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GÖTTERDÄMMERUNG

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin

M.L: Marek Janowski

 

PentaTone -  Best.Nr.: PTC 5186 409 -   4 CDs   - Spieldauer: 4,03 h

Toller Dirigent, mäßige Sänger

 Mit der Veröffentlichung eines am 15. 3. 2013 in der Berliner Philharmonie live aufgenommenen Mitschnitts der „Götterdämmerung“ auf CD endet der von Marek Janowskis in den letzten Jahren für das Label PentaTone entstandene Wagner-Zyklus. Und wieder einmal ist es der Dirigent, dem ein hohes Lob für seine ausgezeichnete Leistung auszusprechen ist. Er bringt die Musik einfach grandios, geradlinig, ausgewogen und mit enormem dramatischem Impetus zu Gehör. Die von ihm angeschlagenen Tempi sind ziemlich rasch, ohne dabei indes je überhetzt zu wirken. Janowski versteht sich hervorragend darauf, große angelegte Spannungsbögen über das gesamte Werk auszubreiten und dabei mit einer Transparenz aufzuwarten, die ihresgleichen sucht. Da werden viele Einzelheiten hörbar, die bei anderen Pultmeistern oft untergehen. Das bestens disponierte, intensiv und mit großer klanglicher Frische aufspielende Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin setzt seine Intentionen sehr versiert um. Im Trauermarsch und dem fulminanten Ende erreichen die Leistungen von Dirigent und Orchester ihre absoluten Höhepunkte. 

Wenn die vorliegende Aufnahme dennoch gegenüber den anderen „Ring“-Teilen, die unter Janowskis Leitung in der letzten Zeit herauskamen, erheblich abfällt, liegt es an den Sängern. Insbesondere die Vertreter der Hauptpartien vermögen nicht zu überzeugen. Petra Lang, die in der „Walküre“ und im „Siegfried“ eine herrliche Brünnhilde war, vermag in der „Götterdämmerung“ nicht in gleicher Weise zu überzeugen. Hier nähert sie sich ihrer Rolle etwas vorsichtiger. Die mehr lyrischen und emotional eingefärbten Stellen gelingen ihr gut. Insbesondere die ausladenden Höhen-Attacken sind ihre Sache aber weniger. Da verliert ihr insgesamt ansprechender, vom Mezzo kommender Sopran schon mal die Verankerung im Körper und nimmt einen etwas schrillen Klang an. Lance Ryan singt wie immer einen nicht gerade schön klingenden, eindimensionalen, in der Höhe oft gestemmten und intonationsmäßig nicht immer ganz lupenreinen Siegfried. Und wie der einst großartige Matti Salminen den Hagen angeht, kann man strenggenommen nicht mehr als Singen, sondern nur noch als Poltern mit bereits brüchig gewordenem Bassmaterial bezeichnen. Das hohe ‚g’ im dritten Aufzug bleibt er gänzlich schuldig. Mit typisch deutschem, jeder italienischen Technik abholdem Bariton singt Markus Brück den Gunther. Und auch sein Bruder Jochen Schmeckenbecher in der Rolle des Alberich geht vokal in diese Richtung. Hervorragend schneidet dagegen Edith Haller ab, die mit gut focussiertem Sopran die Gutrune singt. Ein Hochgenuss ist es, der Waltrautes Erzählung mit überaus tiefgründiger, voller und runder und dabei sehr ausdrucksstarker Mezzosopranstimme vortragenden Marina Prudenskaya zuzuhören, die der Star der Einspielung ist. Von den Rheintöchtern überzeugen die über solide Stimmen verfügenden Katharina Kammerloher (Wellgunde) und Kismara Pessatti (Flosshilde) mehr als die mit zu hoher Stütze intonierende Woglinde von Julia Borchert. Gemischte Gefühle hinterlassen auch die Nornen. Susanne Resmark singt die erste Norn über weite Strecken ansprechend, kommt aber einmal mit einem hohen Ton nicht zurecht. Die unstet singende Christa Mayer als zweite Norn hat man schon besser gehört. Solide Jacquelyn Wagners dritte Norn. Auf hohem Niveau präsentiert sich der von Eberhard Friedrich perfekt einstudierte Rundfunkchor Berlin.

Fazit: Ein sängerisch mäßiger Ausklang von Janowskis insgesamt sehr beachtlichem Wagner-Zyklus. Wer auf durchgehend gute gesangliche Leistungen keinen großen Wert legt, mag sich die Aufnahme anschaffen, denn Janowski zeigt sich wieder einmal von seiner besten Seite. 

Ludwig Steinbach, 10. 2. 2014

 

 

 

DIE WALKÜRE

Mariinsky Orchestra;  M. L.: Valery Gergiev 

 

Mariinsky 

Best.Nr.: MAR0527      

4 CDs:      Spieldauer: 236 Min

 

Glänzende gesangliche Leistungen 

 

Man muss schon sagen: Diese von 2011 bis 2013 abschnittsweise im Konzertsaal des Mariinsky-Theaters, St. Petersburg aufgenommene „Walküre“ unter der musikalischen Leitung von Valery Gergiev kann sich sehen lassen. Das ist umso überraschender, als die vor kurzem hier bereits besprochene, ungefähr im selben Zeitraum entstandene Einspielung des „Rheingolds“ von Gergiev gnadenlos in den Sand gesetzt wurde. Hier sind der Dirigent und das versiert aufspielende Orchester ungleich besser in Form und präsentieren eine „Walküre“, die zu hören Freude bereitet. Die Musiker spielen viel konzentrierter und mit reinerer Intonation als noch beim „Rheingold“ und auch die Auffassung Gergievs ist  ansprechender Natur. Er dirigiert Wagners Werk in wieder sehr zügigen Tempi packend, spannungsgeladen und mit hohem emotionalem Gehalt, wobei er dieses Mal auch die verschiedenen Leitmotive stets richtig in den Vordergrund stellt und Klänge mit Begleitfunktion in den Hintergrund rückt. Warum ist ihm das im „Rheingold“ nicht ebenso trefflich gelungen, muss man sich fragen? Zwischen den beiden Einspielungen liegen schon Welten.  

