DER OPERNFREUND - 50.Jahrgang
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Ein ganz Großer erinnert sich

Impressionen und Gespräch mit Kammersänger Bernd Weikl

Tolle Tage in Bodenmais mit einem der größten deutschen Baritone vor Ort und im Gespräch mit Opernfreund-Redakteur (Bild oben) Manfred Drescher

 

Mitte Mai dieses Jahres kann ich auf Einladung der Vorsitzenden des Freundeskreises Museum von Bernd Weikl, Frau Dr. Christiane Meine, einige Tage in Bodenmais verbringen und es sind erlebnisreiche, interessante und ausgefüllte Tage: Anlass ist die Schenkung von Kammersänger Bernd Weikl an seine Heimatgemeinde Bodenmais. Weikl in Wien geboren hat seine gesamte Kindheit in Bodenmais verbracht und obwohl er überwiegend in Hamburg wohnt, kommt er immer wieder nach Bodenmais, in das kleine Haus zurück, in welchem er als Kind lebte. Hier in Bodenmais hatte er im Alten Rathaus vor gut zwei Jahren aus eigenen Mitteln ein Museum eingerichtet mit einer Unzahl von Erinnerungen und Exponaten aus seiner aktiven Zeit als einer der größten deutschen Baritone. Der Ehrenbürger von Bodenmais hat nun im Mai 2017 sein Museum mit allen Artefakten und Exposés dem Markt Bodenmais geschenkt.

Im Rahmen dieses Ereignisses führt Bernd Weikl eine Reihe von Freunden durch sein Museum und erläutert mit launigen Worten den Streifzug durch sein gesangliches Leben. Mit dabei ist der frühere Chefdirigent der musikalischen Komödie Leipzig Roland Seiffarth, die Sopranistin Ruth Ingeborg Ohlmann mit ihrem Mann dem Bariton Johannes Beck und viele andere. Nach der eindrucksvollen Führung durch das Museum, gibt es einen hochinteressanten Vortrag von Weikl über „Die Kunst des Gesangs – ein Blick hinter die Kulissen“ und daran schließt sich die Vorführung der Oper „Falstaff“ von 1910 an. In dieser Aufnahme aus dem Jahre 2010, live aus dem Pfalztheater Kaiserslautern, bringt Weikl das Kunststück fertig, nicht nur in der Titelpartie zu brillieren, sondern auch noch die Inszenierung zu übernehmen. Etwas, was für dies Genre einmalig sein dürfte. Man ist mehr als beeindruckt und trifft sich am Abend zu einem gemütlichen Gedankenaustausch, der gekrönt wird von einer Reihe von Operndarbietungen von Ruth Ingeborg Ohlmann und Johannes Beck. Man erweist dadurch Bernd Weikl die Ehre, ihm, der im italienischen, deutschen, französischen und russischem Opernfach zu Hause gewesen war und der über viele Jahrzehnte bei den Bayreuther Festspielen, an der Metropolitan Opera New York, an der Scala di Milano, der Staatsoper Wien, der Staatsoper München und Hamburg und an der Covent Garden Opera in London brilliert hat.

Ruth Ingeborg Ohlmann, Johannes Beck

Er hat mit allen Großen seiner Zeit zusammengearbeitet, seien es Gesangskollegen der Spitzenklasse, die Elite der Dirigenten und Regisseuren und er hat – Gott sei Dank - eine Unmenge an Aufnahmen auf Tonträgern der Nachwelt hinterlassen. Daneben macht er sich aber auch als Buchautor einen Namen, derzeit ist er wieder eifrig am Schreiben für ein neues Werk. Auch als Dozent und Regisseur war er mehr als gefragt.

Am Nachmittag des 13. Mai 2017 empfängt er mich in seinem kleinen beschaulichen Häuschen in der Mitte von Bodenmais. Was mich als erstes erstaunt, ist die Tatsache, dass keinerlei Erinnerungsstücke an seine Bühnenkarriere im Haus zu finden sind. Er erklärt mir, dass er sein Leben nach der Zukunft und nicht nach der Vergangenheit ausrichte. Die Vergangenheit sei niedergelegt in den umfangreichen Einblicken in seine künstlerische Karriere in seinem Museum. Dort gehöre es auch hin. Hier in seinem Haus fröne er der Zukunft, dem Schreiben neuer Werke, der Beschäftigung mit den teilweise auch Unbillen, die heutzutage in der Oper auftreten und in seiner Auseinandersetzung mit Einflüssen auf diese Kunst, die teilweise nicht mehr hinzunehmen sind. Ich habe dann die Gelegenheit mit ihm ein sehr ausführliches Gespräch führen zu können, welches ich hier nur in kurzen Ausschnitten wiedergeben kann.

