DER WILDSCHÜTZ
Premiere am 08.05.11,
besuchte Aufführung am 14.o5.11
Es ist wunderschön, wenn sich ein Theater zu der
vernachlässigten Spieloper bekennt, so findet an der Bonner Oper Lortzings
"Der Wildschütz oder ein unmoralisches Angebot" (Koproduktion mit
Chemnitz und der Volksoper Wien) auf die Bretter, die nicht nur für dem Autoren
selbst die Welt bedeuteten.
Mit Dietrich Hilsdorf haben wir einen Lortzing erfahrenen
Regisseur am Start, der das Werk von üblichem Muff befreit. Schon August von
Kotzebues Vorlage ist keine nette Komödie, wie auch Lortzings Spieloper vor
Hintersinnigkeit und Zweideutigkeit sprüht. Zwar beläßt Hilsdorf das Werk in
seiner Zeit, Dieter Richters Bühnenbild und Renate Schmitzers Kostüme sind eine
Pracht, doch hinter dieser heilen Fassade gerinnt das Spiel zu einer bitteren
Farce, schon die ungleiche Ehe zwischen Baculus und Gretchen wird gar nicht als
eitel Sonnenschein gezeigt. Die Charaktere werden ohne süßliche Buffonerie
bloßgestellt, das wirkt zwar manches Mal etwas uncharmant, doch entspricht der
Zeit und dem Leben Lortzing. Der Adel gar wird in seinem ganzen Standesdünkel
beleuchtet.
Robin Engelens musikalische Deutung unterstreicht die
Interpretation, mal wird das persönliche Befinden spannungsvoll auszelebriert,
mal werden gespitzte Tempi in aller Drastik durchhetzt, das Orchester kommt da
nicht immer mit, leichte Fehlfarben erzeugen einen Ton, als ob ein Glas
angeschliffen wird, leicht daneben von der Harmonie. Dabei wird stets eine
federnde, fast kammermusikalische Lesart gegeben, das passt recht gut zusammen.
Gesanglich wirkt alles auch nicht so opulent, wie sonst am
Bonner Haus, die Brüchigkeit der Aufführung setzt sich auch im Vokalen fest,
was an einer ordentlichen Gesamtleistung indes keinen Abstrich macht.
Der Dreh- und Angelpunkt ist der Baculus von Renatus Meszar,
kein so raumgreifender Bassbuffo, sondern ein durchaus nicht angenehmer
Zeitgenosse, getrieben durch die Existenzangst seiner Kündigung aus
Wilddieberei, aber umso überzeugender in seiner sehr individuellen Prägung. Das
Gretchen an seiner Seite wirkt verhärmt, die Eheschließung geschieht eindeutig
aus Verstandesgründen, Kathrin Leidig weiß sehr schön die Schadenfreude, wie
die Lebensgier dieses unlieblichen Charakters vorzuführen. Der Adel zeigt sich
durchaus von schöner vokaler Gestaltung: Giorgos Kanaris Kavaliersbariton
reussiert als Graf Eberbach beachtlich in der höllenschweren Arie von
"Heiterkeit und Fröhlichkeit", Julia Kamenik punktet durch manch
herbe Farbe ihres agilen, sehr fein eingesetzten Sopranes als lebenstüchtige
und erfahrene Baronin Freimann, Aniara I. Bartz Gräfin Eberbach zeigt
gesanglich reife Züge, ihre Studie einer auf ihren eigenen Bruder (natürlich
unwissentlich) jieperigen, unglücklichen Gattin trifft exakt den rechten Ton.
Mirko Roschkowskis Tenor wurde schon oft genug gelobt, als
Baron Kronthal neigt er jedoch manchmal dazu, die vokale Attacke auf Kosten der
musikalischen Linie in den Vordergrund zu rücken, im Duett mit Julia Kamenik
zeigt er, daß er das nicht müßte. Mit Carlos Krause besitzt das Ensemble ein
komödiantisches Urgestein als Pankratius. Charlotte Quandt macht aus der
kleinen Partie der Zofe Nanette eine ambivalente Charakterstudie. Der Bonner
Opernchor, der Kinderchor, die Statisten und die beiden Windhunde sind einfach
in jeder Beziehung prima.
Ein sehr geschlossener, wie selten spannender
"Wildschütz" am Bonner Opernhaus, nur ein Kritikpunkt: wenn man sich
so sehr zu Lortzing bekennt, warum spielt man nicht die Ouvertüre, eine der
besten deutschen Lustspielovertüren in ihrem Potpourricharakter; das ist doch
schließlich auch eine Form von Heuchelei !
Martin Freitag
P.S.
Kollege Bilsing (siehe "OF Warnungen") ist völlig anderer Meinung
TAMERLANO
Besuchte Premiere am 27.02.11
Die Händel-Pflege an der Oper Bonn hat nach der
Hilsdorf-Oratorien-Trilogie und "Ezio" fast schon Tradition: dieses
Saison fiel die Entscheidung auf Händels wohl schwärzeste Oper
"Tamerlano". Puristen mögen vielleicht die Kürzungen monieren, doch
die strenge Auseinandersetzung von Regisseur Philipp Himmelmann hat genau die
richtige, dramatische Länge: Himmelmann rollt die tragische Geschichte über die
Partie der Asteria auf, gefangen zwischen dem begehrenden Tyrannen Tamerlano,
dem Geliebten Andronico und ihrem dominierenden Vater Bajazet, entfaltet sich
die mörderische Tragödie. Gefangen sind die Protagonisten auch in dem
Bühnenbild Johannes Leiackers, Eschersche Muster und sich aufschachtelnde
Formen, gerieren ein auswegloses Labyrinth, die Kostüme von Katherina Kopp
lassen die Personen in historischer Zeitlosigkeit agieren. In den
Schwarz-Weiss-Bildern läßt Himmelmann die Figuren immer wieder aneinander
vorbeischlittern, die nahezu autistische Gestik und Mimik geht streng geradeaus
in den Zuschauerraum. Erreicht wird damit eine unglaublich intensive
Introspektive der Charaktere, wenngleich man sich zwischendurch etwas andere
Aktion wünscht, so überzeugt doch die Geschlossenheit und Ernsthaftigkeit der
stilisierten Szene, ja ergreift beim musikalisch melancholischen "lieto
fine" von Händels Komposition. Ruben Dubrovsky und das Beethoven Orchester
Bonn bilden mittlerweile ein eingespieltes Team, was Alte Musik betrifft, die
energische Hochspannung multipliziert sich in Ausführung von Szene und
musikalischer Ausformung aneinander hoch. Ein wahrlich dramatisch bewegter
Abend, der sich auch in der geschlossenen und hochwertigen Sängerbesetzung
spiegelt:
Nach Anna Virovlansky und Julia Novikova, beweist die Bonner
Oper mit Emiliya Ivanova erneut ein Händchen, junge Talente zu entdecken. Die
junge Sopranistin hat mit der Asteria ihre erste, große Premierenpartie am
Haus, so ist es nicht verwunderlich, daß der Beginn von leichter Nervosität und
Vorsicht kündet, doch die Sängerin wächst im Laufe des Abends schier über sich
hinaus, sichere Koloraturen, innere Spannung, emotionale Auslotung mit leicht
dramatischem Kern und guter Mittellage, wie Höhe, sagen deutlich: ein neuer
Stern im Bonner Opernensemble leuchtet. Mariselle Martinezhat das Bonner
Publikum schon aoft mit Händel und Vivaldi erfreut, der Tamerlano ist
sicherlich eine der unsympathischsten Händelfiguren, Martinez läßt die
egozentrische Impertinenz des tyrannischen Charakters herrlich aufleuchten,
nahezu traumatische Verzierungen und unglaubliche Läufe schilderm den
Realitätsverlust eines halb wahnsinnigen Machthabers. Perfekt klingt Mirko
Roschkowski als politischer Gegenspieler Bajazet, stupende Höhe, wunderbare
Geläufigkeit, tiefe Emotionalität verbinden sich zu einem der faszinierendsten
Rollenporträts des Hallenser Meisters, vor allem die Selbstmord- und
Sterbeszene von Asterias Vater suchen ihresgleichen in der Barockzeit.
