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ANNA KARENINA

Besuchte Vorstellung 25. Februar 2014             (Premiere am 15. Februar 2014)

Spannende Opern-Wiederentdeckung

Nadja Stefanoff/Arthur Shen

Mit der Ausgrabung und Aufführung von „Anna Karenina“ des fast völlig vergessenen ungarischen Komponisten Jenö Hubay ist Braunschweigs neuem Operndirektor Philipp Kochheim ein richtiger Theatercoup gelungen. Die Premiere am 15. Februar hatte großen Erfolg bei Publikum und Kritik; von der Güte der Produktion und dem musikalisch hohen Niveau konnten wir uns am 25. Februar überzeugen.

Nach erstem Violinunterricht seines Vaters, Professor an der Budapester Musikakademie, ging Jenő Hubay, 1858 in Pest geboren, von 1873 bis 1876 nach Berlin, um bei Joseph Joachim zu studieren. Zurück in Ungarn freundete er sich mit Franz Liszt an; auf dessen Anraten fuhr Hubay 1878 nach Paris, wo er – wie auch bei Konzerttourneen in fast alle europäische Länder – als Violinvirtuose große Erfolge feierte. 1882 wurde Hubay auf Vorschlag seines Freundes Henri Vieuxtemps Professor für Violine am Konservatorium in Brüssel, ein Posten, den Vieuxtemps selbst und Henryk Wieniawski innehatten. Nach dem Tod des Vaters 1886 kehrte er auf Bitten des Kultusministers nach Ungarn zurück, um dort den Posten seines Vaters als Leiter der Violinausbildung an der Budapester Musikakademie zu übernehmen; von 1919 bis 1934 war er deren Direktor. In seiner Zeit war Hubay ein allseits hochgeachteter Musiker, der Johannes Brahms, Jules Massenet, Felix Weingartner, Joseph Krips und andere zu seinen Freunden zählte.

Da Hubay Jude war, verschwanden seine Werke Mitte der 1930er-Jahre von den Konzertpodien und Bühnen. Nach seinem Tod 1937 und auch nach Ende des 2.Weltkriegs geriet er in Vergessenheit, denn im kommunistischen Ungarn durfte sein Name nicht erwähnt werden, weil er wegen seiner heirat mit einer Gräfin als „großbürgerlich-aristokratischer Künstler“ galt. Neben vier Violinkonzerten, mehreren weiteren sinfonischen Werken und etlicher Kammermusik komponierte Hubay sieben Opern, von denen „Der Geigenmacher von Cremona“ am erfolgreichsten war.

„Anna Karenina“ entstand 1914 nach einem Libretto von Alexander Góth, die nach der Uraufführung 1915 in Budapest von dort aus ab 1920 bis in die 1930er-Jahre über Duisburg, München und Wien bis nach Chemnitz zahlreiche erfolgreiche Aufführungen in Ungarn und im deutschsprachigen Raum erlebte. Die Oper nach Tolstois berühmtem, 1878 veröffentlichtem Roman enthält eine spätromantische Tonsprache voller Emotionen, Dramatik und einem enormen Melodienreichtum, der unter Verwendung vielfältiger Stilmittel in tonaler Komponierweise ausgebreitet wird. Hubay autorisierte die deutsche Übersetzung von Hans Liebstöckl, die seit der deutschen Erstaufführung in Duisburg 1934 ständig verwendet wurde, so jetzt auch in Braunschweig.

Aus dem vielschichtigen Roman entnahm Hubays Librettist neben der Beziehung Anna Kareninas zu Graf Wronskij nur noch den Handlungsstrang um ihre Freundin Kitty und deren Jugendfreund und Verehrer Lewin. Anna führt ein nur scheinbar glückliches Leben in russischen Adelskreisen mit ihrem Mann Alexej und Sohn Serjoscha, bis Graf Wronskij in ihr Leben tritt. Nach anfänglichem Zögern stürzt sich Anna in eine leidenschaftliche Liebesaffäre mit dem jungen Mann, für die sie nach und nach alles opfert, ihre Ehe, die Achtung der Gesellschaft und schließlich ihr eigenes Leben. Obwohl die Handlung – wie in der Romanvorlage – im Russland des ausgehenden 19. Jahrhunderts angesiedelt ist, sind es jedoch nicht äußere Einflüsse oder gesellschaftliche Zwänge und Moralvorstellungen, an denen die Beziehung zu Wronskij scheitert. Sie zerbricht von innen heraus.

Diese im Grunde zeitlose Problematik wird in der Braunschweiger Inszenierung dadurch deutlich gemacht, dass die historische Umgebung in Kleinigkeiten zitiert wird: So findet das Zarenreich im zu Ende gehenden 19.Jahrhundert im 1.Bild nur in den Kostümen seinen Ausdruck; auf der Rennbahn des 2.Bildes sieht man elegante moderne Kleidung vor Wettbüro-Schaltern. Im 3.Bild agieren die Protagonisten in einem zeitgenössischen, in kaltem Weiß gehaltenen Foto-Studio, während das letzte Bild in eine herbstliche russische Birkenlandschaft führt, die vom Bahngleis durchschnitten wird, auf der die todbringende Eisenbahn herannaht. Anna Karenina erinnert durch das Ballkleid des 1.Bildes an den Beginn der leidenschaftlichen Beziehung.   

Die jeweils stimmigen Bühnenbilder stammen von Thomas Gruber, die prächtigen, stilsicheren Kostüme von Gabriele Jaenecke. Das in jeder Phase spannende Seelendrama ist von Regisseur Philipp Kochheim mit einfühlsamer Personenführung und in der einzigen Chorszene auf der Rennbahn mit viel Liebe zum Detail in Szene gesetzt worden.

Mit dem hochmotivierten Braunschweiger Opernensemble und einigen sicheren Chorsolisten standen dem Regieteam glänzende Sängerdarsteller zur Verfügung, an der Spitze Nadja Stefanoff als Gast aus Bremen in der Titelrolle. Wie sie die bis zur Selbstaufgabe liebende Anna Karenina gestaltete, das hatte herausragendes Niveau. Dazu kam ihr dunkel getönter, bis in die nicht wenigen Höhen volltimbrierter Sopran, mit dem sie die verschiedenen Nuancen der sängerisch sehr anspruchsvollen Partie tief beeindruckend ausdeutete.

Die unterschiedlichen, sich im Laufe der Beziehung ändernden Gemütszustände des Grafen Wronskij von leidenschaftlicher Werbung bis zu abstoßendem Desinteresse stellte Arthur Shen gut nachvollziehbar heraus. Sein tragfähiger Tenor passte gut zu der Partie, wenn auch die Probleme des sympathischen Sängers bei den beiden letzten Spitzentönen nicht zu überhören waren.

Mit reizendem Jung-Mädchen-Charme und aufblühendem, blitzsauberem Sopran gefiel einmal mehr Moran Abouloff als entzückende Kitty, zu der der ausdrucksvolle, schöne lyrische Tenor von Matthias Stier als Lewin bestens passte. Die undankbare Rolle von Annas Ehemann Karenin füllte Rossen Krastev mit markantem Bass und tiefernster Darstellung aus. Mit kräftigem Bariton und raumfüllender Gestaltung gab Oleksandr Pushniak den Fürsten Serpukowskij; temperamentvoll und mit baritonaler Stimmkultur zeigte sich Orhan Yildiz als Lewins Freund Oblonskij.

Braunschweigs 1.Kapellmeister Sebastian Beckedorf sorgte am Pult des in allen Gruppen ausgezeichneten, Wagner-stark besetzten Staatsorchesters durch präzise Zeichengebung dafür, dass die spätromantische Komposition mit den vielen illustrativen Elementen (Fahrender Zug, Telegrafen-Signale, Galopp-Rennen) und dem großen Melodienreichtum effektvoll zur Geltung kam. Der Chor (Georg Menskes/Johanna Motter) zeigte an der Rennbahn viel Spielfreude und trumpfte mit ausgewogener Klangpracht auf.

In der 3.Vorstellung nach der Premiere war das Haus erfreulicherweise wieder sehr gut besetzt; lang anhaltender, begeisterter Beifall belohnte alle Akteure.

Gerhard Eckels 26.2.2014                   Fotos: Volker Beinhorn

Weitere Vorstellungen: 9./15./23.3., 4./13./17.4., 28.5.2014

 

 

 

 

DIE REISE DES EDGAR ALLAN POE

Besuchte Vorstellung 14. Dezember 2013    (Premiere am 30. November 2013)

Reise ins eigene Ich

Das Braunschweiger Staatstheater hat in den vergangenen Jahren immer wieder unbekannte und fast vergessene Opern ausgegraben und diese mit beachtlichem Erfolg aufgeführt. Diesmal war es im Rahmen einer neuen Reihe „The American Way of Opera“ die „Reise des Edgar Allan Poe“ des amerikanischen Komponisten Dominick Argento, die in einer Neuinszenierung von Thaddeus Strassberger, der auch für das Bühnenbild verantwortlich zeichnete, zu erleben ist. Argento erhielt von der Universität von Minnesota den Auftrag, zur 200-Jahr-Feier der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten 1976 eine Oper zu komponieren. Da lag es nahe, auch einen amerikanischen Autor zur Grundlage des Werks zu machen.

Ausgangspunkt des Librettos von Charles M. Nolte ist eine Reise des Schriftstellers Edgar Allan Poe, die er Ende September 1849 von Richmond aus antrat und die am 3. Oktober, wenige Tage vor seinem Tod, in den Gossen von Baltimore endete. Poe, der in seinem Leben nichts an Ausschweifungen ausließ, wurde in erbärmlichem Zustand aufgefunden – heruntergekommen, fiebernd, krank. Wie es dazu gekommen war, weiß man bis heute nicht. Argento und sein Librettist beteiligten sich an den Spekulationen, indem sie diese Reise als Psycho-Trip deuteten und sie mit biographischen Details sowie Texten und Figuren aus den schaurigen und hochromantischen Geschichten des Dichters anreicherten. 

In der Braunschweiger Produktion blickt man zunächst in ein trostloses Zimmer, in dem ein ziemlich abgerissener Schriftsteller in das gestörte Bild eines Fernsehers starrt; daneben liegt seine junge Frau – tot. In einer Ecke krümmt sich vor Kummer Poes Schwiegermutter (Milda Tubelytė mit charaktervollem Mezzo).

Milda Tubelytė, (anderer Poe), Ekaterina Kudryavtseva

Auf der anderen Seite der Bühne erinnert sich der Arzt (mit pointiertem Charaktertenor Wolfgang Schwaninger) an Poe und dessen Absicht, auf eine Schiffsreise zu gehen. Und nun beginnt mit dem Auftreten von Griswold, dem Widersacher von Poe, dessen Reise in das Innere seiner Seele.