Lieber Bernd Weikl, der letzte große Bühnenauftritt war 2010 in Kaiserslautern, es würde mich zu Beginn einmal interessieren, wie es ist, wenn man nach vielen Jahrzehnten des Stehens im Rampenlicht, plötzlich dieses Medium der Bühne nicht mehr hat?

Ja, das ist für mich ganz einfach, ich beschäftige mich ja weiterhin mit vielen anderen Dingen, zum Beispiel dem Schreiben von Büchern. Das moderne zeitgenössische Theater hat mir nicht mehr viel gegeben. Ich habe es auch nie groß angegriffen, aber immer betont, dass dabei alles handwerklich stimmen muss. Man muss wissen, wie eine Gesangsstunde abläuft, man muss darauf eingehen, wann und wie ein Sänger richtig zu atmen hat, alles Dinge, die von der Regie nicht mehr beachtet wurden. Damit konnte ich nichts mehr anfangen. Mit dem „Falstaff“, den ich 2010 als Sänger der Hauptpartie und als Regisseur gemacht habe, habe ich praktisch meine offizielle Gesangslaufbahn beendet. Ich gebe gerne zu, dass ich auf diese Einspielung sehr stolz bin, denn beide Dinge zu vereinen ist fast unmöglich, aber ich habe es geschafft. Beim Singen darf das Zwerchfell nicht verkrampft werden, die Stimme muss fließen können. Keine Mätzchen, die die Stimme beeinträchtigen und die Luft wegnehmen, wie nach hinten oder zu Seite singen, oder sich während des Singens am Boden herumwälzen, darf den Wohlklang der Stimme und die Ausdruckskraft beeinträchtigen. Wie ich vor vielen Jahren in Hannover angefangen habe, waren für die Schauspieler die Sänger nur minderwertig, da sie sich auf der Bühne nicht bewegen konnten. Ich bin damals in vier großen Theateraufführungen als Schauspieler aufgetreten und habe dieses Spiel beim Gesang mein künstlerisches Leben lang beibehalten.

Es hat ja früher viele Sänger gegeben, die während ihrer Ausbildung auch Schauspielunterricht, Tanzunterricht etc. hatten, aus meiner Sicht ist dies heute kaum mehr der Fall.

Ja, das ist richtig, früher war die gesamte Ausbildung umfangreicher, detaillierter. Auch ein Regisseur hat wissen müssen, was man mit einem Sänger machen kann, man muss sich ja nur einmal vorstellen, dass ein teilweise über 120 Mann starkes Orchester „übersungen“ werden muss.

Ich suche mir heute für meine Musikbesuche Opernhäuser aus, wo Oper noch so aufgeführt wird, wie es sein soll und wo die Sänger ihren Stimmen entsprechend eingesetzt und nicht überfordert werden.

 

Deswegen mache ich ja auch viele meiner Vorträge um zu erläutern, was ein Sänger heute alles können muss mit seinem Instrument. Du musst mit deinem Zwerchfell schwer arbeiten um leise Töne zu erzeugen. Die leisen Töne einer großen Stimme sind viel schöner als wenn ich künstlich die Stimme verkleinere, das ist falsch und geht gar nicht. Dieses ganze Wissen hat es mir in den letzten Jahren unmöglich gemacht auf der Bühne weiter zu spielen. Ich hätte mich permanent mit allen möglichen Menschen anlegen müssen, und dafür ist die Zeit zu kostbar.

Du bist von 1968 bis 2010, also über 42 Jahre auf der Bühne gestanden. Wieviel Wehmut ist vorhanden, dies nicht mehr zu tun und nur noch im Museum die Erinnerungen zu haben?

