DER OPERNFREUND - 42.Jahrgang
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Photos: Thilo Beu
LA SONNAMBULA

Premiere am 03.07.11,

besuchte Vorstellung am 06.07.11

Unter den Belcanto-Raritäten warten viele ungehobene Schätze mit schönster Musik, aber einem schwachen Libretto auf: Bellinis "La Sonnambula" ist zweifelsohne eine solche Perle, deren geniale Musik mit einem schwer zu inszenierenden Libretto verbunden ist, um so erfreulicher, daß sich die Oper Bonn an eine szenische Aufführung von Bellinis Meisterwerk gewagt hat. Roland Schwab sucht als Regisseur den Zugang über das Verhätnis der Protagonisten zur Dorfgesellschaft, die mal mitfühlend, mal bedrohlich in Erscheinung tritt, die Einzelpersonen, vor allem Amina, die Nachtwandlerin, und ihr Bräutigam Elvino geraten da seltsam farblos und dem Standartgestenrepertoire der italienischen Oper verpflichtet. Doch der Abend lebt in hohem Maße von den hochästhetischen Bühnenbildern von Frank Fellmann, das schräge Bergpanorama, das schwebende Spielzeugdorf mit seiner Tages-und Nachtseite wirken wie eine Traumlandschaft durch die sich die Wellenbewegungen von Bellinis wundersamen, langen Melodien und die starken Gefühlszustände der handelnden Personen bewegen. Die Nebenfiguren, so der Conte Rodolfo, der der traditionverhafteten Dorfgesellschaft mit seinen technischen Spielereien wie Phonograph und Laterna Magica, wie ein Magier vorkommen muß, oder die frustrierte Lisa, die der passiven Titelgestalt Amina eine tragende Gegenspielerin wird, beleben die lyrische Szene. So neckische Details, wie die Kinder-Amoretten wirken niedlich, doch unnötig geschmäcklerisch.

Ein Grund für die Aufführung ist sicherlich Julia Novikova, die dem Bonner Haus noch durch Gastverträge verbunden ist, doch längst an der Wiener Staatsoper plaziert ist, ihre Amina gefällt in ihrer lyrischen Verhaltenheit, den geschwinden Koloraturen, doch in den tiefen Lagen bei den großen Concertati fehlt der Stimme einfach Volumen und Durchschlagskraft. In den Startlöchern steht allerdings schon Emiliya Ivanona als Lisa, die schon die Hauptpartie anvisiert und in der Übernahme in der nächsten Saison auch geben wird, die Lisa ist mit etwas gehaltvollerem Material deutlich eine Visitenkarte.

Genauso schwierig die lyrische Tenorpartie des Elvino; mit Marc Laho hat man einen Protagonisten aus der französischen Schule gewonnen, dessen Tenor in der Höhe zwar nicht ganz aufblühen mag und weiße Farben aufweist, doch die gediegene Italianita, der stilvolle Vortrag und die emotionale Akuratesse sind tadellos. Als bombig möchte man den substanzvollen Bassbariton Martin Tzonevs bezeichnen, der bei prägnanter Stimmfarbe auch die Leichtigkeit für die Kantilenen besitzt. Susanne Blattert morpht szenisch zu einer echten Mutter, vokal serviert sie in der kleineren Partie der Teresa kultivierten Schönklang. Sven Bakin gefällt mit charakteristischem Bariton als Alessio. Die Chöre wirken vokal, ob der schwierigen Positionierung, nicht immer ganz präsent, wie man das in Bonn gewohnt ist. Das Beethoven Orchester Bonn spielt einen ausgewogenen Bellini, wenngleich Robin Engelen am Pult noch mehr Struktur in die Kantilenen bringen könnte, er läßt den Sängern manchmal zu sehr die "lange Leine", gerade Julia Novikova kommt unter der Faszination ihres schönen Soprans gerne mal ins Schleppen. Die Cabaletta der Rodolfo-Arie nimmt Engelen dagegen sehr flott, so daß sie in Buffo-Nähe gerät, was nicht den Kern der eigentlichen Melodik trifft.