Roschkowski läßt sie zum großen Erlebnis werden. Mit Antonio Giovannini singt
ein neuer Mezzo am Counterhimmel den Geliebten Andronico, vor allem in Lyrik
und Ausgewogenheit der Fiorituren liegen die Stärken seiner schönen Stimme.
Susanne Blattert hat diesmal nicht ganz ihren stärksten Tag, gemessen an ihren
sonstigen Leistungen, doch in der ohnehin stark gekürzten Partie der
abservierten Braut Irene, bringt sie mit wundervollem Alt ein respektables
Rollenportrait.
Wieder ein starker, in seiner etwas spartanischen Art,
faszinierender Abend am Bonner Haus, der in seiner qualitativen Geschlossenheit
seinesgleichen sucht.
Martin Freitag
Geheimnisvoll Seelisches
ringt nach musikalischem Ausdruck
Franz Schrekers IRRELOHE in Bonn
Epochale Produktion und
Wiederentdeckung eines Genies
Premiere am 7.11.2010
„Ich verneine nur den allzu deutlichen
differenzierbaren Klang und möchte im Dienste der Oper nur ein Instrument
anerkennen: das Orchester selbst!“ (Franz Schreker)
Man erlaube mir einen kleinen
Schreker-Diskurs, den ich für sehr wichtig halte, um die rauschhafte Musik und
den Komponisten zu verstehen; ich werde dann fließend und übergangslos zu dieser
phänomenalen Bonner Irrelohe-Produktion kommen.
Typisch Schreker! Kein
Opernstoff ohne Ausschweifung, Gewalt und seelische Verwüstung … Immer geht die
Reise hinab in die dunklen Untergeschosse der menschlichen Triebe, wo die
Obsessionen und Perversionen lauern. Das Traumdenken Sigmund Freuds treibt die
Handlung in den vom Komponisten selbst verfassten Libretti voran, und über allem
lastet die narkotisierende Wirkung einer verschwenderisch aufrauschenden
Musik (Claus Spahn).
Sex and Crime, Drugs & Alcohol – um
mit heutigen Worten zu sprechen; bei den „Gezeichneten“ wäre sogar das englische
Wort „Gangbang“ (= Rudelbumsen) durchaus adäquat für einzelne Handlungselemente
zu benennen; intrinsische Motivation für Regisseure durchaus einmal simplen
Voyeurismus zu bedienen. Doch Schreker hatte Glück, Gott-sei-Dank vergingen
sich, zumindest in den letzten 30 Jahren, die ich überblicken kann, keine
Bühnenberserker allzu sehr an ihm. Selbst Kusej (mittlerweile Garant für
Schießer-Unterwäsche-Werbung) wagte in Amsterdam und Stuttgart bei seinen
Gezeichneten nicht jenen Berg real nackter Leichen, der bei Kurt Horres in
Düsseldorf zum wahren Volksaufstand und Auszug „anständiger Operngänger“, führte
– man regte sich seltsamer Weise damals an der Rheinoper noch mehr über die drei
Zwergschwänchen auf, die brav im Tümpelchen Elysium herumschwimmen durften,
auf den Tierschutzverein ist halt immer Verlass. Und das ist gut so!
(Paragraph 2. in meinem demnächst erscheinenden „Ratgeber für
Opern-Jungregisseure um in Deutschland Karriere zu machen“).
Immerhin waren in den zwanziger Jahren
Schrekers Opern die meistgespielten Werke an deutschen Bühnen. Vergesst
Wagner – wir haben Schreker! hieß es damals allerorten. Dazu schrieb Ernst
Lert, 1920: Die Darstellung Wagners ist die dramatische Inkarnation der Musik
– Die Darstellung Schrekers lyrische Symbolisierung der
Musik.
Auf dem Höhepunkt
seiner Kariere wurde Schreker von den Nazischergen aus allen Ämtern vertrieben.
Bereits 1934 starb starb der große Franz Schreker, 56-jährig viel zu früh, im
Zwangsruhestand an sprichwörtlich „gebrochenem Herzen“. Die Wiederentdeckung und
Rehabilitation seiner verbrannten Noten war sowohl in seinem Heimatland
Österreich, als auch in Deutschland danach recht sporadisch, eher mangelhaft.
Ausgehend vom kleinen aber feinen Örtchen Bielefeld fand 1985 durch John
Dew (Intendant: Heiner Bruns) die erste wirkliche Schreker Renaissance statt.
Zur IRRELOHE-Premiere am 8.Dezember 1985 hatten sich weit über 200 Journalisten
aus der ganzen Welt in dem kleinen Opernhaus angemeldet, so daß eine zweite
Premiere eingerichtet werden musste. Der furiose Erfolg (trotz völliger
inhaltlicher Umgestaltung und Neu-Deutung des Werkes!) führte dazu, daß in
Bielefeld und nachfolgenden NRW-Häusern in den nächsten Jahren fast alle
Schreker Opern mit großem Erfolg wieder aufgeführt wurden. Bielefeld wurde
damals zum Welttheater. Mit Cynthia Makris (Eva) erlebte ich damals das erste
Mal eine Sängerin völlig nackt auf einer Bühne. Ihre skandallose, Voyeure eben
nicht bedienende, brillante Darbietung führte am Ende zu Standing Ovations
ohnegleichen. Ich wird es nie vergessen! Sternstunde der
Operngeschichte.
