DER OPERNFREUND - 42.Jahrgang
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DER WILDSCHÜTZ

Premiere am 08.05.11,

besuchte Aufführung am 14.o5.11

Es ist wunderschön, wenn sich ein Theater zu der vernachlässigten Spieloper bekennt, so findet an der Bonner Oper Lortzings "Der Wildschütz oder ein unmoralisches Angebot" (Koproduktion mit Chemnitz und der Volksoper Wien) auf die Bretter, die nicht nur für dem Autoren selbst die Welt bedeuteten.

Mit Dietrich Hilsdorf haben wir einen Lortzing erfahrenen Regisseur am Start, der das Werk von üblichem Muff befreit. Schon August von Kotzebues Vorlage ist keine nette Komödie, wie auch Lortzings Spieloper vor Hintersinnigkeit und Zweideutigkeit sprüht. Zwar beläßt Hilsdorf das Werk in seiner Zeit, Dieter Richters Bühnenbild und Renate Schmitzers Kostüme sind eine Pracht, doch hinter dieser heilen Fassade gerinnt das Spiel zu einer bitteren Farce, schon die ungleiche Ehe zwischen Baculus und Gretchen wird gar nicht als eitel Sonnenschein gezeigt. Die Charaktere werden ohne süßliche Buffonerie bloßgestellt, das wirkt zwar manches Mal etwas uncharmant, doch entspricht der Zeit und dem Leben Lortzing. Der Adel gar wird in seinem ganzen Standesdünkel beleuchtet.

Robin Engelens musikalische Deutung unterstreicht die Interpretation, mal wird das persönliche Befinden spannungsvoll auszelebriert, mal werden gespitzte Tempi in aller Drastik durchhetzt, das Orchester kommt da nicht immer mit, leichte Fehlfarben erzeugen einen Ton, als ob ein Glas angeschliffen wird, leicht daneben von der Harmonie. Dabei wird stets eine federnde, fast kammermusikalische Lesart gegeben, das passt recht gut zusammen.

Gesanglich wirkt alles auch nicht so opulent, wie sonst am Bonner Haus, die Brüchigkeit der Aufführung setzt sich auch im Vokalen fest, was an einer ordentlichen Gesamtleistung indes keinen Abstrich macht.

Der Dreh- und Angelpunkt ist der Baculus von Renatus Meszar, kein so raumgreifender Bassbuffo, sondern ein durchaus nicht angenehmer Zeitgenosse, getrieben durch die Existenzangst seiner Kündigung aus Wilddieberei, aber umso überzeugender in seiner sehr individuellen Prägung. Das Gretchen an seiner Seite wirkt verhärmt, die Eheschließung geschieht eindeutig aus Verstandesgründen, Kathrin Leidig weiß sehr schön die Schadenfreude, wie die Lebensgier dieses unlieblichen Charakters vorzuführen. Der Adel zeigt sich durchaus von schöner vokaler Gestaltung: Giorgos Kanaris Kavaliersbariton reussiert als Graf Eberbach beachtlich in der höllenschweren Arie von "Heiterkeit und Fröhlichkeit", Julia Kamenik punktet durch manch herbe Farbe ihres agilen, sehr fein eingesetzten Sopranes als lebenstüchtige und erfahrene Baronin Freimann, Aniara I. Bartz Gräfin Eberbach zeigt gesanglich reife Züge, ihre Studie einer auf ihren eigenen Bruder (natürlich unwissentlich) jieperigen, unglücklichen Gattin trifft exakt den rechten Ton.

Mirko Roschkowskis Tenor wurde schon oft genug gelobt, als Baron Kronthal neigt er jedoch manchmal dazu, die vokale Attacke auf Kosten der musikalischen Linie in den Vordergrund zu rücken, im Duett mit Julia Kamenik zeigt er, daß er das nicht müßte. Mit Carlos Krause besitzt das Ensemble ein komödiantisches Urgestein als Pankratius. Charlotte Quandt macht aus der kleinen Partie der Zofe Nanette eine ambivalente Charakterstudie. Der Bonner Opernchor, der Kinderchor, die Statisten und die beiden Windhunde sind einfach in jeder Beziehung prima.

Ein sehr geschlossener, wie selten spannender "Wildschütz" am Bonner Opernhaus, nur ein Kritikpunkt: wenn man sich so sehr zu Lortzing bekennt, warum spielt man nicht die Ouvertüre, eine der besten deutschen Lustspielovertüren in ihrem Potpourricharakter; das ist doch schließlich auch eine Form von Heuchelei !

Martin Freitag


P.S.

Kollege Bilsing (siehe "OF Warnungen") ist völlig anderer Meinung



TAMERLANO

Besuchte Premiere am 27.02.11

Die Händel-Pflege an der Oper Bonn hat nach der Hilsdorf-Oratorien-Trilogie und "Ezio" fast schon Tradition: dieses Saison fiel die Entscheidung auf Händels wohl schwärzeste Oper "Tamerlano". Puristen mögen vielleicht die Kürzungen monieren, doch die strenge Auseinandersetzung von Regisseur Philipp Himmelmann hat genau die richtige, dramatische Länge: Himmelmann rollt die tragische Geschichte über die Partie der Asteria auf, gefangen zwischen dem begehrenden Tyrannen Tamerlano, dem Geliebten Andronico und ihrem dominierenden Vater Bajazet, entfaltet sich die mörderische Tragödie. Gefangen sind die Protagonisten auch in dem Bühnenbild Johannes Leiackers, Eschersche Muster und sich aufschachtelnde Formen, gerieren ein auswegloses Labyrinth, die Kostüme von Katherina Kopp lassen die Personen in historischer Zeitlosigkeit agieren. In den Schwarz-Weiss-Bildern läßt Himmelmann die Figuren immer wieder aneinander vorbeischlittern, die nahezu autistische Gestik und Mimik geht streng geradeaus in den Zuschauerraum. Erreicht wird damit eine unglaublich intensive Introspektive der Charaktere, wenngleich man sich zwischendurch etwas andere Aktion wünscht, so überzeugt doch die Geschlossenheit und Ernsthaftigkeit der stilisierten Szene, ja ergreift beim musikalisch melancholischen "lieto fine" von Händels Komposition. Ruben Dubrovsky und das Beethoven Orchester Bonn bilden mittlerweile ein eingespieltes Team, was Alte Musik betrifft, die energische Hochspannung multipliziert sich in Ausführung von Szene und musikalischer Ausformung aneinander hoch. Ein wahrlich dramatisch bewegter Abend, der sich auch in der geschlossenen und hochwertigen Sängerbesetzung spiegelt:

Nach Anna Virovlansky und Julia Novikova, beweist die Bonner Oper mit Emiliya Ivanova erneut ein Händchen, junge Talente zu entdecken. Die junge Sopranistin hat mit der Asteria ihre erste, große Premierenpartie am Haus, so ist es nicht verwunderlich, daß der Beginn von leichter Nervosität und Vorsicht kündet, doch die Sängerin wächst im Laufe des Abends schier über sich hinaus, sichere Koloraturen, innere Spannung, emotionale Auslotung mit leicht dramatischem Kern und guter Mittellage, wie Höhe, sagen deutlich: ein neuer Stern im Bonner Opernensemble leuchtet. Mariselle Martinezhat das Bonner Publikum schon aoft mit Händel und Vivaldi erfreut, der Tamerlano ist sicherlich eine der unsympathischsten Händelfiguren, Martinez läßt die egozentrische Impertinenz des tyrannischen Charakters herrlich aufleuchten, nahezu traumatische Verzierungen und unglaubliche Läufe schilderm den Realitätsverlust eines halb wahnsinnigen Machthabers. Perfekt klingt Mirko Roschkowski als politischer Gegenspieler Bajazet, stupende Höhe, wunderbare Geläufigkeit, tiefe Emotionalität verbinden sich zu einem der faszinierendsten Rollenporträts des Hallenser Meisters, vor allem die Selbstmord- und Sterbeszene von Asterias Vater suchen ihresgleichen in der Barockzeit. Roschkowski läßt sie zum großen Erlebnis werden. Mit Antonio Giovannini singt ein neuer Mezzo am Counterhimmel den Geliebten Andronico, vor allem in Lyrik und Ausgewogenheit der Fiorituren liegen die Stärken seiner schönen Stimme. Susanne Blattert hat diesmal nicht ganz ihren stärksten Tag, gemessen an ihren sonstigen Leistungen, doch in der ohnehin stark gekürzten Partie der abservierten Braut Irene, bringt sie mit wundervollem Alt ein respektables Rollenportrait.

Wieder ein starker, in seiner etwas spartanischen Art, faszinierender Abend am Bonner Haus, der in seiner qualitativen Geschlossenheit seinesgleichen sucht.

Martin Freitag



Geheimnisvoll Seelisches ringt nach musikalischem Ausdruck

Franz Schrekers IRRELOHE in Bonn

Epochale Produktion und Wiederentdeckung eines Genies

Premiere am 7.11.2010

 

„Ich verneine nur den allzu deutlichen differenzierbaren Klang und möchte im Dienste der Oper nur ein Instrument anerkennen: das Orchester selbst!“ (Franz Schreker)

Man erlaube mir einen kleinen Schreker-Diskurs, den ich für sehr wichtig halte, um die rauschhafte Musik und den Komponisten zu verstehen; ich werde dann fließend und übergangslos zu dieser phänomenalen Bonner Irrelohe-Produktion kommen.

Typisch Schreker! Kein Opernstoff ohne Ausschweifung, Gewalt und seelische Verwüstung … Immer geht die Reise hinab in die dunklen Untergeschosse der menschlichen Triebe, wo die Obsessionen und Perversionen lauern. Das Traumdenken Sigmund Freuds treibt die Handlung in den vom Komponisten selbst verfassten Libretti voran, und über allem lastet die narkotisierende Wirkung einer verschwenderisch aufrauschenden Musik (Claus Spahn).