Insgesamt für alle Belkanto-Freunde ein "Muss", für einfache Opernfreunde eine unbedingte Möglichkeit in einer wirklich gelungenen Aufführung eine der großen, berühmten "Unbekannten" kennenzulernen. Vielleicht auch noch als Tipp in der nächsten Saison die vokale Alternative auszukosten.

Martin Freitag




"Rusalka" als pures zeitloses Märchen in Bonn

Ein Traum von Inszenierung

Oper, wie sie schöner nicht sein kann

Premiere Oper Bonn am 3.4.

Der Schlußjubel ist so gewaltig wie bei einer geglückten Wagner-Oper. Ein viertelstündiger Riesenbeifall für eine auf Tschechisch gesungene Oper! Das Publikum ist beseelt – Bravo-Rufe, als wären wir in Bayreuth oder Salzburg. Schon zum zweiten Akt wird Gastdirigent Jaroslav Kyzlink, Musikchef des Slowakischen Nationaltheaters Bratislava, mit Jubelrufen empfangen, als wäre Karajan selig auferstanden, und der dritte Akt kann erst mit Verzögerung beginnen, da die Zuschauer völlig aus dem Häuschen sind. Hat man je diese Oper in solch einerseits emotional aufwühlenden Klangeruptionen, anderseits so schön harmonisch wie die Moldau dahinfließend erlebt? Ich glaube nicht! Was ist da für ein Orchester in Bonn in den letzten Jahren gewachsen. Ob Puccini, Korngold oder jüngst noch Franz Schreker, hier ist ein Weltklasse-Orchester entstanden. Musikabende in der Bonner Oper präsentieren sich zunehmend auf internationalem Festival-Niveau. Man stellt Weltklassebühnen wie Wien, Mailand oder München gar in den Schatten. Aber nicht nur was die Ohren hören wird zum einmaligen Erlebnis, auch die Qualität der Produktionen liegt auf internationalem Niveau.

Endlich, endlich darf "Rusalka" nach Jahrzehnten der Entbehrung adäquater Umsetzung mal wieder als Märchen über die Bühne gehen. Nicht Müllhalde, Kellerverlies noch Edelbordell, auch wird nicht wie in München für jede Aufführung ein Reh geschlachtet, damit die Kadaver noch dampfend frisch sind (!), nein hier wird ein phantasievolles Märchen inszeniert.

Der gebürtige Amerikaner Mark Daniel Hirsch, der selbst Familienvater ist, hat lange Zeit Kinderoper inszeniert, aber niemals in allzu konventioneller Machart. Der Bühnenzauber steht bei ihm immer im Vordergrund. "In meiner Rusalka gibt es keine nackten Frauen und keine Totenköpfe." Rusalka wird also in Bonn endlich mal wieder jugendfrei, obwohl drei Stunden für eine Kinder- oder Jugendoper schon recht starker Tobak sind. Entsprechend waren Jugendliche bei der Premiere nur mit der Lupe zu orten. Dabei inszeniert Hirsch in wunderbarer Frische und Lebendigkeit, teils mit so verblüffend schönen Bildern, die sich noch durch bewegte Projektionen ergänzen, daß die Zeit wirklich wie im Flug vergeht.

Wenn Licht (Max Karbe), Bühne (Helmut Stürmer) und Kostüme (Dieter Hauber & Karin Stephany) - nicht zu vergessen die traumverlorenen Video-Projektionen von Andu Dumitrescu - in solch märchenhafter Realisierung den Zuschauer verzaubern, dann ist ein Opernabend-Glücksfall angesagt, wie wir ihn jahrelang nicht erlebt haben. Und wenn die goldfarbenen Party-Phantasie-Kostüme im zweiten Akt dem Publikum schon Spontanbeifall entlocken, dann ist das nicht nur ein beglückender Moment für die Zuschauer, sondern auch Lob und Anerkennung für die feinsinnige und stilvolle Arbeit der Kostümbildner. In den Kostümen spiegeln sich aber nicht nur Prunk und Edelstein, sondern auch und mit großer Ironie werden zeitgenössische Mode-Trends augenzwinkernd ironisiert.

