ELEKTRA
Koproduktion mit dem Gran
Teatre del Liceu (Barcelona)
Premiere in Barcelona am 9.
Februar 2008
Premiere im Theater La
Monnaie, Brüssel am 19. Januar 2010
Besuchte Aufführung: 29.
Januar 2010
Guy Joosten bebildert in
seiner bereits aus Barcelona bekannten, nun in Brüssel neu einstudierten
Elektra-Inszenierung keine Vorlesung zum Thema Psychoanalyse, präsentiert keine
intellektuell-kopflastige Analyse unserer Zeit auf der Folie eines hundert
Jahre alten Stücks, sondern erzählt durchaus konventionell, aber nicht
unspannend eine grauenvolle Familiengeschichte vor dem Hintergrund der letzten
Tage des zweiten Weltkriegs (oder wenig später, denn "Die Zeit", die
die Aufseherin liest, erschien erst 1946 zum ersten Mal, andererseits tragen
Aegisth und seine Saufkumpel noch unbeschwert Uniform). Der Abend beginnt mit
einem Blick in die Umkleideräume der Mägde, die mit ihren Waffen und
Schlagstöcken als Gefängniswärterinnen oder Sicherheitsbeamte fungieren und vom
ersten Moment das Klima der Gewalt transportieren, das in diesem Palast
herrscht, der nicht nur äußerlich bessere Tage gesehen hat und erheblich
gestützt und mit Wellblechen abgedichtet werden muss (die aufwändige
Ausstattung stammt von Patrick Kinmonth, das geniale Licht von Manfred Voss,
man erinnert sich dankbar an viele bedeutende Abende an der Kölner Oper).
Prägnante Töne einer
intakten, charaktervollen Stimme und intensives Spiel - so ist der Einsatz von
Renate Behle als brutal-eisige Aufseherin zu bewerten, die Künstlerin ist
inwzischen selber eine gesuchte Klytämnestra und wird mir als eine der besten
Sieglinden in Erinnerung bleiben, die ich gehört habe (diese Partie sang sie
auch in Brüssel vor vielen Jahren). Dagegen verfügt der verdiente Franz Mazura
zwar immer noch über einige Bühnenpräsenz als alter Diener und Pfleger des
Orest, aber die wenigen Töne, die er zu singen hatte, stimmten doch traurig,
die von Alexandre Kravets als jungem Diener blieben dagegen nicht lange im
Gedächtnis. Und auch bei den Mägden hatte man nicht gespart: Graciela Araya
etwa als deren erste hat(te) eine bemerkenswerte Mezzokarriere (die Stimme
indes klang sehr abgesungen, bei aller Präsenz), Lisa Houben, die die vierte
Magd und die Schleppträgerin gab, ist an La Monnaie im Juni immerhin als
Zweitbesetzung der Lady Macbeth in Verdis Oper engagiert - ich erinnere mich an
den Lütticher Andrea Chénier vor einigen Jahren, in dem sie "eine junge,
schauspielerisch sehr begabte und anrührende Maddalena (war) ..., die eben
nicht nur an der Produktion schöner Töne interessiert war, sondern sich
beeindruckend auf das Drama einließ und viel aus dem Text machte". Anna
Gabler, die sich hinsichtlich der Rollenauswahl langsam in Richtung
jugendlich-dramatisches Fach zu entwickeln scheint, kennt man noch aus
Düsseldorf, entsprechende vokale Mittel ließ die Stimme indes an diesem Abend
eigentlich nicht erkennen, an dem sie die fünfte Magd gab, die in dieser
Produktion dadurch aufgewertet war, dass sie in weißer Krankenschwestertracht
auch als Vertraute und Freundin Elektras agierte.
Diese hat sich unter einem
Wachhäuschen und neben Ölfässern vor einem improvisierten dunkelroten
Samtvorhang einen Ort der Erinnerung geschaffen, auch ihrer Mutter Liege hat
sie sich bemächtigt. Aus ihrem Koffer kramt sie nicht nur das Beil, mit dem ihr
Vater getötet wurde, sondern auch dessen Soldatenmantel hervor und zieht ihn
über ihr schlichtes blaues Kleid, während sie in Chrysothemis' Besitz später
nicht unerwartet ein Brautkleid und eine Puppe findet - keine neuen Einfälle
natürlich, aber auch keine schlechten, um die Befindlichkeiten der Schwestern
zu illustrieren.
Zentrum der Aufführung ist
aber natürlich die wunderbare Evelyn Herlitzius, die in dieser Serie als
Elektra ihr Rollendebüt gab und sich meiner Meinung nach sofort in die erste
Linie der Interpretinnen gesungen und gespielt hat. Die Deutsche begann mit
vielen zarten, immer noch sehr jugendlichen Tönen, bemühte sich spürbar um
Schöngesang, steigerte sich dann aber immer mehr in die Rolle hinein, scheute
keinerlei Risiko und hatte dann auch Augenblicke, in denen man das pure Metall
zu hören bekam und sich ein leichtes Klingeln einstellte, das aber der
Intensität und dem Überschwang ihres Singens keinerlei Abbruch tat, zumal sie
etwa in der Wiedererkennensszene mühelos zu der sorgfältigen Phrasierung und
dem schönen Ton des Anfangs zurückfand - was für eine faszinierende, nicht nur
mit der Kraft ihrer Stimme, sondern auch mit ihrer hohen Textverständlichkeit
und einer ganz eigenen Körpersprache immer wieder von Neuem in ihren Bann
ziehende, die Bühne in jeder Sekunde beherrschende Künstlerin! Angesichts einer
solchen Ausnahmeleistung hatte es Eva-Maria Westbroek nicht leicht, die ohnehin
uninteressantere, ängstliche Schwester auf ähnlichem Niveau zu geben, und so
wirkte ihre Darstellung doch etwas eindimensional mädchenhaft-brav, naiv und
etwas linkisch. Stimmlich ist sie hier mit ihrem üppigen
jugendlich-dramatischen Ton natürlich genau richtig, wenngleich sie das Pech
hatte, an einigen der Paradestellen ziemlich weit hinten auf der Bühne stehen
zu müssen, so dass die Durchschlagskraft doch etwas litt und ihr Sopran
vielleicht nicht ganz die gewohnte Strahlkraft entfalten konnte.
Doris Soffel war in diesem
Ambiente eine optisch glamouröse Klytämnestra mit Turban, Hollywood-Robe in
Cremetönen und funkelndem Collier, mit enormem Durst auf Hochprozentiges und
erheblichem hypochondrischen Profil - ihre Liege muss mit einem frischem weißen
Tuch belegt werden, ihre Entourage sprüht Desinfizierendes, vor der Sonne
schützt ein Schirm -, und auch stimmlich blieb sie der Rolle nichts schuldig
mit ihrem nach wie vor eher lyrisch als dramatisch klingenden Mezzo, einer
enorm nuancierten Textbehandlung und herrlich spöttischen, beinahe
operettenhaften, dann wieder furchteinflößend herrischen Momenten.
Wenig Persönlichkeit
entfaltete leider Gerd Grochowski als Orest, die kraftvolle-dunkle, sehr
gesunde Stimme und die gute Diktion rechtfertigen natürlich trotzdem den Erfolg
an diesem Abend und die Karriere, die der Deutsche macht. Donald Kaasch, den
ich als skandalös überforderten Enée vor einigen Jahren in Les Troyens in
Amsterdam gehört hatte, scheint im Charaktertenorfach seine Bestimmung gefunden
zu haben, er war hier im Kreise seiner Soldatenfreunde ein bestens gelaunter,
alkoholseliger, lächerlich-feister, über die Bühne tänzelnder Aegisth, mit dem
Orest leichtes Spiel gehabt haben dürfte.
