
Als ideal für die Interpretation von Strauss-Liedern erweist sich die Stimme der Finnin Soile Isokoski, mit der das heimische Label Ondine inzwischen bereits die fünfte CD produziert und wieder einen Volltreffer gelandet hat. Reich an Farben in allen Lagen, mit einem weichen Schimmer und sich schön entfaltend in den Höhen wird der Sopran dem Liedschaffen des Komponisten mehr als gerecht. Im bekannten „Allerseelen“ fällt die variationsreiche Gestaltung von „wie einst im Mai“ auf, in der letzten Strophe einem Verzweiflungsschrei ähnelnd, in der Wiederholung dann von berührender Fahlheit. Im Lied von den „Himmelssternen“ erfreut die Modulierung des Tons auf „überreich“ und auf „als milder Regen“ besonders. Stets bleibt die Emission des Tons eine unangestrengte, auch Intervallsprünge wie in der letzten Strophe von „Die Nacht“ fallen ausgesprochen sanft aus. Eine besondere Stärke der Sängerin sind die strahlenden Aufschwünge, so im „hell leuchtet meine Liebe“ von „Ich trage meine Minne“. Ein feines, dabei sehr präsentes Piano lässt sich in „Die Georgine“ vernehmen, das verhangen klingende „und derselbe Schmerz“ am Schluß des Liedes fallen wie ein Schatten zurück auf zunächst als harmlos Erschienenes. Der Sopran passt sich gut dem volksliedhaften Ton von „Ach, Lieb“ an, kann wie in „Mein Auge“ lange ungefährdet im Schwebezustand verharren, um dann am Schluß auf „ dieser ganzen Welt“ mit einem schönen Schwellton zu enden. Die beiden Wiegenlieder verbinden aufs Schönste flexible Tändelei mit Gemütvollem. In „All’ mein Gedanken“ überzeugen sowohl das flexible Tändeln wie das ausholende Überspannen langer Phrasen. Ausgeglichen ist die subtile Wortdeutung gegenüber dem Erfassen des Gesamtgehalts eines jeden Lieds. So findet sich im „Ständchen“ neben den Farbschattierungen auf „geheimnisvoll“ der durchgehend eindeutige Charakter einer Serenade. Strahlend ist das „heilig“ in „Zueignung“, ein herrlicher Schwellton krönt sie auf „Dank“. Auch den Verzierungen, so auf „Elysium“ in „Das Rosenband“ wird gebührende Beachtung geschenkt. Was manchmal stört, aber typisch für die Strauss singenden hohen Stimmen ist, ist die häufig verwaschene Diktion. Da muß das Textbuch ( in Deutsch und Englisch) helfen, bei unbekannteren Gedichten den Sinn zu erfassen. In schöner Schlichtheit zeigt sich „Du meines Herzens Krönelein“, sanft verklingt „immer ferner her“ in „Mein Herz ist stumm“. So ergreifend wie auf dieser CD schließlich dürfte man „Befreit“ noch nie gehört haben mit den Variationen auf „O Glück!“, die erschauern lassen. Nicht nur hier zeigt sich, dass eine Künstlerin am Werke ist, die volle stimmliche Frische mit großer menschlicher und künstlerischer Reife zu verbinden weiß. Auch jedes der drei Lieder der Ophelia wird genau im Ton getroffen, ob zart entrückt oder leicht zynisch. Wie auf ihrer Hindemith-CD wird die Sängerin kompetent von der Pianistin Marita Viitasalo begleitet.
Ondine 1187-2 Ingrid Wanja
Atemberaubend
Vom modischen Titel der neuen CD von VALER BARNA-SABADUS, Hasse Reloaded, sollte man sich nicht abschrecken lassen – sie ist in jeder Hinsicht ein Ereignis. Der in Rumänien geborene und seit 1991 in Deutschland lebende Countertenor fiel bereits bei den letztjährigen Händel-Festspielen in Halle auf, wo er unter Wolfgang Katschner im Goethe-Theater Bad Lauchstädt die Titelrolle in Händels Rinaldo gesungen hatte. Mit dem Barock-Spezialisten MICHAEL HOFSTETTER erarbeitete er im Mai 2011 für eine Produktion der Bayerischen Theaterakademie im Münchner Prinzregententheater die Partie des Iarba in Hasses Dramma per musica Didone abbandonata. Einen Monat später ging er mit dem Dirigenten und der Hofkapelle München ins Aufnahmestudio, um ein Programm von nicht weniger als sieben Arien des Komponisten einzuspielen. Der erste, fast 40 Minuten dauernde Teil ist folgerichtig auch der Didone gewidmet, aus der vier Arien zu hören sind. Hofstetter sorgt mit der Sinfonia für einen furiosen Auftakt, das Ensemble musiziert federnd und straff mit einer Fülle von spannenden Akzenten. In „Tu mi disarmi“ zu Beginn werden die schmerzlich-klagenden Passagen immer wieder von brillanten Koloraturgirlanden abgelöst, welche die singuläre Virtuosität des Sängers ausstellen. Nach ähnlichem Schema aufgebaut ist das folgende „Leon ch’errando vada“, das neben den wunderbar zart und weich getupften staccati die phänomenale Beherrschung der exponierten Lage zeigt. Immerhin wurde die Partie bei der Uraufführung des Werkes 1742 in Dresden von einem Soprankastraten gesungen, woraus deren extreme Tessitura resultiert. Barna-Sabadus hat damit nicht das geringste Problem, jeder auch noch so hohe Ton klingt mühelos, ausgewogen und betörend. In „Chiama mi pur così“ beweist der Interpret neben dem brillanten Koloraturfeuerwerk auch seine Stärken in der Gestaltung durch die packende Vehemenz des Ausdrucks. Von ganz anderem Charakter ist die letzte (und längste) Arie aus dieser Oper, „Cadrà fra poco“, mit ihren stockenden, lastenden Akkorden. Hier schwingt sich die Stimme in stratosphärische Höhen auf, klingt entrückt und schwebt wie körperlos. Es ist der Abgesang des Helden auf den Untergang Karthagos. Mirakulöse Triller und schwierigste Ornamente zeigen die hohen Anforderungen Hasses an den Sänger, und Barna-Sabadus wird ihnen auf das Eindrucksvollste gerecht.
Es folgt die Kantate „La Gelosia“, 1762 in Wien uraufgeführt, deren beide Arien von ganz unterschiedlichem Charakter sind. „Bei labbri“ ist von getragenem Tempo, im kurzen Mittelteil straffer und mit energischen Akzenten, bis das Da capo wieder die Stimmung des A-Teiles aufnimmt. „Giura il nocchier“ dagegen ist ein heftig bewegtes Stück von heroischem Typus, das die stupende Kunst des Interpreten wie auch das fabelhafte Spiel der Hofkapelle noch einmal in hellstes Licht rückt. Eine Einlage-Arie von Nicola Porpora für Hasses Artaserse, „Or la nube procellosa“ von nachsinnender Stimmung und komponiert für Farinelli, beendet das Programm dieser CD, die jedem Barockliebhaber dringend empfohlen sei (OEHMS CLASSICS OC 830).
Bernd Hoppe
DIE GÖTTERDÄMMERUNG
Einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt die bei dem Label Hallé auf CD erschienene Aufnahme von Wagners „Götterdämmerung“, der Aufführungen vom 9. und 10. Mai 2009 in der Bridgewater Hall, Manchester, zugrunde liegen. Mark Elders Herangehensweise an die Partitur ist recht bedächtiger Natur. Von Pathos ist sein Dirigat weit entfernt. Vielmehr setzt er auf einen weichen und kantabel dahinfließenden Orchesterklang, der sich zudem durch eine phantastische Transparenz auszeichnet. Noch nie hat man beispielsweise die Harfen in der großen Schlussapotheose so deutlich gehört wie bei Elder. Er betont weniger die dramatischen, als vielmehr die lyrischen Akzente und weiß dem Ganzen einen etwas kammermusikalischen Charakter zu geben.
Gesanglich bleiben viele Wünsche offen. Das beginnt schon bei der Brünnhilde von Katarina Dalayman, die mit ihrer kratzigen, schrillen und oft angestrengt klingenden Höhe überhaupt nicht für sich einzunehmen vermag. Allein eine solide Mittellage reicht für diese Partie nicht aus. Enttäuschend ist auch Lars Cleveman, der den Siegfried mit nicht gerade klangvollem, und oft sehr halsigem Tenor singt. Die nötige Körperstütze geht seiner Stimme genau so ab wie Andrew Shore, der dem Alberich mit ebenfalls schlecht focussiertem, stark im Hals sitzendem und schreiend-deklamierend geführtem Bariton überhaupt nicht gerecht wird. Trocken und maskig klingt Peter Coleman-Wrights Gunther. Einen vorbildlich italienisch geschulten, sauber und sonor dahinfließenden Bass, der sogar das hohe ‚g’ im dritten Aufzug erreicht, bringt hingegen Attila Jun für den Hagen mit. Etwas störend ist indes sein zeitweiliges Hochschleifen der Töne. Eine solide italienische Technik weist auch Nancy Gustafsons strahlkräftiger, ausdrucksstarker Sopran auf. Diese Sängerin, die hier eine ausgezeichnete Gutrune singt, wäre die bessere Brünnhilde gewesen. Mit warmem Stimmklang, sauberer Linienführung und emotionalem Ausdruck gibt Susan Bickley die Erzählung Waltrautes zum Besten. Prächtig schneiden auch Mirinda Keys und Yvonne Howard als dritte und zweite Norn ab. Und auch die erste Norn von Ceri Williams schlägt sich beachtlich. Schlimm ist es um die im oberen Stimmbereich stark tremolierende und insgesamt sehr unstet und dünn intonierende Woglinde von Katherine Broderick bestellt. Durch ihre mäßige Leistung wird der Gesamtklang der Rheintöchter, die ansonsten mit Madeleine Shaw (Wellgunde) und Leah-Marian Jones (Flosshilde) trefflich besetzt sind, nicht unerheblich beeinträchtigt. Auf solidem, wenn auch nicht außergewöhnlichem Niveau bewegt sich der Chor.
Ludwig Steinbach

