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Madama Butterfly

Premiere 11.02.2011

Welcome to the Cabaret!

Nach eher großen Brocken zum Beginn der Saison, dem begeisternden „ Rosenkavalier“ und „Mazeppa“ von Tschaikowsky, jetzt als dritte Oper Puccinis „Madama Butterfly“ im Theater am Goetheplatz Bremen.

Geradezu fieberhaft hat Puccini sich mit dem tragischen Schicksal dieses Mädchens, 15 Jahre jung, beschäftigt. Die Geschichte der Geisha Cho- Cho- San musiktheatralisch umzusetzen war sein Herzenswunsch.

Geschaffen hat er eine vollkommen intime Atmosphäre, alle 3 Akte spielen (eigentlich, dazu später mehr!) in einem kleinen Haus in Nagasaki. Die Handlung ist simpel: Mädchen verliebt sich in Mann, Mädchen verliert diesen Mann, Mädchen begeht Harakiri. Doch Puccini hat seine beiden Protagonisten, Butterfly und Pinkerton, zu prallem Leben erweckt und mit den schönsten Arien der Operngeschichte ausgestattet.

Die Bremer Neu- Inszenierung lag in den Händen von Lydia Steier, die unlängst in ihrer amerikanischen Heimat in Los Angeles einen viel beachteten, konträr aufgenommenen „Lohengrin“ auf die Bühnen  brachte ( Lohengrin ohne Schwan, aber mit Prothese).

Da war auch in Bremen keine tradionelle Lesart zu erwarten. Lydia Steier verlegt die Handlung in einen Nachtclub der Vorkriegszeit, dessen Star Cho- Cho- San ist. Hier gibt es artistische Einlagen und Ballett. Doch je mehr der Club in den Niedergang schliddert, desto mehr flieht Butterfly in ihre eigene, imaginäre Welt, an der sie schließlich zerbricht.

Das war alles aufwendig inszeniert, das war kurzweilig, doch spätestens, wenn Cio- Cio- San das berührende „ Un bel di, vedremo“ singt, sich vor einem imaginären Publikum verneigend, dann ist die Diskrepanz zwischen Obertiteln und Handlung so erheblich, dass sich die Geschichte der Madama Butterfly irgendwo zwischen Belanglosigkeit und Desinteresse auflöst. Gesteigert wird dieser Eindruck noch im sinfonischen Intermezzo des 2. Aktes (Pinkerton wird von einer   Gang zusammen geschlagen).

Geblieben ist von der japanischen Tragödie nichts, die  rührende Geschichte wird von der Regisseurin auf dem Altar der Selbstverliebtheit geopfert. Dafür gab es kräftige Buhs am Schluss der Vorstellung, Quittung für eine Inszenierung nach dem Motto „Augen zu und durch“!

Aber da gibt es ja noch die geniale musikalische Seite, der auch glücklicherweise Lydia Steier nichts antun konnte. Daniel Montane dirigierte die Bremer Philharmoniker. Was auf der Bühne fehlte, brachte er leidenschaftlich zum Klingen: Gefühl! Das schwelgerische in der Partitur arbeitete er wundervoll heraus, ohne die eher härteren Passagen zu vernachlässigen.

Star des Abends ist Patricia Andress in der Titelrolle. Hier stimmte einfach alles, das Einleben in das schwierige Rollenprofil und die Intensität des Gesangs. Eine Glanzleistung!

Peter Marsh als Pinkerton ihr ebenbürtig, mit heldenhaft strahlendem Tenor, ohne jede Mühe in den Spitzentönen.

Die Suzuki ( hier eine boshaft- intrigante Person)  wurde von Barbara Duffy ohne Fehl und Tadel mit wunderbar sicherem Mezzo gesungen.

Schade, so ein Spitzenpersonal hätte eine andere Inszenierung verdient.

Claus Brandt

 


Der Vetter aus Dingsda

10.12.2010 Premiere

 Genialer Vetter!

Da geht man, eher widerwillig, mit Freunden zur Premiere vom „Vetter aus Dingsda“ ins Theater Bremen, wird (natürlich!) süffisant befragt, ob es nicht unter der Würde des Opernfreaks sei, eine Künneke- Operette anzuschauen und fragt sich leicht angesäuert: Was machste hier? Nach der Vorstellung ist die Frage leicht zu beantworten: Sich zu 100 % genial unterhalten lassen von einer Inszenierung, bei der alles rundum stimmt! Musik, Darsteller, Bühne, eben alles.