Zu begeistern vermögen die sängerischen Leistungen. Hier ist an erster Stelle René Pape zu nennen, der einen ausgezeichneten Wotan singt. Er nähert sich der Partie nicht mit der brachialen Stimmkraft eines Heldenbaritons, sondern mit mehr lyrischen Mitteln und der Intelligenz eines Liedersängers. Er verfügt über einen exellent focussierten Bass italienischer Schulung, den er sehr differenziert und nuancenreich einzusetzen weiß und dabei voll in seiner Rolle aufgeht. Selten hat man in letzter Zeit einen Sänger erlebt, der die Verzweiflungsausbrüche und Gefühlsstürme des Göttervaters mit einer derartigen Intensität zum Besten gegeben hat wie Pape. Auch die lyrisch-gefühlvollen Passagen meistert er mit eleganter Linienführung und stark emotional eingefärbtem Stimmklang. Dieser großartige Bassist durchlebt seine Rolle in ihren sämtlichen Facetten und mit einem Höchstmaß an beeindruckender Ausdrucksstärke. Das ist ein Rollenportrait, das unter die Haut geht. Neben ihm beweist Nina Stemme, dass sie eine der besten Brünnhilden unserer Zeit ist. Ihr Stimmsitz ist profund und tiefgründig, wenn auch leider nicht italienischer Natur, und die Führung ihres Soprans sehr emotional. Sie schleudert die dramatischen Attacken der „Hoijotoho“-Rufe mit großer Strahlkraft und sicher erreichten Spitzentönen in den Raum und legt bei den etwas ruhigeren und lyrischen Phrasen beachtliche  Legatofähigkeiten an den Tag. In Brünnhildes tief gefühlter Erschütterung in der Todesverkündigung ist sie ganz groß. Hier korrespondiert ihr dunkel eingefärbter Sopran hervorragend mit dem stark baritonal timbrierten Tenor von Jonas Kaufmann als Siegmund. Hier dürfte es sich um die beste Wagner-Partie des Sängers handeln, zu der seine bronzefarbene Stimme hervorragend passt und der er mit immenser Ausdrucksintensität Herr wird. Das Getriebene und das rasante Aufbegehren des manipulierten Wotansohnes hat man schon lange nicht mehr so eindringlich erlebt. Aber auch in den emotional stark aufgeladenen Liebesszenen mit Anja Kampes Sieglinde ist er voll überzeugend. Hier gelingen beiden Sängern fulminante vokale Steigerungen, die einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Das hohe Niveau, mit dem Frau Kampe in den ersten beiden Aufzügen aufweist, kann sie im dritten Akt leider nicht halten. Da rutscht ihr Sopran in der Höhe einige Male aus der Focussierung, was einen reichlich schrillen Klang nach sich zieht. Letztes Jahr in Bayreuth war sie in dieser Rolle besser. Eine mit ausgeprägtem, vorbildlich focussiertem Mezzosopran durchaus nicht traditionell keifende sonder viel mehr klangschön mit guter deutscher Diktion argumentierende Fricka ist Ekaterina Gubanova. Profundes Bassmaterial bringt Mikhail Petrenko für den Hunding mit. Durchweg gefällig klingen die kleinen Walküren von Zhanna Dombrovskaya (Gerhilde), Irina Vasilieva (Ortlinde), Natalia Evstafieva (Waltraute), Lyudmila Kanunnikova (Schwertleite), Tatiana Kravtsova (Helmwige), Ekaterina Sergeeva (Siegrune), Anna Kiknadze (Grimgerde), Elena Vitman (Roßweise).  

Fazit: Eine sehr gelungene Aufnahme, deren Anschaffung sich lohnt.

Ludwig Steinbach, 15. 1. 2014

 

 

DAS RHEINGOLD

Mariinsky Orchester, Valery Gergiev 

Best.Nr.: MARO526       2 CDs          Spieldauer: 147  min

 

Musikalischer Tiefpunkt in der Aufnahmegeschichte des „Ring“-Vorabends

Die vorliegende CD von Wagners „Rheingold“ ist über zwei Jahre hinweg, von 2010 bis 2012, im Konzertsaal des Mariinsky-Theaters, St. Petersburg aufgenommen worden und stellt nicht gerade einen positiven Beitrag in der Aufnahmegeschichte des Werkes dar. Valery Gergiev und das seltsam uninspiriert aufspielende Mariinsky-Orchester sind alles andere als in Form und liefern rein musikalisch die eindeutig mäßigste Aufnahme des Werkes. Gergiev wartet mit teilweise sehr unausgewogenen Tempi auf. Mal rast er mit den Musikern regelrecht von dannen, dann wieder dehnt er den Klang zu sehr. Seine Intention, Nebenstimmen hörbar zu machen, ist an sich akzeptabel, darf aber nicht auf Kosten der Hauptmotive gehen, die allzu oft zu sehr in den Hintergrund gedrängt werden. Zudem vermisst man eine ausgewogene Balance zwischen den einzelnen Instrumenten. Der von Gergiev und dem oft reichlich intonationsunsicheren Orchester erzeugte Klangteppich ist alles andere als gefällig und fällt zudem oft auseinander. Von einer überzeugenden Interpretation kann unter diesen Umständen keine Rede sein. Hier läuft Gergiev zu vieles aus dem Ruder, das daraus resultierende musikalische Desaster ruft den Eindruck hervor, dass der Aufnahme eine erste Anspielprobe zugrunde liegt. Fast hat es den Anschein, als würden Dirigent und Musiker das Stück gar nicht kennen. Was sie hier bieten, ist schlicht und ergreifend eine Zumutung. Und auf die Sänger wird obendrein auch nicht immer die nötige Rücksicht genommen.  