Doch lassen wir den Meister selber zu
Worte kommen: „Szenische Vorgänge nach meiner Ansicht auch dem naiven Hörer
sofort eingänglich, der Text knapp, sich auf das Notwendigste beschränkend, um
der Musik desto größeren Spielraum zu gewähren, der Genesis des Werkes
entsprechend aus dem Klang eines Wortes eine Handlung für Musik gestaltet …
Primitive Gefühle, Liebe, Eifersucht, Haß, eine Diktion, die in ihrer
Einfachheit das Gedächtnis des Sängers nicht allzu sehr belastet (was stets auf
Kosten des Gesangs sich auswirkt), gerade Linien, abgeschlossene Formen, und
unbedenklicher Verzicht auf Wahrscheinlichkeit … Der sparsame Text
gestattet die Dehnung des Wortes zum klingenden gesungen Ton, sein vollständiges
Verstummen gebiert das sprechende und selbständig in das Drama eingreifende
Orchester. Dieser letztere Umstand gestattet mir auch weitgehenden Verzicht auf
den schweren, vollen, deckenden Orchesterklang zur Begleitung der Gesangsstimme,
da das Orchester in den Zwischenspielen Raum genug hat, sich auszuleben (Franz
Schreker, 1924)
Meine musikalische Idee? Ich habe
keine. Ich schreibe planlos. Was mir einfällt ist da. Nur ich komme von der
Musik her. Meine Einfälle haben wenig „Literarisches“. Geheimnisvoll –Seelisches
ringt nach musikalischem Ausdruck … Welche Kunst aber wäre befähigter, dieses
geheimnisvolle Werden, dieses sich Wandeln unter im Unterbewusstsein
schlummernden, triebhaften Einflüssen vollkommener zum Ausdruck zu bringen als
eben diese Musik … Motive werden zu Themen, Themen weiten sich zu zum
musikalischen Klangbau … Klänge, nur ein Klang! Nur Klänge! Wüßten die Nörgler,
welche Ausdrucksmöglichkeiten, welch unerhörten Stimmungszauber ein Klang, ein
Akkord in sich bergen kann!
Glück oder Zufall –
jedenfalls ein, nicht nur für Schreker-Fans, beglückendes Ereignis ist die
Tatsache, daß Stefan Blunier seit dem 1.Januar 2009 GMG an der Bonner Oper ist.
Seit diesem Tag hat das Beethovenorchester Bonn einen Aufschwung genommen, wie
nie zuvor. Frankfurt, Essen, München, Bonn. Mittlerweile zählt das Orchester,
auch unter Kritikern, zu den Top Four in Deutschland. Daß es nach der
exorbitanten TURANDOT (der OF berichtete ausführlich!) noch eine Steigerung
geben könnte schien unvorstellbar. Stefan Blunier ist ein klangvirtouser
Orchestermagier (vergleichbar höchstens noch mit Lenny Bernstein), keiner der
Musik trocken analysiert und intellektuell zerlegt wie z.B. Gerd Albrecht oder
Harnoncourt; Blunier ist kein Dirigent, der das Kammermusikalische in Wagner,
Puccini, Korngold oder Schreker sucht.
Blunier ist ein Genius des großen Klanges,
des dicken Strichs, eines geradezu überwältigenden Orchesterklanges. Ein Meister
des vollen Sounds, des großvolumigen Klangteppichs. Sein Dirigat kommt, wie bei
Bernstein aus dem Herzen, voller Emotionalität entsteht ein schwelgerisches,
beinah rauschhaftes Klangbild. Was könnte besser zu Franz Schreker passen? Das
ist der Dirigent auf den Schreker-Freunde Jahrzehnte gewartet haben. Da ist die
von mir zur Vorbereitung benutze, übrigens einzige Gesamt-CD-Aufnahme der Oper
mit den Wiener Symphonikern unter Peter Gülke, friedvolle Kindergartenmusik.
Blunier läßt das Feuer brennen. Wenn das Schloss Irrelohe von Regisseur Klaus
Weise auf der Bühne veritabel und furchteinflößend im Finale abgefackelt wird,
knistert das Feuer aus dem Orchestergraben in ungeheurer Vehemenz und
tonmalerischer Überwältigung und es ist das erste Mal, daß man im ausklingenden
Orchesterfinale die Geigen wirklich weinen hört. Besser ist die elysische
Klangwelt Schrekers selten zuvor gespielt worden. Gut, daß diese
Ausnahme-Produktion auf Silberscheiben parallel aufgezeichnet
wurde.
Regisseur Weise bleibt sehr werktreu an
Text und Libretto. Seine Szene spielt im Nirgendwo eines fiktiven Transsilvanien
oder im faschistischen Italien (rote Fahnen) – schwer einzuordnen. Duster liegen
Kneipe und Kreuzweg vor dem drohend unwirtlich in die Szene ragenden Schloss
Irrelohe, welches sich vom schemenhaften Schatten bis zum konkreten Finalbild
unmerklich verwandelt – eine großartige Bühnengestaltung von Martin Kukulies.
Dazwischen immer wieder historische Magirus Deutz LKWs, schon beinah
choreographisch drapiert. Daß Heinrich einen Horch (Nachbau?) fährt ist fast
selbstverständlich. Aber irgendwie bleibt die ganze Szene stets unheimlich. Es
scheint in der Dorfrealität keine Polizei zu geben, alles regelt wohl die Mafia,
die Zigeunerehre (den Kostümen nach) oder der Schlossherr. Düster drohende
Schatten und Nebel – es würde nicht verwundern, wenn der Schlossherr gleich als
Wehrwolf erscheint. Prachtvoll und irritierend die Bühne – genial passend zur
irisierenden Musik Schrekers.
Bei Schreker gibt es kaum richtige Arien
(Ausnahme: „Einst war ich schön“ – Lola, erster Akt), dadurch werden die Sänger
extrem gefordert, oft aus dem Stand ins sofortige Fortissimo gezwungen bzw. sie
müssen Linien singen, die sich nicht direkt aus der Musik, den Noten ergeben.
Schreker erfordert allerhöchste Konzentration. Daß die Bonner Oper alle vier
Protagonisten aus dem eigenen Haus besetzen kann, spricht für vorbildliche
Ensemble-Pflege. Und was Ingeborg Greiner (Eva), Daniela Denschlag (Lola), Roman
Sadnik (Heinrich) und Mark Morouse (Peter) an diesem Abend leisten ist
ungeheuerlich. Auch die Comprimarii waren trefflich besetzt. Die, wie gewohnt,
sichere Chorleistung, auch vom Extrachor, garantierte Sibylle Wagner. Die stets
ein wenig an folkloristischen Zigeunerlook angelehnten Kostüme waren von Fred
Fenner treffend gestaltet – ein schönes Pendant zur finsteren Bühne; aber auch
Reminiszenz an den blumigen Katalog-Kitsch der 50-er Jahre.
Die Inszenierung von Klaus Weise gehört
für mich mit Abstand zu seinen besten und überzeugendsten Arbeiten in Bonn.
Spannung vom ersten Moment an war garantiert. Hervorragende Personenführung und
auch der Umgang mit den Chormassen stimmte. Ein Mega-Abend an der Bonner Oper.