Sex and Crime, Drugs & Alcohol – um mit heutigen Worten zu sprechen; bei den „Gezeichneten“ wäre sogar das englische Wort „Gangbang“ (= Rudelbumsen) durchaus adäquat für einzelne Handlungselemente zu benennen; intrinsische Motivation für Regisseure durchaus einmal simplen Voyeurismus zu bedienen. Doch Schreker hatte Glück, Gott-sei-Dank vergingen sich, zumindest in den letzten 30 Jahren, die ich überblicken kann, keine Bühnenberserker allzu sehr an ihm. Selbst Kusej (mittlerweile Garant für Schießer-Unterwäsche-Werbung) wagte in Amsterdam und Stuttgart bei seinen Gezeichneten nicht jenen Berg real nackter Leichen, der bei Kurt Horres in Düsseldorf zum wahren Volksaufstand und Auszug „anständiger Operngänger“, führte – man regte sich seltsamer Weise damals an der Rheinoper noch mehr über die drei Zwergschwänchen auf, die brav im Tümpelchen Elysium herumschwimmen durften, auf den Tierschutzverein ist halt immer Verlass. Und das ist gut so! (Paragraph 2. in meinem demnächst erscheinenden „Ratgeber für Opern-Jungregisseure um in Deutschland Karriere zu machen“).

Immerhin waren in den zwanziger Jahren Schrekers Opern die meistgespielten Werke an deutschen Bühnen. Vergesst Wagner – wir haben Schreker! hieß es damals allerorten. Dazu schrieb Ernst Lert, 1920: Die Darstellung Wagners ist die dramatische Inkarnation der Musik – Die Darstellung Schrekers lyrische Symbolisierung der Musik.

Auf dem Höhepunkt seiner Kariere wurde Schreker von den Nazischergen aus allen Ämtern vertrieben. Bereits 1934 starb starb der große Franz Schreker, 56-jährig viel zu früh, im Zwangsruhestand an sprichwörtlich „gebrochenem Herzen“. Die Wiederentdeckung und Rehabilitation seiner verbrannten Noten war sowohl in seinem Heimatland Österreich, als auch in Deutschland danach recht sporadisch, eher mangelhaft. Ausgehend vom kleinen aber feinen Örtchen Bielefeld fand 1985 durch John Dew (Intendant: Heiner Bruns) die erste wirkliche Schreker Renaissance statt. Zur IRRELOHE-Premiere am 8.Dezember 1985 hatten sich weit über 200 Journalisten aus der ganzen Welt in dem kleinen Opernhaus angemeldet, so daß eine zweite Premiere eingerichtet werden musste. Der furiose Erfolg (trotz völliger inhaltlicher Umgestaltung und Neu-Deutung des Werkes!) führte dazu, daß in Bielefeld und nachfolgenden NRW-Häusern in den nächsten Jahren fast alle Schreker Opern mit großem Erfolg wieder aufgeführt wurden. Bielefeld wurde damals zum Welttheater. Mit Cynthia Makris (Eva) erlebte ich damals das erste Mal eine Sängerin völlig nackt auf einer Bühne. Ihre skandallose, Voyeure eben nicht bedienende, brillante Darbietung führte am Ende zu Standing Ovations ohnegleichen. Ich wird es nie vergessen! Sternstunde der Operngeschichte.

Doch lassen wir den Meister selber zu Worte kommen: „Szenische Vorgänge nach meiner Ansicht auch dem naiven Hörer sofort eingänglich, der Text knapp, sich auf das Notwendigste beschränkend, um der Musik desto größeren Spielraum zu gewähren, der Genesis des Werkes entsprechend aus dem Klang eines Wortes eine Handlung für Musik gestaltet … Primitive Gefühle, Liebe, Eifersucht, Haß, eine Diktion, die in ihrer Einfachheit das Gedächtnis des Sängers nicht allzu sehr belastet (was stets auf Kosten des Gesangs sich auswirkt), gerade Linien, abgeschlossene Formen, und unbedenklicher Verzicht auf Wahrscheinlichkeit … Der sparsame Text gestattet die Dehnung des Wortes zum klingenden gesungen Ton, sein vollständiges Verstummen gebiert das sprechende und selbständig in das Drama eingreifende Orchester. Dieser letztere Umstand gestattet mir auch weitgehenden Verzicht auf den schweren, vollen, deckenden Orchesterklang zur Begleitung der Gesangsstimme, da das Orchester in den Zwischenspielen Raum genug hat, sich auszuleben (Franz Schreker, 1924)

Meine musikalische Idee? Ich habe keine. Ich schreibe planlos. Was mir einfällt ist da. Nur ich komme von der Musik her. Meine Einfälle haben wenig „Literarisches“. Geheimnisvoll –Seelisches ringt nach musikalischem Ausdruck … Welche Kunst aber wäre befähigter, dieses geheimnisvolle Werden, dieses sich Wandeln unter im Unterbewusstsein schlummernden, triebhaften Einflüssen vollkommener zum Ausdruck zu bringen als eben diese Musik … Motive werden zu Themen, Themen weiten sich zu zum musikalischen Klangbau … Klänge, nur ein Klang! Nur Klänge! Wüßten die Nörgler, welche Ausdrucksmöglichkeiten, welch unerhörten Stimmungszauber ein Klang, ein Akkord in sich bergen kann!

Glück oder Zufall – jedenfalls ein, nicht nur für Schreker-Fans, beglückendes Ereignis ist die Tatsache, daß Stefan Blunier seit dem 1.Januar 2009 GMG an der Bonner Oper ist. Seit diesem Tag hat das Beethovenorchester Bonn einen Aufschwung genommen, wie nie zuvor. Frankfurt, Essen, München, Bonn. Mittlerweile zählt das Orchester, auch unter Kritikern, zu den Top Four in Deutschland. Daß es nach der exorbitanten TURANDOT (der OF berichtete ausführlich!) noch eine Steigerung geben könnte schien unvorstellbar. Stefan Blunier ist ein klangvirtouser Orchestermagier (vergleichbar höchstens noch mit Lenny Bernstein), keiner der Musik trocken analysiert und intellektuell zerlegt wie z.B. Gerd Albrecht oder Harnoncourt; Blunier ist kein Dirigent, der das Kammermusikalische in Wagner, Puccini, Korngold oder Schreker sucht.

Blunier ist ein Genius des großen Klanges, des dicken Strichs, eines geradezu überwältigenden Orchesterklanges. Ein Meister des vollen Sounds, des großvolumigen Klangteppichs. Sein Dirigat kommt, wie bei Bernstein aus dem Herzen, voller Emotionalität entsteht ein schwelgerisches, beinah rauschhaftes Klangbild. Was könnte besser zu Franz Schreker passen? Das ist der Dirigent auf den Schreker-Freunde Jahrzehnte gewartet haben. Da ist die von mir zur Vorbereitung benutze, übrigens einzige Gesamt-CD-Aufnahme der Oper mit den Wiener Symphonikern unter Peter Gülke, friedvolle Kindergartenmusik. Blunier läßt das Feuer brennen. Wenn das Schloss Irrelohe von Regisseur Klaus Weise auf der Bühne veritabel und furchteinflößend im Finale abgefackelt wird, knistert das Feuer aus dem Orchestergraben in ungeheurer Vehemenz und tonmalerischer Überwältigung und es ist das erste Mal, daß man im ausklingenden Orchesterfinale die Geigen wirklich weinen hört. Besser ist die elysische Klangwelt Schrekers selten zuvor gespielt worden. Gut, daß diese Ausnahme-Produktion auf Silberscheiben parallel aufgezeichnet wurde.

Regisseur Weise bleibt sehr werktreu an Text und Libretto. Seine Szene spielt im Nirgendwo eines fiktiven Transsilvanien oder im faschistischen Italien (rote Fahnen) – schwer einzuordnen. Duster liegen Kneipe und Kreuzweg vor dem drohend unwirtlich in die Szene ragenden Schloss Irrelohe, welches sich vom schemenhaften Schatten bis zum konkreten Finalbild unmerklich verwandelt – eine großartige Bühnengestaltung von Martin Kukulies. Dazwischen immer wieder historische Magirus Deutz LKWs, schon beinah choreographisch drapiert. Daß Heinrich einen Horch (Nachbau?) fährt ist fast selbstverständlich. Aber irgendwie bleibt die ganze Szene stets unheimlich. Es scheint in der Dorfrealität keine Polizei zu geben, alles regelt wohl die Mafia, die Zigeunerehre (den Kostümen nach) oder der Schlossherr. Düster drohende Schatten und Nebel – es würde nicht verwundern, wenn der Schlossherr gleich als Wehrwolf erscheint. Prachtvoll und irritierend die Bühne – genial passend zur irisierenden Musik Schrekers.

Bei Schreker gibt es kaum richtige Arien (Ausnahme: „Einst war ich schön“ – Lola, erster Akt), dadurch werden die Sänger extrem gefordert, oft aus dem Stand ins sofortige Fortissimo gezwungen bzw. sie müssen Linien singen, die sich nicht direkt aus der Musik, den Noten ergeben. Schreker erfordert allerhöchste Konzentration. Daß die Bonner Oper alle vier Protagonisten aus dem eigenen Haus besetzen kann, spricht für vorbildliche Ensemble-Pflege. Und was Ingeborg Greiner (Eva), Daniela Denschlag (Lola), Roman Sadnik (Heinrich) und Mark Morouse (Peter) an diesem Abend leisten ist ungeheuerlich. Auch die Comprimarii waren trefflich besetzt. Die, wie gewohnt, sichere Chorleistung, auch vom Extrachor, garantierte Sibylle Wagner. Die stets ein wenig an folkloristischen Zigeunerlook angelehnten Kostüme waren von Fred Fenner treffend gestaltet – ein schönes Pendant zur finsteren Bühne; aber auch Reminiszenz an den blumigen Katalog-Kitsch der 50-er Jahre.