Diese sind zwar zum großen Teil stimmlich gut, indes hätte seitens des Dirigenten bei den oft des deutschen Textes nicht sonderlich mächtigen Gesangssolisten etwas mehr Einfühlsamkeit nichts geschadet. Bei einigen von ihnen hat man den Eindruck, dass sie den Text nur nach Lautschrift gelernt haben, ohne ihn richtig zu verstehen. Das gilt insbesondere für Nikolai Putilin, der den Alberich zwar mit profundem, knorrigem Charakterbass durchaus beachtlich singt, aber mit der deutschen Diktion, an der er nicht nur einmal scheitert, ganz schön auf Kriegsfuß steht. Genauso schlimm ist es um die Aussprache seines Nibelungenbruders Mime bestellt, der in Andrei Popov zudem einen sehr grell und schlecht gestützt singenden Vertreter hat. Mit demselben Sprachproblem haben die Rheintöchter von Zhanna Dombrovskaya (Woglinde), Irina Vasilieva (Wellgunde) und Ekaterina Sergieva (Flosshilde) mehr oder weniger zu kämpfen. Gesanglich schneiden sie mit ihren tiefgründigen, runden Stimmen indes hervorragend ab. Auch der den Loge mit schönen lyrischen Mitteln gestaltende Stephan Rügamer vermag zu gefallen. Naturgemäß haben mit der Aussprache diejenigen Sänger keine Schwierigkeiten, die oft in Deutschland auftreten. Dazu gehören der den Wotan mit der Intelligenz eines Liedsängers, bester italienischer Technik und herrlicher Kantabilität anlegende René Pape sowie Evgeny Nikitins wunderbar emotional und sonor singender Fasolt. Hier wächst ein guter Wotan nach. Auch Ekaterina Gubanova weiß mit ihrem trefflich focussiert klingenden und ausdrucksstark eingesetzten Mezzosopran als Fricka voll zu überzeugen. Große vokale Autorität verleiht Zlata Bulycheva der Erda. Solide schneidet Viktoria Yastrebova in der kleinen Rolle der Freia ab. Alexei Markov ist ein insgesamt kräftig singender Donner, könnte aber seinen Bruchton ‚e’ besser im Griff haben. Mikhail Petrenko gibt einen stimmstarken, eindringlichen Fafner, den man sich als Hagen ebenfalls trefflich vorstellen könnte. Ausgesprochen dünnes, jeder soliden Anlehnung entbehrendes Tenormaterial bringt Sergei Semishkur für den Froh mit. 

Fazit: Eine Aufnahme, bei der es aufgrund der ungenügenden Leistungen von Dirigent und Orchester verwundert, dass sie überhaupt veröffentlicht wurde. Viele Stellen hätten korrigiert gehört. Dass man sich dazu nicht die Zeit genommen hat, verwundert doch sehr. Gergiev scheint hier jede Fähigkeit zur Selbstkritik verloren zu haben. Der Erwerb der CD kann demzufolge nicht empfohlen werden. 

Ludwig Steinbach, 3. 1. 2014

 


 

 

DER RING DES NIBELUNGEN

Christian Thielemann, Bayreuth 2008

 

Opus Arte

14 CDs

 

Direkt von der Bühne des Bayreuther Festspielhauses kommt ein Live-Mitschnitt von Wagners groß angelegter Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ in bester Klangqualität. Aufgenommen wurden Aufführungen im Juli und August 2008. Bereits nach dem ersten Anhören kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, den besten „Ring“ seit langem gehört zu haben. Das verdankt sich in erster Linie dem grandiosen Dirigat von Christian Thielemann. Seit Furtwängler und Knappertsbusch hat man Wagners Werk nicht mehr so majestätisch und erhaben, so gewaltig und berauschend erlebt wie unter Thielemann, der hier die legitime Nachfolge der genannten Pult-Giganten antritt und sich als Meister seines Fachs erweist. Dieser „Ring“ stellt einen Meilenstein in der Tonträger-Geschichte dar. Thielemann schreckt vor feierlichem Pathos nicht zurück und präsentiert die vielschichtige Musik in einem heroisch-glanzvollen, dabei aber auch romantisch anmutenden Stil, in dem Gefühle ganz groß geschrieben werden. Die hervorragende Steigerungskunst des Dirigenten sowie seine Fähigkeit, Spannungsbögen von großer dramatischer Dichte zu zaubern, begeistern nachhaltig. Thielemann verliert nie den Blick auf das Ganze, vernachlässigt aber auch Einzelheiten nicht. Die von ihm angeschlagenen, oft ziemlich langsamen Tempi führen zu einer Detailgenauigkeit, die ihresgleichen sucht. Über nichts wird hier hinwegdirigiert, alle Einzelheiten werden akribisch ausgeleuchtet, wofür sich Thielemann oft viel Zeit nimmt. Er war schon immer ein Freund langer Generalpausen und wartet auch hier oft mit stark retardierenden Momenten auf. Zeitweilig scheint die Musik regelrecht still zu stehen, ohne dabei jedoch nur ein Quantum an Spannung einzubüßen, was ganz große Dirigierkunst ist. Wagners gewaltige Klangtableaus lotet er auf diese Weise perfekt aus. Darüber hinaus wird die Musik bei ihm nie zum Selbstzweck, sondern steht immer im Dienst des Ganzen. Bemerkenswert ist auch Thielemanns untrügliches Gespür für große symphonische Zusammenhänge, die er minutiös auskostet. Der Walkürenritt, Wotans Abschied und der Feuerzauber, Wotans „letzter Ritt“, Siegfrieds Durchschreiten des Feuers, die Rheinfahrt und der Trauermarsch sowie das Ende der „Götterdämmerung“ geraten zu absoluten Höhepunkten der Einspielung. Neben dem Dirigenten wird das ungemein intensiv, elegant und präzise aufspielende Orchester zum unumstrittenen Star der Aufnahme. Beiden gelingt es, diesem „Ring“ ihren unverwechselbaren, von großer Eindringlichkeit geprägten Stempel aufzudrücken.