Bevor letztgenannter zur
Mordtat schreitet, wäscht Elektra ihm wenigstens noch einen Fuß - eine
überflüssige Parsifal-Anspielung, die aber symptomatisch ist für Joostens schon
häufiger beobachtenden Inszenierungsstil mit etwas zu viel Aktion und zu vielen
Einzelideen, die gar nicht nötig wären und fast so wirken, als misstraue der
Regisseur seiner eigenen Lesart (und seinen hervorragenden Darstellern) und
wolle sie aufmotzen. In diese Richtung geht auch der Schluss: Für den großen
Showdown zieht auch Elektra ein Abendkleid mit passender Kappe an und frischt
ihr Make-up auf, die Palastaußenwand hebt sich, man sieht all die Ermordeten
und den geistig abwesend scheinenden Orest. Leider konnte ich nicht sehen, ob
er Elektra nur brüderlich in den Arm nimmt und sie darüber stirbt oder ob er
auch sie noch flugs erstochen hat.
Aggressiv und ekstatisch,
aber nie unkontrolliert oder unkonturiert war das Spiel des Brüsseler
Orchesters, an dessen Pult Lothar Koenigs debütierte und einen sehr
farbenreichen, mitreißenden Strauss-Abend leitete und dabei vielleicht nicht
ganz so exakt, wohlüberlegt und am Detail orientiert vorging wie Daniele Gatti
in Zürich eine Woche zuvor, dafür mitreißender und ekstatischer musizieren
ließ, auch wenn man sich in einigen Momenten vielleicht doch etwas mehr Ruhe
gewünscht hätte.
Fazit: La Monnaie präsentiert einen großen, unter die Haut
gehenden Strauss-Abend, den Evelyn Herlitzius als bemerkenswerte Elektra
dominiert.
Thomas Tillmann
LE GRAND MACABRE
Achtung! Der Gesundheitsminister warnt!
4.4.2009 (Premiere
24.3.2009)
Vor dem übermäßigen Verzehr von Produkten der
Fastfood-Marke "Mac Abre" - vor allem Big Macs und Pizzen - wird ausdrücklich
abgeraten: Es enthält den hochtoxischen "Nekrotzar"-Virus, das zum letal
endenden "Breughelland"-Syndrom führen kann. Symptome sind Übelkeit, libidinöse
Seitenstrang-Orgasmen, kolikartige Flatulenzen und gefährliche Schwächung des
Immunsystems. Kann vorzeitiges Erbrechen ausgelöst werden, scheint die Gefahr
allerdings gebannt und der Virus zieht sich zurück.
Was bei libidinöser
Erregung in uns vorgehen kann, das hat uns eindringlich Woody Allen in seiner
Aufklärungssatire erläutert, was aber passiert, wenn wir uns im wahrsten Sinne
des Wortes der Völlerei hingeben, das schildert jetzt auf so intelligente, wie
vergnügliche Weise das spanische Erfolgsteam "La Fura dels
Baus" (Alex Ollé & Valentina
Carasco mit den Ausstattern Alfons Flores, Bühnenbild;
Franc Aleu, Videoinstallation; Lluc Castells,
Kostüme) anhand von György Ligetis surrealistischer Erfolgsoper "Le Grand
Macabre". "La Fura dels Baus" kommt dabei dem Stück mit seinen apokalyptischen
Anspielungen auf Breughel und Bosch vielleicht näher, als so manch andere
Herangehensweise, das Stück zu politisieren und im finalen Atomcrash
anzusiedeln.
Eine junge Frau gibt sich vor der Glotze dem "großen
Fressen" von Junk Food hin, bis sie sich in Krämpfen windet, dann erfolgt die
Überblendung und wir sehen die zur bühnenbeherrschenden Puppe Erstarrte, auf der
sich der Quälprozeß mit eindringlichen Videos abzeichnet und durch
holographische Videos uns auch die medizinisch biologischen Prozesse in ihr
vorgeführt werden, bis sich die Enzyme, Bakterien und sonstigen mikrokosmischen
Humanbewohner aus ihrer Kammer befreien und dem gewaltigen Humanpandämonium
Gestalt verleihen.
Leo Hussain kostet dazu die an
Farbnuancen nur so überbordende Partiur Ligetis aufs köstlichste aus und das
Orchestre symphonique de la Monnaie spielt seinen Ligeti dabei
in betörende Brillanz und Schönheit, als handle es sich um eine postromantische
Symphonie. "Schräg" klingt dieser "Grand Macabre" in Brüssel nie, trotz der
Hupen, Rasseln, Klingeln, Sirenen und anderen Geräuschaccessoires. Houssain
betont die melodiöse singbare Seite Ligetis und das kommt vor allem dem
vorzüglichen Sängerensemble zu Gute. Dabei ist die Besetzung des Fürsten Go-Go
mit dem Star-Counter Brian Asawa schon eine wahre
Luxusbesetzung. Asawa weidet sich an seinen lupeneinen Oktavsprüngen und
Koloraturen und gibt ein schrilles Profil eines großen unerzogenen Kindes in der
Maske eines tuntigen Conferenciers, der hier Herrscher über der Darmflora ist.
Eine witzige Pointe gerade die politische Szene im Allerwertesten anzusiedeln
und ein Schelm, wer angesichts der dunkelbraun gekleideten Soldateska an den
eigentlichen Sinn und Wert von politischen, militärischen Aktionen denkt...
Bezeichnenderweise heißt ja auch Breughellands Chef der Geheimpolizei "Gepopo"
... - den verkörperte Barbara Hannigan mit der atemberaubenden
Quirligkeit ihrer Koloraturen, die in wahrhaft kryptischen Kaskaden über uns
herabsprudelten. Zuvor war sie eine anmutige Venus in kantablen Belcanto. Wohl
als Chef des Immunsystems gezeichnet, dafür denkbar ungeeignet, da
sturzbetrunken, gab Chris Merritt mit noch recht wohlklingendem
Tenor den schrulligen Piet von Faß. Das sich liebende Muskelpärchen Spermando
und Clitoria versahen Frances Bourne und Ilse
Eerens mit dem Wohllaut ihrer (Stimm-)Organe. Nicht minder kantabel,
dabei eher jovial kauzig denn gefährlich, zeichnete Werner Van
Mechelen den Tod als Kumpel im hellgrauen Outfit des "Nekrotzar"-Virus.
An den Lustbarkeiten ihrer Liebesperversionen ließen uns Frode
Olsen als baßgewaltiger Astradamors und Ning
Liang als geil gestrenge Mescalina teilhaftig werden. Als köstliche
Doppelconferenciers im Clownskostüm alberten im feinsinnigsten Aberwitz
Eberhard Francesco Lorenz (Weißer Minister) und Martin
Winkler (Schwarzer Minister) durch das Geschehen im Darmbereich. Das
Ganoventrio Ruffiack, Schobiack und Schabernack rundeten in belgischer
Polizeiuniform Bernard Villiers, Gerard
Lavalle und Jacques Does ab. Die Choeurs
de la Monnaie (Einstudierung: Piers
Maxim), diesmal unsichtbar, sorgten für klangvolle harmonische
Untermalung. Neben etwas fragwürdig dreinblickenden älteren Semestern, amüsierte
sich das Gros des Publikums aufs Köstlichste und das bei einer erst
dreißigjährigen Oper! Von Brüssel aus zieht diese Produktion durch Europa mit
den Stationen Barcelona, London und Rom, Freunde des Skurrilen und der Moderne
sowie aufgeschlossene Opernfreunde sollten sich diese Reise durch die
Körperwelten nicht entgehen lassen.