Alles wird wirklich verblüffend bis surreal dargeboten von den Damen und Herren des Chors der Bonner Oper und einer Statisterie, die in Paris jedem Laufsteg der großen Modebarone Glanz verleihen könnte. Bravo - Bravissimo jedem Einzelnen! Man identifiziert sich vollständig mit dem Regiekonzept und serviert schon fast Filmbilder. Die Choreographie zu diesen phantasievoll bewegten Szenerien stammt von Bärbel Stenzenberger. Da wird das großartige Singen (Choreinstudierung: Ulrich Zippelius) beinahe zum Nebenschauplatz.

Und dann ist da jene Wunderstimme der Ausnahmedarstellerin Irina Oknina. Ob als Violetta, Mimi oder Katja - sie bringt ihr Publikum zum Weinen. Immer von so zerbrechlicher Gestalt, rührender Stimme und Mitleid auslösender Gestaltung, daß man jederzeit auf die Bühne stürzen möchte um dies zarte Persönchen mit dem unselig traurigem Ausdruck in den Arm zu nehmen und sie zu trösten. Diese Rusalka bricht uns das Herz, rührt uns zu Tränen, und wir leiden tief ergriffen mit ihr. Ihre Ode an den Silbermond hat nicht die Fülle und das Stimmvolumen einer Anna Netrebeko oder Lucia Popp, braucht sie auch nicht. Sie singt die Arie mit der diesem zarten Feen-Wesen adäquaten Zerbrechlichkeit und Sensibilität eines im dunklem Wald flatternden Irrlichts, teilweise überträgt sie die zarte Melodie-Linie in geradezu kosmische Gefilde - als würde der silbern strahlende fast reale Mond dieser zu Herzen gehenden Produktion sie aufnehmen - eine musikalische Transparenz und Leichtigkeit, wie von sanft über einen See wehenden Nebelschwaden. Ein kommender Weltstar am Bonner Theater, eine Sängerin, die man in ihren verschiedenen Rollen erlebt haben muß, wenn man wissen will, was Oper wirklich bedeutet - und warum wir dieses Genre so lieben. Unvergessene Augenblicke und Sternstunden, die ich nie vergessen werde, wenn Sie z.B. als Mimi unter einer riesigen Sonnenblume stirbt (Essen) oder als Katja in den realen Wasserfluten Fluten der Wolga (Bonn) ertrinkt. Nie war jemand zuvor so überzeugend in diesen Rollen.

Musiktheater vom Feinsten boten auch die anderen Künstler; unbedingt erwähnenswert etwa der grandiose Wassermann von Renatus Mészár, der gestern förmlich über sich hinaus wuchs oder Daniela Denschlags traumhafte Interpretation der Hexe Jezibaba. George Oniani meistert als Prinz alle Höhenregister der schwierigen Arien trefflich und auch die drei Waldnymphen (Vardeni Davidan, Katrin Leidig & Lisa Wedekind) überzeugen. Kurz und schön ist die Partie der Fürstin mit Anjara I. Bartz besetzt; man möchte Dvorák anflehen, dieser Rolle bitte demnächst mehr Arien nachzukomponieren. Nur Gutes auch von den Comprimarii - Boris Beletskij (Förster), Giorgos Kanaris (Jäger) & Stefanie Ostheimer (Kater).

Die Zeit vergeht im Handumdrehen und man möchte am Ende ein "Dacapo!" rufen. Und so ergeht mein Aufruf an alle echten Rusalka-Fans dieser Erde: Fahrt nach Bonn! Schöner und herzergreifender wurde Antonin Dvoráks berühmteste Oper in den letzten Jahrzehnten wohl selten inszeniert. Ein wahrer Traumabend für Opernfreunde jeglichen Alters. Ein musikalisch neuer Maßstab in der Rusalka-Interpretation.