In der besuchten Vorstellung sang Renatus Mészár den Griswold vom Bühnenrand aus mit beeindruckender stimmlicher Feindifferenzierung, während Arthur Shen (der Poe der Premiere) ihn temperamentvoll spielte. Die Titelrolle alternierte Mark Adler, der durch vorzügliche Gestaltung und vor allem durch Beherrschung der sängerisch hoch anspruchsvollen Partie begeisterte; wie er die schwierigen Intervallsprünge und die tenoralen Höhen meisterte, das hatte herausragendes Niveau.

Im Folgenden sah man nun sich ständig verändernde alptraumartige Bilder, in denen Poe und seine blutjunge Frau Virginia (mit sauberer, lyrischer Stimmführung Ekaterina Kudryavtseva) auf bessere Zeiten zurückblickten oder ihre Hochzeit erlebten (mit surreal sich vervielfachender Braut).

(Arthur Shen als Poe), anderer Griswold, Ekaterina Kudryavtseva

Von seiner leiblichen Mutter (Yamina Maamar mit hochdramatischem Gestus und starkem Sopran), seiner Pflegemutter (Anne Schuldt mit gepflegtem Mezzosopran) und von seinen Geschwistern (Simone Lichtenstein/Malte Roesner als automatenhafte Figuren) wird Poe an seine Trunksucht, Spielsucht und Armut erinnert.

Anne Schuldt, Milda Tubelytė, anderer Griswold, Ekaterina Kudryavtseva, Arthur Shen als Poe und Chor  

Ein Höhepunkt der Oper ist der Alptraum einer Gerichtsszene, in der Poe am Tod seiner Virginia für schuldig erklärt wird. Wie Orpheus holt er seine geliebte Frau zurück, darf sie aber nicht nach dem Jenseits fragen, was er natürlich doch tut, und daraufhin Virginia ein zweites Mal verliert. Poe geht letztlich daran zugrunde, dass er selbst den Tod seiner Frau verschuldet hat. Schließlich ist noch die Figur des skurrilen Theaterdirektors zu erwähnen, der alles zu arrangieren scheint; Rossen Krastev füllte ihn mit überaus prägnantem, flexiblem Bass aus.

Andere Sänger als Griswold und Poe, Malte Roesner, Yamina Maamar, Milda Tubelytė, Wolfgang Schwaninger, Anne Schuldt, Rossen Krastev

Die fantasiereichen Kostüme von Madeleine Boyd passten bestens zu den mit Hilfe der Drehbühne schnell zu verändernden Bildern, bei denen auch Edgar Allan Poes Rabe auf einem Gesims nicht fehlen durfte.

Die Musik ist aus allen möglichen Stilrichtungen zusammengemixt: Da gibt es impressionistisch anmutende Klänge, in die sich zarte, tonale Kantilenen mischen, wenn es um Poes Beziehung zu Virginia geht. Vielfach verschränken sich die Gesangslinien aller Beteiligten ineinander, was das Werk zu einer großen Ensemble-Oper macht. Aber man hört auch reichlich Hollywood-artige Filmmusiken in den orchestralen Zwischenspielen, und es gibt immer wieder überbordende Klangeruptionen aus dem Graben, die die Sänger teilweise erbarmungslos zudeckten, was dem sonst sehr präzisen Dirigat von Sebastian Beckedorf anzulasten ist. Er hielt den großen Apparat zusammen und sorgte dafür, dass die vielschichtige Partitur Argentos gut zur Geltung kam. In besonderer Weise imponierte der Totaleinsatz des gesamten Ensembles; das gilt in gleichem Maße für den Chor (Einstudierung: Georg Menskes), der durch ausgewogenes Singen und lebhafte Darstellung gefiel.

In der 2. Vorstellung nach der Premiere waren die Reihen nach der Pause etwas gelichtet; das übrige Publikum bedankte sich bei allen Beteiligten mit starkem Beifall.

Gerhard Eckels 15.12.2013                                          Fotos: Volker Beinhorn    

Weitere Vorstellungen: 18./27.12.2013, 11.1., 2./23.2., 13./21.3.2014

 

 

DER ZIGEUNERBARON

Besuchte Aufführung am 21.11.13                 (Premiere am 12.10.13)

Leichte Muse, halbherzig erzählt

Wie in den letzten Jahren kann das Publikum des Staatstheaters Braunschweig von der Zusammenarbeit mit der Kammeroper Schloss Rheinsberg profitieren, indem das sonst schmählich vernachlässigte Operettengenre, wenigstens auf diese Weise im Spielplan Berücksichtigung findet. Dieses Jahr also "Der Zigeunerbaron" ein echtes Meisterwerk von Johann Strauß Sohn zumindest musikalisch. Das Werk ist durch seine tendenzielle Kriegsfreidigkeit und natürlich die mittlerweile politisch unkorrekte Silbe "Zigeuner" mitsamt den Klischees ins Abseits der Spielpläne gerückt, wobei "Roma und Sintibaron" keine wirkliche Lösung des Problems wäre. Vielleicht läßt man die Duldsamkeit des Historismus einfach mal bestehen, versieht in einer Inszenierung kritische Anmerkungen und gut?

Immerhin bemüht man sich wenigstens in einer halbszenischen Darbietung, doch was in den letzten Jahren gelang, diesmal geht es schief. Der Erzählertext von Eika Herlyn kapriziert sich ausgerechnet auf den staubtrockenen Sittenkommissar Conte Carnero als Erzähler, was vielleicht auch dem engagierten Daniel Hellmann als einzigem Muttersprachler geschuldet ist. So zieht sich der Zwischentext wie Kaugummi durch die schöne Musik, was nicht an dem jungen talentierten Bariton liegt. Detlef Soelter läßt die Protagonisten in seiner szenischen Einrichtung teilweise wie Zombiemarionetten durch die Gegend taumeln, statt das Spiel zu befeuern. Da nützen auch die niedlichen Schweinchenbilder nichts, der Abend gerät unnötig fade.

Auch musikalisch hat man schon überzeugendere Dirigate von Georg Menskes gehört, sein Johann Strauß gerät recht bieder. Langsame Tempi, wo mehr Schwung vonnöten wäre, zu schnelle wo Textverständlichkeit angesagt wäre, wie in den Couplets. Immerhin klingt das Staatsorchester Braunschweig ausgezeichnet, sind einige übliche Striche geöffnet (Bummcouplet und Sittencouplet). Besonders schön ist der üppige Chorklang, denn neben dem Chor des Staatstheaters hört man noch den KonzertChor Braunschweig, soviel Volumen erfreut das herz, denn die Chorpartie ist keine kleine.

Bei den Sängern finden sich neben den jungen Talenten des Rheinsberger Kammeroper auch zwei "alte" Hasen. So haben wir mit Sofi Lorentzen eine gestandene Mezzosopranistin vor uns, die den anspruchsvollen Anforderungen, der schon leicht dramatischen Czipra-Partie von den Alt-Tiefen bis in die leicht klirrenden Höhen enormes Profil verleiht. Mehrzad Montazeri überzeugt als Barinkay mit nie versiegendem Tenorstrahl und überrumpelt mit toller Höhe, leider fehlt ihm in recht monochromen Vokalgestus der nötige Operettencharme, eine Aufgabe der ungenügenden, szenischen Einrichtung. Eine Überraschung ist Mine Yücel als Saffi, denn hier finden sich nötiges Temperament mit einer sehr ausgefeilten Gesangsdynamik. Dramatischer Aplomb läßt sich stets in feine , lyrische Phrasierung zurückführen, ein Gesangstalent, das man unbedingt weiter verfolgen muß. Die anderen Charaktere geraten leider durch ausführliches Zappeln-Müssen nie über eine Schablone heraus. Gerade ein interessanter Charakter wie Arsena böte mehr Nuancen, obwohl Marija Mitic gesanglich mit feinem Sopran und runden Koloraturen alles hervorragend macht. Mit Karol Lizak als Ottokar hat sie einen prima Buffo an ihrer Seite, dessen Tenor durchaus mehr zu bieten hat als diese Fachspezifizierung. Kong Seok Choi besitzt einen imposanten Bass und vermag als Schweinezüchter Zsupan enorm Furore zu machen. Carolin Löffler gefällt mit schönfarbigem Mezzo als gar nicht alte Mirabella und Byeong in Park nutzt das Werberlied, um mit angenehmen Bariton aufzufallen.

Dieses Jahr hat man in Braunschweig auch mehr Vorstellungen angesetzt, um dem verstärkten Publikumsinteresse nachzukommen. Das Haus war sehr gut besucht, die Zuschauer gewillt den Abend und vor allem die Musik zu genießen. Wäre das nicht ein eindeutiges Signal, mal wieder eine richtige Operettenaufführung auf die Bühne zu bringen? Ansonsten sei auf den ausgezeichneten Text der konzertanten Zigeunerbaron-Aufführung des Musiktheaters im Revier hingewiesen; hier hatte Intendant Michael Schulz gezeigt, wie man Unterhaltung und dramaturgische Belehrung in einen Guss bringt, statt immer nur Schema F (Person X erzählt die Handlung) darzubieten.

Martin Freitag / 6.12.13                            Fotos  © Karl-Bernd Karwasz

 

 

 

 

PARSIFAL

Besuchte Vorstellung 1. Dezember 2013           (Premiere am 5. Oktober 2013)

Musikalisch herausragend

Nun hat auch das Braunschweiger Staatstheater seinen Beitrag zum diesjährigen Wagner-Jubiläum geliefert, und wieder einmal war es vor allem ein musikalisches Ereignis, ein Triumph für das in allen Gruppen in blendender Form aufspielende Staatsorchester und seinen „Chef“ Alexander Joel. Wie er den großen Apparat zusammenhielt, wie er trotz relativ zügiger Tempi dichte Spannungsbögen aufbaute und wie er packende Dramatik erzeugte, das hatte wirklich herausragendes Niveau.

Die Neuinszenierung der Regisseurin Yona Kim fügte der Rätselhaftigkeit des Bühnenweihfestspiels einiges an Befremdlichem hinzu: So lief immer wieder über den leeren, von schwarzen Quader-Wänden begrenzten Bühnenraum (Bühnenbild: David Hohmann) ein Junge in kurzen Hosen, dessen Identifikation schwerfiel, soweit er nicht den Schwan mit blutendem Pfeil in der Brust darstellte (War es der kleine Parsifal?)