Dirk Altenaer
TOD IN VENEDIG
Gedankenreise zum Tod
24. Jan. 2009 (Premiere: 15. Jan. 2009)
Der
Widerstreit des Apollinischen und Dionysischen im Phaedrus Dialog
Platons sind die inneren Monologe des Protagonisten Gustav von
Aschenbasch in Benjamin Brittens Oper Death in Venice und der
gleichnamigen Novelle Thomas Manns, Reflexionen über Ästhetik und
Schönheit mit dem Sog ins Unausweichliche.
Deborah Warner zeigt den
sich in einer elementaren Schaffenskrise befindenden Schriftsteller zu
Beginn ihrer Inszenierung in einem irrealen Raum inmitten den Notizen
seiner Reflexionen. Der reale Ort vor dem Eingangstor des Friedhofs
verschwimmt in den dunklen Wänden wo sich nur schemenhaft die Worte des
Epitaphs ausmachen lassen, dann treten zwei Gestalten auf, der eine in
seltsamer Reisekluft, der andere in dunkler Straßenkleidung, ein
Zeitgenosse unserer Tage: Die Götter sind unter uns: Apollo erscheint
als die Imagination des Sehnsuchtsdrangs in den Süden, sein dunkles
Alterego flüstert mit süßlich züngelnden Worten Aschenbach das mahnende
Todesurteil ein: "Go, travel to the South. Great poets before you have
listened to its voice" Der Kampf der Götter am Subjekt der Krankheit
zum Tode nimmt seinen Lauf.
1972 entstanden, 1973 uraufgeführt kam
Brittens letzte und vielleicht persönlichste Oper fast parallel mit der
genialen Verfilmung des Stoffes durch Luchino Visconti heraus und mußte
sich ständig damit messen lassen. Deborah Warner versucht mit ihrem
kongenialen Bühnenbildner Tom Pye erst gar nicht der Parallelle
gewaltsam auszuweichen, sucht sie aber auch nicht, am ehesten versuchen
das die Kostüme von Chloe Obolensky.
Grandios die in phantastischen
Farben ausgeleuchteten Wetter-Stimmungen der Serenissima, die nur als
undeutliches Schemen, Scherenschnitt am unteren Bühnenhorizont
auftaucht, das Idealbild der Lagunenstadt assoziierend, dabei
stimmungsvoller und trefflicher sind, als es Miniaturbauten sein
könnten. Der filmisch geschulten Regisseurin gelingt eine strenge
Inszenierung mit meisterlichen "Cuts" und Übergängen, die die
Sogwirkung in den Abgrund sich dramatisch zuspitzen läßt, daß einem die
Pause nach dem ersten Akt schon fast als handlungsstörend, zumindest
aber als Verzögerung erscheinen läßt. Selbst die gerne recht zähflüssig
wirken könnenden Innenschauen erfüllt Warner mit knisternder Spannung -
aber welch einen Vertreter dieser Rolle hat sie auch gewonnen: Hätte
Britten die Oper nicht seinem Lebensgefährten Peter Pears auf Leib und
Stimme geschrieben, Ian Bostridge wäre der unerreichte Vertreter des
Aschenbach und heute dürfte der Ausnahmetenor wohl die
Idealverkörperung sein:
Die hagere Gestalt des Briten läßt diesen
Aschenbach fast als ein Spiegelbild des jungen Thomas Mann erscheinen
und trotz seiner jugendlichen Frische gelingt Bostridge eine
beklemmende Studie des Alterns und des Verfalls, dazu des von einer
schleichenden Krankheit Befallenen. Die letzten aufbäumenden Zuckungen
des von der Krankheit Besiegten führt uns Bostridge mit einer solch
drastischen Plastik vor Augen, daß man förmlich mit ihm mitleidet. Die
mörderische, im Parlando-Diskant geschriebene Tessitura liegt dem Tenor
in einer Perfektion in der Kehle, daß man kaum mehr von Interpretation
sprechen kann: Hier singt und interpretiert einer nicht diesen Part,
sondern hier wird dieses Schicksal bis zum unausweichlichen Ende gelebt
und durchlitten. Die manchmal recht langatmig wirken könnenden
Reflexionen und philosophischen Selbst-Dialoge wirken bei Bostridge
nicht gekünstelt und aufgesetzt sondern kommen als "natürliche"
Gedankengänge, daß man in konzentrierter Teilhaftigkeit dem Tenor
gebannt an den Lippen klebt.
Andrew Shore gibt die Facetten des
Dionysischen als eine mephistophelische Chimäre: Ob als abstoßender
alter Geck, als Charon-ähnlicher Gondoliere, als schmieriger
Hoteldirektor, als öliger Barbier oder als parasitärer Straßensänger in
jeder Facette verträufelt er sein giftig-süßes Vitriol seines kantabel
geführten Baritons. Als weiße Lichtgestalt erscheint uns William Towers
als Apollo mit dem Belcanto seines makellosen und höhensicheren
Countertenors.
Aus den unzähligen kleinen Rollen ragen mit
glockenklarem Sopran die Erdbeerverkäuferin Anna Dennis, mit pastosem
Mezzo ihren Bettelklagen Gewicht gebende Madeleine Shaw und der
umsichtige soignierte English Clerk von Jonathan Gunthorpe nennenswert
heraus, das übrige Ensemble besticht durch präzis prägnante Ministudien
der Mosaiksteinchen der einzelnen Charaktere an denen auch die präzise
und über normale Spiellaune und Perfektion herauswachsenden Mitglieder
der Choeurs de la Monnaie in der Einstudierung von Piers Maxim
maßgeblich beteiligt sind.
Neben den Dionysos-Verkörperungen hat
Aschenbach nur einen "richtigen" Partner: den Knaben Tadzio, von
Britten für einen Tänzer geschrieben. Leon Cooke gelingt es in der sehr
natürlich wirkenden Choreographie Kim Brandstrups nicht als Fremdkörper
zu wirken, sondern gefällt und überzeugt durch die eher unscheinbare
natürliche Art seines Spiels, das gänzlich auf die l'art pour l'art
Attitüde mancher Baletteleven verzichtet. Sicher kommt hier Leon Cooke
auch seine Musical-Erfahrung zu Gute.
In gewohnt makelloser
Perfektion präsentiert sich das Orchestre symphonique de la Monnaie.
Unter der umsichtigen Stabführung Paul Daniels atmet die Partitur nicht
nur eine Clarté wie es den Meeresbildern oder der Serenissima-Ouvertüre
gut ansteht sondern in der spannungsgeladenen Auslotung der Partitur in
orchestraler Raffinesse findet sich ein grandioser Widerpart zum
Bühnengeschehen.
Nach konzentrierter Stille des Publikums brach sich
erruptiver Jubel Bahn als Dank für eine Aufführung, der das Siegel
"mustergülitg" gebührt.
Opernfreunde, die nicht bis zur Übernahme
2011 an der Scala warten wollen, sollten die wenigen Termine in Brüssel
(27-29. Januar) oder die beiden Termine in Luxembourg (8. & 10.
Februar) wahrnehmen!
Dirk Altenaer
RUSALKA zum 1.
am 14.12.
