DER OPERNFREUND - 42.Jahrgang
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Oedipe

(Oper von George Enescu)

Vorstellung vom 04.11.2011

(Premiere am 22.10.2011)

Zweifelhafte Ausgrabung in hoher Qualität

Ungewöhnlich für eine Oper: Das Libretto handelt auf Enescus Wunsch das ganze Leben des Oedipus von der Geburt bis zum Tode ab. Dabei wird eine weitgehend lineare Handlung in vier Akten und sechs Bildern abgewickelt, von denen der erste Akt als Prolog und der letzte als Epilog aufzufassen sind; eine dramaturgische Verdichtung findet in den Mittelakten statt, in denen das tragische Geschehen konzentriert ist, das aber nicht in einer ausweglosen tragödischen Verwicklung kulminiert, sondern von Geschick und Bestimmung vorgezeichnet ist. Oedipus beantwortet die Frage der Sphinx „Was ist stärker als das Geschick?“ mit „der Mensch“. Die Sphinx ist mit dieser Antwort am Ende, Theben befreit, aber das Drama zeigt zum Schluss, dass die Antwort falsch war, denn das Geschick, dem Oedipus zweimal entkommen sollte bzw. wollte, holt ihn ein und vernichtet ihn. Er beklagt am Ende vor seiner Erlösung, dass er unschuldig dem Geschick unterlegen sei. Oder soll die Erlösung zeigen, dass der Mensch doch stärker ist? Oedipus ist natürlich die zentrale Figur der Oper: eine Riesenrolle. Daneben gibt es noch zwölf individuierbare Nebenrollen, von denen es kaum eine auf mehr als zwei Auftritte bringt. Dazu gibt es neben einem Kinderchor noch einen Riesenchor, der teilweise handlungstreibend und teilweise kommentierend und lamentierend im Sinne eines antiken Chores eingesetzt wird.

Der Regisseur Alex Ollé mit seiner Truppe von La Fura dels Baus illustriert den nicht immer spannenden Verlauf des Stoffs nah an der Musik und verleiht dem an sich zeitlosen Geschehen Bezüge zur jüngsten Geschichte, die interessant, aber nebenso wenig zwingend wie logisch sind. Das Bühnenbild von Alfons Flores wird durch eine rotbraune Riesenwand an der hinteren Bühnenbegrenzung beherrscht, die aus vier über einander gebauten Galerien besteht, die über die ganze Bühnenhöhe reichen und an deren Stützen jeweils verwaschene Terracotta-Figuren stehen. Auf den vier Galerien hat im Eingangsakt der Chor Aufstellung genommen: dazwischen die Akteure, die beim stimmlichen Einsatz jeweils herausgeleuchtet werden: Der Oberpriester, der Hirte, Tiresias, Laios&Jocaste. Alle in tristen rotbraunen Gewändern (Kostüme: Lluc Castells). Der Chor erzeugt durch seine flächige Aufstellung eine ganz großartige akustische Wirkung. Die rotbraune Farbe des Entwurfs wird im Programm als eine Anspielung auf eine industrielle Katastrophe in Ungarn 2010 erläutert, bei der sich nach einem Dammbruch große Mengen giftigen Rotschlamms wie eine Lawine in die Landschaft ergossen hatten. -- Im zweiten Akt wird die Wand nach hinten gefahren, wodurch sich davor eine Spielfläche ergibt: der Salon des korinthischen Königshauses mit einer großen Psychologencouch in der Mitte, auf welcher der herangewachsene Oedipus hingestreckt ist und seine Zweifel an der Mutterschaft seiner Ziehmutter Merope äußert, bevor er sich auf Wanderschaft begibt. Bei dieser gelangt er an den Kreuzweg, in dieser Inszenierung mit gelben blinkenden Warnleuchten eine nächtliche Straßenbaustelle, die den Ort schwer passierbar macht. Laїos kommt aber gerade mit einem großen PKW und zwei Begleitern vorbei und will Oedipus aus dem Weg schreien. Der aufbrausende Oedipus erschlägt vor den hell in den Zuschauerraum scheinenden Autoscheinwerfern alle Drei, also auch seinen Vater; Einzelheiten sind im Gegenlicht nicht zu erkennen. Im Übergang zum dritten Bild des zweiten Akts senkt sich langsam ein Jagdflugzeug aus Weltkrieg II auf den Bühnenboden vor den noch weiter zurückgefahrenen Galerien; es ist mit verwaschenen deutschen Hoheitszeichen versehen. Das ist die Sphinx! Deren Rolle wird vom Piloten gesungen, der (die) aus der Pilotenkuppel steigt (im zweiten Weltkrieg gab es noch keine Pilotinnen!) Die Beantwortung der Sphinx-Frage befreit die Thebaner von dieser Geißel; sie eilen herbei und demontieren die Flügel des Fliegers. -- Nach einem Zeitsprung zum dritten Akt ist man mit der Pest in Theben konfrontiert. Die Thebaner verschaffen ihre Toten in Särge und tragen sie fort. Die nun erfolgende Beweisaufnahme für die Gründe des Elends, herbeigeführt durch Tiresias, ist der Kulminationspunkt der Oper, und erst hier geht der Stoff wirklich unter die Haut (Szene Oedipus, Jocaste, Tiresias, Schäfer und Kreon) und endet in einem erschütternden Melodram des zusammenbrechenden Oedipus. Im vierten Akt, dem Epilog, rechtet der geblendete Oedipus, der von seiner Tochter Antigone begleitet ist, auf freiem Feld mit seinem Geschick, rechtfertigt sich als unschuldig, erhält eine reinigende Waschung durch eine große Dusche von oben und geht zum Gesang der Eumeniden (diese in weiß gekleidet) und weicher Orchestermusik ab ins Licht: gerettet, erlöst. Hier wird die Grenze zum Kitsch fast erreicht. Insgesamt eine gelungene Inszenierung mit gekonnter Personenführung und schlüssiger Dramaturgie, wenn auch Versatzstücke wie ein Wehrmachtsflugzeug als Sphinx und (hätte man es im Gegenlicht erkennen können) wahrscheinlich einem Nazi-Mercedes-Cabrio… in ihrer Konkretheit unpassend sind.