Hinfahren! Für Schreker-Fans mehr als ein Muß, denn endlich hören wir einmal
kompromisslos und auch ungekürzt, was Franz Schreker uns mit dieser Musik
wirklich sagen wollte. Eine schier ungeheuerliche orchestrale Leistung! Schon
fast ketzerisch – nachdem ich so gut wie alles, was es von Schreker gibt auf CD
habe und auch praktisch alle erhaltenen Opern gesehen habe, erlaube ich mir zu
sagen: Das ist es! Das ist zur Zeit das Maß der Dinge an beglückender
Schreker-Interpretation. Besser geht es nicht! Der pure
Wahnsinn.
Peter Bilsing
Nächste Termine: www.theater-bonn.de
Sa. 13.11.10 19:30 Uhr / Sa. 20.11.10 /
19:30 Uhr
Do. 02.12.10 19:30 Uhr / So. 19.12.10
18:00 Uhr
Sa. 08.01.11 19:30 Uhr / Fr. 21.01.11
19:30 Uhr
Sa. 05.02.11 19:30 Uhr / Sa. 19.02.11 //
19:30 Uhr
TURANDOTISSIMO
Das große Puccini-Wunder von
Bonn
Premiere am 26.9.2010
Puccinis „Turandot“ ist schon eine seltsame Oper
– mehr Kunstgewerbe denn Kunst stellt das Werk schier gigantische Ansprüche an
Gesang sowie szenischer wie auch orchestraler Gestaltung und Besetzung. Das Werk
der Massenaufläufe – mehr noch als Verdis „Aida“. So recht eine Oper wie
geschaffen für Freiluftveranstaltungen à la Arena di Verona oder entsprechende
Zirkusveranstaltungen in Fußballstadien mit vielen Tieren und Artisten.
Spielraum für feinsinniges Musiktheater bietet das von Kritikern auch gerne als
Macho-Werk proklamierte Stück wenig. Hinstellen und Los-Schmettern lautet das
Motto! Zarte Stimmchen haben keine Chance – allenthalben lassen wir da noch die
Sklavin Lui gelten, aber die stirbt ja nach kurzem Auftreten schon dahin, via
Harakiri, zum leidvollen Grauen des Publikums – aber auch als logische Folge
Puccinis fataler Leitmotivik, unter der praktisch immer die Frauen zu leiden
haben und völlig ungerecht, aber zu herzerfrischend schöner Musik dahinsterben.
War der Maestro gar ein verkannter Frauenhasser? Was hatte Giacomo gegen das
weibliche Geschlecht? Nichts, im Gegenteil: Puccini war kein Kostverächter! Und
er wusste genau: Frauen sterben einfach musikalisch schöner, besser und
dramatisch herzergeifender.
Apercu: Erlauben Sie mir,
verehrte Leser, eine kurze und vielleicht lehrreiche Chronologie des Grauens in
Puccini-Opern, denn es sterben immer ausgesprochen nette Mädels und fast nur
liebende Frauen; auch ist so die Ultra-Brutalität der Turandot vielleicht
verständlicher. Sie heißen:
> Anna (Le Villi,
1884) sie stirbt recht unbekannt, weil praktisch kein Mensch die Oper
kennt
> Fidelia (Edgar, 1889) auch
der fröhliche Name bringt kein Glück - nomen non est omen
> Manon (Manon Lescaut, 1903)
stirbt im gemeinsamen Liebestod a la Wagner
> Mimi (La Boheme, 1893)
Puccinis Erste Taschentuchoper – die Heldin wird nicht ermordet und begeht auch
keinen Selbstmord, sondern stirbt eines natürlichen Todes durch Tuberkulose,
> Tosca (1900) opfert sich in
ganz spektakulärem Ambiente durch Sprung von der Engelsburg - wie es
mittlerweile Millionen aufgrund der Reihe „Oper am Originalschauplätzen“ wissen,
> Cho-Cho-San (Madama
Butterfly, 1904) Zweite berühmte Taschentuchoper – ein Kind auf der Bühne macht
ihr Harakiri besonders tragisch, erste Anti-Amerika-Oper
> Giorgetta (Der Mantel, 1918)
Eifersucht tötet
> Angelika (Schwester Angelika, 1918)
es lohnen nur die letzten 20 Minuten, aber die sind besonders schön – Tod durch
Gift in friedlichen Klostermauern und holder
Gottesseligkeit.
In Gianni Schicci (1918) dem
dritten Teil des Tryptichons, La Fanciulla del West (1910) eine Art
Opern-Bonanza und La Rondine (1917) sterben keine Frauen – es sind des
Maestros einzig fröhliche Werke; nebenbei bemerkt, daher auch ziemlich
langweilig…
Zurück zu Turandot und unserer Liu,
denn sie stirbt zwar, aber dummer weise nicht am Ende der Oper, wie es für einen
hochdramatischen großen Tod bei Puccini bisher immer üblich war. Puccini hatte
eigentlich noch einen monumentalen Schluß mit großem Happyend im Kopf und
teilnotiert, als er unvermittelt am 29.November 1924 starb. Vielleicht wollte
ihm der liebe Gott auch nur sagen „Care Giacomo, bis hier ist genug! Ein großes
glückliches Finale passt nun wirklich nicht in dieses düstere Werk, also bleib
Deiner Linie treu – Goodbye!“
Ich stelle mir das in meinen ketzerischen
Gedanken genauso vor. Daher gibt es heuer gleich vier Aktschlüsse. Puristen, wie
Toscanini beendeten das Werk immer nach dem Tod Lius – „hier endet das Werk des
Meisters, danach starb er!“ Mehr kriegt ihr nicht zu hören. Ein kurzer
Abend!
Dann gibt es den, aufgrund der
Skizzen von Puccini-Schüler Franco Alfano, nachkomponierten Schluß in zwei
Versionen: lang und kurz. Also Afano-lang oder Alfano-kurz steht dann im
Programmheft! Und es gibt den Berio-Schluß von 2002 – der wie verlautet „nach
den allerneuesten musikwissenschaftlichen Erkenntnissen“ eingerichtet wurde. Den
will nun wirklich kein Vollblutopernfreund hören. Regisseure, die ihr Publikum
ärgern wollen, nehmen dieses Finale. In Bonn gibt man eine Mischung aus Al 1 und
Al 2. Der wunderbare Giganto-Schluß, wie ihn die meisten Opernbesucher lieben.
Es wird geschmettert, was das Zeug hält. Der blanke wunderbare Wahnsinn! Der
schönste Lärm, den es gibt!
Überhaupt ist das, was die
blechverstärkten Bonner Beethovenianer Musici leisten, einfach ungeheuerlich.