Auch gesanglich bewegt sich die Einspielung auf insgesamt hohem Niveau. Albert Dohmen ist ein grundsolider Wotan, dem er mit schönem, kernigem Bariton, der auch - besonders im „Siegfried“ - zu schöner Linienführung fähig ist, ein beachtliches Profil verleiht. Von einigen kleinen Schärfen in der Höhe abgesehen erbringt auch Linda Watson als Brünnhilde eine ansprechende Leistung. Stephen Gould als Siegfried vereint in seiner angenehm klingenden Stimme dramatischen Aplomb und schöne lyrische Momente. Der junge Siegfried gelingt ihm ausgezeichnet. Beim alten Siegfried macht ihm indes die Höhe etwas zu schaffen. Zum Schluss des zweiten Aufzuges und beim „Hoihe“-Ruf im dritten Aufzug gerät sein Tenor an seine Grenzen. Ein Glücksfall für die Sieglinde ist Eva-Maria Westbroek, die mit bestens gestütztem, warmem und gefühlvollem Sopran und herrlichen Spitzentönen alle Register dieser schwierigen Partie zieht. Ob dramatischer Ausdruck oder lyrische Innigkeit, alle stimmlichen Ausdruckspaletten stehen dieser Sängerin in höchstem Maße zur Verfügung. Ein Kapitel für sich sind auch ihre fulminanten Jubelausbrüche. Hier haben wir es mit einer Jahrhundert-Sieglinde zu tun. Das ist die beste sängerische Leistung der CD. Wunderbares, in allen Lagen gleichermaßen gut ansprechendes Sopranmaterial bringt auch Edith Haller für Freia, Gutrune, die dritte Norn und Helmwige mit. Nicht minder beeindruckend ist Hans-Peter König, der mit vollem, ausdrucksstarkem Bass dem Hagen und dem Fafner ein beeindruckendes Profil gibt. Von den Männern ist er der Beste. Einen sonoren, schön timbrierten Bass nennt Kwangchul Youn als Fasolt und Hunding sein Eigen. Ein eindringlich gestaltender, gesanglich tadelloser Loge ist Arnold Bezuyen. Freude bereitet es, Michelle Breedt als Fricka zuzuhören. Es ist ihr hoch anzurechnen, dass sie ihren großen Dialog mit Wotan in der „Walküre“ nicht zum bloßen Gezänk verkommen lässt, sondern nuanciert zu argumentieren versteht. Eine ansprechende, pastose und höhensichere Altstimme bringt Christa Mayer für die Erda und die „Götterdämmerungs“-Waltraute mit. Gut besetzt sind mit Simone Schröder und Martina Dike die erste und die zweite Norn. Letztere ist auch als „Walküren“-Waltraute zu hören. Ebenfalls achtbar gibt Frau Schröder die Flosshilde und die Schwertleite. Nichts auszusetzen ist an Ulrike Helzel als Wellgunde. Weniger überzeugend ist dagegen Fionnuala McCarthy, die mit unterkühltem und nicht ganz intonationssicherem Sopran die Woglinde singt. Einen vielschichtigen, manchmal geradezu heldische Töne anschlagenden Mime gibt Gerhard Siegel. Leider wartet er mit einem variablen Stimmsitz auf. Andrew Shore kann dem Alberich gesanglich so gar keine Konturen abgewinnen. Die fahle, klanglose Stimme sitzt stark im Hals und wird mehr deklamatorisch als singend eingesetzt. Mulmig und vergrübelt klingt Endrik Wottrich als Siegmund. Darüber hinaus stellt sein häufiges Lispeln einen Störfaktor dar. Nicht gerade den besten Eindruck macht der zeitweilig ziemlich kopfig singende Ralf Lukas als Donner und Gunther. Nur über einen flachen Tenor verfügt auch Clemens Bieber als Froh. Mit dünnem Sopran zwitschert Robin Johannsen den Waldvogel. Als Gerhilde, Ortlinde, Siegrune, Grimgerde und Roßweise runden Sonja Mühleck, Anna Gabler, Wilke te Brummelstroete, Annette Küttenbaum und Manuela Bress das Ensemble ab. In der „Götterdämmerung“ stellt der Bayreuther Festspielchor einmal mehr nachhaltig sein hohes Niveau unter Beweis.

Fazit: Wahrlich ein preisverdächtiger „Ring“, dessen hoher Bedeutung auch das Ende aller Zeiten keinen Abbruch tun kann.

Ludwig Steinbach


 

 

Von der Hörbühne der Staatsoper Wien

Richard Wagners Tetralogie mit Christian Thielemann

14 CDs (als Bonus-Zugabe informieren zwei DVDs über Ring-Rezeptionen)

 

0289 479 1560 7

 

Nein, als Wundertat lässt sich die Wiener Tetralogie auf der Hörbühne nicht einstufen. Da verstimmt zunächst einmal die klangliche Disposition. Man sollte den Lautstärke-Pegel fast bis zum Anschlag aufdrehen, um all die klanglichen Gestalten, die motivischen Strukturen, das exzentrische Aufrauschen und Eintauchen in die lyrischen Oasen, hörgerecht auszumachen. Was Christian Thielemann, wahrlich ein Klangmeister von Format, aus dieser genialen Partitur zu zaubern versteht, wie er subtil und ausdrucksvoll zugleich die Übergänge zu modellieren, die meditativ depressiven Stimmungen herauszufiltern und richtig zu beatmen versteht, das verdient  Lob. Und es ist gut, dass Thielemann am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper alles Blechgepanzerte unter trefflicher Kontrolle hält. Nichts schwappt hier über die Sänger. Thielemann inspiriert das Orchester zu fein ausziselierten Soli der Holzbläser. Dass in diesem Wagnerschen dunkel getönten Mischklang ein wenig die prägnanten Konturen verwässern, ist wohl dem Aufnahmeteam geschuldet, dem man eine feineres Händchen gewünscht hätte.

Zwiespältig fällt die musikalische Ernte in Sven-Eric Bechtolfs Wiener Rezeption aus. Man darf sich über den Wagner-Gesang ruhig noch weitere Gedanken machen. Nun auf der Strecke bleibt im vokalen Fight niemand, schon gar nicht Stephen Gould, der sich als atemstarker, voller Elan vital zupackender Siegfried profiliert. Der ist eine richtige Frohnatur, ein Springinsfeld, einer der hörbar seine Spontaneität zum Besten gibt. Die Rollenidentifikation des Wotan durch Albert Dohmen in allen Ehren. Der versteht wohl sein Stimmfach, mag er auch mit seiner substanzvollen Bassstimme die hoch gelegenen Partien nicht ohne Anstrengungen erreichen. Schade nur, dass die kurzfristig für die indisponierte Katarina Dalayman beherzt in „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ einspringende Brünnhilde der Linda Watson nicht mehr über die strahlenden, aufblühenden Höhen und makellos geführten Register verfügt, um die Höhentücken dieser Partie mit der gebotenen Souveränität zu meistern. Durchwegs stimmfrisch deklamiert die Dalayman noch ihre prähistorischen Jojohto-Jodler. Freilich vermag sie stimmlich in der Todesverkündigung nur mehr eingeschränkt zu überzeugen.

