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ANDREA CHENIER

Aufführung am Freitag, 29.7.2011 (PR 20.7.2011)

Man kann zu Festivals und Freiluftaufführungen stehen wie man will; da gibt es Firlefanz für Wohlhabende (ich brauche wohl keine Namen zu nennen, wo die Karte 700 Euro kostet), manches artet zum Volksfest und Zirkus aus, mit Gelati, Mitsingen und Picknickbeutel (wie in jener berühmten Arena), und gelegentlich versinkt auch das große Ereignis, für das man nach zehnjährigem Warten endlich eine Karte bekommen hat, im enttäuschenden Kulturmüllbeutel des Unverständnisses; ist man intellektuell überfordert oder will uns der Regisseur einfach nur verarschen? Das haben sich viele Wagner-Jünger dieses Jahr in auf dem heiligen Hügel gefragt und viel, viel Geld für die Karte bezahlt. Unter uns, liebe Opernfreunde, da könnt Ihr das Geld gleich verbrennen, oder investiert einen Bruchteil für den Besuch der Bregenzer Festspiele; immerhin gibt es an Werktagen schon Karten für 29 Euro - und das sind nicht die Schlechtesten. ;-)

"Andrea Chénier" war heuer angesagt; Giordanos nicht eben zum Alltagsrepertoire gehörender Verismo-Reißer. Wer die Oper kennt, wird bestätigen, dass dieses Werk ein Juwel ist - ein Stück phantastisches Musiktheater reinsten Verismos-Klanges. Spannend wie Puccinis "Tosca", und mit den großen Arien und Orchesterglissandi auf mindestens eben solchem, wenn nicht sogar höherem Niveau. Es war eine mutige, wenn auch sehr umstrittene Entscheidung des langjährigen Intendanten David Pountney, eben dieses Werk zu bringen, was eigentlich genau auf die Seebühne paßt, denn die staatlichen Zuschüsse für Bregenz sind minimal. Man muss fast alles selber erwirtschaften und so verkauft sich halt eine "Aida" leichter als solche eine, auch sängerisch, hochanspruchsvolle Opera wie "Andrea Chénier". hat diesen "Andrea Chenier" in eine Art Kampfabstimmung durchgesetzt, was ihm die Kritiker dankten (die Pressefront war nach der Premiere praktisch unisono begeistert - man sprach von der vielleicht besten Bregenzer Produktion aller Zeiten), der Arbeitgeber aber nicht, denn sein Vertrag wird nicht verlängert. Und als quasi Wiedergutmachung für soviel anspruchsvolle Unbill gibt es 2013 "Die Zauberflöte". Dann wird die Gesamtauslastung garantiert wieder gegen 100 Prozent tendieren. Die aktuellen Zahlen für dieses Jahr lagen in der Halbzeitpause bei rund 80 Prozent; worüber sich viele große Bühnen Europas freuen würden, könnten sie solche Werte aufweisen.

Aber zurück zu Bregenz: Die Bregenzer Festspiele sind einmalig und unvergleichbar, denn Bregenz bietet Oper für jedermann. Das fängt bei der Haute Couture an. Mitleidiges Lächeln oder schadenfrohes Grinsen begleitet den Aufmarsch unkundigen Publikums, denn es hat sich bei machen immer noch nicht herumgesprochen, dass Open Air ohne Dach angesagt ist. Also Bekleidung bitte, wie bei einer Bergtour! Unbedingt mitzuführen sind: Sitzkissen, Wolldecke, dicker Pullover, regenfeste Überzieh-Kleidung (Radler- oder Motorraddress), wetterfeste Kopfbedeckung und ein Schnapserl, wenn die Temperatur allzu sehr sinkt! Lassen Sie ihre Opernschuhe zuhause - Goretex-Bergwanderschuhe sind bei 14 Grad (Premiere!) das Optimum. Nebenbei: Die vor Ort verkauften Regenumhänge sind wirklich nur die allerletzte Notlösung! Schirme spannen Sie bitte nur auf, wenn Sie von den Dahintersitzenden verprügelt werden wollen. Filmen und Blitzlicht-Fotografieren sind natürlich verboten, was aber keinen stört. Gehen Sie also bitte immer von kurzweiligen Schauern aus, was aber nicht, wie bei anderen Festivals an der freien Luft zum Abbruch führt, denn darauf ist man eingestellt - spielt doch das Orchester aus dem angrenzend stets trockenen Festspielhaus. Auch wir hatten einen zehnminütigem Schauer. Das ist quasi normal.
 