Es gibt keinerlei Wehmut, ich stelle es im Museum als Kulturgut den Menschen zur Verfügung. Ich habe mich ja auch nicht von allem getrennt, es ist ja alles da. Ich habe etwas gemacht, ich glaube auch recht gut, es fertiggestellt und habe es dann abgeschlossen. Ich lebe also nicht in der Vergangenheit. Jetzt schreibe ich z.B. weiterhin Bücher, es besteht auf die Relikte der Vergangenheit kein Besitzerstolz mehr, es ist abgeschlossen.

Wenn man heute ins Internet geht, gibt es von den großen Sängern d er Geschichte kaum mehr Material, geschweige denn vollständige Aufnahmen. Nach einem Kurt Böhme z.B. finde ich fast gar nichts mehr. Von Dir gibt es ja – Gott sei Dank – noch eine ganze Menge von Aufnahmen.

Sicherlich, das freut mich auch, wobei ich auch ehrlich sagen muss, dass es von mir auch technisch nicht so gute Aufnahmen gibt. Einspielungen, auf die ich leider kaum Einfluss hatte. Die Tontechniker hatten bei mir immer Probleme, denn es ist sehr schwer, eine große Stimme zu konservieren, oft wird sie der Bandbreite wegen künstlich verkleinert. Eine der besten Aufnahmen von mir, auf die ich wirklich sehr stolz bin, ist die „Winterreise“.

Bernd Weikl in seinem Museum

Oftmals werden Sänger ja miteinander verglichen, was teilweise gar nicht möglich ist, die Stimme von Dir und beispielsweise Hermann Prey sind ja völlig verschieden und nicht vergleichbar.

Ach ja, der Hermann Prey. Wir zwei waren nie Konkurrenten sondern die besten Freunde und sicherlich konnte man unsere Stimmen nicht miteinander vergleichen. Die Stimme ist ein Spiegel der Seele. Eine warme Persönlichkeit hat auch eine warme, gefühlvolle Stimme. Ich habe auch während meiner ganzen Karriere immer darauf geachtet, dass man bei mir beim Gesang jedes einzelne Wort verstanden hat.

Gibt es eigentlich irgendwelche Rollen, wo Du sagst, die habe ich ganz besonders gerne gesungen, Bereiche die Dir besonders am Herzen gelegen haben?

Ich habe alle Rollen gerne gesungen, bei denen das Umfeld und die Umstände gepasst haben. Die schönste Lieblingsrolle hat dich unzufrieden gelassen, wenn die Aufführung nicht gepasst hat. Aber gut, wenn Du mich so fragst, der Sachs in den Meistersingern, oder die Salome oder auch der Mandryka aus Arabella waren Rollen, die mich besonders gefesselt haben. Den Sachs musste ich beispielsweise immer in der Mittellage singen, weil mir die Partie etwas zu tief lag. Ich habe ja auch Tenorrollen gesungen, z.B. den Eisenstein aus der Fledermaus, selbst das hohe „C“ hatte ich drauf, bin aber überwiegend bei den Baritonrollen geblieben. So wie ja auch das deutsche Fach ein eigentlich schweres athletisches Fach ist.

Du hast Deine Rollen ja immer behutsam und ausdauernd erarbeitet, von Beginn Deiner Karriere an. Viele der heutigen jungen Kollegen, werden gnadenlos verheizt, mit Rollen, die für sie viel zu früh kommen und die die Stimme in der Entwicklung bremsen oder sie gar unbrauchbar machen können.

Da gebe ich Dir völlig Recht. Ich habe immer viel mit dem Körper gearbeitet. Ich habe begriffen, dass die Muskulatur und das Zwerchfell das einzig Wichtige sind und die abdominale Atmung, also die Öffnung des Ansatzrohres, soweit wie möglich erfolgen muss. Dann kannst Du fast alles singen, denn die Stimmbänder an und für sich kannst Du nicht trainieren. Die Stimmbänder dürfen eigentlich gar nicht arbeiten und dürfen keinen Schaden erleiden. Schäden liegen immer nur an der falschen Ausbildung.

Ist es richtig, dass viele junge Sänger heute gar nicht mehr bereit sind, die Ausbildung bis zum Ende durchzustehen, sondern so früh wie möglich auf die Bühne drängen um Geld zu verdienen.

