DER OPERNFREUND - 42.Jahrgang
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Bilder von Dieter Wuschanski
LADIES NIGHT 
The Full Monty - Ganz oder gar nicht

Am Ende stehen sie in ihrer ganzen Herrlichkeit da, schutzlos den Blicken ausgeliefert, aber nicht lächerlich.
Das Stahlwerk hat dicht gemacht. Die Belegschaft sitzt auf der Straße, das Geld reicht nicht hinten und nicht vorne. Selbstbewusste Familienoberhäupter leben vom Geld ihrer Frauen, und die übernehmen das althergebrachte Klischee, wer das Geld verdient, darf es auch ausgeben. Also treffen sich die Mädels zum Männerstrip in der Bar. Und das ist der springende Punkt, der die Jungs auf die Idee bringt, sich auch auszuziehen.  Schnell ist man sich einig, erste Zweifel werden verdrängt, man probt, und dann wird man mit der Realität konfrontiert: Wir sehen nicht so aus wie die Hochglanzmodelle, wir haben Glatze, wir sind alt, wir haben Bauch. Und die Frauen sehen das auch so, aber wir machen etwas, was sonst keiner macht. Wir zeigen alles. Der Plan geht auf, die Existenz ist vorerst gerettet. Hier endet das Musical von David Yazbek und Terrence McNally.


Nach dem überragenden Erfolg des Schauspiels zog nun die Oper nach. Männer lassen die Hosen runter. Was aber nach schenkelklopfendem derbsten Humor („Mach dich naggisch, du Sau!“) klingt, gerät  bei Matthias Winters kluger Regie zu einem sanften Drama. Und damit trifft er genau auf den Punkt: Männer deren sozialer Weg steil nach unten führt, deren Zukunft einzig in, wenn überhaupt, schlecht bezahlten Jobs, staatlicher Stütze und Selbstzweifeln besteht. Bis auf zwei Rollen hat er seine Männer alle mit gestandenen Opernsängern besetzt, ein Risiko, das sich gelohnt hat. Kai Hüsgen, der, als Gast, den Jerry Lukowsky spielt, ist ein erfahrener Musicaldarsteller, der die Rolle des sympathischen Losers glaubhaft interpretiert. Sein bester Freund Dave Bukatinski, Peter Heber als Gast vom Chor und die Überraschung des Abends, steht ihm in allen Lebenslagen mit Rat und Tat zur Seite. Gemeinsam retten sie Malcom McGregor, Edward Randall, das Leben. Randall, der sonst auf das schwere Tenorfach (Siegmund, Hoffmann, Don José aber auch Balthasar Zorn in Bayreuth) spezialisiert ist, überzeugt als alterndes Muttersöhnchen mit sehr spätem Coming out.  Wieland Müller, Dauergast in Chemnitz, dort als Wolfram, Malatesta und Guglielmo zu erleben, spielt zusammen mit Kerstin Randall das Mittelstandsehepaar Harold und Vicky Nichols. Er schämt sich seiner Arbeitslosigkeit und verschweigt es, sie gibt das Geld weiterhin mit vollen Händen aus. Wild umherplappernd erkennt sie nicht die Zeichen der Zeit und deutet sie falsch bis zum Eklat. Dass sie dann noch zu ihrem Mann steht, gehört zu den vielen kleinen Happy Ends des Musicals, die Realität ist da oft leider anders. Andreas Kindschuh, in Chemnitz in der Oper genauso erfolgreich wie im Musical gibt Ethan Girard, den Lover von Malcolm. Der letzte in der Herrenriege ist Gast Darren Perkins als Noah „Horse“ T. Simmons. Als versierter Musicaldarsteller und Tänzer bringt er Schwung und Elan in die Truppe. Neben der eben oben angeführten Kerstin Randall setzen aber auch die Damen Glanzlichter. Susanne Thielemann, als getrennt lebende Frau von Jerry, leicht zickig, vom Leben genervt, aber mit einem neuen Versorger versehen, macht sie ihrem Mann das Dasein schwer. Muriel Wenger leidet als Georgie Butanski unter der vermeintlichen Untreue ihres Daves. Von besonders tragischer aber auch drastischer Komik ist Sylvia Schramm-Heilfort als kettenrauchender Klavierspielerin Jeanette, die stets bemüht ist den Jungs etwas Rhythmus beizubringen.