Inszeniert hat Frank Hilbrich, sein Debüt in der Heimatstadt. Er bringt Künnekes Geniestreich ganz im Stil der Roaring Twenties auf die Bühne, das Orchester, mit schnieken Anzügen aufgehübscht, sitzt hinter einem wallenden Goldvorhang auf der Bühne, davor (Max Raabes Palastorchester lässt grüßen) ein historisches Stehmikrophon, in das die Sänger einige Lieder hauchen, ganz im Stil einer Revue. Und das erweist sich als Geniestreich: Ironische Brechung der Handlung, die Lieder als Zitate einer vergangenen Epoche.

Die vier zentralen Rollen sind interessanterweise vom Regisseur mit zwei jungen Sopranistinnen aus dem Opernstudio und zwei Musicaldarstellern besetzt, ein gelungener Coup. Alen Hodzovic singt und spielt den „falschen“ Vetter, der „Arme Wandergesell“ klingt bei ihm so vielschichtig, so ausdrucksstark, dass man meint, das Lied so noch nie gehört zu haben. Hinzu kommt, dass er in den ständig neuen Kostümen im Stil der Zwanziger einfach blendend aussieht. Steffi Lehmann ist ihm ebenbürtig als bezaubernde Julia. Marysol Schalit als Hannchen: Idealbesetzung! Ein Temperamentbündel ohne gleichen. Zwei Urgesteine der Oper Bremen, Kammersängerin Eva Gilhofer und Kammersänger Karsten Küsters geben Onkel und Tante, man merkt ihnen die Spielfreude an.

Entscheidenden Anteil am Erfolg des Abends hat der Dirigent, Florian Ziemen ( auch als Komödiant gefragt!). Wie er die musikalischen Höhepunkte herausknallt, sprühend vor Witz und immer im Stil der Zwanziger, allein das macht den Abend unvergleichlich.

Die zum Schreien witzigen Regieeinfälle hier aufzuzählen sprengt den Rahmen, ich habe noch nie eine so schlüssige, überzeugende Operettenaufführung gesehen.

Das Theater Bremen ist wieder, nach der unsäglichen Frey- Intendanz, im richtigen Fahrwasser. Nach zwei gelungenen Opernpremieren („Der Rosenkavalier“ und „Mazeppa“) nun ein absoluter Unterhaltungshit, der vom hingerissenen Publikum überschäumend gefeiert wurde.

Claus Brandt

MAZEPPA

6.11.10  (Premiere)

„MAZEPPA“- ein leidenschaftliches Meisterwerk

 

Puschkin muss von seinem Versepos „Poltawa“ keine hohe Meinung gehabt haben. „Was für ein abscheulicher Stoff, nicht ein gutes oder edles Gefühl darin!“urteilte er hart über die Geschichte des Kosaken- Hetmanns Iwan Mazeppa, noch heute Volksheld in der Ukraine und Verräter in Russland. Sogar Lord Byron befasste sich 1819 in einem Gedicht mit ihm.

Aber der Reihe nach: Mazeppa will zur Zeit Peters des Großen die Unabhängigkeit der Ukraine, er wird schließlich vernichtend in der Schlacht bei Poltawa geschlagen und muss fliehen. Daraus machte Tschaikowsky eine hochdramatische Oper, ohne sich zu sehr um die Politik zu kümmern, vielmehr interessierte ihn die Liebesgeschichte, die gesellschaftliche Konventionen sprengt: Im Mittelpunkt steht Maria, eine junge Frau, die den alternden Mazeppa liebt, mit ihm flieht. Eine Liebe ohne Wenn und Aber, deren Folgen Verrat und Tod sind. Das Schicksal der Maria rührte Tschaikowsky deshalb besonders, weil seine Vorfahren in der alles entscheidenden Schlacht bei Poltawa selbst ums Leben kamen und  natürlich auch, weil er sich in der Emotionalität der Maria, in ihrem  „amoralischem“ Handeln, ihren Selbstzweifeln wohl  wiederfand. 

