LADIES NIGHT
The Full Monty - Ganz
oder gar nicht
Am Ende stehen sie in ihrer ganzen Herrlichkeit da, schutzlos den
Blicken ausgeliefert, aber nicht lächerlich.
Das Stahlwerk hat dicht gemacht. Die Belegschaft sitzt auf der Straße, das Geld
reicht nicht hinten und nicht vorne. Selbstbewusste Familienoberhäupter leben
vom Geld ihrer Frauen, und die übernehmen das althergebrachte Klischee, wer das
Geld verdient, darf es auch ausgeben. Also treffen sich die Mädels zum
Männerstrip in der Bar. Und das ist der springende Punkt, der die Jungs auf die
Idee bringt, sich auch auszuziehen.
Schnell ist man sich einig, erste Zweifel werden verdrängt, man probt,
und dann wird man mit der Realität konfrontiert: Wir sehen nicht so aus wie die
Hochglanzmodelle, wir haben Glatze, wir sind alt, wir haben Bauch. Und die
Frauen sehen das auch so, aber wir machen etwas, was sonst keiner macht. Wir
zeigen alles. Der Plan geht auf, die Existenz ist vorerst gerettet. Hier endet
das Musical von David Yazbek und Terrence McNally.
Nach dem überragenden Erfolg des Schauspiels zog nun die Oper nach. Männer
lassen die Hosen runter. Was aber nach schenkelklopfendem derbsten Humor („Mach
dich naggisch, du Sau!“) klingt, gerät
bei Matthias Winters kluger Regie zu einem sanften Drama. Und damit
trifft er genau auf den Punkt: Männer deren sozialer Weg steil nach unten
führt, deren Zukunft einzig in, wenn überhaupt, schlecht bezahlten Jobs,
staatlicher Stütze und Selbstzweifeln besteht. Bis auf zwei Rollen hat er seine
Männer alle mit gestandenen Opernsängern besetzt, ein Risiko, das sich gelohnt
hat. Kai Hüsgen, der, als Gast, den Jerry Lukowsky spielt, ist ein erfahrener
Musicaldarsteller, der die Rolle des sympathischen Losers glaubhaft
interpretiert. Sein bester Freund Dave Bukatinski, Peter Heber als Gast vom
Chor und die Überraschung des Abends, steht ihm in allen Lebenslagen mit Rat
und Tat zur Seite. Gemeinsam retten sie Malcom McGregor, Edward Randall, das
Leben. Randall, der sonst auf das schwere Tenorfach (Siegmund, Hoffmann, Don José
aber auch Balthasar Zorn in Bayreuth) spezialisiert ist, überzeugt als
alterndes Muttersöhnchen mit sehr spätem Coming out. Wieland Müller, Dauergast in Chemnitz, dort
als Wolfram, Malatesta und Guglielmo zu erleben, spielt zusammen mit Kerstin
Randall das Mittelstandsehepaar Harold und Vicky Nichols. Er schämt sich seiner
Arbeitslosigkeit und verschweigt es, sie gibt das Geld weiterhin mit vollen
Händen aus. Wild umherplappernd erkennt sie nicht die Zeichen der Zeit und
deutet sie falsch bis zum Eklat. Dass sie dann noch zu ihrem Mann steht, gehört
zu den vielen kleinen Happy Ends des Musicals, die Realität ist da oft leider
anders. Andreas Kindschuh, in Chemnitz in der Oper genauso erfolgreich wie im
Musical gibt Ethan Girard, den Lover von Malcolm. Der letzte in der Herrenriege
ist Gast Darren Perkins als Noah „Horse“ T. Simmons. Als versierter
Musicaldarsteller und Tänzer bringt er Schwung und Elan in die Truppe. Neben
der eben oben angeführten Kerstin Randall setzen aber auch die Damen
Glanzlichter. Susanne Thielemann, als getrennt lebende Frau von Jerry, leicht
zickig, vom Leben genervt, aber mit einem neuen Versorger versehen, macht sie
ihrem Mann das Dasein schwer. Muriel Wenger leidet als Georgie Butanski unter
der vermeintlichen Untreue ihres Daves. Von besonders tragischer aber auch
drastischer Komik ist Sylvia Schramm-Heilfort als kettenrauchender
Klavierspielerin Jeanette, die stets bemüht ist den Jungs etwas Rhythmus
beizubringen.
Michael Fuchs und seine Band sorgen für ordentlichen Druck aus dem
Orchestergraben. Voller Drive und Elan spielt die extra für die Produktion
zusammen gestellter Combo auf, sie unterstützen das Bühnenpersonal ohne sie zu
überdecken. Mirko Mahr von der Musikalischen Komödie in Leipzig übernahm die Choreographie
und stellte sich selbst als Starstripper der Romeos auf die Bühne.
Walter Schütze schuf die sparsam möblierte Bühne, wie häufig in Chemnitz setzt
auch er die überragende Technik des Hauses ein, Anna Strauss zeichnete ein klug
charakterisierendes Kostümbild. Der soziale Unterschied zwischen unten und oben
lässt ebenso nachvollziehen, wie auch der Wunsch der Damen, sich mit einfachen
Mitteln aufzubrezeln.