Michael Fuchs und seine Band sorgen für ordentlichen Druck aus dem Orchestergraben. Voller Drive und Elan spielt die extra für die Produktion zusammen gestellter Combo auf, sie unterstützen das Bühnenpersonal ohne sie zu überdecken. Mirko Mahr von der Musikalischen Komödie in Leipzig übernahm die Choreographie und stellte sich selbst als Starstripper der Romeos auf die Bühne.


Walter Schütze schuf die sparsam möblierte Bühne, wie häufig in Chemnitz setzt auch er die überragende Technik des Hauses ein, Anna Strauss zeichnete ein klug charakterisierendes Kostümbild. Der soziale Unterschied zwischen unten und oben lässt ebenso nachvollziehen, wie auch der Wunsch der Damen, sich mit einfachen Mitteln aufzubrezeln.
Matthias Winter gelang mit seiner „Ladies Night“ der Spagat zwischen flachen Boulevard und großem Drama. Das seelische Elend seiner Protagonisten, der verzweifelte Versuch nochmal die schnelle Mark zu machen um den Abstieg zu verlangsamen wirkt anrührend wie erheiternd zu gleich. Er holt den Zuschauer aus seiner voyeuristischen Position heraus, zwingt ihn dazu Position zu beziehen, Anteil zu nehmen. Wenn am Ende die Jungs schutzlos im blendenden Licht stehen, wiegt der Seelenstrip wesentlich stärker als das blanke Entblößen. Und das ist gut so.


Alexander Hauer




RUSALKA

Es ist ein sehr poetisches Stück, die Geschichte der unerfüllten Liebe der Nixe Rusalka und ihrem flatterhaften Prinzen. In jedem Kulturkreis kommt sie vor, sogar Bearbeitungen durch den Disneykonzern hält sie stand.

Folgerichtig trieb man den Poesiegedanken in Chemnitz auf die Spitze.

Gemeinsam mit Manfred Blank vom Chemnitzer Puppentheater schuf Dominik Wilgenbus jene fantastische Welt der Naturgeister und Hexen. Im Bühnenbild von Udo Vollmer agieren die Darsteller vom Elfen, Nixe, Wassermann und Hexe zusammen mit je einem Puppenspieler. Im Gegensatz dazu erscheint die reale Welt um den Prinzen geradezu Unmenschlich. Der Hofstaat des Prinzen, mutierte kahlköpfige Gestalten, scheinbar alle aus einer Zelle geklont, die Besucher der Hochzeitsgesellschaft, internationale Trachten ( Kostüme von Andrea Fisser), aufs Wesentliche  reduziert, alle in sterilem Weiß, bevölkern die Bühne.

Hauptdekoration ist ein kreisrundes blaues Becken, in Rusalkas Welt der Waldsee, in der Welt des Prinzen ein cooler Pool.

Dominik Wilgenbus besetzt die Hexe Ježibaba und die Fürstin mit einer Sängerin. In Wilgenbus’ Deutung ist diese Doppelung notwendig. Die Hexe ist der böse Gegenpart zu Rusalka. Genau wie die Nixe will auch die Hexe unter Menschen leben, und nur durch der Verwandlung Rusalkas erhält die Hexe die Macht, um in der Welt der Menschen ihr zerstörerisches Werk fort zu setzen.

Unter der Leitung von Domonkos Héja spielt die Robert-Schumann-Philharmonie auf dem in Chemnitz üblichen hohen Niveau. Judith Kuhn gab die Rusalka angenehm, aber nicht ohne Schwierigkeiten. Ihr Prinz, Hugo Mallet, hatte in seiner Rolleninterpretation deutlich größere Probleme. Seine fast wagnerhafte  Deklamation diente zwar deutlicher Textverständlichkeit, ließ aber über weite Strecken sanfte Lyrik vermissen. Undine Dreißig gestaltete ihre Doppelrolle Hexe/Fürstin szenisch und musikalisch mit gespenstiger Präzision. 

Susanne Thielemann und Andreas Kindschuh setzten humoristische Glanzpunkte als Förster und Küchenjunge. Trotz körperlichen Herausforderungen blieben beide dem sängerischen Anspruch nichts schuldig. Der Wassermann Kouta Räsänen hinterließ am Premierenabend den stärksten Eindruck. Sein sauber geführter Bass lässt keine Wünsche übrig. Zusammen mit Susanne Thielemann waren Tina Puls und Kathleen Glose ein gut gestimmtes Elfentrio.