Zu viel gewollt?
Ein interessantes Programm stellt Marlis Petersen gemeinsam mit ihrem Pianisten Jendrik Springer mit ihrer neuen CD „Goethe-Lieder- Das ewig Weibliche“ vor. Nicht nur die üblichen Verdächtigen für den Liedgesang werden dabei berücksichtigt, sondern auch modernere Komponisten wie Manfred Trojahn und Walter Braunfels. Die singenden Frauengestalten sind so verschiedenartig, vom kecken Klärchen bis zur uralten, ewigjungen Helena, von der leichtfertigen Philine bis zur geheimnisumwehten Mignon, dass von vornherein Zweifel wach werden, dass ihnen ein einziger Stimmtyp gerecht werden kann, dazu ein so extremer wie ein Koloratursopran. Ihn verbindet man ganz gewiß mit der auch in der entsprechenden Oper zwitschernden Philine, vielleicht noch mit dem unbedarften Klärchen, schon für Gretchen und die melancholische Kindfrau aus der zweiten Fassung der „Stella“, in der es nicht mehr zur Sturm-und-Drang-Ehe zu Dritt kommen darf, denkt man eher an einen lyrischen Sopran, Mignon gar mag man nur mit einer noch dunkleren Stimme verbinden. Zwischen den Frauenportraits gibt es sechs Vertonungen von „Wandrers Nachtlied“, interessant durch die Vergleichsmöglichkeit, wie unterschiedliche Epochen und Komponisten mit dem Text umgingen.
Strahlend in Koloraturen wird in Kreneks Monolog der Stella die Lebensfreude der jungen Frau im zweiten Teil des Monologs wiedergegeben, allerdings fällt schon hier auf, dass die Diktion manchmal eine recht verwaschene ist. Glasklar und bubenhaft erklingt in Braunfels’ Vertonung Klärchens Kampflied; jauchzend, aber nicht die ganze Fülle einer Mädchenstimme verkörpernd, äußert sich die Sängerin in Liszts „Freudvoll und leidvoll“. Das Interpretationsvermögen von Marlis Petersen übersteigt oft die Möglichkeiten des Stimmmaterials, so in den vier Liedern der Mignon von Diepenbrock, Tschaikowski, Wolf und Schumann. Dabei überhört man durchaus nicht den „Glanz und Schimmer“ in der Stimme in „Kennst du das Land“ oder die Steigerung bei der Wiederholung von „ allein und abgetrennt“. Aber die hüpfende Anmut der Philine in Wolfs „Singet nicht in Trauertönen“ liegt dem Sopran mehr als das dunkle Geheimnis der Mignon., Schumanns „ So lasst mich scheinen“ wird zu kindlich aufgefasst, auch die beiden Gedichte aus dem „West-östlichen Divan“, eng verbunden mit Marianne von Willemer ( nicht Millemer wie im Booklet zu lesen) lassen einen anderen Stimmcharakter erwarten. Schließlich gilt für die Helena ( Textabschnitte aus Faust 2) das bereits oben Gesagte: die Interpretation ist eine reife und verständnisvolle, der Stimmtyp spiegelt mit seiner Brillanz zwar durchaus eine Seite der Figur, umfasst aber nicht die Vorstellung, die man von ihr als Ganzem hat.
Die unterschiedlichen Versionen von „Über allen Gipfeln…“ zeigen bei Schumann zu viel geschmäcklerisch Kindliches, ein schönes Verklingen bei Kempff, eine ebensolche Fermate bei Medtner, sind bei Liszt am weitesten von der wunderbaren Schlichtheit des Textes entfernt ( was nicht der Interpretin anzulasten ist), und am überzeugendsten gelingt die Fassung Hans Sommers.
Harmonia mundi 902094 Ingrid Wanja

Französischer Faust
Eng verbunden mit dem israelischen Musikleben war der 2005 verstorbene rumänische Dirigent Gary Bertini, Gründer vieler israelischer Musikinstitutionen wie des dortigen Kammerchors, des Kammerorchesters, außerdem Chef des Jerusalemer Symphony Orchestra und des Liturgica Festival in Jerusalem. 1996 dirigierte er eine Aufführung von Berlioz’ Opernoratorium- oder wie man das Werk nennen soll- „La Damnation de Faust“ , die von Helicon jetzt auf den Markt gebracht wurde. Das Israel Philharmonic Orchestra spielt unter Bertinis Leitung straff federnd den Ungarischen Marsch, virtuos „Esprit des Flammes“, weiß die Angespanntheit des Menuetts, das sich weit über die Ansprüche an einen Gesellschaftstanz erhebt, hervor zu heben wie den Sylphien-Tanz zum zarten Gespinst zu weben und zeichnet sich durch Klarheit und Eleganz der Darbietung aus. Der Transylvania State Philharmonic Choir Cluj klingt manchmal bei den Frauenstimmen verhuscht, nicht prägnant genug, steigert sich aber mächtig in der Fuge und im tröstlichen Schlusschor. Für den deutschen Hörer ist eine Marguerite mit sinnlichem Carmen-Mezzo, gepaart mit einem hellen lyrischen Tenor als Faust natürlich gewöhnungsbedürftig, weil sie mit den aus Goethes Werk gewonnenen Vorstellungen wenig übereinstimmt. Aber Berlioz’ Marguerite ist wie die Gounods halt nicht Gretchen, und Beatrice Uria-Monzon macht ihre Sache gut, besonders in „D’Amour l’ardente flamme“ mit wunderbar melancholischem Klang. Die leichte Emission der Stimme und die schlanke Führung derselben führen zu purem Hörgenuß. Faust ist mit schlankem, flexiblem Tenor David Kuebler, dessen Stimme über eine sichere Höhe verfügt. „Sans Regrets“ beginnt er recht matt, und insgesamt lässt die Mittellage etwas Farbe vermissen, aber er steigert sich enorm und zeigt sich zu schönen Aufschwüngen fähig. Emphatisch klingt sein „Marguerite“, weniger „Nature immense“, wo man sich mehr Aplomb denken könnte. Vollmundig und markant singt Franz Grundheber den Méphistophélès, unendlich viele Facetten kann er dem Flohlied abgewinnen, drastisch und ironisch sein- und stets bleibt der Bariton exakt konturiert. Einschmeichelnd werden die Rosen besungen, und von abgründiger Leichtigkeit ist die Serenade. Seinen kurzen Auftritt als Brander absolviert Denis Sedov mit grundsolidem Baß.
Insgesamt gehört diese Aufnahme zu den besseren des Werks- zudem ist eine aus dem Jahre 1974 von Ravels „Daphnis und Cloe“ beigefügt, ausgeführt vom selben Orchester und dem Rinat Choir.
Helicon IPO02-9648 Ingrid Wanja