Im Übrigen ist in der Wiener Einspielung der „Walküre“ ein gut aufeinander abgestimmtes Wälsungenpaar zu hören. Christopher Ventris gibt trotz Abstriche beim mitatmenden Phrasieren die Rolle des Siegmund mit den erschütternden „Wälse“-Rufen bis hin zu vermeintlichen Glück der „Winterstürme“ respektgebietend. Vom stimmlichen Raffinement lebt die Sieglinde der routiniert gestaltenden Waltraud Meier, die mit bewundernswertem Durchhaltevermögen einen jubelnden ersten Aktschluss der Walküre hinlegt. Der kriegslüsterne Wotan von Albert Dohmen imponiert bei den Zorneswallungen und Schmerzen des Abschieds. Fricka (Janina Baechle nicht ohne Mühen artikulierend) wahrt kompromisslos die Moral. Die first Lady von Walhall wirkt zänkisch aufgebracht, penetrant, so dass die Spannungen im Hause Wotan, all die Rechthabereien, Aggressionen und eheliche Auseinandersetzungen, mit ausgeprägter Emotionalität vorgeführt werden. Da bekämpfen sich in der Tat verfeindete  Lager. Die dunkle Wagnersche Welt, Liebe und Drohung, Verzweiflung und Abschied, gewinnt in der pultlenkenden Funktion von Christian Thielemann fesselnde Wirkung.

Und eine gewiefte Wagner-Koryphäe ist Thielemann allemal, wenn er die naturhaften Segmente im „Siegfried“ (Waldweben) weitausladend vorführt, dazu genügend Pausen setzt, um dem Pianissimo nachzuhören und mit den Sängern zu atmen. In Geste und Diktion imponiert der schlaue Mime von Wolfgang Schmidt. Mit kräftiger Puste gelingen Stephen Gould die Schmiedelieder, doch weniger überzeugen die grandiosen Ausbrüche im dritten Akt des Siegfried.

 Im „Rheingold“ inspiriert Thielemann das Wiener Opernorchester zu fein ausziselierten Bläserlinien und einer gut ausbalancierten Schärfe. Der widerlich machtgierige Alberich von Tomasz Konieczny gestaltet in diesem Satyrspiel und Konversationsstück artikulatorisch überzeugend. Recht fabulierfreudig, ironischen Pfeffer streuend, versieht Adrian Eröd die Tenorpartie des Loge. So addieren sich im Rheingold die Szenen komödiantisch aufgemöbelt, ausgefeilt im Detail, zu einer durchwegs amüsanten, lustvoll aufgezogenen gesellschaftskritischen Analyse.

Wie fällt die musikalische Ernte in der „Götterdämmerung“ aus? Die Brünnhilde von Linda Watson bemüht sich routiniert um die Verzweiflungsausbrüche. Dem Neurotiker Gunther, dem durchaus sympathische Züge abzugewinnen sind, gibt Markus Eiche glaubwürdiges Profil. Hinterhältig die beiden Hagen-Figuren: Eric Halfvarson im ersten und zweiten Akt. Attila Jun erscheint im dritten Akt. Den Singlorbeer darf eigentlich niemand nach Hause tragen. Einen trefflichen Eindruck gewinnt man in jedem Fall von den Chören der Wiener Staatsoper.

Auch wenn die Protagonisten ihren Kehlenwettstreit mit Anstand durchstehen, fällt dieses Spiel um die Macht nicht gerade spektakulär aus. Immerhin führt das Orchester der Wiener Staatsoper mit edlem Spiel der Holzbläser und glanzvoll aufspielendem Blech vor, welch flexible Musici da im offenen Graben vom Dirigiervirtuosen Thielemann befeuert werden. Die Einlassungen von Sven-Eric Bechtolfs nehmen sich literarisch (Richard Wagner: „Der Ring des Nibelungen“, gelesen von Bechtolf, col legno 70001 8 CDs, 2007) zwar gewitzt aus, in der szenischen Umsetzung werden die Versprechungen kaum eingelöst.  

Dafür liefert eine Dokumentation von Eric Schulz als Bonus auf zwei DVDs Kommentare und Analysen zur Ausdeutung der Tetralogie. Musikologen, Journalisten und Interpreten steuern informative Beiträge bei. Dass die Rezeptionsgeschichte des Ring mehrere Lesarten aufweist, wird in Ausschnitten vorgeführt. So wird an die epochale Ring-Interpretation von Patrice Chéreau (Bayreuther Festspiele l979/1980 mit Pierre Boulez) erinnert wie sich der Ring-Kosmos für das bürgerliche Drama öffnet und die abstrahierende Szene politisiert wird. In Harry Kupfers Rezeption versteht sich die leergefegte Bühne als eine Straße der Geschichte, auf der sich die einzelnen Stationen der Parabel ereignen. So wird der erste Akt von Siegfried in eine große Röhre verlegt (Raumschiff, U-Boot). Der szenische Ausschnitt stammt aus Bayreuth von den Festspielen l991/92 - am Pult steht Daniel Barenboim.

 Mit 3 D Computer-Animationen und Bühnenakrobaten wartet die Ring-Produktion im „Palau de les Arts Reina Sofia“ in Valencia auf. Die katalanische Performance- und  Theatergruppe „La Fura dels Baus“ steigert die Akrobatik zur hypertrophen Aktionitis. Diese Cyber-Konzeption, eine Mixtur aus „Herr der Ringe“, „Star Wars“ und „Street Theater“, die dem dramatischen Geschehen mit soghafter Wirkung und avancierten Bildsignalen dient, vernachlässigt weitgehend die Führung der Personen. Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Zubin Mehta. Zu guter Letzt beleuchtet ein Ausschnitt aus der Ring-Produktion der Wiener Staatsoper von 2011 jene Versuche Sven-Eric Bechtolfs, auch Seelisches aus dem Unterbewusstsein hervorzukehren und Blicke ins Innere zu werfen. Innovative Einsichten werden aber kaum kreiert.