Enescus Musik steht klar in der Tradition des auf Wagner fußenden spätromantischen Klangs. An den „schärfsten“ Stellen hört man etwa einen Anklang an die Elektra-Musik, aber sonst vielmehr an Mahler-Harmonik. Das perfekt aufspielende Sinfonieorkest van de Munt erzeugte unter seinem Leiter Leo Hussain schwelgerisch schöne, aber eben darum auch völlig unaufregende Klänge. Mangels Vergleichsmöglichkeiten lässt sich die Frage nur schwer beantworten, ob und wie diese etwa zeitgleich zu Alban Bergs Lulu und Schönbergs Aron und Moses entstandene Musik auch anders gespielt werden kann. (Uraufführung Oedipe: 13.03.1936 in Paris). Die großen präzisen Chöre, die geschickt und unauffällig bewegt wurden, waren ein starker Punkt der Aufführung.

Die Beurteilung der gesanglichen Leistungen war beeinträchtigt durch den Platz des Rezensenten hinten im Parkett unter dem Balkon. Bitte merken: diese Plätze unbedingt meiden: in Preisgruppe II zu 86 EUR besteht nur teilweise Sicht auf die Übertitelung sowie eine ganz schlechte Akustik, was für das relativ kleine im italienischen Stil bebaute Theater überraschend ist. Alle Sänger kamen nur mäßig durch. Es wurde überwiegend gutes und verständliches Französisch gesungen: vorneweg Andrew Schneider in der Riesenrolle des Oedipus mit sehr kultiviertem geschmeidigem Bariton. Jan Hendrik Rootering mit tieferem kernigen Bass gab den Tiresias überzeugend von Statur und Stimme. Weitere schöne tiefe Bassstimmen waren aufgeboten mit Jean Teitgen als Grand-Prêtre und Frédéric Caton als Le Veilleur und Henk Neven als Phorbas. In den weiteren männlichen Rollen: Nabil Suliman mit solidem Bariton als Thésée und die Tenöre John Graham-Hill als Schäfer und Yves Saelens als Laїos. Unter den Frauenstimmen gefiel besonders Marie-Nicole Lemieux mit ihrer wunderbar tiefgründigen Stimme als Sphinx, während der flackernde Mezzo von Catherine Keen als Merope weniger überzeugte. Natascha Petrinsky gab mit hellem Mezzo eine schöne Jocaste und Ilse Eerens mit beweglichem leichtem Sopran die Antigone.

Fazit: de Munt produzierte in einem interessanten Opernabend einen künstlerisch durchweg überzeugenden Oedipe. Ob das Werk aber über mehr als enzyklopädisches und akademisches Interesse verfügt und den Schweiß der Edlen wirklich wert ist, mag dahingestellt sein.

Manfred Langer

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com