Sensationell ist jedes Jahr wieder das Erlebnis der Millionen Euro teuren wetterfesten Tonanlage, wo man Musik und Sänger teilweise fast besser hört wie im geschlossenen Opernhaus. Allerdings sitzt man hier mitten im Orchester; erste Geigen von Links, dahinter gestaffelt die restlichen Streicher nahtlos bis nach links. Bläser von vorne, Bässe erklingen hinter uns, Holzbläser von den Seiten... Wir schwimmen in einem schier gigantischen Orchestersound, den GMD Ulf Schirmer mit seinen Wiener Symfonikern prachtvoll bedient.

Hier gibt es kein kammermusikalisches Musizieren mangels Streichermasse, hier wird aus dem Vollen geschöpft, dennoch große Virtuosität in allen Instrumentengruppen. Eine grandiose, eine beeindruckend überzeugende Orchesterarbeit! Rubatoreich weinen die Geigen regelrecht im schmachtenden Solisten-Belcanto! Wir haben öfter Tränen in den Augen. Man hört von jedem Platz aus jeden Sänger genau aus seiner Position. Diverse Tontechniker arbeiten jeden Abend mit unglaublichem Einsatz und einer beinah übermenschlichen Akribie live an diesem Surround Klang. Es ist eine tontechnische Wunderwelt - ein Mirakel dank des Fleißes und der halbjährigen Vorarbeit der tollen Techniker - ein Bravissimo dieser Truppe (Akustik: Wolfgang Fritz)!

Kleiner Technik-Exkurs: Man spricht vom "Bregenzer Richtungshören" (Bregenz Open Acoustics) als einer spezielle Methode der Verstärkungstechnik, die erreicht, dass die Sänger und Choristen vom Publikum akustisch und optisch übereinstimmend lokalisiert werden können. Es entsteht ein Klangbild, wie in einem geschlossenen Haus, wirklich unglaublich, wenn man es nicht selber gehört hat. (Auch ein weiterer Grund für den Unsinn, solches im Fernsehen zu schauen)

"Basierend auf dem Präzedenz-Effekt (Haas-Effekt oder Gesetz der ersten Wellenfront), der dem menschlichen Ohr die Richtung des Tones vorgibt, wurde das Bregenzer Richtungshören entwickelt. Diese erste Schallwelle ist im Idealfall der Originalton der Interpreten, ansonsten sind es die Richtungslautsprecher, die aus der Richtung des Sängers strahlen. Werden zu diesen Lautsprechern nun quer über die ganze Bühne verteilte Lautsprecher zeitverzögert (ca. 10 bis 100 Millisekunden) und mit entsprechend abstrahlendem Schallpegel dazugeschaltet, so sollte im gesamten Publikumsbereich der Eindruck entstehen, der Ton käme nur von dort, wo der Solist gerade steht. Bewegen sich die Interpreten, dann wandert der Ton mit den Sängern mit, indem dieselben oder andere Lautsprecher mit neuen Zeitverzögerungszeiten angespielt werden. Jeder einzelne Lautsprecher kann dabei relativ leise angesteuert werden. Durch die Summation aller Lautsprecher erreicht man dennoch die gewünschte Gesamtlautstärke." Besser als den zitierten Wiki hätte ich es nicht sagen können. Ihre Ohren werden Augen machen. Sie sitzen mitten in der größten Hifi-Stereo-Surround-Anlage der Welt!

Gleiches gilt für die Szenerie. David Fielding ist mit diesem spektakulären Bühnenbild mal wieder ein Wunderwerk gelungen. Die dreidimensionale Reproduktion von Jacques Louis Davids Gemälde "Der Tod des Marat" ist 24 Meter hoch und macht den Bodensee zur Badewanne Marats. Die Handlung der Oper ist in und um diesen Torso konzentriert, auch wenn gelegentlich die Vorderbühne technisch ferngesteuert wegschwimmt. Überall gibt es verwinkelte Treppen und Luken. Ein aufgeschlagenes Buch, eine knapp 7 Meter breite Spielfläche, wird zum intimeren Zentrum der Liebenden. Hier werden später die Buchstaben zerfließen und sich zum Wort "Liberté" mannshoch verselbstständigen. Symbolisch wird Marat in der Gerichtsszene guillotiniert, indem ihm der Kopf einfach nach hinten abklappt, später bohrt sich ein großer Dolch in seinen Torso, Blut läuft aus seinen leuchtenden Augen und zum Todesurteil fahren meterlange Nägel, wie eine Dornenkrone aus seinem Schädel, der am Anfang noch von einer gigantischen 1.000 Quadratmeter Stoff umfassenden Decke verhüllt war.
 
