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BERLIN - KONZERTE

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Philharmonie

Richard Strauss, Elektra

Konzertante Aufführung am 28.1.2014

Eine „Elektra“ auch der leisen Töne

Die Fotos aus der Semperoper zeigen, dass man als Besucher der nur konzertanten Aufführung von Strauss‘ „Elektra“ in der Berliner Philharmonie nichts versäumt hatte, im Gegenteil, das flammend rote Abendkleid stand der Klytämnestra Waltraut Meier weitaus besser als der biedere Faltenrock und ließ sie weitaus königlicher wirken. Die Konzertdirektion Adler hatte es möglich gemacht, dass auch die Berliner in den Genuss dieser ersten Ehrung des Komponisten zu seinem 150. Geburtstag durch das Opernhaus kamen, das die meisten Strauss-Uraufführungen, darunter auch die der „Elektra“, zu verzeichnen hat. Mit einem Riesenapparat war man angereist, trotz des gewiss nicht kleinen Podiums waren einige Bläser zusätzlich auf dem Gang postiert worden, doch gelang es Dirigent Christian Thielemann trotzdem, eine sängerfreundliche Aufführung zustande zu bringen, hören zu lassen, dass „Elektra“ von der „Salome“ herkommt und zum „Rosenkavalier“ führt. Die am häufigsten bemerkbare Zeichengebung der Linken war das Dämpfen, der häufigste Blick auf die Sänger, die, abgesehen vom Schluss, hinter dem Orchester postiert waren, war ein ermunterndes Lächeln. Filigranhafte Opulenz und gebändigte Pracht waren keine Widersprüche in sich, sondern das Ergebnis der Zusammenarbeit eines Orchesters des strahlend-dunklen Klangs wie der Dresdner Staatskapelle mit einem Dirigenten, der sicht- und hörbar diese Musik liebt.

Nie hätte man der kleinen, zarten Evelyn Herlitzius, die ungeschminkt und in schlichtem schwarzem Kleid zwischen Riesenorchester und Chor noch zerbrechlicher wirkte, eine derartige Leistung zugetraut. Mit so guter wie bei Strauss überhaupt möglicher Diktion, so bebend vor Intensität, dass sogar der Notenständer dem Orchester entgegen geschleudert wurde, ließ sie bereits mit einem hohlen „Allein“ aufhorchen, stieß so kontrollierte wie unheimliche „Agamemnon“-Schreie aus und schöpfte in den Auseinandersetzungen mit Schwester und Mutter aus unerschöpflichen vokalen Energiequellen. Grässlich das „Tochter meiner Mutter“, das „Es ist nicht wahr“; aber auch zärtliche Töne standen der Sängerin zur Verfügung und nicht zuletzt der ekstatische Jubelton beim Erscheinen des Orest. Eine außerordentliche Leistung, die von einem begeisterten Publikum entsprechend belohnt wurde. Eine ungewöhnliche Klytämnestra war Waltraud Meier zu verdanken, keine geifernde oder angstschlotternde Megäre, sondern eine selbstbewusste Königin mit um Fassung bemühtem Parlandoton, vor allem keine Sängerin, die nur noch mit Sprechgesang die Rolle bewältigt.

Nur selten verliert sich die Stimme im Forte, Keifen und Greinen vernimmt man keines, und man kann annehmen, dass diese Königin sich noch immer des Betrugs entsinnt, die der dann gemeuchelte Agamemnon an ihr beging, als er sie mit dem Vorwand, es solle eine Hochzeit mit Achilles geben, zur Opferung der Tochter Iphigenie ins Feldlager der Griechen lockte. Manchem Hörer wird an dieser Klytämnestra die sonstige Exaltiertheit gefehlt haben – eine Alternative zu einer Astrid Varnay oder Anny Schlemm ist sie auf jeden Fall. Eine schöne blonde Chrysothemis von Anne Schwanewilms verbreitete Anmutiges und Liebliches mit einem angenehm aufblühendem Sopran, der leider in der Extremhöhe schwächelte. Ungewohnt dunkel für den Jüngling Orest, aber ohne Fehl und Tadel und höchst eindrucksvoll war René Pape mit erstklassiger Diktion.

Frank van Aken sang mit scharfem Tenor angemessen den Aegisth.

Auch die kleineren Partien waren hervorragend besetzt, so mit einem schönen lyrischen Sopran die 5. Magd mit Nadja Mchantaf oder die Aufseherin mit Nadine Secunde. Peter Lobert gab mit sonorer Stimme den Pfleger des Orest, Matthias Henneberg sang mit solidem Bariton den alten Diener. Das Publikum in der ausverkauften Philharmonie feierte besonders Evelyn Herlitzius und Christian Thielemann frenetisch.

Fotos Matthias Creutziger mit Genehmigung der Semper Oper

28.1.2014 Ingrid Wanja    

 

Neujahrskonzert in der Komischen Oper

1.1.2014

Ehrenrettung der Operette

Henrik Nánási

Wie die von Wien und Dresden zusammen macht sich das Neujahrskonzert der Komischen Oper Berlin aus, wenn es nicht nur als Zugaben den Donauwalzer und Radetzky-Marsch gibt, sondern außerdem Gesangssolisten für Ausschnitte aus Opern von Lehár und Kálmán für eine gute Stimmung sorgen. Der eigentliche Star aber sollte an diesem Abend, dem bereits ein Nachmittagskonzert voran gegangen war, der Moderator Ioan Holender sein, der mehrfach auf die Verfolgung wichtiger jüdischer Komponisten und Interpreten durch die Nationalsozialisten hinwies, dabei aber wie in seinen anderen Beiträgen nicht weit über den Text des Programmheftes hinaus ging. Allerdings gab es auch etwas zu lachen wie über die Behauptung, in Österreich könne man einen der heiß begehrten Orden erhalten entweder durch ein „sich ihn verdienen, sich ihn erdienern oder ihn sich erdinieren“. Auch wusste Holender Einiges über Entstehungs- und Erfolgsgeschichte der im Programm stehenden Werke zu vermitteln.  

Im Programm wechselten Orchesterstücke von Johann Strauss Sohn (ein von den Nazis arisierter „Achteljude“) sich mit Gesangsnummern aus dem „silbernen“ Zeitalter der Operette ab. Mit dem aus Ungarn stammenden Chefdirigenten der Komischen Oper Henrik Nánási (siehe Foto) war natürlich der genau richtige Sachwalter dieser Musik gewonnen worden, der aus manchem an Salonungarn gemahnenden Stück schon beinahe echte Volksmusik werden ließ, der mit exzellenter Agogik, so raffinierten Rubati, nie in die Nähe sentimentaler Gefälligkeit geriet und eindrucksvoll bewies, was für gute, einfallsreiche und originelle Musik die viel geschmähte Operette, deren Ehrenrettung eines der Ziele der Komischen Oper ist, bieten kann. Sein straffes Dirigat rettete auch den „Spanischen Marsch“ vor der gar nicht spanischen Banalität, sorgte für rasante, aber nie überhitzte Tempi für Galopp und Polka und süffige, aber nie schnulzige Walzerseligkeit. 

Viel Begabung und auch einige Erfahrung brachten die Gesangssolisten für das Opernsängern ehe fremde Metier mit. Anstelle der erkrankten Nicole Chevalier sang Liana Aleksanyan die der Primadonna zugedachten Stücke, nachdem sie am Abend zuvor bereits in der Deutschen Oper für die erkrankte Sängerin der Mimi eingesprungen war. Ihr in der Höhe schön aufblühender Sopran, der stets weich und geschmeidig blieb, passte ausgezeichnet nicht nur in eine Puccini-Oper, sondern auch zur Gräfin Mariza oder zur Csárdásfürstin. Als wolle sie alle Klischees für eine Operettensoubrette bedienen, wiegte sich Mirka Wagner in den Hüften, kokettierte, was das Zeug hielt, war stimmlich aber zum Glück eher von herberer Machart. Auf seine Erfahrungen bei der Staatsoperette Dresden konnte der Tenor Peter Renz zurückgreifen und dazu auf einen gestandenen Tenor. Sehr elegant gab sich der Bariton Dominik Köninger, der dazu noch einen schön timbrierten, flexiblen und höhensicheren Bariton sein Eigen nannte – ein idealer Danilo, den er allerdings nicht sang, sondern stattdessen den Paganini und den Edwin.

Immer mehr erwärmte sich das Publikum im Verlauf des Abends für die Operette und Wiener Musik und schlug mit seinem Klatschen zum Radetzky-Marsch, angefeuert vom Dirigenten, um Klassen die Wiener.

2.1.2014   Ingrid Wanja                          Foto:  Gunnar Geller

 

 

LIEDERABEND  im Foyer des Schillertheaters

Ensemblemitglieder Staatsoper stellen sich vor: Dvorak und Brahms

23.11.2013

Ungleiches Paar

Ein gestandenes und ein junges Ensemblemitglied der Berliner Staatsoper stellten sich im Gläsernen Foyer Schillertheaters mit einem Liederabend vor, eine lobenswerte, längst etablierte Einrichtung des Hauses, seinen Sängern diese Möglichkeit zu bieten.  Hatte man beim ersten Blick auf das Programm noch über den ersten Teil gedacht, da müsse man halt durch, und über den zweiten, da begänne der wahre Genuss, so stellte sich die Realität ganz anders dar. Waren vor der Pause Geistliche Gesänge von Dvořák in tschechischer Sprache von einem neuen Ensemblemitglied gesungen, vorgesehen, so sollte danach Brahms, von einer bewährten Solistin dargeboten, erklingen.

Der junge Bass Jan Martiník erwies sich als die positive Überraschung des Abends, zunächst einmal durch das wundervolle Stimmmaterial, zunehmend aber auch durch die Art seiner Darbietung der gar nicht spröden, auch im Klavierpart (Alexandr Stary) üppig klingenden Kompositionen auf populäre biblische Texte, unter anderen "Der Herr ist mein Hirte", "Ich hebe meine Augen auf" oder "An den Wassern zu Babylon". Die Bekanntheit der Texte trug schon einmal zum besseren Verständnis der Lieder, auch in einer fremden Sprache gesungen, bei. Ein Übriges bewirkte das hörbare, von tiefem Ernst erfüllte Engagement des Sängers für dieses Repertoire, dazu die exakte Diktion, die schöne dunkle Stimme wie schwarzer Samt, ohne jede slawische Rauheit und mit allen Zukunftsaussichten für einen basso profondo. Die Stimme wird ohne jeden Registerbruch in großzügiger Phrasierung geführt, ist sicher in den tiefen wie hohen Extremtönen, beherrscht, so in "An den Wassern", die Fähigkeit zu bruchlosen Crescendi und Decrescendi und bewältigt mühelos Intervallsprünge. Zum Schluß in "Ich hebe meine Augen auf" zeigt sie nach all dem heiligen Ernst auch noch, wie fröhlich und beschwingt sie klingen kann.

Nach der Pause ging es weiter mit dem populärerem Programm und der aus vielen Partien wie Rosina und Octavian vertrauteren Sängerin Katharina Kammerloher, einem hellen, leichten Mezzosopran,  und doch wurde dieser zweite Teil zu einer gewissen Enttäuschung. Das lag einmal daran, dass die Diktion eine äußerst verwaschene war, die Vokale verfärbt wurden in Richtung Umlaute, die Konsonanten vernachlässigt wurden und so der Eindruck des Unkonturierten entstand. Obwohl die Brahms-Lieder von sehr unterschiedlicher Stimmung waren, verbreitete die Sägerin mit einem wenig differenzierendem, oft angeschliffenem Einheitston eine ebensolche Stimmung. So gab es kaum einen Unterschied zwischen der volksliedhaften herben Naivität der im Dialekt gehaltenen Stücke und dem drängenden "Liebe und Frühling". Am besten gelangen nach dem vom Liedbegleiter Günther Albers gespielten Intermezzo die "Zwei Gesänge", so mit dem sanft zurückgenommenen, mehrfach wiederholten "Es schlummert mein Kind". Hier begleitete neben dem Klavier noch Volker Sprenger auf der Viola. Als Zugabe sang der Mezzosopran n0ch ein schönes "Guten Abend, gute Nacht".      