Matthias Winter gelang mit seiner „Ladies Night“ der Spagat zwischen flachen
Boulevard und großem Drama. Das seelische Elend seiner Protagonisten, der
verzweifelte Versuch nochmal die schnelle Mark zu machen um den Abstieg zu
verlangsamen wirkt anrührend wie erheiternd zu gleich. Er holt den Zuschauer
aus seiner voyeuristischen Position heraus, zwingt ihn dazu Position zu
beziehen, Anteil zu nehmen. Wenn am Ende die Jungs schutzlos im blendenden
Licht stehen, wiegt der Seelenstrip wesentlich stärker als das blanke
Entblößen. Und das ist gut so.
Alexander Hauer
RUSALKA
Es ist ein sehr poetisches
Stück, die Geschichte der unerfüllten Liebe der Nixe Rusalka und ihrem
flatterhaften Prinzen. In jedem Kulturkreis kommt sie vor, sogar Bearbeitungen
durch den Disneykonzern hält sie stand.
Folgerichtig trieb man den
Poesiegedanken in Chemnitz auf die Spitze.
Gemeinsam mit Manfred
Blank vom Chemnitzer Puppentheater schuf Dominik Wilgenbus jene fantastische
Welt der Naturgeister und Hexen. Im Bühnenbild von Udo Vollmer agieren die
Darsteller vom Elfen, Nixe, Wassermann und Hexe zusammen mit je einem
Puppenspieler. Im Gegensatz dazu erscheint die reale Welt um den Prinzen
geradezu Unmenschlich. Der Hofstaat des Prinzen, mutierte kahlköpfige
Gestalten, scheinbar alle aus einer Zelle geklont, die Besucher der
Hochzeitsgesellschaft, internationale Trachten ( Kostüme von Andrea Fisser),
aufs Wesentliche reduziert, alle in
sterilem Weiß, bevölkern die Bühne.
Hauptdekoration ist ein
kreisrundes blaues Becken, in Rusalkas Welt der Waldsee, in der Welt des Prinzen
ein cooler Pool.
Dominik Wilgenbus besetzt
die Hexe Ježibaba und die Fürstin mit einer Sängerin. In Wilgenbus’ Deutung ist
diese Doppelung notwendig. Die Hexe ist der böse Gegenpart zu Rusalka. Genau
wie die Nixe will auch die Hexe unter Menschen leben, und nur durch der
Verwandlung Rusalkas erhält die Hexe die Macht, um in der Welt der Menschen ihr
zerstörerisches Werk fort zu setzen.
Unter der Leitung von
Domonkos Héja spielt die Robert-Schumann-Philharmonie auf dem in Chemnitz
üblichen hohen Niveau. Judith Kuhn gab die Rusalka angenehm, aber nicht ohne
Schwierigkeiten. Ihr Prinz, Hugo Mallet, hatte in seiner Rolleninterpretation
deutlich größere Probleme. Seine fast wagnerhafte Deklamation diente zwar deutlicher
Textverständlichkeit, ließ aber über weite Strecken sanfte Lyrik vermissen.
Undine Dreißig gestaltete ihre Doppelrolle Hexe/Fürstin szenisch und
musikalisch mit gespenstiger Präzision.
Susanne Thielemann und
Andreas Kindschuh setzten humoristische Glanzpunkte als Förster und
Küchenjunge. Trotz körperlichen Herausforderungen blieben beide dem
sängerischen Anspruch nichts schuldig. Der Wassermann Kouta Räsänen hinterließ
am Premierenabend den stärksten Eindruck. Sein sauber geführter Bass lässt
keine Wünsche übrig. Zusammen mit Susanne Thielemann waren Tina Puls und
Kathleen Glose ein gut gestimmtes Elfentrio.
Wigenbus’ Rusalka ist mehr
als die Summe seiner Einzelteile. Poesie und Brutalität, Humor und Tragik
liegen in Dvoraks Märchen nahe beieinander, können ohne den anderen nicht
existieren. Domonkos Héja lässt angenehm Böhmisches aufspielen, die Sänger sind
in großer Spielfreude, der Chor (Mary Adelyn Kauffmann) überdurchschnittlich,
Kostüme und Bühne ergänzen die Regie, die Regie ordnet sich der Dramaturgie in
Kostüm und Bühne unter. Menschen und Puppen gehen eine Allianz ein. Claudia
Friedemann, Michael Schmitt, Alexandra Blank und Moritz Trauzettel erspielen
sich mit ihren Puppen von Katja Byhan-Radewagen, Karin Jentzsch und Michael
Schmitt eine eigene (Bühnen-)welt. Am Ende, wenn der Prinz schon Tod ist, und
Rusalka sich in der Unendlichkeit des Weltalls verliert, was für ein Bild, ist
dann endgültig Taschentuchalarm. Selbst der Hartgesottenste Opernbesucher muss
schlucken, ob der Bilderopulenz in den letzten Minuten. Nicht verpassen.
Alexander Hauer
DER FLIEGENDE HOLLÄNDER
mit Weltstar Astrid Weber
Die
Wiederaufnahme von Michael Heinicke geriet zu
einem vollen Erfolg. Alexander Rumpf
hatte die Robert-Schumann-Philharmonie fest in der Hand, keine Patzer, auch
nicht an den Stellen, an denen immer gepatzt wird. Das gleiche auf der Bühne,
der Chor von Mary Adelyn Kauffman und Matthias Böhm sicher einstudiert, gewann,
neben der gesanglichen Höchstleistung durch konsequente Bereitschaft zum Spiel.