Ohne Zweifel eine der stärksten Partituren Tschaikowskys, die Trennung Arie/ Rezitativ ist überwunden, die Szenen sind hoch komplex durchkomponiert. Dass diese grandiose Oper so selten gespielt wird, kann ich mir nur durch den  pessimistischen Gesamteindruck erklären. Umso bemerkenswerter, dass sich die Oper Bremen dieses Juwels angenommen hat.  

Inszeniert hat Tatjana Gürbaca, Berghaus- Schülerin, letzte Saison verschreckte sie die Hanseaten mit einem „Onegin“ in der Sauna. Das ließ Schlimmes erahnen, doch eine Premiere ist immer spannend, immer neu und nicht berechenbar, so auch diese.

Die Handlung ist in ein diffuses Heute verlegt ohne Kitsch- Russland. Dadurch unterstreicht Gürbaca enorm die allgemeine Gültigkeit der Handlung, die Tschaikowsky wohl anstrebte. Die extrem beeindruckenden Bühnenbilder, teils realistisch, teils märchenhaft versponnen, schuf Klaus Grünberg, der in Bremen schon bei „Le Grand Macabre“ für Aufsehen sorgte.    

Am Anfang sitzt Maria vorne auf der Bühne, schaut auf eine idyllische Miniaturlandschaft, in der Bilder ihrer Kindheit vorbeiziehen. Zum Ende der Oper sitzt sie an der gleichen Stelle inmitten von Zerstörung, es regnet Asche. Die wundervollen Sängerinnen und Sänger haben sich mit den Rollen und der Intention der Regisseurin derart identifiziert, dass das Publikum zeitweise  regelrecht erschrickt vor soviel ausgelebtem Gefühl. Die Leistung des Ensembles ist aber nur möglich, weil alle voll hinter dem extrem anspruchsvollen Regiekonzept stehen. 

Da werden zum Beispiel die bezaubernden Volkstänze im 1. Akt von einer Art jungen Schlägertruppe vorgeführt ( als Hinweis auf das heutige Russland ?), die Folterszenen mit „Waterboarding“ sind derart intensiv, dass einem der Atem stockt.

Eine perfekte Leistung bietet Nadine Lehner als Maria. Die junge Sängerin macht den Wandel von dem verliebten Mädchen und der dann doch enttäuschten Frau, die Trost im Shopping sucht, glaubhaft. Das Wunder von Oper schlechthin offenbart sich in dem sensationell interpretierten Wiegenlied „So schläft ein Kind im tiefem Grase“, das Maria für ihren toten Jugendfreund Andrej am Schluss der Oper singt. Nadine Lehner macht glaubhaft, dass eine einzige Stimme auch den Tod überwinden kann. Das Publikum war zu Recht begeistert.

Jacek Strauch verkörpert Mazeppa ideal, er verfügt über einen kraftvollen, nie angestrengt wirkenden Heldenbariton, der die Tiefen der Partie voll ausleuchtet. Loren Lang, Bremer „Urgestein“, verbucht einen großen persönlichen Triumph in der perfekt gestalteten und gesungenen Rolle des Kotschubej, die Folterszene gelingt ihm meisterlich anrührend. Michael Baba als Andrej wirkte etwas blass in der Rolle des Andrej.

Daniel Montane brachte die Partitur geradezu  kraftstrotzend zum Klingen, die Bremer Philharmoniker zeigten einmal mehr ihre Klasse.    

Claus Brandt



MAOMETTO II

Schöner Museumsbesuch

Das Bremer Theater hat sich unter der neuen Ägide einem Rossinizyklus unter der Regie von Michael Hampe verschrieben, letztjährig mit großem Erfolg mit dem Aschenbrödel begonnen, wagt man sich diese Saison an eine der Seria-Opern, sogar eine der ziemlichen Raritäten, nämlich dem relativen Spätwerk "Maometto II" in Neapel erst erfolglos, dann in Paris mit besserer Fortune als "La siege de Corinthe" gespielt. Bremen spielt, in Koproduktion mit dem Rossini-Festival Pesaro, die Neapolitaner Urfassung. Bereits in der vorher komponierten "Ermione" experimentierte Rossini mit geschlosseneren Formen, so finden sich im ersten Akt fast keine Arien, Musikschemata des Belcanto werden durchbrochen, um dem dramatischen Fluß mehr Gewicht zu geben, trotzdem wirkt der herkömmlichere zweite Akt mit seinen Arien effektvoller, da auch die Handlung des Dramas persönlicher wirkt; man könnte die beiden Akte fast als "Exposition" und eigentliches Drama vergleichen.

