Ludwig van Beethoven
Die Sinfonien und Ouvertüren
Gewandhausorchester Leipzig
Riccardo Chailly
Decca 478 2721 5 CDs
Frischer Wind aus Leipzig
Nach einer revolutionären Repertoire-Idee klingt das nicht, sämtliche Sinfonien von Beethoven einzuspielen, wo doch alle Kataloge damit randvoll gefüllt sind. Ja, der Ehrgeiz der Dirigenten kennt halt keine Grenzen. Denn im Standardrepertoire mit Beethoven vertreten zu sein, das ist der Wunsch aller Pultstrategen. Meinte Georg Solti: Beethoven komplett – drei Mal wäre das Beste. Immerhin zu zwei Gesamtnahmen hat er es gebracht, in beiden Fällen mit dem Chicago Symphony Orchestra auf Decca, in analoger Fassung zwischen l972 – 74, und die letzte Einspielung digital erschien dann 1989. Wenn der Perfektionist Solti dirigierte, dann zog eine flotte Vorwärtsstrategie in den Bann – Beethoven mit virtuoser Schnittigkeit interpretiert. Herbert von Karajan brach in Sachen „Beethoven komplett“ alle Rekorde. Gleich vier Mal verewigte er sich mit 1-9: - in Mono (die Achte bereits im Stereo-Formst) hört man seinen frühen Beethoven mit dem Philharmonia Orchestra auf EMI geschmeidig, transparent durchgeformt. Die Berliner Philharmoniker gingen drei Mal für Beethoven ins Aufnahmestudio, in den Sechzigern und Siebzigern analog und im digitalen Format in den Achtzigern. Die Neunte aus dem ersten Zyklus – der wurde seinerzeit zur Subskription noch preisgebunden angeboten - macht den künstlerischen Rang der Zusammenarbeit eines Dirigenten mit einer Hundertschaft von perfekt aufspielenden Musikern deutlich.

Waren es unlängst kammermusikalisch besetzte Orchester (Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Kammerorchester Basel unter der Leitung von Paavo Järvi oder Giovanni Antonini), die mit forschen Attacken frischen Wind in die Beethoven-Szene bliesen, so sorgt jetzt ein anderer für positive Aufregung: der in Leipzig als Gewandhauskapellmeister agierende Riccardo Chailly. Er bringt das Kunststück fertig, die mit dem Gewandhausorchester, eines der ältesten Orchester der Welt, alle Strömungen einer aktuellen Beethoven-Rezeption zu einem fesselnden Beethoven-Bild zu vereinen. Das betrifft gemäßigt „historisierende“ Perspektiven gleichermaßen wie mit Eleganz und Schwung klassisch-romantischer Aufführungstradition folgender Interpretationen. Vom Pathos alter Zeiten ist da wenig spüren. Schon eher leuchtet der Geist jener Dirigenten, die ganz im Sinne der zweiten Wiener Schule „ihren“ Beethoven wie am Röntgenschirm durchleuchtet haben (Michael Gielen), aber auch Gangarten einschlagen, um den Genius auch mal kräftig gegen den Strich zu bürsten.
Riccardo Chailly, der gewiefte Maestro der Oper, liebt die Italianità, setzt auf ein klar strukturiertes Klangbild, lehnt sich an die Original-Tempi Beethovens an und lässt seine Bläserstimmen in wunderschönen Farben leuchten. Chailly blickt auf eine reiche Opernerfahrung zurück. So darf man sich nicht wundern, wenn die langsamen Sätze lustvoll in melodischer Kantabilität schwelgen. Als mitreißendes Dokument der leidenschaftlichen Identifikation mit dem Genius gelten die draufgängerisch musizierten frühen Sinfonien - kammermusikalisch subtil austarierte Klangreden. Das verdient Bewunderung zumal die Gewandhausmusiker an spieltechnischer Akkuratesse keine Wünsche offen lassen.