Die Inszenierung von Klaus Weise gehört für mich mit Abstand zu seinen besten und überzeugendsten Arbeiten in Bonn. Spannung vom ersten Moment an war garantiert. Hervorragende Personenführung und auch der Umgang mit den Chormassen stimmte. Ein Mega-Abend an der Bonner Oper. Hinfahren! Für Schreker-Fans mehr als ein Muß, denn endlich hören wir einmal kompromisslos und auch ungekürzt, was Franz Schreker uns mit dieser Musik wirklich sagen wollte. Eine schier ungeheuerliche orchestrale Leistung! Schon fast ketzerisch – nachdem ich so gut wie alles, was es von Schreker gibt auf CD habe und auch praktisch alle erhaltenen Opern gesehen habe, erlaube ich mir zu sagen: Das ist es! Das ist zur Zeit das Maß der Dinge an beglückender Schreker-Interpretation. Besser geht es nicht! Der pure Wahnsinn.

Peter Bilsing

 

 

Nächste Termine: www.theater-bonn.de

 

Sa. 13.11.10 19:30 Uhr / Sa. 20.11.10 / 19:30 Uhr

Do. 02.12.10 19:30 Uhr / So. 19.12.10 18:00 Uhr

Sa. 08.01.11 19:30 Uhr / Fr. 21.01.11 19:30 Uhr

Sa. 05.02.11 19:30 Uhr / Sa. 19.02.11 // 19:30 Uhr



TURANDOTISSIMO

Das große Puccini-Wunder von Bonn

Premiere am 26.9.2010

 

Puccinis „Turandot“ ist schon eine seltsame Oper – mehr Kunstgewerbe denn Kunst stellt das Werk schier gigantische Ansprüche an Gesang sowie szenischer wie auch orchestraler Gestaltung und Besetzung. Das Werk der Massenaufläufe – mehr noch als Verdis „Aida“. So recht eine Oper wie geschaffen für Freiluftveranstaltungen à la Arena di Verona oder entsprechende Zirkusveranstaltungen in Fußballstadien mit vielen Tieren und Artisten. Spielraum für feinsinniges Musiktheater bietet das von Kritikern auch gerne als Macho-Werk proklamierte Stück wenig. Hinstellen und Los-Schmettern lautet das Motto! Zarte Stimmchen haben keine Chance – allenthalben lassen wir da noch die Sklavin Lui gelten, aber die stirbt ja nach kurzem Auftreten schon dahin, via Harakiri, zum leidvollen Grauen des Publikums – aber auch als logische Folge Puccinis fataler Leitmotivik, unter der praktisch immer die Frauen zu leiden haben und völlig ungerecht, aber zu herzerfrischend schöner Musik dahinsterben. War der Maestro gar ein verkannter Frauenhasser? Was hatte Giacomo gegen das weibliche Geschlecht? Nichts, im Gegenteil: Puccini war kein Kostverächter! Und er wusste genau: Frauen sterben einfach musikalisch schöner, besser und dramatisch herzergeifender.

Apercu: Erlauben Sie mir, verehrte Leser, eine kurze und vielleicht lehrreiche Chronologie des Grauens in Puccini-Opern, denn es sterben immer ausgesprochen nette Mädels und fast nur liebende Frauen; auch ist so die Ultra-Brutalität der Turandot vielleicht verständlicher. Sie heißen:

> Anna (Le Villi, 1884) sie stirbt recht unbekannt, weil praktisch kein Mensch die Oper kennt

> Fidelia (Edgar, 1889) auch der fröhliche Name bringt kein Glück - nomen non est omen

> Manon (Manon Lescaut, 1903) stirbt im gemeinsamen Liebestod a la Wagner

> Mimi (La Boheme, 1893) Puccinis Erste Taschentuchoper – die Heldin wird nicht ermordet und begeht auch keinen Selbstmord, sondern stirbt eines natürlichen Todes durch Tuberkulose,

> Tosca (1900) opfert sich in ganz spektakulärem Ambiente durch Sprung von der Engelsburg - wie es mittlerweile Millionen aufgrund der Reihe „Oper am Originalschauplätzen“ wissen,

> Cho-Cho-San (Madama Butterfly, 1904) Zweite berühmte Taschentuchoper – ein Kind auf der Bühne macht ihr Harakiri besonders tragisch, erste Anti-Amerika-Oper

> Giorgetta (Der Mantel, 1918) Eifersucht tötet

> Angelika (Schwester Angelika, 1918) es lohnen nur die letzten 20 Minuten, aber die sind besonders schön – Tod durch Gift in friedlichen Klostermauern und holder Gottesseligkeit.

In Gianni Schicci (1918) dem dritten Teil des Tryptichons, La Fanciulla del West (1910) eine Art Opern-Bonanza und La Rondine (1917) sterben keine Frauen – es sind des Maestros einzig fröhliche Werke; nebenbei bemerkt, daher auch ziemlich langweilig…

Zurück zu Turandot und unserer Liu, denn sie stirbt zwar, aber dummer weise nicht am Ende der Oper, wie es für einen hochdramatischen großen Tod bei Puccini bisher immer üblich war. Puccini hatte eigentlich noch einen monumentalen Schluß mit großem Happyend im Kopf und teilnotiert, als er unvermittelt am 29.November 1924 starb. Vielleicht wollte ihm der liebe Gott auch nur sagen „Care Giacomo, bis hier ist genug! Ein großes glückliches Finale passt nun wirklich nicht in dieses düstere Werk, also bleib Deiner Linie treu – Goodbye!“

Ich stelle mir das in meinen ketzerischen Gedanken genauso vor. Daher gibt es heuer gleich vier Aktschlüsse. Puristen, wie Toscanini beendeten das Werk immer nach dem Tod Lius – „hier endet das Werk des Meisters, danach starb er!“ Mehr kriegt ihr nicht zu hören. Ein kurzer Abend!

Dann gibt es den, aufgrund der Skizzen von Puccini-Schüler Franco Alfano, nachkomponierten Schluß in zwei Versionen: lang und kurz. Also Afano-lang oder Alfano-kurz steht dann im Programmheft! Und es gibt den Berio-Schluß von 2002 – der wie verlautet „nach den allerneuesten musikwissenschaftlichen Erkenntnissen“ eingerichtet wurde. Den will nun wirklich kein Vollblutopernfreund hören. Regisseure, die ihr Publikum ärgern wollen, nehmen dieses Finale. In Bonn gibt man eine Mischung aus Al 1 und Al 2. Der wunderbare Giganto-Schluß, wie ihn die meisten Opernbesucher lieben. Es wird geschmettert, was das Zeug hält. Der blanke wunderbare Wahnsinn! Der schönste Lärm, den es gibt!

Überhaupt ist das, was die blechverstärkten Bonner Beethovenianer Musici leisten, einfach ungeheuerlich. Weder in der MET, noch der Mailänder Skala, von der Arena di Verona ganz zu schweigen, habe ich je solche Klanggewalten so direkt wahrgenommen wie sie Stefan Blunier zelebriert: Volle Orchesterbesetzung und zusätzlich donnerten die Blechbläser der Bühnenmusik noch aus der Proszensiumsloge seitlich auf´s Publikum herab. Da musste mancher schlucken, wurden wohl diverse Hörgeräte zerstört und einigen die letzten Haare vom Kopf geblasen. Wir haben alle unseren Ohren nicht getraut. Der Ruf nach Ohrenschützern verhallte ungehört.

Ein mittleres Haus mit einem solchen Weltklasse-Puccini ohne Kompromisse und in dieser Top-Qualität ist ein kleines Wunder. Nennen wir es einfach: Das Puccini-Wunder von Bonn. Der Spaß und die Freude an den großen Puccini-Klängen, die Blunier wohl hat, teilte sich uneingeschränkt auch dem Orchester mit. Wie viel Proben und wie viel Engagement hat es hier gegeben?

Daß man mit Rachael Tovey als Turandot und George Oniani als Calaf die perfekten Interpreten für diese in Sängerkreisen als gesundheitsgefährdent geltende hochschwierige Partien hat, die im Fortissimo der zweihundert Musiker und Choristen deren Klangmassen noch übertreffen müssen, ist ein einmaliger Glücksfall. Genuss pur in Bonn!

Die ruhigeren Partien waren mit Irina Oknina (Liu), Valentin Jar (Altoum) und Ramaz Chikviladze (Timur) blendend besetzt. Schöner, blutiger und ergreifender starb selten eine Liu, was für eine tolle Künstlerin! Hört Ihr den Maestro Puccini aus dem Himmel „Brava“ rufen? Ich habe ihn gehört. Auch der klassische Chor, bestehend aus Ping (Giorgos Kanaris), Pang (Tansel Akzeybek) und Pong (Mark Rosenthal) überzeugten mehr als nachhaltig. Chor und Extrachor (Sibylle Wagner) bewiesen einmal wieder uneingeschränkte ihre Spitzenstellung in NRW und auch der Kinderchor (Ekaterina Klewitz) war bestens disponiert.

Bühne und Kostüme (Helmut Stürmer) repräsentierten adäquat das Alptraum-Szenario eines Horror-Märchens welches Silviu Purcarete & Nikolaus Wolcz (Regie) raumfüllend und sehr textnah über die Bühne brachten. Ein Blutbad im Meer von abgeschlagenen Köpfen und realistische Folterszenen könnten empfindlichen Menschen und Sensibelchen auf den Magen schlagen. (Jugendfrei ab 12 Jahren, würde ich sagen). Aber jetzt mal Hand aufs Herz: Solche Musikfreunde gehen sicherlich nicht in „Turandot“, oder?