23.11.2013    Ingrid Wanja

Fotos: Ilse Ungeheuer (Kath. Kammerloher) und Agentur (Jan Martiník)

 

Konzerthaus Berlin

LIEDERABEND  „Zwischen den Noten“

13.10.2013

Plädoyer für das Lied

Ob die vier jungen Sänger, die den Liederabend im Konzerthaus mit Glanz bestritten, bereits „Zwischen den Noten“ (so der Titel des Konzerts) lesen und singen können, sei dahin gestellt, daß sie die Noten selbst vorzüglich zu Gehör bringen und dazu noch die Texte erfreulich tief ausloten, war gewiß. Allesamt sind sie Preisträger des Wettbewerbs „Neue Stimme“ der Bertelsmann-Stiftung, die gerade den des Jahres 2013 ausgerichtet hat, und haben an dem Meisterkurs für Liedgesang teilgenommen, den es erst seit 2012 gibt. Den ersten leitete Edda Moser, den des nächstes Jahres wird Dietrich Henschel durchführen. In diesem Jahr war es Angelika Kirchschlager, die eine Woche lang mit den Sängern an dem Programm arbeitete, das am gestrigen Abend vorgestellt wurde. Ganz unprätentiös ungeschminkt und im Schlabberlook führte der Mezzosopran durch den Abend, berichtete von der vorangegangenen Arbeit, die insbesondere einer korrekten Diktion galt und durch seine Vielfältigkeit erfreute.

Beginn und Schluß bildeten zwei vierstimmige Lieder von Johannes Brahms: „O schöne Nacht“ und „Wechsellied zum Tanz“, und als sich die Zuhörer durch ihren Applaus am Schluß die Wiederholung der „Schönen Nacht“ erklatschten, merkte man, wie, beflügelt durch den Beifall, die Stimmen noch runder und farbiger, der Gesang gelöster und freier wurde.

Pilar Lorengar, Jahrzehnte lang Primadonna der Deutschen Oper Berlin und hier ansässig, traute sich nie, sich dem deutschen Publikum mit einem deutschen Liederabend zu präsentieren. Catalina Bertucci, Chilenin wohl italienischer Abstammung, wagte sich sogar an Schuberts „Gretchen am Spinnrad“, das sie recht opernhaft anlegte und zu dem der gut tragende, aber zur Schärfe neigende Sopran nicht so recht paßte. Besser gefallen konnte Mozarts „Als Luise die Briefe ihres ungetreuen Liebhabers verbrannte“, zu Recht wie eine kleine Opernarie gestaltet mit der hellen Stimme, und auch Schuberts „Die Männer sind méchant“ konnte sie mit leichter Variation des Refrains viel Humor abgewinnen. So richtig in ihrem Element war die junge Sängerin und waren es auch ihre Kollegen bei den Liedern aus Hugo Wolfs „Italienischem Liederbuch“, die jeweils mit wechselnden Partnern gesungen wurden, was die jungen Sänger sichtlich und hörbar zu noch engagierterem Ausdruck anregte. Wolfs „Nimmer will ich dich verlieren“ wies noch einmal darauf hin, daß der Sopran noch daran arbeiten muß, schrille Töne aus seinem Gesang zu verbannen, an Emphase des Singens allerdings, das zeigt Bergs „Es war als hätt‘ die Nachtigal“, fehlt es der Chilenin nicht.

Aus Polen kommt der Mezzosopran Barbara Kinga Majewska mit feinem, leicht herbem Timbre, das sich zu einem schönen Glockenton entfalten kann. Ein leichter Akzent ist nicht zu überhören, ebenso wenig der ausgeprägte Gestaltungswillen, der sich bereits bei Haydns „Die zu späte Ankunft der Mutter“ zeigte so wie der Sinn für Humor in Mahlers „Verlor’ne Müh‘“ oder das szenische Temperament in Wolfs „Italienischem Liederbuch“.

Einen schönen Mozarttenor ohne jede stimmliche Anämie stellte Michael Mogl vor, eine perfekte Diktion, durchdachte Phrasierung und in „Bei dir allein“ auch eine schöne Steigerung und einen durchdachten Aufbau des Vortrags. Die Kontraste in “Schäfers Klagelied“ wurden fein verdeutlicht, in Wolfs „Locken, haltet mich gefangen“ die Stimmung perfekt wiedergegeben. Besonders gut gelang Schönbergs „Arie aus dem Spiegel von Arkadien“, eine Art Wiener Lied, in dem der junge Sänger seine auch vorhandene Begabung für die Operette und generell die leichtere Muse unter Beweis stellte.

Eine schon ausgereifte Opernstimme, die den Ton angemessen attackieren kann, führte der Bariton Maximilian Krummen vor, der Mitglied des Opernstudios der Staatsoper Berlin ist. Die Diktion ist tadellos, die Stimme weist einiges an Metall vor, und das reiche Mienenspiel des Sängers geht interpretierend in seinen Gesang ein. Das Legato ist ebenso erfreulich wie unter vielem anderen die Steigerung in der Wiederholung des „glühen“ in Zemlinskys „Entbietung“.

Zum glücklichen Gelingen des Abends trug ganz wesentlich der Pianist Manuel Lange bei, während La Kirchschlager das Konzert mit einem leidenschaftlichen Appell für das Lied beschloß.

14.10.2013     Ingrid Wanja         

 

MUSIKFEST

4.9.13

Nicht nur im Graben tüchtig

Im Rahmen des Berliner Musikfestes leistete neben allen Berliner Orchestern von Bedeutung auch das der Deutschen Oper unter seinem Chefdirigenten Donald Runnicles seinen Beitrag mit einem Benjamin Britten und Dmitri Schostakowitsch gewidmeten Programm. Zu Beginn erklangen Passacaglia und Interludes aus Brittens Oper "Peter Grimes", die bereits in der vergangenen Saison zu den tiefsten Eindrücken bei der Aufführung der gesamten Oper gehört hatten. Das schmerzlich dunkle Solo der Bratsche, die wie aufgescheuchte Möwenschwärme schrillen Tutti der Violinen und die vielen bildhaften Schilderungen der Naturkräfte an der Meeresküste oder die im Sturm verwehenden Melodienfetzen verfehlten auch trotz der Herauslösung aus der Opernhandlung ihre faszinierende Wirkung nicht.

 

Es folgte Brittens Liederzyklus "Les Illuminations" auf Gedichte von Arthur Rimbaud, unter dem Eindruck der Kämpfe der Pariser Kommune entstanden und 1939 unter dem Eindruck des Kriegsbeginns vertont. Klaus Florian Vogt  hatte sich des Zyklus' angenommen, der wie viele Opernpartien und Lieder für den Tenor Peter Pears komponiert worden war. Sein heller, wenn nicht sogar weiß zu nennender Tenor hat einige Ähnlichkeit mit der Stimme des Engländers, auch was die Körperlosigkeit und das Fehlen von sinnlicher Rundung und Tiefenpräsenz betrifft. Voraus hat er ihm allerdings die Höhenfanfare, die kraftvoll strahlen kann wie in dem auch so genannten Eingangsstück "Fanfare". Berückend schön gelingen auch das Schweben der Stimme , der Einsatz der Kopfstimme und die Glissandi in "Phrase"; mühelos übertönt die Stimme in "Marine" das auftrumpfende Orchester.  Wenn in "Départ" dunkle Verhangenheit angebracht wäre, vermißt man diese schmerzlich. Immer dann , wenn Mittellage und tiefere Töne gefordert sind wie in "Royautté" werden ebenfalls Defizite hörbar, und zu einer erfüllten Interpretation gehört auch ein sich Lösen von der Partitur, ein intensiverer Augenkontakt mit dem Publikum. Nach dem verschämten Griff zur Brille klebte der Sänger zu sehr am zugegeben schwierigen Text.

Nach der Pause stand Schostakowitschs 15. und damit letzte Sinfonie auf dem Programm, die spielerisch Zitate aus "Tristan", "Walküre" und "Guglielmo Tell", von Strawinsky und aus früheren Werken des Komponisten selbst zu einem graziös-grotesk-tragisch-verspielten Zitieren und Karikieren benutzt, mit einem schönen Cello-Solo im zweiten Satz. Donald Runnicles und das Orchester der DOB arbeiteten die Kontraste zwischen ätherischer Zartheit und machtvollem Aplomb wirkungsvoll heraus und erspielten sich einen bejubelten Erfolg, den auch Klaus Florian Vogt verbuchen konnte, wie nicht nur der Ansturm der Autogrammjäger in der Pause bewies.

Das Musikfest der Berliner Festspiele dauert noch bis zum 18.9. und läßt neben Kammermusik und den Berliner Orchestern das Concertgebouw Orchester unter Daniele Gatti, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Mariss Jansons, das Philharmonia Orchestra London unter Esa-Pekka Salonen zu Wort kommen. Im Mittelpunkt stehen in diesem Jahr Janacek, Bartok und Lutoslawski.     

4.9.2013                                                   Ingrid Wanja

 

 

Konzert in der Waldbühne

Foto: Waldbühne (anonym)

West-Eastern Divan Orchestra / Daniel Barenboim  

Verdi - Wagner -Berlioz

25.8.2013 

Einige tausend Personen mehr als die Arena di Verona kann die Berliner Waldbühne mit ihren 22000 Sitzplätzen aufnehmen, sogar 100 000 sollten es sein, als sie mit Olympiastadion und anderen Bauten im (geographischen) Westen Berlins für die Olympischen Spiele 1936 errichtet wurde. Nach dem Krieg fanden hier Filmvorführungen, Sportveranstaltungen und Rockkonzerte statt, von deren eines mit den Rolling Stones zur Zerstörung des Zuschauerareals führte und die jahrelange Verödung des Freilichttheaters zur Folge hatte. Der den DDR–Behörden willkommene Nebeneffekt war die Möglichkeit zur Verteufelung westlicher Musik im zweiten deutschen Staat. Wechselnde Kulturmanager und Agenturen pachteten Jahre später die Waldbühne, ein Zelt, das zumindest die Künstler vor den Unbilden eines leider recht instabilen Berliner auch „Sommer“–Wetters schützt, wurde errichtet, so daß seit Jahren die Berliner Philharmoniker trotz ihrer empfindlichen Instrumente ihr Sommerkonzert unter wechselnden Dirigenten hier durchführen können. Am 25.8. nun fand unter günstigem Wetterstern ein Konzert des West–Eastern Divan Orchestra statt mit Werken von – wie könnte es anders sein – von Verdi, Wagner, aber auch Berlioz.

 1999 von Daniel Barenboim und Freunden in der Kulturhauptstadt Weimar gegründet, besteht das Orchester aus jungen Musikern jüdischer, arabischer, türkischer und andalusischer Abstammung. Der ständige Sitz ist augenblicklich Sevilla, aber sobald die Berliner Staatsoper restauriert sein wird, wird es hier ab 2016 eine Akademie für Stipendiaten aus Israel und den arabischen Ländern geben. Das Orchester zeigt auf regelmäßigen Sommertourneen sein Können, spielte 2005 in Ramallah und 2011 im Rahmen einer Südkorea –Tournee an der Grenze zu Nordkorea. Weder in Israel noch in Ägypten waren bisher Auftritte möglich. In einem Interview in einer Berliner Tageszeitung äußerte sich denn auch Daniel Barenboim pessimistisch nicht nur im Hinblick auf die jetzt begonnenen Friedensverhandlungen als auch auf die Möglichkeiten, in den krisengeschüttelten arabischen Staaten spielen zu können. So könnte man seinen Satz „Das Orchester ist ein Mythos geworden“ nicht nur als Positivum verstehen, sondern auch als Sorge darüber, daß der Wunsch, vom gemeinsamen Musizieren könne man schließlich zu generell friedlichem Zusammenleben finden, sich als Trugbild erweist. Auf das Orchester jedenfalls haben sich die neu entfachten Konflikte nicht negativ ausgewirkt, konnte der Dirigent beteuern.