Die Handlung spielt um den türkischen Herrscher und Eroberer Mohammed II. oder auch Mehmet Fatih, der durch die Eroberung Konstantinopels im 15.Jahrhundert die Vorherrschaft des Islam im Mittelmeerraum befestigte, dabei doch ein sehr aufgeklärter Monarch war, dreisprachig regierte und religionstolerant herrschte.
Korinth wird von den Türken belagert, Paolo Erisso verwaltet für Venedig die Insel und möchte seine Tochter Anna mit dem edlen Calbo vermählen. Anna verliebte sich jedoch in Maometto, der unter falschem Namen Korinth aus kundschaftete und weist den Antrag ab. Als Maometto Vater und Calbo gefangen nimmt, kann Anna den Tod beider abwenden, indem sie sich in die Gewalt des liebenden und auch eigentlich geliebten Türken begiebt.

Im Harem windet sie sich zwischen Liebe und Vaterlandtreue, ringt dem Herrscher den Siegelring als Treuepfand ab, mit dem sie ihn schließlich verrät, indem sie durch ihn Vater und Calbo entkommen läßt. Vor den Augen der zurückkehrenden Maometto erdolcht sie sich, um ihm schließlich noch ihre Liebe zu gestehen. Soweit das Drama. Hampe wäre nicht er selbst, wenn er nicht in historischen Bildern einfach die Handlung stellt. Das führt einerseits zu viel Stand- und Spielbein Operngestik und den von ihm geliebten Fahnen im Windkanal, bezieht andererseits durch die geschmackvollen Bühnenbilder von Alberto Andreis mit den Chiaroscuro- Wirkungen alter Meister und den historischen Kostümen von Maria Chiara Donato mit ihren edel leuchtenden Stoffen ein echtes Augenspektakel. Warum mal nicht wieder so, zumal nach so vielen farblosen, psycho-zerfaselten Inszenierungen, wenn es mit so viel Geschmack geschieht.

Auch musikalisch kann sich die Bremer Aufführung hören lassen; Daniel Montane führt die Bremer Philharmoniker zu sauberem, akkuratem Spiel, die Chöre eingeschlossen, ohne die geniale Trockenheit und das Brio des Rossini- Altmeisters Alberto Zedda zu erreichen, aber wer kann das schon so. In der Titelpartie hört man den wohltimbrierten, kernigen Bassbariton Istvan Kovacs mit perfekten Verblen dungen und Koloraturen. Mit Luis Olivares als mal ehrpusseligem Vaterlandsverteidiger, mal als liebendem Vater haben wir einen echten Rossinitenor vor uns , der den nötigen Strahl. Koloraturfähigkeit und ein mehrfarbige Stimme mit sich bringt, im Gegensatz zu den vielen weißstimmigen Vertretern des Fachs. In der zweiten Vorstellung gab die hauseigene Sopranistin Patricia Andress das Debüt als Anna und gefällt eher mit ihrem lyrischen Sopran eher in einer mädchenhaften Ausformung des zerrissenen Charakters, als sie den Aplomb einer koloraturwütigen Diva verkörpert. Nadja Stefanoff beeindruckt eher in ihrer Arie im zweiten Akt mit ausgefeiltem Ausdruck und schöner Gesangskultur, ihr nicht allzu voluminöser Mezzo entspricht nicht unbedingt dem Rossiniideal des Koloraturalt, daher ist sie in den Ensembles nicht so hörbar. Als Condulmiero beeindruckt immer noch Mihai Zamfir mit tenoraler Attacke in der kleinen, aber auffälligen Rolle im ersten Akt. Christian-Andreas Engelhard fällt eher durch darstellerische, denn vokaler Präsenz in der kleinen Rolle des Selimo auf.
Nächste Saison darf man sich dann auf einen "Barbier von Sevilla" aus der Werkstatt Hampe freuen, aber wie ist das dann manchmal nach dem dritten Stück Buttercremetorte?