Ein gutes
Orchester, ein guter Chor, das sind sicherlich Grundpfeiler für einen
begeisternden Opernabend. In Chemnitz käme dann noch eine sensationelle
Solistenriege hinzu, aber selbst das würde noch nicht für einen perfekten Abend
sprechen. Michael Heinicke zaubert auf die Bühne eine eigne Welt. Eine Welt
voller unerfüllter Sehnsüchte. Jeder seiner Protagonisten trägt diese Sehsucht
in sich. Der Steuermann, André Riemer, deutlich und sicher, nach seinem Mädel,
Daland, Andreas Hörl, mit profunden Tiefen, nach materiellem Erfolg, Erik,
Zurab Zurabishvili, sanft und innig in seiner Interpretation, und Mary, Tiina
Penttinen, stimmlich eine perfekte Mary, aber leider zu jung.
Und dann
noch die Hauptprotagonisten. Einerseits Senta, ein Mädchen auf der Suche nach
dem Objekt ihrer Begierde, auf der Flucht vor dem Mann, der sie liebt, und auf
der Flucht vor dem realen Leben. Ihr gegenüber der Holländer, auf der Suche
nach Erlösung, nach Ruhe, nach Frieden, auch wenn eben dieser Frieden den Tod
bedeutet.
Astrid
Weber gibt diese Senta, nein, sie lebt sie. Selten erlebte ich den Wechsel der
Gefühlsituationen des jungen Mädchens so eindringlich. Astrid Webers Stimme,
changiert vom lyrischen bis hin zum hochdramatischen, scheinbar mühelos,
scheinbar selbstständig. Man hört keine Forcierung, keine Anstrengung.
Ihr
genialer Bühnenpartner Jürgen Linn, gibt einen gescheiterten, nach Erlösung
heischenden Holländer. Stimmlich am besuchten Abend nach einem sensationellen
guten Holländermonolog leicht indisponiert, zog er dennoch die Register seiner
Kunst. Trotz diesem Handicap gelang ihm stets eine sichere Stimmführung und
seine Piani waren sensationell. Jürgen Linn ist neben einem überragenden
Bariton auch noch ein sehr guter Schauspieler.
Und genau
diese Eigenschaften braucht Heinickes Holländerdeutung. Eine scheinbar leere
Bühne, beweglich zwar, voller Möglichkeiten für Sängerschauspieler. Während des
Vorspiels sitzt Mary vor einem Holländerbild, in dieses Bild projiziert sie
Ihre Sehnsüchte, nach Mann und Vater. Und dieser Holländer wird für einen Tag
aus der Verdammnis ausgespuckt. Jürgen Linn gestaltet diese Szene um Zweifel an
der eigenen Person, am Schicksal zu einer eindringlichen, bedrückenden Studie
eines gescheiterten Mannes. Die folgende und folgenreiche Begegnung mit Daland
wird zu einem Festspiel der tiefen Stimmen. Die beiden schachern um Senta, der
eine wegen der Hoffnung auf Erlösung, der andere wegen materieller
Bereicherung. Die Spinnradszene bleibt das, als was sie von Wagner geplant war.
Die Frauen der Norweger verspinnen ihre Wolle, um ein weiteres Einkommen zu
haben, zur Existenzsicherung, falls ihre Männer nach langer Fahrt doch nicht
zurückkehren. Senta ist in dieser Frauengesellschaft eine doppelte
Außenseiterin. Erstens, sie ist die Tochter des Kapitäns, damit sozial höher
gestellt als die anderen, andererseits weil sie mit dem einzigen am Ort
ansässigen Mann, dem Jäger Erik liiert ist. Aber auch Erik ist ein Außenseiter,
er fährt nicht zur See, ist im Blick der Seefahrerfrauen also kein wirklich
vollwertiger Mann.
Das
Zusammentreffen von Senta und Holländer gerät dann zu einem der Höhepunkte,
aufgestaute Dehnsüchten entladen sich explosionsartig. Und in diesen Momenten
liegen die Stärken Heinickes Inszenierungen. Er deutet die Musik nicht um, er
legt seiner Interpretation immer die Sprache der Musik zu Grunde. Weber und
Linn sind diese beiden, oft zitierten, Kraftwerke der Gefühle.
Der Abend
geriet insgesamt zu einem der besseren Wagnerereignisse des Jahres, wie so
häufig in Chemnitz, der unbedingte Hinfahrtipp.
Alexander
Hauer
LA TRAVIATA
2.5.09
Mit einfachen doch höchst
eindrucksvollen Mitteln inszenierte Yona Kim Giuseppe Verdi´s Meisterwerk nach
Alexandre Dumas „Die Kameliendame“, erzählt die tragische Story aus der Sicht
einer Frau, der Titelheldin, dem Produkt einer dekadenten Gesellschaft,
zunächst gehätschelt und schließlich nach dem Vorstoß gegen deren Regeln,
ausgebeutet und vernichtet. Violetta nach ihrer Rückkehr in Floras Salon wird
geächtet, gedemütigt, ihres Schmuckes und ihrer Robe beraubt, bleibt zerstört,
verloren im schwarzen Unterkleid am Boden zurück und selbst Dr. Grenvil
verlangt noch den letzten Heller. Zum beklemmend, tragischen Ablauf schuf David
Hohmann einen hohen Rundbau mit großen Flügeltüren, dahinter verbirgt sich ein
Ballsaal in schwülem Rot mit Kronleuchter, per Drehbühne in variable Positionen
gerückt. Wunderschöne und geschmackvolle Kostüme (Nadine Grellinger)) in schwarz-weiss-rot komplettieren
die gelungene Optik. Violetta in eleganter weißer Robe mit schwarzen langen
Handschuhen und Schleppe und knallroten Pumps bildet den konträren Effekt, in
der modernen aber sehr stilvollen und sehenswerten Produktion. Bravo!
