTSTADTOPER

http://www.hauptstadtoper.de/

 

Richard Wagner:  Männerlist größer als Frauenlist oder Die glückliche Bärenfamilie

Klein, aber fein

Vorstellung am 11.10.13

Wohl die meiste Mühe, Richard Wagners Geburtstag angemessen zu feiern, hat sich die "Hauptstadtoper", Berlins kleinstes Opernhaus gegeben, denn sie brachte tatsächlich eine echte Uraufführung zustande. "Männerlist größer als Frauenlist oder Die glückliche Bärenfamilie" nennt sich das Werk, das aus einem vollständigen Libretto, zwei vollendeten und einer unvollendet gebliebenen Musiknummer und vielen wenig bekannten Liedern und Klavierstücken des Komponisten zusammengebaut wurde - unter tatkräftiger Dramaturgenarbeit des Musikwissenschaftlers Frank  Piontek. Wagner hatte das singspielartige Werk für ein "Provinztheater" vorgesehen, über die Gründe für die Aufgabe seines Plans kann man nur Vermutungen anstellen.

Ein Juwelier erregt den Zorn einer jungen Dame mit der Behauptung, Männerlist sei raffinierter als die von Frauen. Sie gibt sich als die Tochter eines Aristokraten aus, der eine abgrundtief häßliche solche hat und verleitet ihn dazu, um deren Hand anzuhalten. Um nach der Entdeckung der Wahrheit aus der Verlobung herauszukommen, präsentiert der junge Mann seine Familie, Führer eines Tanzbären, dem entsetzten Adligen und heiratet die junge Dame, die sich inzwischen in ihn verliebt hat.  

Nur eine Viertelstunde machen die Musikstücke aus, die tatsächlich für die Bären-Oper gedacht waren. Martin Bargel und Birgit Eckenweber ist die in der Hauptstadtoper, die seit 2009 in der Landsberger Allee existiert, aufgeführte Fassung zu verdanken. Ralph Zedler ist der Mann am Klavier und Dirigent der zum Teil raffinierten Ensembles. Regie führte die Mitarbeiterin bei der Erstellung des immerhin fast zwei Stunden dauernden Werks. Die Bühne, vor allem ein schwarzer Kasten, der als Juwelerladen, Puppenspielerbühne und Ausschank dient, stammt von Conni Hasselmann. Noch viele andere haben dabei geholfen, die Oper zum Erfolg zu führen, sei es bei der Anfertigung der Marionetten, der Perücken, bei Licht und Technik.

Die Musik ist so anspruchsvoll, daß sich nur ausgebildete Sänger ihr stellen können. Ist sonst der Tenor häufig der Schwachpunkt einer Opernaufführung, gibt es hier gleich deren drei und dazu noch ansehnliche. Noriyuki Sawabu ist ein ansehnlicher Julius Wander, der Juwelier, mit einem schönen lyrischen Tenor mit metallischem Glanz. Seinen Vater Gregor singt Lóránt Székély mit angenehmem Buffotenor. Der Bruder Richard schließlich ist mit dem Countertenor Felipe Léon ebenfalls gut besetzt. Kristina Jean Hays muß sich mit einem Krokodilshut häßlich machen, ihr Mezzosopran ist es ganz und gar nicht. Einen markanten Baß hat Berthold Kogut für den Diener Anastasius, Philipp Lang ist der bornierte Baron von Abendthau. Die listige Leontine wird von der Gründerin des Unternehmens,  Kirstin Hasselmann, der man die Bühnenerfahrung anmerkt, mit Hingabe gespielt und gesungen. Alle Mitwirkenden müssen ein ungeheures Maß an Arbeit in diese Produktion gesteckt haben, die es wert ist, nach der ersten Wiederaufnahme im Oktober auch noch weitere zu erleben.

Die Hauptstadtoper ruht sich nicht auf ihren Wagner-Lorbeeren aus, sondern hat bereits mehrere Premieren geplant, so auch eine Verdi-Ehrung im November. Außer dem Spielbetrieb gibt es die Möglichkeit zum Gesangsunterricht, Klavier- und Gitarrenunterricht und Korrepetition in Form von Workshops. Wird nicht gespielt, dann werden Ausstellungen gezeigt , und ein Café sorgt für das leibliche Wohl der Besucher. Wer mehr erfahren will, kann unter www.hauptstadtoper.de nachgucken.