Wer auch nur ansatzweise Fan dieser Oper ist, sollte… nein muß sich schnellstens nach Bonn einbuchen! Solch eine bombastische „Turandot“ in perfekter szenischer und gesanglicher Umsetzung ohne Fehl und Tadel, gab es lange nicht mehr in dieser unserer Opernwelt. Der bald 20 minütige Beifall mit berechtigten Standon Ovations zeigte ein Publikum im Puccini-Rausch.

Peter Bilsing – 27.9.2010


BUCH ASCHE

Uraufführung am 06.06.10,

besuchte Vorstellung am 10.06.10

Das Bonner Opernhaus gönnt sich zum Ausklang der erfolgreichen Saison eine Uraufführung: "Buch Asche" nach einem chinesischen Märchen, grob und kurz erzählt: eine Bauernfrau träumt von weisser Seide (Farbe der Trauer), ihr Mann befürchtet die Ausführung ihres Planes: ihr einziges Buch zu verbrennen, um  die Asche dem blutrünstigen Kaiser auf´s Haupt zu schütten. Sie führt dennoch den Plan aus, doch die Asche verwandelt sich mitten im Winter in Kirschblüten, was den Monarchen erfreut, er schenkt ihr weisse Seide.

Klaus Lang und Claudia Doderer sind für die szenische Inszenierung zuständig: die Bühne durchzieht das ganze Opernhaus, das Orchester sitzt im Raum verteilt. Die Szene erinnert sehr ästhethisch an Inszenierungen von Robert Wilson, der auch mit den langsamen Aktionen Pate stand. die Handlung ist zwar eben so grob nachvollziehbar, entzieht sich jedoch, gleich dem in Silben aufgesplitteten Text von Händl Klaus, einer direkten Umsetzung . Der Zuschauer wird gleichsam auf sich selbst zurückgeworfen und reflektiert die Handlung mehr, denn er sie verfolgt. Das würde nicht funktionieren, wenn die Musik von Klaus Lang nicht von so ausgesuchter Schönheit wäre. Große oszillierende Klangflächen , gleichsam mit Vokalisen gespickt, in einer atemberaubenden Orchestrierung , die an Richard Strauss und Franz Schreker erinnert, nehmen den Zuhörer gefangen und schlagen ihn in Bann. Die Szene bietet eigentlich nur eine optische Folie zu den akustischen Vorgängen, die durch die Setzung des Orchesters um den Zuschauer herum, eine egene räumliche Wirkung entfaltet.

Das Beethoven Orchester setzt das, unter der Einstudierung des Komponisten, gleichsam süffig um, einen Dirigenten gibt es nicht, denn die Zählzeiten werden über Monitore wiedergegeben. Der Chor wird vom Band dazu eingespielt. Die Anforderungen an die drei Vokalsolisten sind beträchtlich: Assaf Levitin pflügt seinen nachtschwarzen Bass als Bauer durch die tiefsten Regionen und streift dabei Bereiche der Obertöne. Der Kaiser findet im Countertenor von Terry Wey eine klanglich luxuriöse Umsetzung. Angelika Luz als Bäuerin Jun hat da leichte Anlaufschwierigkeiten in ihrer schwierigen Partie, ihr Sopran fängt sich, nach leichten Reibungen, und beeindruckt durch lupenreine Einsätze je länger der eineinhalbstündige Abend fortschreitet. Drei Tänzer beleben durch faszinierende Körpersprache die Szene und geben den rein akustischen Chorpart körperlich wieder.Ein merkwürdiger, interessanter, faszinierender Abend, der einen ein bißchen ratlos zurückläßt, jedoch auch ästhetisch irgendwie einwickelt. Dankbarer, durchaus begeisterter Applaus von einem Publikum, von dem kaum jemand den Saal vorzeitig verlassen hat. Da ist man bei moderner Musik doch manchmal ganz Anderes gewohnt.

Martin Freitag




Balázs Kovalik inszeniert „Katja Kabanova“ in Bonn

Will Humburg dirigiert 

Perfektes Musiktheater – Glutvoller Janacek

  Premiere Bonn 2. Mai 2010

Bei der jüngsten Umfrage der regionalen Kulturzeitung THEATER PUR hat das Opernfreund-Team vor einer Woche die OPER BONN als „bestes Opernhaus in NRW“ auf Platz Nummer eins gesetzt. Als wollte man unser Votum noch einmal nachhaltig bestätigen, erlebten wir gestern eine „Katja Kabanova“, die ihresgleichen suchen kann; Bühne, Szene, Gesang und Musik in perfekter Einheit. Selten waren wir derartig beeindruckt und wurden von szenischem Bühnenrealismus derartig gepackt.

Wenn am Ende die Protagonistin vor den Augen des Publikums direkt an der Vorderbühne im tiefen realen Wasser der Wolga verschwindet, dann man den Atem an, wie bei einem Sägetrick von David Copperfield. Donnerwetter! Was die junge Irina Oknina an stimmlicher Vielfalt und Schönheit in diese hochschwierige Rolle geradezu traumwandlerisch einbringt, ist überragend und endet in einer dramatischen Sterbeszene, die zwar so unspektakulär wie selten inszeniert ist (sie legt sich auf ein Förderband und wird wie Müll in die Wolga entsorgt), aber es bricht uns das Herz ob ihrer stringenten Brutalität; noch dazu wenn oben im Glashaus zynisch grinsend die Kabanicha steht, während unten von hinterher gesprungenen Arbeitern zur Schlußmusik nur noch die klatschnasse Leiche aus dem Wasser gezogen wird. wobei sich langsam der Vorhang schließt. Welch ein Bild, was für eine Dramatik und was für eine mutige Sängerin, die sich ungedoubled solchem Procedere unterzieht. Wie muß man dafür von der Rolle überzeugt sein. Brava!

Doch es ist nicht nur die Schluss-Szene, welche dermaßen überzeugt. Regisseur Balázs Kovalik, zurecht als junger Regie-Shootingstar angekündigt, inszeniert ein Stück hinreißendes Musiktheater, bei dem der Spannungspegel immer bis zum jeweiligen Aktschluß konsequent an Janaceks genialer Musiklinie und Dramatik entlang sich aufgebaut und an jedem der drei großen Aktschlüsse kongenial kulminiert. Bilder, die sich einbrennen. Es hätte eigentlich keiner Pause bedurft, um die hundert Minuten solch herzkasperl-erregenden Janaceks zu durchleben. Wir leben, ja, wir leiden mit dieser Katja, die so zerbrechlich wie schützenswert, so wunderbar natürlich, wie auch lebensfremd über die Bühne wandelt wie eine zarte unschuldige Fee, die in ein falsches höchst brutales, liebesfeindliches Märchen irgendwie hineingeraten ist. Eine brutale egozentrische Welt, beherrscht von einer menschenverachtenden alles beherrschenden Frau, ihrer bösen Schwiegermutter.

Die Kabanicha - eine überragende Leistung von Daniela Denschlag, welche ihre Rolle nicht nur musikalisch grandios anlegt, sondern stellenweise sogar mit der Schauspieldramatik einer Flickenschild erfüllt. Sie schindet und vergewaltigt quasi permanent die Seele der jungen Katja. Zynisch und hartherzig lebt sie als „Grand Dame“ und Geschäftsfrau; eine moderne Sklaventreiberin, die sich selbstredend alles gönnt, den anderen aber nichts. Und wäre ihr Sohn nicht sichtbar in ihren Augen als männerorientierter Schwächling so danebengeraten, dann würde sie am liebsten auch ihn in ihren durchorganisierten, geschäftlich streng regulierten Tagesplan der Ausbeutung einbeziehen. Für sie ist der Sex ein lästiges Nebenprodukt des Savoire Vivre, dem man sich zwischen zwei Wodkas, hier mit Onkel Dikoj (großartig Ramaz Chikviladze), mal eben hingibt, indem sie kurz und abfällig über den geilen Alten steigt. Liebe aber hat sie selber nie kennengelernt oder mittlerweile in ihrem Leben durch Haß ersetzt. Haß auf alles Schöne, Haß auf die Jugend anderer. Was für eine tolle Charakterstudie hat sich da Kovalik ausgedacht.

Es ist das große Drama der Einsamkeit in einer kaputten Welt, die Einsamkeit eines Falters in der Wüste. Alle anderen haben sich recht clever angepaßt, haben irgendwo ihr Schneckenhaus gefunden, kleine Freiräume, irgendwo im innern des klaustrophoben Glaspalast-Hauses, indem das Personal sich in später Stunde auslebt; man ergeht sich im Freien beim liebevollen Rendezvous im künstlichen Mondschein zwischen den gigantischen Bretterwelten riesiger Palettenstapel auf dem Firmengelände. Es ist keine Natur-Romantik, die Natur, die uns das Regieteam hier zeigt ist längst abgeschafft; Die ehemaligen Wälder wurden zu Paletten verarbeitet. Die Szene ähnelt einem öden Containerhafen, aber dennoch finden die jungen Menschen in diesem künstlichen Stapelgewirr unzähliger Europaletten noch romantische Liebesnester. Ein wirklich superbes Bühnenbild von Csaba Antal, welches der Regisseur folgendermaßen begründet: „Auf Europaletten sind Tonnen unterschiedlichster Waren durch die ganze Welt transportiert worden. Genauso haben auch die Menschen eine Geschichte und genauso muß auch Katjas Seele eine große Last tragen.“

Das unwirtliche Szenario wird durch die begnadete Lichtregie von Max Karbe, stets passend zur Musik, auch stimmungsvoll grandios ausgeleuchtet; seien es die Neonlichter des giftgrün illuminierten, fast über der Szene schwebenden Verwaltungsbungalows der Kabanicha, welcher mich irgendwie an wie die militärische Leitstation eines Flugzeugträgers erinnerte, oder die unnatürliche Bläulichkeit der Nachtszenen bzw. jenes beinah an messianische Feierlichkeiten erinnernde Goldlicht im Finale – hier stirbt jemand, oder wird er gekreuzigt? Vielfältige Bilder, die noch lange und weiter nachdenkenswert im Gedächtnis bleiben.