Klein
aber besonders fein, so präsentiert sich der 1152 Sitzplätze umfassende
Zuschauerraum der Munt mit seinem charakteristischem Gemisch aus
neo-barocken und neo-empiren Stilelementen. Das Libretto von Jaroslav
Kvapil geht auf slawische Volksmythen über die Rusálki (Wassergeister,
Nixen) zurück, und ähnelt der bekannten deutschen Erzählung Undine von
Friedrich de la Motte Fouqué, Hans Christian Andersens Märchen Die
kleine Meerjungfrau sowie der altfranzösischen Sage um die schöne
Melusine. Stefan Herheim hat bereits mit seiner viel umjubelten
Parsifalinterpretation heuer in Bayreuth auf sich aufmerksam gemacht.
Seine Brüsseler Rusalka, die mit der Oper Graz koproduziert wurde,
bricht mit allen traditionellen Vorstellungen. In einem pantomimischen
Vorspiel vor der Ouvertüre sehen wir zunächst Menschen während eines
starken Regenfalles auf der Bühne umherlaufen. Eine nur vom Plätschern
des Regens und dem Bellen eines Hundes durchsetzte Milieuschilderung.
Herheim reduziert nun die bekannte Geschichte auf das eigentliche
Grundthema: Kann eine Person, in diesem Fall eine junge Frau, ihr
Milieu, ihre Herkunft und ihren Stand verlassen und in eine andere,
scheinbar höhere Gesellschaftsschichte gelangen? Das tschechische Wort
Rusálka bezeichnet ein Wesen weiblichen Geschlechtes, das gleichermaßen
bezaubernd wie verwünscht ist. Ein solches Wesen besitzt folgerichtig
auch keine Seele, möchte aber eine erhalten. Diese Herheim’sche Rusalka
arbeitet nun als Prostituierte in Brüssel, was man daran erkennt, dass
auf dem Rollladen eines Sextoyshops jenes Dinosauriermaul abgebildet
ist, wie es derzeit als übergroßes Modell hinter der
St.Katharinen-Kirche in Brüssel aufgestellt ist und dessen Inneres
besichtigt werden kann. Der Wassergeist Vodník ist ein Zuhälter, der
ein Verhältnis mit der im ersten Stock lebenden „fremden Prinzessin“
hat. Die Hexe Ježibaba verkauft Blumen am Abgang zur Metro. Die drei
Waldnymphen, eine gewollte Anspielung auf Wagners Rheintöchter,
arbeiten in der realen Welt in einer Kneipe namens Solaris. In den
märchenhaften Sequenzen ändert sich der Name dieser Kneipe in Lunatic,
dies auch deshalb, da Rusalka ja den „Silbernen Mond am Himmelszelt“,
getragen von dem Wunsche eine Seele zu erhalten, besingt, wobei dieser
Mond bereits in den Parabolantennen der Häuserfassaden angedeutet wird.
Diese bekannte Melodie hat den Charakter eines Lullaby und wurde mit
dem Text von Edgar Yipsel Harburg und der Musik von Harold Arlen als
„Over the Rainbow“ zu einem der bekanntesten Lieder der späten 1930er
Jahre. Indem nun der über dieses Vorhaben erzürnte Wassergeist voller
Wut einen alten Fernsehapparat vom Balkon der Prinzessin auf die Straße
wirft, leitet er die Verwandlungsszene Rusalkas ein. Diese kniet auf
einer Litfasssäule, die sich dreht und den Blick auf ihren
„vermeintlichen“ Fischunterleib freigibt. Der Prinz erscheint als
Matrose gekleidet. Rusalka hat den Sexladen in ein Geschäft für
Brautkleider umgestaltet und tritt verschleiert auf. Bei ihrem Anblick
verliebt sich der Matrose in sie. Dem Happy end scheint im ersten Akt
noch nichts im Wege zu stehen. Doch ähnlich wie Siegfried in der
Götterdämmerung zieht es den Prinzen von seiner Angebeteten bald weg
und in die Arme der umso lauter plappernden fremden Prinzessin. Ihn
langweilt das beschauliche Liebesglück und die Sprachlosigkeit von
Rusalka. Das Hochzeitsbett wird mitten auf dem Platz errichtet, aber
unter der Decke räkelt sich bereits die fremde Prinzessin. Das
Brautgeschäft ist inzwischen einer Fleischhauerei gewichen. Es wird roh
und derb. Monströse Frauen in eindeutigen Gewändern bevölkern zunächst
die Bühne, später auch den Zuschauerraum. Dazwischen mischen sich
Tritonen und andere Meeresungeheuer im Gefolge des nun tatsächlich als
Wassermann auftretenden Vodník. Prinz und Prinzessin haben inzwischen
ihre Plätze in der Königsloge des Opernhauses eingenommen und lauschen
nun dem Wehklagen von Rusalka, die vom Schnürboden in der Pose der
schmerzensreichen Jungfrau Maria herabsinkt. Eine Spiegelwand wird
sichtbar vor der sich Rusalka in das undinenhafte Nachtgeschöpf
rückverwandelt. Der Spiegel als Abbild der Seele spiegelt so die
Gegenwart einer sensationslüsternen Öffentlichkeit gekonnt wider. Eine
Hure aber darf eben keine Seele haben, denn das wäre ja
geschäftsschädigend. Auf eine quer über die Bühne gespannte Folie wird
nun ein Gewässer projiziert, die langen Äste einer Trauerweide auf dem
Platz sinken zum Bühnenboden und erscheinen nunmehr als Schlingpflanzen
im Wasser und die drei Nymphen schwimmen dem Schnürboden entgegen. Der
Prinz, von Reue gepackt, kehrt in den Kleidern des Matrosen zu Rusalka
zurück und stirbt befreit an ihrem Kuss. Die Szenerie um den Sexshop
ist von der Polizei als Tatort markiert worden. Polizisten führen die
vom Wassermann ermordete Prinzessin auf einer Bahre aus dem Haus und
später den gefangenen Vodník selbst. Rusalka aber wirft noch einen
letzten Blick auf die Tote und geht dann wieder ihrer gewohnten Arbeit
als Prostituierte nach.
Herheim
bedient sich einer bilderreichen, symbolischen Sprache. Er erzählt die
Geschichte aus dem Blickwinkel des Wassermannes. Rusalka, Ježibaba, die
Fürstin und die drei Nymphen werden zu Archetypen des ewig Weiblichen,
zur Tochter, Geliebten, Gattin und Freundinnen von Vodník. Soweit also
das äußerst interessante und schlüssige Regiekonzept von Stefan, von
dessen Originalität man sich nächstes Jahr in Graz überzeugen kann.