So ist es, so ist es. Ich habe beispielsweise einmal einer Sängerin gesagt, du singst ja mit geschlossenem Mund, das geht so nicht, du musst das Ansatzrohrrunter machen, es muss sein wie bei einem Karpfen und nicht wie bei einem Frosch. Sie entgegnete mir dass sie das nicht machen würde und lieber 100mal vorsingen, irgendjemand werde sie dann schon engagieren. In einer Jury, habe ich einmal mit 3 Sängern vor dem Finale geprobt (von 15 wollten dies nur 3), diese haben dann die ersten Preise unter sich ausgemacht. Sie waren mir unendlich dankbar dafür, dass ich Ihnen das Ansatzrohr geöffnet hatte. Dann sagten sie mir, dass sie so aber an ihrer Hochschule nicht singen dürften. Dies ist doch furchtbar.

Früher wurde in der Gesangsausbildung neben Schauspiel auch Tanz und Schwerpunkt Operette gelehrt. Die gibt es ja scheinbar heute nicht mehr.

Da hast Du völlig Recht, die Operette ist die höchste Form an Kunst, die es überhaupt am Theater gibt. Sie hat alles, sie hat Tanzen, sie hat Sprechen und sie hat großes Singen.

Es gibt heute keine oder nur noch sehr wenige gute Baritone. Woran liegt das denn.

Na ja, über meine jetzigen Kollegen will ich mich nicht groß äußern. Nur eins, ich habe früher in Bodenmais das Leben eines Naturburschen geführt. Ich habe Kühe gehütet, habe gefischt, habe mich viel bewegt, auf meinen Körper geachtet. Die Stimme muss auch immer in sich ruhen, bei allem, was du machst. Ich glaube, und dass kann ich ganz unbescheiden sagen, ich habe zu meiner Zeit auch Ausstrahlung und Persönlichkeit besessen. Dies ist vielfach verlorengegangen und eine aus meiner Sicht immer schlechtere Ausbildung kommt dazu.

Früher war fast jede Woche eine Operette oder auch eine Oper im Fernsehen, die Einschaltquoten waren enorm hoch. Heute gibt es diesen Musikbereich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, der ja dafür prädestiniert wäre, praktisch nicht mehr. Junge Menschen kommen so an diese wunderbare Form der Musik nicht mehr heran. Operette wird fast komplett totgeschwiegen, die Oper ebenfalls im Programm kaum zu finden.

Wir haben heute eine andere Zeit, eine hektische, skandalträchtige. Buhfrauen und Buhmänner gehen heute in die Opernhäuser um sich dort ausschreien zu können, der Computer steht heute im Vordergrund. Für Erhabenes, Schönes ist praktisch kein Platz mehr. Kunst ist da um Freude zu verbreiten, das heutige Publikum ist da, um Ärger zu erzeugen. Die Verrohung der Gesellschaft nimmt leider immer mehr zu. Man sucht das Hässliche und das ist der Verfall. Das Rad der Zeit kann man leider nicht zurückdrehen. Musik erleben muss man von klein auf lernen. Musik soll glücklich machen. Ich wollte in meinem Leben immer einen Bildungsauftrag erfüllen. Ich wollte gute Menschen im Zuschauerraum freudvoll entlassen. Sie sollten mit dem Gefühl nach Hause gehen, etwas Außergewöhnliches erlebt zu haben, an welchem sie noch länger zehren können. Das war meine Aufgabe.

Lieber Bernd Weikl, ich danke Dir, dass Du so viel aus Deinem bewegten künstlerischen Leben preisgegeben hast, man könnte noch stundenlang weitersprechen und es würde nicht langweilig werden. Das Gespräch mit einem Jahrhundertsänger, und ich glaube dass man dich so bezeichnen darf, nein muss, hat mir viel gegeben. Ich wünsche Dir viel Erfolg zu Deinem neuen Buch und hoffe, dass viele Besucher den Weg nach Bodenmais finden, um hier in Deinem Museum die Zeugnisse eines erfüllten Künstlerlebens in sich aufsaugen zu können. Alles erdenklich Gute für die Zukunft und ein herzliches Dankeschön für dieses Interview, auch im Namen von „Der Opernfreund“ noch viel aktive und erfüllte Jahre.