Die Kostüme von Angelika Höckner sind zeitlos modern, aber doch hochfeinsinnig auf die jeweiligen Figuren zugeschnitten und es ist kein Zufall, daß Katja am Ende ihr schönstes, raffiniertestes und teuerstes Kleid angelegt hat. Natürlich trägt die Kabanicha nur das Edelste vom Modedesigner. Zeige mir, was Du trägst und ich sage Dir, wer Du bist, könnte man einen alten Spruch abwandeln.

Der meist unsichtbare Chor ist stimmsicher und kommt auch akustisch blendend rüber; Chorleitung: Sybille Wagner. Auch die Statisten bringen sich toll ein.

Daß Irina Oknina in der Titelrolle einen Glanzabend hatte - sie sang nicht die Katja, sie war es - habe ich schon erwähnt, aber auch Susanne Blatter (Varvara) bot eine Janacek-Interpretation adäquater Größe, wobei ihr George Oniani (Boris) in nichts nachstand. Und gerade diese Tenorpartie hat es mit ihren heiklen und gemein zu singenden Höhen (weit jenseits vom hohen „c“) in sich. Abrundend läßt sich sagen, daß hier ein Team von Vokalisten unter einer überzeugenden Bühnenidee großartig zusammengewachsen ist, wobei jeder Einzelne sich dermaßen einbringt, daß man von einem perfekten Musiktheaterabend sprechen kann, dessen Dramaturgie (Stephanie Twiehaus) überzeugte und beeindruckte.

Last but not least der „Megastar des Abends: Will Humburg & das Beethovenorchester Bonn. Die Musik beginnt im Stockdunklen; wir hören die düstere Tiefe der Wolga, bevor wir noch irgendein Licht sehen. Langsam erst gehen die Orchesterlichter an – Respekt für dieses Wagnis. Dann brennt das Feuer der Emotionen, sich stetig steigernd bis zu den jeweiligen Aktschlüssen. Ein emotionales musikalisches Flammenglut, welche auch auf das Herz der Zuschauer überspringt. Ich habe, außer auf der Silberscheibe mit Mackerras, noch keinen so glutvollen aber auch expressionistischen Janacek gehört. Da dieses Werk zu den am schwierigsten realisierbaren und dirigierbaren Opern überhaupt zählt (Humburg erwähnt in diesem Zusammenhang noch die Werke „Die Tote Stadt“ Korngold, „Wozzek“ Berg & „Le Grand Macabre“ Ligeti), ist die ungeheure Leistung des Orchesters und seines Leiters nicht genug zu loben. Und wer Will Humburg kennt, den ich für einen der bedeutendsten Musiktheaterdirigenten unserer Zeit halte, der merkt, hört und sieht, daß dieser Künstler alles gibt für dieses Meisterwerk.

Nach solchem 5-Sterne-Abend weiß man wieder, warum wir diese Opernwelt so lieben. Genau deshalb gehen wir in die Oper! Das ist alles an Lebensemotionen, was große Interpretation bieten kann. Glutvolle Musik, brillante Sängerschaft und so geniale, wie szenisch intelligente Regie. Blühendes Musiktheater von Weltrang – hier sollte keine Anreise zu weit sein. Schon fast mehr als ein Muß für Janacek-Musikfreunde! Ein Abend, der sich einbrennt, tief ins Herz. Bravissimo!

Peter Bilsing


Vera Nemirova bereitet einen wunderbaren  „Liebestrank“ in Bonn

  Über „die Leichtigkeit des Seins“ brillant Oper zu inszenieren

  Premiere Bonn 7.März 2010

Ich habe selten etwas Intelligenteres über Donizettis Meisterwerk gelesen, als Vera Nemirova es für das Programmheft der Bonner Oper zusammenfassend formuliert hat. Daß es darüber hinaus auch noch einen mehrseitigen Originalbeitrag von Corinna Tetzel im selbigen Heft gibt, erfreut nicht nur den Kritiker. Das ist nicht der Alltag! Die wunderbaren Farb-Photos von Thilo Beu, einem der letzten wirklich guten, traditionellen Theaterfotografen, machen das kleine Programm-Heftchen zum richtigen Kleinod. Ein Minimum an Erinnerungssouvenir, welches sich Freunde dieser wunderbaren Operninszenierung aus Bonn mit nach Hause nehmen sollten. Soviel vorweg zu einem perfekten Programmheft!

Ausnahmsweise fange ich einmal mit dem Chor an. Nicht nur weil er von Chorleiter Ulrich Zeppelius perfekt vorbereitet wurde, sondern weil die Damen und Herren ihre tragende Rolle in dieser Meisterinszenierung sowohl darstellerisch, als auch choreografisch im Sinne eines Bewegungschores grandios erfüllten. Was für ein Chor und was für darstellerische Individualisten, wenn es drauf ankommt. Mit Haut und Haar sind die Herrschaften dabei und bringen sich ein, als wären sie alle Hauptdarsteller in einem großen Luis-de-Funès-Film oder tatsächlich bei den „Ferien des Monsieur Hulot“ dabei und vom großen Jacques Tati persönlich eingearbeitet worden. Ich habe wirklich selten einen Chor erlebt, der dermaßen überzeugend agiert – wir haben Tränen gelacht. Man müßte es eigentlich filmisch archivieren. Hilfe ARTHAUS! Eilt herbei – es lohnt sich!

Nun hat Vera Nemirova aber auch ein Händchen für Musik, Aktion und Bühne. Noch die kleinste Geste ist aus den Noten motiviert und überzeugt nachhaltig. Nirgendwo ist diese wunderbare Liebesgeschichte, die uns eigentlich immer wieder das zeitlose Märchen von der Leichtigkeit des Seins in der Liebe contra die Schwere des realen Leben aufzeigt, gegen den Strich gebürstet. Im Gegenteil, die Nemirova findet Bilder, die nahtlos überzeugen. Geradezu rührend trefflich besetzt ist mit dem jungen lockenköpfigen Darsteller Tansel Akzeybek die Partie des Nemorino. Ein jungblütiger herzensguter Teenager fast noch, der als Hilfskraft auf einer Schönheitsfarm irgendwo im sonnigen Italien direkt am wunderbaren Sandstrand arbeitet, und in seine etwas reifere Chefin Adina (Sigrun Palmadottir) so verliebt ist wie ein Pennäler in die hübsche neue Lehrerin, die allerdings anderes im Sinn hat. Beide singen, daß dem Kritiker das Herz aufgeht. Und dieses Traumpaar kommt natürlich erst einmal nicht zusammen, wie Tristan und Isolde, Adinas Lieblingslektüre.

Perfekt reflektieren die Nemirova und ihr Team die Gemütsstimmungen des Liebespaares und ihre Liebesqualen (immer perfekt im Zeichen der Musik) mit der wankenden Emotionalität nur mangelhaft abnehmungswilliger Kurgäste, welche beim abendlichen Wiegen dieselben Qualen und Seelenschmerzen durchleiden wie das junge Paar. Und wenn Susanne Blattert als Gianetta, die Fitnesstrainerin mit der Trillerpfeife, das Gegengewicht der Waage mit spitzen Fingern langsam demonstrativ mit immer ernster werdendem Gesicht weiter schiebt, dann sterben die übergewichtigen Gäste quasi stellvertretend für unser Paar den Heldentod auf der Waage, brillant passend zu den sich verdüsternden Klängen aus dem Orchestergraben. A la bonheur! Herrlicher kann man solch Seelenunheil kaum inszenieren.

Daß es auch ohne Alkohol, sprich Wein, geht, beweist Dulcamara (Martin Tzonev) mit seinem Verkaufswohnmobil, wo es für Bares alles gibt, was das Schönheitsideal zur Realität werden lassen könnte, nur keinen Alkohol! Von der Trainingssocke, dem Modeturnschuh über farbenfrohe Gymnastikbänder bis zum Lebens- und Liebeselixier, welches auch als Sonnenöl anscheinend beste Dienste leistet – tout est présant! Kleinere Reparaturen wie das Aufspritzen von Lippen oder die legendäre Brustvergrößerung werden natürlich im wohnmobileigenen Operationssaal schnell und zufriedenstellend erledigt. Die „Körperwelten“ Gunther von Hagens bekommen auch noch ihr Fett weg.

Weniger schmerzfrei ist wohl die ewige Faltenwegspritzerei, wie einige unserer perfekten Choristinnen eindrucksvoll mimen; es überzeugt uns nachhaltig, daß Botox eben doch ein Giftstoff ist! Vergessen ist die ganze Diätquälerei, Aerobic, die kalten Füße beim Kneippen und das elendige Wassersaufen allerdings sofort, wenn endlich Feiern (und Essen!) angesagt sind. Aus leidenden Kurgästen werden schlagartig fröhliche natürliche Menschen.

Ja, so ist das wahre Leben – tagsüber quälen wir uns, aber abends „da simma dabei, datt iss prima“, wenn der Champus und die Schnittchen angesagt sind, ist alles vergessen, wie nach einem Zaubertrank. An diesen erinnern die Sektkelche, die mit raffiniert integrierten Wechsellichtern geheimnisvoll den Alkohol illuminieren. Und so kommt man zusammen und sich näher am Kneipp-Pool, wenn die Liegestühle weggeräumt sind, die Kneippgemeinschaft, wie das Liebespaar; wenn da nicht noch die Marine-Soldaten wären.