Dominik Wortig/Selcuk Hakan Tirasoglu

Der erste Aufzug begann in einer Schulklasse, in der an schwarzen Schulbänken die Knappen (Moran Abouloff/Milda Tubelyte/Michael Ha/Yuedong Guan) und einige weiteren junge Leute saßen, die Gurnemanz mit Reitgerte disziplinierte. Alle, später auch die Gralsritter waren merkwürdig uniformiert (lange weiße Hemden über grauer Hose, schwarze Krawatte, blaue Strickjacke oder graues Sakko – Kostüme: Hugo Holger Schneider). Nach der Verwandlung wurden die Schulbänke zu einer langen Tafel zusammengeschoben, an der Amfortas mit den Knappen und einigen Gralsrittern Leonardo da Vincis „Abendmahl“ nachbildeten – davor wurde Stacheldraht ausgerollt, und der kleine Junge, angeleitet vom 1. Gralsritter (mit geschmeidigem Tenor Matthias Stier) posierte mit einer Maschinenpistole.

Matthias Stier

Im 2. Aufzug war über die „Abendmahls-Tafel“ sowie die Quader-Decke und -Wände schwarzes Gestrüpp gewuchert – so wurde sinnfällig deutlich, dass die Welt des Grals mit Klingsors Zauberwelt zusammenhängt. So wie die Blumenmädchen in durchsichtigen Plastikmänteln auf die Bühne torkelten, sollten sie wohl doch nur Traumgebilde sein; eine erotische Anfechtung Parsifals waren sie nicht. Die Speer-Übernahme war dürftig; mit Maschinenpistolen und Molotow-Cocktails wehrten sich einige Blumenmädchen gegen den Untergang des so gar nicht zauberischen Klingsor-Reiches.  

Ekaterina Kudryavtseva, Simone Lichtenstein, Dominik Wortig, Milda Tubelytė, Carolin Löffler und Chor

Im 3. Aufzug trat Parsifal im Tarnanzug auf und zog eine Ansammlung von unzähligen Schwertern und Degen hinter sich her. Mit den christlichen Ritualen, die wie Fremdkörper wirkten, konnte das Regie-Team offenbar überhaupt nichts anfangen: So ließ Kundry die Taufe nur abfällig über sich ergehen, und zu der faszinierenden Musik des Karfreitagszaubers kamen die Blumenmädchen frierend und hungernd angekrochen. Bevor Parsifal am Schluss den Speer zurückbrachte, gab es Chaos in der Gralsritter-Gesellschaft: Abweichend vom Libretto wurde Titurel (markant: Rossen Krastev) zu Tode getrampelt, und tumultartig wird der Erlöser (?) bedrängt. Alles blieb offen: Amfortas‘ Wunde blutet weiter, Rituale aller Religionen werden gezeigt: Der 2. Grasritter (stimmkräftig Malte Roesner) rollt den muslimischen Gebetsteppich aus, Rosenkränze werden gebetet und ein Blumenmädchen versenkt sich hinduistisch.

Richtige Spannung ins Geschehen kam allerdings durch die ausgezeichnete Personenführung der Regisseurin: Die vielschichtigen Beziehungen der handelnden Personen wurden glaubhaft offen gelegt. Das gilt in besonderem Maße für die intensive Begegnung Kundry/Parsifal im 2. Aufzug, was natürlich auch an der gelungen stimmlichen Gestaltung durch die Protagonisten lag.

Morenike Fadayomi/Dominik Wortig

In der Titelrolle beeindruckte Dominik Wortig, der anfangs mit der gebotenen Zurückhaltung auftrat, dann aber seinen baritonal grundierten Tenor mit durchschlagender Strahlkraft einzusetzen wusste, ein Versprechen für weitere Partien im Wagner-Fach. Als darstellerisch berührende und stimmlich überzeugende Kundry nahm Morenike Fadayomi für sich ein. Sie ließ berückende Piano-Lyrik in der Herzeleide-Erzählung hören und war trotz weniger unruhiger Töne ausgesprochen höhensicher. Selcuk Hakan Tirasoglu hat sich inzwischen auch die Partie des Gurnemanz zu Eigen gemacht, die er mit seinem raumgreifenden, sehr differenziert eingesetzten Bass überzeugend ausfüllte. 

Morenike Fadayomi/Selcuk Hakan Tirasoglu/Dominik Wortig

Trotz einer angesagten Indisposition wartete Oleksandr Pushniak als Amfortas mit abgerundetem Bariton auf; in Spiel und Stimme prägnant gab Orhan Yildiz dem Klingsor Gewicht. Selten hört man die Blumenmädchen derart klangschön wie hier (Ekaterina Kudryavtseva/Simone Lichtenstein/Milda Tubelyte/Hyo-Jin Shin/Moran Abouloff/Carolin Löffler); ausgewogen und – wenn nötig – mit dramatischer Wucht gefielen Chor und Extrachor des Staatstheaters (Georg Menskes/Johanna Motter).

Das Publikum feierte alle Beteiligten mit starkem Beifall, der sich bei den Darstellern von Kundry, Parsifal und Gurnemanz zu Ovationen steigerte. 

Gerhard Eckels 2.12.2013                                 Fotos: Volker Beinhorn

 

 

 

DER ZIGEUNERBARON

Vorstellung am 19. Oktober 2013    (Premiere am 12. Oktober 2013)

Halbszenisch

Seit mehreren Jahren gibt es pro Spielzeit eine Produktion in Kooperation mit der Kammeroper Schloss Rheinsberg, die nur wenige Male auch in Braunschweig gespielt wird. Da sind vorwiegend sehr junge Sängerinnen und Sänger am Werk, die so die Möglichkeit haben, sich einmal an einem größeren Haus auszuprobieren. Es ist schade, dass offenbar aus Kostengründen keine szenische Realisierung der melodienseligen Operette möglich war. Für nur fünf halbszenische Aufführungen wurden ausschließlich die Solisten in hübsche, trefflich charakterisierende Kostüme gesteckt, für die Martien Withoot zuständig war, der mit ländlichen Milchkannen und einem liegenden Baumstamm vor einem großen, auf den Bühnenhintergrund projizierten „Schweine“-Bild auch die Spielfläche praktikabel ausgestattet hatte. Vor bzw. unter dem Bild saßen ca.80 Sängerinnen und Sänger des Opernchores (Johanna Motter) und des Konzertchores Braunschweig (Matthias Stanze) in schlichtem Schwarz. In diesem Ambiente ließ Detlef Soelter die Solisten munter agieren; der einzige Versuch einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Operettenstoff bestand darin, die aus dem Krieg Heimkehrenden verwundet darzustellen. Die Dramaturgin Eika Herlyn hatte zum besseren Verständnis der märchenhaften, reichlich verworrenen Story einen Erzählertext geschrieben, der zu lang und ohne echte Gags war; da hätte sich viel mehr draus machen lassen.

Marija Mitic/Karol Lizak

Das Staatsorchester Braunschweig spielte recht nachlässig in Streichern und 1. Horn unter der großzügig anfeuernden Leitung von Georg Menskes, der leider nicht immer genug Rücksicht auf die noch jungen Stimmen nahm, so dass diese manchmal in Orchesterfluten untergingen. Die reifste Leistung in Gesang und Spiel lieferte Sofi Lorentzen als Czipra, die ihren satten Mezzosopran gekonnt durch alle Lagen führte. Auch Mehrzad Montazeri als nach langen Jahren heimkehrender Sándor Barinkay ist zu den arrivierteren Sängern zu zählen, der alles hat, was ein guter Operettentenor braucht: Bestes Aussehen und einen kräftigen Tenor, der in der Höhe allerdings noch etwas mehr Schmelz haben dürfte. Eine ansehnliche, vom Zigeuner- zum Fürstenkind mutierende Saffi war Mine Yücel, die ihren runden Sopran mit solider Höhe differenzierend einsetzte.

Mine Yücel (anderer Barinkay)

Der Schweinefürst Kálmán Zsupán wurde von dem darstellerisch blassen Koreaner Kong Seok Choi mit starkem Bassbariton gegeben; in dem bekannten „Ja, das Schreiben und das Lesen…“ noch recht unausgeglichen, steigerte er sich bis zum Schluss mit schönem Legato und klarer Stimmführung. Als Zsupáns Tochter Arsena wartete Marija Mitic mit feinen Koloraturen und sauber gestochenen Tonsprüngen auf. Mit witzig komischer Attitüde war Carolin Löffler Arsenas Gouvernante Mirabella; sie überzeugte mit sauberer, gut durchgebildeter Stimme, die sicher noch ausbaufähig ist. Karol Lizak als Ottokar, der sich schließlich als Mirabellas Sohn herausstellt, passte mit sauberem, leichtem Tenor gut in das Ensemble, wie auch Daniel Hellmann als Conte Carnero, Mirabellas Liebster vor 20 Jahren, der als Erzähler etwas stockend durch den Abend führen musste, aber einen hübschen Bariton vorstellen konnte. Noch schöner klang der fülligere Bariton von Byeong in Park als für das Militär werbender Graf Homonay.

(andere Mirabella) Beyong in Park/Marija Mitic

Prächtige Klänge entwickelten die Chöre, konnten aber auch leisere Töne anschlagen, sobald sie nur eine Begleitfunktion hatten. Begeisterter Applaus mit einigen Bravos belohnte das junge Sängerteam.

Marion Eckels                                  Fotos: Karl-Bernd Karwasz

 

 

 

Auf dem Braunschweiger Burgplatz

LA TRAVIATA

Besuchte Vorstellung: 14. August 2013         (Premiere am 10. August 2013) Zweite Besprechung (Parallelbesetzung)

Tief bewegend

Das elegische Orchester-Vorspiel macht überdeutlich, dass die Geschichte der Kurtisane Violetta nicht gut ausgeht. Diese auch etwas melancholische Stimmung, die irgendwie über der ganzen Oper liegt, verbreitete Alexander Joel und das ausgezeichnete Staatsorchester auch diesmal wieder aufs Beste. 

(Ekaterina Kudryavtseva)

Das Ereignis dieses zweiten Opernabends mit der alternativen Besetzung der Hauptpartien war jedoch die Violetta von Ekaterina Kudryavtseva: Die zierliche Sopranistin zeichnete ein tief bewegendes Rollenporträt, indem sie die unterschiedlichen Emotionen der jungen Frau überaus eindringlich gestaltete. Dabei meisterte sie die vielfältigen stimmlichen Anforderungen der anspruchsvollen Partie mit Bravour; klare, aufblühende Höhen, dynamische Abstufungen ohne jeden Bruch und wunderschön ausgesungene Kantilenen zogen die Zuschauer in ihren Bann.

(Arthur Shen/George Stevens)

Dagegen hatte es Arthur Shen als jungenhafter Alfredo nicht leicht; ob sich der sympathische Tenor in den vielen schwereren Partien wie z.B. Calaf oder Radames zu sehr verausgabt hat? Denn inzwischen sind die angestrengten und dadurch unsicheren Höhen und die problematische Intonation nicht mehr zu überhören. Alles kann man auch nicht durch glaubwürdige, engagierte Gestaltung wieder wettmachen. Ein robuster Germont war George Stevens, der seinen etwas rau timbrierten Bariton versiert einzusetzen wusste. In musikalischer und darstellerischer Beziehung war das große Duett mit Violetta ergreifendes Musiktheater, wie es sein soll.

