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www.theaterbremen.de/

 

 

 

TOSCA

Besuchte Aufführung: 10.07.2012

Bremen ist schon für sich immer eine Reise wert, nicht zuletzt auch wegen seines Opernhauses. Dabei handelt es sich um eines derjenigen Theater von mittlerer Größe, die im internationalen Opernbetrieb regelmäßig sträflich vernachlässigt werden, was aber angesichts der beeindruckenden inszenatorischen, musikalischen und gesanglichen Leistungen in keinster Weise gerechtfertig ist. Zu den Regisseuren/innen von Weltruhm, die an diesem Haus inszenieren, gehört auch die grandiose Vera Nemirova, deren „Tosca“-Inszenierung mit zum Besten gehört, was das Bremer Theater derzeit zu bieten hat. Gänzlich ohne Verfremdungen auskommend, inszenierte sie derart packend und stringent an dem Stück entlang, dass es eine helle Freude war und man am Ende stark aufgewühlt den Zuschauerraum verließ. Sie ging mit der ihr eigenen großen Versiertheit an das Werk heran, animierte die Sänger zu darstellerischen Höchstleistungen und wartete außerdem mit imposanten Bilderwirkungen auf, die sich nachhaltig dem Gedächtnis einprägten. Dabei wusste sie den von Jens Kilian entworfenen, auf allen äußeren Prunk verzichtenden  Bühnenraum optimal zu nutzen. Ursprünglich eine Kirche darstellend, nahm er durch den sich oft ändernden Hintergrund die verschiedensten Ausprägungen an und wurde gleichsam durch das Spiel der Darsteller definiert (vgl. Programmheft). Dadurch entstanden Handlungsorte von großer atmosphärischer Dichte, die gleichsam das Seelenleben der Handlungsträger reflektierten. Auf diese Weise wurde der Klangraum auch zum psychologischen Raum (so Vera Nemirova im Programmheft), wobei die ausgezeichnete Beleuchtung ebenfalls einen gehörigen Teil mit beitrug. Die von Christian Kemmetmüller gezauberten ästhetischen Lichtstimmungen waren von großer Schönheit und wiesen auch einen guten Schuss Symbolik auf. So wurde der erste Auftritt des von Marie-Luise Strandt modern eingekleideten Scarpia in ein dominierendes rotes Licht getaucht - trefflicher Ausdruck für das im Folgenden vergossene Blut. Dieses Bild atmete ungeheure Kraft und Bedeutungsschwere und bildete gleichsam die visuelle Einleitung des überaus gelungenen zweiten Aktes, der unter Frau Nemirovas bewährten Händen zu einem ausgemachten Thriller auflief. Hier vermochte die Regisseurin die Spannung bis zum Ende der Szene in einer geradezu anaphylaktischen Weise zu steigern und mit der Ermordung des Polizeichefs durch die Diva in einen fulminanten Höhepunkt münden zu lassen. In der atemberaubenden Auseinandersetzung der beiden Kontrahenten zeigte Vera Nemirovas atemberaubende Personenführung höchstes Niveau. Wie gebannt verfolgte man die ausladenden Emotionen, die da mit größter Wucht aufeinander prallten und die Ausmaße eines regelrechten Psychoschockers annahmen. Dass Frau Nemirova eine Meistern ihres Fachs ist, war aber auch an der großen Aufmerksamkeit zu merken, die sie den einzelnen Personen angedeihen ließ. Nichts wurde da dem Zufall überlassen. Jede Bewegung, jede Geste und jede Mimik wurde mit äußerster Akribie herausgearbeitet und damit eine phänomenale Übereinstimmung des Ausdrucks mit den jeweiligen Situationen und Emotionen erreicht. Selten hat man die Protagonisten derart glaubhaft erlebt. Und ansonsten etwas untergeordnete Handlungsträger, wie beispielsweise der Mesner und Angelotti, erfuhren unter ihrer Ägide gegenüber anderen Produktionen des Werkes eine ungeheure Aufwertung. Die Mesner-Szene geriet zu einem wahren Kabinettstückchen. Sehr glaubhaft setzte sie auch den bei seinem Auftritt situationsadäquat ziemlich erschöpft wirkenden ehemaligen römischen Konsul in Szene, der es im Folgenden ausgezeichnet verstand, Cavaradossi für seine Zwecke zu manipulieren. Dieser ist eigentlich nur Künstler, der die Marchesa Attavanti sowohl durch Malen als auch durch Photographieren verewigt. Auf welche Weise ihr Bild zustande kommt, ist gleichgültig, auf seine Existenz kommt es an. Cavaradossis  Beziehung zu Tosca ist nicht frei von Spannungen. Im Grunde sind sich die beiden fremd geblieben. Ein richtiges Paar werden sie erst zum Schluss. Der Maler ist ein sehr realistischer Mann, während die Sängerin der Realität durchweg ziemlich blauäugig gegenübersteht und sich nur auf der Bühne wirklich zuhause fühlt. Allein der Kunst weihte sie ihr Leben, wie sie selbst sagt. Zeitweilig scheinen Theater und Wirklichkeit für sie zu verschwimmen. Mit Politik hat sie ebenso wenig am Hut wie Cavaradossi; beide werden fast gänzlich ohne ihr Zutun in den Strudel der politischen Ereignisse hineingerissen. Es ist eine hochpolitische Inszenierung, die die Regisseurin hier geschaffen hat. Mit erhobenem Zeigefinger schreit sie ihr Nein gegen jede Funktionalisierung von unbeteiligten Künstlern zu politischen Zwecken in den Raum und wirft zu guter Letzt noch das Problem der Abhängigkeit jeder Kunst von den jeweils herrschenden staatlichen Instanzen und politischen Entscheidungen auf. Diese Frage wird letztlich zwar nicht beantwortet, prangert aber unmissverständlich die Situation in so manchem, auch europäischen, Land an. Ungarn ist dafür z. Z. wohl das beste Beispiel. Auch die Kirche wird infrage gestellt. Das Te Deum am Ende des ersten Aktes huldigt dem weltlichen Triumph einer fragwürdigen Staatshoheit. Auf solche Art pervertiert, ist diese ursprünglich geistige Prozedur nur noch bloße Makulatur. Damit rührt Vera Nemirovas mustergültige Inszenierung auch an heikle Themen der Jetztzeit von großer Sprengkraft und zeitloser Relevanz. Die zwei Stunden Spieldauer vergingen wahrlich wie im Fluge. Der Name Nemirova steht eben für Qualität. Das hat man aber schon lange gewusst.