Manfred Drescher, 10.06.2017  

Bilder Opernfreund

 

 

 

BERND WEIKL

„Was gesagt werden muss!“

Bernd Weikl hat sein Buch „Swastikas on Stage“ mitgebracht und einen angeregten Nachmittag lang in der Kunst-Werk-Galerie des Online Merkers darüber gesprochen. Und über vieles andere mehr

wag Weikl  Zeiningr

Herr Kammersänger Weikl, wir Wiener Opernfreunde hatten gut drei Jahrzehnte lang die Möglichkeit, Ihre stimmlich und darstellerisch so prächtig konturierten Gestalten auf der Bühne zu sehen. Das begann, wenn man den Archiv-Aufzeichnungen der Staatsoper glauben will, mit einem Rossini-Barbier im Jahre 1972…

Das ist leider falsch. In meiner Biographie steht es richtig. Ich habe bereits im Oktober davor mit dem großen Italiener Mario del Monaco einen „Bajazzo“ gesungen, wo er mich beinahe auf der Bühne erstochen hat. Denn er hat als Canio mir als Silvio das Bühnen-Messer, das ja an sich per Knopfdruck verschwindet, wenn man es dem Gegenüber hineindrückt, in den Bauch hineingestochen und vergessen, den rettenden Knopf zu drücken … Es war ein Wunder, dass ich mit einem blau-grünen Bluterguß davon gekommen bin. Ja, so war’s, und ich hab’s der Staatsoper hundertmal gesagt, dass das in ihrem Archiv falsch ist, weil ich in diesem „Bajazzo“ nicht vorkomme, aber sie ändern’s nicht.

Immerhin kann man diesem Archiv und dem eigenen Gedächtnis die Fülle von Rollen entnehmen, die Sie gesungen haben, bis Sie sich von uns 2003 mit einem Scarpia verabschiedet haben – Mozart (Giovanni, Graf, Guglielmo), viel Verdi (Jago, Amonasro, Ford, Posa, Germont), den Onegin, und auch den Eisenstein und natürlich das deutsche Fach mit Sachs, Holländer, Amfortas, Wolfram ebenso wie Barak, Orest, Mandryka.

Ja, ich habe doch mein Leben lang darunter „gelitten“, wenn man so sagen will, dass deutschsprachige Sänger wie ich geradezu auf das deutsche Fach einzementiert wurden – und wenn jemand wie James Levine mich an der Met den Posa singen ließ, wurde ich gnadenlos ausgebuht, weil man in diesen Rollen eben nur Italiener hören wollte. Genau so ging es mir in Paris, als ich mit Pavarotti dort den Belcore im „Liebestrank“ sang: „Perche far questo Wagner con la voce tua?“ hat Luciano mich gefragt und wollte mich auf seine weltweite „Liebestrank“-Tournee mitnehmen. Aber es hätte keinen Sinn gehabt – wie Freunde meinten: „Weißt Du, Bernd, deutsche Sänger werden in Paris immer ausgebuht, wenn sie nicht das deutsche Fach singen…“ Immerhin habe ich mir die Freude gemacht, meine Karriere 2010 als Regisseur und Hauptdarsteller von Verdis „Falstaff“ in Kaiserslautern zu beenden.


Renate Wagner im Gespräch mit KS. Bernd Weikl. Copyright: Barbara Zeininger

Sie haben immerhin Jahrzehnte in Bayreuth verbracht, mit wenigen Unterbrechungen vom Wolfram 1972 im berühmen Götz Friedrich-„Tannhäuser“ bis zum Amfortas unter Sinopoli zuletzt 1996, dazwischen immer wieder Sachs und Holländer… waren Sie da richtig?

Sie haben dort nie berühmt bezahlt, für große Rollen bekam man 8000 Mark pro Abend, aber das war vollständig Blunzen. Mir war klar, dass ich nur mit Wagner Karriere machen kann, und so habe ich alle großen Rollen gesungen – bis auf den Wotan, der war mir zu tief. Ich war ja eigentlich ein hoher Bariton, ich habe an der Wiener Staatsoper den Eisenstein in der Tenor-Fassung gesungen, Karajan wollte mich auch als Tenor. Aber ich blieb Wagner-Bariton, die Vorurteile waren unüberwindbar – am wenigsten noch in Wien, wo man mich vieles singen ließ.