Aber diesen köstlichen Unsinn sollten Sie sich selber anschauen, verehrte Opernfreunde. Fahren Sie nach Bonn! Einen schöneren, beschwingteren und fröhlicheren Opernabend haben Sie selten erlebt. Hier kommen Szene, Bild, die wunderbaren Kostüme von Werner Hütterli und eine mehr als süffig gespielte Musik des Beethoven-Orchesters Bonn unter der hervorragenden Leitung von Christopher Sprenger brillant zusammen, wie in einem Champagner-Coctail, in dem statt Luftbläschen sich Goldflitter bewegen. Ein ganz toller Abend! Gnadenlose 5 Sterne für beste Bühnenunterhaltung und geglückte moderne Umsetzung dieser wunderbaren Love-Story.

P.S.

Daß die große Vera Nemirova mit ihrer kürzlich erst gewesenen „Macbeth-Inszenierung“ an der Wiener Staatsoper eine Weltstadt praktisch so in Panik und Verzweiflung stürzen konnte, wie weiland 1937 Orson Welles New York mit seinem Außerirdischen-Hörspiel „Krieg der Welten“, macht mich immer noch ratlos, denn hier hat sie bewiesen, daß sie zurecht als eine der weltbesten und begnadetsten Opernregie-Fach-Frauen gehandelt werden muß. Mille Gratie Vera! Freuen wir uns auf ihre Salzburger „Lulu“. Bravi!

Peter Bilsing


DIE SCHWARZE SPINNE

Schön schaurig ist die diesjährige Jugendopern-Produktion der Oper Bonn, die alljährlich im Malersaal in Bonn-Beuel stattfindet. Sämtliche Sänger und Instrumentalisten rekrutieren sich von der Musikschule Bonn, um so erstaunlicher, daß man sich an ein relativ zeitgenössisches Werk, nämlich Judith Weirs erste Oper "Die schwarze Spinne" aus dem Jahr 1985 gewagt hat. Selbst für relativ freie Stimmbesetzungen geschrieben, autorisierte die Komponistin den Kollegen Benjamin Gordon für Hamburg mit einer Kinder-/Jugendfassung, die auch in Bonn zur Aufführung kommt. Weirs Musik stützt sich dabei auf alte Formen, wie Arie und Chor, ist dabei stets gut nachzuvollziehen ohne die modernen Anflüge zu verstecken. Die Quellen der Handlung beziehen sich auf Jeremias Gotthelfs gleichnamige Schauernovelle um den geheimnisvollen "Grünen Mann" und die Verbreitung der Pest mittels einer schwarzen Spinne und einem Zeitungsartikelartikel über die Öffnung eines polnischen Fürstengrabes mit sehr merkwürdigen Todesfolgen der Beteiligten aus den Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die zeitgenössischen Szenen rahmen als gesprochener Dialog auf recht witzige, ironische Weise die Opernszenen des Mittelalters. Bereits wenn man den aufwändig als Kathedrale gestalteten Malersaal durch den Weihrauchgeruch betritt, stellt sich ein herrlich spukiges Gefühl ein, also nicht zu kleine Kinder mitnehmen; während der Aufführung wird sich , nicht unähnlich einer katholischen Messe, immer wieder erhoben und die Perspektive gewechselt, denn Regisseur Mark Daniel Hirsch läßt die jungen Akteure den ganzen Raum nutzen. Mit besonderer Spielfreude werden die "komischen" Aspekte herausgestellt, die Sänger, Schauspieler und Instrumentalisten erfreuen immer wieder durch Engagement, daß ich hier keine Namen nenne, spricht für die Geschlossenheit des Niveaus, wichtig ist einfach der Spaß am Spiel, an der Musik, den Dirigentin Sybille Wagner, sonst Bonns Chorleiterin, und Ekaterina Klewitz, die die musikalische Einstudierung und einige Dirigate inne hat, bei den Kindern und Jugendlichen weckt. Nach 75 Minuten ist der Spaß schon vorbei. Ein großer Dank der Bonner Oper, die musikalische Jugenderziehung so ernst nimmt, und dabei Kosten und Aufwand nicht scheut, siehe das beeindruckende Bühnenbild Uta Heisekes und die üppigen Kostüme Dieter Haubers. Für die jüngeren Musikanten gibt es übrigens eine Musicalversion nach Andersens "Die chinesische Nachtigall" in der Bonner Oper. Das nenne ich echte Förderung!

Martin Freitag



Erinnerung lastet - Eugen d'Albert: DER GOLEM - Oper Bonn, Premiere 25.1.2010


Welch ein Stoff für eine Oper: Das Sagen umwobene Prag Kaiser Rudolfs II., der mystische Rabbi Löw als Herrscher über das Ghetto, Zufluchtsort der von der spanischen Inquisition verfolgten Juden, die dienende Lehmgestalt - der "Golem". Kabbala, jüdische Zahlen- und Wort-Mystagogie, unerfüllte Liebe, Heraufbeschwören alt testamentarischer Gestalten: Dieses Thema gehörte Mitte der Goldenen Zwanziger zu den beliebtesten Stoffen. Angeregt durch das Drama Arthur Holitschers von 1908 und der Stummfilmtrilogie von Paul Wegener ließ sich Eugen d'Albert für sein Golem-Opernprojekt von Ferdinand Lion das Libretto verfassen. 1926 sollte allerdings dessen Textbuch für Hindemiths "Cardillac" größerer Erfolg beschieden sein. Meistens sind es auch die Libretti, die für das Wohl und Wehe einer Oper entscheidend sind. "Drum wo ein Körper ist, lässt sich einmeißeln auch Seele!" Mit solch kryptisch parataktischem Wortfetzen Gestanze konnte Hindemith seine schroff kantige "Cardillac"-Partitur trefflich veredeln, dem hoffnungslosen Postspätromantiker d'Albert stehen sie hinderlich im Wege, wie die jetzige Aufführung an der Oper Bonn leidvoll unterstrich.

Hier hätte eine Inszenierung konsequent gegen arbeiten können, aber Andrea Schwalbach hatte anderes im Sinn. Sie scherte sich nicht um literarische und historische Vorgaben, sondern pfropfte verkopft ihre intellektuelle Gutmensch-Philosophie der Oper auf, mit dem Ergebnis, dass Libretto, Musik und Szene autark nebeneinander herlaufen und keines zum anderen findet. Anne Neuser stilisiert des Rabbi Studierzimmer zum panoptischen Mausoleum der Menschenversuche. Der Kuppelbau, der auch etwas von einem Observatorium hat, atmet durchaus etwas Mystisches, ist aber so diesseitig grau ausgeleuchtet (Licht: Max Karbe), dass nach spätestens einer Viertelstunde die Augen schmerzen. Akustisch ist er alles andere als ideal, da er vor tückischen Löchern und Echoeffekten nur so zu wimmeln scheint. Eine Augenweide im Negativen sind die geschmacklosen Fetzen, die sich Kostüme nennen (Stephan von Wedel), aber im Ghetto herrschte ja bekanntlich Armut. Der Chor scheint  von einer Kleiderspende aus dem Dörfchen Anatevka großzügig bedacht worden zu sein...

Spätestens seit seinem fulminanten "Krol Roger"-Dirigat weiß der Musikkenner den schwelgerischen Ton, den GMD Stefan Blunier dem Beethoven Orchester Bonn angedeihen läßt, zu schätzen und bei d'Albert ist es jetzt kaum anders. Man merkt dem Schweizer an, dass ihm die Trouvaille eine Herzensangelegenheit ist.  Alles klingt perfekt, schwelgt in den erdenklichsten Farben, nur etwas weniger Weichzeichner hätte es schon sein dürfen, die expressiven Stellen klingen nach Zemlinsky und Strauss, meistens wallt es aber postwagnerisch wabernd aus dem Graben, so als hätten sich Massenet und Humperdinck vereint. Seinem Sängerensemble macht er es auch nicht gerade leicht, haben die schon mit dem Wortgewölle des Librettos zu kämpfen in einem akustisch mehr als heiklen Raum, deckt der direkte Orchesterklang Feinphrasierungen gnadenlos zu. Wenigstens im Wiegenlied der Lea gonnt Blunier Ingeborg Greiner Ruhe und so darf man ihrem innigen Vortrag genießend lauschen. Sie ist die große Entdeckung des Abends, die - obwohl die Regie es ihr eher versagt - als einzige menschliche Regungen zeigt. Ihrem lyrisch dramatischen Sopran verlangt sie Unmenschliches ab, weiß aber von Anbeginn so klug zu haushalten, dass man ihr ein Ermüden kaum anmerkt. Dafür dem Gast aus Frankfurt - Alfred Reiter - leider umso mehr. Läßt er im ersten Akt noch seinen profunden Baß verströmen, so wirkt der Rabbi im zweiten zunehmend blasser.  Mark Morouse trumpft als Golem mit viril nobem Bariton auf, für schmachtende Tenorkantilene sorgt souverän Tansel Akzeybek als Jünger. So blaß wie ihn die Regie zeichnete,  bleibt Kaiser Rudolf II als weißgewandeter Dandy, im bemühten Spiel Giorgos Kanaris.

Masse wuchtend präsentiert sich der Chor des Theater Bonn in der Einstudierung von Sibylle Wagner. Angesichts dieser zähflüssig dargebrachten Trouvaille, dankte das Publikum brav allen Beteiligten.