Den auf der Bühne dominierenden Gefühlsstürmen setzte Daniel Montané am Pult ein nicht weniger beeindruckendes musikalisches Pendant entgegen. Mit großer Rasanz animierte er die bestens disponierten Bremer Philharmoniker zu einem feurigen und von großer Leidenschaft geprägten dramatischen Klang, wobei er stets auf äußerste Präzision bedacht war und auch die Zwischentöne liebevoll herausarbeitete.  

Auch sängerisch wies die Aufführung ein phantastisches Niveau auf. Patricia Andress, der Frau Nemirova auch den Hirtengesang anvertraut hatte, war darstellerisch eine von Unsicherheit und Versagensängsten geplagte Tosca, die aus einer anfänglichen Sensibilität heraus zunehmend enorme Stärke entwickelt und immer selbstbewusster wird. Auch gesanglich war sie mit ihrem hervorragenden, italienisch geschulten Sopran, der über ein immenses Ausdruckspotential und ein reiches Farbspektrum verfügt, voll überzeugend. Sie erwies sich als ebensolches Bühnentier wie der großartige Ks. Loren Lang, den man getrost als Idealbesetzung für den Scarpia bezeichnen kann. Dieser charismatische Sänger hat eine sehr charmante Seite, die bei Frauen ihre Wirkung sicher nicht verfehlt, vermochte aber auch die gewalttätige, aggressive Seite des skrupellosen Polizeichefs sehr glaubhaft zu vermitteln. Wärme ging in keiner Sekunde von ihm aus. Den ganzen Abend über strahlte er ganz rollenadäquat eine Eiseskälte aus, die einen regelrecht zum Schaudern brachte und diesem Charakter eine ganz eigene Note gab. Diese ausgeprägten schauspielerischen Vorzüge ergaben zusammen mit seiner hervorragenden gesanglichen Leistung - er verfügt über einen prachtvoll sitzenden, voluminösen und elegant geführten Bariton - ein Rollenportrait von großer Eindringlichkeit. Heiko Börner ließ sich zwar wegen einer Indisposition ansagen, kam aber als Cavaradossi aufgrund einer soliden Technik gut über die Runden. Sein kräftiger und viriler Tenor machte durchaus Eindruck. Volltönendes, bestens gestütztes Stimmmaterial brachte Zoltan Melkovics für den Angelotti mit, den er auch glaubhaft spielte. Schauspielerisch köstlich und gesanglich mit seinem kernigen Bass einwandfrei intonierend gab Daniel Ratchev den Mesner. Christian-Andreas Engelhardt begann in der kleinen Partie des Spoletta etwas halsig, konnte sich aber steigern. Ordentliche Leistungen erbrachten Hyung-Jin Kim (Sciarrone) und Allan Parkes (Schließer). Solide schnitten der von Daniel Mayr einstudierte Chor und Kinderchor ab.

Fazit: Eine sehr werkgetreue, dabei aber auch hoch politische Umsetzung von Puccinis Oper voller atemberaubender Spannung auf höchstem technischem Niveau, zu der man Vera Nemirova nur herzlichst gratulieren kann. Einmal mehr hat sich mein Wahlspruch „Verachtet mir die kleinen Häuser nicht und ehrt mir ihre Aufführungen“ voll und ganz bestätigt. Diese „Tosca“, die sich kein Opernfreund entgehen lassen sollte, hat sich das Prädikat „Besonders wertvoll“ mehr als verdient! Vielen herzlichen Dank an die Theaterleitung für eine geradezu preisverdächtige Aufführung.

Ludwig Steinbach

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