Zur Tradition auch der klassischen Waldbühnen–Konzerte gehört der Einzug ganzer Familien – und Freundesverbände mit Picknickkörben und die Lagerung auch vor den Sitzplätzen auf dem Rasen. An diesem Abend mit viel Prominenz waren brave Stuhlreihen aufgestellt, klappte es im Unterschied zu anderen Abenden auch mit der Organisation perfekt, war zudem wohl wegen der Zusammensetzung des Orchesters Sicherheitspersonal an allen Ecken und Enden zu sehen. Einlaß ist traditionell bereits zwei Stunden vor Beginn eines Konzerts, so konnte man miterleben, wie zunächst der Konzertmeister, später der Maestro selbst noch letzte Hand an einzelne Phrasen der zu spielenden Werke legten.

Zu Beginn erklang die Ouvertüre zu Verdis „La Forza del Destino“ und befremdete ein wenig, da das Orchester einen leicht helleren und schärferen Klang hat, als man es von den hiesigen gewöhnt ist. Es erfreute auf jeden Fall das jugendliche Ungestüm der Musiker, und es überzeugten die raffinierten Rubati, zu denen Barenboim sie anhielt. Für die vorwiegend den Streichern vorbehaltenen Traviata - Vorspiele breitete das Orchester einen nuancenreichen Klangteppich aus. Besonders für Wagner hätten seine Musiker Interesse aufgebracht, hatte Barenboim in seinem Interview erklärt. Tristan-Vorspiel und Liebestod für Orchester ließen effektvoll herausgearbeitete Steigerungen, so im Anschwellen des Tons bei den dunklen Instrumenten, vernehmen, das Orgiastische des Liebestods wurde wunderbar hörbar gemacht. In frischer, festlicher Entschlossenheit gespielt, fand das Vorspiel zu den „Meistersingern“ den besonderen Beifall des Publikums.

Besonders gut paßten die Klangfarben des West Eastern Divan Orchestra zu Hector Berlioz‘ „Symphonie fantastique“, zu einem rhythmisch phantastischen Walzer voll feiner Agogik, und ohne falsche Zurückhaltung bei den irrsinnigen Phantasien von Hinrichtung und Hexensabbath. Technische Meisterschaft und reife Interpretation ergänzten einander auf glückliche Weise.

Das Programmheft wurde weitgehend von einzelnen Musikern gestaltet, wobei der Israeli, der sich zu Wagner äußert, seine Vorbehalte gegenüber den „Meistersingern“ damit begründet, zu ihren Klängen seien Juden in die Gaskammern getrieben worden. Darüber findet man nichts in der einschlägigen Literatur und googelt auch vergeblich.

26.8.2013                                     Ingrid Wanja      

Foto: Monika Ritterhaus

 

 

 

Konzert in der Waldbühne

24.6.13

Vergangene Woche war nicht nur Obama ein Berliner. Auch der Wettergott zeigte sich diesmal beim traditionellen Waldbühnenkonzert der Berliner Philharmoniker als Freund der Hauptstädter. Wo im Vorjahr noch Regenschirme die beeindruckende Arenenkulisse dominierten – schlussendlich musste witterungsbedingt die Veranstaltung sogar verschoben werden – genossen heuer über 20.000 Besucher einen lauen Sommerabend mit Klassik der Superlative, umschwirrt von ausgelassenen „Moskitos“. Bereits zwei Stunden vor Veranstaltungsbeginn strömten die ersten Besucher in die sonnendurchflutete Arena am Berliner Olympiastadion. Natürlich nicht nur um die besten Plätze in der wie üblich ausverkauften Arena zu ergattern, sondern um sich bei kühlen Getränken und anderen Köstlichkeiten auf diesen ganz besonderen Abend einzustimmen. Nach guter alter Tradition fungierte die Region vor der Bühne wieder als Picknickwiese. Auf den Tribünen hingegen sorgten mitgebrachte Kerzen und Tischdecken für ein heimisches Flair. Chefdirigent Simon Rattle lotste am Pult die Berliner Philharmoniker. Auch die Sonne gehorchtes seinem Stöckchen auf den Schlag. Denn mit dem ersten Takt von Felix Mendelssohn-Bartholdys Konzert für Violine und Orchester tauchte der Feuerball leise hinter den Bäumen der Waldbühne ab. Sonnenbrillen wichen den Operngläsern.

Was Christian Tetzlaff Felix Mendelssohns Violinkonzert e-Moll op. 64 an Verve, Farbgebung und rhythmischer Delikatesse entlockt, verdient Hochachtung. Dies umso mehr als der Virtuose mit seiner schlackenlos ausgeformten Klangsprache in das Wunderkabinett einer supremen Kunst des Geigenspiels entführte. Hier waltet viel musikalische Intelligenz, die ihn vor hemmungsloser Schwelgerei und reinem Wohllaut im langsamen Satz bewahrte. Bestechend ist der große weite Atem, mit dem Tetzlaff butterweich die Linien nachzeichnet. Und er versteht, die sommernächtlichen Geister im Finale auf springlebendige Art zu wecken. Keine Frage: Tetzlaff gehört zu jenen Interpreten, die die Kunst beherrschen, auf ihrem Instrument mit einer vielgestuften Ausdrucksskala spannende Geschichten zu erzählen. Das ging ihm glänzend von seinem Instrument. Die Beredsamkeit der Interpretation nötigt Respekt ab. Auf den Elitesound des Solisten antworteten die Philharmoniker mit fein herausgespielten orchestralen Details. Dank für die begeisterte Zustimmung mit einem Satz aus einer Partita für Violine solo von Johann Sebastian Bach.

Ludwig von Beethovens Neunte Sinfonie gerät zu allen Zeiten zur spannendsten und größten Herausforderung für Interpreten. Simon Rattle sorgte für einen expressiv formulierten Report über die Vision der zu Brüdern gewordenen Menschlichkeit. Der Beginn, der ja eigentlich sotto voce aus dem Pianissimo-Neben hätte herauswachsen müssen, kam recht deutlich. So stand das „Werdende“ klar konturiert im Raum. Zerrissen wirkte die riesige Durchführung. Die Erschütterungen gruben tiefe Spuren, wobei der perkussive Donner einiges gnadenlos zerschmetterte. Rhythmisch markant kontrapunktiert, blitzte anschließend der zweite Satz. Das Adagio erschien in schlüssigen Temporelationen, befreit von den sonst hörbaren Espressivo-Drückern. Die Streicher spielten ruhig und weit geschwungen ihre Kantilenen – eine durchwegs ausgewogene Ausdrucksdimension. Wie das klangschöne intonierende erste Horn in diese Weltabschiedsmusik die Töne hineinblies, war eine Klasse für sich. In dieser instrumentalen Vollendung, dieser kammermusikalisch so exquisit ausgeformten Tonkultur erinnert das an den legendären Aufführungen der Neunten unter Herbert von Karajan in der Berliner Philharmonie, in den österlichen und sommerlichen Festspielen in Salzburg. Ihren Höhepunkt fand die Interpretation in den Ekstasen des Jubel-Finales. Der fabelhafte Berliner Rundfunkchor (einstudiert von Simon Halsey) vergegenwärtigte vieles von der elementaren Wucht des Stoffes, intonierte lupenrein, wirkte auch in den gefürchteten hohen Registern sehr kontrolliert. Zum Glück hörte man nur ansatzweise die übliche Assoziation des Operettenhaften im „Alla marcia“ nach dem „Cherub“. In kluger Steigerung wird der Schlussgipfel des hymnischen Ausdrucks vorbereitet. Wo hört man schon jemals richtig gesungene Töne selbst von den weltbesten Solisten? An diesem Abend winkte wahrlich das interpretatorische Glück. Perfekt gelang Camilla Tilling die Höhe in der berüchtigten Sopran-Partie. Ilia Stutzmann, eine begnadete Liedsängerin, führte ihren fein timbrierten Mezzo ins Treffen. Dimitry Ivashchenko kündete nach der schön gestalteten Orchestereinleitung von letzter prophetischer Freude. Ebenso tadelsfrei die Tenorstimme des Kanadiers Joseph Kaiser. Erfreulich, dass den schönen Stimmen des Quartetts eine bruchlose Verschmelzung mit dem Ensemble gelang.

Alles in allem: das Publikum war aus dem Häuschen, jubelte über diese akkurat einstudierte, orchestral von den Berliner Philharmonikern mit großem instrumentalen Glanz und mit Vehemenz im Chorischen geadelte Wiedergabe. Simon Rattle, Solisten, Chor und Orchester durften die jubelnden Akklamationen  entgegennehmen. Nach dem sehnlichst erwarteten Ausspruch des Dirigenten „Same procedure as every year“ begeisterte die unvermeidliche „Berliner Luft“ von Paul Lincke. Stabwechsel am Pult. Und Sir Simon schlug bis auf einen wackligen Einsatz die große Trommel perfekt. Nicht enden wollender Beifall.

Egon Bezold

 

 

In der Deutschen Oper:

BRITTEN-KONZERT

28.5. 2013

Nicht nur Britten-Ehrung

Nicht nur Verdis und Wagners, auch Benjamin Brittens Geburtstag, den hundertsten, gilt es in diesem Jahr zu feiern, und so stellte Donald Runnicles, auch sonst um den englischen Komponisten bemüht, in den Mittelpunkt seines Konzerts mit dem Orchester der Deutschen Oper die Serenade für Tenor, Horn und Streicher. Umrahmt wurde sie von Brahms, seiner Ersten Sinfonie, und von David Glanerts „Brahms-Fantasie“, Heliogravure für Orchester.

Sogar um die deutsche Ersttaufführung handelte es sich bei dem modernen Stück, das zum Ausgangspunkt die ersten Takte der Ersten Sinfonie nimmt, im Stil eben einer „Heliogravure“, bei der Fotografien mit Hilfe einer chemischen Technik übermalt wurden, musikalisch meint das hier ein Umspielen des Themas durch Streichersphärenklänge, die Aufnahme der Stimmungen durch das Sichsteigern vom Melancholischen ins Hektisch-Verzweifelte, düsteres Schwelgen, scherzohaften Gnomentanz und ein feierliches Finale in Choralform. Der anwesende Komponist und die Ausführenden wurden vom Publikum ausgiebig gefeiert.

Während einer Masernerkrankung in den USA schrieb Britten seine Serenade für Tenor, Horn und Streichorchester wie so vieles andere für seinen Lebensgefährten Peter Pears, dessen Gesang damit zum Maßstab für das wird, was dem Komponisten vorschwebte. In der letzten Zeit brillierte besonders Ian Bostridge mit dem Zyklus. Einen Tag nach seinem Erik an derselben Stelle nahm sich Klaus Florian Vogt der sechs Lieder an und war sicherlich der Zuschauermagnet des Konzertabends. Sein Partner war der junge Hornist Daniel Adam, der mit Naturhorn und Doppelhorn die Szene betrat und mit Ersterem einen stimmungsvollen Beginn der „Pastorale“ garantierte. Er hatte auch das letzte „Wort“ mit einem wie ein Echo aus der Ferne klingendem Abschluß des Zyklus. Sein Spiel trug wesentlich dazu bei, die geheimnisvoll melancholische Stimmung der Lieder dem Publikum zu vermitteln, war in der Erfassung und Wiedergabe der Grundstimmung dem solistischen Partner stellenweise überlegen. Klaus Florian Vogt hätte auch diesen Part übernehmen können, war er doch selbst in Hamburg Hornist, ehe er sich zum Sänger ausbilden ließ. Das an eine Knabenstimme gemahnende Timbre paßt generell gut zu Teilen des Zyklus, allerdings klingt manchmal einfach flach, was ätherisch sein sollte, und das ausgiebige Verharren in der Mittellage erweist sich nicht als günstig, da die Stärken des Tenors im oberen Register liegen. Auch irritiert, wie wenig er aus dem allmählich ersterbenden „dying, dying…“ im „Nocturne“ zu machen weiß und wie wenig von der Schwermut der „Elegie“, die in Horn und Orchester unüberhörbar ist, man vernehmen kann. Sowohl in den Gedichten verschiedener englischer Autoren wie in der Musik liegt mehr an Expressivität , als der Sänger zu vermitteln bereit oder in der Lage ist. Am besten gelingt „Sonett“, wo die Stimme schön auf dem Orchesterteppich ruht und eine poetische Stimmung geschaffen wird.

