LA SONNAMBULA
Premiere am 03.07.11,
besuchte Vorstellung am 06.07.11
Unter den Belcanto-Raritäten warten viele ungehobene Schätze
mit schönster Musik, aber einem schwachen Libretto auf: Bellinis "La
Sonnambula" ist zweifelsohne eine solche Perle, deren geniale Musik mit
einem schwer zu inszenierenden Libretto verbunden ist, um so erfreulicher, daß
sich die Oper Bonn an eine szenische Aufführung von Bellinis Meisterwerk gewagt
hat. Roland Schwab sucht als Regisseur den Zugang über das Verhätnis der
Protagonisten zur Dorfgesellschaft, die mal mitfühlend, mal bedrohlich in
Erscheinung tritt, die Einzelpersonen, vor allem Amina, die Nachtwandlerin, und
ihr Bräutigam Elvino geraten da seltsam farblos und dem
Standartgestenrepertoire der italienischen Oper verpflichtet. Doch der Abend
lebt in hohem Maße von den hochästhetischen Bühnenbildern von Frank Fellmann,
das schräge Bergpanorama, das schwebende Spielzeugdorf mit seiner Tages-und
Nachtseite wirken wie eine Traumlandschaft durch die sich die Wellenbewegungen
von Bellinis wundersamen, langen Melodien und die starken Gefühlszustände der
handelnden Personen bewegen. Die Nebenfiguren, so der Conte Rodolfo, der der
traditionverhafteten Dorfgesellschaft mit seinen technischen Spielereien wie
Phonograph und Laterna Magica, wie ein Magier vorkommen muß, oder die
frustrierte Lisa, die der passiven Titelgestalt Amina eine tragende
Gegenspielerin wird, beleben die lyrische Szene. So neckische Details, wie die
Kinder-Amoretten wirken niedlich, doch unnötig geschmäcklerisch.
Ein Grund für die Aufführung ist sicherlich Julia Novikova,
die dem Bonner Haus noch durch Gastverträge verbunden ist, doch längst an der
Wiener Staatsoper plaziert ist, ihre Amina gefällt in ihrer lyrischen
Verhaltenheit, den geschwinden Koloraturen, doch in den tiefen Lagen bei den
großen Concertati fehlt der Stimme einfach Volumen und Durchschlagskraft. In
den Startlöchern steht allerdings schon Emiliya Ivanona als Lisa, die schon die
Hauptpartie anvisiert und in der Übernahme in der nächsten Saison auch geben
wird, die Lisa ist mit etwas gehaltvollerem Material deutlich eine
Visitenkarte.
Genauso schwierig die lyrische Tenorpartie des Elvino; mit
Marc Laho hat man einen Protagonisten aus der französischen Schule gewonnen,
dessen Tenor in der Höhe zwar nicht ganz aufblühen mag und weiße Farben
aufweist, doch die gediegene Italianita, der stilvolle Vortrag und die
emotionale Akuratesse sind tadellos. Als bombig möchte man den substanzvollen
Bassbariton Martin Tzonevs bezeichnen, der bei prägnanter Stimmfarbe auch die Leichtigkeit
für die Kantilenen besitzt. Susanne Blattert morpht szenisch zu einer echten
Mutter, vokal serviert sie in der kleineren Partie der Teresa kultivierten
Schönklang. Sven Bakin gefällt mit charakteristischem Bariton als Alessio. Die
Chöre wirken vokal, ob der schwierigen Positionierung, nicht immer ganz
präsent, wie man das in Bonn gewohnt ist. Das Beethoven Orchester Bonn spielt
einen ausgewogenen Bellini, wenngleich Robin Engelen am Pult noch mehr Struktur
in die Kantilenen bringen könnte, er läßt den Sängern manchmal zu sehr die
"lange Leine", gerade Julia Novikova kommt unter der Faszination
ihres schönen Soprans gerne mal ins Schleppen. Die Cabaletta der Rodolfo-Arie
nimmt Engelen dagegen sehr flott, so daß sie in Buffo-Nähe gerät, was nicht den
Kern der eigentlichen Melodik trifft.