Ach wie wunderbar kann Oper doch sein!

Peter Bilsing


CARMEN

Viva la revolution

Besuchte Premiere am 05.12.10

Sevilla ist auch nicht mehr, was es mal war, denn in Florian Lutz´Neuinszenierung einer der bekanntesten Repertoireopern, sehen wir die Fabrikhinterhöfe, an denen die Touristenbusse möglichst schnell vorbeifahren, das moderne EU-Spanien der hohen Arbeitslosigkeit. Carmen ist auch keine Zigeunerin, sondern eine anarchistische Revolutionärin in hautenger Jeans und sexy Schiesser-Leibchen. Die "femme revoltee" und ihre Freunde haben es sich zur Aufgabe gemacht, dem internationalen Monopolkapitalismus mit Terror und Robin-Hood-Mentalität zu Leibe zu rücken. Susanne Blattert macht nicht nur optisch gute Figur, auch vokal ist sie schlank und agil, erotisch ohne Schwüle, selbstbestimmt bis zum Ende. Eine echte moderne Frau, die an die wunderbaren Heroinen der Almodovar-Filme erinnert. Ausgerechnet in einen Spiesser muß sich so eine Frau verlieben, doch der Don Jose von Jean Noel Briend ist eine echte Entdeckung, denn selten hört man das Ende der Blumenarie ins Piano verhallen, Kern behält die Stimme, wenn er den Macho aus Unsicherheit gibt. Mark Morouse gibt dazu einen prachtvollen Escamillo, der Bariton hat nötige Tiefe und den Peng in der Höhe und kommt selten ins Forcieren. Micaela ist schon eine konventionellere Frau, doch auch Julia Kamenik zeigt attraktives Selbstbewußtsein, was zu ihrem dramatischer gewordenen Sopran hervorragend passt. Mark Rosenthal (Remendado), Giorgos Kanaris (Dancairo), Judith Gautier (Frasquita ) und Kathrin Leidig (Mercedes) ergänzen ein agiles, differentiertes Schmugglerquintett. Der Zuniga von Ramaz Chikviladze ist Sonderklasse. Robin Engelen am Pult des sauber aufspielenden Beethoven-Orchesters bringt seine Absichten manchmal allzu direkt über die Tempi zum Klingen, schöner wäre die federnde Leichtigkeit des Bizet´schen Meisterwerks mehr im Auge zu behalten. Die Chöre, Extrachöre, Kinderchöre sind eine wahrliche Freude. 

Wie bereits angedeutet, haben wir es mit einer knackigen, entrüschten Carmen-Inszenierung zu tun, was Florian Lutz auf jeden Fall drei Akte lang bestens gelingt, dem Publikum mit skeptischem, modernen Blick auf das heutige Spanien, eine gute Show  mit witzigen Ideen, durchaus verblüffenden Effekten zu vermitteln. Wenn Escamillo als Mischung aus Torero und James Bond zum Helden der Unterschicht wird, oder das Folklore-Klischee als Gegensatz und witziger Widerspruch zum globalisierten Monopolkapitalismus benutzt wird, das hat Biss. Doch es sei auch angemerkt, das die Umsetzung, was den Fluß der szenischen Gebärde, Personenregie und Chorführung, immer mal wieder ins Stocken gerät, der handwerkliche Aspekt dem Ideensturm nicht gewachsen ist. Auch die Selbstverliebtheit in die Idee im vierten Akt, nämlich die Corrida als Revolution zu zeigen, wirkt aufgesetzt, sodaß die private Tragödie zwischen Carmen und Don Jose fast den Anschein einer Fußnote erweckt. "Carmen" trägt dieses Thema nicht in sich. Trotzdem ragt diese Aufführung aus dem Einerlei der Werkrezeption heraus, und wird weiterwirken. Die Zuschauer quittierten die Leistung des Inszenierungsteams beim Applaus mit Buhs und Bravos, die musikalische Seite durchweg mit großer Begeisterung.

Martin Freitag

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