Ingrid Wanja                                             Foto: Christina Kämper

 

 

 

    

 

 

STADTBAD STEGLITZ

FIDELIO                           

besuchte Aufführung 14.8.2013        (Premiere 7.8.2013)


Oper auf dem Dachboden oder Oper in der U-Bahn sind für Berlin nichts Neues, nicht einmal Oper in der Städtischen Badeanstalt, die im damals noch autonomen Steglitz 1908 eingeweiht, in zwei Weltkriegen zweckentfremdet genutzt, der Verwahrlosung anheim gegeben, aber 1982 unter Denkmalschutz gestellt, 2002 logischerweise geschlossen und 2004 von Gabriele Berger gekauft wurde und nun   in stufenweiser Renovierung wieder zu altem Glanz geführt werden soll. Inzwischen dienen die einzelnen Räumlichkeiten im Jugendstil, darunter ein zauberhaftes russisch-römisches Bad, den unterschiedlichsten sportlichen, künstlerischen und gastronomischen Zwecken, so auch der Aufführung von Beethovens „Fidelio“, die am 7. August Premiere hatte, nachdem bereits im vergangenen Jahr Mozarts „Entführung“ geboten worden war. Ausführende sind das 2000 vom Potsdamer Stefan Neugebauer gegründete clubtheater-Berlin und das clubtheater-Kammerorchester, was bereits besagt, daß die Originalbesetzung Beethovens natürlich nicht zu hören ist. Dafür hat das Orchester samt Zuschauern Platz im und am Becken der Alten Schwimmhalle, während die Handlung an den unterschiedlichsten Plätzen stattfindet, die Gefangenen auf der Empore das Sonnenlicht begrüßen und im Taucherbecken „hurtig, frisch gegraben“ wird. Im Unterschied zum vergangenen Jahr gibt es- bei Fidelio natürlich unverzichtbar- auch einen Chor, und da die kirchenähnliche Schwimmhalle eine entsprechende Akustik hat, klingen Chor, Orchester und Solisten überraschend machtvoll.

 

Der Ort hat Charisma, und die geschickte Regie von Stefan Neugenauer weiß dieses nicht nur zu nutzen, sondern verstärkt es noch durch stimmige Regieeinfälle: So die Verhaftung Florestan aus dem Ehebett heraus, wobei Leonore gerade noch Jackett und Pistol des Gatten zu retten weiß, das Auftreten der weiblichen Chormitglieder mit Fotos der Gefangenen während des Vorspiels zum 2. Akt, die sensible Personenregie voller stimmiger Ideen. Die musikalische Leitung liegt in den Pianisten- und Dirigentenhänden von Helmut Weese, der sein kleines Orchester sicher leitet und am Klavier verstärkend und vor dem Schlußchor mit einer Art „Gott, welch Dunkel“-Phantasie eingreift. Die jungen Spieler sind mit großem Einsatz bei der Sache, so wie auch der altersmäßig eher gemischte Chor.

Eine gewisse Verwegenheit kann man dem Unternehmen nicht absprechen, denn Pizarro, Florestan und Leonore gehören zu den gefürchtetsten Partien ihres jeweiligen Faches und sind für junge Sänger, wie sie hier am Werke waren, nicht ungefährlich. Für sie gibt es alternative Besetzungen, um die Stimmen nicht zu sehr zu strapazieren, aber wohl auch, um möglichst vielen jungen Künstlern die Möglichkeit zu geben, sich vor einem- zahlreich erschienenen- Publikum zu beweisen. Ilona Nymoen ist eine optisch ideale, darstellerisch überzeugende Leonore, die auch vokal Erstaunliches leistet mit einem nicht nur höhensicheren, sondern auch in der Mittellage sehr präsenten Sopran. Durch die dunklere Färbung und die dramatischere Attacke hebt sie sich gut vom lyrischen, nie soubrettigen Sopran von Kathleen Morrison, der Marzelline, ab. Die spielt zudem zum Entzücken, so wie auch er Jaquino von Laurent Martin, von dessen gut tragendem Buffotenor man gern noch mehr gehört hätte. Einer anderen Sängergeneration gehörte rollengemäß der Rocco von Hansjörg Schnass an, der einen anrührenden Kerkermeister gibt. Don Fernando ist mit autoritärem, etwas steifem Baßbariton Viktor Petitjean. Einen wuchtigen Pizarro singt Martin Schubach, dessen Bariton Metall und auch eine gute Tiefe hat, der aber noch an der Intonation und daran arbeiten sollte, auch diese Rolle zu singen, statt zu sehr allein auf beeindruckende Lautstärke zu setzen. In gewisser Weise gilt das auch für den Florestan von Alan Razzak, dessen „Gott, welch Dunkel hier“ erst einmal gewaltigen Eindruck machen konnte, während es am Legatogesang und einer mezza voce, die die Partie auch verlangt, noch nicht recht klappen will. Beide Sänger haben beachtliches Material, sind technisch aber noch auf dem Weg zu wahrer Professionalität. Natürlich ist für jeden jungen Sänger eine solche Partie eine große Versuchung, der man allerdings nur selten nachgeben sollte.