Als Titelheldin kehrte Svetlana
Katchour an ihre frühere Wirkungsstätte zurück und bereits die ersten Töne der
zierlichen Sängerin lassen das große Vokalereignis erahnen. Frau Katchour
überzeugt mit außergewöhnlicher Legatokultur, traumhafter Phrasierung,
überzeugt mit dunklen Sopranfarben, bester Koloraturtechnik, ihre besonderen
Stärken wurden besonders im vierten Bild offenbar, wenn die Stimme in der Höhe
abdämpft und sich zur vokalen Interpretation die fesselnde, anrührende
Gestaltung gesellt. Als eigenständiger und zunächst schwärmerischer Charakter
wurde die Figur des Alfredo angelegt, wächst in die reifere Männlichkeit, der
Autorität des Vaters Paroli bietend. Zurab Zurabishvili glänzt in kräftigen
Nuancierungen seines idiomatisch belcantesken Materials. Das virile Timbre des
bestens disponierten Tenors bebt in Emotion, strahlt im unforcierten Höhenglanz
und vermittelt zum vokalen, stilistischen Feinschliff der Partie noch den
optischen, wandlungsfähigen Vortrag. Überzeugend gestaltet Hans Christoph
Begemann den George Germont, in höchst klangvoller Intonation ertönt sein
weicher, balsamisch strömender Bariton und beeindruckt darstellerisch, mit der
auferlegten unbeugsamen Vaterfigur, dessen Autorität in einer Ohrfeige gipfelt.
Mit Hingabe profiliert sich das übrige Sängerteam: sehr attraktiv im Schönklang
ihres hellen Mezzos. Tiina Penttinen (Flora)
und im weichen Sopran Kathleen Glose (Annina)
sowie die Herren André Riemer (Gastone),
matthias Winter (Douphol), Martin
Gäbler (Grenvil), Burkhard Kosche (d´Obigny). Erfreulich pfiffig und
klangschön formierte sich in bester Disposition der Chor der Oper Chemnitz
(Mary Adelyn Kauffman). Am Pult der
Robert-Schumann-Philharmonie waltete umsichtig Domonkos Héja vermittelte einen
dynamischen und lebendigen Verdiklang, musizierte mit dem sauber aufspielenden
Orchester auf lobenswertem Niveau, zudem hatte er stets wachsam seine Solisten
im Auge. In mitreißender Rythmik lotete er die musiktheatralischen Effekte der
Partitur aus. Ein zunächst emotional berührtes Publikum, dankte allen
Beteiligten einschl. Regieteam mit überschäumender Begeisterung.
Die von mir am
12.05. wiederholt besuchte Aufführung, hinterließ wieder einen nachhaltigen
Eindruck dieser erstklassigen Produktion.
Das
Opernhaus Chemnitz war wieder einmal für eine höchst erfreuliche Überraschung
gut!
Gerhard Hoffmann
FAUST
Heinrich, mir graut vor dir
Und da waren sie wieder: Die Monoblockstühle aus dem Baumarkt. Die Kostüme, deren Annahme die Caritas verweigert hat. Die Doppelung Mephisto Faust. Gretchen als Kassenmädel im Supermarkt. Die Müllsäcke, die orange Sträflingsuniform ( schönen Gruß nach Guantanomo Bay), die Soldaten als asoziale Bürgerwehr, der Akkuschrauber (mitsamt dem störenden Geräusch), die Babypuppen, usw, usw.
Mehr bräuchte man über die Inszenierung von Jakob Peters-Messer nicht zu sagen. Oder doch?
Es wäre ungerecht dem Stück gegenüber, wen man hier abbrechen würde. Neben den üblichen Entgleisungen der letzten zwanzig Jahren war da doch noch mehr. Der Wahnsinn hat Methode. In dem Schwarzen von einem Heiligenschein begrenzten Bühnenbild spielt sich die Tragödie eines alternden Mannes statt. Faust, im Laufe des Abends immer besser, Stanley Jackson, geht zusammen mir seinem jungen Alterego Mephisto, Wahnsinn, dieser junge Kouta Räsänen, auf die Suche nach der Jugend. Sie finden sie im Schlussverkauf in der sympathischen Judith Kuhn als Margarethe. Natürlich bleibt sie auf der Strecke. Da macht auch Peters-Messer keine Ausnahme, wieso eigentlich, ein uneheliches Kind in der heutigen Zeit ist doch kein Beinbruch mehr? Aber sie ist nicht die Einzige, die den Abend nicht überlebt. Neben den, vom Libretto vorgesehen Toten, haucht auch Faustmephisto sein Leben aus.
Soweit die Handlung, ich setze einfach Kenntnis der Oper voraus, beeindruckend sind die Bilder von Markus Meyer. Ein mit der Plazenta heraus gerissener Fötus dominiert die Verzweiflungsszenen Margarethes, ein fotorealistischer abgemalter Prospekt eines Billiganbieters wirbt für das Schlafzimmerset Lara, ein Albtraum kleinstbürgerlicher Wünsche, werden die Folie für die Margarethe-Faust Romanze. Sechs Särge mit Nationalflaggen belegt, werden zur Anklage gegen den Krieg und ironisieren den Soldatenchor und bilden das Innere der Kirche. Die Walpurgisnacht allerdings gerät dann zum Desaster. Das Geistervolk verteilt Müll auf der Bühne.