Akustische Verführung
Natürlich besonders dem britischen Komponisten Benjamin Britten verpflichtet fühlt sich das Glyndebourne Festival, wo 2007 die Oper „The Turn of the Screw“ mit dem London Philharmonic Orchestra aufgeführt wurde. Eine DVD würde das Unheimliche des Sujets nach einer Geschichte von Henry James sehr viel plastischer darstellen können, bei der CD kann man zwischen menschlichen und Geisterstimmen kaum unterscheiden. Ein weiteres Problem sind die beiden Kinderrollen, denn das optisch Rührende hat natürlich in den nur durch Zartheit auf sich aufmerksam machenden Stimmen keine vollwertige Entsprechung. Trotzdem ist die CD empfehlenswert, schon einmal wegen der hervorragenden Leistung des Orchesters unter Edward Gardner, das in den schillernden Zwischenspielen, dem geheimnisvollen Umspielen der Stimmen das gefährlich Lockende und Zwielichtige vorzüglich zu vermitteln weiß. Die beiden Kinder Christopher Sladdin und Joanna Songi als Miles und Flora können sich dagegen nur mühsam behaupten. Ohne das Textbuch versteht man manchmal kaum etwas von dem, was sie singen. Trotzdem umgibt die Szenen mit den Kindern ein ganz besonderer Zauber. Sehr prägnant erscheint dagegen der Tenor von William Burden, der sowohl den Quint als den Prolog singt und schon hier den gleisnerischen Ton des Verführers hat. Besonders eindrucksvoll ist er durch die Steigerung der Intensität in der Szene, in der es um den Brief geht, den die Gouvernante an den Onkel der Kinder geschrieben hat. Diese erscheint mit dem Sopran von Camilla Tilling als besonders zart und wehrlos, die Stimme kann aber, wenn es notwendig ist, auch an Fülle und Eindringlichkeit gewinnen. so in „How beautiful it is“ oder in der Auseinandersetzung mit Miss Jessel. Sehr schön wird der Schwebezustand in der Variation „The Bedroom“ von ihr getroffen. Mütterliche Wärme strahlt der Mezzosopran von Anne-Marie Owens aus, die die Mrs. Grose singt. Mit üppiger Stimme beklagt Emma Bell als Miss Jessel ihr Schicksal. Die drei Frauenstimmen heben sich unverwechselbar voneinander ab und machen dem Hörer so die Orientierung leicht. Aber, wie bereits gesagt, eine DVD hätte einen ungleich stärkeren Eindruck hinterlassen, denn die Fotos im Booklet sind viel versprechend.
GFOCD 011-07
Ingrid Wanja
DIE MEISTERSINGER
Mit den „Meistersingern“ geht die Reihe von Live-Mitschnitten des Labels PentaTone von konzertanten Aufführungen der Werke Richard Wagners in der Berliner Philharmonie nun in die zweite Runde. War der im letzten Jahr veröffentlichte „Holländer“ noch ein durchaus gewichtiger Beitrag zur reichhaltigen Diskographie, so hätte man auf diese „Meistersinger“ auch verzichten können. Das liegt einmal an Marek Janowski, der hier an das Niveau seiner früheren Wagner-Aufnahmen nicht anknüpfen kann. Er nähert er sich dem Werk ziemlich bedächtig. Seine kammermusikalische Auffassung ist von einem leichten Konversationston geprägt, in dem die hellen Farben dominieren. Er animiert das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin zu einer weichen, getragenen Tongebung, der es indes etwas an Spritzigkeit und Ausgelassenheit fehlt. Obendrein wirkt die Tonsprache manchmal etwas introvertiert, woran auch die vom Dirigenten angeschlagenen zügigen Tempi nicht viel ändern.
Auch gesanglich bewegt sich die Einspielung nicht gerade auf hohem Niveau. Das beginnt schon bei dem Sachs von Albert Dohmen, der zwar in der Mittellage kräftig und durchaus gefällig, wenn auch nicht sehr differenziert singt, indes mit der hohen Tessitura des Schusterpoeten erhebliche Probleme hat. Das wird besonders im dritten Aufzug deutlich, in dem der Sänger mehrmals an seine stimmlichen Grenzen gerät. Vor vielen hoch liegenden Noten setzt er eine kleine Zäsur und stößt die Töne dann oft recht unschön und angestrengt heraus, was sich äußerst nachteilig auf die Gesangslinie auswirkt. Der große Ruhm, den Robert Dean Smith in der internationalen Opernlandschaft genießt, ist überhaupt nicht nachzuvollziehen. Er ist als Stolzing zwar um schöne Linienführung und feinfühlige Nuancen bemüht. Diese an sich trefflichen Gestaltungsmittel bleiben aber mangels einer ausgeprägten italienischen Technik mit solider Körperstütze und ansprechendem appoggiare la voce auf der Strecke. Smith bewältigt den Ritter insgesamt ziemlich dünn und ohne sonderliches Charisma. Um den zweiten im Bund der Tenöre ist es nicht besser bestellt: Peter Sonn gibt den David ebenfalls äußerst flachstimmig und ohne Tiefgang. Schlimm ist es um Dietrich Henschel bestellt, der von einer vorbildlichen italienischen Stimmführung ebenfalls nichts zu halten scheint und dem Beckmesser mit stark kopfigem und halsigem Stimmklang rein vokal alles nimmt. Er bildet die größte Hypothek der CD. Über einen wenig gut focussierten und rau klingenden Bass verfügt Tuomas Pursio in der Partie des Kothner. Edith Haller singt mit gut sitzendem, im mittleren Stimmbereich warmem und zur Höhe hin herrlich aufblühendem jugendlich-dramatischen Sopran eine bezaubernde Eva. Und der inzwischen zu Bayreuther Ehren gekommene Georg Zeppenfeld ist einer der besten Vertreter des Pogner, die es gibt. Die hohe Lage des Goldschmieds macht ihm nicht die geringsten Schwierigkeiten. Sein Vortrag ist von großer Ebenmäßigkeit und lyrischer Eleganz geprägt. Bravo! Gut gefällt auch die vollstimmige Magdalene von Michelle Breedt. Ein Sahnehäubchen stellt der vom Pogner zum stimmstarken Nachtwächter gewechselte Matti Salminen dar.
Ludwig Steinbach
PARSIFAL
Einen Live-Mitschnitt vom NTR ’Zaterdag Matinee, einer Konzertreihe des Niederländischen Radio 4 stellt die vorliegende Aufnahme von Wagners „Parsifal“ dar, die das Label Surround auch dem deutschen Publikum jüngst auf CD zugänglich gemacht hat. Die Herangehensweise des Dirigenten Jaap van Zweden ist ziemlich bodenständiger und weltlicher Natur. Von einem Weihespiel ist seine Auffassung von Wagners Partitur weit entfernt. Er sieht sie als große Oper, wovon insbesondere die von ihm angeschlagenen recht zügigen Tempi zeugen. Da setzt er sich auch manchmal über Wagners Anweisungen hinweg und wird, wenn der Meister nach „So sende sie nach dem verlornen Speer!“ beispielsweise einmal schreibt „Noch einmal so langsam“, eher noch schneller als langsamer, was dieser Stelle einiges Gewicht nimmt. Beim Vorspiel zum dritten Aufzug, das andere Dirigenten oft ziemlich zerdehnen, sind seine schnellen Tempi indes eine Wohltat und geben diesem doch sehr tristen Stück eine große Frische. Van Zweden animiert das Philharmonic Orchestra zu einem intensiven und romantisch anmutenden Klang und setzt oft auch da auf eine weiche, getragene Diktion der Orchesterstimmen, wo Wagner ein gut akzentuiertes Markanto verlangt, so beispielsweise beim erstmaligen Auftreten des Glaubensmotivs im Vorspiel. Was aber nicht heißt, dass die Dramatik bei ihm zu kurz kommt. Mit dieser Qualität ist insbesondere der fulminante zweite Aufzug reichhaltig gesegnet. Darüber hinaus zeichnet sich das Dirigat durch eine gekonnte Gegenüberstellung spezifischer Coleurs und im dritten Aufzug durch einen expressionistischen Anstrich aus.
Gemischte Gefühle hinterlassen die Sänger. In keinster Weise überzeugend ist Klaus Florian Vogt, der mit seinem jeder soliden Körperstütze entbehrenden, äußerst kopfigen und keinerlei tiefgründigen Kern aufweisenden, weichlichen Tenor dem Parsifal stimmlich überhaupt keine Konturen zu verleihen vermag. Von den Vorzügen einer italienischen Technik ist er weit entfernt, was bei seiner Interpretation des reinen Toren negativ zu Buche schlägt. In der Auslotung der Rolle bleibt er angesichts seiner gesangstechnischen Mängel oberflächlich und im Ausdruck schwach. Dieser Tenor wird allgemein weit überschätzt. Dass er jüngst in Berlin einen Buhorkan über sich ergehen lassen musste, kann durchaus nachvollzogen werden. Wenig überzeugend ist auch Falk Struckmann als Amfortas. Sein Bariton hat in letzter Zeit einiges an sonorer Klangfülle eingebüßt. Er intoniert etwas rau und öffnet seinen nicht gerade sehr differenzierungsfähigen Gesangsapparat im Passaggio-Bereich mehr als in der Höhe, was einige Spitzentöne unstet klingen lässt. Für den Gralskönig wäre Krister St. Hill die bessere Besetzung gewesen, der mit wunderbar italienisch geschultem, sonorem und elegant geführtem Bariton den Klingsor singt. Dessen Charakter verfehlt er indes. Er legt die Figur mehr als aufrechten Burgherrn an, in dessen Obhut Parsifal ohne Gefahr für Leib und Leben sicher die Nacht verbringen könnte, und nicht als dämonischen Zauberer. Wunderbar lässt Robert Holl als Gurnemanz seinen weichen, gut gestützten und am Liedgesang geschulten Bass dahinfließen. Bei Katarina Dalaymans Kundry baut sich idealerweise über einem tiefgründigen Mezzofundament eine tadellose Sopranhöhe auf. Und der volltönende Titurel von Ante Jerkunica macht Lust auf mehr. Hervorragend hat Eberhard Friedrich den Chor einstudiert. Insbesondere die mit herrlichen Piani beginnenden und sich dann immer mehr steigernden Gesänge der Gralsritter beeindrucken.
Ludwig Steinbach
Fritz Wunderlich
Darauf wird so mancher älterer Opernliebhaber schon lange gewartet haben: Die Wiederveröffentlichung der zu Beginn der 1960er Jahre bei dem Label Electrola entstandenen Opern-Querschnitte mit dem legendären Tenor Fritz Wunderlich. Die EMI, Nachfolgerin der Electrola, hat tief in ihrem umfangreichen Archiv gewühlt und diese kostbaren Aufnahmen nun in klangtechnisch verbesserter Form auf den Markt gebracht. Auf insgesamt sieben CDs sind Ausschnitte aus den Opern „Madama Butterfly“, „La Boheme“, „Don Giovanni“, „Mignon“, „Martha“, „Zar und Zimmermann“, „Eugen Onegin“ und „Pique Dame“ verewigt. Die Mehrzahl dieser Werke stammt aus dem Ausland, aus Italien, Frankreich und Russland. Dass sie aber dennoch in Deutsch gesungen werden, ist für heutige Ohren gewöhnungsbedürftig. Die Bevorzugung des deutschen Idioms mag damals Mode gewesen sein, vom stilistischen Standpunkt aus ist das indes nicht akzeptabel, noch dazu, weil es sich bei den hier teilweise vorliegenden Übersetzungen nicht gerade um die besten handelt. Zitiert wird im Folgenden immer in der Originalsprache. Auch die manchmal etwas willkürliche Reihenfolge der einzelnen Nummern, so etwa bei dem „Don Giovanni“ oder der „Martha“ befremdet.
Das Cover der Box ziert ein Photo von Fritz Wunderlich als Pinkerton - eine Rolle, die er auf der Bühne nie gesungen hat. Das wäre ihm zum damaligen Zeitpunkt auch noch nicht zu empfehlen gewesen. Bis zum Spinto-Fach war er damals noch lange nicht vorgedrungen. Wenn er in den „Butterfly“-Ausschnitten dennoch passabel über die Runden kommt, ist das seiner ausgeprägten sängerischen Intelligenz und seiner großen Musikalität zu verdanken. Er geht den Pinkerton ausgesprochen lyrisch an und vermeidet jedes machomäßige Gehabe. Weniger ist bei ihm oft mehr. Das gleiche mag für Wunderlichs Hermann aus „Pique Dame“ gelten, eine auch nicht gerade sehr sympathische und in ihrem dramatischen Impetus äußerst schwierige Partie des russischen Fachs, um die er auf der Bühne ebenfalls in kluger Einschätzung seiner stimmlichen Möglichkeiten einen großen Bogen machte. Auf Schallplatte mag es damals gut gegangen sein. Auf der Bühne hätte er in diesen beiden Rollen wohl weniger überzeugt. Seine Domäne bildeten die großen lyrischen Tenorrollen wie beispielsweise die des Lyonel, dem er ein berückendes, schlicht und empfindsam anmutendes Profil zu geben weiß, oder der Marquis von Chateauneuf, dessen Arie „Lebe wohl, mein flandrisch Mädchen“ er mit der Intelligenz eines Liedersängers angeht, der er ja auch gewesen ist. Ideal für ihn war ferner der Wilhelm Meister, dessen Lied „Adieu Mignon“ von großer Einfachheit und Geradlinigkeit geprägt ist. Beim „Don Giovanni“ ist doch sehr irritierend, dass man damals auf das „Il mio tesoro intanto“, eines von Wunderlichs Paradestücken, verzichtete und sich mit dem weitaus einfacheren „Dalla sua pace“ begnügte, das der Sänger sehr innig und gefühlsbetont vorträgt. Wunderbar ist auch die Arie des Lenski „Kuda vy udalilis“ anzuhören, in der er mit melancholisch angehauchter, sehnsuchtsvoller Tongebung den ganzen Liebesschmerz des Dichters vor den Ohren des Zuhörers ausbreitet. Das war wahrlich eine seiner absolut besten Rollen. Auch als Rodolfo ist Wunderlich sehr überzeugend, den er mit wunderbarer italienischer Technik, enormer Stilsicherheit und Empfindsamkeit des Ausdrucks glänzend bewältigt. Sein „Che gelida manima“ gehört zu den besten Aufnahmen dieses Stückes, trotz der deutschen Sprache.
Neben Wunderlich sind einige der bedeutendsten Sängerpersönlichkeiten der damaligen Zeit zu hören. Ob diese ihren Ruhm zurecht genossen, steht auf einem anderen Blatt. Von Natur aus mit einer prächtigen Körperstütze seines Baritons gesegnet war Hermann Prey, der engste Freund Wunderlichs, mit dem er oft zusammenarbeitete und der in dieser Box als Don Giovanni, Eugen Onegin und Sharpless vertreten ist. Eine große Zuneigung verband Wunderlich auch mit Gottlob Frick, der als gutmütiger Plumkett, herrlich kauziger van Bett, berührender Lothario, viel inniges Liebesglück verströmender Fürst Gremin sowie als Colline zu hören ist. Große stimmliche Autorität verströmt Marcel Cordes als Zar, Marcello und mit einer Arie des Onegin, die eigentlich von Prey hätte gesungen werden müssen. Ein Sahnehäubchen stellt der spätere Wagner-Bariton Thomas Stewart als Masetto dar, dessen Stimme bereits damals einen dramatischen Kern aufwies. Das sind schon phantastische, gut focussierte und ausdrucksstarke männliche Stimmen, die Wunderlich da assistieren. Nicht so gut sieht es bei den Damen aus. Am besten schneidet noch Melitta Muszely ab, die mit prächtigem und obertonreichem Sopran die Tatjana und die Lisa zum Besten gibt. Eindrucksvoll entledigen sich auch Elisabeth Grümmer als Donna Anna und Hildegard Hillebrecht als Donna Elvira ihrer Aufgaben. Von diesem hohen Niveau sind die übrigen hier aufgebotenen Sängerinnen weit entfernt. Pilar Lorengar steht als Butterfly mit spröder, stark unterkühlter und nicht gerade gefühlvoller Stimme weit neben ihrer Rolle. Auch als Mignon vermag sie wegen ihrer gesangstechnischen Defizite nicht zu gefallen. Von einer vorbildlichen italienischen Technik scheint sie genauso wenig zu halten wie Anneliese Rothenberger, die mit ihrem sehr kopfigen, dünnen und maniriert klingenden Sopran eine eklatante Fehlbesetzung für die Mimi darstellt. Gänzlich ungenügend ist auch Erika Köth, die mit ihrem flachen Pieps-Sopran der Zerlina in keinster Weise gerecht wird. Man kann sich nur wundern, dass diese allgemein hoch überschätzten Sängerinnen, die über kein solides technisches Rüstzeug verfügten, es damals bis an die Spitze geschafft haben. Eine vorbildliche Körperstütze der Stimme geht auch der Musetta von Ruth-Margret Pütz ab. Die Leistung von Helga Hildebrand als Marie kann man ebenfalls nur als mittelmäßig bezeichnen. Den Großteil der Dirigate bestreitet Berislav Klobucar auf ordentliche Art und Weise. Ferner sind am Pult Hans Zanotelli, Wilhelm Schüchter und Meinhard von Zallinger zu erleben.
Ludwig Steinbach