Martin Freitag

 


 

Verworrene Infantilität - RIENZI - der letzte der Tribunen - nicht zu retten!

Theater Bremen; Premiere 11. Okt. 2008

Es kann durchaus vorkommen, daß sich unbedacht gewählte Zitate rächen und die sie unterstreichen sollende Aussage der betreffenden Aufführung dergestalt desavouiert wird, wie der nackte Monarch in Andersens Märchen von "Des Kaisers neue Kleidern". Theodor W. Adornos Verdikt auf das Jugendwerk Wagners: "Treue zum Kindertraum und Infantilität verwirren sich in seinem oeuvre" trifft den Nagel auf den Kopf angesichts der jüngsten, vor Belang- und Hilflosigkeit nur so strotzenden Regie(un)tat des jüngsten Wagnersproß Katharina Wagner. Aktuelles Opfer: Des Führers und des Duces Lieblingsoper: "Rienzi, der letzte der Tribunen".


Daß die Römer spinnen, wissen wir spätestens seit Asterix. Daß sie aber durchgeknallte Typen sind, mit Barockperücken, die sich im vergossenen Heldenblut suhlen, sich dabei gebären, wie "etwas, daß dem Zoo entwich", frei nach Shaw und sich gerne an ihren Denkmälern vergreifen, ist schon neu.

Daß Katharina Wagner ein Faible fur Unterhaltungstrash der untersten Schublade hat, ist hinlänglich bekannt, so nimmt es auch nicht wunder, daß sie nicht nur den hehren Tribunen vom Sockel holt, ihn eine Metamorphose durchleben läßt, vom schläfriger Hermann von Veen-Imitat über Guildo-Horn-Parodie bis zur überdrehten Mischung aus Rambo und Terminator. Laubinator, wäre wohl angebrachter, da sich die neue römische Wunderwaffe mit dem der Plebejer-Emporkömmling die Feinde des freien Roms, die Adelskaste (just die mit den barocken Lockenperücken) bezwingen möchte, als ein Umschnalllaubbläser Modell Hornbach oder Obi entpuppt; wow.

Die Würdenträger der Kirche, die Rienzi drei Akte lang die Macht erhalten, um ihn im vierten mit einem der düstersten Bannflüche der Operngeschichte zu belegen, scheinen alle dem "Ministery of Silly Walk" der britischen Comedy-Truppe "Monty Python" entsprungen.

Die Oper, die durchaus ihre Längen hat und nun wirklich nicht zum Stärksten gehört, was aus des zukünftigen Bayreuther Meisters Feder entfloß, beginnt bekanntlich mit der gewaltsamen Entführung von Rienzis Schwester Irene. In der flappsigen Handschrift der desihgnierten Herrin vom Grünen Hügel, nimmt sich das wie folgt aus. Irenchen singt ihre Schmerzens- und Wehklageschreie mit stolz geschwängerter Brust, werden die Herren Nobili sich den Teufel um diesen keifenden Fratz scheren, hat man es doch auf das Denkmal der "Roma" abgesehen, daß man nach allen Regeln der Kunst zu schänden sich anheischt, daß der Moralapostel Rienzi später ihre dezente entblößte Scham noch dezenter mit einem Papiertachentuch bedecken kann, bevor uns Mangas in zunehmender Obszönität dessen Phantasievorstellungen für einen Neubau vorgaukeln; letzter Stand der Dinge: Roma als Tabledancerin mit selbstbefriedigender Handhaltung. A ja - auch in Mittelfranken lernt man beim Geschichts- und Lateinunterricht etwas über die "Hure Rom"...

Anekdoten erzählen, daß es gerade der latente Militarismus dieser Oper war, die dem späteren GröFaZ sein faschistoides Gedankengut einträufellte und reifen ließ. Dieses gerade anhand dieses Werks ironisch brechen zu wollen, bedarf es der Genialität vom Grade eines Chaplin Mit einer naiven Herangehensweise, die sich auf neofaschistische Gestik (gestreckter Arm mit ausgestrecktem Zeigefinger) beschränkt und gewollt gestreuter Povokationsmätzchen veralbert man das Werk zu einer Historienklamotte unter Schultheaterniveau, die einem Theaterdirektor Striese die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte und Mel Brooks "Springtime for Hitler" zum heroischen Ideendrama anwachsen läßt.