Das letzte Rumoren auf den Zuschauerrängen war noch nicht verstimmt, als sich Donald Runnicles mit dem nun auf volle Größe erweiterten Orchester der Deutschen Oper ins schwermütige Getümmel der Brahms-Sinfonie stürzte. Aufmerksam ließ er die einzelnen Orchestergruppen sich in ihrem Spiel entfalten, sie ruhig ausschwingen, zeichnete großzügige Bogen nach und brachte im zweiten Satz den Zaubergarten romantischer Musik zum Erblühen. Zu wirkungsvoller Steigerung wurden die einzelnen Themen geführt, ehe das Choralthema das Stück quasi überwölbte und zu seinem feierlichen Ende führte. Der unüberhörbare Sinn für Steigerungen, für das Aufbauen von Kontrasten ließen auch diesen Teil des Konzerts zu einem stürmisch bejubelten werden.

Auch die restlichen drei Brahms-Sinfonien wird das Orchester unter seinem Generalmusikdirektor im Verlauf der nächsten Saison aufführen. 

Ingrid Wanja                         Foto: Leo Seidel  

  

 

 

 

BEATRICE DI TENDA    konzertant

Pures Opernglück im Großen Saal des Konzerthauses am Gendarmenmarkt

 13.5.2013 

Nicht nur räumlich in der Berliner Hochkultur angekommen ist die „berliner operngruppe“ mit ihrer halbszenischen Aufführung von Bellinis „Beatrice di Tenda“ im Großen Saal des Konzerthauses am Gendarmenmarkt. Aus dem Radialsystem am Spreeufer in die Berliner Mitte, von hausgemachter Kartoffelsuppe zu Sekt in der Pause, von hartem Holz zu feinem, stoffbezogenen Stuhlwerk führte der Weg, vor allem aber von sympathischem Liebhabertheater zu immer noch sympathischem, aber mittlerweile hochprofessionellem musikalischem Arbeiten, das sich mit jeder Opernbühne messen kann, der künstlerische Weg. Es begann 2007 mit der Gründung durch den Dirigenten Felix Krieger nach dem Vorbild der Chesea Opera Group, mit den jährlich im Mai stattfindenden Aufführungen seit 2010 mit „Oberto“, „Maria di Rohan“,“Attila“ und wird hoffentlich noch viele Jahre lang dem Publikum Opern vorstellen, die zu sehen und hören es selten Gelegenheit hat. 2012 wurde das Unternehmen für das Projekt „Deutschland-Land der Ideen“ ausgewählt. Die gestrige Aufführung wurde unter anderen auch von den privaten Spendern Martin und Christiane Ernst und Nicolaus und Karin von Oppenheim unterstützt- so etwas muß auch einmal erwähnt werden.

Den größten Entwicklungssprung hat wohl das Orchester im Verlauf des letzten Jahres vollzogen. Da wird nicht nur sicher begleitet, was an sich eine heikle Sache ist, sondern bei der Sinfonia mit einem schönen Schwellton aus dem Piano heraus begonnen, der Fluß der „unendlichen Melodie“ großzügig durchgehalten, werden zwei spannende Finali aufgebaut. Felix Krieger hat großartige Orchestererziehung betrieben, die Zunahme an Quantität und Qualität der Musiker ist beachtlich. Auch der Chor (Piotr Kupka) zeigt sich nach etwas zögerlichem Beginn bestens mit der Musiksprache Bellinis vertraut, .hat keine Probleme mit den Prestissimi und ist rhythmisch sicher.

„Halbszenisch“ nennt sich die Aufführung. Isabel Ostermann benutzt die endlos lange Stola der Protagonistin als Requisit, das der Fesselung der Beatrice genauso dient, wie sie Zeichen der Bejahung ihres Schicksals ist, wenn sie sich ergeben in das Schwarz des Stoffes hüllt.

Immer schon erlebte man positive Überraschungen bei der Auswahl der Solisten. Diesmal sind drei überragende Sänger Auslöser für viel Jubel beim Publikum. Die junge Rumänin Valentina Farcas ist sehr noch sehr mädchenhaft für die vom Schicksal heimgesuchte Beatrice, beginnt mit kristallklarem Sopran, der im Verlauf der traurigen Handlung eine immer mehr Melancholie vermittelnde Färbung annimmt. Sie weiß feine Klanggirlanden zu spinnen, aus den Pianissimi schöne Crescendi zu entwickeln, meistert virtuos Intervallsprünge und rasante Cabaletten, Die Gerichtsszene ist noch eine Spur zu dramatisch für die junge Stimme, die in der Schlussarie umso großartiger zu triumphieren weiß. „Alla morte“ wird nicht zum Opfergang, sondern zum Triumphzug.

Optisch eigentlich eine Karikatur von einem italienischen Tenor ist Giorgio Caruso als Orombello, aber was er an Stimmmaterial vorzuweisen hat, ist mehr als beachtlich. Ein echter „O-sole-mio_Tenor“ mit nicht zu hellem, wunderbar italienischem Timbre und sicherer Höhe. Wenn man ihm die gestischen und mimischen Unarten abgewöhnen kann, berechtigt er zu den schönsten Hoffnungen. Süffiges Baritonmaterial besitzt Giuseppe Altomare für den bösen, wenn auch partiell nachdenklichen Filippo. Dazu kommt eine beachtliche Bühnenpräsenz, kommt das Wissen um großzügige Phrasierung und feines Legato. Auch er ist ein Volltreffer in dieser Aufführung. Mit etwas viel Vibrato beginnt Christine Knorren ( sie war bereits Gondi vor zwei Jahren) ihre Agnese, weiß dann aber ihre Stimme sehr schön zu weichem, schmeichelndem, feinfarbigem Gesang zu führen. Wohl ihretwegen war Francesco Ellero D’Artegna ( Attila vor einem Jahr und Betreuer der „Maria di Rohan“) im Publikum. Máté Gál (Anichino) und Raúl Alonso (Rizzardo) ergänzen das Ensemble.

Man freut sich schon jetzt auf die nächste Aufführung der „ berliner operngruppe“ und ist gespannt auf selten gespielte Opern und tolle Interpreten!

Ingrid Wanja 

 

 

Zum Abschluß der Festtage

1.4.2013

Ein Irrsinnsprogramm mit allein an drei Tagen hintereinander Verdi-Requiem-Götterdämmerung und Mozart-Requiem, dazu noch Mozarts letztes Klavierkonzert hatte Daniel Barenboim Ostern im Rahmen der diesjährigen Festtage der Berliner Staatsoper zu bewältigen und tat es mit Bravour und sogar noch einer Zugabe vor der Pause zwischen Konzert und Requiem. Man muß schon ein von der Musik Besessener sein, um so ein Pensum durchzustehen, denkt man zudem an die auch notwendigen Proben. Am 1.4. stand Mozarts Klavierkonzert in B-Dur auf dem Programm, im selben Jahr 1791 entstanden wie das Requiem, das seine letzte Komposition werden sollte. Nicht nur aus diesem Grunde paßte es besonders gut ins Programm, sondern auch wegen des viel beklagten diesjährigen Ostern im Schnee mit seinem letzten Satz auf die Melodie von „Komm, lieber Mai, und mache die Bäume wieder grün“. Daniel Barenboim waltete nicht nur als Pianist, sondern gleichzeitig als Dirigent seines Amtes, eine Garantie für die Geschlossenheit einer künstlerischen Leistung aus einem Guß. Graziöse Wehmut und perlende Anmut zeichneten das Spiel des einleitenden Allegro aus, in heiterer Abgeklärtheit erklang die Kadenz, in nachdenklicher Schwerelosigkeit das Larghetto, voll gezügelten Übermuts und eher sanft verklingend als aufbrausend vor einer schönen Siegesgewißheit das abschließende Allegro. 

Bevor es mit dem Requiem ernst wurde, gab ein entfernt dem Dirigenten ähnelnder Konzertbesucher, der fälschlicherweise mit Beifall begrüßt wurde, Anlaß zu allgemeiner Heiterkeit. Anders als das Verdi-Requiem zwei Tage zuvor hat dasjenige von Mozart kaum Aufgaben für die Gesangssolisten, die fast nur als Quartett auftreten. Trotzdem hatte man Gelegenheit, den klaren, reinen Sopran von Maria Bengtsson zu bewundern, der mit leichter Höhe über dem Orchester schwebte und die Solistenriege anführte. Einen noblen, ebenmäßigen Mezzosopran setzte Bernarda Fink für ihre Partie ein. Rolando Villazon wirkte etwas wie ein Fremdkörper, denn ihm gelang es nicht, seinen Tenor ebenmäßig und instrumental zu führen, die Stimme war in den einzelnen Registern von unterschiedlicher Qualität. Beinahe so viele Aufgaben wie sein Maestro hatte René Pape während der Festtage übernommen. Sein Baß sprach in allen Lagen gleich gut an und hatte auch im Piano reichlich kräftige Farben. Eberhard Friedrich hatte den Chor der Staatsoper perfekt vorbereitet, so daß ihm das dramatische Aufbegehren des Kyrie ebenso gut gelang, wie die Schwelltöne im Lacrymosa oder die tröstliche Sanftmut des Hostias. Bewundernswert auch das Pianissimo gemeinsam mit dem Blech im Agnus Dei. Das Publikum wußte jedoch sehr gut, wem vor allem dieser wunderbare Abend zu verdanken war und feierte Daniel Barenboim voller Enthusiasmus.

1.4. Ingrid Wanja                                          Bilder: Holger Kettner

 

 

Richard Strauss in der Philharmonie

Durch Nacht zum Licht

23.3.2013

In Harenbergs Konzertführer stehen sie einander gegenüber, doch Welten trennen historisch wie musikalisch gesehen Richard Strauss‘ sinfonische Dichtung „Tod und Verklärung“ aus dem Jahre 1890 und das 2.Hornkonzert aus dem Jahre 1943 voneinander. Hätte man eher dem jungen Strauss das an Mozart erinnernde, romantischer Musik verpflichtete Horn in den Mittelpunkt stellende Konzert zugestanden, dem durch Kriegsereignisse und Alter geprägten das so beängstigend naheliegende Thema des Todes, so trifft genau das Gegenteil zu. Einen Kontrast zur grauenvollen Wirklichkeit sollte das in strahlendem Es-Dur komponierte Stück sein wie auch die ein Jahr zuvor entstandene Oper „Capriccio“, mit der nicht gerade die Probleme der Zeit, sondern die des ewigen um das Primat von Parola oder Musica angesprochen werden. Die Staatsoper Berlin hatte vor Jahren das Stück deshalb in den Ruinen Münchens spielen lassen, seitdem fehlt das Konversationsstück auf Berliner Bühnen. Der Schlußmonolog der Gräfin Madeleine einschließlich der vorangehenden Mondscheinmusik bildete den Abschluß von Marek Janowskis Konzert mit dem RSB am 23. 3. In der Philharmonie. Anja Harteros sollte ihn singen, sagte aber wie so oft in letzter Zeit ab, und ein dem Berliner Publikum noch unbekannter Name überraschte die Konzertbesucher. Charlotta Larsson aus Schweden hatte nicht nur zwei Abendkleider mitgebracht, sondern ließ sich zwischen vier Strauss-Liedern und dem Capriccio-Schluß noch einmal umfrisieren. Noch viel bemerkenswerter aber war ihre vokale Leistung. Mit silbrig flirrendem und schimmerndem, hörbar im Zenit seines Reifens stehendem Sopran, also dem Timbre einer echten Strauss-Stimme, mit klangvollen Piani und das Orchester überstrahlendem Glanz war sie mehr als ein Ersatz für den nicht angetretenen Star. Zwar konnte man auch von ihr nicht die kaum erreichbare Textverständlichkeit erwarten- bei den Liedern wäre mehr davon möglich gewesen- aber im Chiaro-Scuro der Stimmführung spiegelte sich viel von dem Gegeneinander-Abwägen und schließlich in einer Frage endenden Nichtlösen des Konflikts. Stephen Bronk war ein durch und durch würdevoller Haushofmeister. Leicht abgeändert gegenüber dem ursprünglichen Programm war der Liederteil vor der Pause, in der auch die Solovioline nicht nur mit raffinierten Rubati glänzen und in dem die Sängerin beweisen konnte , wie schön die Stimme aufblühen, wie kraftvoll sich ihr „Habe Dank“ gegenüber dem Orchester durchzusetzen vermochte.