Ihr „Nachdenken über Richard Wagner“ begleitet Sie ja nun auch schon viele Jahre und resultiert vermutlich aus der Auseinandersetzung mit den Rollen und der ständigen Konfrontation mit dieser doch so widersprüchlichen Persönlichkeit Wagners?

Meine Überlegungen, dass etwas auf unseren Bühnen nicht stimmt, hat ganz anders begonnen, gar nicht mit Wagner. Ich habe mir überlegt, warum werden Opernhäuser subventioniert, was ist mit dem bei uns gesetzlich verankerten Bildungsauftrag gemeint, was sollte Musik bewirken? Da habe ich 1996 in der Psychiatrie in der Nussbaumstrasse in München eine Intervention durchgeführt, die sich mit „Angewandtes Atmen und angewandtes Singen bei stationär Kranken“ befasste. Ich wollte wissen, ob da eine „Katharsis“ entstehen kann im Gegensatz etwa zu Gesprächtherapien, die dort gemacht wurden und zu nichts geführt haben. Die Ärzte waren ganz verblüfft, wie diese Sing- und Atemübungen die Kranken „befreit“ haben, sie standen aufrecht und mussten nicht mehr geführt werden, sie strahlten richtig. Ich wollte zeigen, welche Wirkung Musik auf den Menschen haben kann.

Was hat das mit Richard Wagner zu tun, der ja schon zu Lebzeiten umstritten war, aber seit seiner Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus als Gestalt gewissermaßen „beschädigt“ ist – und eine Spielwiese für Regisseure, die offenbar gar nicht anders können, als Wagners Werk unter diesem Gesichtspunkt der Hitler- und Nazi-Verstrickung auf die Bühne zu bringen.

Der Bildungsauftrag in der Musik ist jetzt nicht dazu da, Wagners Antisemitismus zu verbreiten, ich kann auch nicht antisemitisch singen – die Musik von Wagner eignete sich besonders für meine Versuche, weil sie sehr tief eindringt, Menschen emotional sehr stark berührt, tiefer als andere Musik, wobei ich das dem Verdi auch nicht absprechen möchte, gute Komponisten können das. Bei Wagner ist das ausgerichtet auf eine ideologische Erneuerung, auf eine Wiedergeburt, das heißt, durch seine Musik soll ein altruistischer Menschentyp entstehen.

Dennoch bleibt die Frage, ob Wagner sich nicht geradezu angeboten hat, von den Nationalsozialisten instrumentalisiert zu werden. In Ihrem Buch „Swastikas on Stage“ – also „Hakenkreuze auf der Bühne“ -, das Sie auf Englisch herausgebracht haben, zitieren Sie ja durchaus „Zeugen der Anklage“, nämlich das deutsche Feuilleton. In der „Zeit“ hieß es, Wagner habe den Holocaust geradezu gefordert, im „Spiegel“ fragte Rudolf Augstein, wie groß Wagners Mitschuld daran war…

Ich habe mit Wolfgang Wagner oft darüber gesprochen, auch mit Winifred, die mich bei Forelle Müllerin und Petersilkartoffel empfing und da weniger einsichtig war, denn sie war bis zum Schluß verliebt in diesen Mann, der ja eigentlich gar nicht wie ein Mann ausgeschaut hat. Sie hätte ihn auch gerne geheiratet, wie ihre Tochter Friedelind einmal gesagt hat, als man sie fragte: Wie ist denn das mit dem Hitler und Deiner Mutter? Und sie meinte in schönstem Fränkisch-Bayerisch: „Mei Mudda mecht scho, aber der Hitler mog fei net.“ Wie dem auch sei – Hitler hat sich weniger mit Wagners Musik identifiziert als mit dessen Helden. Und wie wenig er davon verstanden hat, zeigt sich ja daran, dass er sich den Rienzi ausgesucht hat – aber der war einfach ein Usurpator wie er selbst, der hat gar nicht begriffen, mit welch negativer Figur er sich da verglichen hat.