Ádám Fischer schwelgt mit dem Orchestre symphonique de la Monnaie in
der melodienreichen slawischen Musikwelt Dvořáks. Da wird jede Nuance
dieser impressionistischen Musik mit ihrer meisterhaften
Instrumentierung dem Zuhörer transparent vorgeführt. Mit zarten
Pastelltönen zeichnet Fischer das suggestive Spiel der Wellen und den
Mondschein auf die Oberfläche des imaginären Sees. Kontrastierend dazu
die prallen Chorszenen voller Leben mit ihrem fast marschartigen
Anstrich, der durch die meisterhafte Personenführung noch besonders
hervorgehoben wurde. Olga Guryakova sieht in der Titelrolle nicht nur
sehr gut aus, sondern verfügt auch über einen prächtigen Sopran mit
satter metallischer Färbung. Sie wirkt auch in den hohen Lagen niemals
angestrengt und meistert alle Spitzentöne, wofür sie vom Publikum am
Ende auch mit besonders vielen Bravorufen ausgezeichnet wurde. Burkhard
Fritz ist ein ebenso stimmgewaltiger Prinz mit äußerst schönem Timbre,
der im Schlussduett noch einmal seine hervorragende Technik bei den
zahllosen Spitzentönen unter Beweis stellen konnte. Stephanie Friede
als „Prinzessin“ hörte sich vielleicht an manchen Stellen etwas scharf
an, was ihrer aber sonst guten Leistung an diesem Abend keinen Abbruch
tun sollte. In Herheims Regie ist sie bereits im ersten und zweiten Akt
als Geliebte von Vodník sichtbar. Willard White als der Hautfarbe nach
schwarzer Wassergeist Vodník wirkte bei weitem nicht so bedrohlich wie
es das Regiekonzept vielleicht vorgesehen hatte. Mit seiner kräftigen
Bassstimme machte er sich gleich einem Seismographen in den
bedrohlichen Momenten äußerst bedrohlich bemerkbar. Doris Soffel war
eine dämonische wie verschmitzte Ježibaba mit markantem scharfen
Mezzosopran. Das Nymphentrio wurde äußerst harmonisch von Olesya
Golovneva, Young Hee Kim und Nona Javakhidze gesungen und mit
körperlichem Totaleinsatz auf die Bühne und den gesamten Bühnenraum
gestellt, geschwommen und geflogen. In der Doppelrolle des Jägers und
Priesters war Julian Hubbard gleichermaßen komisch. André Grégoire als
polternder Fleischer und Marc Coulon als Polizist rundeten das Ensemble
rollengerecht ab. Das aufwendige Bühnenbild entwarf Heike Scheele, für
die teils realen, teils fantastischen Kostüme zeichnete Gesine Völlm
verantwortlich. Die spannende Lichtregie lag in den bewährten Händen
von Wolfgang Göbbel. Der Chor war von Piers Maxim bestens geführt und
erfüllte die anspruchsvollen Anforderungen der Regie mit großer
Spiellaune. Torge Møller und Momme Hinrichs von fettFilm Berlin
verdankt diese Produktion auch zahlreiche verblüffende Videoeffekte.
Das Publikum war von dieser Art der Interpretation tief beeindruckt und
schenkte dankbar lang anhaltenden Applaus. So macht ein
interpretierendes Regietheater Sinn. Der Grundgedanke eines Werkes
bleibt erhalten und wird auf künstlerisch äußerst geschickte und
handwerklich hervorragende Weise umgesetzt.
Bravo! Harald Lacina
RUSALKA zum 2.
Das
slawische Opernrepertoire hat es schwer, selbst so eine großartige Oper
wie Anton Dvoraks "Rusalka", neben Smetanas "Braut" und den
Janacek-Opern, die beliebteste der tschechischen Opern, wird längst
nicht so oft gegeben, wie es ihrem Rang gebührte. Umso erfreulicher,
dass sich gleich zwei der größeren Bühnen dieses Meisterwerks annahmen,
nämlich die Deutsche Oper am Rhein in Düsseldorf und die Opera Monnaie
in Brüssel.
Auch für einen Kritiker ist es sehr
aufschlussreich und anregend, innerhalb so kurzer Zeit zwei doch recht
unterschiedliche Interpretationen zu erleben.
In Düsseldorf hat man sich tschechischer Tradition angenommen und mit Jiri Nekvasil (Regie) und Daniel Dvorak(Ausstattung)
zwei mit dem Werk bereits erfahrene Experten verpflichtet. Positiv
gesagt erlebt man die Märchenoper dem Blatt nach inszeniert, mit
phantasievollen Bühnenbildern a la "Laterna magica" aus Prag, und es
ist mehr als rechtens, nach den vielen "psychologischen" Aufführungen
der letzten Zeit von Loy und Nel, dem einfachen Opernbesucher einen
bezaubernden Abend zu bescheren. Allerdings endet es in einer Art
Zeitreise in die Siebziger Jahre Prags, als man versuchte mit neuen
Bühnenmitteln "Modernität" zu erreichen. Mittlerweile sollte auch dort
der Begriff Personenregie angekommen sein, denn die Protagonisten auf
der Bühne vermittelten den Eindruck von Nekvasils "Regie" stehen,
beziehungsweise die Elfen hängen, gelassen zu sein. Am ehesten blitzte
noch in den heiteren Szenen etwas skuriler Humor durch, sonst nur
billige Bebilderung des Märchens um die Wassernixe, das auf Andersens
"kleiner Meerjungfrau" und de la Motte-Fouques "Undine" fußt.
Mag
man Dvoraks Bühnenzauber durchaus noch die phantasievolle
Märchenhaftigkeit abgewinnen, wobei sich die Düsseldorfer Bühnentechnik
am Premierenabend nicht gerade mit Ruhm bekleckerte, die Kostüme sahen
richtig scheußlich aus, vor allem die Sängerinnen waren mehr als
unvorteilhaft gekleidet. Insgesamt hat die Oper mehr geistige
Durchdringung verdient, so wie in Brüssel von Stefan Herheim: Zunächst wird man mit einer verregneten belgischen Straßenszene /das geniale wandlungsfähige Bühnenbild von Heike Scheele
ist hier ebenso wichtig wie Herheims durchdachte Personenführung)
irritiert, bei genauer Betrachtung findet sich aber ein Wasserelement,
die Trauerweide, der Mond in den geheimnisvoll beleuchteten (Wolfgang Göbbel)
Parabolantennen wieder. Herheim nutzt sämtliche Theatermittel, spielt
mit Symbolen und heutigem Leben, vermischt Mythos und Realität gekonnt
und sinnstiftend miteinander. Allerdings erzählt er die Geschichte
durch die Augen eines Mannes, genau genommen eines Wassermannes. Denn
der tschechische "Vodnik" ist die eigentliche Hauptperson seiner
Erzählung, die Personen werden aufgesplittet, so dass der Prinz nur
eine jüngere Version ist, ebenso wie Rusalka, Jezibaba und fremde
Fürstin verschiedene Facetten der "Frau" in Tochter, Geliebte, Gattin,
unabhängige Weiblichkeit und sexuelle Bedrohung sind. In seiner Archaik
der Typisierungen des Geschlechterumgangs hat das echte Größe. Die
komischen Szenen zwischen Küchenjunge und Heger des zweiten Aktes
werden umverteilt auf andere Rollen und Chor, so das aus der
tratschenden Öffentlichkeit, über eine karnevalistische Phantasmorgie a
la James Ensor , die Grand Opera mit der Polonaise das Publikum im
Zuschauerraum mit einschließt. Herheim bedient hier gekonnt die
traditionell historischen Formen der Oper, der sich Dvorak gebeugt
hatte. Nicht immer erschließt sich das Miteinander der
Personensplitterungen sofort, etwas Nachdenken wird gefordert. Diese
Brillianz der Theatermittel führt im dritten Akt allerdings zur
Überfütterung mit Effekten, obwohl die Filmeinspielungen der Gruppe fettfilm Berlin
sehr zurückgenommen und passend sind. Herheim bleibt bei seiner
Inszenierung jedoch immer ganz stark am Gestus der Musik, wenn er das
Allgemeingültige jedoch zurücknimmt, um einen tödlichen Thriller
spielen zu lassen, macht er das Stück und seine vorangegangene Arbeit
kleiner, als sie sein müsste. Am Schluss der Oper kann man glatt von
einem grandiosen Scheitern sprechen, vorher jedoch wartet man voller
Spannung, wie die Oper enden wird.