Zu Ehren der Diven
Zeitgleich mit ihrer Landsmännin und Namensvetterin Angela bringt Teodora Gheorghiu eine CD auf den Markt, und während die Diva Maria Callas zu Ehren gesungen hat, wählte die Aufsteigerin Anna De Amicis als Patin für ihr Werk. Deren Namen steht groß und ins Auge springend auf dem Cover, der der Rumänin klein und eher unscheinbar darüber, während es bei Angela Gheorghiu genau umgekehrt ist. Die Neapolitanerin Anna De Amicis schaffte als eine der wenigen Sängerinnen der Mozartzeit den Sprung von der Buffa- zur Seria-Sängerin, Teodora Gheorghiu ist schon weit mehr als eine Soubrette, die Pamina dürfte noch eine Grenzpartie sein, das Material aber ist vielversprechend und die Technik ausgezeichnet. Wie die vieler rumänischer Sänger und Sängerinnen hat ihr Sopran nicht nur ein schönes, sondern zudem ein apartes Timbre. Das soll auch der De Amicis zueigen gewesen sein, für die Mozart, Gluck, Johann Christian Bach und die heute weniger bekannten Giovanni Battista Borghi, Nicolò Jommelli, Pasquale Cafaro und Josef Myslivecek komponierten. Wie damals üblich, orientierte sich Mozart bei seinem „Lucio Silla“ an den Möglichkeiten der zur Verfügung stehenden Sänger, und die waren bei Anna De Amicis phänomenal, was Stimmumfang und Ausdrucksstärke angingen. Auch Teodora Gheorghiu verfügt über einen großen Stimmumfang, so dass ihr Debüt mit der Königin der Nacht nicht verwundert. Sie beginnt auf der CD mit Jommellis „Armida abbandonata“ und besticht durch die mühelos wirkende Emission der Stimme, irritiert aber auch durch eine verwaschene Diktion in den Presto-Teilen und lässt den wünschenswerten Nachdruck bei manchen Koloraturen vermissen. Vier Arien aus „Lucio Silla“ zeigen in den langsamen Versen einen schönen, schmerzlichen Ton und mit Leichtigkeit genommene Intervallsprünge. Die einzelnen Phrasen sind generös bemessen, die Koloraturreihen werden sicher zu ihrem Höhepunkt geführt. Das Rezitativ zu „Parto..“ könnte bei dieser Orchesterbegleitung etwas mehr Nachdruck vertragen, einen wunderschönen Klagelaut hat die Sängerin für „Sposo, mia vita“. Als genau richtig erscheint das Vibrato für „Dalla sponda“, die zweite Strophe würde mit etwas mehr Vehemenz im Attackieren des Tons noch wirkungsvoller erklingen. Glucks Eurydike leidet unter der Konsonanten verachtenden Diktion. Sehr instrumental geführt wird der Sopran in Borghis „Il trionfo di Clelia“, ein nicht besonders starkes und in seiner Länge eintönig wirkendes Stück. Umso mehr gefällt die stupende Geläufigkeit des Singens in Mysliveceks Arien, allerdings wieder mit wie weichgespülten Konsonanten. Angenehm beherzt ist der Zugriff der Stimme auf die Verzierungen in Bachs „Zanaida“, hier kann der Sopran auch zeigen, wie viel Substanz er bereits hat, wie schön klar und rein die hohen Töne gelingen, die auch im Extrem immer gut angebunden an die Stimme erscheinen. Nicht nur in der kurzen, aber schönen Kadenz gelingt es der Rumänin, aus den irrwitzigsten Abbellimenti Mittel des Ausdrucks zu machen. Keine bessere Begleitung als Les Talents Lyriques unter Christophe Rousset kann man sich dabei vorstellen.
AP021 Ingrid Wanja

Armiliatos erster Otello
Im April 2011 sang Fabio Armiliato in Lüttich seinen ersten „Otello“, betrachtet man Alter und Karriereverlauf des italienischen Tenors, so gerade zur rechten Zeit und als Debüt in dieser Grenzpartie wohl auch am rechten Ort. Wie fast stets in den letzten Jahren und auf vielen CDs stand ihm mit Gattin Daniela Dessì eine vertraute Partnerin zur Seite, und beide sind auf der bei Solo Voce erschienenen Aufnahme zu hören. Das noch junge Label hat bereits zwei weitere Live-Verdi-Gesamtaufnahmen mit dem Ehepaar auf den Markt gebracht, macht aber auch Studio-Aufnahmen, vor allem Recitals, mit vorwiegend italienischen Sängern.
Mit dem „Esultate“ hat man bereits die schwächste Stelle in der Leistung des Sängers ausgemacht, denn er ist und bleibt auch hier ein lirico spinto, ist kein tenore eroico, und so fehlt dem effektreichen Auftritt des Mohren der rechte Peng, auch weil die Stimme hier in der Höhe eng wird. Der nicht recht gelungene Einstieg überrascht niemanden, der den Sänger oft gehört hat, denn häufig beginnt er ausgesprochen schwach, um sich dann im Verlauf der Vorstellung immens zu steigern. Dafür gehört der Schluß der Oper zum Schönsten, was je zu hören war, denn ausschließlich mit Gesang ohne Schluchzer und Keucher singt Armiliato die Sterbeszene Otellos so nobel und schmerzerfüllt zugleich, dass es dem Hörer heiß und kalt über den Rücken läuft. Dazwischen gibt es viele Höhen und einige Tiefen. Ein schönes Legato und eine durchdachte Phrasierung spielt er im Liebesduett aus, die sorgsam gedeckten Höhen vermerkt man dankbar, die mezza voce hat viel Farbe, die Stimme kann strahlend über den Ensembles triumphieren. Etwas angestrengt klingt der Racheschwur im zweiten Akt, schön ist der fiebrig schmerzvolle Akzent im „Addio“. Gefallen kann auch die Steigerung auf „fazzoletto“, anrührend ist das „Desdemona, indietro“: kurz und gut, es gibt mehr Anlaß zur Freude als zu Beanstandungen. Allerdings sollte der Sänger die Partie nicht zu oft singen, um seine anderen Verdi-Rollen nicht zu gefährden. Für Daniela Dessì kommt die Desdemona, die sie natürlich schon oft gesungen hat, für eine optimale Aufnahme zu spät. Die Stimme klingt zu reif im Timbre, das Vibrato ist zu ausgeprägt, und bei dramatischeren Stellen wie „a terra“ ist ein leichtes Klirren zu vernehmen. Zu oft hört man, dass der Sopran ins Piano gezwungen werden muß, daneben gibt es aber auch sehr schöne Passagen, so den wehmütigen Klang für die Canzone del Salice, die weniger als solche denn als Seelendrama der Desdemona gesungen wird. In schöner Schlichtheit erklingt das Ave Maria. Bei allen Einschränkungen ist nicht zu überhören, dass La Dessì eine kluge Sängerin ist, die Schwächen raffiniert kompensieren kann. Eine sehr positive Überraschung ist der Jago von Giovanni Meoni mit schönem, virilem Timbre, erstklassiger Diktion und nur durch leichte Farbschattierungen der Boshaftigkeit der Figur Rechnung tragend, also stets noch „onesto Jago“ bleibend. Kraftvolle Fermaten zeichnen seinen Gesang ebenso aus wie die Flexibilität im 3. Akt im Dialog mit Cassio. Sehr gekonnt ist auch die fahle Traumerzählung im 2. Akt. Anzumerken ist auch, dass er das höllische Gelächter nach dem Credo ganz dem Orchester überlässt. Eine Schwachstelle der Aufnahme ist der Cassio von Cristiano Cremonini mit undankbarem Timbre und enger Stimmführung im 3. Akt. Die Emilia von Sophie Fournier ist nicht nur eine zuverlässige Stütze in den Ensembles, sondern hat auch einen tadellosen Auftritt am Schluß. Dumpf klingt der Lodovico von Luciano Montanaro. Der Chor schlägt sich in seiner Gesamtheit, so im ersten Akt, gut, einzelne Gruppen weniger, das Orchester unter Paolo Arrivabeni findet zu einer sehr beachtlichen Leistung.
SV 8553231 Ingrid Wanja
Lebendiger Mythos

In seiner Reihe „Il Mito dell’Opera“ veröffentlicht Bongiovanni, der sich stets der auf CDs unterrepräsentierten Sänger wie Alfredo Kraus’ angenommen hat, Live-Aufnahmen von Giacomo ( spanisch Jaime, katalonisch Jaume) Aragall aus den sechziger und siebziger Jahren. Die beiden so „geförderten“ Sänger sind auch gemeinsam auf einem Foto im Booklet zu sehen, als der Spanier in Parma den Alfredo sang mit Sesto Bruscantini als Padre und neben dem Landsmann auch Gianni Raimondi als Bewunderer. Das Booklet erhält seinen besonderen Wert auch durch einen Artikel von Stephen Harding, Herausgeber der renommierten Musikzeitschrift „Musica“, der nicht vergisst zu erwähnen, dass neben Raimondi und der Sutherland auch Pavarotti meinte, Aragall habe eine schönere Stimme als er selbst. Vom Tenor aus Modena allerdings ist bekannt, dass er dieses Kompliment fast jedem Tenorkollegen machte. Im Fall Aragall aber trifft das Urteil zu, denn die Aufnahmen aus verschiedenen, nicht genannten Opernhäusern lassen eine Stimme von einmaliger Schönheit hören. Von der Stimme Alfredo Kraus’, mit dem er nicht nur die Nationalität, sondern auch das Repertoire weitgehend teilte, unterscheiden die seine eine weit dunklere Farbe, eine samtene Geschmeidigkeit und sehr viel mehr Corpo, so dass man sich wundert, dass er mit Verdi bei Carlos und mit Puccini bei Cavaradossi stehen blieb. Dieser Begrenztheit hat er allerdings wohl auch die Landlebigkeit und auch noch jetzige Intaktheit seines Tenors zu verdanken. Im Wege stand dem Sänger seine übergroße Nervosität, die ihn auch schon mal die Bühne mitten in der Aufführung mit bedauerndem Achselzucken verlassen ließ. Daumendrücken war stets bei seinen Auftritten mehr als angebracht.
Die CD stellt den Tenor zunächst in der Mezzopartie von Bellinis Romeo vor, stellenweise transponiert und ungewöhnlich viril, mit leichtem Glottischlag und einer beachtlichen Fermate in der Cabaletta. Es folgt der Gennaro mit einer erstaunlichen Leichtigkeit der Emission, wie sie bei dem Sänger nicht immer zu vernehmen ist. In der Arie aus Donizettis „Caterina Cornaro“ kann der elegische Schluß entzücken, aber auch die vokale Energie in der Cabaletta, deren Schlußton brüllenden Applaus hervorruft. Besonders bei der „Favorita“ liegt ein Vergleich mit Kraus nahe. Aragall singt weniger elegant, aber klingt wesentlich erotischer und leidenschaftlicher, die Piani sind farbig, die Acuti ebenfalls. In der zweiten Arie, „Favorita del Re“, findet der Sänger zu einem perfekten canto elegiaco. Unmittelbar berührend ist die Schlussszene des Edgardo, auch wenn hier wie anderswo die Intonation nicht immer perfekt ist. Die reiche Agogik, bei Aragall nicht immer selbstverständlich, zeigt sich unter anderem bei der Wiederholung von „della morte“. Sehr schwach ist das Orchester in den drei Tracks aus „Rigoletto“, wo „Questa o quella“ nicht die notwendige Leichtigkeit hat, „Parmi veder le lagrime“ aber sehr leidenschaftlich klingt, „La donna è mobile“ mit einem sensationellen Superspitzenton der Sonderklasse gekrönt wird. Haargenau zu Stimme und Charakter des Tenors passt der Don Carlo, melancholisch verschleiert alles Leid der Welt in sich tragend. Der Spitzenton des Faust entzückt, weil er nicht Ausstellung von sängerischem Können, sondern reiner Klang der Ekstase zu sein scheint. Für Massenets Des Grieux hat Aragall die perfekte voix mixte, so schlank wie farbig, wenn auch von Intonationstrübungen leicht beeinträchtigt. Geschmackssache ist die sehr dramatische Auffassung, die der Sänger von Werther hat, wunderbar wie er Mimi und nicht dem Publikum als Rodolfo von seinem Dichtersein erzählt- eine sehr intime, kommunikative Darstellung, dazu noch in tono gesungen. Strahlen kann die Stimme in „Recondita armonia“ und „O amore“ ( L’Amico Fritz), ausgewogen zwischen Verträumtheit und Verzweiflung klingt sie in „E lucevan le stelle“. Man kann Bongiovanni nur zu dieser Reihe „Il Mito dell’ Opera“ begrüßen und wünscht sich, dass noch viele andere von der Plattenindustrie schlecht behandelte Sängerinnen und Sänger ins Gedächtnis des Publikums zurück gerufen werden.
GB 1223-2
Ingrid Wanja