Insgesamt war dies eine Aufführung, die fesseln , bei der der Zuschauer sich mit den Figuren identifizieren konnte, er Sänger, die bereits hochprofessionell oder auf dem Weg dorthin sind, bewundern und sich darüber freuen konnte, mit welchem Enthusiasmus und Idealismus an diesem ungewöhnlichen Ort Oper gemacht und aufgenommen wurde. Hoffentlich auch im nächsten Jahr!

Weitere Aufführungen jeweils Mittwoch, Freitag und Sonnabend bis zum 31.8. und am 1.9.. Hingehen lohnt sich!

Fotos: Bert Löwenherz

15.8.2013 Ingrid Wanja             

 

In der Schaubühne

FOR THE DISCONNECTED CHILD

Liebe in den Zeiten von Facebook oder Jammern auf hohem Niveau

Uraufführung am 14.06.2013 

Wohl eher mit spätpubertären als mit, wie im Programmheft behauptet, spätkapitalistischen Problemen muß sich das Personal von „For the Disconnected Child“ in der Berliner Schaubühne herumschlagen, wo die Staatsoper ihr Festival „Infektion!“ am 14.6. einläutete. Das „Child“ ist nämlich eine vierzigjährige zweifache Mutter, verlassen in „einem großen, leeren Haus“, wobei man sogleich an Untervermietung denkt. Stattdessen versucht das bemitleidenswerte Wesen, das sich wie weitere andere auch ruhelos auf seinem einsamen Bett wälzt, die Mutter irgendwo in weiter Ferne anzurufen, wobei der Kontakt weniger wegen technischer Probleme als des Unwillens der Angerufenen unterbrochen wird. Auch sie hat ihr Päckchen zu tragen, denn sie wird dafür bezahlt, daß sie nicht singt oder höchstens einen Satz als Amme in „Eugen Onegin“, die übrigens weit mehr zu singen hat. Das zeigt sich dann auch mit einem weiteren Verweis auf Tschaikowskis Werk, wenn sie von der Gnade des Sich- an-alles-Gewöhnens singt. Damit wären wir bei großer Oper, die noch einmal mit Rodolfo aus „La Bohéme“ letzter Akt, aber von einem Bariton gesungen, zum Zuge kommt, aber auch mit Liedgut, wie dem ersten Lied aus der „Winterreise“, zu dessen Klang ein Stuhl zerdeppert und ein Kasten an einer Wand entlang geschrammt wird. Über einem weiteren Lärm erzeugenden Kasten hängt ein Mikrofon, damit es auch wirklich schön laut wird.

Aber zurück zu „Eugen Onegin“, von dem von dem kleinen Orchester (Dirigent Wolfram-Maria Märtig) ein Teil der Ouvertüre gespielt und von zwei Sängern die Szene gesungen wird, in der Onegin die Liebe Tatjanas zurückweist. Das spielt zwar zur Zeit des Erntedankfestes, hier aber mit viel Schnee auf der unverzichtbaren Video-Wand in tiefstem Winter, auf der mit einer wilden Liebeskabbelei im Neuschnee zu sehen ist, wie schön es sein könnte, wenn Onegin nicht zu feige gewesen wäre, sich auf Tatjana“ einzulassen“ oder so ähnlich. Stattdessen will der von einer zur anderen flattern, wobei man sich fragt, warum er nicht Tatjana ganz nebenbei vernascht, anstatt ihr seine Gründe für den Verzicht zu erklären. Onegin also als Vorläufer der heutigen, beziehungsunfähigen, sich nach Liebe und Nähe sehnenden, vor ihr aber zurück schreckenden Generation!? Deren Leiden werden durch Handy, Facebook und sonstige technische Errungenschaften eher noch verstärkt als gelindert. Wie gut hatten es Mimi und Rodolfo, Luise und Ferdinand (Rodolfo), die im Kampf gegen Armut oder Standesdünkel untergingen. Freiheit und Wohlstand als die größten Feinde der heutigen Generation!