Wigenbus’ Rusalka ist mehr als die Summe seiner Einzelteile. Poesie und Brutalität, Humor und Tragik liegen in Dvoraks Märchen nahe beieinander, können ohne den anderen nicht existieren. Domonkos Héja lässt angenehm Böhmisches aufspielen, die Sänger sind in großer Spielfreude, der Chor (Mary Adelyn Kauffmann) überdurchschnittlich, Kostüme und Bühne ergänzen die Regie, die Regie ordnet sich der Dramaturgie in Kostüm und Bühne unter. Menschen und Puppen gehen eine Allianz ein. Claudia Friedemann, Michael Schmitt, Alexandra Blank und Moritz Trauzettel erspielen sich mit ihren Puppen von Katja Byhan-Radewagen, Karin Jentzsch und Michael Schmitt eine eigene (Bühnen-)welt. Am Ende, wenn der Prinz schon Tod ist, und Rusalka sich in der Unendlichkeit des Weltalls verliert, was für ein Bild, ist dann endgültig Taschentuchalarm. Selbst der Hartgesottenste Opernbesucher muss schlucken, ob der Bilderopulenz in den letzten Minuten. Nicht verpassen.

Alexander Hauer    


DER  FLIEGENDE HOLLÄNDER

mit Weltstar Astrid Weber

Die Wiederaufnahme von Michael Heinicke geriet zu einem vollen Erfolg.  Alexander Rumpf hatte die Robert-Schumann-Philharmonie fest in der Hand, keine Patzer, auch nicht an den Stellen, an denen immer gepatzt wird. Das gleiche auf der Bühne, der Chor von Mary Adelyn Kauffman und Matthias Böhm sicher einstudiert, gewann, neben der gesanglichen Höchstleistung durch konsequente Bereitschaft zum Spiel.

Ein gutes Orchester, ein guter Chor, das sind sicherlich Grundpfeiler für einen begeisternden Opernabend. In Chemnitz käme dann noch eine sensationelle Solistenriege hinzu, aber selbst das würde noch nicht für einen perfekten Abend sprechen. Michael Heinicke zaubert auf die Bühne eine eigne Welt. Eine Welt voller unerfüllter Sehnsüchte. Jeder seiner Protagonisten trägt diese Sehsucht in sich. Der Steuermann, André Riemer, deutlich und sicher, nach seinem Mädel, Daland, Andreas Hörl, mit profunden Tiefen, nach materiellem Erfolg, Erik, Zurab Zurabishvili, sanft und innig in seiner Interpretation, und Mary, Tiina Penttinen, stimmlich eine perfekte Mary, aber leider zu jung.

Und dann noch die Hauptprotagonisten. Einerseits Senta, ein Mädchen auf der Suche nach dem Objekt ihrer Begierde, auf der Flucht vor dem Mann, der sie liebt, und auf der Flucht vor dem realen Leben. Ihr gegenüber der Holländer, auf der Suche nach Erlösung, nach Ruhe, nach Frieden, auch wenn eben dieser Frieden den Tod bedeutet.

Astrid Weber gibt diese Senta, nein, sie lebt sie. Selten erlebte ich den Wechsel der Gefühlsituationen des jungen Mädchens so eindringlich. Astrid Webers Stimme, changiert vom lyrischen bis hin zum hochdramatischen, scheinbar mühelos, scheinbar selbstständig. Man hört keine Forcierung, keine Anstrengung.

Ihr genialer Bühnenpartner Jürgen Linn, gibt einen gescheiterten, nach Erlösung heischenden Holländer. Stimmlich am besuchten Abend nach einem sensationellen guten Holländermonolog leicht indisponiert, zog er dennoch die Register seiner Kunst. Trotz diesem Handicap gelang ihm stets eine sichere Stimmführung und seine Piani waren sensationell. Jürgen Linn ist neben einem überragenden Bariton auch noch ein sehr guter Schauspieler.