Soll der Gong das schlagende Herz des Sterbenden in „Tod und Verklärung“ darstellen? Wenn dem so ist, so wurde nach seinem Verstummen in feinsten Abstufungen, endend in einer wirklich machtvollen „Verklärung“ in C-Dur, das Sichlösen des Unsterblichen vom Sterblichen nachgezeichnet. Den beinahe ungeheuerlichen Anforderungen an alle Instrumentengruppen kam das Orchester in vorbildlicher Weise nach. Heitere Beschwingtheit, ja Übermut kennzeichnen das Konzert für Horn und Orchester, in dem Radek Baborák mit virtuoser Spielfreude die Besucher ( viele kannte ihn bereits als Solohornisten der Berliner Philharmoniker) begeisterte. Nach dem Noch- Benommensein durch die den Wagner-Zyklus beendet habende „Götterdämmerung“ konnte die Zuhörer-Seele in ein heiteres Arkadien entschweben.  

24.3. Ingrid Wanja

 

VERDI REQUIEM

30.3.13

Nicht nur Wagner

Nicht zu kurz kommen neben all den Aktivitäten zum Wagner-Jahr sollte in der Staatsoper zu den diesjährigen Festtagen Giuseppe Verdi , und so gab es neben Liedern des Komponisten mit Daniel Barenboim und Rolando Villazon als ganz besonderes Highlight die Messa da Requiem mit dem Orchester und dem Chor des Teatro alla Scala, dem Dirigenten der Staatsoper natürlich bestens vertraut. Hochrangig und nicht zu übertreffen war auch das Solistenquartett mit Anja Harteros, die absagte und für die Maria Agresta einsprang, mit Daniela Barcellona, Fabio Sartori und René Pape.

Bereits beim Einsatz im mindestens 5gestrichenen p konnte der Zuhörer bemerken, wie sehr ein italienischer Chor sich von einem noch so guten deutschen unterscheidet: Die Stimmen klingen klarer, wissen sich geschmeidiger dem An- und Abschwellen des Tons zu stellen, wobei es sicherlich auch auf die Intentionen Daniel Barenboims und des Chorleiters Bruno Casoni zurückzuführen ist, daß die Zeichen auf „Überwältigung durch Kontraste“ standen, wie es im Werk bereits angelegt, selten aber in dieser Konsequenz zu hören ist. Besonders fein gelang die Abstufung im Sanctus, noch nie so innig dürfte man das Nachspiel zu „Domine Jesu Christe“ je gehört haben. Sicherheit gab den Sängern die präzise und zuverlässige Zeichengebung durch den Dirigenten. Welches Orchester könnte kompetenter in Sachen Verdi sein als das der Scala, nur der Pauker sollte sich etwas mehr im Zaum halten, die Philharmonie soll nicht auch zur Baustelle werden.

Erstaunlich ist es, wie gut es den Agenturen gelingt, gleichwertigen Ersatz für Anja Harteros zu finden, so jüngst beim Strauss-Konzert von Marek Janowski und nun mit Maria Agresta, die erst seit fünf Jahren im Geschäft und bereits eine Sängerin mit einem guten Namen ist. Ihr gelingen feinste Pianissimi und ihr Sopran kann sich doch auch siegreich über das Orchester erheben. Das „Libera me“ klingt zu Beginn leicht scharf, das „Requiem“ entwickelt sich fein schwebend als ein leichtes Tongespinst, die Schwelltöne sind von zarter bis opulenter Raffinesse. Dazu kommt eine tiefe Gläubigkeit ausstrahlende Interpretation. Jüngst als Didon in „Die Trojaner“, jetzt als Sängerin der Mezzo-Partie auftretend, ist Daniela Barcellona für das Berliner Publikum eine feste Größe. In ihrer runden, warmen Stimme sind die Mezzofarben auch noch in der Extremhöhe unverkennbar. Nie fallen brustige Töne unangenehm auf, die „Lux aeterna“ leuchtet in goldenem Glanz. Eine „echte“ italienische Tenorstimme, d.h. hellere als die aus dem spanischen Raum stammenden, hat Fabio Sartori, der ein farbiges „Ingemisco“ mit squilloreichem Spitzenton sang und im „Hostias“ mit schönen Schwelltönen arbeitete. Der einzige Nichtitaliener im Sänger-Quartett war René Pape, dessen Baß trotz häufigen Einsatzes für Wagner seine feinen Konturen bewahrt hat und bei aller ihm zur Verfügung stehenden Mächtigkeit schlank geblieben ist. Gewaltig klang er im „Quam olim Abrahae promisisti“, auch wenn es kurz zuvor einen winzigen Schnitzer gegeben hatte. Was wären die Festtage ohne ihn!

Erst als sich Chor und Orchester erhoben, um vielleicht noch den Flieger nach Mailand rechtzeitg vor Ostern zu erreichen, verstummte der begeisterte Applaus des Publikums, das die Philharmonie bis zum letzten Platz gefüllt hatte.

Ingrid Wanja   

 

 

 

Vollendet das Werk

DIE GÖTTERDÄMMERUNG  zum 2.)

15.3.13

Unter Entzugserscheinungen dürfte bald manch einer der treuen Besucher leiden, die in den letzten drei Jahren regelmäßig in die Philharmonie gepilgert waren, um konzertant von der Entstellung durch Regietaten freie Wagneropern zu genießen. Von 2010 bis zum 15.3. 2013, beginnend mit dem „Fliegenden Holländer“ und nun endend mit der „Götterdämmerung“, hat Marek Janowski alle zum Bayreuth-Kanon gehörenden Opern mit seinem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin vor fast immer ausverkauftem Haus aufgeführt. Eine Woche nach der „Götterdämmerung“ wird es am 22. 3. ein Strauss-Konzert mit dem Schluß von „Capriccio“ geben - vielleicht der Auftakt zu einem Strauss-Zyklus im nächsten und den folgenden Jahren, wo doch 2014 ein runder Geburtstag zu feiern ist und die Berliner Bühnen den Komponisten sträflich vernachlässigen.

Knapp sind besonders im allüberall gefeierten Wagnerjahr die gestandenen Wagnersänger und am allerknappsten die Tenöre für Tristan, Tannhäuser und Siegfried. Litt schon der „Siegfried“ an der Staatsoper an einem die Vaterschaft Siegmunds zugunsten Mimes anzuzweifelndem jungen Helden, so war auch in der Philharmonie Lance Ryan die Schwachstelle des langen Abends. Ein undankbares, einem Charaktertenor nahes, gespreiztes Timbre, ein sehr offenes Singen mit Vokalverzerrungen, allerdings auch eine durchsetzungsfähige und Orchesterwogen durchdringende Stimme ließen den Hörer nicht recht froh werden, so auch nicht, wenn die überwältigende Schönheit von „Brünnhilde, heilige Braut“ hoffnungslos verschenkt wurde. Wie Tage zuvor Violeta Urmana im „Siegfried“ ist auch Petra Lang eine ehemalige Mezzosopranistin, die Götterdämmerungs-Brünnhilde aber weit mehr geeignet für eine ehemals tiefer liegende Stimme. Die Mittellage leuchtete, die Höhe bereitete keinerlei Schwierigkeiten und die Kraft reichte bis zu einem bewegenden Schlußgesang. Auch in einer konzertanten Aufführung können Partner hemmen oder beflügeln. Letzteres wurde deutlich in der Szene mit Waltraute, die zu den spannendsten des Abends wurde dank des wunderbaren vokalen Zusammenspiels mit Marina Prudenskaja, auch in der Staatsoper in der Partie zu hören und hier wie dort mit nachdrücklich dunkler Klage ihres farbigen Mezzosoprans ergreifend ist. Erstklassig besetzt war das Geschwisterpaar Gutrune und Gunther. Ihre - Edith Hallers - Stimme ist einer der strahlendsten, leuchtendsten Jubelsoprane, die man in der letzten Zeit in Berlin hören konnte, sein Bariton - Markus Brücks - ist fast zu schön für den Schwächling Gunther und der textverständlichste dazu. Ehe der Großvater als der jüngere Bruder der beiden schien Matti Salminen zu sein, aber die Faszination des absolut Dunkel-Bösen geht trotz stimmlicher Einschränkungen von ihm aus. Vater Alberich war wieder mit dem vorzüglichen Jochen Schmeckenbecher mit gut tragendem, textverständlichem Bariton besetzt.

Die beiden Damenterzette erfreuten durch feine Abstimmung zwischen den Stimmtypen und damit einer außergewöhnlichen Harmonie. Susanne Resmark war die 1. Norn mit samtigem Alt, Christa Mayer die Schwester mit geschmeidigem Mezzo, mit Jacquelyn Wagner und ihrem glockenreinen Sopran konnte man erfreut Wiedersehen feiern. In schöner Harmonie verführerisch singend versuchten die drei Rheintöchter Julia Borchert, Katharina Kammerloher und Kismara Pessatti Siegfried den Ring zu entlocken.

Vorzüglich einstudiert hatte Eberhard Friedrich den Rundfunkchor, der die Mannen Gunthers zum donnernden Sprachrohr germanischer Kampfes - wie Feierlust werden ließ. Fast zusammenzubrechen drohte die Philharmonie unter den donnernden Klängen der Trauermusik für Siegfried und wies bei aller Urgewalt doch eine feine Binnendifferenzierung in der Darstellung der Trostlosigkeit einer Welt auf, der das Licht verloren gegangen ist. Dieses leuchtete umso heller im Sonnenaufgang über dem Walkürenfelsen und im Jubel der Rheinfahrt zu neuen Abenteuern. Zwar gab es auch kleine Blechschäden, aber insgesamt hat Marek Janowski mit seinem Orchester zu einer überwältigenden, den ganzen Reichtum der wagnerschen Musik dem Publikum offenbarenden Deutung gefunden, die man bald auch zu Hause auf CD - wie bereits die vorangegangenen Aufführungen - genießen kann.

16.3. Ingrid Wanja                  

 

Berliner Publikum sagt „Danke!“

DIE GÖTTERDÄMMERUNG    zum 1.)

Marek Janowskis Wagner-Zyklus endet

Sekundenlanges Schweigen. Und dann kein Klatschen. Nein, ein „Danke!“ war das erste, was als erstes durch den Saal hallte, nachdem der Schlusston von Marek Janowskis Götterdämmerung am Freitag abend in der Berliner Philharmonie verklungen war. Es blieb nicht bei dem einen: Im Beifallregen entfaltete sich wenig später ein „Danke!“-Poster über der Balustrade von Block F.

Die Zuhörer in der ausverkauften Philharmonie feierten das Ende des Wagner-Zyklus mit dem dritten Tag von Richard Wagners Bühnenfestspiel „Der Ring des Nibelungen“. Es ging ihnen darum, noch einmal die Erfolgsgaranten der Aufführungsserie zu genießen: Das waren einmal mehr das hochmotievierte Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und der flotte Stil von Marek Janowski, der klarmacht, dass es am Dirigenten liegt, wie lang- oder kurzweilig einem so ein Wagner vorkommt.

Bei Janowskis Götterdämmerung gab es keine Länge, keine Hänger. Es war ein dynamischer Strom, in dem das Weltendrama seinem Ende entgegenrauschte, trotzdem voll Ungeheuerlichkeit und Düsternis. Große Sinfonik gab es in den Zwischenspielen. Siegfrieds Rheinfahrt und der zweite Akt gelangen regelrecht schmissig. Vorallem war es ein Abend der Emotionen, kleine Schönheitsfehler wurden großzügig hinweg gefegt. Das Publikum trug die Sänger egal welcher Tagesform mittels seiner Begeisterung durch die Aufführung und verzieh auch den Hornisten. Diese hatten an zwei berühmten Stellen Pech, dafür ließen sie den Sonnenaufgang im zweiten Akt auf´s Allerschönste aufglühen.