Insgesamt für alle Belkanto-Freunde ein "Muss",
für einfache Opernfreunde eine unbedingte Möglichkeit in einer wirklich
gelungenen Aufführung eine der großen, berühmten "Unbekannten"
kennenzulernen. Vielleicht auch noch als Tipp in der nächsten Saison die vokale
Alternative auszukosten.
Martin Freitag
"Rusalka" als pures zeitloses Märchen in Bonn
Ein Traum von Inszenierung
Oper, wie sie schöner nicht sein kann
Premiere Oper Bonn am 3.4.
Der Schlußjubel ist so gewaltig wie bei einer geglückten
Wagner-Oper. Ein viertelstündiger Riesenbeifall für eine auf Tschechisch
gesungene Oper! Das Publikum ist beseelt – Bravo-Rufe, als wären wir in
Bayreuth oder Salzburg. Schon zum zweiten Akt wird Gastdirigent Jaroslav
Kyzlink, Musikchef des Slowakischen Nationaltheaters Bratislava, mit Jubelrufen
empfangen, als wäre Karajan selig auferstanden, und der dritte Akt kann erst
mit Verzögerung beginnen, da die Zuschauer völlig aus dem Häuschen sind. Hat
man je diese Oper in solch einerseits emotional aufwühlenden Klangeruptionen,
anderseits so schön harmonisch wie die Moldau dahinfließend erlebt? Ich glaube
nicht! Was ist da für ein Orchester in Bonn in den letzten Jahren gewachsen. Ob
Puccini, Korngold oder jüngst noch Franz Schreker, hier ist ein
Weltklasse-Orchester entstanden. Musikabende in der Bonner Oper präsentieren
sich zunehmend auf internationalem Festival-Niveau. Man stellt Weltklassebühnen
wie Wien, Mailand oder München gar in den Schatten. Aber nicht nur was die
Ohren hören wird zum einmaligen Erlebnis, auch die Qualität der Produktionen
liegt auf internationalem Niveau.
Endlich, endlich darf "Rusalka" nach Jahrzehnten
der Entbehrung adäquater Umsetzung mal wieder als Märchen über die Bühne gehen.
Nicht Müllhalde, Kellerverlies noch Edelbordell, auch wird nicht wie in München
für jede Aufführung ein Reh geschlachtet, damit die Kadaver noch dampfend
frisch sind (!), nein hier wird ein phantasievolles Märchen inszeniert.
Der gebürtige Amerikaner Mark Daniel Hirsch, der selbst
Familienvater ist, hat lange Zeit Kinderoper inszeniert, aber niemals in allzu
konventioneller Machart. Der Bühnenzauber steht bei ihm immer im Vordergrund.
"In meiner Rusalka gibt es keine nackten Frauen und keine
Totenköpfe." Rusalka wird also in Bonn endlich mal wieder jugendfrei,
obwohl drei Stunden für eine Kinder- oder Jugendoper schon recht starker Tobak
sind. Entsprechend waren Jugendliche bei der Premiere nur mit der Lupe zu
orten. Dabei inszeniert Hirsch in wunderbarer Frische und Lebendigkeit,
teils mit so verblüffend schönen Bildern, die sich noch durch bewegte
Projektionen ergänzen, daß die Zeit wirklich wie im Flug vergeht.
Wenn Licht (Max Karbe), Bühne (Helmut Stürmer) und Kostüme
(Dieter Hauber & Karin Stephany) - nicht zu vergessen die traumverlorenen
Video-Projektionen von Andu Dumitrescu - in solch märchenhafter Realisierung
den Zuschauer verzaubern, dann ist ein Opernabend-Glücksfall angesagt, wie wir
ihn jahrelang nicht erlebt haben. Und wenn die goldfarbenen
Party-Phantasie-Kostüme im zweiten Akt dem Publikum schon Spontanbeifall
entlocken, dann ist das nicht nur ein beglückender Moment für die Zuschauer,
sondern auch Lob und Anerkennung für die feinsinnige und stilvolle Arbeit der
Kostümbildner. In den Kostümen spiegeln sich aber nicht nur Prunk und
Edelstein, sondern auch und mit großer Ironie werden zeitgenössische
Mode-Trends augenzwinkernd ironisiert.
