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Foto: snd                                                                   http://www.snd.sk/

 

LOHENGRIN

24. Mai 2013

Es ist eigentlich eine Schande zugeben zu müssen als Wiener Rezensent noch nie im Neuen Gebäude der Slowakischen Oper in Bratislava gewesen zu sein, nicht einmal 80 km entfernt. Um es vorweg zu sagen, die einstündige Fahrt lohnte sich zu 100%, auch wenn im Vorfeld schon ein wenig Skepsis mitschwang: Denn auch in der Hauptstadt der Slowakei huldigte man Richard Wagners 200. Geburtstag mit einem Lohengrin, einer Oper an der schon größere und bekanntere Häuser eindrucksvoll scheiterten. Aber all diese Vorurteile waren unbegründet.

In Kooperation mit der Litauischen Oper in Riga inszenierte der Generaldirektor der Lettischen Nationaloper Andrejs Žagars (Bühnenbild Reinis Suhanovs, Kostüme Kristine Pasternaka) eine interessante Lohengrin-Version, die mit einfachen Bühnenelementen auskommt. Graue geometrische Flächen, die an Sichtbeton erinnern, dominieren die Szene, man fühlt sich eigentlich das ganze Stück über in einer katholischen Kathedrale, von hinten dringt geschickt eingesetztes Licht ein (Kevin Wyn-Jones).

Im Gegensatz zu manch provokanten Wagner-Inszenierungen (Stichwort Düsseldorf) musste sich nach dieser Premiere kein einziger Besucher in ambulante ärztliche Behandlung begeben und es wurde niemand schockiert, obwohl die Zeit der Handlung ins Jahr 1940 verschoben wurde. König Heinrich und Friedrich von Telramund tragen nicht näher definierte Uniformen, auch der Chor im zweiten Akt ist in Soldatenmontur zu sehen. Elsa erscheint bei den Anschuldigungen Friedrichs mit einem Pack von Flugzetteln, auf denen (zweisprachig) „Vermisst“ aufgedruckt ist und die das Bild ihres Bruders Gottfrieds zeigen. Der Retter erscheint vorerst als Licht-Projektion, später in ganzer Größe als – Fallschirmspringer! Ein Soldat der Alliierten, der ins deutsche Feindesland kommt? Ein Spion?

Bei den instrumentalen Stellen gelingt es geschickt durch wacklige wochenschauartige Filmsequenzen (Videodesign Ineta Sipunova) die Atmosphäre des Beginn des Zweiten Weltkrieges einzufangen, nicht die historische Wahrheit steht dabei im Vordergrund, aber rein emotional spürte man sich fast körperlich in die damalige Zeit versetzt. Žagars erzählt keine Geschichte von göttlichen Wesen und Übermenschen, sein Lohengrin ist auch kein Bote Gottes, sondern er kommt nur mit der Mission zu helfen und Elsa zu beschützen. Und seiner Regie gelingt dies ausgezeichnet, wozu in erster Linie die logisch durchgezogene Personenführung beiträgt, während die Massenszenen kontrastierend symbolhaft ausfallen.

Musikalisch begann der Abend mit leichtem Schaudern, denn beim Vorspiel schien das Orchester des Slowakischen Nationaltheaters noch zu nervös und inhomogen, speziell die Streicher wackelten sich erst so richtig in Stimmung. Aber später hatte Friedrich Haider, der seine Karriere in Klagenfurt begann und den man ja als Ex-Partner von Edita Gruberova kennt, seine Damen und Herren im Graben toll im Griff. Der seit 2009 als GMD am Haus werkende Haider forcierte vielleicht an manchen Stellen zu sehr, aber das famose Blech seines Orchesters und der ungemein beeindruckende Chor (Pavol Procházka) lieferten einen so prachtvollen Sound, dass man sich diesen fortissimi gerne hingab.

Natürlich gibt es in der heutigen Zeit strahlendere Helden als Miroslav Dvorský, aber einen Kaufmann oder Vogt kann man halt nicht klonen. Und der „kleine“ Dvorský machte seine Sache gar nicht so schlecht. Eine eher weiße, kopfige Stimme, der manchmal die Körperbasis zu fehlen scheint, aber doch mit Durchschlagskraft, die Dvorský speziell in den Ensembles gut einsetzte. Zu Beginn des 3. Aktes schien er körperlich angeschlagen und die Stimme brach auch einmal weg, aber routiniert hielt er durch, wenngleich natürlich die Gralserzählung nicht mehr wirklich so überzeugend gelang und dynamische Differenzierungen ausbleiben mussten. Adriana Kohútková konnte da wesentlich besser gefallen, auch deswegen, weil ihr mehr schauspielerisches Talent in die Wiege gelegt wurde als ihrem tenoralen Partner. Lokalgröße Peter Mikuláš erhielt als Heinrich den meisten Applaus, sein Bass hatte Gewicht und Volumen, darstellungsmäßig forderte seine Rolle ja so gut wie gar nichts. Bleibt vom Hausensemble noch ein durchaus entsprechender Heerrufer zu erwähnen, Daniel Čapkovič machte seine Sache richtig gut.

Das „böse“ Paar war Gästen des Hauses anvertraut: Der unlängst an der Wiener Volksoper als Rigoletto überzeugende Bulgare Anton Keremidtchiev konnte auch als Friedrich von Telramund begeistern, noch stärker setzte sich Mona Somm (war in Erl schon Venus und Kundry und wird dort 2014 als Brünnhilde zu sehen sein) in Szene, an deren Ortrud nur manche Vokalverfärbungen störten, die offensichtlich im Eifer des Gefechts auftraten, da die Schweizerin oft ans Limit ging.

Fast konventionell ließ Žagars die Oper enden, denn Lohengrin bringt den Buben Gottfried ebenfalls in Fallschirmspringermontur zu Elsa und entschwindet dann in einem (Militär-)Flugzeug. Ein erstaunlich junges Publikum bejubelte dann einhellig das Produktionsteam, bei den vereinzelten Pfiffen für die Regie fehlte mir die Erfahrung zu beurteilen, ob diese Zustimmung oder Ablehnung bedeuteten. Sehens- und hörenswert!

Ernst Kopica                                               Fotos Copyright: Anton Sladek

 

 

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