Dirk Altenaer



noch eine Meinung zum GOLEM

Besuchte Premiere am 29.11.09

Ein Meisterwerk ist Eugen d´Alberts Oper "Der Golem" nicht, dazu steht ihm neben Arthur Holitschers sehr postwagnerianschem und expressionistisch krampfigem Wortschwall-Libretto, eine handwerklich gekonnte, doch nicht wirklich inspirierte Musik entgegen. Die süffige Melodik von "Tiefland" fehlt dem Werk von 1926, zwar hatte d´Albert in der Orchestrierung wirklich ausgefeilte Effekte angebracht, die Sänger wie auf Händen getragen, doch "im Ohr" bleibt nicht viel hängen. Die Handlung geht um den mythischen Rabbi Löw des Prag zur Zeit Rudolf II., er erschafft den Golem um dem jüdischen Ghetto einen Schutz zu verschaffen. Seiner Ziehtochter Lea, einem merkwürdig kränkelnden Geschöpf, schwankend zwischen Hellsicht und einer leichten Debilität, gelingt es entgegen Löws Absichten, dem töneren Wesen Sprache zu geben. Die Hybris der Handlung verlangt die leidenschaftliche Liebe zwischen Golem und Lea, einer Art Opfer- und Liebestod, nachdem der Golem außer Kontrolle gerät, mit dem recht ergreifenden Kol Nidrei , dem jüdischen Klagegesang, werden die schuldlos Schuldigen zu Grabe getragen. Rabbi Löw erfährt seine Katharsis als wissenschaftlicher Mensch, der dem Schöpfer ins Handwerk zu pfuschen meinte, eigentlich ein sehr aktuelles Thema.

Es ehrt Andrea Schwalbach, daß sie in ihrer Regie nicht die naheliegenden Konventionen bedient, sich manchmal gar gegen Text und Regieanweisung wendet, was es dem Zuschauer nicht gerade einfach macht und doch auch recht kopfig wirkt. Anne Neusers römisches Pantheon gibt den passend klaustrophobischen Rahmen einer sich ausschließenden Gesellschaft, wenn auch einige vokale Hallverzerrungen akustisch in Kauf genommen werden. Schwalbach gibt durch ihre ausgefeilte Regie jedoch auch Denkanstöße , die gerade die Täter-Opfer-Frage des "Wann darf ich etwas tun?" zu einer aktuellen Meditation führen kann, sei es nahöstliche Staaten betreffend oder anderes, denn es geschieht ohne üblen Fingerzeig oder irgendwie gearteter Konotation . Das allein war für mich den Abend wert. Nebenbei eine absolut spannende Personenführung, die man einfach als gegeben hinnimmt. Lea und der Golem werden faszinierend als Anima und Corpus nebeneinandergestellt, während Rabbi Löw den Typen des zunächst skrupellosen, in seiner Wissenschaft gefangenen, Intellektuellen verkörpert.

Musikalisch kann die Aufführung einfach nur als Top bezeichnet werden, denn Blunier läßt das Beethovenorchester Bonn herrlich aufblühen, ohne die manchmal kitschnahen Facetten der Partitur zu bedienen. Die Sängerbesetzung ist durch die Bank weg adäquat: nach den dramatischen Partien der Tannhäuser-Elisabeth und Prokofieffs Fata Morgana, verblüfft mich Ingeborg Greiner durch einen absolut jugendlichen, manchmal fast kindlichen Ton, der die merkwürdig changierende Persönlichkeit des Lea perfekt umsetzt. Die zarten Piani beim Wiegenlied-Tod sind absolut berührend, eine echte Ausnahmestimme und -künstlerin. Alfred Reiters Rabbi Löw besitzt den balsamischen Bass für den geehrten Wissenschaftler, wie er auch die herrischen Wendungen des Wissenschaftlers beherrscht. Tansel Akseybek singt mit toll fokussiertem Tenor den hakigen Part des Jüngers. Mark Morouse überzeugt als Golem mit herben, wie weichen Tönen, sein Bariton macht zur Zeit eine erstaunliche Entwicklung durch. Giorgos Kanaris gibt als Rudolf II. eine knappe, prägnante Charakterstudie. Katrin Schys spielt die hinzuerfundene Rolle einer Jüdin, die den Geschehen durch starke Präsenz und Intensität eine spannende Folie gibt. Der Chor erfreut wie bereits beim letztjährigen Szymanowski in filigranen, wie auftrumpfenden Partien.
 Wie erfreulich, daß diese hervorragend dargebotene Aufführung eines raren Werkes eine CD-Aufzeichnung erfahren hat, denn bislang gab es noch keine. Großer Premierenjubel krönt das ergeizige Projekt.

Martin Freitag


Let´s fake an Opera

and call it: RIGOLETTO

PR: 25.10.2009

Wir befinden uns im Jahre 8 nach Westerwelle und Angie – also irgendwo in der Zukunft. Was gestern noch wie ein Märchen klang, ist heute schon Wirklichkeit geworden. Es gibt „die da oben“ und „jene dort unten“, die in der Kanalisation leben. Waren es bei Wagner noch die Nibelungen, sind es hier „die armen Schweine“ vermenschlichten Elends – Opfer des Nord-Süd Gefälles oder des Ost-West-Konflikts, wie auch immer man es sehen mag. Geflüchtete aus noch elenderen Staaten und jetzt Opfer der Zivilisation unserer Mehrwertkultur, die insbesondere, wenn sie Frauen und Minderjährige sind, noch brauchbar erscheinen – wenn auch als brutal Vergewaltigte und perverse Spielbälle bei den Orgien der Edlen und Reichen, der Magnaten und Banker, der Paten und Bau-Oligarchien bzw. der Müllmilliardäre. Einer von ihnen ist der „Herzog von Mantua“. Herrscher über ein Röhrensystem unendlichen Ausmaßes, welches eigentlich – wie wir im Anfang sehen – zu einer gigantischen Raffinerie gehört. Zugleich ist er noch Inhaber einer großen Baufirma und, was nur logisch erscheint, auch Müllmagnat. So lassen sich nach alter Mafia-Manier die vielen Leichen praktisch und betonsicher entsorgen. Er ist einer der wahrlich wichtigen „Leistungsträger“ in dieser fiktiven Gesellschaft.

Dies ist also nicht notwendigerweise Verdis „Rigoletto“ wie er auf der Spielplan-Ankündigung steht und ihn Opern-Museumsbesucher erwarten, sondern ein böses Märchen von übermorgen mit Musik von gestern, vom alten Verdi. Und so futuristisch schön spielten auch die Damen und Herren vom Beethoven Orchester Bonn unter der hervorragenden Leitung von Enrico Delamboye. Musik, die wie Flammen in den sprichwörtlichen Troubadour-Himmel lodert, auf sehr hohem Qualitätsniveau und mitreißend überzeugend.

Doch langsam und chronologisch setzen wir der kühnen Sichtweise und Umwandlung des Stoffes durch das Regieteam um Bruno-Berger Gorsky erst einmal die eigene Stellungnahmen voran, die sich durchaus interessant liest:

Während der jahrzehntelangen Rezeptionsgeschichte der Oper wurden die Charaktere nicht klar geprüft….Für uns ist Rigoletto der einzige Schuldige an der Desillusionierung von Gildas Lebensträumen und deshalb an ihrem Selbstmord!....er verschuldet durch sein provokantes Auftreten in der Gesellschaft des Herzogs Gildas Entführung. Als Vater kann er Gilda nicht erwachsen werden lassen und respektiert ihre Entwicklung zur werdenden Frau nicht, statt diese pädagogisch zu fördern….Der Herzog ist als Gegenpol zu Gilda genauso ein Außenseiter…“

Kühne Thesen, aber bei längerem Nachdenken doch in vielem erheblich näher an Victor Hugos Original „Le Roi s´ amuse“, als die in nicht wenigen Bereichen doch allzu simple und unlogische Opernumsetzung von Piave/Verdi. Oder haben Sie sich nicht – Hand aufs Herz! – auch immer über den Blödsinn geärgert, daß man Rigoletto die Augen verbindet und er dennoch doof und ohne zu fragen sorglos mitarbeitet, oder daß der Profikiller Sparafucile so stümperhaft sein Handwerk vollzieht, daß die Ermordete erst scheinbar tot, aber dann noch minutenlang singen kann? Es gäbe unzählige weitere Sinnlosigkeiten zu benennen, ähnlich dem noch sinn-unverständlicheren „Troubadour“.

Leider ist das Konzept im ersten Akt noch relativ betulich, allzu betulich, umgesetzt. Das Regieteam hätte vielleicht einmal bei Bieito hospitieren sollen. Die Ver-Prügelszenen wirken wie Karaoke auf einem Kindergeburtstag, eine Nackte allein macht noch keine Orgie - auch wenn sie sich noch so lasziv über den Boden rollt oder an der Strip-Stange rekelt und die wenigen Sado-Maso-Momente, wenn erwachsene Männer als gestriegelte Domina-Hunde blöd grinsend an Dominas Hand lecken, provozieren nur mitleidvolles Lächeln. Warum so etwas das Premierenpublikum zu spontanen „Buhs“ reizt, erschließt sich mir zumindest nicht.

Natürlich ist es nur logisch, daß man die Opfer aus den Röhrenwelten erstmal ordentlich wäscht und dampfend desinfiziert – Szenen, worauf der Regisseur anscheinend viel Wert legte, denn sie laufen auch schon vor der Vorstellung im Pausenraum über Monitore.