Weder in der MET, noch der Mailänder Skala, von der Arena di Verona ganz zu
schweigen, habe ich je solche Klanggewalten so direkt wahrgenommen wie sie
Stefan Blunier zelebriert: Volle Orchesterbesetzung und zusätzlich
donnerten die Blechbläser der Bühnenmusik noch aus der Proszensiumsloge seitlich
auf´s Publikum herab. Da musste mancher schlucken, wurden wohl diverse Hörgeräte
zerstört und einigen die letzten Haare vom Kopf geblasen. Wir haben alle unseren
Ohren nicht getraut. Der Ruf nach Ohrenschützern verhallte ungehört.
Ein mittleres Haus mit einem
solchen Weltklasse-Puccini ohne Kompromisse und in dieser Top-Qualität ist ein
kleines Wunder. Nennen wir es einfach: Das Puccini-Wunder von Bonn. Der Spaß und
die Freude an den großen Puccini-Klängen, die Blunier wohl hat, teilte sich
uneingeschränkt auch dem Orchester mit. Wie viel Proben und wie viel Engagement
hat es hier gegeben?
Daß man mit Rachael Tovey
als Turandot und George Oniani als Calaf die perfekten Interpreten für
diese in Sängerkreisen als gesundheitsgefährdent geltende hochschwierige Partien
hat, die im Fortissimo der zweihundert Musiker und Choristen deren Klangmassen
noch übertreffen müssen, ist ein einmaliger Glücksfall. Genuss pur in
Bonn!
Die ruhigeren Partien waren mit
Irina Oknina (Liu), Valentin Jar (Altoum) und Ramaz Chikviladze
(Timur) blendend besetzt. Schöner, blutiger und ergreifender starb selten
eine Liu, was für eine tolle Künstlerin! Hört Ihr den Maestro Puccini aus dem
Himmel „Brava“ rufen? Ich habe ihn gehört. Auch der klassische Chor, bestehend
aus Ping (Giorgos Kanaris), Pang (Tansel Akzeybek) und Pong
(Mark Rosenthal) überzeugten mehr als nachhaltig. Chor und Extrachor
(Sibylle Wagner) bewiesen einmal wieder uneingeschränkte ihre
Spitzenstellung in NRW und auch der Kinderchor (Ekaterina Klewitz) war
bestens disponiert.
Bühne und Kostüme (Helmut
Stürmer) repräsentierten adäquat das Alptraum-Szenario eines Horror-Märchens
welches Silviu Purcarete & Nikolaus Wolcz (Regie) raumfüllend
und sehr textnah über die Bühne brachten. Ein Blutbad im Meer von abgeschlagenen
Köpfen und realistische Folterszenen könnten empfindlichen Menschen und
Sensibelchen auf den Magen schlagen. (Jugendfrei ab 12 Jahren, würde ich sagen).
Aber jetzt mal Hand aufs Herz: Solche Musikfreunde gehen sicherlich nicht in
„Turandot“, oder?
Wer auch nur ansatzweise Fan dieser
Oper ist, sollte… nein muß sich schnellstens nach Bonn einbuchen! Solch eine
bombastische „Turandot“ in perfekter szenischer und gesanglicher Umsetzung ohne
Fehl und Tadel, gab es lange nicht mehr in dieser unserer Opernwelt. Der bald 20
minütige Beifall mit berechtigten Standon Ovations zeigte ein Publikum im
Puccini-Rausch.
Peter Bilsing – 27.9.2010
BUCH ASCHE
Uraufführung am 06.06.10,
besuchte Vorstellung am 10.06.10
Das Bonner Opernhaus gönnt sich zum Ausklang der
erfolgreichen Saison eine Uraufführung: "Buch Asche" nach einem chinesischen
Märchen, grob und kurz erzählt: eine Bauernfrau träumt von weisser Seide (Farbe
der Trauer), ihr Mann befürchtet die Ausführung ihres Planes: ihr einziges Buch
zu verbrennen, um die Asche dem blutrünstigen Kaiser auf´s Haupt
zu schütten. Sie führt dennoch den Plan aus, doch die Asche verwandelt sich
mitten im Winter in Kirschblüten, was den Monarchen erfreut, er schenkt ihr
weisse Seide.
Klaus Lang und Claudia Doderer sind für die
szenische Inszenierung zuständig: die Bühne durchzieht das ganze Opernhaus, das
Orchester sitzt im Raum verteilt. Die Szene erinnert sehr ästhethisch an
Inszenierungen von Robert Wilson, der auch mit den langsamen Aktionen Pate
stand. die Handlung ist zwar eben so grob nachvollziehbar, entzieht sich jedoch,
gleich dem in Silben aufgesplitteten Text von Händl Klaus, einer direkten
Umsetzung . Der Zuschauer wird gleichsam auf sich selbst zurückgeworfen und
reflektiert die Handlung mehr, denn er sie verfolgt. Das würde nicht
funktionieren, wenn die Musik von Klaus Lang nicht von so ausgesuchter Schönheit
wäre. Große oszillierende Klangflächen , gleichsam mit Vokalisen gespickt, in
einer atemberaubenden Orchestrierung , die an Richard Strauss und Franz Schreker
erinnert, nehmen den Zuhörer gefangen und schlagen ihn in Bann. Die Szene bietet
eigentlich nur eine optische Folie zu den akustischen Vorgängen, die durch die
Setzung des Orchesters um den Zuschauer herum, eine egene räumliche Wirkung
entfaltet.
Das Beethoven Orchester setzt das, unter der
Einstudierung des Komponisten, gleichsam süffig um, einen Dirigenten gibt es
nicht, denn die Zählzeiten werden über Monitore wiedergegeben. Der Chor wird vom
Band dazu eingespielt. Die Anforderungen an die drei Vokalsolisten sind
beträchtlich: Assaf Levitin pflügt seinen nachtschwarzen Bass als Bauer durch
die tiefsten Regionen und streift dabei Bereiche der Obertöne. Der Kaiser findet
im Countertenor von Terry Wey eine klanglich luxuriöse Umsetzung. Angelika Luz
als Bäuerin Jun hat da leichte Anlaufschwierigkeiten in ihrer schwierigen
Partie, ihr Sopran fängt sich, nach leichten Reibungen, und beeindruckt durch
lupenreine Einsätze je länger der eineinhalbstündige Abend fortschreitet. Drei
Tänzer beleben durch faszinierende Körpersprache die Szene und geben den rein
akustischen Chorpart körperlich wieder.Ein merkwürdiger, interessanter,
faszinierender Abend, der einen ein bißchen ratlos zurückläßt, jedoch auch
ästhetisch irgendwie einwickelt. Dankbarer, durchaus begeisterter Applaus von
einem Publikum, von dem kaum jemand den Saal vorzeitig verlassen hat. Da ist man
bei moderner Musik doch manchmal ganz Anderes gewohnt.