Egon Bezold , 15.09.13  

 

 

 

SIEGFRIED

 

PentaTone -   Best.Nr.: PTC 5186 408   3 CDs   -   Spieldauer: 3:47 h

 

Wieder eine Referenzaufnahme 

 

Unaufhaltsam steuert der Wagner-Zyklus des RSB unter der musikalischen Leitung von Marek Janowski seinem Ende entgegen. Inzwischen ist das Label PentaTone mit seinen Veröffentlichungen von Live-Mitschnitten konzertant dargebotener Wagner’scher Werke aus der Berliner Philharmonie auf CD beim „Ring“ angelangt. Und die Zeitspanne zwischen den einzelnen Publikationen ist im Lauf der Zeit immer kürzer geworden. Nachdem in den letzten drei Monaten kurz hintereinander das „Rheingold“ und die „Walküre“ in mustergültigen Einspielungen herausgekommen sind, ist nun auch ein am 1. 3. 2013 live aufgezeichneter „Siegfried“ auf CD veröffentlicht worden. Und erneut ist der Eindruck sehr beglückend. Vorab zu loben ist die hochkarätige Klangqualität. Die Tonmeister haben hier wieder ganz hervorragende Arbeit geleistet, so dass das Hören der CD ein Hochgenuss ist.  

Wenn auch diese bemerkenswerte CD das Zeug zur Referenzaufnahme hat, liegt das indes nicht nur an der phantastischen Tonqualität, sondern in noch weit stärkerem Maße an den fast durchweg erstklassigen musikalischen und gesanglichen Leistungen. Und wieder ist es Marek Janowski, der dem Ganzen seinen unverwechselbaren, persönlichen Stempel aufdrückt. Es ist schon erstaunlich, welch hohe klangliche Raffinesse er und das ungemein versiert, frisch und intensiv aufspielende Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin auch hier wieder an den Tag legen. Dieser geniale Pultmeister erweist sich einmal mehr als äußerst geschickter Koordinator, der Musiker und Sänger perfekt zusammenhält, woraus ein sehr stimmiges und ausgewogenes musikalisches Geflecht entsteht. Die Mitglieder des Orchesters sind stets hoch konzentriert und setzen Janowskis Intentionen mit einem Höchstmaß an Präzision und punktgenau um. Sie bilden einen idealen Klangkörper. Hier hört jeder auf jeden und geht auf ihn ein, woraus eine enorme Brillanz des Zusammenspiels resultiert. Das Ergebnis ist eine sehr dichte, geschlossene, stringente und dynamisch vielschichtige Interpretation in rasanten Tempi. Janowski versteht es ausgezeichnet, Spannung aufzubauen und den musikalischen Fluss mit großem Können aufrechtzuerhalten. Er hat stets den großen musikalischen Zusammenhang im Auge, ohne dabei aber Details zu vernachlässigen. Seine ausgeprägte Steigerungskunst, eine eindringliche und markante Diktion der Orchesterstimmen sowie die wunderbare Transparenz - vieles wird hörbar, was sonst oft untergeht - tun ein Übriges, um nachhaltig Begeisterung für Janowskis phänomenales Dirigat zu erzeugen, das zu den Besten der Jetztzeit gehört.  

Dass die Sänger/innen sich unter diesem Ausnahmedirigenten wohlfühlen, hört man. Janowski geht auf ihre Bedürfnisse ein, atmet mit ihnen und deckt sie an keiner Stelle zu. Darüber hinaus gibt er ihnen genug Spielraum, um ihre Rollen überzeugend zu gestalten. So ist Stephen Gould kein reiner Haudrauf, der den Siegfried nur mit ausgeprägter Stimmkraft und vokaler Expansion bewältigt - Max Lorenz war so einer -, sondern vielmehr ein sensibler und nuancenreicher Gestalter, der über beeindruckende heldentenorale Attacke im gleichen Maße verfügt wie über zarte, innige und gefühlvolle Töne. Sein Stimmsitz ist perfekt, die bis zum hohen ‚c’ reichenden Spitzentöne sind sauber in die Gesangslinie eingebunden. An Goulds hohes gesangliches Niveau vermag Christian Elsner als Mime nicht anzuknüpfen. Dieser Sänger, der unter Janowski bereits ein toller Loge war und in der vergangenen Saison in Kassel sogar mit der Heldenrolle des Parsifal nachhaltig zu gefallen wusste, ist hier leider auf den unglücklichen Gedanken gekommen, seine ansonsten vorbildliche Körperstütze um eines charaktermäßigen Ausdrucks willen zugunsten einer insgesamt maskig und oft verzerrt klingenden Tongebung aufzugeben. Das hätte wirklich nicht sein müssen. Nahtlos vermag Tomasz Konieczny in der Rolle des Wanderers an das hohe Niveau seiner beiden vorangegangenen Wotane anzuknüpfen. Insbesondere in den fulminanten Höhen des dritten Aufzuges legt er großen vokalen Glanz an den Tag, macht im ersten Aufzug aber auch mit sonor vorgetragenen und große Autorität atmenden langen Bögen nachhaltig auf sich aufmerksam. Besser als noch im „Rheingold“ schneidet Jochen Schmeckenbechers Alberich ab. Sein Bariton sitzt hier insgesamt besser im Körper und wird prägnant und textverständlich geführt. Matti Salminen hat seine besten Zeiten hinter sich, bringt für den Fafner aber immer noch beträchtliche Bassreserven mit. Gefällig ist auch die Erda von Anna Larsson, deren pastoser Alt nur bei dem hohen ‚as’ etwas an Focussierung verliert. Eine imposante, prägnant und elegant intonierende Brünnhilde ist die vom Mezzo - ihr Bruchton ist das hohe ‚f’ - herkommende Violeta Urmana, die nicht nur die beiden hohen ‚c’ ’ s ihrer Partie tadellos erreicht, sondern auch mit der unangenehm hoch liegenden Tessitura der Rolle bestens zurecht kommt. Schön im Körper und tiefgründig singt Sophie Klußmann den Waldvogel.  

Fazit zum Schluss: Wieder eine maßstabsetzende Aufnahme von Altmeister Janowski, die in der Aufnahmegeschichte des Werkes einen vorderen Platz einnimmt und deren Anschaffung dringendst zu empfehlen ist.  

Ludwig Steinbach, 13. 9. 2013

 

 

 

DIE WALKÜRE 

 

PentaTone 

Best.Nr.: PTC 5186 407 

 

Eine konzertante Aufführung in der Berliner Philharmonie vom 24. 11. 2012 liegt der vorliegenden Live-Aufnahme von Wagners „Walküre“ zugrunde. Sie ist jetzt von dem Label PentaTone im Rahmen seines Wagner-Zyklus zum 200. Geburtstag des Bayreuther Meisters unter der Leitung von Marek Janowski in hervorragender Tonqualität auf CD herausgebracht worden.