Auch im Musikalischen unterscheiden sich die Aufführungen wesentlich; so setzt John Fiore in Düsseldorf auf einen pastosen, spätromantischen Klang, der von den Düsseldorfer Symphonikern
diesmal ausgezeichnet umgesetzt wurden, die furchtbare "Frau ohne
Schatten" noch im Ohr, allerdings zeigt sich die Schwachstelle des
Orchesters nach wie vor in den Blechbläsern mit etwas unkonzentrierten
Einsätzen und unsensiblen Soli (Trompete im Lied an den Mond). Fiore
legt außerdem eine strichlose "Rusalka" vor , in der alles
atmosphärisch richtig und in den rechten Tempi zueinander steht, nahezu
beispielhaft. Anders die mutigere und manchmal auch spannende Leitung Adam Fischers mit dem hervorragenden Orchestre symphonique de la Monnaie,
neben der Rollenumverteilung im zweiten Akt, ist hier die ganze Szene
Jezibaba - Heger/Küchenjunge im zweiten Akt gestrichen, was aber an
Zwischentönen im Orchester aufklingt, sucht seinesgleichen. Hier ist
der Impressionismus Debussys nahe, ob die Langsamkeit mancher Stellen
der Partitur entspricht, erscheint zwar manchmal fraglich, stimmt
jedoch stets mit der Szene überein.
Die Sänger haben es durch Rampenposition in Deutschland leichter: Nataliya Kovalova
entspricht mit schimmerndem Timbre und großer Kantabilität nahezu dem
Idealbild an Rusalka, lediglich leichte Verhärtungen in der Höhe lassen
erkennen, dass die Partie eine Grenze für ihren Sopran darstellen
sollte. Mit Corby Welch ist ihr ein zu lyrischer
Prinz an die Seite gesellt, in Mozartpartien perfekt wirkt der Tenor
zu farblos und schafft die heldischen Bereiche nicht. Victoria Safronova singt die fremde Fürstin mit waberndem, ausuferndem Sopran nicht allzu kultiviert, dagegen ist die Jezibaba von Renee Morloc in sämtlichen Bereichen als vokal perfekt einzustufen. Hans-Peter König
singt einen nahezu belkantesken Wassermann mit warmherziger
Interpretation der Arie im zweiten Akt, im dritten Akt bei der Premiere
verläßt ihn die Kraft. Das Nymphentrio ist mit Anke Krabbe, Laura Nykänen und Lisa Griffith klangschön und homogen, bis sich letztere im dritten Akt mit einer plötzlichen Indisposition verabschiedet. Bruno Balmellis Pfleger ist eine gute Charakterdarstellung, Katarina Kuncios
Küchenjunge ein Lehrstück an nuanciertem Mezzogesang. Gesanglich ein
sehr runder Beweis des glänzend aufgestellten Düsseldorfer Ensembles
ohne Gäste.
Über das Brüsseler Ensemble muß zunächst gesagt
werden, daß alles hervorragende Darsteller sind, man könnte die
Aufführung ohne Abstriche sogar als spannendes Schauspiel geben, also
richtig gutes Musiktheater. Schwieriger wird es mit der klanglichen
Balance in der recht trockenen Akustik des Brüsseler Hauses, man hat
das Gefühl, daß die Stimmen doch manches Mal durch das Orchester
zugedeckt werden. Mit Olga Guryakova ist eine
ergreifende, wenn auch wesentlich dramatischere Rusalka am Start, die
tieferen Lagen kommen nicht so über den Orchesterklang, die Höhe wirkt
leicht dramatisch aufgerauht. Dafür ist mit Burkhard Fritz
ein Tenor als Prinz auf der Bühne, der sowohl die heldischen
Aufschwünge besitzt, wie auch die Leichtigkeit für die immensen Höhen
im finalen Duett. Stephanie Friede ist eine imposante
fremde Fürstin, die in der Ausstrahlung und Intensivität aus der
einaktigen Gesangspartie eine Hauptrolle gestaltet, ebenbürtig dem
unglaublich präsenten Wassermann von Willard White, dem man das Alter seines Basses zwar anmerkt, was sich aber in der Darstellungkraft einfach vergisst. Doris Soffel
ist ebenfalls mit ungeheuerer Lust als Jezibaba am Werke, vokal die
Schärfen nicht scheuend, schlägt sie in Komik und Dämonie noch Renee
Morloc. Die Waldnymphen sind mit Olesya Golovneva, YoungHee Kim und Nona Javakhidze sehr charakteristisch und engagiert besetzt, doch nicht so homogen im Klang wie in der Düsseldorfer Variante. Julian Hubbard, Andre Gregoire und Marc Coulon
ergänzen in den umbesetzten Nebenrollen (Polizist, Schlachter,
Priester, Hippie) bestens die Ensembleleistung. Dem auch auf der Bühne
öfters anwesenden Brüsseler Chor sei durch grosse Spielfreude in den vielfältigen Szenen ein kleiner Vorrang vor den guten Düssseldorfer Kollegen gegeben.
Der
Besuch beider Vorstellungen wird durch die Unterschiedlichkeit ihrer
künstlerischen Positionen empfohlen, mal ganz abgesehen von der
traumhaften Schönheit von Dvoraks Musik, die mich immer wieder auf´s
Neue ergreift.....mehr "Rusalka" an den Bühnen, bitte,bitte.
Martin Freitag
RUSALKA - zum 3.
in Brüssel & Düsseldorf
"Von
dem Wassergezücht mag ich nichts wissen" - Antonin Dvorak: + Rheinoper
Düsseldorf, besuchte Vorstellung 19.12.2008 / Theatre de la Monnaie
Bruxelles, besuchte Vorstellung 21.12.2008
Nicht
nur der mythologischen Ehehüterin bereiten die Bewohnerinnen von
Feuchtgebieten Kopfzerbrechen auch manchem Regisseur mag Frickas
Stoßseufzer auf den Lippen gebrannt haben, beim Versuch den fischigen
Geschöpfen beizukommen, entstammen sie nun der Mythologie oder aus
phantasiebegabten Literatenköpfen. Ein Wasserwesen feiert dieses Jahr
nun feuchtfröhliche Urständ auf den trockenen Planken, die bekanntlich
die Welt bedeuten. Antonin Dvoraks nimmermüde Nixe schwimmt nach ihrem
erfrischend kühlen Bad in Salzburg nun an der Rheinoper und am Theatre
de la Monnaie Bruxelles bevor sie zum Transatlantiksprung untertaucht
um am Ontariosee in toronto wieder aufzutauchen. Die aktuellen
Metamorphosen des "lyrischen Märchens" aus der Feder Antonin Dvoraks
und Jaroslav Kvapils könnten unterschiedlicher nicht sein, leben aber
beide ihren ureigenen Charme.
Dem
tschechischen Team an der Rheinoper (Jiri Nekvasil - Regie / Daniel
Dvorak - Bühne und Kostüme) merkt an ihre junggebliebene Liebe zu den
großen Märchenfilmen der 60er und 70er Jahre an und der Waldsee, den
Dvorak (nur Namensvetter) auf die Bretter der Rheinoper zaubert, ist
eine Verbeugung vor seinem großen Lehrmeister Josef Svoboda. Die beiden
Tschechen inszenieren ein großartiges Weihnachtsmärchen, legitim wenn
die Premiere am Nikolaustag mitten in die Adventszeit fällt und die
traurig anrührende Geschichte der böhmischen Nixe ist eine gute
Alternative zu Humperdincks Hänsel, der in diesem Jahr größtenteils
sowieso dem Duisburger Haus vorbehalten bleibt. An Phantasie mangelt es
den Tschechen nicht, da geht der Mond gleich mit seinem Spieglbild hell
leuchtend auf, Rusalkas Nixen scheinen epebenhafte Wesen,
Wasserinsekten gleich, mit ihren filigranen Beinchen auf Ihren
Schlingpflanzen-Schaukeln. Ein geradezu skurriles Gefährt ein
Einspanner ganz besonderer Machart präsentiert uns den schmahtenden
Machoprinz a la James Dean und auch der Wassermann liebt es eher
trockenen Fußes an Land zu gehen mit seinem U-Boot a la James Bond,
Käptn Nemo oder Alien. Die Eingangsszene zum zweiten Akt präsentiert
die wuselnde Hektik einer Großküche während die Herrschaften oben noch
ein Tänzchen wagen. Alles liebevoll arrangiert ohne psychologischen
Tiefgang, sieht man einmal vom letzten Auftritt des Prinzen im
Krankenbett ab, wobei sein Wasserdouble schier circensisches zu leisten
hat. Düsseldorf hat sein Weihnachtsmärchen nicht mehr aber auch nicht
weniger, ein schöner Opernabend für die ganze Familie.