Martin Freitag
Balázs Kovalik inszeniert „Katja
Kabanova“ in Bonn
Will Humburg
dirigiert
Perfektes Musiktheater –
Glutvoller Janacek
Premiere Bonn 2. Mai 2010
Bei der jüngsten Umfrage der regionalen
Kulturzeitung THEATER PUR hat das Opernfreund-Team vor einer Woche die OPER BONN
als „bestes Opernhaus in NRW“ auf Platz Nummer eins gesetzt. Als wollte man
unser Votum noch einmal nachhaltig bestätigen, erlebten wir gestern eine „Katja
Kabanova“, die ihresgleichen suchen kann; Bühne, Szene, Gesang und Musik in
perfekter Einheit. Selten waren wir derartig beeindruckt und wurden von
szenischem Bühnenrealismus derartig gepackt.
Wenn am Ende die Protagonistin vor
den Augen des Publikums direkt an der Vorderbühne im tiefen realen Wasser der
Wolga verschwindet, dann man den Atem an, wie bei einem Sägetrick von David
Copperfield. Donnerwetter! Was die junge Irina Oknina an stimmlicher
Vielfalt und Schönheit in diese hochschwierige Rolle geradezu traumwandlerisch
einbringt, ist überragend und endet in einer dramatischen Sterbeszene, die zwar
so unspektakulär wie selten inszeniert ist (sie legt sich auf ein Förderband und
wird wie Müll in die Wolga entsorgt), aber es bricht uns das Herz ob ihrer
stringenten Brutalität; noch dazu wenn oben im Glashaus zynisch grinsend die
Kabanicha steht, während unten von hinterher gesprungenen Arbeitern zur
Schlußmusik nur noch die klatschnasse Leiche aus dem Wasser gezogen wird. wobei
sich langsam der Vorhang schließt. Welch ein Bild, was für eine Dramatik und was
für eine mutige Sängerin, die sich ungedoubled solchem Procedere unterzieht. Wie
muß man dafür von der Rolle überzeugt sein. Brava!
Doch es ist nicht nur die
Schluss-Szene, welche dermaßen überzeugt. Regisseur Balázs Kovalik,
zurecht als junger Regie-Shootingstar angekündigt, inszeniert ein Stück
hinreißendes Musiktheater, bei dem der Spannungspegel immer bis zum jeweiligen
Aktschluß konsequent an Janaceks genialer Musiklinie und Dramatik entlang sich
aufgebaut und an jedem der drei großen Aktschlüsse kongenial kulminiert. Bilder,
die sich einbrennen. Es hätte eigentlich keiner Pause bedurft, um die hundert
Minuten solch herzkasperl-erregenden Janaceks zu durchleben. Wir leben, ja, wir
leiden mit dieser Katja, die so zerbrechlich wie schützenswert, so wunderbar
natürlich, wie auch lebensfremd über die Bühne wandelt wie eine zarte
unschuldige Fee, die in ein falsches höchst brutales, liebesfeindliches Märchen
irgendwie hineingeraten ist. Eine brutale egozentrische Welt, beherrscht von
einer menschenverachtenden alles beherrschenden Frau, ihrer bösen
Schwiegermutter.
Die Kabanicha - eine überragende
Leistung von Daniela Denschlag, welche ihre Rolle nicht nur musikalisch
grandios anlegt, sondern stellenweise sogar mit der Schauspieldramatik einer
Flickenschild erfüllt. Sie schindet und vergewaltigt quasi permanent die Seele
der jungen Katja. Zynisch und hartherzig lebt sie als „Grand Dame“ und
Geschäftsfrau; eine moderne Sklaventreiberin, die sich selbstredend alles gönnt,
den anderen aber nichts. Und wäre ihr Sohn nicht sichtbar in ihren Augen als
männerorientierter Schwächling so danebengeraten, dann würde sie am liebsten
auch ihn in ihren durchorganisierten, geschäftlich streng regulierten Tagesplan
der Ausbeutung einbeziehen. Für sie ist der Sex ein lästiges Nebenprodukt des
Savoire Vivre, dem man sich zwischen zwei Wodkas, hier mit Onkel Dikoj
(großartig Ramaz Chikviladze), mal eben hingibt, indem sie kurz und
abfällig über den geilen Alten steigt. Liebe aber hat sie selber nie
kennengelernt oder mittlerweile in ihrem Leben durch Haß ersetzt. Haß auf alles
Schöne, Haß auf die Jugend anderer. Was für eine tolle Charakterstudie hat sich
da Kovalik ausgedacht.
Es ist das große Drama der
Einsamkeit in einer kaputten Welt, die Einsamkeit eines Falters in der Wüste.
Alle anderen haben sich recht clever angepaßt, haben irgendwo ihr Schneckenhaus
gefunden, kleine Freiräume, irgendwo im innern des klaustrophoben
Glaspalast-Hauses, indem das Personal sich in später Stunde auslebt; man ergeht
sich im Freien beim liebevollen Rendezvous im künstlichen Mondschein zwischen
den gigantischen Bretterwelten riesiger Palettenstapel auf dem Firmengelände. Es
ist keine Natur-Romantik, die Natur, die uns das Regieteam hier zeigt ist längst
abgeschafft; Die ehemaligen Wälder wurden zu Paletten verarbeitet. Die Szene
ähnelt einem öden Containerhafen, aber dennoch finden die jungen Menschen in
diesem künstlichen Stapelgewirr unzähliger Europaletten noch romantische
Liebesnester. Ein wirklich superbes Bühnenbild von Csaba Antal, welches
der Regisseur folgendermaßen begründet: „Auf Europaletten sind Tonnen
unterschiedlichster Waren durch die ganze Welt transportiert worden. Genauso
haben auch die Menschen eine Geschichte und genauso muß auch Katjas Seele eine
große Last tragen.“
Das unwirtliche Szenario wird durch
die begnadete Lichtregie von Max Karbe, stets passend zur Musik, auch
stimmungsvoll grandios ausgeleuchtet; seien es die Neonlichter des giftgrün
illuminierten, fast über der Szene schwebenden Verwaltungsbungalows der
Kabanicha, welcher mich irgendwie an wie die militärische Leitstation eines
Flugzeugträgers erinnerte, oder die unnatürliche Bläulichkeit der Nachtszenen
bzw. jenes beinah an messianische Feierlichkeiten erinnernde Goldlicht im Finale
– hier stirbt jemand, oder wird er gekreuzigt? Vielfältige Bilder, die noch
lange und weiter nachdenkenswert im Gedächtnis bleiben.
Die Kostüme von Angelika
Höckner sind zeitlos modern, aber doch hochfeinsinnig auf die jeweiligen
Figuren zugeschnitten und es ist kein Zufall, daß Katja am Ende ihr schönstes,
raffiniertestes und teuerstes Kleid angelegt hat. Natürlich trägt die Kabanicha
nur das Edelste vom Modedesigner. Zeige mir, was Du trägst und ich sage Dir, wer
Du bist, könnte man einen alten Spruch abwandeln.