Alles wird wirklich verblüffend bis surreal dargeboten von
den Damen und Herren des Chors der Bonner Oper und einer Statisterie, die in
Paris jedem Laufsteg der großen Modebarone Glanz verleihen könnte. Bravo -
Bravissimo jedem Einzelnen! Man identifiziert sich vollständig mit dem
Regiekonzept und serviert schon fast Filmbilder. Die Choreographie zu diesen phantasievoll
bewegten Szenerien stammt von Bärbel Stenzenberger. Da wird das großartige
Singen (Choreinstudierung: Ulrich Zippelius) beinahe zum Nebenschauplatz.
Und dann ist da jene Wunderstimme der Ausnahmedarstellerin
Irina Oknina. Ob als Violetta, Mimi oder Katja - sie bringt ihr Publikum zum
Weinen. Immer von so zerbrechlicher Gestalt, rührender Stimme und Mitleid auslösender
Gestaltung, daß man jederzeit auf die Bühne stürzen möchte um dies zarte
Persönchen mit dem unselig traurigem Ausdruck in den Arm zu nehmen und sie zu
trösten. Diese Rusalka bricht uns das Herz, rührt uns zu Tränen, und wir leiden
tief ergriffen mit ihr. Ihre Ode an den Silbermond hat nicht die Fülle und das Stimmvolumen
einer Anna Netrebeko oder Lucia Popp, braucht sie auch nicht. Sie singt die
Arie mit der diesem zarten Feen-Wesen adäquaten Zerbrechlichkeit und
Sensibilität eines im dunklem Wald flatternden Irrlichts, teilweise überträgt sie
die zarte Melodie-Linie in geradezu kosmische Gefilde - als würde der silbern strahlende
fast reale Mond dieser zu Herzen gehenden Produktion sie aufnehmen - eine
musikalische Transparenz und Leichtigkeit, wie von sanft über einen See wehenden
Nebelschwaden. Ein kommender Weltstar am Bonner Theater, eine Sängerin, die man
in ihren verschiedenen Rollen erlebt haben muß, wenn man wissen will, was Oper
wirklich bedeutet - und warum wir dieses Genre so lieben. Unvergessene
Augenblicke und Sternstunden, die ich nie vergessen werde, wenn Sie z.B. als
Mimi unter einer riesigen Sonnenblume stirbt (Essen) oder als Katja in den
realen Wasserfluten Fluten der Wolga (Bonn) ertrinkt. Nie war jemand zuvor so überzeugend in diesen
Rollen.
Musiktheater vom Feinsten boten auch die anderen Künstler; unbedingt
erwähnenswert etwa der grandiose Wassermann von Renatus Mészár, der gestern
förmlich über sich hinaus wuchs oder Daniela Denschlags traumhafte
Interpretation der Hexe Jezibaba. George Oniani meistert als Prinz alle
Höhenregister der schwierigen Arien trefflich und auch die drei Waldnymphen
(Vardeni Davidan, Katrin Leidig & Lisa Wedekind) überzeugen. Kurz und schön
ist die Partie der Fürstin mit Anjara I. Bartz besetzt; man möchte Dvorák
anflehen, dieser Rolle bitte demnächst mehr Arien nachzukomponieren. Nur Gutes
auch von den Comprimarii - Boris Beletskij (Förster), Giorgos Kanaris (Jäger)
& Stefanie Ostheimer (Kater).
Die Zeit vergeht im Handumdrehen und man möchte am Ende ein
"Dacapo!" rufen. Und so ergeht mein Aufruf an alle echten
Rusalka-Fans dieser Erde: Fahrt nach Bonn! Schöner und herzergreifender wurde
Antonin Dvoráks berühmteste Oper in den letzten Jahrzehnten wohl selten
inszeniert. Ein wahrer Traumabend für Opernfreunde jeglichen Alters. Ein
musikalisch neuer Maßstab in der Rusalka-Interpretation.