Regisseur Keith Warner bleibt, obwohl er mal wieder fast alles auffährt, was technisch und artistisch machbar ist (Szenenapplaus für die Akrobaten) streng am Thema und Sujet; die Wasserspringer stehen nicht so im Vordergrund wie früher. Wozu braucht man auch Guillotinen, wenn man die Feinde einfach ins Wasser werfen kann. Dennoch geht der Blick auf die Protagonisten nie verloren. Einfach wunderbar diese Beleuchtung (Davy Cunningham); während der großen Arien wird die Orchesterleinwand rechts und links unten (wo die Zuschauer sonst ständig den Dirigenten oder Orchestersolisten sehen können) abgedunkelt - das Licht konzentriert sich allein auf die Sänger. Ein Traum! Schöner kann Oper nicht präsentiert werden. Es sind Bilder, die auch der abgebrühteste Kritiker nicht vergessen wird und traumverloren schweift der Blick weiter über den abends doch so unendlich erscheinenden Bodensee.

Nach zwei pausenlosen Stunden endet dieser Verismo-Traum mit den Spitzentönen im Unisono der Liebenden: "La nostra morte è il trionfo dell´ amore!" Die Liebe siegt... über den Tod hinaus: "Viva la morte..." Keine Oper endet so wunderbar... so ergreifend schön. Und im riesigen Spiegelrahmen, der bislang durchlässig war, bildet eine gigantische Wasserfront aus tausend feiner Düsen, fallend wie das Messer einer Guillotine, die Projektionsfläche für das symbolhafte Bild einer neuen rationalen Gesellschaftsordnung. Ein positiver Hoffnungsstrahl, wie er auch in den finalen Bläserfanfaren anklingt. Was für ein Schluss! Eine Inszenierung die direkt ins Herz dringt... Es ist schwierig und müßig, technisch optimierte und dank perfekter Übertragungstechnik hochpräzise ausbalancierte Stimmen so zu beurteilen wie im Opernhaus, daher ist es zwar Frevel, aber ich beschränke mich auf ein Pauschallob des herrlichen Sängerteams: Das war durch die Bank Belcanto vom Feinsten; Hector Sandoval (Andrea) ließ keinen Spitzenton aus, wobei ich allerdings Scott Hendricks doch etwas herausheben möchte. Sein Gerard war uneingeschränkt wirklich "Weltklasse", da geistern durchaus in mir Stimmenvergleiche zu Sherrill Milnes, Renato Bruson oder Ettore Bastianini im Hinterkopf herum. Norma Fantini hatte ausladendes Tebaldi-Format. Herzergreifend auch Rosalind Plowright als alte Frau und Gräfin di Coigny. Allen ein herzliches "Bravissimo!"

Abschließend noch ein persönliches Anliegen: Da es für fast alle Restvorstellungen noch Karten gibt, gilt mein Reise-Aufruf allen daheim gebliebenen Opernfans! Hinfahren, hinfahren, hinfahren! Auch kurzfristig ist das machbar. Schöner und ergreifender kann man Oper nicht erleben. Da die Übernachtung in Bregenz wirklich unverschämt teuer ist, empfehle ich (soweit Auto vorhanden) ein Domizil im nur 30 Minuten entfernten Bregenzer Wald-Gebiet (ab 30 Euro). Herrliche Berge, freundliche Leute und ab 3-Tages-Aufenthalt alle Seilbahnen, Museen, Busse und Bäder gratis!        PB

 

Andrea Chenier zum 2.)

besuchte Vorstellung am 22.07.11  (Premiere am 20.07.11)