Zum Ausgleich gab es aber dann auch ein Festival der schönen Stimmen. Der Chor war, eigentlich wie immer in Chemnitz, ausgezeichnet gestimmt. Der Valentin von Lee Poulis lässt keine Wünsche übrig. Sicher in der Stimme spielt er den cholerischen Bruder in heraus ragender Weise. Monika Straubes Marthe, ein angenehmer Alt, ist sicher, auch in der Darstellung der Rolle. Diese Marthe lässt Bundesangie wie ein Pinup Girl wirken. Judith Kuhn ist eine schöne Margarethe, stimmlich sicher. Stanley Jacksons Faust war zu Beginn unsicher, wurde aber im Laufe des Abend immer besser, aber an dieser Rolle sind auch schon andere Sänger gescheitert, und gescheitert ist Stanley Jackson sicherlich nicht. Kouta Räsänen, ein Mephisto zum Verlieben, blutjung, agil, stimmlich ohne Makel, leider in der Rolle, trotz Batman-Joker Maske, zu sympathisch. Sein Bass geht tief in den Keller, und dann macht er eben noch ein Verließ auf, einfach super. Aber die Überraschung des Abends war der Siebel von Jana Büchner. Wo nimmt dieses kleine Persönchen nur diese Riesenstimme her? Klar, deutlich und voller Wohlklang gibt sie dieses androgyne Knäblein. Die Robert Schumann Philharmonie ist mit David Marlow am Pult auf der Höhe der Gounodinterpretation, der Chor von Olivia Gladosch einstudiert, läst keinerlei Wünsche offen.
Es war ein zwiespältiger Abend, euphorischer Applaus für die Musik, verhaltene Applaus und einzelne Buhs für das Regieteam.
Alexander Hauer
REISEBERICHT AUS CHEMNITZ
Meister und Meister-Epigone: "Osterfestspiele" der Oper Chemnitz: Richard Wagner: Der fliegende Holländer (10.4.2009) & Tristan und Isolde (11.4.2009) / Hsns Pfitzner: Die Rose vom Liebesgarten (12.4.2009)
Von einem kleinen heimlichen Osterfestival sprach Dramaturg Andreas Beuermann nicht ohne Stolz anläßlich der Einführung zur Aufführung von Pfitzners "Rose vom Liebesgarten" am Ostersonntag in der Chemnitzer Oper. Man muß ihm Recht geben, angesichts der sonst von der "Krise" gebeutelten Kultursituation ist es schon erstaunlich,; was dieses doch recht kleine Haus am Tor zum Erzgebirge in den drei Tagen zwischen Karfreitag und Ostersonntag auf die Beine stellte; bei musikalisch und teilweise auch szenisch mehr als achtbarem Niveau. Fast als Vorbereitung auf die Pfitzner Rarität gab es am Karfreitag eine umjubelte Wiederaufnahme des "Fliegenden Holländer" in einer Produktion aus dem Jahre 2001 und Karsamstag einen nicht minder festlichen "Tristan". Interessant diese Werke vor Pfitzner zu hören, was die Ohren schärfte auf des Meisters größten Epigonen im positivsten Sinne. Musikalisch überstrahlte somit auch die selten gespielte "Rose" fast die beiden Wagner-Aufführungen. Domonkos Heja zauberte denn auch den spätromantischen Impressionismus mit den phantastisch aufspielenden Robert-Schumann-Philharmonikern aus der Partitur, die Gustav Mahler dereinst für das beste nach dem ersten Walküren-Akt hielt. Pfitzners zweite Oper zeigt den glühenden Wagner-Verehrer und Erzromantiker auf der Höhe seiner Instrumentier- und Kompositionskunst, vielleicht nur übertroffen vom "Palestrina" und der "Eichendorff-Kantate". Diese erklingt in Ansätzen beim heroischen alles überstrahlenden Chorfinale und die von Mary Adelyn Kauffmann aufs sorgsamte einstudierten Chöre (Chor und Kinderchor) der Oper Chemnitz taten alles daran den strahlendsten Eindruck zu hinterlassen. Bis auf den etwas bläßlichen und an Baßgewalt missen lassenden Kouta Räsänen als Waffenmeister und Nacht-Wunderer hat die Oper Chemnitz ein Ensemble aufgeboten, das sich mit Feuereifer um diese Rarität mühte. Erin Caves ist geradezu eine Idealbestzung des Siegnot, ein schlanker jugendlicher Heldentenor dem es mühelos gelingt jede der nicht mindergesäten Klippen seiner Partie zu meistern und dabei in jeder Phrase sein berückend schönes Timbre blühen läßt. Auch die Minneleide könnte heute wohl kaum trefflicher besetzt werden als mit Astrid Weber. Auch ihr eher schlank geführter dramatischer Sopran kommt ohne jegliche Heroinenattitüde aus, obschon sie genügend Aplomb für den äußerst dramatischen Schlußmonolog bereit hält. Ob im girrenden Lockruf mit dem sie Siegnot zu betören sucht, oder in den chromatischen Zuspitzungen in den Auseinandersetzungen mit ihrem Entführer dem Nacht-Wunderer trifft sie den rechten Ton. Andre Riemer als Mime-Paraphrase gezeichneter Moormann und die homogen besetzten Elfenschwestern Schwarzhilde (Susanne Thielemann) und Rotelse (Tiina Penttinen) runden das