Das wird in heftigen Szenen, auch durch ein die Leitern, Treppen, Stufen hinab- und herauffallendes Tänzertrio dargestellt, von Schauspielern, unter ihnen die wunderbare Ursina Lardi, und Sänger, darunter Helgi Hrafn Jónsson, der mit sanfter Klage u.a. einen eigenen Song dem „Disconnected Child“ weiht. Dazu kommen drei Opernsänger: Maraike Schröter als zwar nicht typgerechte, aber frischstimmige Tatjana, Borjana Mateewa als versagt habende Mutter mit immer noch imponierendem Alt und Gyula Orendt mit geschmeidigem Bariton als Onegin, Rodolfo und Winterreisender.

Sämtliche Texte stammen von Falk Richter, der auch Regie führt. Neben den genannten Szenen gibt es auch sehr witzige um Profilerstellung und Identitätsausforschung, etwas rätselhafte über GIs an ferner Küste - aber offensichtlich auch mit schwerem Schicksal behaftet. Das zweigeschossige Bühnenbild stammt von Katrin Hoffmann, zur Verstärkung der tristen Wirkung wird eine Videowand (Chris Kondek) herangezogen, mit hochsymbolisch tropfendem Wasserhahn, tieftraurigen Großaufnahmen Ursina Lardis, aber auch mal mit roten und grünen Ampelmännchen - etwas zerflossen in den Umrissen - was das wohl bedeuten mag?

Die Musik stammt von sieben unterschiedlichen Komponisten und bleibt eher unauffällig im Vergleich zu der mit herangezogenen „klassischen“- es ist immer riskant, sich mit ihr messen zu wollen. Man möchte den so schwer mit Freiheit und Wohlstand vom Schicksal Gebeutelten auf der Bühne, dem wohl auch im zustimmenden Publikum Weilenden zurufen: Geht an die Hochwasserfront, da lernt ihr den Sinn des Lebens und dazu noch nette Menschen kennen - und vielleicht sogar Nähe, die nicht unangenehm, und Liebe, die beständig ist. Aber solange man noch über sich lachen kann wie in der urkomischen Szene über die (bitte!) ferne Nähe, kann das Prinzip Hoffnung walten.            

Ingrid Wanja

 

 

 