Geriet bereits Janowskis erste Aufnahme des Werkes aus dem Jahr 1981 mit damals so namhaften Sängern wie Jeannine Altmeyer, Siegfried Jerusalem und Theo Adam zu einer Sensation, setzte der Dirigent hier sogar gekonnt noch eins drauf. Man kann bei dieser Neueinspielung des ersten „Ring“-Abends in musikalischer Hinsicht getrost von einem kleinen Wunder sprechen. Es ist schon erstaunlich, mit welcher Bravour und Vollkommenheit Janowski es geschafft hat, seine damalige Reverenzaufnahme des Stückes noch zu toppen. Aber dass er ein Meister seines Fachs ist, hat man ja schon immer gewusst. Was Janowski und das prächtig disponierte Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin hier zu Wege gebracht haben, ist allererster Güte und geeignet Begeisterung auszulösen. Bereits bei dem einleitenden Gewittersturm sind die sehr prägnant, mit großer Fulminanz aufspielenden und bestens aufeinander eingestimmten Musiker voll präsent, was sich auch im weiteren Verlauf des Stückes nicht ändert. Hier hört jeder auf jeden, woraus äußerst präzise Einsätze resultieren. Mit großer Konzentration und hoher technischer Versiertheit folgen sie dem Dirigenten und setzen dessen Intentionen mit einem Höchstmaß an üppiger Klangpracht und starker Ausdrucksintensität um. Janowski versteht es ausgezeichnet, sein Orchester zu führen und zu immer neuen Höhepunkten zu animieren, wobei die einzelnen Instrumentengruppen hervorragend miteinander und mit ihrem großartigen Maestro harmonieren. Hier wird eine Übereinstimmung zwischen Dirigent und Musikern erreicht, wie man sie sonst nur selten erlebt und die beredtes Zeugnis von den enormen Fähigkeiten dieses genialen Pultmeisters ablegt, der leider nie in Bayreuth dirigiert hat. Im Ausloten von Wagners herrlicher Musik zeigt sich Janowski ganz groß. Er ist wahrlich ein Dirigent, der einer Musik Inhalt zu geben versteht. Mit ungemeiner Verve, sehr rasant und in ausgesprochen raschen Tempi führt er das Orchester durch die vielschichtige Partitur, deren spezifische Schönheiten er glanzvoll vor den Ohren des begeisterten Zuhörers auszubreiten versteht, wobei Emotionalität ganz groß geschrieben wird. Janowski ist kein bloßer Analytiker und hat sich auch nicht reinem Pathos verschrieben. Seine Ausdeutung der „Walküre“ ist ganz der romantischen Tradition verpflichtet, wovon die fast durchweg weiche Tongebung zeugt, lässt aber auch den versierten Theaterdirigenten erkennen, der die einzelnen Motivstränge exellent miteinander zu verknüpfen und auf blendende Art und Weise groß angelegte Spannungsbögen zu erzeugen weiß, woraus ein sehr dichtes und stringentes, in sich geschlossenes Klangbild von großer Pracht entsteht. Wagners Postulat von der unendlichen Melodie wird hier in einer Art und Weise Genüge getan, wie man sie ansonsten derzeit nur bei Christian Thielemann erleben kann. Wie sein berühmter Kollege versteht es auch Janowski ausgezeichnet, das Nervenkostüm des Zuhörers zum Vibrieren zu bringen und regelrecht in einen Rausch zu versetzen. Bei aller atemberaubenden Akkuratesse der kraftvoll und mit glühender Ekstase dargebotenen Musik achtet Janowski aber auch stets auf die Bedürfnisse der Sänger, die er nie zudeckt und denen er auch genug Zeit zum Atmen einräumt.

Auch das aufgebotene Sängerensemble bewegt sich fast durchweg auf hohem Niveau. Getragen wird die Aufnahme von Tomasz Konieczny, Thielemanns Wiener Alberich, der hier als Wotan eine wahre Glanzleistung erbringt. Mit seinem dunkel timbrierten, voluminösen und autoritär anmutenden Bass-Bariton, der in allen Lagen gut anspricht und über eine treffliche Verankerung im Körper verfügt, zieht der noch junge polnische Sänger alle Register seines großen Könnens und wartet mit einer Leistung par excellance auf. Die große Tragik des Göttervaters vermag Konieczny mit verschiedensten stimmlichen Ausdrucksfacetten mehr als einfühlsam zu vermitteln. Er singt kraftvoll und durchweg mit enormem emotionalem Einsatz. Und auch seine deutsche Diktion hat sich in letzter Zeit verbessert. Er stattet seine Rolle, in der er gänzlich aufgeht, mit großer Majestät aus und wartet bei allem heldenbaritonalem Glanz auch mit herrlichen lyrischen Qualitäten auf. So ist er stets auf eine einfühlsame Linienführung bedacht, erfreut aber auch zeitweilig mit schönen Piani. Kein Wunder, dass unter diesen Umständen Wotans Abschied zum Höhepunkt der CD gerät. Aber auch die lange Erzählung des Obergottes im zweiten Aufzug hat man lange nicht mehr so spannend dargeboten bekommen wie von Konieczny, wozu allerdings Janowski auch einen erheblichen Tei beiträgt. Petra Lang, ursprünglich vom Mezzo herkommend, hinterlässt als Brünnhilde einen gefälligen Eindruck. Bereits die einleitenden „Hojotoho“- Rufe präsentiert sie mit voller dramatischer Wucht, wobei ihr die hohen ‚c’ s indes etwas zu tief geraten. Manchmal wird auch der eine oder andere im oberen Stimmbereich liegende Ton etwas hochgezogen, insgesamt ist aber zu konstatieren, dass sich die Sängerin die Soprantessitura - zumindest hier - gut zu eigen gemacht hat. Vereinzelte kleine Schärfen in der Höhe fallen nicht ins Gewicht. Und ausdrucksmäßig gibt Frau Lang ebenfalls alles. Die Reifung der Walküre vom unbekümmerten, ausgelassenen Teenager zur mitfühlenden, gereiften Frau vermag sie mit vielfältigen vokalen Farben, einer breiten dynamischen Stimmskala und besonders in der Todesverkündigung sehr gefühlvollen Tongebung perfekt zu vermitteln. Weiterentwickelt hat sich Melanie Diener, die jetzt besser im Körper singt als früher. Sie ist keine Sieglinde, die in erster Linie durch die eklatanten Jubelausbrüche besticht. Sie setzt vielmehr auf bedächtige Zwischentöne und nähert sich der Partie insgesamt recht verhalten, fast sogar schon etwas introvertiert. Dabei vermag sie insbesondere in der ausgeprägten Tiefe und Mittellage nachhaltig für sich einzunehmen. Neben ihr kann Robert Dean Smith als Siegmund nicht sonderlich überzeugen. Zwar sind ihm Legatofähigkeiten und ein gewisser gefühlsmäßiger Ausdruck nicht abzusprechen. Auch sind seine übermäßig lang ausgehaltenen Wälse-Rufe beeindruckend. Sein lyrisch klingender Tenor ist aber in keinster Weise italienisch geschult und weist weder eine solide Körperstütze noch ein gefälliges appoggiare la voce auf. Auch ist seine Stimme für den Siegmund viel zu hell, was insbesondere bei der Todesverkündigung nachteilig zu Buche schlägt. Es ist kaum zu glauben, dass der Sänger vom Bariton herkommt. Ausgezeichnet schneidet wiederum der über volles und sonores Bassmaterial verfügende Timo Riihonen in der Partie des Hunding ab, den er recht bedrohlich anlegt und mit vorbildlicher Artikulation singt. Iris Vermillion ist eine der wenigen Vertreterinnen der Fricka, die der Göttin der Ehe neben soliden Spitzentönen in der Tiefe fast schon depressiv wirkende Töne abgewinnen können, was ihre Interpretation der Rolle sehr interessant macht. Diese Frau vermag gut zu argumentieren. Man glaubt ihr, dass sie angesichts des fragwürdigen Umgangs Wotans mit seinen eigenen Gesetzen zutiefst schockiert ist. In das aus Anja Fidelia Ulrich (Gerhilde), Fionnuala McCarthy (Ortlinde), Heike Wessels (Waltraute), Kismara Pessatti (Schwertleite), Carola Höhn (Helmwige), Wilke te Brummelstroete (Siegrune), Nicole Piccolomini (Grimgerde) und Renate Spingler (Rossweise) bestehende Walküren-Ensemble mischt sich zeitweilig auch ein spitzer, nicht im Körper sitzender Ton.