Es ist schon mutig, daß die Bregenzer Seefestspiele sich für Umberto Giordanos "Andre Chenier" entschieden haben, statt dem üblichen Kanon der ABC-Opern zu folgen, um so erfreulicher der große Erfolg: Wer Puccini liebt, muß auch Giordano mögen, denn die Musik wartet neben fein komponierten Genreszenen mit leidenschaftlichen Arien und Duetten, und sicherlich einem der glutvollsten Duett-Finali der italienischen Opern auf. Die Handlung führt aus dem aristokratischen Zirkel durch die Wirren der Französischen Revolution direkt auf´s Schafott, eines der stringentesten Opernlibretti des "Verismo", dankbare Partien für drei Protagonisten inbegriffen. Man darf Keith Warners spektakuläre Inszenierung als eine der besten auf der Bregenzer Seebühne bezeichnen, zu Beginn ist das Haupt des ermordeten Marat (nach Davids berühmten Bild) noch mit einem weiß-blauen Schäferstoff verhüllt, David Fieldings Bühnengestaltung und Davy Cunninghams Lichtregie gehen kongenial mit Warners Inszenierung daher, in überschraubten Barockkostümen ergeht sich der Adel in Schäferspielen während auf dem Kopf in atemraubender Höhe ein Ballett stattfindet, die nicht privilegierte Dienerschaft muß kuschen. Als Zwischenspiel wurde zwischen den ersten Akten von David Blake aus Revolutionsmelodien ein effektvolles Intermezzo komponiert, während auf der Szene in aller Drastik die Schrecken der Französischen Revolution gezeigt werden. Constance Hoffmanns Kostüme wechseln von adligen Blau-Weiß, zu skurilen Kreationen der Merveilleusen der Postrevolution in Rot-Schwarz, tolle Charakterisierungen der veränderten Verhältnisse. Zwischen spektakulären Effekten und konzentrierten Einzelszenen pendelt die Regie, dabei nie Selbstzweck, sondern immer etwas zum Stoff oder der Handlung erzählend, mehr Einzelheiten will ich gar nicht verraten, das muß man, nicht nur als Opernafficionado, einfach selbst gesehen haben.
Auch musikalisch steht alles zum Besten, zwar muß man mit verstärkter Akustik leben, doch das weiß man, wenn man nach Bregenz fährt, das Soundsystem ist jedoch jedes Jahr besser ausgefeilt. (Verweis auf die begeisterte Kritik Peter Bilsings, der auf die technischen Einzelheiten eingeht). Das Triumvirat der drei Hauptrollen ist mehr als beeindruckend: Hector Sandoval ist ein strahlender Chenier mit stupender Höhe, der seinem Tenor allerdings auch die nötigen Zwischentöne abzugewinnen weiß. Norma Fantinis Sopran gefällt als Maddalena durch angenehm bronzene Grundierung und seelenvollen Ausdruck, lediglich in der Höhe kommt sie leicht an die untere Intonation. Scott Hendricks als Gerard ist der Sangeskönig des Abends, sein ausgereifter und volltönender Bariton muß zur Zeit keinen Vergleich in der Weltspitze scheuen, so träumt man sich sonst die Partie gesungen. Bei Tania Kross farbenreichem Mezzosopran bedauert man die Kürze der Bersi-Rolle, um so erfreulicher Blakes atmospärisches, zweites Intermezzo zum letzten Bild, das der Sängerin noch einen vokales Solo gönnt. Rosalind Plowright in den Partien der Gräfin de Coigny und der alten Madelon ist durch enorme Ausstrahlung und Bühnengestaltung ein echter Cameo-Auftritt. Tobias Hächler, Bengt-Ola Morgny, Peter Bronder, David Strout, Wieland Satter, Richard Angas und Giulio Mastrototaro singen und agieren in ihren nuancierten "Nebenrollen", als ob es in Hauptpartien um ihr Leben ginge. Die Chöre klingen leidenschaftlich aus dem Festpielhaus, während die Statistenhorde und die Stunt-Menschen den Furor auf die Seebühne tragen. Ulf Schirmer spielt, schon wie gewohnt möchte man sagen, mit den Wiener Symphonikern auf höchstem Niveau, doch manchmal auch allzu beherrscht, um die Kontrolle nicht zu verlieren, da würde ich mir doch etwas mehr Leidenschaft und Herzblut in der Interpretation wünschen.
 
Insgesamt jedoch eine der besten Bregenzer Produktionen, die ich je gesehen habe, ein "Muß" für jeden Sommerfestspielbesucher, wenn nicht in diesem Jahr, so doch unbedingt im nächsten. Diesen wahrlich großen Wurf sollte sich niemand entgehen lassen.     MF

 