Daß die über vierstündige Aufführung zur ermüdenden Qual wird und einen sauer aufstoßen läßt, geht auch zu Lasten der zum Teil desaströsen musikalischen Umsetzung. Christoph Ulrich Maier, den als "Bayreuther Dirigierwunder" Angepriesenen, kann man zu Gute halten, daß er zumindest um zügige Tempi bedacht war. Seine ihm anvertrauten Bremer Philharmoniker konnte er aber nicht dazu bringen, auch nur halbwegs die Noten zu spielen, die Wagner für das Orchester vorgesehen hat, abgesehen von ein paar schön gelungenen Holbläserphrasierungen und den vorzüglichen Pauken. Einen derart ruppig unsauberen Streicherklang hab ich selten zu Gehör bekommen, ganz zu Schweigen von den Hornisten.

 Damit hatten die Sänger zwiefach schweren Stand und es ist erstaunlich wie sie trotz orchestralem und Regieunvermögen ihrer Rollen Herr wurden.
Ein Interpret des Rienzi ist wahrlich nicht zu beneiden, neben dessen meist in Schlachtenlärm gebetteten Kantilenen im Forte und immensen Höhen, nehmen sich Wagners spätere Helden fast wie leichte Mozartknaben aus. Wenn dann auch noch eine Rollenstudie abverlangt wird, die nach Popstargestik und -manierismen in den Metamorphosen zur blondgezopften Roma-Transe gipfelt (merke, Rienzi bekennt im 5. Akt: "denn wisse: Roma heißt meine Braut") hat es ein Tenor noch schwerer, diesen Kraftakt zu bewältigen. Mark Duffin gelingt das nach einer kurzen "Warmlaufphase" mehr als beachtlich. Sein nicht gerade schönen Tenor, recht herbes angerautes Timbre, erklomm jede Höhe und wußte sich auch stets von seinem zugedachten Platz am Baugerüst (Bühne: Tilo Steffens) trotz ungünstiger Akustik genügend Gehör zu verschaffen. Für das Gebet hatte er noch genügend Reserven um eine belcantistisch ergreifende Preghiera zu gestalten.

Patricia Andress gefiel als jugendlich dramatische Irene mit strahlendem Aplomp.
Daß sich ihr unvorteilhaftes Kostüm schon während der Premiere in Auflösung befand, spricht für die Gütequalität der geschmacklosen, ebenfalls von Tilo Steffens entworfenen Kostüme.Das Solotriumvirat schloß Tamara Klivadenko als Adriano ab, deren dramatische Geste sich in Auf-die-Knie-Fallen-Lassen beschränken mußte. Der Schönheit ihres warmströmenden Mezzos schadete das kaum und ihre große Arie geriet ihr zu einem der wenigen Höhepunkte des Abends.

Nadja Stefanoff sang den Friedensboten mit schönem glockenhaft geführtem Sopran. Aus dem Ensemble kamen nur noch Pavel Kudinov (Steffano Colonna) und Franz Becker-Urban (Kardinal Raimondo) zu der Partitur angemessenen Leistung. Über den Rest zu urteilen verbietet des Kritikers Taktgefühl.
 Um eines konnte man allerdings das Theater Bremen an diesem Abend beneiden: Die Leistung des Chöre (Chor und Extrachor des Theater Bremen - einstudiert von Tarmo Vaask und Alsfelder Vokalensemble Bremen - in der Einstudierung von Prof. Wolfgang Helbich) war atemberaubend. Ein sauber intonierendes stimmstarkes, in allen Stimmlagen ausgewogenes Organ, ließ die szenischen Untaten kurze Zeit vergessen machen und war ein Balsam für de vom Orchester arg gebeutelten Ohren.


Hanseatische Zurückhaltung ließ sich trotz ständiger Provokation nicht aus ihrer gelassenen Reserve locken. So fiel das Urteil für Katharina Wagner und ihrem Team recht milde aus. Etwas stärker applaudierte das recht ermattete Publikum für die musikalischen Leistungen.