Der meist unsichtbare Chor ist
stimmsicher und kommt auch akustisch blendend rüber; Chorleitung: Sybille
Wagner. Auch die Statisten bringen sich toll ein.
Daß Irina Oknina in der
Titelrolle einen Glanzabend hatte - sie sang nicht die Katja, sie war es - habe
ich schon erwähnt, aber auch Susanne Blatter (Varvara) bot eine
Janacek-Interpretation adäquater Größe, wobei ihr George Oniani (Boris)
in nichts nachstand. Und gerade diese Tenorpartie hat es mit ihren heiklen und
gemein zu singenden Höhen (weit jenseits vom hohen „c“) in sich. Abrundend läßt
sich sagen, daß hier ein Team von Vokalisten unter einer überzeugenden
Bühnenidee großartig zusammengewachsen ist, wobei jeder Einzelne sich dermaßen
einbringt, daß man von einem perfekten Musiktheaterabend sprechen kann, dessen
Dramaturgie (Stephanie Twiehaus) überzeugte und beeindruckte.
Last but not least der „Megastar
des Abends: Will Humburg & das Beethovenorchester Bonn. Die Musik
beginnt im Stockdunklen; wir hören die düstere Tiefe der Wolga, bevor wir noch
irgendein Licht sehen. Langsam erst gehen die Orchesterlichter an – Respekt für
dieses Wagnis. Dann brennt das Feuer der Emotionen, sich stetig steigernd bis zu
den jeweiligen Aktschlüssen. Ein emotionales musikalisches Flammenglut, welche
auch auf das Herz der Zuschauer überspringt. Ich habe, außer auf der
Silberscheibe mit Mackerras, noch keinen so glutvollen aber auch
expressionistischen Janacek gehört. Da dieses Werk zu den am schwierigsten
realisierbaren und dirigierbaren Opern überhaupt zählt (Humburg erwähnt in
diesem Zusammenhang noch die Werke „Die Tote Stadt“ Korngold, „Wozzek“ Berg
& „Le Grand Macabre“ Ligeti), ist die ungeheure Leistung des Orchesters und
seines Leiters nicht genug zu loben. Und wer Will Humburg kennt, den ich für
einen der bedeutendsten Musiktheaterdirigenten unserer Zeit halte, der merkt,
hört und sieht, daß dieser Künstler alles gibt für dieses
Meisterwerk.
Nach solchem 5-Sterne-Abend weiß
man wieder, warum wir diese Opernwelt so lieben. Genau deshalb gehen wir in die
Oper! Das ist alles an Lebensemotionen, was große Interpretation bieten kann.
Glutvolle Musik, brillante Sängerschaft und so geniale, wie szenisch
intelligente Regie. Blühendes Musiktheater von Weltrang – hier sollte keine
Anreise zu weit sein. Schon fast mehr als ein Muß für Janacek-Musikfreunde! Ein
Abend, der sich einbrennt, tief ins Herz. Bravissimo!
Peter Bilsing
Vera Nemirova bereitet einen
wunderbaren „Liebestrank“ in Bonn
Über „die Leichtigkeit des Seins“ brillant Oper zu inszenieren
Premiere Bonn 7.März 2010
Ich habe selten etwas Intelligenteres über
Donizettis Meisterwerk gelesen, als Vera Nemirova es für das Programmheft
der Bonner Oper zusammenfassend formuliert hat. Daß es darüber hinaus auch noch
einen mehrseitigen Originalbeitrag von Corinna Tetzel im selbigen Heft
gibt, erfreut nicht nur den Kritiker. Das ist nicht der Alltag! Die wunderbaren
Farb-Photos von Thilo Beu, einem der letzten wirklich guten,
traditionellen Theaterfotografen, machen das kleine Programm-Heftchen zum
richtigen Kleinod. Ein Minimum an Erinnerungssouvenir, welches sich Freunde
dieser wunderbaren Operninszenierung aus Bonn mit nach Hause nehmen sollten.
Soviel vorweg zu einem perfekten Programmheft!
Ausnahmsweise fange ich einmal mit dem
Chor an. Nicht nur weil er von Chorleiter Ulrich Zeppelius perfekt
vorbereitet wurde, sondern weil die Damen und Herren ihre tragende Rolle in
dieser Meisterinszenierung sowohl darstellerisch, als auch choreografisch im
Sinne eines Bewegungschores grandios erfüllten. Was für ein Chor und was für
darstellerische Individualisten, wenn es drauf ankommt. Mit Haut und Haar sind
die Herrschaften dabei und bringen sich ein, als wären sie alle Hauptdarsteller
in einem großen Luis-de-Funès-Film oder tatsächlich bei den „Ferien des Monsieur
Hulot“ dabei und vom großen Jacques Tati persönlich eingearbeitet worden. Ich
habe wirklich selten einen Chor erlebt, der dermaßen überzeugend agiert – wir
haben Tränen gelacht. Man müßte es eigentlich filmisch archivieren. Hilfe
ARTHAUS! Eilt herbei – es lohnt sich!
Nun hat Vera Nemirova aber auch ein
Händchen für Musik, Aktion und Bühne. Noch die kleinste Geste ist aus den Noten
motiviert und überzeugt nachhaltig. Nirgendwo ist diese wunderbare
Liebesgeschichte, die uns eigentlich immer wieder das zeitlose Märchen von der
Leichtigkeit des Seins in der Liebe contra die Schwere des realen Leben
aufzeigt, gegen den Strich gebürstet. Im Gegenteil, die Nemirova findet Bilder,
die nahtlos überzeugen. Geradezu rührend trefflich besetzt ist mit dem jungen
lockenköpfigen Darsteller Tansel Akzeybek die Partie des Nemorino. Ein
jungblütiger herzensguter Teenager fast noch, der als Hilfskraft auf einer
Schönheitsfarm irgendwo im sonnigen Italien direkt am wunderbaren Sandstrand
arbeitet, und in seine etwas reifere Chefin Adina (Sigrun Palmadottir) so
verliebt ist wie ein Pennäler in die hübsche neue Lehrerin, die allerdings
anderes im Sinn hat. Beide singen, daß dem Kritiker das Herz aufgeht. Und dieses
Traumpaar kommt natürlich erst einmal nicht zusammen, wie Tristan und Isolde,
Adinas Lieblingslektüre.
Perfekt reflektieren die Nemirova und ihr
Team die Gemütsstimmungen des Liebespaares und ihre Liebesqualen (immer perfekt
im Zeichen der Musik) mit der wankenden Emotionalität nur mangelhaft
abnehmungswilliger Kurgäste, welche beim abendlichen Wiegen dieselben Qualen und
Seelenschmerzen durchleiden wie das junge Paar. Und wenn Susanne Blattert
als Gianetta, die Fitnesstrainerin mit der Trillerpfeife, das Gegengewicht der
Waage mit spitzen Fingern langsam demonstrativ mit immer ernster werdendem
Gesicht weiter schiebt, dann sterben die übergewichtigen Gäste quasi
stellvertretend für unser Paar den Heldentod auf der Waage, brillant passend zu
den sich verdüsternden Klängen aus dem Orchestergraben. A la bonheur! Herrlicher
kann man solch Seelenunheil kaum inszenieren.