ACHTERBAHN

Besuchte Uraufführung am 21.07.11

Die letzten drei Jahre seiner Intendanz kröhnt David Pountney statt mit Wiederentdeckungen alter Opern mit Auftragswerken bereits akkreditierter Komponisten im Großen Festspielhaus. Als erste Uraufführungskandidatin kam mit Judith Weir geschickterweise eine Komponistin zu Zuge, deren Tonsprache auch ungeübten Ohren keine großen Hörwiderstände entgegensetzt. "Achterbahn" lautet der deutsche Titel, der mit der Londoner Covent Garden Opera produziert wird, auf Englisch viel anspielungsreicher "Miss Fortune", was sowohl "Fräulein Glück" wie auch "Unglück" (in einem Wort) bedeuten kann. Die Handlung stammt aus dem italienischen Märchen "Sfortunata": die Heldin lebt in großer Gesellschaft bei ihren reichen Eltern, durch das "Schicksal", welches als Person immer wieder ihren Weg kreuzt, stürzt sie ins Unglück, nimmt aber den Lebenskampf immer wieder auf, sowohl die Kleiderfabrik, als die Imbissbude werden durch das "Schicksal" und seine Gang verwüstet, in Donnas Wäscherei konfrontiert sie sich mit der Schicksalsfigur und trifft eine positive Lebensvereinbarung. Im zweiten Teil nimmt ihr Leben durch Börsencrash und gesellschaftliche Verwerfungen eine positive Wendung, durch einen Superlottogewinn auf den sie zu Gunsten anderer verzichtet, findet sie an der Seite ihres geliebten Mannes das Happy End. Weirs Musik schildert die bunte Handlung abwechslungsreich, doch müßte das durchaus aktuelle Stück noch einmal geschickt dramaturgisch überarbeitet werden, so wie es besteht hinkt es, die Handlung und auch das Libretto wirken manches Mal etwas holperig.

Auf der Bühne setzt Regisseur Chen Shi-Zeng mehr auf szenische Opulenz, denn auf zugespitzte Darstellung, da könnte man aus dem witzigen Sujet mehr Funken schlagen, als nur eine Bebilderung zu erreichen. Der große Pluspunkt besteht in der ästhetisch unglaublich vielseitigen Bühne von Tom Pye: ein Objekt dient verschiedenen Assoziationen von Luxusjacht über Segel und Fabrikgebäude, die projezierten Videos machen da ein Zuviel des Guten, ein Lichtobjekt schwebt und teilt den Raum, Waschmaschinen türmen sich zu einer Wand, Nähmaschinen bilden eine Polonaise, ein Imbisswagen explodiert spektakulär, dazwischen tanzt die Schicksalsgang, es passiert schrecklich viel, das Auge findet selten zur Ruhe, das Ohr wird fast von der Musik abgelenkt.

Warum Emma Bell optisch an Pumuckl erinnern muß bleibt mit zwar ein Rätsel, die Kostüme von Han Feng sind ansonsten schön schrill bis sozial passend, Emma Bell ist jedenfalls ein echter jugendlich dramatischer Sopran mit durchaus lyrischem Duktus, wenn sie am Beginn des Abends ihre Stimme in der Höhe unnötig verbreitert, so hat das etwas von Ausprobieren, später rundet sich der Eindruck einer außergewöhnlichen Stimme mit enormer Substanz. Alan Ewing und Kathryn Harries sind ein schräges , aristokratisches Elternpaar, bei dem man sich allerdings fragt, warum sie ihre Tochter im Stich lassen ? Andrew Watts singt mit luzidem Countertenor Fate (das Schicksal), wobei die wundervollen, fast spätromantischen Orchesterwogen Weirs seine Stimme öfters zudecken. Noah Stewart besingt als Kebabbudenbesitzer Hassan mit wohlklingendem Tenor einen Sonnenaufgang, ein Sänger von dem man sicher noch hören wird. Anne-Marie Owens spielt mit interessant timbriertem Mezzosopran und enormer Bühnenausstrahlung die Wäschereiinhaberin Donna. Jaques Imbrailo wird mit edlem Bariton und superbem Aussehen als Simon (ein wohlhabender, junger Mann) zu einem echten modernen Märchenprinzen für das Happy End. Die tanzende Gang, der Prager Philharmonische Chor und die Wiener Symphoniker unter der engagierten Leitung von Paul Daniel geben ihre Bestes für die Uraufführung, fast hätte ich noch die stupende Lichtgestaltung von Scott Zielinski vergessen, dem sicher einen gewaltiger Anteil an den faszinierenden Bildern gebührt. Das Premierenpublikum zeigt sich sichtlich begeistert von Bild, Klang und Handlung, genauso wie von Judith Weir gekonnter, schön anzuhörenden Musik, eine gute Vorbereitung für nächstes Jahr wenn Detlev Glanerts sicherlich sprödere Klangwelten von Stanislaw Lems Science-Fiction-Klassikers "Solaris" ertönen.            MF

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com