hochkarätige Ensemble ab. Opernfreunde dürfen mit Spannung den von der Firma cpo angekündigten Mitschnitt dieser Produktion erwarten. Wahrscheinlich wäre eine konzertante Aufführung einer Begegnung mit diesem seltengespielten Werk weitaus dienlicher gewesen, als die szenische Umsetzung, die man der "Rose" in Chemnitz angediehen ließ. Zugegeben, James Gruns recht floreales und sehr dem Geschmack seiner Zeit verhaftetes Libretto seines von ihm und Pfitzner entwickelten Kunstmärchens gehört sicherlich nicht zu den literarischen Großtaten dieser Epoche, aber bevor man seinen eigenen Sermon über diese Handlung stülpt, sollte man wenigstens eine genaue Lektüre in Anbetracht ziehen und vielleicht erwägen, das Werk als solches ernstzunehmen. Jürgen R. Weber mag ein verdienter TV-Regisseur von Soap-Opern à la "Gute Zeiten - schlechte Zeiten" sein, doch begann er den fatalen Trugschluß: Inszeniere ich "Soap-Opern", so kann ich mich auch auf die zweite Hälfte dieser verbalen Neuschöpfung berufen und mich bemüßigt fühlen Oper zu "machen". In gewollt plakativ provokativer Alt-"68er"-Manier veralberte Weber das Werk mit flapsigem Fäkal- und Sexualhumor zu einem Trash-Comic-Computer-Game. Wie ließ er auf seinen wohl Neuenfels evozieren wollenden Übertitelkommentaren einmal verlauten: "Laber-Laber-Gähn!" Dem ist eigentlcih nichts hinzuzufügen, außer, daß man das Ganze schleunigst in den von ihm für den ersten Akt gebauten Abort hinunterspült. Der Wagnerianer durfte sich an den Tagen zuvor nicht nur musikalisch, sondern auch szenisch laben. Zwar weiß man spätestens nach dem "Tristan", daß Chemnitz über eine Bühnenmaschinerie verfügt, um die manch größeres Haus neidisch nach Osten äugte, aber diese Handlungsaufmunterungen von Michael Heinicke nehmen sich gegen den Pseudo-Agitprop Webers recht harmlos aus. Nur, warum er als ständiges Zitat sich von Reinhart Zimmermann die Villa Wahnfried hat bauen lassen, mag sich nicht unbedingt erschließen, zumal das Werk, als Wagner die Villa im Bayreuther Hofgarten bezog, schon längst fertiggestellt war. Wollten Regisseur und Bühnenbildner auf die Entstehungsgeschichte Bezug nehmen, so hätte man eher die Villa in Triebschen nachbauen müssen. Alexander Rumpf zeigte sich an diesem Abend nicht ganz auf der gewohnten Höhe, was vielleicht auf den Umstand des kurzfristigen Einspringens für GMD Frank Beermann zurückzuführen ist. Seltsamerweise klaffte so manche Lücke zwischen Graben und Bühne und auch die Tempi drangen stockender aus der bemüht spielenden Robert-Schumann-Philharmonie an das Ohr, als es der Dramatik der Handlung dienlich war. Weder John Charles Pierce (Tristan) noch Brigitte Hahn (Isolde) liefen somit an diesem Abend zur Bestform auf, trotzdem beiden berückende Momente nicht abzusprechen waren. Pierce gelang zumindest eine ergreifende Studie des im Fieberwahn siechenden Helden und Brigitte Hahn konnte mit einem sehr innigen abgeklärten Liebestod punkten. Zu den Höhepunkten des Abends zählten aber die beiden Monologe Markes in denrn Andreas Hörl wieder seinen üppigen wohltimbrierten Baß verströmen konnte und die sehr energischen Brangäne-Szenen von Hermine May. Dietrich Greve, gerade der strahlende Amfortas an der Oper Mainz, war für die Partie des verruchten Melot geradezu eine Luxusbesetzung. Sehr kantabel Andre Riemer als Seemann und Hirt. Die Regie mag mir allerdings erzählen, wie man das Wunder vollzieht, auf einer kleinen Holzschalmei neben Englischhorn-Wehklagen auch strahlendste Trompetenaccuti blasen zu können. Der Karfreitagszauber kam in Chemnitz dieses Jahr im recht aufgewühlten maritimen Kleid einer fulminanten "Holländer-Wiederaufnahme" daher. Dem frühen Meerstück Wagners scheint Alexander Rumpf mehr verbunden als den späteren Wogen der irischen See. Die Gischt an Norwegens zerklüffteter Küste erklang denn auch phänomenal nachgezeichnt von den Robert-Schumann-Philharmonikern. In der recht konventionellen aber sich dramatisch zuspitzenden Personenführung blätterte Michael Heinicke die Ballade um den bleichen Mann auf und seine Liebe zur Maschinerie machte hier weitaus mehr Sinn als im "Tristan". Im so schlichten wie genialen Bühnenbild von Stefan Wiel und Annette Heydenreich waren schnelle Auf- und Abtritte ebenso möglich, wie die Einheit von Außen- und Innenwelt. Astrid Weber, die schon zur Ouvertüre als Getriebene über die Bühne hetzte, scheint als Senta gereift und ihre Glanzrolle gefunden zu haben. War ich noch über ihre Essener