(Ekaterina Kudryavtseva/Milda Tubelyte)

Zum Erfolg auch dieses gefeierten Opernabends trugen wieder das gute Solisten-Ensemble und der agile Chor mit ansprechenden Leistungen bei.

Gerhard Eckels                                     Bilder: Volker Beinhorn

 

 

 

Auf dem Braunschweiger Burgplatz

Vorstellung am 13. August 2013 

LA TRAVIATA

Liebesdrama im Treppenlabyrinth 

Seit 2003 gibt es im Sommer in der unvergleichlichen Atmosphäre des historischen Braunschweiger Burgplatzes zwischen mittelalterlichem Dom und der Burg zu Füßen des Burglöwen eine Freilicht-Oper, was in Norddeutschland immer auch bedeutet, gegen Nässe von oben und Kälte von überall her zu kämpfen. So war es denn auch bei der beliebten „La Traviata“, als man beim Hereinkommen in das Spielrund erst einmal die Stühle trocken wischen musste und die Pause wegen eines weiteren Regengusses, der dann aber doch vorbeizog, verlängert werden musste. Die Zuschauer focht das alles nicht an; sie folgten der traurigen Geschichte, die auf einem merkwürdigen, für die Darsteller eher hinderlichen Gewirr von teilweise ins Leere führenden Treppenstufen ablief. Der für das Bühnenbild verantwortliche Kaspar Glarner hatte sich an den Labyrinth-Bildern M. C. Eschers mit ihren optischen Täuschungen orientiert, was hier jedoch ebenso wie die beiden schräg abgekippten Kopien des Löwenstandbildes keinen rechten Sinn machte. Die bekannte Story war vom Regisseur Walter Sutcliffe sanft modernisiert, indem die Spaßparty im 1.Akt nicht nur mit dem obligatorischen Schampus, sondern auch mit reichlich Kokain angereichert wurde; das Fest bei Flora fand im Rotlichtmilieu statt. Die jeweils lebendig agierenden und mit klangprächtigem Gesang aufwartenden Choristen (Georg Menskes) waren üppig kostümiert (Miriam Draxl). Im Übrigen verließ sich die eher zurückhaltende Personenregie auf die Darstellungskunst der Protagonisten. Zu Recht begeistert gefeiert wurde Liana Aleksanyan als anrührende, gegen ihr Schicksal ankämpfende Violetta. Ihr fülliger Sopran erwies sich im ersten Akt als koloratur- und höhensicher, ließ im zweiten mit warmen Farben ausgestattete lyrische Töne hören und hatte im Schluss-Akt wunderbare Piani, aber auch noch die nötige dramatische Attacke.  

Bisher war Matthias Stier hauptsächlich in Mozart-Partien eingesetzt; sein Debüt als Alfredo war sehr erfolgreich: Sein in hohem Maße kultivierter Tenor blieb stets geradezu belcantesk und schwang sich beeindruckend mühelos in die Höhen – wirklich Wohllaut pur. Dass Giorgio Germont in seinen Gefühlen hin und her gerissen ist, machte Orhan Yildiz überzeugend deutlich; er führte seinen prägnanten, nur in den Höhen manchmal etwas engen Bariton sicher durch alle Lagen der Partie. 

Das übrige Ensemble war ebenfalls durchgehend ausgesprochen niveauvoll, von Anne Schuldt (Flora) und Rossen Krastev (Grenvil) über Michael Ha (Gastone) und Malte Roesner (Douphol) bis zu Milda Tubelytè (Annina) und Daniel Claus Schäfer (d’Obigny). 

Wieder einmal war der Opernabend wegen Alexander Joel am Pult des gut aufgelegten Staatsorchesters vor allem ein musikalisches Ereignis; sein überaus sängerfreundliches Dirigat sorgte dafür, dass Verdis Musik ihren leidenschaftlichen Schwung erhielt und sinnliche Spannung atmete. 

Gerhard Eckels                                                  

 

 

                                                                

SAISONVORSCHAU 13 / 14

La Traviata - Premiere am 10.8.2013 auf dem Burgplatz

(Dirigent: Alexander Joel, Inszenierung: Walter Sutcliffe)

Parsifal - Premiere am 5.10.2013

(Dirigent: Alexander Joel, Inszenierung: Yona Kim, Parsifal: Dominik Wortig, Kundry: Morenike Fadayomi, Gurnemanz: Hakan Selcuk Tirasoglu)

Der Zigeunerbaron - Premiere der halbszenischen Produktion Zs. mit der Kammeroper Schloss Rheinsberg am 12.10.2013 (Dirigent: Georg Menskes)

Die Reise des Edgar Allan Poe  Dominik Argento Pr. am 30.11.2013

(Dirigent: Sebastian Beckedorf, Inszenierung: Thaddeus Strassberger)

Anna Karenina - Venö Hubay  -Premiere am 15.2.2014

(Dirigent: Sebastian Beckedorf, Inszenierung: Philipp Kochheim)

L’elisir d‘amore - Premiere am 29.3.2014

(Dirigent: Christopher Hein, Inszenierung: Alfonso Romero Mora)

Ein Nachtprotokoll Marko Nikodijevic – UA München am 7.5.2014, Pr. Braunschweig am 15.5.2014 (Inszenierung: Lotte de Beer)

Farnace Antonio Vivaldi:- Premiere am 16.5.2014

(Inszenierung: Roland Schwab)

West Side Story – Premiere auf dem Burgplatz am 6.7.2014

(Dirigent: Georg Menskes, Inszenierung: Philipp Kochheim)

 

Sunset Boulevard – Wiederaufnahme am 8.9.2013

Salome – Wiederaufnahme am 20.10.2013

Aida – Wiederaufnahme am 8.12.2013

Cosi fan tutte – Wiederaufnahme am 13.12.2013

Die Zauberflöte – Wiederaufnahme am 30.12.2013

           

 

 

COSÌ FAN TUTTE

Besuchte Aufführung am 14.06.13    (Premiere am 28.04.13)

Und mit den Clowns kamen die Tränen... 

Mozarts Meisterwerk "Cosi fan tutte" kann schon, bei mäßigen Aufführungen, ein langes Stück sein, nicht so am Staatstheater Braunschweig, wo die junge, niederländische Regisseurin Lotte de Beer einen wundervollen, spielerischen Umgang mit der nicht so ganz logischen Opera buffa von Lorenzo da Ponte gefunden hat. Alle sind Clowns; das Ausstatterduo Clement und Sanou entwarfen ein verwinkeltes Dörfchen mit merkwürdigen tablettenförmigen Lichtelementen, die ein wenig an Satellitenschüsseln erinnern, schöne Lichtstimmungen begleiten den Opernabend auf unauffällige, doch sehr atmospärische Weise.

Ein silberner Baum a la Dalì soll schon zur Ouverture den traurigen Don Alfonso-Clown als Galgen dienen, ein zerbrochenes Herz deutet seine persönliche Lage an. Doch das mißglückt, so wischt er sich die Schminke ab und wird zum schwarzen Philosophen und Spielleiter des Abends. Wunder schön sind auch die ganzen Clownskostüme anzusehen, die dennoch die Figuren charakterisieren, so wird die ernsthafte Fiordiligi zu einer melancholischen Pierette/Pierrot. Eine Traumparade sind die Chorkostüme, da finden sich von Grog über Liesl Karlstad/Karl Valentin bis Oleg Popov eine ganze Anthologie dieser Spezies, die das Bild immer wieder auflockern und bevölkern. Lotte de Beers "Cosi"-Inszenierung kann sowohl typisch, als auch spezifisch bezeichnet werden, sie trifft jedenfalls das Stück auf spielerische Art in seinem Kern und gibt den Darstellern Sicherheit, wie den Zuschauern auch die nötige Muße, der Musik zuzuhören, nichts ist unnötig verzappelt. Wenn am Ende der Oper die Clownsmasken gefallen sind, wirkt die Szene aufklärerisch real und gar nicht mehr lustig. 

An diesem Abend hat GMD Alexander Joel die musikalische Leitung von Sebastian Beckedorf übernommen und spielt mit dem famos aufgelegten Staatsorchester einen flotten, leicht historisch angelegten Mozart, der sich auch vor dem manchmal nötigen Pathos nicht scheut. Kleine Unsicherheiten werden schnell wieder aufgefangen, alles wirkt beschwingt und leicht. Auch die Sänger haben ein hohes Niveau aufzubieten: Ekaterina Kudryatseva hat mit der Fiordiligi bislang ihre beste Partie gefunden; ausgeglichen in allen Lagen, die wichtige , satte Tiefe dieser Rolle, irrwitzige Fiorituren, so die wahnsinnig raschen, perfekten Triolen in der Felsenarie und die nötige Poesie in der Interpretation, ein liebendes und leidendes Menschenkind. Matthias Stier dürfte zur Zeit eine der großen Hoffnungen für das Mozart-Fach sein, sein Tenor ist absolut schön timbriert, seine Technik hervorragend, ein ausgezeichneter Ferrando. 

Anne Schuld, die schon eine hinreißende Brangäne (!) gesungen hat, setzt ihren sinnlich üppigen Mezzosopran zu einer ausgewogenen, feinen Interpretation der Dorabella ein. Malte Roesners Bariton gefällt immer wieder durch seinen warmen Ton, doch ab einer bestimmten Höhe wirkt seine Stimme nicht gut fokussiert und klingt mulmig. Rossen Krastevs Don Alfonso kann mit perfekt durchgebildetem Bariton und der trockenen Interpretation als mustergültig bezeichnet werden. An Moran Abouloff ist ein echter Clown verloren gegangen, ihre Despina ist schlichtweg hinreißend, immer superpräsent, die Verkleidungsauftritte als Arzt und Notar mittels Vertiefung oder Falsettierung (sagt man das so bei Fauenstimmen?) buffonesk einfärbend, klasse! Der Chor ist bei seinen szenischen Spezialaufgaben sichtlich mit viel Freude im Einsatz, musikalisch immer kompetent und wohlklingend.

Ein sehr kurzweiliger Abend voll drei Stunden puren Mozartglücks, in einer pfiffigen, werkdienlichen Interpretation, die Jung und Alt gefällt.

Martin Freitag                                              Bilder: Karl-Bernd Karwasz

 

 

 

SALOME

Besuchte Vorstellung am 18. Juni 2013 (Premiere am 1. Juni 2013)

Verstörende Bilder

Eva Burghardt/Yamina Maamar

Dank Alexander Joel und des trotz langer Spielzeit und brütender Hitze blendend aufgelegten Staatsorchesters war der Abend ein musikalisches Ereignis. Wie der Braunschweiger GMD mit seinem extensiven, antreibenden Dirigat die flirrenden, faszinierenden Klänge der Strauss’schen Partitur aus den ausgezeichneten Instrumentalisten herausholte, das hatte herausragendes Format.