Fazit: Wagners Jugendheroenoper fiel unter dem Fallbeil szenischen Unvermögens, degradiert zur Schlagerette "Rienzi, das Tribunical", worüber der Regisseurin Halbschwester auch nur ein müdes Lächeln über die Lippen huschte. Eine Aufführung, die sich mit "Public viewing" und Staatsempfang als zum Event aufgepuschte langwierige Petitesse gebärdete.  

Dirk Altenaer

 

 

Kathis Halloween-Party

An der Oper Bremen hat man mit sicherem Griff die Medienaufmerksamkeit gesichert, indem man die derzeitige Erlkönigin des Feulletonwaldes für die Regie eines Werkes ihres Urahnen, das nicht in Bayreuth gespielt wird, engagierte: die designierte Bayreuth-Erbin ,Katharina Wagner, inszenierte "Rienzi, der Letzte der Tribunen". Natürlich ist man auch als Kritiker sehr gespannt, endlich einer Arbeit der hochgelobten Regisseurin zu begegnen: der Vorhang öffnete sich zur dritten Aufführung und ein vielversprechendes Bild bot sich: auf einer weißen Treppe bis zum Bühnenhintergrund wird die überlebensgroße Statue der Roma von den bösen Adligen geköpft und entehrt. Doll wie respektlos das Donnermädel sich mit Uropas Werk befasst, die Aussage der Aufführung: der Realitätsverlust eines der Mächtigen mit Untergang desselben, ist bei einem Werk, das schon Hitler in Wiener Zeiten beeindruckt und auf dumme Gedanken brachte, absolut richtig. Aber schon bald macht sich Ernüchterung breit, denn Frau Wagner scheint die Mittel des Regiehandwerks nicht zu beherrschen: Personenregie oder eine gute Chorführung? Fehlanzeige! Die Ausdruckswerte der Augsburger Puppenkiste erreichen tiefenpsychologische Werte dagegen, alles gerät allzu plakativ. Die Treppe beginnt Blut zu sprudeln, Zombieaufmärsche und daneben viel Herumgestehe, dabei sehr am Zeitgeist sein wollend. Witzchen a la RTL-Comedy helfen da nicht gegen Langeweile und dehnende Umbaupausen, eigentlich steht hier genau das Niveau auf der Bühne, gegen das Reich-Ranicki mit seiner Medienschelte wetterte. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Sehr geschickt hat man allerdings Wagners Mammutoper zurechtgestutzt, musikalische Binnenstriche lassen viel Musik der "Grand Opera" hören und unnötige Wiederholungen werden so eliminiert. Leider gerät Christoph Ulrich Meiers Dirigat eher zu einem Buchstabieren der Partitur, die ach so nötige romantische Emphase, die Wagners Melodiebögen bleiben versagt, auch die Bremer Philharmoniker habe ich unter anderen Dirigenten begeisterter gehört, vor allem in den Streichern entsteht ein sämiger Klang mit uneinheitlichen Einsätzen.

DieSänger schlagen sich mehr als wacker: die Killerpartie des Rienzi allein so durchzuhalten, wie es Mark Duffin gelingt: Kompliment! Sein Tenor bringt den nötigen Furor, auch wenn das Timbre nicht wirklich schön klingt, daß das berühmte Gebet im Schlussakt nicht im Piano ertönt, sei bei der intelligenten Interpretation mehr als verziehen. Der warme Mezzosopran Tamara Klivadenkos als Adriano mischt sich wunderbar mit dem höhenleuchtenden Sopran von Patricia Andress als Rienzis Schwester Irene, beide kämen in lyrischeren Partien sicher noch schöner zur Geltung. Loren Lang überzeugt mit virilem Bariton als Orsini, während der Bass von Jose Gallisa irgendwie in keiner Lage so recht anspringen will. Die Nebenrollen sind ordentlich besetzt. Der wahre Star des Abends jedoch sind die Chöre, was Chor und Extrachor des Theater Bremen und das Alsfelder Vokalensemble Bremen an Emphase, Klangschönheit, Intonation und Volumen in die Choroper einbringen, so beeindruckend habe ich das schon lange nicht mehr gehört, allein dieser Einsatz war den langen Abend dann doch wert! 

Martin Freitag

 


 

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