Fazit: Trotz einiger kleiner Abstriche eine absolut hochkarätige, preisverdächtige Einspielung, deren Anschaffung dringendst empfohlen wird. Hier haben wir es mit einer echten Sternstunde in der Aufnahmegeschichte des Werkes zu tun!

Ludwig Steinbach, 13. 8. 2013

 

 

 

DAS RHEINGOLD

 

PentaTone

Best.Nr.: PTC 5186 406

 

Es ist bereits 33 Jahre her, dass schon einmal ein „Rheingold“ unter Marek Janowski auf dem Schallplattenmarkt erschien. Diese Aufnahme, die 1980 den Auftakt zu einer Gesamteinspielung von Wagners „Ring“ unter Janowskis Leitung bildete, geriet damals zu einer kleinen Sensation. Bei der vorliegenden Aufnahme, die auf einem bei einer konzertanten Aufführung des Werkes am 22. 11. 2012 in der Berliner Philharmonie entstandenen Live-Mitschnitt beruht, übertrifft sich Janowski sogar selber und legt erneut eine sehr empfehlenswerte Referenzeinspielung des Werkes vor. Es ist wohl nicht übertrieben, zu behaupten, dass das eines der schnellsten „Rheingold“-Dirigate ist, die auf dem CD-Markt erhältlich sind. Janowski geht mit ungeheurer Rasanz ans Werk und lotet Wagners Werk zusammen mit dem bestens disponierten und hoch konzentriert aufspielenden

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin fulminant, feurig und rasant und in atemberaubenden Tempi aus, wobei er den Musikern manchmal kaum Zeit zum Atmen lässt. Der von ihm und dem Orchester erzeugte Klangteppich zeichnet sich darüber hinaus durch große Spannungsbögen, klug entwickelte Höhepunkte und eine hervorragende Transparenz aus. Da geht nichts unter, wird über nichts hinwegdirigiert und alles mit hoher Ausdrucksintensität und klanglicher Akkuratesse dargeboten. Dabei ist Janowski den Sängern ein umsichtiger Begleiter und deckt sie an keiner Stelle zu.

Auch gesanglich bewegt sich die Aufnahme auf insgesamt hohem Niveau. Tomasz Konieczny, der Alberich aus Christian Thielemanns gerade erschienener Wiener Neuaufnahme des gesamten „Ring“, ist hier ein stimmstarker, robust singender Wotan. Christian Elsner gibt mit bestens sitzendem, dunkel timbriertem Tenor einen gefälligen Loge. Über eine typisch deutsche, nicht gerade sonderlich gut italienisch focussierte Stimme verfügt der Alberich von Jochen Schmeckenbecher. Für den Nibelung wäre der den Donner sonor und mit perfekter italienischer Technik singende Antonio Yang, der die Rolle bereits in Lübeck und jüngst auch in Hamburg gesungen hat, die bessere Besetzung gewesen. Einen vollen, runden Mezzosopran bringt Iris Vermillion für die Fricka mit. Solide singt Ricarda Merbeth die Freia. Mit eindringlichem, tiefgründigem Alt verleiht Maria Radner der Erda große Autorität. Der gefühlvoll und wunderbar auf Linie singende Günther Groissböck ist einer der besten Vertreter des Fasolt. Und auch der über gut gestütztes Bassmaterial verfügende Timo Riihonen macht als Fafner seine Sache gut. Mehr solides Tenormaterial, als man es bei dieser kleinen Partie sonst gewohnt ist, bringt Kor-Jan Dusseljee für den Froh mit. Andreas Conrad ist ein ausgesprochen dünn singender Mime. Ihm mangelt es genauso an der nötigen Körperstütze der Stimme wie der ziemlich maskig intonierenden Woglinde von Julia Borchert. Da gefallen ihre besser sitzende Stimmen aufweisenden Nixenschwestern Katharina Kammerloher (Wellgunde) und Kismara Pessatti (Floßhilde) um einiges besser.

Ludwig Steinbach, 28. 6. 2013

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