Die Inszenierung von Michael Simon hat verstörenden Charakter: Die biblische Geschichte um den von Herodes eingekerkerten Jochanaan und die ihn begehrenden Salome wird aus der Sicht der jungen Frau gesehen. Sie wird als labile Psychopathin gezeichnet, die stets „von Männern inklusive Stiefvater beglotzt und sexualisiert“ wird (Simon). So haben sich in ihrem Kopf schreckliche Bilder festgesetzt, in denen riesige Hände nach ihr greifen, weit aufgerissene, sie anstarrende Augen und Münder, die sie zu verschlingen drohen. Diese Bilder aus Salomes „Innenleben“ erscheinen nun teilweise kindlich hingeschmiert auf allen Ebenen des ebenfalls vom Regisseur verantworteten, alptraumartigen Bühnenbildes. Auch die geradezu Furcht einflößenden, überbordenden Kostüme, wenn man v der weißen Bekleidung Salomes und Jochanaans absieht, und die Video-Einspielungen von Zana Bosnjak verdeutlichen diese expressionistische Sicht. Fast durchgehend werden die Wände von der verdoppelten Titelfigur weiter bemalt, was alles für mich keinen Sinn machte. Im berühmten „Schleiertanz“ wird es für die Betrachter besonders hart, weil durch den Körper der Tänzerin ein ständiges, nicht enden wollendes Zittern und Zucken geht, eine ungemein ausdrucksstarke Leistung von Eva Burghardt.

Eva Burghardt/Yamina Maamar

Yamina Maamar verblieb während des Tanzes und beim Schlussgesang, übrigens ohne Jochanaans Kopf, statuarisch an einer Stelle, während ihr Doppel sozusagen „zermalmt“ wird; sie überstrahlte mit ihrem durchschlagskräftigen Sopran weitgehend mühelos das Orchester. Mit seinem Prachtbariton erfüllte Oleksandr Pushniak den Jochanaan, blieb in der Darstellung aber reichlich blass und ohne Ausstrahlung.

Oleksandr Pushniak/Yamina Maamar

Ausgesprochen differenziert, mit schneidendem, geiferndem Ausdruck setzte Jürgen Sacher als Herodes seinen Charaktertenor ein, während der volltimbrierte Mezzo von Natascha Petrinsky als Herodias geradezu hochdramatisch auftrumpfte; beide ließen ihre schrecklichen Kostüme fast vergessen.  

Arthur Shen wartete als Narraboth mit tenoralem Glanz auf; Anne Schuldt (Page) gefiel mit ausgeglichenem, tragfähigem Mezzo. Aus den vielen kleineren Partien, in denen sich das Braunschweiger Opernensemble bewährte, seien die sonoren Bässe von Selcuk Hakan Tirasoglu (1.Soldat/1.Nazarener) und Rossen Krastev (5.Jude/2.Soldat) hervorgehoben.

Fazit: Wegen der tollen Orchesterleistung lohnt die Fahrt nach Braunschweig, wenn „Salome“ in der nächsten Spielzeit wieder aufgenommen wird.                      

Gerhard Eckels                                         Bilder: Karl-Bernd Karwasz

 

SALOME

Besuchte Aufführung am 13.06.13 (Premiere am 01.06.13)

Geklonte Regie 

Hätte ich nicht auf dem Besetzungszettel der "Salome" am Staatstheater Braunschweig unter "Regie und Bühne" den Namen Michael Simon gelesen, hätte ich gedacht, daß Achim Freyer sein Debut an der Oker gegeben hat, denn die ganze Szene sieht aus wie Achim Freyers Arbeiten. Die artifizielle Lesart der Oscar-Wilde-Vertonung wird durch die Augen der Protagonistin gesehen, grobe Malereien a la "Neue Wilde" voller Symbolik schmücken die Wände einer Art überdimensionalen Puppentheaters. Zana Bosnjak garniert die Ästhetik mit Video und kleidet die Darsteller in Kostüme von meist weiten Verpuppungen, die Kopfaufsätze erinnern ebenfalls an Achim-Freyer-Figurinen. Simon kommt als Künstler eindeutig vom Bühnenbild, denn eine diffizile Psychologisierung findet nicht statt, sondern der Regisseur setzt auf Bilder voller Holzhammersymbolik. Salomes Spaltung in zwei Darstellerinnen, die Sängerin und eine Tänzerin, ist weder neu, noch wirklich aufschlußreich; einzig während des Tanzes ereignet sich ein sinnhaftes Bild: während die Sängerin Yamina Maamar Salomes verstandgesteuerte Durchsetzungskraft suggeriert, zuckt ihre Seele wie in einer psychischen Dauervergewaltigung bis sie in sich zusammensinkt. Eva Burghardt verkörpert das sehr eindrucksvoll. Alle anderen Figuren wirken dagegen wie alptraumhafte Visionen. Man kann die diesen Regieansatz zwar nachvollziehen, doch wirklich berührend wirkt das nicht.

Alexander Joel läßt das Staatsorchester Braunschweig dazu aufspielen, da merkt man zwar die Süffigkeit der Strauss`schen Tonsprache, doch Joel gelingt auch die Modernität und das Experiment, welches die Partitur des Komponisten in sich trägt, herauszustellen. Die musikalische Interpretation passt eigentlich hervorragend zur Regie. Wenn man das Staatsorchester mit Joel erlebt, bedauert man, das sich die Wege beider nach der nächsten Spielzeit trennen, denn man arbeitet hervorragend zusammen.

Yamina Maamar in der Titelpartie bräuchte wirklich keine Doppelung in der Darstellung, denn sie ist eine sehr intensive Darstellerin. Vokal bringt sie die Partie gerade in den Höhen immer wieder an die Grenzen, wenn sie die Stimme im Volumen unter Druck setzt, daneben hört man dann in atemberaubenden Phrasierungen, wie gut fokussiert ihr Sopran im Piano über das Orchester trägt . Oleksandr Pushniaks Bassbariton ist als Jochanaan einfach ein Traum, doch bräuchte der Sänger eine intensivere Regieführung und sicher auch ein vorteilhafteres Kostüm für den Propheten. Jürgen Sacher und Natascha Petrinsky als Salomes Elternpaar gelingt es selbst in dieser szenischen Realisierung die Ehekämpfe, Hysterismen und Begehrlichkeiten gut über die Rampe zu bringen. Arthur Shen gefällt als Narraboth, doch könnte er seinen etwas dramatischen Tenor noch mehr auf eine lyrische Linie zwingen. Anne Schuldt als Page ist eine sinnlich kraftvolle Überbesetzung, echter Luxus. Unter den kompetenten Besetzungen der wichtigen, "kleineren" Partien stechen besonders Tobias Haaks und Rossen Krastev als Zweiter Jude und Fünfter Jude/Zweiter Soldat mittels Wohllaut hervor.

Szenisch durchaus eine Alternative zu "normalen" Salomes, bleibt die Darstellung dennoch Geschmackssache; musikalisch einfach ein toller Abend.

Martin Freitag                                                 Bilder: Karl-Bernd Karwasz

 

 

COSÌ FAN TUTTE

Premiere am 29. April 2013

Überraschendes Konzept

Matthias Stier/Orhan Yildiz/Anne Schuldt/Ekaterina Kudryavtseva/Chor

Das war wirklich überraschend, dass die niederländische Regisseurin Lotte de Beer  die „Liebesprobe“ in einer Welt von Clowns und Commedia-dell-arte-Figuren spielen ließ. Dazu hatten ihr Clement & Sanou aus ineinander verschachtelten Häuschen mit in verschiedenen Farben leuchtenden überdimensionalen Satteliten-Schüsseln ein pittoreskes Bergdorf auf die Bühne gestellt, in dem knallbunte Clowns aus vielen Epochen und jeden Alters Blumen begießen, Frühsport und anderes treiben. Zur spritzig musizierten Ouvertüre versucht der offenbar schwer enttäuschte Clown Don Alfonso, sich mittels Leiter, Strick und Baum umzubringen – die Tücke der Objekte verhindern allerdings sein Vorhaben. So schminkt er sich ab und inszeniert die zynische „Liebeswette“. Nachdem diese zwischen den nun wirklich abenteuerlich maskierten Ferrando (Halekin) und Guglielmo (Dummer August) sowie Don Alfonso in „Zivil“ beschlossen ist, werden vorn rechts und links die liebevoll detailreich eingerichteten Häuschen der beiden Paare, die beide bereits Nachwuchs haben, aufgeklappt.  

Rossen Krastev/Orhan Yildiz/Ekaterina Kudryavtseva/Matthias Stier/Anne Schuldt/Chor 

Fiordiligi als zierlicher Pierrot und Dorabella als klassischer Clown mit übergroßen Schuhen, roter Nase und Pumphosen sowie komischem Gang – ein besonderes Lob gilt der Masken- und Kostümabteilung! –  sind über die Werbung der beiden nun mit Turbanen und vorgebundenen Waschbrettbäuchen völlig veränderten „Alfonso-Freunden“ erst gebührend entsetzt.

Mit Hilfe des Clowns Despina (auch in irrwitziger Verkleidung als Arzt und Notar)  kommt man sich bekanntermaßen dann doch näher, und es entwickeln sich echte Gefühle für die „Fremden“, was sich im Braunschweiger Konzept darin zeigt, dass die clownesk aufgesetzten Handlungen deutlich weniger werden und die hinter den Masken versteckten Menschen zum Vorschein kommen. Äußerlich wird das dadurch gezeigt, dass sich die Protagonisten abschminken und die roten Nasen abnehmen – und das nicht nur, um sich besser küssen zu können. Am Schluss führen die ursprünglichen Paare ihr kleinbürgerliches Clowns-Leben fort – aber Zweifel und Ernüchterung machen sich breit.

Über die musikalische Verwirklichung gibt es fast nur Gutes zu berichten: Am Pult des weitgehend aufmerksamen Staatsorchesters sorgte Sebastian Beckedorf für flottes Musizieren, wenn es auch einige Wackler zwischen Bühne und Graben gab. Das überaus spielfreudige Gesangsensemble war am Premierenabend in Hochform und begeisterte durch ansprechende Leistungen, allen voran Ekaterina Kudryavtseva als Fiordiligi, die ihren technisch ausgezeichnet geführten, tragfähigen Sopran höhensicher und wirkungsvoll einzusetzen wusste. Bereits nach der auch darstellerisch fulminanten Bravourarie „Come scoglio“, während der sie die noch unerwünschten Freier mit Gemüse, Büchern und einer Vase bewarf, gab es starken Szenenapplaus. Dieser steigerte sich zu Recht nach der glänzend präsentierten großen Szene „Per pietà“, in der sich die russische Sopranistin von den ärgerlichen, schon peinlichen Hornpatzern im Graben nicht irritieren ließ. Dorabella war mit witziger Ausstrahlung Anne Schuldt, deren in allen Lagen abgerundeter Mezzo sehr gut gefiel.