Daß Rigoletto den quasi Drogenbauchladen der Opiate und Extasypillen, nämlich seinen Glitzer-Rucksack (sprich: Buckel) ablegt, wenn er zu Gilda geht, ist verständlich, wenn auch nicht ganz neu. Sparafucile entsteigt furchterregend einem Gullideckel – dezentes Gelächter im Publikum! Wenn Rigoletto auf einer Riesenleiter zur Bühne herabgelassen wird, hat das etwas; die minutenlange Demontage der Sicherungsseile dann allerdings nicht mehr. Ausgesprochen lächerlich, als wären wir bei „Wetten dass…“ wirkt es, wenn vor den Augen des eben verbundenen Rigolettos noch der Blinzeltest mittels Handwinken gemacht wird. Fast hätte ich vergessen zu erwähnen, daß natürlich Gildas Gefühle, die sich sichtbar als Luftblasen darstellen, auch realistisch in Szene gesetzt werden. Gilda präsentiert sich mit ihren Alteregos in den vielen Kanalfluchten. Auf einen nach vorne langsam rollenden Riesenball wird das Gesicht des Herzogs gebeamt… Dennoch kommt wenig echte Stimmung auf, denn das Bühnenbild erinnert irgendwie in der Stilisierung an Dutzende von Auspuff-Endrohren ehemaliger Monstertrucks und Motorräder.

Ab dem zweiten Akt wird alles es besser, stringenter und logischer. Die ganze linke Hälfte der Bühne nimmt ein großes Baugerüst ein, rechts sehen wir das Heck einer gewaltigen veritablen Strech-Limousine, das mobile Freudenzimmer des Magnaten – die mittlere Röhre ist als Auftrittsarena mit Diskolicht wie im ersten Akt, geblieben. Die leuchtend gelben und orangenen Anzüge der Schergen des Herzogs mit den drei weißen Reflektionsstreifen an der Seite und dem Bowler auf dem Kopf erinnern mehr an Adidas, als an den Film „Clockwork Orange“, woran man wohl bei der Konzeption gedacht hatte. Immerhin sind die Kostüme (Fred Fenner & Daniel Nunez-Adinolfi) von origineller Zuschneideform und Farbe. Allerdings hätten, meiner verdorbenen Meinung nach, die Gespielinnen im ersten Akt in diesem Zebrastreifen-Look auf Schießer-Unterwäsche durchaus verzichten dürfen.

Es ist also eindeutig die Mafia, die hier im zweiten Akt tätig wird – die Müll- und Gebäudemafia; daher auch das große Original-Baustellensschild aus Italien. Die Leichen von wohl ehemaligen Geschäftspartnern und Gespielinnen wurden in derbe Leinensäcke gepackt und lagern noch als Bodenmüll unter dem großen Gerüst. In so einen Sack wird auch später Sparafucile die ermordete Gilda stecken, soviel schon jetzt.Im Weiteren bleibt man aber relativ werktreu – was gesungen wird, findet auch so statt. Gemordet und geliebt wird, etwas umständlich natürlich, auf dem Gerüst, aber das macht durchaus Sinn, und Gilda steckt auch nicht verkehrt herum im Sack, sondern singt nach etwas umständlichem Öffnungs-Procedere brav und wunderbar zurückhaltend, als wären wir bei Otti Schenk.

Im Finale gelingt dann doch ein überzeugender „Coup de Theatre“, eine tolle und furiose Finalszene, denn vom Gerüst aus hat unser Herzog die letzten Worte der sterbenden Gilda mitbekommen, und die Regie macht uns klar, daß er das Mädel doch wohl richtig geliebt hat. Er rennt verzweifelt davon. Wenn Rigoletto dann den Riesenvorhang, welcher die Vorderbühne von der Hinterszene trennte, herunterreißt, sehen wir ein Bild des Grauens: Der Herzog hat sich erhängt und all seine Mitgangster exekutiert. Das überzeugt nachhaltig. Ein toller Schluß!

Ein weiterer Grund nach Bonn zu fahren ist, auf jeden Fall die musikalische Seite. Nicht nur ist Julia Novikova eine traumhafte Gilda, sondern auch der Rigoletto von Mark Morouse sollte nicht so leicht seines Gleichen finden; George Oniani ist ein standfester und ausgesprochen höhensicherer Herzog, überzeugend Ramaz Chikviladze als Sparafucile und Martin Tzonev als Monterone. Der Herrenchor (Sibylle Wagner) war gut disponiert und die Statisterie ausgesprochen gut auf das skurrile Thema eingestellt – wenn im Programmheft gestanden hätte: Wir danken dem Ensemble der Rio-Rita-Bar hätte ich´s glatt für bare Münze genommen. Bravi!

Fazit: Ein durchaus ansehnliches Konzept mit leichten Umsetzungsschwächen; immerhin kein Opernmuseum. Alles ist sehr farbenprächtig, schöne Kostüme und schöner Gesang. Nehmen Sie ruhig ihre Kinder mit, denn so züchtig und nett anzusehen und von harmloser Gestalt wurde selten das Thema Orgie und SM abgehandelt. Ein unterhaltsamer Abend.

Peter Bilsing



und gleich die zweite Rigoletto-Kritik:


RIGOLETTO

gesehene dritte Aufführung am 05.11.09

Es scheint ein "Rigoletto"-Jahr an den deutschen Theatern zu sein, auch am Bonner Opernhaus: Bruno Berger-Gorski meint es wirklich gut, der Mantuaner Herzoghof , was wäre das Heute? In Italien versuchen Medienmogule und Großindustrielle wieder autokratische Zustände zu schaffen, der Herzog als Mantuaner Bau-und Partylöwe, das funktioniert und ist richtig. Der politisch korrekte Anspruch bringt gleich noch die Themen Zwangs- und Kinderprostitution, Drogen, Werteverfall und, und, und.... Da wird Maddalena schnell noch mal von Sparafucile rangenommen, Inzest fehlte ja noch! Alles soll noch schnell seinen Weg auf die Bühne finden, sämtliche Requisiten des modernen Musiktheaters von der Videokamera bis zur Zigarette sind da. Doch wie Tucholsky mal sagte: "wenn du mich reizen willst, dann zieh dir bloß was an", es schockiert nicht, es erreicht den Zuschauer nicht, denn alles wirkt wie: "wir tun so als ob" ! Die Überbilderung ist der Feind des Wesentlichen. Lieber wenige Sachen zeigen und machen, die dann aber richtig mit Leben füllen, schließlich sind Zuschauer durchaus denkende Menschen und nicht doof. Vielleicht hat das auch zum Buhorkan der Premiere geführt?

Interessant die musikalische Leitung, des von mit sehr geschätzten Enrico Delamboye, selten hat man den "Rigoletto" so filigran, so kammermusikalisch gehört. Verdis Genie eine musikalische Farbe zu treffen, mit so einer Orchesterkultur wie beim Beethoven Orchester Bonn nahezu zelebriert gehört. Doch teilweise sehr langsame Tempi lassen die Aufführung fast lethargisch erstarren, legen sich wie Mehltau über eine Rose, mit Verdi und Italianita hat das weniger zu tun. Die Sänger halten die Tempi mit langen Legatobögen durch, was für das hohe stimmliche Niveau der Solisten spricht. Der Herrenchor dagegen unkonzentriert mit szenischen Mätzchen beschäftigt, so wackelig kenne ich den Bonner Opernchor sonst nicht.

Vielleicht lag der unentschiedene Eindruck aber auch an den Umbesetzungen der dritten Vorstellung: Harrie van der Plas suchte als Herzog mehr den Dialog mit dem Dirigenten, als mit seinen Bühnenpartnern. Effektvoll auf Linie gesungen minderten doch recht schmale Höhen das Aufblühen der Stimme seines Tenors, was mit einigen Schluchzern kaschiert wurde. Auch Tito You in der Titelpartie galt als Einspringer, doch so belkantesk habe ich die schwierige Verdi-Partie selten gehört, stets aus der melodischen Linie den Ausdruck, dabei ohne irgendeinen lauten Ton oder veristisches Forcieren, bei edlem Baritontimbre. Wirklich eine Ausnahmeleistung. Julia Novikova war als Gewinnerin des Domingo- Gesangswettbewerbes schon mit ordentlichen Vorschußlorbeeren ausgezeichnet, deshalb war ich bei ihrer zweiten Bonner Gilda, doch ob des vorsichtigen Einsatzes ihres, an diesem Abend, recht körperlosen Sopranes etwas enttäuscht. Zwar spricht die Höhe gut an, aber "Caro- nome" geriet gerade in den Koloraturen zu einer recht anämischen Gala, natürlich forderten Delamboyes Tempi die Sänger nahezu zum Schleppen heraus. Alexei Antonov sang mit schwarzem Bass einen verlässlichen Sparafucile mit leichten Vokaltrübungen, Daniela Denschlags Maddalena blieb trotz ihrer satten Stimme seltsam blass. Martin Tzonev kann als luxuriöse Besetzung des Monterone bezeichnet werden, und brachte den Fluch nachdrücklich zur Geltung. Die kleineren Partien waren mit meistens mehr als weniger Glück aus den Reihen des Chores besetzt.

Ein freundlicher, wenngleich nicht allzu langer Applaus beendete den Abend.                                                            Martin Freitag

P.S.  Es kommt schon einmal vor , daß der Kritiker im Eifer des Gefechts etwas vergisst, eigentlich unverzeihlich, handelt es sich bei der Ausstattung von Fred Fenner und Daniel Nunez-Adinolfi um eine der Regie Berger-Gorskis sehr dienliche Arbeit, sei es nun das futuristische Röhrenbild des ersten Aktes, was die Kälte einer technisierten Industriewelt zum Ausdruck bringt, oder der kühle Magritte- nahe Entwurf, der den schönen äußeren Schein mittels Baugerüsten als hohle Hülse entlarvt. Die verspielten Kostüme, mit den Label-Streifen einer bekannten Sportfirma geben in ihren kühlen Tönen mit Neonfarben aufgemischte die perfekte Folie für eine konsumorientierte, hedonistische Gesellschaft.




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