Aber es ging ja wohl um die mitreißende Macht der Musik. Es ist bekannt, dass nicht nur Hitler davon glühend enthusiasmiert war, so dass er entschlossen war, das „Dritte Reich“ zu gründen. Nachdem Theodor Herzl „Rienzi“ gehört hatte, war er begeistert überzeugt, dass es den „Judenstaat“ geben würde…

Ja, aber Herzl – der übrigens andauernd „Tannhäuser“ hörte, als er den „Judenstaat“ schrieb – hat viel mehr begriffen. Und ich kann zu Wagners Antisemitismus immer nur den jüdischen Wissenschaftler Irad Atir zitieren, der sich genau damit auseinander gesetzt hat und erklärt, dass Wagners Antisemitismus ein anderer war als die mörderische Version seines Verehrers Hitler.

Sicher war Wagner als Antisemit Opportunist wie bei allem anderen, als er sich von Meyerbeer Unterstützung erhoffte, bettelte er ihn an, als es nicht funktionierte, beschimpfte er ihn. Als er König Ludwig II. anbettelte und das klappte, schmeichelte er ihm grenzenlos. Und der große „Deutsche“ Wagner hätte „Bayreuth“ ohne weiters in den USA gegründet, wenn er die geforderte Million Dollar bekommen hätte – alles nur der Egoismus eines Künstlers, bei dem sich alles um sich selbst und sein Werk drehte. Immer im Raum steht dennoch die Behauptung, Wagner hätte viele negative „jüdische“ Figuren in seinem Werk gezeichnet – selbst Gustav Mahler bestätigte das in Bezug auf Mime…

In jeder Oper gibt es Sieger und gibt es Unterlegene, und wenn Adorno geschrieben hat, alle Zurückgewiesenen in Wagners Musikdramatik sind Juden-Charaktere, so ist das doch ein Schmarrn. Der wunderbare Marcel Prawy hat zu mir gesagt: Weiklchen, weißt Du, der Sachs ist doch eigentlich ein Jidd! Und er spielte mir, mit charakteristischer Handbewegung: „Euch macht ihr’s leicht, mir macht ihr’s schwer…“ vor. Und Wotan? Ein übler Lügner, Betrüger, Ehebrecher, Manipulierer – Jude! Man kann mit etwas üblem Willen aus allem alles machen – aus Sachs einen Pädophilen, der eigentlich nur David will, eine solche Inszenierung hat es gegeben, oder aus Onegin einen Schwulen…

… was ja in München genau so auf die Bühne gebracht wurde. Aber mit „Schmarrn“ lässt sich die Behauptung der Wagner’schen angeblich „jüdischen Figuren“ nicht abtun – das wird wohl immer Ansichtssache sein. Stefan Mickisch etwa schwört, er könne aus der Musik heraus beweisen, dass den fraglichen Figuren nichts „Jüdisches“ anhaftet.

Man muss sich auch fragen, was denn getan werden kann. Ich habe schließlich auch Bücher mit so widersprüchlichen Titeln „Warum Richard Wagner in Deutschland verboten werden muss“ beziehungsweise „Freispruch für Richard Wagner?“ geschrieben. Also – in Deutschland sagt man doch, wir treiben den Teufel mit Beelzebub aus. Ich sage jetzt, Kinder ihr habt alle Recht, wir machen Bayreuth zu, denn wir können diesen Antisemiten nicht spielen, Wagner muss verboten werden. Dann aber kommen die Politiker und sagen, nein, nein, so war es auch wieder nicht gemeint. Was will man? Oder was tut man? Ab heute ist Wagner in Deutschland verboten, außerdem werden alle Schäferhunde erschossen, weil Hitler einen hatte, Vegetarier gelten als verboten, weil Hitler einer war, es werden die Autobahnen gesprengt, VW abgeschafft (Stimme aus dem Publikum, sie gehört Wolfgang Habermann: Das schaffen die schon selber…). Man muss schon klar stellen, wie verrückt die Argumentation geworden ist.