NEUKÖLLNER OPER

AI ROSSINI

Opéra oligarchique zu einer geplanten Flugzeugeröffnung

Uraufführung am 6.6. 2013

Es hätte so schön sein können- wenn es nur bis zur Pause gedauert hätte, mit einem Feuerwerk witziger Einfälle, orientiert an zwei aktuellen Vorkommnissen, dem Berliner Pannenflughafen und der Griechenlandkrise, einem genialen Bühnenbild mit einer verrückt spielenden Anzeigentafel und einem gekonnt für ein kleines, vierköpfiges Orchester aufbereiteten Rossini. Seine erst spät durch Claudio Abbado zu Ehren gekommene Oper „Il viaggio a Reims“ über eine Gruppe von Reisenden, die sich bemühen, rechtzeitig zur Krönung Karls X. nach Paris zu kommen, paßt wunderbar zum gegenwärtigen Thema, und auch die Idee, die Vielzahl von Personen auf sechs zusammen schrumpfen zu lassen, ist eine glückliche. Vertraten in der Originaloper die einzelnen Herren verschiedene Nationalitäten, darunter auch einen Deutschen, so sind es hier typische Vertreter der sogenannten „Elite“, die in Wirklichkeit keine ist: ein Ölscheich, ein Gaunerbankier, eine reiche Hotelerbin, eine griechische Reederstochter, ein Computer-Kundiger und eine Flugbegleiterin. Nach der Pause wird es klassenkämpferisch, wie auch das Programmheft verkündet: “ Unsere spätkapitalistische Ära“ ( wie lange dauert die eigentlich schon)“ wird offensichtlich dominiert von der Idee der Unmenschlichkeit…Die gesichtslose Gewalt des Großkapitals und die „göttliche Gewalt“, symbolisiert durch die „Anonymous mask“…sind nur zwei Seiten des austauschbaren Bildes, welche sich nur durch die unterschiedliche Platzierung im politischen Spektrum unterscheiden“, meint Kharálampos Goyós, der für das musikalische Arrangement und die musikalische Leitung verantwortlich ist. Das ist mehr Agitprop, als Rossini verträgt, vor allem in einem Land, in dessen einem Teil diese Ideologie schon einmal verhängnisvolle Realität war. In Griechenland fällt dieses Gedankengut vielleicht auf fruchtbarere Boden- die Produktion entstand in Zusammenarbeit mit der Athener Beggars‘ Operas . Und dort wird man auch befreit darüber lachen können, daß selbst in Deutschland so manches schief geht. Wenn ironisch sein sollend spekuliert wird, was passieren würde, wenn auch die Eliten einmal streiken würden, allerdings die „echten“, nicht die Zerrfiguren der Handlung, dann ist ein Nachdenken darüber wohl eher unbeabsichtigt.

Wie gesagt, wer in der Pause geht, erlebt vorzügliches kabarettistisches Operntheater (Texte Dimitris Dimopoulos) , das kleine Orchester schlägt sich mit Katja Reinbold, Christian Vogel, Olaf Taube und dem musikalischen Leiter am Klavier mehr als gut, Alexandros Efklidis sorgt für eine rasante Regie ohne szenischen Leerlauf, Sabine Beyerle kann man nicht genug für das Bühnenbild loben, und die Kostüme von Annamaria Cataneo sind witzig karikierend.

Die Sänger sind durch die Bank gute Schauspieler. Vokal ist Yuka Yanagihara mit feinem lyrischem Sopran, der große Bögen singen kann und in der Höhe schön aufblüht, eine Meixiang, die auch auf einer größeren Bühne bestehen könnte. Einen farbigen, resonanzreichen Bariton setzt Clemens Gnad für den Timmy ein- auch er schon ein gestandener Opernsänger. Ioanna Forti hat einen herben, gut konturierten Mezzosopran für die Christina. Am meisten überzeugen konnte der Tenor Richard Neugebauer mit der Rolle des Klempners, während er als Scheich Probleme im Registerwechsel zeigte- das müßte zu beheben sein. Eine temperamentvolle, urkomische London Sheraton spielte Polly Ott, der Sopran ist höhensicher, aber sehr zart, was bei der sehr zierlichen Figur kaum verwundert. Victor Petitjean ( Chevalier) müßte noch um mehr Geschmeidigkeit seines Basses ringen, die Intervallsprünge seiner Partie gelangen ihm gut. Insgesamt bewundernswert ist es, wie die jungen Sänger, die keine Rossini-Spezialisten sind, gut mit dem schwierigen Ziergesang zurecht kommen. Die Neuköllner Oper kann sich durchaus als viertes Berliner Opernhaus fühlen.

Ingrid Wanja          

 

Aus dem  Großen Saal des Konzerthauses am Gendarmenmarkt

BEATRICE DI TENDA

(Vincenzo Bellini)