Interpretation skeptisch - wobei sie an der Ruhr auch gegen ein recht eigenwilliges Regiekonzept anzusingen hatte - so scheint sie nun ihr Ideal gefunden zu haben. Schlank in Erscheinung und Stimmführung spart sie sich den emphatischen Ausbruch für die fulminanten Spitzentöne ihres Todesentschlusses auf. Die Ballade singt sie eher als ein traumhaftes romantisches Lied. Webers Senta gibt vielleicht einen Eindruck wieder, wie dereinst eine Schröder-Devrient auf Wagner gewirkt haben mag. Jürgen Linn, den leider nach einem fulminanten Holländer-Monolog, eine nicht überhörbare Indisposition befiel, war geradezu ein idealer Partner der emphatischen Senta Webers. Trotz der Schwierigkeiten mit denen er zu kämpfen hatte, überzeugte Linn mit makelloser Diktion und einer stupenden Technik, die ihm sogar berückende Piani entlocken ließ. Zwei Gleichgesiinte, zwei Idealisten treffen hier aufeinander, deren Beziehung angesichts der auf Schacher erpichten Umwelt zum Scheitern verurteilt ist. Der noch sehr jugendlich wirkende Daland von Andreas Hörl ist die fulminante Charakterstudie eines auf Gewinn orientierten Kaufmanns, der dabei über Leichen geht. Daß dieser dabei mit feinzisilierten Baßkantilenen aufwartet, unterstreicht den perfid zynischen Charakter dieses Pfeffersacks. Die tenorale Belcantistik mit dem Zurab Zurabishvilli den Jäger Erik zeichnet, macht diese Figur umso angreifbarer für die Ablehnung Dalands als auch für die Lieblosigkeit mit dem Senta ihm begegnet. Das hochkarätige Ensemble rundeten Tiina Penttinen als jugendlich resolute Mary und Andre Riemer als schlank jugendlich-emphatischer Steuermann ab. Chor und Extrachor der Oper Chemnitz (Einstudierung: Matthias Böhm & Mary Adelyn Kauffmann) nahm man die überbordende Spiel- und Sangesfreude jeden Takt ab und dieser Klangkörper braucht einen Vergleich mit den Kollegen vom Grünen Hügel kaum zu scheuen. Beneidenswert, die sehr intakte Übertragung aus dem Chorraum oder Hinterbühne für die Geistermannschaft der Holländer, schade nur, daß die Regie diese Szene in ihrer Harmlosigkeit fast völlig verschenkte. Man darf auf die Chemnitzer-Osterfestspiele 2010 gespannt sein mit welchen Schmankerln man dann aufzuwarten weiß. Das nationale und internationale Publikum wird wohl wieder treu zugegen sein und mit Jubel nicht sparen, wie es bei der "Rose" auch mit ablehnenden Zwischenrufen aufgrund der kruden Regie nicht sparte.
Dirk Altenaer
LOVE AND OTHER DEMONS
Moderne Oper, traditionell
Chemnitz hat ein gutes Opernhaus, der Schwerpunkt liegt im deutschen Fach. Mit seinen Wagnerinszenierungen erlangte Chemnitz überregionale Beachtung. Ebenso die Ausgrabungen selten gespielter Opern. Das man damit seinem Publikum nicht immer einen Gefallen tut, sei dahin gestellt. Umso erfreulicher ist es, dass ein Haus in der Größe von Chemnitz es schafft, auch eine deutsche Erstaufführung an Land zu ziehen und das diese auch vom Publikum goutiert wird.
Peter Eotvös gab dem Roman von Gabriel Garcia Márquez eine musikalische Fassung. Dietrich Hilsdorf verlegte die im Rokoko der Karibik angelegte Handlung in die Jetztzeit. Im Bühnenbild von Dieter Richter und den Kostümen Renate Schnitzers erlebte ich am Sonntag, was moderne Oper auch bedeuten kann: Spannendes Theater.
Frank Beermann treibt die Robert-Schumann-Philharmonie und sein Sängerensemble knapp zwei Stunden zu Höchstleistungen heran.
Julia Bauer gibt die pubertierende Sierva Maria, ein Mädchen auf der Schwelle zur Frau, das mutterlos von der schwarzen Haushälterin Dominga(Tiina Penttinen) erzogen wird. Durch sie kommt sie in den Kontakt mit afrikanischen Religionen. Sie wird von einem Hund gebissen. Man vermutet Tollwut, doch die Krankheit bricht nicht aus. Ihre Fähigkeit die Sprache der Schwarzen zu verstehen und ihre unbefangene Art werden vom ortsansässigen Bischof (Renatus Mészár) als Besessenheit gedeutet. Man schafft sie in ein Kloster um ihr dort die Teufel auszutreiben. Den Exorzismus soll Pater Cayetano Delaura(Andreas Kindschuh) durchführen. Er und das Mädchen verlieben sich auf eine unschuldige Weise ineinander. Als sie von der Mutter Oberin(Monika Straube) bei einem Kuss überrascht werden, verweist sie Ihn des Klosters. Der Exorzismus wird vom Bischof selbst durchgeführt. Verzweifelt versucht die Mutter Oberin die Teufel auf sich selbst zu ziehen, während um sie herum das Kloster in einen sexuellen Rausch verfällt. Sierva Maria stirbt. Dominga betet zu ihren Göttern für sie.