Und genau diese Eigenschaften braucht Heinickes Holländerdeutung. Eine scheinbar leere Bühne, beweglich zwar, voller Möglichkeiten für Sängerschauspieler. Während des Vorspiels sitzt Mary vor einem Holländerbild, in dieses Bild projiziert sie Ihre Sehnsüchte, nach Mann und Vater. Und dieser Holländer wird für einen Tag aus der Verdammnis ausgespuckt. Jürgen Linn gestaltet diese Szene um Zweifel an der eigenen Person, am Schicksal zu einer eindringlichen, bedrückenden Studie eines gescheiterten Mannes. Die folgende und folgenreiche Begegnung mit Daland wird zu einem Festspiel der tiefen Stimmen. Die beiden schachern um Senta, der eine wegen der Hoffnung auf Erlösung, der andere wegen materieller Bereicherung. Die Spinnradszene bleibt das, als was sie von Wagner geplant war. Die Frauen der Norweger verspinnen ihre Wolle, um ein weiteres Einkommen zu haben, zur Existenzsicherung, falls ihre Männer nach langer Fahrt doch nicht zurückkehren. Senta ist in dieser Frauengesellschaft eine doppelte Außenseiterin. Erstens, sie ist die Tochter des Kapitäns, damit sozial höher gestellt als die anderen, andererseits weil sie mit dem einzigen am Ort ansässigen Mann, dem Jäger Erik liiert ist. Aber auch Erik ist ein Außenseiter, er fährt nicht zur See, ist im Blick der Seefahrerfrauen also kein wirklich vollwertiger Mann.

Das Zusammentreffen von Senta und Holländer gerät dann zu einem der Höhepunkte, aufgestaute Dehnsüchten entladen sich explosionsartig. Und in diesen Momenten liegen die Stärken Heinickes Inszenierungen. Er deutet die Musik nicht um, er legt seiner Interpretation immer die Sprache der Musik zu Grunde. Weber und Linn sind diese beiden, oft zitierten, Kraftwerke der Gefühle.

Der Abend geriet insgesamt zu einem der besseren Wagnerereignisse des Jahres, wie so häufig in Chemnitz, der unbedingte Hinfahrtipp.

Alexander Hauer


LA TRAVIATA

2.5.09

Mit einfachen doch höchst eindrucksvollen Mitteln inszenierte Yona Kim Giuseppe Verdi´s Meisterwerk nach Alexandre Dumas „Die Kameliendame“, erzählt die tragische Story aus der Sicht einer Frau, der Titelheldin, dem Produkt einer dekadenten Gesellschaft, zunächst gehätschelt und schließlich nach dem Vorstoß gegen deren Regeln, ausgebeutet und vernichtet. Violetta nach ihrer Rückkehr in Floras Salon wird geächtet, gedemütigt, ihres Schmuckes und ihrer Robe beraubt, bleibt zerstört, verloren im schwarzen Unterkleid am Boden zurück und selbst Dr. Grenvil verlangt noch den letzten Heller. Zum beklemmend, tragischen Ablauf schuf David Hohmann einen hohen Rundbau mit großen Flügeltüren, dahinter verbirgt sich ein Ballsaal in schwülem Rot mit Kronleuchter, per Drehbühne in variable Positionen gerückt. Wunderschöne und geschmackvolle Kostüme (Nadine Grellinger)) in schwarz-weiss-rot komplettieren die gelungene Optik. Violetta in eleganter weißer Robe mit schwarzen langen Handschuhen und Schleppe und knallroten Pumps bildet den konträren Effekt, in der modernen aber sehr stilvollen und sehenswerten Produktion. Bravo!