So rumort energisch der Beethovensche Ausdruckswille in der ersten Sinfonie.Die sprühend-heitere „Zweite“ inspirierte das Gewandhaus-Orchester im langsamen Satz zu entspanntem Ausschwingen der melodischen Kurven. Wie hellhörig liest Chailly doch den Eroica-Text. Da gibt es im gefürchteten Kopfsatz schwebende, rhythmisch straff pulsierende Abläufe mit prägnant artikulierenden Bläsern. Klar und streng durchartikuliert wirkt der Trauermarsch. Nichts plustert sich da pathetisch auf. Was als Folge von Spannung und Entspannung wirksam werden soll, was im Auf und Ab von Steigerung und Zurücksinken sich abbilden sollte, erscheint vielschichtig ausgedeutet. Sportiv gibt sich auch das Tempo im Scherzo. In der Vielfalt der Variationen spiegeln sich so manche Beleuchtungsvarianten.
Die griechisch-schlanke, die Vierte, spielen die Gewandhäusler ausgewogen in den Orchestergruppierungen, präzise austariert in den dynamischen Kontrasten. Die Musik brilliert, funkelt und kommuniziert perfekt. Natürlich bannen im zweiten Satz pulsierende Tempi jegliche Gefahr des Auseinanderbröckelns. Und es gibt im virtuosen letzten Satz auch nicht das übliche Sechzehntel-Gehetze, sondern deutlich artikuliertes Figurenwerk.
Riccardo Chaillys Lesart zielt in der fünften Sinfonie auf Schärfung der Abläufe, wobei sich die Energien dank der Strahlkraft der Blechbläser vehement entladen. Im Kopfsatz entsteht ein imponierendes Trotzgemälde – vital, entfesselt. Viele Details werden ins rechte Licht gesetzt: Staccati, Sforzati, Kontraste, dynamische Abstufungen.
Geschmeidig, ganz auf Feinzeichnung der melodischen Linien und Spontaneität des Rhythmischen abgestellt, dirigiert Chailly die „Pastoral“-Sinfonie. Und in der Siebten entfachte Chailly Beethoven-Glut, stets mit Gespür für das richtige mit den Satzcharakteren korrespondierende Zeitmaß.
Geist- und humorvoll entfaltet sich die achte Sinfonie als „Apotheose des Taktes“, während in der d-Moll Sinfonie, der Neunten op. 125, die suggestive Beschwörung der dionysischen Orgien in den Bann zieht. Zwielichtig blitzend in einer rasanten Gangart, zieht der zweite Satz vorüber und enthüllt manche rhythmische Bockigkeiten. Die B-Dur Melodie im Adagio (3. Satz) wird ruhig, fasslich genommen. Im ruhigen Fluss sind Differenzierung hörbar. Chaillys Intensität treibt bemerkenswert diszipliniert und klanglich austariert das Geschehen bis zur Apotheose, in der neben den sauber deklamierenden Chören (GewandhausChor, GewandhausKinderchor und MDR Rundfunkchor) die sorgfältig ausgewählten Solisten (Katerina Beranova, Lilli Paasikivi, Robert Dean Smith und Hanno Müller-Brachmann) ihre höher gelegenen Linien meistern. Erfreulich, dass Chailly im Jubel-Finale die emotionale Komponente nirgends frei wuchern ließ.
Alles in allem: dicke Klangwolken qualmen nirgends aus den Noten. Die rhythmische und dynamische Akkuratesse, das italienische Brio, die elegante transparent durchziselierte Diktion steht für das Format einer glanzvollen Produktion. Gediegen mit informativem Booklet erscheint die Präsentation in der Steckhülle. Außer den neun Sinfonien sind noch Ouvertüren zu hören, die Geschöpfe des Prometheus, Fidelio, Coriolan, Egmont, die Ruinen von Athen, „Zur Namensfeier“ und „König Stephan“. Es wäre reizvoll gewesen, mit der dritten Leonoren-Ouvertüre auch die Fassung von Leonore 1 und 2 zu koppeln.
Egon Bezold