Seit 2007 ist an der Staatsoper Hamburg an einem neuen „Ring“ geschmiedet worden. Die Live-Mitschnitte der Aufführungen sind sukzessive jeweils etwa ein Jahr nach der jeweiligen Premiere von dem Label OEHMS auf CD herausgebracht worden. Jetzt hat sich der Kreis mit der „Götterdämmerung“ geschlossen. Einmal mehr ist die phantastische Klangqualität zu loben. Die Tonmeister haben da wirklich ausgezeichnete Arbeit geleistet, der Höreindruck ist makellos.
Leider erreichen die musikalischen und gesanglichen Leistungen nicht das hohe Niveau der im vorletzten Jahr erschienenen, geradezu preisverdächtigen „Siegfried“-CD. Teils liegt es an der Dirigentin, teils an den Sängern. Die Herangehensweise Simone Youngs an Wagners Partitur ist ziemlich analytischer Natur, transparent und von den Klangfarben und der Dynamik her gut ausbalanciert. Auch bei den dramatischen Steigerungen beweist die Dirigentin großes Können. Indes brauchen die Philharmoniker Hamburg einige Zeit, um warm zu werden. Die einleitende Nornenszene wirkt noch etwas unausgegoren. Erst in der Überleitung zur Abschiedsszene zwischen Siegfried und Brünnhilde erreichen die Musiker ihren sonstigen hohen Standard, den sie im Folgenden insbesondere bei den reinen Instrumentalstellen wie Siegfrieds Rheinfahrt und dem Trauermarsch trefflich unter Beweis stellen. Hier schwelgen Dirigentin und Orchester in voller Harmonie.
Leider schafft es Simone Young diesmal aber nicht, eine durchgehende musikalische Linie zu erzeugen. Das Ganze zerfällt in einzelne Blöcke. Das mag seinen Grund nicht zuletzt darin haben, dass Frau Young über weite Strecken zu viel Rücksicht auf Deborah Polaski nimmt, die als Brünnhilde an ihr einstiges Niveau nicht mehr anknüpfen kann. Ihre Spitzentöne waren schon immer problematisch. Auch hier singt sie im oberen Stimmbereich oft sehr unstet und tremolierend. Hohe Töne geht sie teilweise sehr verhalten und zurückgenommen an und kann sich glücklich schätzen, dass die sängerfreuendliche Dirigentin bei den betreffenden Stellen die Lautstärke des Orchesters ebenfalls drastisch herunterschraubt. Auch Frau Polaskis früher so volle, warme und emotional eingefärbte Mittellage hat stark an Substanz eingebüßt, klingt nun dünn und halsig. Solide im Körper ist ihr Sopran nur noch an wenigen Stellen verankert. Leichte Reminiszensen an ihre früheren imponierenden Leistungen stellen sich leider nur selten ein, so beispielsweise beim Beginn ihres Schlussgesangs, wo sie zu leisen und getragenen Tönen findet.
Dass Frau Young ihr hier erneut etwas zu stark unter die Arme greift, geht leider auf Kosten eines intensiven Orchesterklangs. Da schneidet John Tomlinson, obwohl auch er stimmlich nicht mehr taufrisch ist und in der Höhe oft die nötige Körperstütze verliert, schon viel besser ab. Sein Hagen ist von großem vokalem Charisma und hoher Ausdrucksintensität geprägt. Das er um das hohe ‚g’ bei „Rache rieten sie mir“ einen Bogen macht, sei ihm verziehen. Insgesamt gut gefällt auch Christian Franz, der für den Siegfried einen sauber gestützten Tenor mitbringt, den er differenziert einzusetzen weiß. Neben eindrucksvollen dramatischen Attacken gelingen ihm auch herrliche Piani und bedächtig intonierte Phrasen, wobei er stets auf Textverständlichkeit bedacht ist. Wunderbar die Gibichungengeschwister: Bei dem kraftvoll und elegant singenden Robert Bork verwundert es, dass dieser Sänger noch nie nach Bayreuth eingeladen wurde. Er macht aus dem Gunther keinen Schwächling, wie er sonst oft gedeutet wird, sondern einen noblen Mann aus Fleisch und Blut. Und die mit hervorragender italienischer Technik singende, warm und gefühlvoll intonierende Gutrune von Anna Gabler steht ihm in Nichts nach. Das sind die besten Leistungen auf dieser CD!
Die Waltraute von Petra Lang überzeugt vor allem in der Mittellage durch schöne und nuancierte Tongebung. Indes ist nicht zu überhören, dass die Tessitura der Partie für ihren hohen Mezzo - sie singt auch Sieglinde! - zu tief liegt. Dieses Manko versucht sie insbesondere in der unteren Lage durch eine übertriebene Diktion auszugleichen, was sich indes nicht immer vorteilhaft auf den Stimmfluss auswirkt. Letzteres ist auch bei dem an sich vortrefflich und markant singenden Alberich von Wolfgang Koch zu bemerken. Auch bei ihm wäre etwas weniger mehr gewesen. Auf hohem Niveau bewegen sich die Nornen von Deborah Humble, Christina Damian und Katja Pieweck. Die Stimmen der Rheintöchter von Ha Young Lee, Maria Markina und Ann-Beth Solvang sind ansprechend focussiert und bilden einen homogenen Gesamtklang.
Ludwig Steinbach
Redaktions P.S. Nur für Sammler!
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Nachlaß-Pflege

Ist es nur Resteverwertung oder wirklich eine Hommage für den vor wenigen Monaten tödlich verunglückten, zwar in der Schweiz geborenen, aber durch und durch sizilianischen Tenor, was Sony unter dem Titel „Best of Salvatore Licitra“ vertreibt? Auf zwei CDs sind von 38 Titeln fünf noch nicht veröffentlichte, die im Jahre 2008 aufgenommen und durchweg der „leichten“ Muse zuzuordnen sind; darunter „O sole mio“ und „Funiculì“. Wer also ab 1999, ein Jahr nach dem Debüt mit „Un Ballo in Maschera“ fleißig gesammelt hat, besitzt „the best“ bereits, denn es stammt aus den Aufnahmen der Scala von „Tosca“ und „Il Trovatore“ ( mit Barbara Frittoli und dem dank Muti nicht vorhandenen C), von den Recital-_CDs „Debut“ von 2002 und „Forbidden Love“ von 2006 und von „Duetto“ mit Marcelo Alvarez aus dem Jahre 2003.
Die über die beiden CDs verstreuten Ausschnitte aus „Tosca“ aus dem Jahre 2000 mit der nicht genannten Maria Guleghina lassen eine sehr schön timbrierte, dabei schlanke und doch virile Stimme hören, die sich in leichter Emission üppig entfalten kann, so im schwärmerischen Aufschwung des „parla mi ancor’“ oder in „tanto la vita“. Das Entzücken des Hörers wird eher durch das bemerkenswerte Material als durch eine raffinierte Technik geweckt, denn unüberhörbar ist auch, dass trotz Bemühens zum Beispiel die Zurücknahme der Stimme bei „dai veli“ nicht besonders gut gelingt. Im Ausschnitt aus dem ersten Akt kann sich die Stimme schön verströmen. Sieben Monate später bei der Scala-Eröffnung mit dem Trovatore gelingen vor der Stretta Momente einer schönen Intimität, einer sorgfältigen Textbehandlung und eines angenehm dynamischen Singens. Da wird Muti mitgewirkt haben.
Alle anderen sind Studio-Aufnahmen, besonders mit Prager Orchestern, die die bisher unveröffentlichten Aufnahmen sowie die Duett-CD mit zu verantworten haben. Auf den ersteren hört man, warum es danach keine Einspielungen mehr gegeben hat und warum vielleicht ohne den Todesfall auch diese nicht an die Öffentlichkeit gekommen wären. Die an sich für Canzonen wunderbar geeignete, strahlende Stimme ist innerhalb weniger Jahre stumpfer und trockener geworden. Die Spitzentöne sind härter als zuvor, der Glanz, der Schimmer ist nur sporadisch noch zu vernehmen. Licitra, der mit dem Riccardo debütierte und die Rolle dann sofort 1998 in der Arena di Verona sang, hatte wohl nicht die perfekte Technik, die die Stimme die vielen dramatischen Partien, die er gesungen hat, verkraften ließen. Dabei klingt noch 2002 in „Celeste Aida“ der Tenor gut bei den Intervallsprüngen, rutscht allerdings für den einen oder anderen Ton schon in den Hals, aber das Morendo am Schluß (falls nicht der Aufnahmetechnik geschuldet) ist so, wie Verdi es wollte. 2006 ist „Cielo e mar“ aufgenommen, wo die „sogni d’or“ bereits weniger glänzen. Immer wieder bemerkt man das Bemühen des Sängers, den Anweisungen der Komponisten gerecht zu werden, auch da wo andere sich darüber hinweg schummeln. So sind viele kleine Notenwerte zu hören, von denen man sonst nichts vernimmt. „La paterna mano“ hat neben den frischen Farben eine reiche Agogik der geschmeidig wirkenden Stimme. Besonders schön ist „Torna a Surriento“ mit Katia Labeque am Piano aus dem Jahre 1999, wo sich das schöne Material frisch und frei von allen Abnutzungserscheinungen entfalten kann. Schade um die so ganz und gar italienische Stimme und einen vielleicht zu generösen, zu unbekümmerten Sänger!
Sony 88697989602 Ingrid Wanja