Lance Ryan, der „Sunny Boy“-Siegfried

Liebling des Abends war Lance Ryan als Siegfried. Zwar nicht mit bester Textverständlichkeit, dafür mit nimmermüder Schmetterkraft und sonniger Nonchalance erzählte er die Geschichte eines jungen Mannes, der durch schlechten Einfluss seine Unschuld verliert und zum selbstverliebten Macho wird. Die Selbstentfremdung Siegfrieds stellte er packend dar und der Moment, in dem ihm die Erinnerung zurückkommt, war sein berührendster.

Ihm zur Seite stand Petra Lang, die als Brünnhilde nicht in Top-Form war und vorallem mit den Tiefen der Partie rang. Sie kompensierte schauspielerisch, was ihre Stimme gerade nicht hergab und gewann im Schlussmonolog wieder an Volumen und Reichtum.

Es waren überhaupt lauter Aufwärts-Kurven, die man hören konnte: Auch Edith Hallers Gutrune erreichte in der letzten Szene ihre höchste Intensität und Natürlichkeit. Das Wunderbare an ihr war, dass sie der naiven Verführerin Seele und Facetten verlieh und zur echten Konkurrentin Brünnhildes wurde.

Marina Prudenskaya war eine Waltraute ohne Kompromisse: Fließend und intensiv war ihre Stimme in jeder Lage, durchtränkt vom hochexplosiven Gemisch aus Todesangst und Enttäuschung. Sie, die als Untergangsbotin, nur einen unmelodischen Monolog aus Wortfetzen hat, schaffte es, diese vertrackte Partie wirklich zu singen. Was für eine beispielhafte Leistung!

Die strahlendste Stimme hatten Jacquelyn Wagner, die als 3. Norn überragend war: Mit einem geschmeidigen Sopran, der wie ein Stern in der Nacht funkelte und auratischer Gestaltung stach sie ihre Kolleginnen aus, denn Susanne Resmark (1. Norn) wirkte angeschlagen angestrengt, und Christa Mayer sang mit ihrem sanften Mezzo die 2. Norn schön, doch ohne den Part zu verkörpern. 

Ein erloschener Vulkan und ein starker Schwächling

Matti Salminens Auftritt als Hagen war ein Naturereignis, obwohl er einem erloschenen Vulkan glich. Seine Präsenz respekteinflößend, aber nicht mehr bedrohlich. Einzelne urgewaltige Töne, die Überreste seiner Stimme, schleuderte er wie Felsbrocken in den Saal, zwischen Aschewolken aus Flüstern. Wie er beim Mannenchor gegen Chor und Orchester andonnerte, ließ erahnen, welch übermächtiger Hagen er in seiner Glanzzeit war.

Glanzpunkt auch sein Dialog mit Jochen Schmeckenbecher, dem sänger/darstellerisch konkurrenzlosen Belcanto-Alberich, der ihm schaurig schön ins Gewissen redete. Eine kurze Szene mit maximaler Wirkung.

Einen idealen Gunther gab Markus Brück, der sonst gerne sehr laut singt. Diesmal brillierte er vorzüglich in kleinlaut. Von der Selbstherrlichkeit bis zur Süffisanz malte er Gunthers Führungsschwäche genüßlich aus. Es war das starke Portrait eines schwachen Charakters.

Bleiben noch das klangschöne und homogene Dreigestirn der Rheintöchter zu erwähnen: Julia Borchert (Woglinde), Katharina Kammerloher (Wellgunde) und Kismara Pessatti (Floßhilde).

Nur die großartigen Solostimmen (Bassklarinette!) und Instrumentengruppen (Kontrabässe!) des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin kamen vor lauter Standing Ovations für den Dirigenten und das Ensemble nicht mehr zum Zug. Aber das machte nichts. Dieser Abend war, wie der gesamte Wagner-Zyklus, eine Teamwork auf der Basis von allseitigem Respekt. Indem Marek Janowski in seiner Konzertreihe Wagners Musik pur und ohne Nebengedanken zelebrierte, wurde es Künstlern und Zuhörern wieder einmal möglich, die Faszination Wagner gemeinsam anstatt auf getrennten Standpunkten zu erleben. Für diese gemeinsamen Glücksmomente sagte das Publikum „Danke!“.

Rosemarie Frühauf

 

 

SIEGFRIED         zum 2.)

1.3.2013

Ein gigantischer Publikumserfolg

mit einigen Überraschungen gelang Marek Janowski und seinem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin am Freitagabend in der Philharmonie Berlin. Nach über zwei Monaten Pause ging der Wagner-Zyklus weiter mit Teil Drei des „Ring des Nibelungen“: „Siegfried“. Der Dirigent, das hochmotivierte Orchester und eine Solistenriege in optimaler Tagesform schafften es, nahtlos an den musikalischen Triumph der „Walküre“ anzuknüpfen und das Publikum auf der gesamten Werklänge von über vier Stunden zu begeistern.

Schon das Vorspiel zog einen magisch in die Welt des wilden Waldes hinein, in dem irgendwo in einer finsteren Höhle der Drache Fafner auf dem Nibelungen-Hort liegt: Aber keineswegs wurden die düsteren Tubaklänge des Drachen-Motivs wie Kaugummi behandelt, nein, hier ging es zackig zur Sache. Janowski fand für den ersten Akt eine Geschwindigkeit, die perfekt war: Einerseits erzählerisch genug für Atmosphären und Details und andererseits fließend genug für flotte Dialoge und Dramatik. Diese Rasanz lenkte er im zweiten und dritten Akt in die lyrischeren Bahnen eines großen Flusses, der stets seine Spannung und Prägnanz behielt, ohne je gemacht zu wirken.

Ja, es war ein Glücksfall, dass er die Musik einfach wie ein Metronom ticken ließ. Die Höhepunkte ergaben sich wie von selbst und die Singstimmen „surften“ geradezu auf diesen dramaturgischen Wellen.

Das Vorurteil, dass „Siegfried“ unter den Wagneropern auf dem Konzertpodium ein Sorgenkind wäre, wurde von der ersten Sekunde an gründlich widerlegt. Und ausgerechnet ein Mann, den wir vom „Rheingold“ als ziemlich lauen Loge in Erinnerung hatten, leistete dazu den Hauptbeitrag: Es war Christian Elsner als Mime – die künstlerische Überraschung des Abends und kaum wiederzuerkennen! Die Rolle des Zwergen-Stiefvaters hatte in ihm offenbar das geweckt, was Fachleute die „Rampensau“ nennen. Seinen glatten und klangschönen Tenor vergewaltige er nun genüsslich. Zeternd, krächzend, kreischend und mit diebischer Spielfreude schenkte er dem Publikum einen Mime, dem man amüsiert und fasziniert lauschte.

Elsners hemmungslosem Mut zur Hässlichkeit stand Stephen Goulds warm strömender, fast baritonal gefärbter Tenor mit noblem Grundtimbre gegenüber. Ein sehr gesanglicher Siegfried, durch den das Göttliche seiner Herkunft schimmerte und der durch Geschmeidigkeit und Ausdruck bestach, auch in der zupackenden Schmiedeszene. Also hatten sich zwei Idealbesetzungen gefunden, die nicht besser hätten kontrastieren können und die mit perfekter Textverständlichkeit die Fetzten fliegen ließen.

Und auch mit dem gut gelaunten Wanderer von Tomasz Konieczny gelang ein spannender Dialog: Plappernd und flüsternd gewann Christian Elsner auf jeden Fall schauspielerisch gegen den stählern timbrierten Bass, der es nicht lassen konnte, vokal die Muskeln spielen zu lassen. Denn Koniecznys Souveränität bei der Darstellung des Göttervaters stützt sich vor allem darauf, dass seine Stimme selbst die wuchtigsten Klangmassen durchschneidet. Dies nutzte wiederum Janowski, um die Rätselszene mit exorbitanten Lautstärken zu unterstreichen – aber hinreißend!Im zweiten Akt folgte der mit Spannung erwartete Auftritt Jochen Schmeckenbechers, der schon im Rheingold ein furioser Alberich gewesen war. Auch er bot wieder Intensität, die sich gewaschen hatte und das in Stimme, Textbehandlung und Darstellung. Jedes einzelne seiner Worte atmete Häme, Enttäuschung und Intrige.

Sängerlegende Matti Salminen adelte die Aufführung durch seine Anwesenheit und seine Ausstrahlung. Er sang Fafner, „den Wurm“, durch einen Metalltrichter, der sich mit einem unnachahmlichen „lasst mich schlaaaaafen“ auf die andere Seite dreht, verzichtete jedoch im Folgenden auf alle Drachenbrüller, die seinem Auftritt noch mehr Bedrohlichkeit verliehen hätten. Mit seiner Ausnahmestimme, deren Volumen fast erloschen ist, die aber immer noch großes Charisma besitzt, ließ er den Riesen komplett im Piano sterben, was mutig war und berührte. Danach kam Sophie Klußmann von der Orgelempore aus, als lupenreiner Waldvogel und nach der Pause die kraft- und gefühlvolle Altistin Anna Larsson Erda.

Der dritte Akt des Siegfrieds hat manchmal gefährliche Längen, weil sich die Handlung gegen Ende hin immer weiter entschleunigt. Diese Klippen wurden gemeistert: Janowski hob das Klangbild von der Leichtigkeit des Vorhergegangenen auf eine mythische Ebene zurück und man erlebte Siegfrieds Ankunft auf Brünnhildes Felsen sehr atmosphärisch, als gelungene Rückblende auf die „Walküre“.

Stephen Gould schaffte es, seine monumentale Rolle als Siegfried so gut zu balancieren, dass er der erwachenden Brünnhilde Violeta Urmana tadellos gewachsen war. Und diese bezauberte durch einen runden und strahlenden Klang in jeder Tonlage: Walkürenkraft, die durch Sensibilität gebändigt war. Das glänzende Jubelfinale des Liebespaares krönte ein maximal pointierter, temperamentvoller Aktschluss.

Das Publikum in der Philharmonie war außer Rand und Band. Als der völlig erschöpfte Marek Janowski schließlich aufs Podium kam, stand mit einem Ruck der ganze Saal von den Stühlen auf. Größer kann man eine Aufführung nicht feiern.

Rosemarie Frühauf

 

SIEGFRIED

1.3.13

Frenetischer Beifall nach jedem Akt und ein sicht- und hörbar hoch zufriedenes, wenn auch erschöpftes Publikum nach Wagners „Siegfried“- das Gleiche wird auf die Sänger zugetroffen haben - waren das Ergebnis der vorletzten Aufführung des Wagner-Zyklus durch das RSB, der sämtliche Opern des Bayreuther Kanons umfaßt und der am 15. März mit der „Götterdämmerung“ schließen wird. Es wird viele der treuen Hörer geben, die dann am liebsten wieder von vorn anfangen würden - aber selbst das Wagner-Jahr endet einmal, wenn auch für das RSB sehr früh. Am 1.3. erlebte es sicherlich eine seiner Sternstunden mit einem hoch motivierten Orchester unter Marek Janowski, einem sorgfältig ausgewählten, gut aufeinander abgestimmten Sängerensemble - und einem echten Amboß für die Schmiedelieder.