Während Márquez die Besessenheit Maria Servias als pubertäre Erscheinung und Projizierung durch die Umwelt deutet, lässt Eötvös eigentlich kein Zweifel an ihrer Besessenheit. Seine Musik gründet in der Tradition der Filmmusik. Er schafft mit seiner Orchestrierung immer wieder verstörende Momente. Das Dämonische, das Verbotene, die Schwüle der Triebe ergreifen den Zuhörer mit einer starken Suggestivkraft.
Doch Dreh- und Angelpunkt ist Julia Bauer. Ihre Stimme, ihre Koloraturen, ihre Ausdrucksfähigkeit geben der 12-jährigen Sierva Maria Persönlichkeit. Ihre Erzieherin Dominga, exzellente Stimmführung im eleganten Mezzo: Tiina Penttinen, steht ihr kongenial zur Seite, genauso wie der Bischof von Renatus Mészár. Überragend auch Andreas Kindschuh als verliebter Pater Delaura. Die Schwesternmörderin Martina Laborde erhält von Susanne Gasch eine erschreckend leichte Persönlichkeit. Monka Straubes Josefa Mirinda ist eine resolute und stimmgewaltige Mutter Oberin. André Riemer gibt den Arzt Abrenuncio, der an seiner Unfähigkeit scheitert, stimmliche Tiefe. Susanne Thielemanns Dona Olalla, der Geist der verstorbenen Mutter Sierva Marias, besticht durch Klarheit in der Stimme. Nicht unerwähnt soll die überragende Leistung des Chores und es Extrachores(Mary Adelyn Kauffman). Die sängerische Sicherheit und die Freude am Spiel in dieser doch schwierigen Oper zeugen von höchster Qualität.
Es war ein Ereignis und der Beweis dafür, dass Musik der neueren Zeit durchaus ein breiteres Publikum anspricht, wen sie so genial in Szene gesetzt wird.
Alexander Hauer, besuchte Vorstellung 1.3.2009
Seltene Pfitzner-Oper
Die Rose vom Liebesgarten
Was Sie schon immer über die Pubertät ihres Sohnes wissen wollten
Wer einen ernst gemeinten Pfitzner erwartete wurde bitter enttäuscht. Jürgen R. Weber erschuf in seinem aufwendigen und farbenfrohen Bühnenbild zusammen mit den geschlechtsbetonten Kostümen von Sven Bindseil eine Fantasywelt wie sie nur einem pubertierenden Hirn entsprungen sein konnte. Klugerweise verzichtete er auf des Meisters eigenen Regieanweisungen und rettete dadurch das Stück vor dem Tod durch Ertrinken im Meer des Romantikkitsches.
Zusammen mit seinem Dramaturgen Andreas Beuermann entwickelt er Kommentare zum Bühnengeschehen, die weniger der Brecht’schen Theaterpraxis entliehen waren, mehr aus einem Schülerheft stammen konnten. Witzig bis flapsig (laber, laber…gähn,…das werden wir noch sehen) zeigten sie Die Sicht auf das Geschehen, kommentiert von einem „Knäblein“ das sich mit dem Bösewicht, teuflisch gut: Kouta Räsänen, dem Nachtwunderer, identifiziert. Die beiden Helden, den Tenorpart gab stimmlich sicher und klar zu verstehen Erin Caven als Siegnot, und die sensationelle (die Chemnitzer sind schon sehr verwöhnt) Astrid Weber die Minneleide. Beide Figuren wurden durch Ramona Capraro und Felipe Rocha in den Tanzpartien von Schättin und Schatten verdoppelt. Lobenswert auch die beiden Hilfselfen oder wie man sie in Chemnitz nennt die Zwölfen, Jana Bücher, Schwarzhilde, Tiina Pentinen als Rotelse, geben den beiden (leider) kleinen Partien emotionale Tiefe.
Der Chor und der Kinderchor sind diszipliniert und bestens von Mary Adelyn Kauffman einstudiert.
Domonos Héja, der innerhalb kürzester Zeit für den erkrankten Frank Beermann die musikalische Leitung übernahm, schaffte den Spagat zwischen expressiver Tiefe und sinfonischen Klängen. Die Robert Schumann Philharmonie konnte sich voll entfalten ohne an den poetischen und dramatischen Klippen zu scheitern.
Aber zurück zur Regie. Weber gelingt es der spätromantischen Oper Pfitzners eine neue Gestalt zu geben, ohne den Sinn der Oper zu zerstören. Das er sie in die Phantasiewelt eines Kindes hinein projiziert, ist dem Stück dabei dienlich. Sicherlich hätten einige Striche in der Partitur gut getan, aber in Hinblick auf eine Cd Einspielung ist diese fast strichlose Fassung doch eine gute Wahl. Weber zitiert alles, was in den letzten Jahren auf die Kinoleinwand oder im Fernsehen gezeigt wurde. Ringjäger, martialische Krieger wie vom anderen Stern bis hin zu der Besetzung beliebter Nachmittagstalkshows, das ganze Programm an Freaks wurde auf die Bühne gebracht. Dabei bleibt er immer „anständig“, niemals driftet seine Inszenierung ins Ordinäre ab. Dazu trägt auch zurückhaltende Erotik Astrid Webers und der Damen Bücher und Pentinen bei.
Fazit, die Neuinterpretation tat dem Werk Pfitzners gut, es besteht berechtigte Hoffnung, dass mit dieser Oper ein jüngeres Publikum angesprochen werden könnte.
Dem alteingesessenen Opernfreund sei diese Oper ans Herz gelegt, denn so häufig wird sie nicht gegeben. Alexander Hauer
Bilder von D. Wuschanski