Anne Schuldt/Moran Abouloff/Ekaterina Kudryavtseva

Mit auffällig kräftigem und zugleich geschmeidigem Tenor nahm Matthias Stier als Ferrando für sich ein. Entsprechendes gilt für Orhan Yildiz, der mit temperamentvollem Spiel den von allen Frauen so enttäuschten Guglielmo gab und mit flexiblem Bariton dramatische Attacke nicht scheute. Als urkomische, am Schluss sehr nachdenkliche Despina trat Moran Abouloff auf, die mit ihrem hellstimmigen Sopran ebenso punktete wie durch die gekonnte Darstellung. Der markante Bass von Rossen Krastev passte gut zur Partie des Zynikers Don Alfonso. In das sehr akzeptable Inszenierungskonzept passte sich der klangprächtige Chor des Staatstheaters (Georg Menskes) mit individueller Darstellung unterschiedlichster Clownstypen ein.

Gerhard Eckels                                                 Bilder: Karl-Bernd Karwasz

 

 

 

SAUL

Besuchte Vorstellung am 23. März 2013     (Premiere am 16. 03. 2013)

Schlankes Musizieren

Man war gespannt, wie weit sich das Staatsorchester auf historische Spielweise einließ – das Ergebnis konnte sich wirklich hören lassen. NICHOLAS KOK sorgte am Pult für zügige Tempi und animierte zu schlankem Musizieren, sodass trotz moderner Instrumente ein schlackenloser, transparenter Klang aus dem Graben kam.

Die zutreffenden Ausführungen der Premieren-Rezension zur Inszenierung und zum Gesamteindruck brauche ich nicht zu wiederholen. Für mich stand BENNO SCHACHTNER als gestalterisch ansprechender David sängerisch an der Spitze des Ensembles; wie er seinen klangvollen Counter stilsicher und intonationsrein durch die anspruchsvolle Partie führte, das hatte herausragendes Niveau.

SIMONE LICHTENSTEIN gab mit passend schlankem, klarem Sopran die Königstochter Michal als blondes Naivchen, das sich zur gelangweilten Politiker-Gattin wandelt. Für die erkrankte Ekaterina Kudryavtseva als Merab war INGA-BRITT ANDERSSON eingesprungen, die stimmlich virtuos auftrumpfte. Nur im 1.Akt hatte sie sich auch darstellerisch in die fremde Inszenierung eingefügt; im Übrigen sang sie von der Proszeniumsloge aus, während die Regieassistentin Melanie Schramm den szenischen Part übernommen hatte. Mit prägnantem, in allen Lagen ausgeglichenem Bass und überzeugender Darstellung war ROSSEN KRASTEV der innerlich zerrissene König Saul.

TOBIAS HAAKS stellte in der Partie des Jonathan mehr die dramatischen Phasen heraus, während der Tenor von MICHAEL HA als Hexe von Tendor und in der hinzugefügten Rolle des Hohepriesters, der Saul tötet, eher blass blieb. Ein besonderer Pluspunkt der Aufführung war mit ausgesprochen ausgewogenem Klang der von GEORG MENSKES einstudierte Chor des Staatstheaters.

Gerhard Eckels                         Bilder: Karl-Bernd Karwasz

 

 

SAUL         

Besuchte Premiere am 16.03.13

Händel aktuell

Lange hat es gedauert, daß das Staatstheater Braunschweig nach Jahrzehnten eine Händel-Oper oder vielmehr ein Oratorium auf das Programm des Großen Hauses setzte, so kam jetzt der "Saul" zu einer sehr spannenden Aufführung. Avisiert war Elisabeth Stöppler als Regisseurin, die jedoch kurz vor Probenbeginn erkrankte, worauf Uwe Schwarz kurzerhand Stöpplers Inszenierungskonzept übernahm. Ein Konzept, das auf beeindruckend schlichte wie stringente Weise die Motivfäden der biblischen Geschichte herausarbeitete und in ihrer unvergänglichen Aktualität präsentiert. Wenn sich der Vorhang hebt sehen wir auf ein Podest mit Chor und den Solisten in Abendkleidern und Anzügen, wie in einer konzertanten Aufführung des Werkes, lediglich der Sänger des Saul sitzt in einem Rollstuhl, doch mit Fortschreiten des Oratoriums verschiebt sich die Aktion immer mehr zur Handlung hin, nur ein roter Vorhang und ein paar barocke Kostüme im zweiten Akt lockern die optische Strenge auf, doch Hermann Feuchters Bühnenbild, das lediglich noch ein wenig die Bühnentechnik bemüht, wie die wenigen wirklichen Kostüme Nicole Pleulers reichen vollständig aus das bittere Spiel um einen Regimewechsel spannend zu präsentieren. Rossen Krastev in der Titelpartie ist für mich der beste Sänger des Abends, mit schlankem Bass weiß er bestens die Anforderungen Händels zu erfüllen, durch intensives, wie feines Spiel stellt er den Menschen der älteren Generation dar, der mit neidvollem Blick auf die Jungen seine Kräfte schwinden fühlt. Matthias Stier stellt mit seinem stilsicheren Gesang ebenfalls ein Plus des Ensembles für die barocke Musik dar, sein Tenor gefällt mit emotionaler Gestaltung als Jonathan. Benno Schachtner weiß durch seinem Countertenor als David mit leicht gaumigem Ton ebenfalls zu punkten und vollzieht szenisch den Wechsel vom naiven "Hirten" zum machtkorrumpierten Politiker glaubhaft nach. Michael Ha als Hohepriester spielt die Graue Eminenz im Staat mit starker Intensität, musikalisch klingt sein etwas mulmiger Tenor weniger präsent. Trotz angesagter Indisposition beeindruckte Ekaterina Kudryavtseva als Merab und stellt einen unabhängigen Charakter mit zunehmend sympathischer Durchlässigkeit dar, gesanglich neigt sie eher zum Ton der "Großen Oper" als zur Alten Musik, die lyrischen Stellen gelingen überzeugender als die virtuosen. Moran Abouloff als jüngere Tochter Michal ist stilistisch sicherer, neigt jedoch zu einer im Fokus divergierenden Höhe, sie spielt die Naive, die nicht um die tragische, wie unmögliche Liebesgeschichte zwischen ihrem späteren Mann David und ihrem Bruder Jonathan weiß und steht im Finale als hilflos lächelnd, dauerwinkende Politikergattin leicht im Scheinwerferabseits.

Musikalisch hat Nicholas Kok als Spezialist für Alte Musik das Mögliche erarbeitet und läßt durch das engagierte Staatsorchester einen "Philharmonischen Händel" mit Ansätzen an historische Aufführungspraxis erklingen, was zum groß und abwechslungsreich instrumentierten "Saul" auch hervorragend passt, sollte bei der Programmplanung der nächsten Zeit in Richtung dieses Repertoires weitergedacht werden, hätte man eine gute Plattform. Georg Menskes hat den sichtlich mit viel Freude singenden und spielenden Chor des Braunschweiger Staatstheaters gut präpariert, da klingt zwar noch nicht alles perfekt in der chorreichen Partitur, doch es macht Effekt.

Der leicht zusammengestrichene "Saul" erreicht mit knappen drei Stunden inklusive Pause eine ungeheure Dichte und Spannung und wird vom Premierenpublikum begeistert gefeiert, anscheinend hatte man lange auf so ein Händel-Erlebnis gewartet. Ein großer Erfolg für das Braunschweiger Haus.

Martin Freitag

 

 

TRISTAN UND ISOLDE

Wiederaufnahme am 3. März 2013                   (Premiere am 15. 10. 2011)

Umjubelt

Wie zur Premiere im Oktober 2010 gab es jetzt bei der Wiederaufnahme zu Recht jubelnde Ovationen für die musikalische Verwirklichung des tragischen Liebesdramas. In den letzten Jahren haben das Staatsorchester und sein GMD Alexander Joel so zueinander gefunden, dass durch exzellente Leistungen in allen Gruppen und die sängerfreundliche Leitung auch jetzt wieder ein tief beeindruckendes Ergebnis erzielt wurde.

Das lag auch an dem vortrefflich besetzten Ensemble auf der Bühne, angeführt von Silvana Dussmann als hoheitsvolle Isolde. Wie die Sopranistin die vielschichtige Partie inzwischen durchdrungen hat und diese mit starkem darstellerischen Einsatz durchgehend intonationsrein, höhensicher und erstaunlich textverständlich gestaltete, das hatte herausragendes Niveau. Stets verfügte ihre klare Stimme mit einer an Birgit Nilsson erinnernden Fokussierung über die nötige dramatische Attacke, in den lyrischen Phasen strömte sie bis zum ergreifenden „Liebestod“ wunderbar dahin. Gegen diese Isolde hatte es der Tristan von John Uhlenhopp nicht leicht; der Amerikaner besaß jedoch genügend Kondition, mit seinem dunkel getönten Heldentenor auch noch die heftigen Ausbrüche im 3.Akt wirkungsvoll zur Geltung zu bringen.

Neu in der Partie der Brangäne war Anne Schuldt, die sich in die Inszenierung nahtlos einpasste und mit tragfähigem, gut durchgebildeten Mezzosopran für sich einnahm; die Wachrufe (aus dem Rang?) gelangen ihr schön ruhig ausgesungen. Die unendliche Trauer von König Marke fand im sonoren Bass von Selcuk Hakan Tirasoglu angemessenen Ausdruck. Schauspielerisch allmählich souveräner werdend war mit prächtigem Bariton Oleksandr Pushniak der treue Kurwenal. Sicher ergänzten Orhan Yildiz (Melot), Tobias Haaks (Junger Seemann/Hirt) und Leszek Wos (Steuermann).

Die in Einzelheiten nicht immer nachvollziehbare Inszenierung von Yona Kim (Einstudierung: Dorian Dreher) ließ den Akteuren in zeitgenössischer Kleidung (Kostüme: Nadine Grellinger) auf der im 1. und 3.Akt bis auf einige Möbelstücke leeren Bühne und der etwas kalt wirkenden Inneneinrichtung von Isoldes Zimmer (Bühne: David Hohmann) genügend Raum, den großen Emotionen der Oper auch darstellerisch freien Lauf zu lassen.

Der ausgewogen klingende Herrenchor (Georg Menskes) hatte mit einigen Frauen bis zum Schluss Statistenaufgaben, die teilweise unverständlich waren. Aber dies und andere Ungereimtheiten störten den musikalischen Ablauf nicht, sodass am Schluss einhellige Begeisterung die Künstler belohnte.