Ach wie wunderbar kann Oper doch sein!
Peter Bilsing
CARMEN
Viva la revolution
Besuchte Premiere am 05.12.10
Sevilla ist auch nicht mehr, was es mal war, denn in Florian
Lutz´Neuinszenierung einer der bekanntesten Repertoireopern, sehen wir die
Fabrikhinterhöfe, an denen die Touristenbusse möglichst schnell vorbeifahren,
das moderne EU-Spanien der hohen Arbeitslosigkeit. Carmen ist auch keine
Zigeunerin, sondern eine anarchistische Revolutionärin in hautenger Jeans und
sexy Schiesser-Leibchen. Die "femme revoltee" und ihre Freunde haben
es sich zur Aufgabe gemacht, dem internationalen Monopolkapitalismus mit Terror
und Robin-Hood-Mentalität zu Leibe zu rücken. Susanne Blattert macht nicht nur
optisch gute Figur, auch vokal ist sie schlank und agil, erotisch ohne Schwüle,
selbstbestimmt bis zum Ende. Eine echte moderne Frau, die an die wunderbaren
Heroinen der Almodovar-Filme erinnert. Ausgerechnet in einen Spiesser muß sich
so eine Frau verlieben, doch der Don Jose von Jean Noel Briend ist eine echte
Entdeckung, denn selten hört man das Ende der Blumenarie ins Piano verhallen,
Kern behält die Stimme, wenn er den Macho aus Unsicherheit gibt. Mark Morouse
gibt dazu einen prachtvollen Escamillo, der Bariton hat nötige Tiefe und den
Peng in der Höhe und kommt selten ins Forcieren. Micaela ist schon eine
konventionellere Frau, doch auch Julia Kamenik zeigt attraktives
Selbstbewußtsein, was zu ihrem dramatischer gewordenen Sopran hervorragend
passt. Mark Rosenthal (Remendado), Giorgos Kanaris (Dancairo), Judith Gautier
(Frasquita ) und Kathrin Leidig (Mercedes) ergänzen ein agiles, differentiertes
Schmugglerquintett. Der Zuniga von Ramaz Chikviladze ist Sonderklasse. Robin
Engelen am Pult des sauber aufspielenden Beethoven-Orchesters bringt seine
Absichten manchmal allzu direkt über die Tempi zum Klingen, schöner wäre die
federnde Leichtigkeit des Bizet´schen Meisterwerks mehr im Auge zu behalten.
Die Chöre, Extrachöre, Kinderchöre sind eine wahrliche Freude.
Wie bereits angedeutet, haben wir es mit einer knackigen,
entrüschten Carmen-Inszenierung zu tun, was Florian Lutz auf jeden Fall drei Akte
lang bestens gelingt, dem Publikum mit skeptischem, modernen Blick auf das
heutige Spanien, eine gute Show mit
witzigen Ideen, durchaus verblüffenden Effekten zu vermitteln. Wenn Escamillo
als Mischung aus Torero und James Bond zum Helden der Unterschicht wird, oder
das Folklore-Klischee als Gegensatz und witziger Widerspruch zum globalisierten
Monopolkapitalismus benutzt wird, das hat Biss. Doch es sei auch angemerkt, das
die Umsetzung, was den Fluß der szenischen Gebärde, Personenregie und Chorführung,
immer mal wieder ins Stocken gerät, der handwerkliche Aspekt dem Ideensturm
nicht gewachsen ist. Auch die Selbstverliebtheit in die Idee im vierten Akt,
nämlich die Corrida als Revolution zu zeigen, wirkt aufgesetzt, sodaß die
private Tragödie zwischen Carmen und Don Jose fast den Anschein einer Fußnote
erweckt. "Carmen" trägt dieses Thema nicht in sich. Trotzdem ragt
diese Aufführung aus dem Einerlei der Werkrezeption heraus, und wird
weiterwirken. Die Zuschauer quittierten die Leistung des Inszenierungsteams
beim Applaus mit Buhs und Bravos, die musikalische Seite durchweg mit großer
Begeisterung.
Martin Freitag