Pures Opernglück

wenn auch  nur konzertant am 13.5.2013 

Veranstaltung der berliner operngruppe

http://www.berlineroperngruppe.de/index.html

Nicht nur räumlich in der Berliner Hochkultur angekommen ist die „berliner operngruppe“ mit ihrer halbszenischen Aufführung von Bellinis „Beatrice di Tenda“ im Großen Saal des Konzerthauses am Gendarmenmarkt. Aus dem Radialsystem am Spreeufer in die Berliner Mitte, von hausgemachter Kartoffelsuppe zu Sekt in der Pause, von hartem Holz zu feinem, stoffbezogenen Stuhlwerk führte der Weg, vor allem aber von sympathischem Liebhabertheater zu immer noch sympathischem, aber mittlerweile hochprofessionellem musikalischem Arbeiten, das sich mit jeder Opernbühne messen kann, der künstlerische Weg. Es begann 2007 mit der Gründung durch den Dirigenten Felix Krieger nach dem Vorbild der Chesea Opera Group, mit den jährlich im Mai stattfindenden Aufführungen seit 2010 mit „Oberto“, „Maria di Rohan“,“Attila“ und wird hoffentlich noch viele Jahre lang dem Publikum Opern vorstellen, die zu sehen und hören es selten Gelegenheit hat. 2012 wurde das Unternehmen für das Projekt „Deutschland-Land der Ideen“ ausgewählt. Die gestrige Aufführung wurde unter anderen auch von den privaten Spendern Martin und Christiane Ernst und Nicolaus und Karin von Oppenheim unterstützt- so etwas muß auch einmal erwähnt werden.

Den größten Entwicklungssprung hat wohl das Orchester im Verlauf des letzten Jahres vollzogen. Da wird nicht nur sicher begleitet, was an sich eine heikle Sache ist, sondern bei der Sinfonia mit einem schönen Schwellton aus dem Piano heraus begonnen, der Fluß der „unendlichen Melodie“ großzügig durchgehalten, werden zwei spannende Finali aufgebaut. Felix Krieger hat großartige Orchestererziehung betrieben, die Zunahme an Quantität und Qualität der Musiker ist beachtlich. Auch der Chor (Piotr Kupka) zeigt sich nach etwas zögerlichem Beginn bestens mit der Musiksprache Bellinis vertraut, .hat keine Probleme mit den Prestissimi und ist rhythmisch sicher.

„Halbszenisch“ nennt sich die Aufführung. Isabel Ostermann benutzt die endlos lange Stola der Protagonistin als Requisit, das der Fesselung der Beatrice genauso dient, wie sie Zeichen der Bejahung ihres Schicksals ist, wenn sie sich ergeben in das Schwarz des Stoffes hüllt.

Immer schon erlebte man positive Überraschungen bei der Auswahl der Solisten. Diesmal sind drei überragende Sänger Auslöser für viel Jubel beim Publikum. Die junge Rumänin Valentina Farcas ist sehr noch sehr mädchenhaft für die vom Schicksal heimgesuchte Beatrice, beginnt mit kristallklarem Sopran, der im Verlauf der traurigen Handlung eine immer mehr Melancholie vermittelnde Färbung annimmt. Sie weiß feine Klanggirlanden zu spinnen, aus den Pianissimi schöne Crescendi zu entwickeln, meistert virtuos Intervallsprünge und rasante Cabaletten, Die Gerichtsszene ist noch eine Spur zu dramatisch für die junge Stimme, die in der Schlussarie umso großartiger zu triumphieren weiß. „Alla morte“ wird nicht zum Opfergang, sondern zum Triumphzug.

Optisch eigentlich eine Karikatur von einem italienischen Tenor ist Giorgio Caruso als Orombello, aber was er an Stimmmaterial vorzuweisen hat, ist mehr als beachtlich. Ein echter „O-sole-mio_Tenor“ mit nicht zu hellem, wunderbar italienischem Timbre und sicherer Höhe. Wenn man ihm die gestischen und mimischen Unarten abgewöhnen kann, berechtigt er zu den schönsten Hoffnungen. Süffiges Baritonmaterial besitzt Giuseppe Altomare für den bösen, wenn auch partiell nachdenklichen Filippo. Dazu kommt eine beachtliche Bühnenpräsenz, kommt das Wissen um großzügige Phrasierung und feines Legato. Auch er ist ein Volltreffer in dieser Aufführung. Mit etwas viel Vibrato beginnt Christine Knorren ( sie war bereits Gondi vor zwei Jahren) ihre Agnese, weiß dann aber ihre Stimme sehr schön zu weichem, schmeichelndem, feinfarbigem Gesang zu führen. Wohl ihretwegen war Francesco Ellero D’Artegna (Attila vor einem Jahr und Betreuer der „Maria di Rohan“) im Publikum. Máté Gál (Anichino) und Raúl Alonso (Rizzardo) ergänzen das Ensemble.

Man freut sich schon jetzt auf die nächste Aufführung der „ berliner operngruppe“ und ist gespannt auf selten gespielte Opern und tolle Interpreten!

Ingrid Wanja  

 

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