(Weitere Vorstellungen am 10. und 30. März 2013, jeweils 17.00 Uhr)

Gerhard Eckels                                   Bilder: Karl-Bernd Karwasz

 

 

TRAUMNOVELLE   

(Alex Novitz)

Uraufführung am 3. Februar 2013

Zwischen Traum und Wirklichkeit

Seit Jahren bringt das Staatstheater in jeder Spielzeit ein Werk des zeitgenössischen Musiktheaters heraus. Diesmal war es die Verarbeitung der Erzählung „Traumnovelle“ von Arthur Schnitzler durch die Librettistin Maxi Obexer und den Komponisten Alex Nowitz, die als Auftragswerk des Staatstheaters entstand. Nach zweifacher Verfilmung der Geschichte um unerfüllte Wünsche und Begierden des Ehepaars Albertine und Fridolin (z.B. „Eyes Wide Shut“ von Stanley Kubrick) wurde der Stoff nun erstmals für das Musiktheater bearbeitet. In 16 teilweise sehr kurzen, aber intensiven Szenen erleben die Protagonisten Traumhaftes oder Wirkliches – da sich die Ebenen ständig verschieben und ineinander greifen, wird nie ganz deutlich, was Traum und was Realität ist. Zu Beginn lässt das Paar einen gerade erlebten Ball Revue passieren und fragt sich, ob sie bedauern, Abenteuer mit anderen verpasst zu haben. Da wird der Arzt Fridolin zu einem Sterbenden gerufen, wo er dessen Tochter Marianne (Milda Tubelyte) begegnet, die ihm ebenso wie anschließend die minderjährige Prostituierte Mizzi (Moran Abouloff) Avancen macht, bis er seinen alten Freund Nachtigall (Counter Yosemeh Adjei) trifft, der ihm Zutritt zu einem geheimnisvollen Treffen von Maskierten verschafft. Dort wird eine Orgie „gefeiert“, bei der Fridolin nur durch die Hingabe einer Nonne an die gierigen Männer „befreit“ wird. Inzwischen hat sich Albertine im Traum mit einem Dänen (Tobias Haaks) vereint; schließlich finden die Eheleute wieder zueinander und erkennen, dass sie niemals ganz wissen, wer sie sind, und „kein Traum völlig Traum ist“. Die verschiedenen Szenen spielen sich auf der leeren, meist halbdunklen Bühne des Kleinen Hauses ab, in deren Zentrum ein Felsengebilde aus kubistischen Raumkörpern steht, das regelmäßig mittels flirrender rötlicher oder schwarz-weißer Video-Einspielungen überdeckt wird (Ausstattung: Christof Hetzer). Alle Szenen ließ Regisseur David Hermann sehr eindringlich entstehen, ohne plumpe Aufdringlichkeit zuzulassen; obwohl immer genug Raum für die Fantasie der Zuschauer blieb, wirkten die Aktionen dennoch ein wenig unterkühlt – eher ungewöhnlich bei handfesten sexuellen Gelüsten. In den beiden Hauptpartien erlebte man in sehr intensiver, körperbetonter Gestaltung die höhensichere Sopranistin Ekaterina Kudryatseva und Malte Roesner mit markantem Bariton, die die große Spannweite von Sprechgesang bis zu waghalsigen Intervallsprüngen jeweils ausdrucksstark bewältigten. Besonders beeindruckend war die Aufspaltung von Albertines Gesang, wenn fast zeitgleich die Stimmen der anderen Frauen und des Counters erklangen. Die in mehreren Rollen eingesetzten übrigen Sängerinnen und Sänger, zu denen auch noch Rossen Krastev als Kostümverleiher u.a. zählt, brachten ebenfalls sehr gute Leistungen Die vier Instrumentalisten (Violine, Bassklarinette, Flöte, Cello), die der sich meist auf dem Gipfel des „Felsens“ aufhaltenden Albertine zugeordnet und deshalb im ersten Rang postiert waren, und weitere zehn Musiker im Graben erzeugten unter der präzisen Leitung von Sebastian Beckedorf atmosphärisch äußerst dichte Klänge. Dabei wurde allen abverlangt, ihre Instrumente nicht nur in üblicher Weise zu bedienen, sondern es wurde gesprochen, geklatscht, in die Blasinstrumente ohne Mundstück gepustet und vieles andere mehr. Alle Beteiligten waren mit bewundernswerter Intensität bei der Sache, so dass insgesamt spannendes Musiktheater zu erleben war.

Gerhard Eckels                                    Bilder: Karl-Bernd Karwasz

 

 

 

SUNSET BOULEVARD

Premiere am 01.12.2012

Glänzend

Als Regisseur der zu Recht begeistert gefeierten Premiere von SUNSET BOULEVARD hatte man in Braunschweig keinen Geringeren als den selbst als Musicalstar gefeierten HARDY RUDOLZ gewonnen, der sich eng an die Vorgabe des Billy-Wilder-Films hielt. Dafür hatte JÖRG BROMBACHER die Drehbühne so geschickt eingerichtet, dass sich nahtlose schnelle Szenenwechsel ergaben. Auf der einen Seite beherrschte das Haus der Diva mit großer Freitreppe, die in die oberen Gemächer führte, das Bild. Aber auch das Filmstudio, die Stammkneipe der Film-Szene und kleinere Räumlichkeiten waren wunderbar integriert. Dazu kamen – eine glänzende Idee – mit der rasanten Auto-Verfolgung, der Auffahrt vor den Paramount-Studios und der Leiche im Swimming-Pool zum Rückblick in die Stummfilmzeit bestens passende Schwarz-Weiß-Filme.

Rudolz führte seine Protagonisten mit viel Schwung und flotten Choreographien durch das Geschehen: Da ist zunächst CORNELIA DRESE als vergessener, aber ständig in der Hoffnung auf ein Comeback lebender Stummfilmstar Norma Desmond zu nennen, die den Ausfall ihres Microports in der Premiere souverän überspielte und auch stimmlich – vor allem im zweiten Teil – starke Akzente setzte. Den Wechsel zwischen Hoffnung auf neuen Ruhm im Scheinwerferlicht und Verzweiflung wegen des drohenden Verlustes des gekauften Liebhabers spielte sie intensiv aus. Der junge Gilles wurde von MALTE ROESNER als charmanter Draufgänger ideal verkörpert, der sich nur kurz zu seiner Liebe zu Betty Schaefer (munter und klarstimmig: SIMONE LICHTENSTEIN) bekennt. Als Butler (Max von Mayerling) wachte STEFFEN FRIEDRICH bis zum explosiven Schluss über seine geliebte Norma. In den unzähligen Nebenrollen profilierten sich weitere Solisten und der gesamte Chor des Staatstheaters sehr bewegungs-freudig und klangvoll (Einstudierung: JOHANNA MOTTER); hier spürte man die kundige Führung Rudolz‘ ganz besonders. 

Die musikalische Leitung lag in den bewährten Händen von GEORG MENSKES, der die Mitglieder des Staatsorchesters meist zu schmissigem Spiel anhielt, aber auch die sentimentalen Melodien zu ihrem Recht kommen ließ.

Marion Eckels                                      Bilder: Karl-Bernd Karwasz

  

 

DER BETTELSTUDENT

besuchte Aufführung am 27.10.12              (Premiere am 13.10.12)

Operettenfreuden

Die jährliche semikonzertante Operettenproduktion zwischen dem Staatstheater Braunschweig und der Kammeroper Rheinberg trägt auch dieses Jahr erfreuliche Früchte mit Carl Millöckers Dauerbrenner "Der Bettelstudent". Detlef Soelters szenische Einrichtung und Eika Herlyns dramaturgische Erzählung über die Intrigen im sächsisch besetzten Polen funktionieren ausgezeichnet, denn die diesjährige "Erzählfigur(en)" liegen in der Hand eines ganz ausgezeichneten, jungen Sängers, der ein begnadeter Darsteller in Sachen Humor ist: Manos Kia besitz nicht nur eine sympathische vis comica, wenn es darauf ankommt, sondern eine natürliche Bühnenpräsenz gepaart mit toller Sprachbehandlung, sein kraftvoller Bariton läßt in den musikalischen Szenen ebenfalls aufhorchen, beide Rollen sind schön unterschiedlich angelegt, sowohl der derbe Gefängniswärter Enterich, wie der sympathisch homophile Diener Onuphrie, hie mit sächsischem, da mit französischem Akzent. Kia ist eine Begabung, die sich kein Theater entgehen lassen sollte!

Ansonsten werden die jungen Talente mit zwei "gestandenen" Kollegen gemischt: Henryk Böhm als süffisanter Oberst Ollendorf mit virilem Bariton und Tobias Haaks mit mächtigem Tenorschmelz als Symon Rymanowicz zeigen, wie selbstsicher mit üppigen Gesangsstimmen Operette gesungen und gespielt wird. Jan Janicki in Person von Manuel Günther steht seinem Fachkollegen in nichts nach und erfreut mit leichtem Tenor von buffonesk bis lyrischer Ausrichtung. Melinda Heiter ist als Palmatica Gräfin Nowalska eigentlich viel zu jung und hübsch als Muttertier, doch ihr schöner Mezzo und auch die reife Bühnenausstrahlung lassen das schnell vergessen. Agnieszka Sokolnicka bringt für die kecke Bronislawa alles mit, was eine gute Soubrette braucht, deshalb fällt Katharina Schwesinger als Laura auch etwas aus dem sicheren Ensemble heraus. Es liegt nicht nur daran, daß sie als einzige Sängerin von Martien Withoot ungeschickt eingekleidet ist, sonst sind die farblich hübsch abgestimmten Kostüme eine Augenweide. Vielmehr besteht noch eine ziemliche Entwicklungsdifferenz der durchaus verheißungsvollen Sopranistin zu den anderen jungen Künstlern. Die Stimme besticht immer wieder mit schönen glutvollen Phrasen vor allem in der Mittellage, doch die Registerübergänge verschmelzen noch nicht recht und in der Höhe fehlt der jungen Sängerin noch die Körperstütze. Frau Schwesinger ist noch mehr auf dem Weg zur echten Bühnenreife und sollte sich einfach noch etwas Zeit lassen. Sebastian Matschoß und Jennifer Gleining in ihren kleineren Partien als Henrici und Richthofen wissen da schon mehr zu zeigen.

Richtig groß besetzt ist der Chorpart gleich mit dem Chor des Staatstheaters und dem KonzertChor Braunschweig und sorgt mit viel Spaß an der Sache für eine klangvolle Folie. Ebenso wie Georg Menskes sichtlich und hörbar, gern und gut das Operettengenre bedient, dabei mit dem sorgsamen Staatsorchester viele Nuancen in Millöckers Musik aufschimmern läßt, und die manchmal vom Tonsatz schlichte Partitur so serviert, wie sie am Besten klingt.