Zwei ganz unterschiedliche Charaktere stoßen in Hugo Wolfs „Italienisches Liederbuch“ in den meisten der insgesamt 46 Miniaturen aufeinander: eine schnippische, kokette Frau und ein schwärmerischer, die große Geste nicht verschmähender Mann. Ideal sind dafür die beiden ausgewählten Stimmen mit dem Sopran von Mojca Erdmann und dem Bariton von Christian Gerhaher. Noch relativ klein, wie die entzückenden Dinge, die die Sängerin im ersten Lied besingt, ist auch die Stimme, wird zudem in „Mir wird gesagt“ nicht besonders variationsreich eingesetzt. Ein entzückender Trotz lässt sich in „Wer rief dich denn?“ vernehmen, lustig ist in „“Du denkst“ die plötzliche Wendung von der Verheißung zur Enttäuschung in der letzten, pointenreichen Zeile, von entzückender Boshaftigkeit „..und spielt die Violine“ im 11. Lied. Besonders gut paßt der Sopran zu „Mein Liebster ist so klein“; in „ „er war noch nicht im Kriege“ im darauf folgenden Stück verrät sich auch mehr Volumen als bis dahin gezeigt. Auch in „Man sagt mir“ gliedert und steigert die Sängerin geschickt, hat für „Ich esse nun mein Brot“ zum Schluß einen schönen Jubelton. Leider lässt sich in „Ich ließ mir sagen“ wenig Ironie vernehmen, während der Sopran in „Du sagst mir“ eine seiner Stärken, den schnippischen Ton ausspielen kann. Mehr Fülle könnte in „Wohl kenn’ ich“ die Phrase „so schön“ vertragen, perfekt hingegen passt sich der Sopran dem Wort „gläsern“ mit durchsichtig klarem Ton an. Sehr niedlich ist das Geschimpfe in „Schweig einmal still“, während der Wutausbruch in „Verschling’ der Abgrund“ in seiner Dramatik die jetzigen Grenzen der Stimme aufzeigt. Ganz köstlich ist der frivole Schluß mit dem Bekennen von einer Unzahl von Liebhabern gelungen. Man kann sich eine mehr lyrische Stimme als angemesseneres Pendant zum Partner vorstellen, aber auch diese noch sehr in Soubrettennähe befindliche ist denkbar.
Der Bariton besticht durch die Fähigkeit zu vielen Schattierungen, durch die perfekte Textverständlichkeit, kann ätherisch und zärtlich wie in „Gesegnet sei“ oder markant wie im dramatischen Balladenton des „Dass doch gemalt“ oder in „Verachtung hin“ des 13. Liedes klingen. Ihm sind bereits vom Komponisten mehr Möglichkeiten zur Abstufung gegeben, und er weiß sie zu nutzen wie in „Selig ihr Blinden“ mit einer angemessen Steigerung und einer Wendung ins Fahle am Schluß. Wie der Charakter scheint die Stimme über eine Dimension mehr zu verfügen als die der Partnerin. Sehr schön ist auch das Verhallen des Baritons auf „Sang und Klang entführt“, raffiniert das gespielte Bedauern in der letzten Zeile von „Wie viele Zeit verlor ich“. Die große Erfahrung des Liedsängers zeigt sich im Suchen und Finden der Nuancen, in der Ausgeglichenheit zwischen Wort- und Klangbehandlung.
Gerold Huber erweist sich als einfühlsamer Begleiter am Klavier.
RCA 88697727202 Ingrid Wanja

Gioia? Gioia!
Es ist Mode geworden, Recital-CDs mit einem zum Kauf verführenden Titel zu versehen. Die des polnischen Koloratursoprans Aleksandra Kurzak nennt sich „Gioia“ (Freude), und tatsächlich geht es bei den Arien aus vorwiegend italienischen Opern zum großen Teil um freudige Momente aus dem Leben der Opernheldinnen, um die Vorfreude auf Hochzeit oder Hochzeitsnacht, um keimende oder schon im Blütestatus befindliche Liebe oder um die Begeisterung über die eigene Schönheit wie bei Musetta, die im Booklet schmählich als bereits von der Sängerin abgelegte Nebenrolle abgetan wird. Bei den meisten dieser Figuren steht das üble Ende in Form von Tod oder Wahnsinn wie bei Violetta, Gilda, Lucia und Elvira allerdings noch aus, wenn der von Freude erfüllte erste Teil der Oper vorbei ist.
Es beginnt mit der Arie der Rosina, für die die Sängerin eine bemerkenswert dunkle Mittellage für einen Koloratursopran hat, der angenehm weich klingt, während die Spitzentöne in der phantasievollen Kadenz gestochen klar klingen. Die Stimme zeigt zumindest eine „lacrimetta“ das „ma“ dürfte eines der knappsten und damit schnippischsten der CD-Literatur sein. Auch die Rosenarie der Susanna wird sehr ansprechend dargeboten, wie mit einer weiteren Dimension gegenüber einer Soubrettenstimme ausgestattet im Rezitativ, in weicher und zärtlicher Verspieltheit wird die Arie gesungen. Lucias „Regnava nel silenzio“ besticht durch den schönen Fluß der Stimme, mit raffinierten Rubati und einer hochvirtuosen Kadenz. Sehr schmeichelnd fleht Lauretta mit feinem Piano, Adele weiß viel übermütiges Lachen in den Gesang von „Mein Herr Marquis“ einzubetten. Ein sehr, sehr lyrisches „È strano“ lässt daran zweifeln, dass die Sängerin bereits die Erfüllung für die gesamte Partie der Traviata ist. Dieses klingt eher wehmuts- als hoffnungsvoll, während die Cabaletta nicht nur durch den lupenreinen Spitzenton gefallen kann. Nicht erst in der Arie der Gilda fällt auf, wie gut das Orquestra de la Comunitat Valenciana unter Omer Meir Wellber mit der Agogik der Verdi-Kompositionen umzugehen weiß, Aleksandra Kurzat baut die Arie in geschickter Steigerung auf. Etwas verhuscht klingt die Bellini-Arie, sehr gut passt die Adina zu Stimme und Singtemperament, das ein „morir per me“ sich wirkungsvoll aus dem Getändelton des Duetts mit Nemorino abheben lässt. Francesco Demuro ist der angenehme Tenor. Schade, dass die Musetta bereits abgegeben wurde, denn die geschmeidige Wärme der Stimme passt gut zur Partie. Aus dem Rahmen fällt eine Arie aus Moniuszkos „Das Gespensterschloß“, wo sich der Sopran für die Leichtigkeit der Musik und gegen den hochtrabenden Text entscheidet.
Ingrid Wanja
Decca 478 2730

Passend zum Jubiläum
„Feinarbeit“ nennt Diana Damrau im Booklet zu ihrer neuen CD mit Liszt-Liedern den Liedgesang, der ihr wegen der Möglichkeit, „die Dinge bis ins Haar treffend“ auszudrücken, von je her am Herzen gelegen habe. Davon sprechen bereits ihre vorangegangenen CDs, in dieser letzten bringt sie die Detailarbeit zur absoluten Perfektion, ja man meint manchmal, dass sie des Gutes zu viel tut, mehr als die Form hergibt. Aber Liszts Lieder laden zu einer besonders detailverliebten Interpretation ein, da ihnen oft die Schlichtheit, die Lieder wie „Die Loreley“ oder „Der Lindenbaum“ quasi zu Volksliedern werden ließ, zu Gunsten des Hochartifiziellen abgeht. Gerade im Vergleich der beiden „Loreley“-Vertonungen wird hörbar, wie sehr Liszt zu geradezu hochdramatischem Gesang herausfordert, zu einer facettenreichen Tonmalerei mit einem Abdunkeln der Stimme auf „so traurig“ oder einem besonders lichten Vokal auf „…schein“ oder „blitzt“. Die CD beginnt mit „Der Fischerknabe“ auf einen Schillertext, in dem die Sängerin mit einer reichen Agogik, einer mal süß und mal kalt klingenden Stimme das Unwiderstehliche des Sogs verdeutlichen kann. Ihre reiche Mittellage kann sie in „Im Rhein“ unter Beweis stellen, und auch hier spielt die Vokalmalerei z.B. auf „gestrahlt“ eine große Rolle. Manchmal, so in „Die drei Zigeuner“, möchte man meinen, sie neige in der Behandlung der Vokale zum Manierismus, so beim lang gezogenen „schlief“, aber vom Text ausgehend, ist sie nur konsequent, und die Harmonie zwischen Sängerin und Pianisten ist auch hierin eine unbezweifelbare. Schön lässt Diana Damrau im „König von Thule“ am Schluß die Töne auf „trank nie einen Tropfen mehr“ quasi vertröpfeln. Bei „Die Glocken von Marling“ ist die extreme Dynamik nicht zwingend, scheint eher wegen des Effekts gewählt worden zu sein. Wunderschön ist das von Erfolg gekrönte Bemühen, das Wort „Ruh“ hörbar zu machen in Goethes „Über allen Gipfeln ist Ruh“, des Dichters „Der du von dem Himmel bist“ berührt durch das stufenlose An- und Abschwellen des Klangs. Das ist Liedgesang in höchster Vollendung.
Weniger gefallen mir die Petrarca-Sonette, bei denen man sich mehr von der Melodie tragen lassen könnte, als in eine Überinterpretation des Textes einzusteigen. Bei dem Übermaß an Rubati und allgemein an Dynamik sehnt man sich nach einem ruhigen Fließen der Stimme, zu dem diese drei Stücke eigentlich einladen. Aber herrlich virtuos ist das Spiel mit der Stimme auf „E i sospiri e lamenti“, beim sehnsüchtigen Aufschrei kann die Sängerin aus einer großen vokalen Fülle schöpfen. Besonders die hohe Lage des Soprans hat noch an Fülle gewonnen, wie auch im dritten Sonett zu hören.
Hochdramatisch, aber nie scharf singt La Damrau „Vergiftet sind meine Lieder“. Die beiden Versionen von „Freudvoll und leidvoll“ lassen einmal ein orgiastisches „ist die Seele, die liebt“, einmal ein ganz ätherisches „Seele“ vernehmen. In „Es rauschen die Winde“ gelingt der Sängerin das Kunststück, „blau“ tatsächlich blau klingen zu lassen. In „Es muß ein Wunderbares sein“ wird die vorgetäuschte Schlichtheit als solche erkannt und das Lied entsprechend interpretiert, das ebenso populäre „O lieb, so lang du lieben kannst“ weiß Diana Damrau, auch hier aufs Beste unterstützt von Helmut Deutsch, zu Herzen gehend vorzutragen. Kurzum, besser als mit dieser CD konnte man Franz Liszt nicht ehren.
Virgin 50999 0709282 4 Ingrid Wanja
DIE WALKÜRE
Seit 2010 wird an der Frankfurter Oper an einem neuen „Ring“ geschmiedet, für den die geniale Vera Nemirova als Regisseurin verantwortlich zeichnet. Die Live-Mitschnitte der Aufführungen werden kontinuierlich cirka ein Jahr nach ihrer Entstehung von dem Label OEHMS CASSICS einem interessierten Publikum in ausgezeichneter Klangqualität auf CD zugänglich gemacht. Jetzt war also die „Walküre“ dran, die im vergangenen November aufgenommen wurde. Und diese CD sei jedem Wagner-Liebhaber wärmstens empfohlen. Die musikalischen und gesanglichen Leistungen sind fast durchweg erstklassig.
Das beginnt schon bei GMD Sebastian Weigle. Was er aus dem blendend aufgelegten Frankfurter Opern- und Museumsorchester herausholt, ist geradezu berauschend und weist ihn neben Christian Thielemann als bedeutendsten „Ring“-Dirigenten der Gegenwart aus. In langsamen, bedächtigen Tempi weist der Dirigent den Musikern den Weg durch die Partitur, die er größtenteils ungemein dramatisch und fulminant auslotet, andererseits aber auch mit sehr kammermusikalischen und wunderbar weichen und gefühlvollen Klängen aufwartet. Den Orchesterapparat dreht er oft mächtig auf, zaubert aber auch herrliche intim anmutende Pianissimi, was den Klangteppich recht differenziert und abwechslungsreich erscheinen lässt. Dabei wahrt er stets ein Höchstmaß an Ausdrucksintensität und eindringlicher Spannung. Nicht nur den großen, durchgehenden Bogen behält er stets im Auge, sondern erweist sich auch als Meister des Details. Das ist eine ganz große Leistung!
Als Glücksfall für den Wotan erweist sich Terje Stensvold, der sich mit seinem bestens focussierten klangvollen Heldenbariton nicht nur auf eine reine Wiedergabe des Notentextes beschränkt, sondern jede Facette des Göttervaters nuancenreich auszuloten versteht. Auf hohem Niveau bewegt sich auch Eva-Maria Westbroek, die als Sieglinde ihren klangvollen, gut sitzenden und in der Höhe wunderbar aufblühenden jugendlich-dramatischen Sopran eindrucksvoll dahinfliessen lässt. Die starke Emotionalität ihres Singens sowie die leuchtende Kraft der großen Jubelausbrüche sichern ihr nachhaltig einen Platz in der ersten Liga der Rollenvertreterinnen. Neben ihr bewährt sich in der Partie des Siegmund mit kräftig und markant eingesetztem Tenor Ehemann Frank van Aken. Der technisch solide singende Ain Anger gibt mit ansprechendem Bassmaterial einen ausdrucksmäßig wenig bedrohlichen Hunding. Übertroffen wird er von Martina Dike, die volltönendes und hervorragend gestütztes Mezzo-Material für die Fricka mitbringt. Weniger gefällt die Brünnhilde von Susan Bullock, die nicht gerade über Stimmqualitäten verfügt, die man sich von Wotans Wunschmaid wünscht. Ihre Tongebung wirkt manchmal ziemlich blechern und entbehrt jeder Wärme und Innigkeit. Die Stimme muss zudem besser im Körper sitzen. Die unterschiedlich gut singenden Anja Fidelia Ulrich, Mona Somm, Eve-Maud Hubeaux, Bernadett Fodor, Christiane Kohl, Lisa Wedekind, Tanja Ariane Baumgartner und Monica Bohinec runden das insgesamt beachtliche Ensemble ab.
Ludwig Steinbach