Stephen Gould gebührt  in der exzellenten Sängerriege die Krone für einen stählernen, glanzvollen Heldentenor zwar nicht einer Jünglingsstimme, weil ausgesprochen baritonal grundierten, aber einer nimmermüden, generös phrasierenden und in schönen Farben auftrumpfenden. Daneben erfreute er auch mit ganz zarten Stellen wie „so starb meine Mutter an mir“, und bei allem hatte der Hörer das Gefühl, daß der Sänger die Figur verinnerlicht hat. Ein ganz großes Plus der konzertanten Aufführung war auch der Alberich von Jochen Schmeckenbecher mit tadelloser Diktion, unangefochtenem markigem Gesang einer nicht häßlichen, weil das Böse vertretenden Stimme, sondern durch Schattierungen und Nuancen Abgründe auftuend -  und bis in die Körpersprache Ausdruck des elementar Bösen. Noch immer die beste Erda ist Anna Larsson mit ebenmäßig strömendem Alt, der die Farben der Bläser zu den eigenen machte, und Sophie Klußmann war ein höhensicherer Waldvogel mit feinem Timbre der geschmeidigen Sopranstimme. Brünnhilde Violeta Urmana konnte ihr „Heil dir Sonne“ auf eine leuchtende Mezzogrundlage stützen, die der Stimme auch insgesamt corpo verlieh. Die Extremhöhen könnte man sich lustvoller ausgehalten denken, da wurde mal nur angetippt, mal klang es scharf, und insgesamt war sie bei nicht optimaler Diktion mehr eine reife Frau als eine Jungfrau von hell leuchtender Sopranstimme. Die Harmonie mit dem ebenfalls sehr „erwachsenen“ Tenor von Gould allerdings profitierte davon. Wie die beiden Wotane sang Tomasz Konieczny auch den Wanderer, dessen etwas höhere Tessitura ihm gut lag, auch wenn er für die extremen Tiefen noch etwas auf die Stimme drückte. Das Material ist das, aus dem Heldenbaritone gemacht sind, nur die Diktion läßt noch zu wünschen übrig und damit das Gefühl für  den Hörer, der Sänger identifiziere sich mit der Rolle. Das Zeug zu einem hervorragenden Wotan hat er, und vieles davon zeigte sich bereits am gestrigen Abend. Nicht nur rollenadäquat etwas müde zeigte sich Matti Salminen als Fafner mit der Flüstertüte. Ein Kapitel für sich ist Christian Elsner als Mime, nachdem er bereits als Loge nicht nur auf Zustimmung gestoßen war. Seine Stimme ist kein scharfer, durchdringender Charaktertenor, dem Tücke, Zetern und Gleisnerisches auf die Stimmbänder gelegt wurden. So singt er nie mit seiner eigentlichen Stimme, sondern zwingt sie zu Verfärbungen; an manchen Stellen wie „und ich kann es nicht schweißen“ oder „ich will dem Kind nur den Kopf abhauen“ gelingt die Tongebung besser, weil der Stimme entsprechend klingend.

Trotz der guten bis vorzüglichen Sänger war der eigentliche Star wieder das Orchester unter Marek Janowski, nicht deutelnd, sondern deutend, mit dem zartesten je gehörten Steicherklang im dritten Akt, der rasantesten Fahrt in die Tiefen des Erda-Wohnsitzes, feiner Herausarbeitung der Leitmotive; und bewundernswert, wie die düstere Spannung zu Beginn des 1. und 2. Akts aufgebaut, wie das filigrane Gespinst des Waldwebens , wie Flimmern und Flackern am Brünnhildenfelsen hörbar gemacht wurden. Das RSB ist im Verlauf des Zyklus’ zu einem echten Wagnerorchester herangewachsen.

Nun kann man - nach der „Götterdämmerung“ am 15. - auf Strauss am 23. 3. gespannt sein.

Ingrid Wanja             

 

 

 

Philharmonie am 13.02.13

PARSIFAL  Dritter Aufzug

Wieder Tenor?

Wohl extra Domingos und weniger des 3. Aktes aus Wagners „Parsifal“ wegen nach Berlin gekommen waren viele Besucher in der fast ausverkauften Philharmonie, denn ein verzweifeltes Platzsuchen wies darauf hin, wie wenig vertraut sie mit der Sitzordnung, der Einteilung in Blöcke und in Rechts und Links waren. Ob sie am Ende zufrieden waren, ein Paar mußte für die besten Plätze immerhin rund 500 Euro ausgeben, dürfte von ihrer Stimmkenntnis abhängen. Um es rundheraus und ohne Schonung zu sagen: Was der Star an künstlerischer Leistung ablieferte, war beschämend und dazu angetan, seinen Ruf als Sänger zu ruinieren. Auf die Bühne kam ein gut aussehender älterer Herr mit der Körpersprache eines solchen, noch öfter, als von ihm gewohnt, die Nase reibend, mit unklarer Diktion einer Altherrenstimme, knarzend in der Mittellage und grell in der Höhe, die in der Partie ja nicht einmal besondere Anforderungen stellt. Trotzdem mußte sich der Sänger einmal ins Falsett flüchten. Zudem spricht die Stimme, die jetzt noch baritonaler klingt als vor Jahren, aber nicht mehr den schönen Bronzeklang hat, nur im Mezzoforte richtig an, die Phrasierung ist sehr kurzschrittig geworden - und ein Domingo ohne den Einsatz seiner darstellerischen Mittel war ohnehin immer nur der halbe Domingo. Auf der Bühne mag der Sänger in Väter-Baritonpartien noch überzeugen wie unlängst als Simone, auf die Stimme allein und gar die des Tenors kann er sich selbst beim tief liegenden Parsifal und trotz einiger gelungener Stellen („Du wuschest mir die Füße“, Beginn „Nur eine Waffe taugt…“) nicht mehr verlassen. Es war wohl kein Zufall, daß es an diesem Abend keinen Solobeifall gab.

Der eigentliche Star des Abends war Kwangchul Youn als Gurnemanz, bei dem alles stimmte: Eine gewaltige, alle Orchesterwogen überstrahlende Bassstimme, die in der Höhe mehr Glanz hatte als die des Tenors, weitgespannnte Bögen mit langem Atem, eine erstklassige, akzentfreie Diktion und Piani, in denen das wunderbare Timbre voll erhalten bleibt. Er schien zudem die Rolle nicht nur zu singen, sondern zu leben, selbst ohne den Ansprechpartner Kundry. Mit ihm und René Pape, der gerade an der Met singt, hat die Staatsoper zwei Bässe im Ensemble, die von keinem anderen übertroffen werden und die beide im deutschen, italienischen und russischen Fach gleichermaßen überzeugen. Dem Amfortas verlieh Wolfgang Koch schöne Schmerzenstöne mit einem edel timbrierten Bariton. Von ihm hätte man gern noch mehr gehört.

Das akustische Herannahen der Ritterschar bewältigte der Herrenchor mit fein anschwellenden Klängen, ehe er zu macht- und klangvollem Einsatz kam (Eberhard Friedrich). Aus „Glanz und Wonne“ bestand das, was die Staatskapelle unter Daniel Barenboim dem Publikum bot. Voller Finessen, mit wunderbaren Farben und dem Bekenntnis zum feierlichen Pathos wurde an diesem Abend aus der Oper tatsächlich ein „Bühnenweihfestspiel“, wie man es sich ergreifender nicht denken konnte.

13.02.13  Ingrid Wanja   

 

 

 

 

Gedenkfeier-Konzert in der Deutschen Oper

06.01.2013

Hans Werner Henze

Zu einer Gedenkfeier für Hans Werner Henze hatten sich am Vormittag des 6.1. Mitglieder der Berliner Philharmoniker, des DSO, der Staatsoper und der Deutschen Oper im Haus an der Bismarckstraße gemeinsam mit Geschwistern des vor einem knappen Vierteljahr Verstorbenen eingefunden. Zahlreich waren das Publikum und sehr unterschiedlich die musikalischen und Textbeiträge zu wechselnden Großfotos des Komponisten auf der Rückwand der Bühne, beginnend mit der Ouvertüre zu Mozarts „Zauberflöte“, die das Orchester der Deutschen Oper unter Chefdirigent Donald Runnicles mit frischem, energischem Klang wie gerade neu einstudiert zu Gehör brachte. Sie waren es auch, die die letzte Komposition Henzes, die er zur Hundertjahrfeier der DOB geschrieben hatte, noch einmal spielten; auf dem Weg zu ihr hatte er im Oktober erkrankt in Dresden Station machen müssen und war kurz danach dort gestorben. Als weiteres Stück Henzes spielte das aus Philharmonikern bestehende Scharoun Ensemble „Quattro Fantasie“. Detlev Glanert, Schüler Henzes in Köln und Montepulciano, erinnerte an das Jahr 2005, als sein Lehrer schon einmal von den Ärzten aufgegeben mit dem Tod rang und er für ihn sein Streichquartett „Pas de Quatre“ komponierte, das nun vom „Adamello“-Quartett, aus Musikern des DSO bestehend, aufgeführt wurde und wie ein Gruß aus dem Jenseits verklang.       

André Schmitz, Staatssekretär für kulturelle Angelegenheiten, hatte die Anwesenden begrüßt und erinnerte an die harmonische Zusammenarbeit mit dem Künstler, zu dessen letzten Äußerungen „Berlin ruft mich“ gehörte. Weniger harmonisch ging es in der Zeit des Kalten Kriegs zu, wie Volker Schlöndorff zu berichten wußte, als der Chor in Hamburg sich weigerte, in „Wir erreichen den Fluß“ mit einer roten Fahne auf der Bühne zu singen, und in Berlin im selben Werk zur Überraschung des Komponisten die Bösen  des Stücks statt in den vorgesehenen amerikanischen in sowjetischen Uniformen erschienen. Auch von Steinewürfen auf das Springer-Haus wußte der Regisseur zu berichten, vom Entstehen der Filmmusik für den „Jungen Törless“, für „Katharina Blum“, für „Eine Liebe von Swan“. Das Verlangen nach Liebe war der Antrieb für Henzes unermüdliches Schaffen, meint Schlöndorff erkannt zu haben. Seine sehr persönlichen, sehr bewegten Worte waren das schönste Denkmal, das dem Toten an diesem Vormittag gesetzt wurde. Der Beitrag der Staatsoper bestand in der Lesung aus dem Briefwechsel mit Ingeborg Bachmann, den Intendant Jürgen Flimm gemeinsam mit Martina Gedeck in Auszügen zu Gehör brachte und in dem sich Henze als einen Menschen bezeichnet, „der niemandem Glück bringt“. Wenn die Lesung mit einer verzweifelten Bitte Bachmanns um ein Treffen endete, die zumindest hier ohne Antwort blieb, dann sollte dem wohl nicht widersprochen werden.

Ingrid Wanja  

    

 

(c) Barbary Zeininger/Merker-online 

THIELEMANN OTELLO

Unbekannter Verdi

Keinen Grund mehr zum Lamentieren haben die Italiener, weil nicht ihr geliebter Verdi, sondern nur Wagner zur Eröffnung der neuen Saison an der Scala aufgeführt wird, denn wie zur Entschädigung bot am 6.12. Christian Thielemann mit den Berliner Philharmonikern ein reines Verdi-Programm. Zum Teil erklangen sogar Stücke, die bisher kaum ein Italiener gehört haben dürfte, so die Ballett-Musik aus dem dritten Akt von „Otello“, wo nun wirklich ein Ballett völlig abwegig erscheint, aber, der Pariser Tradition geschuldet, für die Aufführung an der Opéra 1894 von Verdi wahrscheinlich zähneknirschend komponiert wurde. Es handelt sich um stark folkloristisch geprägte Kompositionen, darunter eine „canzone greca“. Die Philharmoniker boten sie mit sicht- und hörbarer Spielfreude, schließlich eine absolute Erstaufführung für sie. Bekannter ist die Ballett-Musik aus „Macbeth“, ebenfalls für die französische Fassung entstanden, die zeitlich zwischen der ersten von 1847 für Florenz und der dritten von 1874 für Mailand liegt. Thielemann machte daraus mehr als tänzerische Musik, ließ gewaltätige Hexen mit Aplomb über schottische Hochmoore peitschen, fegte mit viel Brio durch die gespenstische Seelenlandschaft, die selbst einem Walzer Abgründiges verlieh. Als dritte Ballettmusik wurde die aus dem fünfaktigen französischen „Don Carlos“ gespielt, hier als „Tanz der Königin“ betitelt, aber auch als „Perlen-Ballett“ bekannt.  Dem Gran Inquisitore dürfte es wegen seiner weltlichen Daseinsfreude französischer Art, wegen der Festlichkeit höfischen Zeremoniells, auch des melancholischen Walzers wenig zugesagt haben- dem Publikum hingegen gefiel es ausnehmend.