Daß es auch ohne Alkohol, sprich Wein,
geht, beweist Dulcamara (Martin Tzonev) mit seinem Verkaufswohnmobil, wo
es für Bares alles gibt, was das Schönheitsideal zur Realität werden lassen
könnte, nur keinen Alkohol! Von der Trainingssocke, dem Modeturnschuh über
farbenfrohe Gymnastikbänder bis zum Lebens- und Liebeselixier, welches auch als
Sonnenöl anscheinend beste Dienste leistet – tout est présant! Kleinere
Reparaturen wie das Aufspritzen von Lippen oder die legendäre Brustvergrößerung
werden natürlich im wohnmobileigenen Operationssaal schnell und
zufriedenstellend erledigt. Die „Körperwelten“ Gunther von Hagens bekommen auch
noch ihr Fett weg.
Weniger schmerzfrei ist wohl die ewige
Faltenwegspritzerei, wie einige unserer perfekten Choristinnen eindrucksvoll
mimen; es überzeugt uns nachhaltig, daß Botox eben doch ein Giftstoff ist!
Vergessen ist die ganze Diätquälerei, Aerobic, die kalten Füße beim Kneippen und
das elendige Wassersaufen allerdings sofort, wenn endlich Feiern (und Essen!)
angesagt sind. Aus leidenden Kurgästen werden schlagartig fröhliche natürliche
Menschen.
Ja, so ist das wahre Leben – tagsüber
quälen wir uns, aber abends „da simma dabei, datt iss prima“, wenn der Champus
und die Schnittchen angesagt sind, ist alles vergessen, wie nach einem
Zaubertrank. An diesen erinnern die Sektkelche, die mit raffiniert integrierten
Wechsellichtern geheimnisvoll den Alkohol illuminieren. Und so kommt man
zusammen und sich näher am Kneipp-Pool, wenn die Liegestühle weggeräumt sind,
die Kneippgemeinschaft, wie das Liebespaar; wenn da nicht noch die
Marine-Soldaten wären.
Aber diesen köstlichen Unsinn sollten Sie
sich selber anschauen, verehrte Opernfreunde. Fahren Sie nach Bonn! Einen
schöneren, beschwingteren und fröhlicheren Opernabend haben Sie selten erlebt.
Hier kommen Szene, Bild, die wunderbaren Kostüme von Werner Hütterli und
eine mehr als süffig gespielte Musik des Beethoven-Orchesters Bonn unter der
hervorragenden Leitung von Christopher Sprenger brillant zusammen, wie in
einem Champagner-Coctail, in dem statt Luftbläschen sich Goldflitter bewegen.
Ein ganz toller Abend! Gnadenlose 5 Sterne für beste Bühnenunterhaltung und
geglückte moderne Umsetzung dieser wunderbaren Love-Story.
P.S.
Daß die große Vera Nemirova mit
ihrer kürzlich erst gewesenen „Macbeth-Inszenierung“ an der Wiener Staatsoper
eine Weltstadt praktisch so in Panik und Verzweiflung stürzen konnte, wie
weiland 1937 Orson Welles New York mit seinem Außerirdischen-Hörspiel „Krieg der
Welten“, macht mich immer noch ratlos, denn hier hat sie bewiesen, daß sie
zurecht als eine der weltbesten und begnadetsten
Opernregie-Fach-Frauen gehandelt werden muß. Mille Gratie Vera! Freuen wir uns
auf ihre Salzburger „Lulu“. Bravi!
Peter Bilsing
DIE SCHWARZE SPINNE
Schön schaurig ist die diesjährige
Jugendopern-Produktion der Oper Bonn, die alljährlich im Malersaal in Bonn-Beuel
stattfindet. Sämtliche Sänger und Instrumentalisten rekrutieren sich von der
Musikschule Bonn, um so erstaunlicher, daß man sich an ein relativ
zeitgenössisches Werk, nämlich Judith Weirs erste Oper "Die schwarze Spinne" aus
dem Jahr 1985 gewagt hat. Selbst für relativ freie Stimmbesetzungen geschrieben,
autorisierte die Komponistin den Kollegen Benjamin Gordon für Hamburg mit einer
Kinder-/Jugendfassung, die auch in Bonn zur Aufführung kommt. Weirs Musik stützt
sich dabei auf alte Formen, wie Arie und Chor, ist dabei stets gut
nachzuvollziehen ohne die modernen Anflüge zu verstecken. Die Quellen der
Handlung beziehen sich auf Jeremias Gotthelfs gleichnamige Schauernovelle um den
geheimnisvollen "Grünen Mann" und die Verbreitung der Pest mittels einer
schwarzen Spinne und einem Zeitungsartikelartikel über die Öffnung eines
polnischen Fürstengrabes mit sehr merkwürdigen Todesfolgen der Beteiligten aus
den Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die zeitgenössischen Szenen
rahmen als gesprochener Dialog auf recht witzige, ironische Weise die
Opernszenen des Mittelalters. Bereits wenn man den aufwändig als Kathedrale
gestalteten Malersaal durch den Weihrauchgeruch betritt, stellt sich ein
herrlich spukiges Gefühl ein, also nicht zu kleine Kinder mitnehmen; während der
Aufführung wird sich , nicht unähnlich einer katholischen Messe, immer wieder
erhoben und die Perspektive gewechselt, denn Regisseur Mark Daniel Hirsch läßt
die jungen Akteure den ganzen Raum nutzen. Mit besonderer Spielfreude werden die
"komischen" Aspekte herausgestellt, die Sänger, Schauspieler und
Instrumentalisten erfreuen immer wieder durch Engagement, daß ich hier keine
Namen nenne, spricht für die Geschlossenheit des Niveaus, wichtig ist einfach
der Spaß am Spiel, an der Musik, den Dirigentin Sybille Wagner, sonst Bonns
Chorleiterin, und Ekaterina Klewitz, die die musikalische Einstudierung und
einige Dirigate inne hat, bei den Kindern und Jugendlichen weckt. Nach 75
Minuten ist der Spaß schon vorbei. Ein großer Dank der Bonner Oper, die
musikalische Jugenderziehung so ernst nimmt, und dabei Kosten und Aufwand nicht
scheut, siehe das beeindruckende Bühnenbild Uta Heisekes und die üppigen Kostüme
Dieter Haubers. Für die jüngeren Musikanten gibt es übrigens eine Musicalversion
nach Andersens "Die chinesische Nachtigall" in der Bonner Oper. Das nenne ich
echte Förderung!
Martin
Freitag
Erinnerung lastet - Eugen d'Albert: DER GOLEM - Oper Bonn, Premiere 25.1.2010