Kühle Schönheit
„Liaisons“ nennt sich die neue CD von Chen Reiss, die zum einen den Verbindungen zwischen den Komponisten Cimarosa, Salieri, Haydn und Mozart nachgespürt hat, zum anderen sich denen zwischen Männern und Frauen widmet. Begleitet wird sie dabei von „L’Arte del Mondo“ unter Werner Ehrhardt auf Originalinstrumenten, die naturgegeben den Stücken einen etwas strengeren Klang geben, als man von den bekannten unter ihnen gewohnt ist. Zum ersten Mal zu hören ist Salieris Arie der Armida aus der gleichnamigen Oper, in der sich wie auch später bei den anderen Stücken als großes Manko der Aufnahme die Textunverständlichkeit des Soprans zeigt, der oft ganze Silben verschluckt und über die Wörter gleichsam hinweg zu huschen scheint. Erfreuen kann hingegen der leichte Stimmansatz besonders im Piano, im mezzo forte wird die Stimme etwas eng. Viele Vergleichsmöglichkeiten gibt es natürlich für die so genannte Rosenarie der Susanna. In ihr opfert Chen Reiss dem Deliziösen, das sie perfekt darzubieten weiß, alle anderen Charakteristika, die die beherzte Kammerzofe ausmachen. So bleibt die Rose zarte Knospe, die Einstimmung auf die Hochzeitsnacht eine nicht gerade vor Erotik berstende. Die kleine Verzierung am Schluß verstärkt diesen Eindruck noch. Immerhin geht die Sängerin in der Arie „Un moto di gioia“ zumindest vor der Wiederholung über das Tändeln hinaus. Eine Mozart-Arie für Galuppis „Le Nozze di Dorina“ zeigt ebenfalls eine kühle Stimme voll schöner Klarheit, die erst in der Wiederholung auch angemessenen corpo aufweist. Leichtfüßige Koloraturen zeichnen die Darbietung einer Arie aus Cimarosas „Il matrimonio segreto“ aus und sprechen von einer guten Technik, schelmisch und farbenreicher als bisher zeigt sich die Stimme. In der Haydn-Arie „Quando la rosa“ gewinnt der Sopran im Crescendo nicht an Wärme, sondern an marmorner Kühle. Ein neckisches Kammerkätzchen ist des selben Komponisten Cardellina, leider auch wieder im Dienste der Behändigkeit eine Silbenverschluckerin. Mozarts Despina fehlt einfach der vokale Biß, sie bleibt sanft wie ein Lämmchen und ist eher neckisch als biestig. Das letzte Stück ist eine von Mozart als Zwischenspiel für ein Oratorium von C.P.E.Bach komponierte Arie, in der die schöne, kühle Höhe ebenso glänzen kann, wie es die sicheren Koloraturen vermögen. Durchweg erfreulich ist die Begleitung, wenn man das Spielen auf alten Instrumenten goutiert.
Onyx 4068 Ingrid Wanja

Helden?
Ein Rätsel ist und bleibt die Stimme von Klaus Florian Vogt, der im Juli 2011 in der Deutschen Oper Berlin ein Konzert gab, das jetzt bei Sony als CD mit dem Titel „Helden“ erschienen ist. Ungewöhnlich ist schon einmal die Programmabfolge, die gewöhnlich vom leichten, lyrischen Repertoire zum eher dramatischen führen sollte, während das Konzert ziemlich am Anfang den Siegmund und Stolzing, ziemlich am Schluß hingegen das „Flandrisch Mädchen“ aus Lortzings „Zar und Zimmermann“ bringt.
Auffallend ist auch, dass der deutsche Tenor oft - so als Max - mit einem leichten Akzent zu singen scheint, was vielleicht mit seiner Technik zusammenhängt. Unbestritten ist die Qualität seiner Gralserzählung, in der ein nicht von dieser Welt Stammender von einer dem gewöhnlichen Sterblichen nicht zugänglichen Welt berichtet. Wunderschön sind die Piani auf „Taube“ und „bei dem Ringe sollt ihr mein gedenken“. Die schwerelos erscheinende und dabei doch sehr tragfähige Stimme ist die vollkommene Verkörperung des Ätherischen - wenn man denn den Lohengrin so sehen mag.
Anders sieht es beim Max aus, der noch in stimmlicher Anmut durch die Wälder und Auen streift, dessen Existenzkrise im zweiten Teil jedoch nicht hörbar wird, denn der Gesang bleibt zu glatt und ausdruckslos. Auch der Oberon Webers leidet unter einer gewissen Eintönigkeit. In „Winterstürme wichen dem Wonnemond“ vernimmt man weder einen Wehwalt noch einen Siegmund, sondern einen um Schöngesang bemühten Tenor, der so gefällig singt, dass man ihn eher Liebkind nennen möchte. Auch Stolzing mit seinem Preislied scheint sehr viel mehr gezähmt, als es Sachs lieb sein könnte, hat zu wenig Kern und Substanz. Das Stück klingt einfach zu weich für den Charakter der Figur. Zum Tamino passt die Stimme gut, nur vermisst man bei der Bildnis-Arie eine Entwicklung, das Frage- und Antwort-Spiel. Bei Lortzing fehlt dem Gesang die wünschenswerte Eleganz, wird beim Crescendo der Ton nicht rund, sondern breit. Die verschwundene Martha, auch bei italienischen Tenören sehr beliebt, hat die Singspielleichtigkeit und Poesie, die man hier gern hört.
Zum Schluß singt Klaus Florian Vogt zusammen mit Manuela Uhl das Duett aus Korngolds „Die tote Stadt“- in der unwirklichen Atmosphäre des Ortes und für die Situation und den Charakter des Paul kann man sich den Tenor gut vorstellen, auch weil er die sichere Höhe für die schwierige Partie hat. Peter Schneider ist der empfindsame Begleiter, steuert auch mit dem Orchester der Deutschen Oper Berlin mit drei Vorspielen (Lohengrin 3. Akt, Meistersinger 3. Akt und Oberon Ouvertüre ) gehaltvolles Vollkornbrot zu diesem Abend des eher süßen Baisergebäcks bei.
Sony 86979 88642
Ingrid Wanja
Königlich

Mitten aus dem Publikum heraus muß die Aufnahme von Donizettis „Maria Stuarda“ 1971 in der Scala entstanden sein, denn dessen Geräusche sind besonders präsent, etwas weniger stark ist das Orchester vernehmbar, und die Sänger scheinen am weitesten entfernt zu sein.
Da aber das Publikum fast durchgehend mucksmäuschenstill ist, das Orchester bei Donizetti nicht viel zu melden hat und die Sänger vorzüglich sind, tut dies der Freude an den beiden CDs keinen Abbruch. Übrigens gab es die Aufnahme schon einmal bei Myto, nun ist sie bei Opera d’Oro neu erschienen. Angefangen von einer warmherzigen und ebenso –stimmigen Anna, gesungen von Nella Verri, über einen sonoren Cecil von Giulio Fioravanti bis hin zu einem zu Dramatischerem berufenen Talbot, den Raffaele Ariè mit Bassgewalt verkörpert, haben selbst die kleineren Partien ein scalawürdiges Format. Den unseligen Leicester singt Ottavio Garaventa anständig wie viele Tenöre seiner Zeit, die so reich mit Sängern dieses Fachs gesegnet war. Von nicht zu übertreffendem Format allerdings sind die beiden Königinnen mit den Stimmen von Montserrat Caballé (Maria) und Shirley Verrett (Elisabetta). Die Spanierin verführt mit einem zarten Gespinst von Pianissimi, einer Stimme voll sanfter Trauer, bei der Cabaletta aber durchaus mit einem beherzten Attackieren des Tons und einem fiebrigen „morta al mondo“. Die Kontrolle des Atems ist beispielhaft, die Emission mühelos, der canto elegiaco ist besonders beim Abschied von den „famigliari“ zu Herzen gehend. Bei aller schicksalsergebenen Demut aber schwingt stets auch etwas Majestätisches im Gesang der damals unvergleichlichen Caballé mit. Obwohl auch dem Mezzo der Amerikanerin ähnliche Attribute zuzusprechen sind, hebt er sich gemäß dem unterschiedlichen Charakter der beiden Königinnen wirkungsvoll vom Sopran ab. Natürlich erst einmal durch die nicht sehr viel dunklere, goldglänzende Farbe, dann natürlich durch die flammende Intensität ihres Kampfes um Liebe und Krone. Reiche Glissandi, ein raffiniertes Spiel des chiaro-scuro, ein Angespanntsein ohne bemerkbare Anstrengung („Vanne, indegno“ oder „“Quella vita a me funesta“) machen ihre Darbietung überaus spannend. Der Chor beginnt schwach, ist aber zunehmend ein würdiger Rahmen für die Protagonistinnen, das Orchester unter Carlo Felice Cillario versucht aus der Begleitung nicht mehr zu machen als eben eine solche und tut gut daran.
Vier Jahre zuvor waren die beiden Damen bereits in diesen Partien unter demselben Dirigenten in der Carnegie Hall aufgetreten- das Dokument davon entbehrt der Intensität der szenischen Gestaltung, dafür sind die Stimmen stets gleich nah an den Mikrofonen.
OPD 7079
Ingrid Wanja
The Ballad Singer
Vor allem mit Mozart und vor allem an Covent Garden zum Star geworden, hat sich der Kanadier Gerald Finley seit Beginn seiner Karriere dem Liedgesang verschworen und legt jetzt sogar eine CD mit der Gattung der lange vernachlässigten bis geschmähten Ballade vor. Auch der zu Lebzeiten und bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts so beliebte Carl Löwe ist mit zwei sehr gegensätzlichen Stücken vertreten. „Edward“ ist die Schauergeschichte um einen von seiner Mutter zur bösen Tat angestifteten Vatermörder, „Die wandelnde Glocke“ erzählt in humorvoller Art von einem den Kirchgang verweigernden Mädchen. Viel macht der Bariton aus den zahllosen „O“s der ersten Ballade, die er behutsam beginnt, um sich wirkungsvoll und mit toller Tiefe zu steigern, als Interpret der Mutter ins Verzagende, als der des Sohnes ins wütend Drohende. Heiter und ironisch verhält er sich bei der Bekehrung des unwilligen Kindes durch die „wandelnde“ Glocke. Am Beginn der CD steht ein Beethoven-Titel, das Lied vom Floh, das mit viel Humor und drastischen Tönen in allerbester Diktion zum fulminanten Schluß geleitet. Ein weiterer deutscher Titel ist Schuberts „Erlkönig“, in dem Sänger wie Pianist (Julius Drake) gleichermaßen das zunehmend hektische Galoppieren durch die Nacht sich steigern lassen. In Schumanns „Die Löwenbraut“ auf einen unmöglichen Text walten beide Künstler höchst geschmackvoll, in des Komponisten „Der Schatzgräber“ faszinieren der Wechsel zwischen chiaro und scuro, das Spiel mit den Vokalen u und a. Ein schönes Parlando zeichnet Brahms’ „Markgraf vom Rhein“ aus, das Schlicht-Volksliedhafte wird angenehm betont. Immer atemloser und dramatischer wird in Hugo Wolfs „Der Feuerreiter“ das Geschehen dargestellt, und umso gemessener klingt dann die letzte Strophe. Die ausgesprochen viril klingende, farbige Stimme eignet sich bestens für diese Gattung. Von Anfang an von Trauer umflort ist Mahlers „Wo die schönen Trompeten blasen“, unwirklich und schattenhaft zweideutig. Nach neun deutschen Titeln gibt es noch fünf englische zu hören. „And no birds sing“ wiederholt sich in „La belle dame“ in fahlem Klang und unterstreicht das Traumhafte des Stücks. Mit energisch kraftvollem Ton singt der Bariton „Lord Randall“, ebenfalls eine Mutter-Sohn-Geschichte. Auch die schöne Feierlichkeit von „The lost Chord“ liegt dem Sänger gut in der Stimme. Als spannendes Melodram wird „The Desert“ gestaltet, den Abschluß der vielseitigen CD bildet das ironische „Tale of the Oyster“ von Cole Porter. „The Ballad Singer“ ist bereits die siebente CD für Hyperion von Gerald Finley, und man kann sich nur noch mehr davon wünschen.
Hyperion CDA 67830
Ingrid Wanja