Geschichtenerzähler
Stefan Herheim wäre das allein natürlich zu wenig. Man hätte sich auch
gewundert wenn das diesjährige Bayreuther Parsifal-Team (Heike Scheele
- Bühne / Gesine Völlm - Kostüme / Wolfgang Willaschek - Dramaturgie /
Videoinstallation: fettFilm Berlin) nach diesem Parforce-Ritt durch die
deutsche Geschichte nun ein "lyrisches Märchen" 1:1 wiedergäben. Die
Brüsseler Inszenierung erweist sich prima vista erst einmal als
Verbeugung vor der belgischen Metropole mit ihrem maroden Charme und
dem nicht immer glücklichen Wetter. Nach Öffnung des Vorhang erblickt
der Zuschauer auf eine veritable Straßenecke nebst Metrozugang und
bedrohlich wirkender Kirchenfassade am Rande eines Rotlichtbezirks, wie
man sie in manchen Stadtteilen Brüssels nur zu leicht finden könnte an
einem naßkalten verregneten Abend. Die sehr lebendige stets im Fluß
gehaltene Personenführung mag man als Verbeugung vor des Belgiers
Vorliebe für Cartoons und Comics werten können, die ihre Climax im
überbordenden Trubel des zweiten Finales findet. Hier mögen auch die
skurrilen Maskenzüge eines James Ensor Pate gestanden haben. Beim
genaueren Hinblicken - und Konzentration wird vom Zuschauer nicht nur
sekündlich sondern schon pro Augenblick, pro Wimpernschlag abverlangt -
entpuppt sich die "Story" als ein atemberaubender Psychothriller mit
grandiosem Flashback in dessen Mittelpunkt natürlich nicht die
Titelgestalt steht, so einfach macht es uns der Norweger nun wirklich
nicht, sondern der Wassermann - Willard White zeichnet hier eine
grandiose Charakterstudie des unscheinbaren etwas verträumten Nachbarn
von nebenan und dabei singt der scheinbar ewigjunge Jamaikaner diesen
Part mit dem edel noblem vrililen schmelz seines Baßbaritons. Der an
seiner unglücklichen nie ausgelebten Jugendliebe verzweifelden
Biedermann erdolcht konsequenterweise nach erneutem Ehekrach seine
Xanthippe (diese kurze Textpassage einer neckenden Nixe dient Herheim
als Aufhänger).
Wobei
alle drei Frauengestalten Rusalka, Jezibaba und die fremde Fürstin
ineinander verwoben werden und die eine gut und gerne auch mal ins
Kostüm der anderen schlüpft Dagegen ist die Dopplung Prinz/Wassermann
schon fast zu einfach zu hinterschauen. Herheim spielt dabei mit
banalem allzu banalem Alltagsleben einerseits, nimmt auch gerne mal
abstruse Werbung aufs Korn, zitiert dabei so en passant auch einmal
anrüchige Operntraditionen (so den Nonnenchor aus Meyerbeers "Robert le
diable" der noch zu Zeiten Dvoraks als eines der verruchtesten und
anstößigsten Szenen des Genres galt). Ein gemütliches Weihnachtsmärchen
ist das nun wirklich nicht mehr, dafür ein kurzweiliger mehr als
unterhaltsamer Opernabend mit Tiefgang vor allem für die Krimifans
unter den Operianern und nur bedingt für Kinder geeignet - Bedenken die
das belgische Publikum an diesem Sonntagnachmittag der Derniere kaum
teilte ...
Auch
die musikalischen Leiter kamen zu gänzlich unterschiedlichen Lesarten,
die sich aber im "Parallellhören" sehr ergänzten. John Fiore mit den
glänzend disponierten Düsseldorfer Symphonikern bevorzugte den
"Wagnerianer" Dvorak und es ist schon erstaunlich wieviele
Wagneruntiefen in dem böhmischen Waldsee stecken. Nicht nur Rheingold
und Parsifal hört man da auch gibt es einige Parallellen zu den
Meistersingern und wenn der Wassermann von einem der bedeutendsten
Wagnerbässe unserer Zeit so balsamisch wie von Hans-Peter König
interpretiert wird, meint man - Hans Sachs suche für seinen
Fliedermonolog "kühlende Labung" in den Pegnitz Auen.
Adam
Fischer mit seinen nicht minder fabelhaften Symphonikern des Theatre de
la Monnaie betont im akustisch besseren Graben in seiner tupfigen
Farbgebung den "Slawen" Dvorak mit Reminissenzen an Smetana. Die
Ensemble können sich an beiden Häusern hören lassen, wobei an der
Rheinoper wieder die hervorragende Ensembleleistung besticht, denn die
Aufführung kann allein mit Haus eigenen Kräften besetzt werden.
NAaalya
Kovalova ist der ales überragende Star der Aufführung, die nicht nur
durch die schlanke Gestalt besticht sondern auch durch den dramatischen
Aplomb ihres strahlenden Soprans. Daß sie ein paar Schärfen in Kauf
nimmt mag beim etwas harsch angegangenen Mondlied ein Manko sein, dem
weiteren Aufführunsverlauf geriet das nur zum Vorteil. Michaela Kaune
hat zwar die Süße in der Stimme, die ihrer Düsseldorfer Kollegin fehlt,
allerdings hat sie davon schon eine Spur zu viel, so war leider auch
bei der Kaune das Mondlied der Schwachpunkt ihrer Rusalka, da sie es
mit allzu leichtem Operettenton anging. In den dramatischen Passagen
schlug sie sich wacker, doch mußte sie sich allerdings durch leichtes
Forcieren im zweiten Finale Gehör schaffen. Denn hier war Anda-Louise
Bogza Herrin der Stunde. Mit dem dramatischen Bannstrahl einer Ortrud
besiegelte diese Fremde Fürstin das Schicksal ihres vermeintlichen
Geliebten und ihrer Rivalin auch zuvor zog die Bogza alle dramatischen
Registers ihres kraftvollen Soprans. Zwar war in dieser dankbaren Szene
auch Victoria Safranova an der Rheinoper über Prinzgemahl und
Nixenrivalin überlegen allerdings fehlt ihrem noch zu lyrischen Sopran
das dunkle Fundament um hier wirklich punkten zu können. Mit Renee
Morloc (Jezibaba Düsseldorf) und Doris Soffel (Jezibaba Brüssel)
sollten sich Sterbliche lieber nicht einlassen, diese beiden
Stimmzauberinnen verstehen ihre Kunst nur zu gut und sind zwei
Spitzenkräfte ihrer Zunft am Werk. Während Renee Morloc - Regie bedingt
- die etwas harmlosere Hexenmeisterin zu sein scheint und sich eher auf
das belcantistische Feingefühl ihres üppigen Mezzos verläßt, scheint
mit Doris Soffel nicht zu scherzen, eine gefährliche Mischung aus Lotti
Huber und Elisabeth Volkmann, spielt sie jede Schärfe ihres Mezzos aus
und läßt da gut und gerne einmal fünf gerde sein.