Ein volles Haus, viele fröhliche Gesichter im Publikum und ein begeisterter Applaus bilden das Fazit des gelungenen Abends. Dankbar darf man auch darüber sein, das ein ganzes Werk ansprechend präsentiert wird, statt wie manche Häuser es leider machen und die Operette stiefmütterlich behandeln, das Publikum mit einem gemischten, "bunten Operettenabend" abspeisen.

Martin Freitag                                             Bilder: Karl-Bernd Karwasz

 

 

 

LE ROSSIGNOL               &                                    DAS KIND UND DIE ZAUBERDINGE

Premiere am 28.10.2012   -  zweite Kritik        

Finden Märchen im Kopf statt ?

Eine schöne Idee in der engeren Vorweihnachtszeit bereichert den Spielplan des Staatstheaters Braunschweig: statt Humperdincks "Hänsel und Gretel" gibt es die beiden "Märcheneinakter" "Le Rossignol" von Igor Strawinsky nach Andersens "Die chinesische Nachtigall" und Maurice Ravels geniale Phantasmorgie "Das Kind und die Zauberdinge" auf ein Libretto der Colette. Soweit, sogut, es wäre ein vielleicht märchenhafter Abend geworden, wenn nicht Paul Esterhazy Regie geführt hätte, hält er sich beim zweiten Teil (Ravel) noch funktionabel an das Libretto, so gerät ihm die "Nachtigall" schlichteweg zum Flop. Die Bühne ist eine verkleinerte Bühne begrenzt von Spitzengardinen (Ausstattung Pia Janssen), der Länge nach stehen Tische und Bänke die Schräge hoch, hier findet zwar irgendwie schon die Handlung statt, man erkennt die Requisiten, doch alles gerät schier beiläufig zwischen die Aktionen, denn der Chor wuselt als buntgekleidete Dorfgemeinschaft durcheinander, viel passiert, wenig Wichtiges. Dazwischen steht die Nachtigall in schlichtem Kostüm und singt, der Kaiser von China wirkt mehr wie ein betrunkener Schützenfestkönig, von der anrührenden Handlung zu wenig, von der romantischen Ironie der Vorlage keine Spur. Regie setzen, sechs.

Die szenische Klammer zum zweiten Stück sollen sein: die Nachtigall, die Mutter (Leben gebend) und die Tödin (Leben nehmend). ein/das Kind...., doch die Ideen Esterhazys wirken nicht zwingend, was die beiden Werke wirklich verbindet ist die farbige Orchestermusik, hier vor allem die in ihrer melodischen Wellenlinie sehr ähnlichen Anfänge. Der Ravel wird auf einer schwarzen Bühne mit phantasievollen Kostümen Janssens nach dem Libretto inszeniert zum Erfolg und rettet den Abend, obwohl ich die szenischen Aktionen bei anderen Inszenierungen überzeugender in Erinnerung habe. Esterhazy scheint für mich mehr ein Mann der Theorie, denn der ausführenden Praxis zu sein.

Musikalisch gerät der Doppelabend dagegen sehr hochwertig, das beginnt mit dem grandios aufspielenden Staatsorchester unter Sebastian Beckedorf. Der Dirigent fördert die feinsinnigen Lyrismen der Partitur, glättet bei Strawinsky durchaus nicht den Bruch zwischen dem ersten Bild und den erst Jahre später, nach dem "Sacre", komponierten Rest der Ballettoper, die Instrumentationen werden in ihrer rauschhaften Individualität wunderbar zum leuchten gebracht, beim Ravel die "Genres" der einzelnen Nummern schön hervorgekehrt. Die Chöre und Kinderchöre klingen sicher und schön. An erster Stelle der Solisten müssen die Sängerinnen der Titelpartien genannt werden: Ruri Ando sieht als Nachtigall nicht nur bezaubernd aus, sondern singt die Koloraturmelismen mir Exaktheit und der nötigen Süße im Klang, ihr zarter Sopran ist hervorragend fokussiert und überzeugt auch in den artifiziellen Aufgaben bei Ravel als Feuer, Prinzessin und ebenfalls Nachtigall. Milda Tubelytè als Kind gefällt mit schönem Mezzosopran und hintersinniger Ausformung der infantilen Emotionen. Zurück zu Strawinsky: Arthur Shen singt die lyrischen Kantilenen mit sicherem, doch auch etwas steifem, monochromen Tenor. Simone Lichtenstein gefällt mit leuchtendem Sopran als Köchin, wie später als Polsterstuhl und Eule. Anne Schuldts tiefer Mezzo macht gute Figur bei der Tödin und Mutter, dazu kommt eine starke Bühnenpräsenz. Oleksandr Pushniaks Kaiser von China ist für diesen tollen Bariton einfach leider zu kurz in der Partie. Rossen Krastev (Kammerherr;Lehnsessel und Baum) und Selcuk Hakan Tirasoglu als Bonze erfüllen alle Anforderungen mit Leichtigkeit. Zusätzlich bei Ravel: Orhan Yildiz mit ausgelassener Spielfreude und üppigem Bariton als Standuhr und Kater, Michael Ha als superbe Teekanne, Yuliya Grote mit vokaler und szenischer Präsenz als chinesische Tasse, Schäfer und Libelle; Moran Abouloff mit aufblühendem Sopran als Schäferin und Fledermaus; Masami Tanaka ebenso als Katze und Eichhörnchen; Matthias Stier läßt auf seinen Tenor als Arithmetik und Laubfrosch einmal mehr aufhorchen. Matti Schuldt spielt "das Kind" in beiden Opern sehr überzeugend und hat mit dem "Maman" bei Ravel sogar das letzte Wort.

Szenisch hätte man durchaus mehr Funken aus dem Abend schlagen können, der Applaus nach dem Strawinsky war dann auch sehr kurz und unterkühlt, um so mehr wurde das Ensemble nach dem Ravel gefeiert. Gegen die Regie gab es (wider Erwarten) keine Gegenreaktion, sondern ebenfalls freundlichen Beifall.

Martin Freitag                                                       Bilder: Karl-Bernd Karwasz

 

 

 

LE ROSSIGNOL                   &
L’ENFANT ET LES SORTILÈGES 

Premiere am 28.10.2012

Tolles Ensemble

Schon seit einigen Jahren hält sich am Staatstheater ein Ensemble, das durchweg bis in die kleineren Partien hohen Ansprüchen gerecht wird. Das bewiesen die Sängerinnen und Sänger jetzt wieder durch eine tolle Leistung bei zwei äußerst selten zu erlebenden Kurzopern, bei Strawinskys LE ROSSIGNOL („Die Nachtigall“) und Ravels L’ENFANT ET LES SORTILÈGES („Das Kind und die Zauberdinge“). Beide Komponisten lebten und komponierten in Paris in der Zeit um den 1.Weltkrieg herum, sodass sich die Zusammenstellung dieser Opern anbot. In der Inszenierung von PAUL ESTERHAZY wurde zusätzlich zwischen beiden etwas bemüht eine Klammer hergestellt, und zwar durch ein Kind und dessen Mutter, die in der „Nachtigall“ den Tod (im Programmheft „Die Tödin“!) darstellte (warmstimmig ANNE SCHULDT). Am Beginn des „Kindes“ gibt es dann eine hinderliche Doppelung mit der Darstellerin der Titelfigur. Sonst aber waren die Inszenierungen sehr unterschiedlich: Wer Andersens Märchen „Die Nachtigall“ nicht kannte, war aufgeschmissen, denn an der Einrichtung – ein großer Tisch mit Holzbänken beherrschte die mit hellen Vorhängen begrenzte Bühne, an dem eine bunte Gesellschaft eher aus dörflichem Milieu feierte – konnte man nicht erkennen, dass es sich um den kaiserlichen Hof in China handelte. Der Kaiser (mit schlagkräftigem Bariton OLEKSANDR PUSHNIAK) war hier ein betrunkener Jäger und kein todkranker Herrscher, und die Totengeister waren Putzfrauen mit blutdurchtränkten Lappen. Im Übrigen gab es eine solche Fülle von im Libretto nicht enthaltenen Nebenhandlungen, dass das Verständnis vom Inhalt des Märchens zusätzlich erschwert wurde. Also hielt man sich an die Musik mit ihren interessanten impressionistisch-romantischen Anklängen, vor allem an den wunderschönen, anrührenden Gesang der Nachtigall RURI ANDO. Bei ihr saß jeder Ton, einschmeichelnde, süße Melodiebögen wechselten sich mit höhensicheren Koloraturen ab, an denen man sich auch in „L’Enfant“ erfreuen konnte, wo die blutjunge Japanerin gleich drei Partien zu gestalten hatte (das Feuer, die Prinzessin und wieder die Nachtigall). Bei Strawinsky stellt der Fischer zwischen den drei Teilen der Oper den musikalischen Zusammenhalt her, den ARTHUR SHEN schönstimmig aussang.

„L’Enfant“ war auf der leeren, schwarz ausgeschlagenen Bühne geradezu eine bunte Revue von bedrohlichen und auch teilweise ulkigen Traum-Szenen. Die vom Kind zerstörten Einrichtungsgegenstände – hier als Zeichnung auf die T-Shirts gedruckt – und die von ihm gequälten Tiere in ausgesprochen fantasievollen Kostümen (Ausstattung: PIA JANSSEN) rebellieren und beklagen sich, bis das Kind (mit ausgeglichenem, geschmeidigem Mezzo MILDA TUBELYTÉ) die Wunde des Eichhörnchens behandelt und Zuflucht bei der Mutter sucht, die die Tiere herbeirufen. Vorher tanzt die Teekanne (MICHAEL HA) mit der chinesischen Tasse (JULIYA GROTE) einen gepflegten Foxtrott, da maunzen in einem herrlich komischen Miau-Duett Kater und Katze (ORHAN YILDIZ/MASAMI TANAKA), MATTHIAS STIER gibt im Einstein-Look mit kernigem Tenor witzigen Mathematik-Unterricht und ist auch noch ein bräsiger Laubfrosch, nicht zu vergessen der Lehnsessel und der verletzte Baum von ROSSEN KRASTEV und noch vieles mehr. Dazu trat der von JOHANNA MOTTER einstudierte Chor in beiden Opern mit großer Spielfreude auf und verbreitete ausgewogenen Chorklang. Schließlich präsentierten sich alle Gruppen und zahlreiche Solisten des Staatsorchesters in Bestform, das unter der sicheren Leitung von SEBASTIAN BECKEDORF die beiden Partituren mehr als nur angemessen zum Klingen brachte.

Fazit: Ein anregender Opernabend mit zu Unrecht selten gespielten Werken und ein tolles Ensemble!

Gerhard Eckels                                             Bilder: Karl-Bernd Karwasz

 

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