Live aus Berlin kommt ein Mitschnitt von Wagners „Der fliegende Holländer“ unter der musikalischen Leitung von Marek Janowski. Das der vorliegenden CD zugrunde liegende Konzert vom 13. November 2010 war das erste von mehreren bis zum Wagnerjahr 2013 in der Berliner Philharmonie angesetzten konzertanten Aufführungen, in denen Janowski die zehn wichtigsten Werke des Bayreuther Meisters dem Zuhörer ohne Regie und Bühnenbild präsentieren will. Der Focus soll gänzlich auf Wagners herrlicher Musik liegen. Die Konzerte werden von dem Label PentaTone aufgenommen und in zeitlich naher Folge zu den Aufführungen auf CD veröffentlicht. Den Anfang machte jetzt die vorliegende Einspielung des „Holländer“, deren Anschaffung durchaus zu empfehlen ist. Das musikalische und gesangliche Niveau ist recht hoch.
Einmal mehr erweist sich Marek Janowski als versierter Wagner-Dirigent. Er geht die Sache sehr markant und mit großer Intensität an und lotet die Musik feurig und mit großem Elan aus. Er baut mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin ausgeprägte Spannungsbögen auf, die er gut zu halten weiß, und wartet mit feinen klanglichen Differenzierungen und farblichen Nuancen auf. Wagners dynamische Vorgaben schraubt er dabei durchweg etwas nach oben, was einen vollen, prägnanten Orchesterklang mit guten Akzenten zur Folge hat. Er vermag auf diese Weise mannigfaltige dramatische Akzente zu setzen, lotet aber auch die lyrischen Stellen der Partitur mit großem Feingefühl aus. Als Beispiel hierfür seien nur die wunderbar weich und filigran, dabei aber gleichwohl sehr ausdrucksstark intonierenden Holzbläser beim erstmaligen Auftreten des Erlösungsmotivs im Vorspiel genannt. Daraus resultiert ein abwechslungsreicher und bunt gewebter Klangteppich von großer Dichte und Geschlossenheit. Die von Janowski angeschlagenen Tempi sind ziemlich zügig, manchmal etwas zu rasant. So beispielsweise am Ende. Während andere Pultmeister hier abschlagen und Senta Zeit lassen, ihren Opferentschluss ohne Hektik und mit Nachdruck zu verkünden, dirigiert Janowski hier ohne Unterbrechung und ohne Zurücknahme des schnellen Tempos durch und geht viel zu hastig über diese zentrale Stelle hinweg, die dadurch leider etwas an Bedeutung verliert. Zudem macht er es der Sängerin auf diese Art unnötig schwer. Abgesehen davon ist er den Vokalsolisten ein einfühlsamer Begleiter und deckt sie an keiner Stelle zu.
Gesanglich kann man zufrieden sein. In der Titelrolle ist Albert Dohmen mit kräftigem und gut gestütztem Heldenbariton zu hören, der insgesamt mehr durch Intensität des Vortrags als durch vielfältige Stimmfarben und Nuancierungen überzeugt. V .a. zu Beginn seines Monologs im ersten Aufzug neigt er manchmal zu überflüssigen Zäsuren innerhalb der Gesangslinie. Die ‚Es’-Spitzen von „In kurzer Frist sollst du mich wieder tragen!“ und „Dein Trotz ist beugsam“ fallen ihm nicht ganz leicht. Das hohe ‚Es’ scheint sein Bruchton zu sein. Dieses Manko bekommt er aber schnell in den Griff und singt im Folgenden geradlinig und elegant. Als Senta ist die über einen soliden, dunklen und gut gestützten jugendlich-dramatischen Sopran verfügende Ricarda Merbeth recht glaubhaft. In den großen dramatischen Ausbrüchen erreicht sie zwar nicht die Fulminanz einer Leonie Rysanek, der wohl besten Vertreterin dieser Partie, bezaubert aber in Sentas lyrischen Momenten durch gefühlvolle, innige und weiche Tongebung. Was für eine phantastische Mary ist doch Silvia Hablowetz! Mit profundem, bestens focussiertem und ausdrucksstarkem Mezzosopran reiht sich die junge Sängerin, deren Karlsruher und Wiesbadener Wagner-Auftritte noch in bester Erinnerung sind, in die erste Reihe der Rollenvertreterinnen ein. Über immer noch beträchtliche Bass-Reserven verfügt der Daland von Matti Salminen. Leider ist sein Gesangsstil nicht italienischer Natur, sondern mehr nordisch geprägt. Aber solange die Stimme im Körper sitzt…Letzteres ist bei dem den Erik ziemlich dünn und kopfig singenden Robert Dean Smith leider nicht der Fall. Da schneidet Steve Davislim schon besser ab, dessen angenehmer lyrischer Tenor einen schönen Kern aufweist. Davislims Steuermann ist kein rauer Seebär, sondern eher feinfühliger und bedächtiger Natur. Das hohe ‚b’ am Ende seines Liedes schleudert er im Gegensatz zu vielen anderen Sängern dieser Partie nicht kraftvoll heraus, sondern geht es eher vorsichtig an. Und der Rundfunkchor Berlin gehört zum Besten. Der Steuermanns- und der Geisterchor im dritten Aufzug gehören zu den absoluten Höhepunkten der Aufnahme. Insgesamt ein gelungener Auftakt zu der von PentaTone geplanten CD-Serie mit Wagners Werken, die im November 2013 mit der „Götterdämmerung“ abgeschlossen wird. Auf die Fortsetzung der Reihe kann man schon gespannt sein.
Ludwig Steinbach

Zehn Jahre Anna Netrebko an der Met werden mit einer CD gefeiert, auf der die Sängerin in allen bisher dort verkörperten Rollen zu hören ist. Eigenartig ist dabei die Auswahl, wenn zum Beispiel die Gilda weder mit „Caro Nome“ oder „Tutti i Di“ oder einem der großen Duette dokumentiert ist, sondern mit der kurzen Szene vor ihrer Ermordung und das auch noch mit einem eher kurzatmigen Sparafucile, der bekanntlich diesen Teil dominiert, und einer ebenso wenig bemerkenswerten Maddalena.
Immerhin lässt sich auf der CD die Entwicklung der Stimme der Netrebko nachvollziehen von einem schon dunklen, aber etwas scharf-kühlen Organ 2002 in „Krieg und Frieden“ zu einem an Rundung und Weichheit gewonnen habenden Sopran, der sich 2010 anhand ihrer Mimi nachweisen lässt. Da trifft die Russin genau die süße Bitternis der Partie, und wunderschön anzusehen ist sie natürlich in allen Partien, wie das Booklet freigebig dokumentiert. 2003 ist die Netrebko eine ganz ungewöhnliche und dabei reizvolle Zerlina, weder ein Soubrettensopran noch ein wahrer Mezzo, sondern eher schon auf dem Weg zu einer Donna Anna, wenn auch noch mit nicht perfektem Italienisch. Ein übermütiges Hüpfen der Stimme macht 2006 ihre Norina zu einem besonders kapriziösen Wesen, allerdings auch hier seltsamer Weise nur mit dem Finale der Donizetti-Oper. Sehr dominant ist Roberto Alagna als Romeo, der seine Julia gnadenlos in Grund und Boden singt und das auch deswegen zu Unrecht, weil man immerhin stellenweise feststellen kann, wie schön sie den Ton zu modulieren versteht. In ihrer großen Szene mit der Giftphiole kommt die sichere Höhe zur Geltung, wird die Stimme unter Druck aber auch leicht hart. Aus dem gleichen Jahr stammt die Elvira aus den „Puritani“, deren Stimme bei leichter Emission sanft und dunkel dahin fließt, allerdings auf Kosten der Konsonanten. Was die ins Deutsche übersetzte Kritik aus der Zeitung „Newsday“ mit „Zetern“ meint, lässt sich bei diesem Höreindruck wahrlich nicht ergründen. Den seligen Wahnsinn der Lucia zelebriert Anna Netrebko 2009 in dunkler Klarheit, schwebend und mehr dem Vermitteln der Situation als einem Koloraturenfeuerwerk oder Wahnsinnshöhen zugewandt. Aus dem selben Jahr stammt der Ausschnitt aus dem „Hoffmann“ mit Joseph Calleja voller Tristesse, aber leider sehr kurz. Die Dirigenten wechseln natürlich, Domingo, Gergiev und Armiliato sind darunter, Levine lediglich beim „Hoffmann. Die DG hat diese CD wohl als Appetithappen gedacht, der zum Kauf von Gesamtaufnahmen inspirieren soll.
DG 477 9903 Ingrid Wanja