Der zweite Teil des Buches „Swastikas on Stage“ befasst sich mit heutigen Inszenierungen, die sich einfach reichlich aus dem politischen Reservoire des Nationalsozialismus bedienen. Sie bringen da Vorschläge für die Wagner-Opern…

… ja und für „Hänsel und Gretel“, das mag ich besonders: Die beiden sind nationalsozialistisches Jungvolk, drogenabhängig, laufen auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg herum, wo sonst, treffen dort die Hexe Hitler, eine jüdische Transe mit Kunstbusen und Judensternen drauf, dann verkauft diese Transe den beiden Drogen und sie legen sich zu einem Inzest hin – „abends, wenn ich schlafen geh…“ Die 14 Engel sind 14 KZ-Wärter, die schlagen mit Peitschen auf die jüdische Transe ein. Hänsel und Gretel werden munter, wollen neue Drogen, die Transe hat keine mehr, dann wird sie von den 14 KZ-Wächtern erschlagen. Anschließend wird deren Körper zerlegt und geräuchert und Hänsel und Gretel bringen das auf den Christkindlmarkt, wo überall Hakenkreuzfahnen wehen, und verkaufen die Schinken dort, bekommen dafür neue Drogen, treffen ihre Eltern wieder und schließen sich Pegida an…

 Grauslich, obwohl zu befürchten wäre, dass man auch einer solchen Interpretation auf deutschen Bühnen begegnen könnte. Sie wettern nun schon die längste Zeit gegen Inszenierungen, wie sie heute auf den deutschen Bühnen erscheinen, aber erreicht haben Sie damit eigentlich nichts, außer dass man Sie persönlich angreift.

Ja, ich könnte in den allgemeinen Chor der heute verbindlichen Meinungen einstimmen, und dann dürfte ich wohl überall Regie führen, aber ich bin einfach nicht käuflich. Ich habe sehr viel Geld für meine Bücher ausgegeben, denn ich habe ja das Meiste selbst finanziert. Wenn es nicht anerkannt wird, dann habe ich wenigstens die Befriedigung, gesagt zu haben, was meiner Meinung nach gesagt werden muss – und rutscht mir den Buckel runter. Ich lebe in Hamburg, schwimme in meinem Pool, lese Bücher, freu mich des Lebens – ich werde ja im Sommer auch schon 74, da muss man schauen, dass man dann noch die letzten Jahre so gut wie möglich verbringt. Ich habe alles getan und alles gesagt.

Wird es je eine Trendwende geben?

Das glaube ich nicht. An sämtlichen Universitäten wird unterrichtet, dass Wagner „den Holocaust erfunden“ hat. Und das multipliziert sich – wer heute Musik- oder Theaterwissenschaft studiert und promovieren will, kann über Wagner nur das schreiben, dann kann er promovieren, dann wird er Regisseur oder Chefdramaturg… es wird sich in Deutschland nicht ändern. In Amerika gibt es das nicht, aber in Deutschland kann jeder machen, was er will. In der Düsseldorfer „Tannhäuser“-Inszenierung wurden Menschen auf der Bühne vergast, ich habe es angezeigt, und der Generalstaatsanwalt schrieb mir, das darf man, das ist Kunst und die Freiheit der Kunst. Was ich nur nicht einsehe – wenn jemand in St. Pauli – ich lebe ja in Hamburg – in ein sadomasochistisches Lokal geht, kann er das gerne tun, aber er muss dafür bezahlen. Wieso müssen wir alle mit unseren Steuergeldern bezahlen, wenn sich diese Dinge auf der Bühne abspielen?

Also hoffen Sie doch, dass man etwas dagegen tun könnte?

Ich habe dieses Buch auf Englisch veröffentlicht, weil es eigentlich ein Hilferuf an die Amerikaner und die Engländer ist, dass möglichst in der ganzen Welt klar wird, was Deutschland hier auf den Bühnen macht – und ich habe schon eine Menge positiver Resonanz von drüben bekommen. Aber was soll man hierzulande machen? Der hoch intelligente Wagner-Fachmann Udo Bermbach hat mir in einem Brief geschrieben, was wäre aus der Oper geworden, hätten sich nicht die Schauspielregisseure ihrer angenommen…! Kein Wunder, dass das auf der Strecke bleibt, was – die Texte sind ja in vielen Opern unsäglich – eigentlich zählt: die Musik.

Renate Wagner 11.2.2016

Foto (c) Barbara Zeininger

 

 

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