Vor der Pause gab es die späten „Quattro pezzi sacri“ mit dem Berliner Rundfunkchor in hervorragender Verfassung. Kaum wie das Requiem geraten das „Ave Maria“ und „Laudi alla vergine Maria“ in Verdacht, eigentlich Opern zu sein. Das erste Stück wurde nur vom Chor gestaltet, mit feiner Agogik, sehr instrumental geführt, mit vollem Klang auch in den Piani. Allein den Frauen war das zweite Stück vorbehalten, die durch eine wunderbare Reinheit und Klarheit des Klangs erfreuten, der von Thielemann unter Einsatz beider Hände quasi geformt wurde. Starke Anklänge an das Requiem konnte man im „Stabat Mater“ vernehmen, besonders in der Instrumentierung. Mit sanften Streicher- und Harfenklängen schien das Stück zu enden, ehe noch einmal die Bläser das Wort ergriffen. Daß der Rundfunkchor auch über gute Solisten verfügt, konnte er mit dem Te Deum unter Beweis stellen. Zunächst wie aus fernen Klosterräumen kommend, steigerte er sich zu auffallenden Kontrasten in der Lautstärke, von heftiger Glaubenswut kündend. Am Schluß hat ein Solosopran nur wenige Silben zu singen. Sibylla Rubens tat es mit schöner Klarheit und Rundung der Stimme.

Das begeisterte Publikum erzwang noch eine Zugabe, ehe es sich in die erste kalte Berliner Winternacht des Jahres zurück wagte.

Das Konzert wird am 7. und 8.12. wiederholt.

Ingrid Wanja,  06.12.2012

 

 

DIE WALKÜRE

Aufführung vom 24.11.12

wird zur Sternstunde in der Philharmonie Berlin

Sein „Rheingold“ hatte am Donnerstag abend bereits das Publikum entzückt, doch was Marek Janowski und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin am Samstag abend mit der „Walküre“ gelang, war eine wahre musikalische Sternstunde. Bei diesen über vier Stunden Musik stimmte diesmal alles: Die Besetzung, das Nervenkostüm und die Tagesform aller Sängerinnen und Sänger.

Der zweite Teil von Richard Wagners Bühnenfestspiels „Der Ring des Nibelungen“ hat zwei Handlungsstränge, die seinen Protagonisten das Äußerste abverlangen: Die aufreibende Liebesgeschichte der Zwillings-geschwister Siegmund und Sieglinde und den nicht minder spannenden Konflikt zwischen Göttervater Wotan und seiner aufmüpfigen Walküren-Tochter Brünnhilde.

Als Siegmund und Sieglinde bezauberten im ersten Akt Robert Dean Smith und Melanie Diener, ein Paar, sich wunderbar ergänzte. Melanie Diener gab eine introvertierte Sieglinde – eine Frau die gelernt hat, ihre Gefühle zu unterdrücken. Sie begann spröde deklamierend und leuchtete immer mehr auf. Robert Dean Smith war mit seinem karamellig dunkel gefärbten Tenor ein idealer Siegmund. Er besaß heldischen Ernst und Tiefgang, genauso wie Romantik und Süße. Er leistete sich einen unerhört langen Wälseruf, sang die „Winterstürme“ zartschmelzend und stand in der Todverkündigung der Brünnhilde als unerschütterlicher Beschützer und großer Liebender gegenüber. Am Ende des ersten Aktes, der das Publikum zu Standing Ovantions von den Stühlen gerissen hatte, schüttelte Smith der Ersten Cellistin dankend die Hand, (die auf diese Weise ein riesiges Bravo bekam) – weil das Cellosolo zu dem das Liebespaar sich zum ersten Mal in die Augen schaut, so entscheidend ist, für alles was danach passiert.

Der 29jährige Finne Timo Riihonen lag der Hunding weit besser als der Fafner: Er verstand es, kalte Gewaltbereitschaft in seinen Bass zu legen was ihn beeindruckend bedrohlich machte. Ähnlich war die Wandlung bei Tomasz Konieczny. Er lief als Walküren-Wotan zur Höchstform auf. Seine Lebensbeichte geriet packend, alle Brüche und Widersprüchlichkeiten der Figur wurden nachvollziehbar. Mit einem Bariton, dunkel und voluminös wie eine Posaune, metallisch und von schier unerschöpflicher Kraft, steigerte er sich, je weiter es auf den Schluss zu ging, was Marek Janowski und dem Orchester auch noch im dritten Akt ungeheuer lautstarke Höhepunkte erlaubte. Konieczny starke Präsenz als Dreh- und Angelpunkt der Handlung war ein wichtiger Faktor, um die Aufführung über die gefürchteten „Längen“ der Dialoge zu tragen. Und auch leise Momente wagte er. Sein Abschied von Brünnhild krönte seine Darstellung – ein triumphaler künstlerischer Erfolg.

Iris Vermillion gab als Fricka die Furie, wobei sie ihre Rolle viel geschmei- diger und ausdrucksreicher als im Rheingold ausfüllte, in ihre Tiefe legte sie Bitterkeit und ließ keinen Zweifel, dass ihr Erscheinen eine persönliche Rache an ihrem stets untreuen Göttergatten darstellte. Petra Lang als Brünnhilde hatte einen großen Auftritt mit der Passage, die vorsichtige Kolleginnen lieber auf Sparflamme kieksen: Ihr „Hojotoho!“ war eine Explosion, die sie mit voller Wucht und unübersehbarem Spaß in den Saal schmetterte. Sie hielt das Versprechen, welches sie damit gegeben hatte: Eine intensive Brünnhilde zwischen kindlicher Traurigkeit und willenstarker Dramatik.

Wagners vielleicht populärste Melodie, der Walkürenritt, eröffnete den dritten Akt und die Walküren, die auf der Bühne meist spektakulär geschminkt und bekleidet sind, wirken im Konzertsaal ein bißchen wie ein Hausfrauen-Chor in Abendkleidern ... Hier vereinten sich, stellenweise schrill, aber emotional mitreißend die Stimmen von Anja Fidelia Ulrich (Gerhilde), Fionnuala McCarthy (Ortlinde), Heike Wessels (Waltraute), Kismara Pessatti (Schwertleite), Carola Höhn (Helmwige), Wilke te Brummelstroete (Siegrune), Nicole Piccolomini (Grimgerde) und Renate Spingler (Roßweiße).

Nicht nur das Weltklasse-Ensemble, auch Marek Janowski, der sein Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin wieder mit Verve und straffen Tempi geführt hatte, hatte sein „Rheingold“ noch übertroffen.Die Aufführung gelang als eine lebenspralle Tour de Force zwischen Gewalt und Romantik, ohne eine Sekunde gekünstelt zu wirken. Die für Wagners „Ring“ typische Aura der Düsternis und Weltuntergangsstimmung breitete sich in den Blechbläsern unheilvoll aus, ohne das Geschehen lahm zu legen. Die Naturschilderungen der Frühlingsnacht und des Feuerzaubers atmeten lichtdurchflutet.

Das Publikum antwortete auf diesen musikalischen Sturm mit einem wahren Beifallsorkan. Eine seltene Sternstunde.

Rosemarie Frühauf,  25.11.12

 

          

 

Janowskis Wagner-Zyklus

DAS RHEINGOLD

Aufführung vom 22.11.12

Jubelsturm für „Rheingold“ in der Philharmonie Berlin

Einen Jubelsturm und das Publikum außer Rand und Band erlebte man am Donnerstag abend in der Philharmonie Berlin. Marek Janowski und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin begaben sich auf die Zielgerade ihres Wagner-Zyklus mit dem Vorabend des Bühnenfestspiels „Der Ring des Nibelungen“. Um "Das Rheingold" entbrennt in Wagners gleichnamigen Werk ein erbitterter Kampf zwischen Göttern, Riesen und Zwergen. Ein Stück voller egoistischer Gestalten, die nur daran denken, wie sie den anderen eins auswischen können.

Marek Janowski dirigierte das Rheingold nicht auratisch (außer im Vorspiel) sondern flott und erzählerisch als mitreißendes Märchen.Er fasste die zweiundhalb Stunden wie unter einen großen Bogen zusammen, inszenierte berauschende Höhepunkte an geeigneten Stellen (Nibelheim und die Zwischenspiele) und agierte sonst sehr sängerfreundlich. Experimentierfreudig gestaltete er den Schluss, wo die Rheintöcher aus weitester Entfernung kaum noch zu hören waren und die Bläser die Reprise von Wotans großem Gedanken im Pianissimo ansetzen mussten, bevor sie zum pompösen Finale aufdrehten.

Tomasz Konieczny machte aus Göttervater Wotan einen kühlen, berechnenden Typ, der sich ständig von anderen dreinreden lässt. Stimmlich sehr kraftvoll und mächtig, zuweilen schneidend, aber etwas eindimensional im Ausdruck. Ihm fehlte die göttliche Aura und die Zwischentöne, dafür besaß er erstklassige Textverständlichkeit. Man darf gespannt sein, wie er sich in der Walküre schlägt, wo seine Rolle mehr Spielräume bietet.

Ihm zur Seite stand Iris Vermillion mit einem herb-sinnlichen Mezzosopran als seine Göttergattin Fricka – doppelbödige Pragmatikerin zwischen zuckersüßen Tönen und peitschenden Vorwürfen. Silbrig und mädchenhaft dramatisch Ricarda Merbeth als Freia, die beinahe an die Riesen verkauft wird. Deren Zweigestirn dominierte Günther Goissböck als Fasolt, der mit seinem tiefschwarzem und seelenvollem Bass seinen Bruder Fafner übertrumpfte, Timo Riihonen wirkte gegen ihn etwas dünn und polternd. Die Rheintöchter waren solistisch nicht sofort im klangschön-geschmeidigen Fahrwasser, aber als Dreigestirn doch sehr homogen: Julia Borchert (Woglinde), Katharina Kammerloher (Wellgunde) und Kismara Pessatti (Floßhilde). Für Maria Radner als Erda entschleunigte Marek Janowski deutlich. Sie setzte mit langem Atem und großem Klangvolumen wunderbar auf Schlichtheit und war mehr melancholische Träumerin als Urmutter.

Kor-Jan Dusseljee als Froh brachte seine zwei bis drei Einwürfe unspek-takulär hinter sich. Antonio Yang als Donner, der in den Dialogen durch-schnittlich abgeschnitten hatte, entfaltete beim Gewitterzauber noch die majestätisch donnernde, klangschön kultivierte Seite seines voluminösen Baritons und setzte damit einen fantastischen Höhepunkt kurz vor Schluss. Christian Elsner mit einem aalglatten, doch kraftvoll strahlenden Tenor wirkte als Loge wie ein Mann ohne Eigenschaften: Der perfekte Relativist, ein Neutrum zwischen Gut und Böse, denn Verschlagenheit brachte er in keinem Moment über die Rampe. Einen Mime wie aus dem Bilderbuch sang dafür Andreas Conrad, der seine Rolle expressiv anpackte und auch vor häßlichen Tönen nicht zurückschreckte.

Der König des Abend war jedoch Jochen Schmeckenbecher als Alberich: Er hatte die Rolle des größenwahnsinnigen Zwerges in einer Weise durch- drungen, die unter die Haut ging. Mit einer Wortbehandlung, mit der kein anderer mithalten konnte, gestaltete er die denkbar schillerndste Gestalt. Hinreißend böse und verzweifelt, überraschte er mit Nuancen und Brüchen, nutzte die Chance zum Piano wann immer möglich und steigerte sich von Ausbruch zu Ausbruch, indem er die Grenze zwischen Realität und Wahnsinn zu überschreiten schien. Seine Hingabe an die Rolle war so mitreißend, dass man den Ring an seiner Faust funkeln sah und er nach seinem Fluch vom Podium taumelte.

Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin zeigte atemberaubende Präzision in allen Instrumentengruppen, ein rollendes Rauschen in den Streichern, und machtvoll-makellose Bläser. Ein besonderes Erlebnis waren die hämmernden Herren am Amboss und die sechs Harfen, die für sanftes Glitzern und Blinken sorgten

Am Ende wurden die Darsteller ausnahmslos gefeiert. Dem demutsvoll erschöpft wirkenden Marek Janowski und seinem Orchester schlug ein Sturm der Sympathie und Dankbarkeit entgegen. Weil bei ihnen nur Wagner und die Leidenschaft zählt.

Rosemarie Frühauf, 25.11.12

Bilder: Phiharmonie Berlin / Kai Bienert

 

 

 

 

 

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