Die
Herren Prinzen hatten da einen schweren Stand, während sich der
Mozarttenor der Rheinoper Corby Welch allmählich das lyrisch
dramatische Fach erarbeitet und auch schon den nötigen Strahl für die
blühende Finalapotheose hat, konnte sein Kollege in Brüssel Ludovit
Ludha nur sehr bemüht mithalten. Daß sein recht angestrengt und eng
geführtes Timbre gewöhnungsbedürftig ist, scheint die eine Sache zu
sein, aber Ludha fehlt die Durchschlagskraft und das Durchstehvermögen,
daß man um jeden Ton im mörderischen Finale bangen mußte.
An
beiden Häusern trefflich besetzt die Nymphentrios. Jubel an beiden
Häusern, wobei die Brüsseler sich euphorischer von der fast filmreifen
Aufführung verabschiedeten, dort war es aber auch die
Derniere. Dirk Altenaer
PELLEAS UND MELISANDE
am 14. Sept.
Fruchtblasentrauma
- Der regieführende Intendant der DNO, Pierre Audi, arbeitet gerne mit
bildenden Künstlern zusammen und erzielt somit zumindest interessante
Effekte und im besten Fall sogar Arbeiten, die in ihrer Ästhetik
beeindrucken. Auch für seine Arbeit an Debussys Oper "Pelleas et
Melisande" am Brüsseler Monnaie verfuhr er so und ließ sich vom
britisch indischen Bildhauer Anish Kapoor eine enigmatische Skulptur
bauen, die mystisch verrätselt, trotz greifbarer Form, die
"geschlossene Gesellschaft" des siechen Königreich Allemondes
symbolisiert.
Der
tropfenförmige zylindrische Körper, zur einen Seite hin aufgeschnitten,
assoziiert eine weibliche Vulva, ebenso einen Gehörgang und erinnert,
auf seinen zerbrechlich filigranen Stelzen ruhend, auch an die
schwebenden Luftwurzeln schlagenden Körper aus den Bildern Salvador
Dalis, wie im "Rätsel der Begierde" oder in den "Vestiges ataviques".
Dank der kongenialen Lichtregie des Lichtdesigners Jean Kalman wird das
ständige Starren auf den blutroten Körper auf die Dauer nicht zur Qual,
sondern erzielt ungeahnte Varianten und Variationen von teilweise
berückend schönen Licht- und Schattenspielen.
Da
es im Stück Maeterlincks, wie in der Oper Debussys um Krankheit zum
Tode, Siechtum und Begierde gleichermaßen geht, liegt die Wahl dieses
Symbols nicht fern und da, nicht nur in der Szene zwischen Yniold und
seinem zynischen, im triebhaften Fieberwahn gefangenen Vater Golaud, es
auch ständig um belauschen und belauscht werden geht, könnte man hier
schon fast von einer genialen Umsetzung sprechen, auch die fast
sonnambulen Auf- und Abtritte sprächen dafür, räche sich nicht der
ansonsten leere Bühnenraum des Monnaie auf seine Weise.
In
mancher Position ist dieses Ungetüm auf der Drehbühne alles andere als
der Musik dienlich, nämlich dann, wenn es zu unschönen Echo-Effekten
kommt und die Stimmen in der mulmigen Akustik fast zu ersticken drohen.
Auch das ständige Herumklettern in, um und auf dem Körper ermüdet mit
der Zeit, so daß die positiven Effekte doch eher umkippen und ein
schaler Nachgeschmack bleibt.
Leider
kann Mark Wigglesworth mit dem solide aufspielenden Orchestre
symphonique de la Monnaie nicht wirklich dagegen halten. Nicht daß
seine Interpretation uninspiriert sei, manche Stellen gelingen ihm
wunderbar, so das Aufbrechen des Mondlichts in der Grotte, aber im
großen Bogen verfällt Wigglesworths Dirigat derselben düsteren
bleiernen Schwere, die auch über dem Reich Allemonde lastet und so
bekommt die Musik etwas fatal Lullendes.
Am
meisten betroffen ist Rollendebütant Dietrich Henschel als Golaud.
Stimmlich bewältigt er diesen schweren Part zwar immerhin mühelos mit
seinem inzwischen leicht abgedunkelten und angerauten Bariton, doch
bleibt seine Gesangsinterpretation auf die Dauer recht eintönig. Daß er
die Rolle eher als schwachen Getriebenen anlegt, mag man der Regie
zurechnen, allerdings ist Henschel noch zu sehr in seiner letzten
Interpretation am Monnaie verhaftet und so präsentiert sich der
deutsche Bariton als Golaud als ein Bruder Wozzecks, eine interessante
aber auch leicht fragwürdige Rollenauffassung. Hinderlich dürfte ihm
aber sein eklatantes Nicht-Beherrschen der französische Sprache sein,
dessen Vokalverfärbungen hanebüchendste Blüten treibt, so wenn aus
"soir" "soeur" wird, um nur ein Beispiel zu nennen. Hier sollte
Henschel unbedingt noch feilen und vielleicht reift in ihm ja dann der
Golaud.
Keine
Bedenken brauchte man bei dem Liebespaar zu haben. Stephane Degout
gestaltet den träumerischen Schwärmer als edle Lichtgestalt, dem sein
nobler Baryton matin geradezu berückend ansteht. Sandrine Piau, so sie
nicht Opfer der Bühnenakustik wird, darf als Idealbesetzung der
Melisande angesehen werden: Ihre grazile Gestalt, dazu ihre makellos
leuchtende glockenklare Stimme, prädestinieren sie dazu. Von
berückender Schönheit, ihr Solo "Mes longs cheveux" in dem sie ihren
Glockensopran blühen und glühen läßt, Anmut und Würde zeichnet ihre
ergreifende
Sterbeszene aus. Warum die Regie sie aber gerade in dieser Szene mit
langem Haar versieht (Kostüme: Patrick Kinmonth), obwohl sie den ganzen
Abend hindurch mit Glatze zu singen hatte, mag im unerforschlich tiefen
Grund der Gedankenwelt des Regieteams verborgen bleiben. Majestätische
Würde mit nobel martialischem Baß, so zeichnet Alain Vernhes den König
Arkel einmal, entgegen des Rollenklischees, nicht als Tattergreis. Auch
Marie-Nicole Lemieux's Genevieve zeichnet standhafte Würde aus und in
ihrem knappen Gesangspart läßt sie ihren satten vollmundig samtenen Alt
verströmen.
Valerie
Gabail als Yniold war leider die einzige Fehlbesetzung an diesem
Nachmittag. Daß dieser spitz-soubrettig klingende Sopran bereits in
diversen Barockopern reüssiert haben sollte, ließ sich in dieser
Aufführung kaum vernehmen. Nein mit metallisch schneidendem Geplärr
kann man dieser Partie nun wahrlich nicht Herr werden. Solide in ihren
kleinen Parts: Jean Teitgen (Un medecin) und Wiard Witholt (Un berger).
Ein
trotz aller Bedenken lohnenswerter Abend, der ob seiner recht
eigenwilligen Sichtweise das Publikum in Bann hält, auch wenn diese
nicht die ganze Aufführung hindurch
trägt. Dirk Altenaer