Als Titelheldin kehrte Svetlana Katchour an ihre frühere Wirkungsstätte zurück und bereits die ersten Töne der zierlichen Sängerin lassen das große Vokalereignis erahnen. Frau Katchour überzeugt mit außergewöhnlicher Legatokultur, traumhafter Phrasierung, überzeugt mit dunklen Sopranfarben, bester Koloraturtechnik, ihre besonderen Stärken wurden besonders im vierten Bild offenbar, wenn die Stimme in der Höhe abdämpft und sich zur vokalen Interpretation die fesselnde, anrührende Gestaltung gesellt. Als eigenständiger und zunächst schwärmerischer Charakter wurde die Figur des Alfredo angelegt, wächst in die reifere Männlichkeit, der Autorität des Vaters Paroli bietend. Zurab Zurabishvili glänzt in kräftigen Nuancierungen seines idiomatisch belcantesken Materials. Das virile Timbre des bestens disponierten Tenors bebt in Emotion, strahlt im unforcierten Höhenglanz und vermittelt zum vokalen, stilistischen Feinschliff der Partie noch den optischen, wandlungsfähigen Vortrag. Überzeugend gestaltet Hans Christoph Begemann den George Germont, in höchst klangvoller Intonation ertönt sein weicher, balsamisch strömender Bariton und beeindruckt darstellerisch, mit der auferlegten unbeugsamen Vaterfigur, dessen Autorität in einer Ohrfeige gipfelt. Mit Hingabe profiliert sich das übrige Sängerteam: sehr attraktiv im Schönklang ihres hellen Mezzos. Tiina Penttinen (Flora) und im weichen Sopran Kathleen Glose (Annina) sowie die Herren André Riemer (Gastone), matthias Winter (Douphol), Martin Gäbler (Grenvil), Burkhard Kosche (d´Obigny). Erfreulich pfiffig und klangschön formierte sich in bester Disposition der Chor der Oper Chemnitz (Mary Adelyn Kauffman). Am Pult der Robert-Schumann-Philharmonie waltete umsichtig Domonkos Héja vermittelte einen dynamischen und lebendigen Verdiklang, musizierte mit dem sauber aufspielenden Orchester auf lobenswertem Niveau, zudem hatte er stets wachsam seine Solisten im Auge. In mitreißender Rythmik lotete er die musiktheatralischen Effekte der Partitur aus. Ein zunächst emotional berührtes Publikum, dankte allen Beteiligten einschl. Regieteam mit überschäumender Begeisterung.

Die von mir am 12.05. wiederholt besuchte Aufführung, hinterließ wieder einen nachhaltigen Eindruck dieser erstklassigen Produktion.

Das Opernhaus Chemnitz war wieder einmal für eine höchst erfreuliche Überraschung gut!

Gerhard Hoffmann


FAUST

Heinrich, mir graut vor dir


Und da waren sie wieder: Die Monoblockstühle aus dem Baumarkt. Die Kostüme, deren Annahme die Caritas verweigert hat. Die Doppelung Mephisto Faust. Gretchen als Kassenmädel im Supermarkt. Die Müllsäcke, die orange Sträflingsuniform ( schönen Gruß nach Guantanomo Bay), die Soldaten als asoziale Bürgerwehr, der Akkuschrauber (mitsamt dem störenden Geräusch), die Babypuppen, usw, usw.

Mehr bräuchte man über die Inszenierung von Jakob Peters-Messer nicht zu sagen. Oder doch?

Es wäre ungerecht dem Stück gegenüber, wen man hier abbrechen würde. Neben den üblichen Entgleisungen der letzten zwanzig Jahren war da doch noch mehr. Der Wahnsinn hat Methode. In dem Schwarzen von einem Heiligenschein begrenzten Bühnenbild spielt sich die Tragödie eines alternden Mannes statt. Faust, im Laufe des Abends immer besser, Stanley Jackson, geht zusammen mir seinem jungen Alterego Mephisto, Wahnsinn, dieser junge Kouta Räsänen, auf die Suche nach der Jugend. Sie finden sie im Schlussverkauf in der sympathischen Judith Kuhn als Margarethe. Natürlich bleibt sie auf der Strecke. Da macht auch Peters-Messer keine Ausnahme, wieso eigentlich, ein uneheliches Kind in der heutigen Zeit ist doch kein Beinbruch mehr? Aber sie ist nicht die Einzige, die den Abend nicht überlebt. Neben den, vom Libretto vorgesehen Toten, haucht auch Faustmephisto sein Leben aus.

Soweit die Handlung, ich setze einfach Kenntnis der Oper voraus, beeindruckend sind die Bilder von Markus Meyer. Ein mit der Plazenta heraus gerissener Fötus dominiert die Verzweiflungsszenen Margarethes, ein fotorealistischer abgemalter Prospekt eines Billiganbieters wirbt für das Schlafzimmerset Lara, ein Albtraum kleinstbürgerlicher Wünsche, werden die Folie für die Margarethe-Faust Romanze. Sechs Särge mit Nationalflaggen belegt, werden zur Anklage gegen den Krieg und ironisieren den Soldatenchor und bilden das Innere der Kirche. Die Walpurgisnacht allerdings gerät dann zum Desaster. Das Geistervolk verteilt Müll auf der Bühne.

Zum Ausgleich gab es aber dann auch ein Festival der schönen Stimmen. Der Chor war, eigentlich wie immer in Chemnitz, ausgezeichnet gestimmt. Der Valentin von Lee Poulis lässt keine Wünsche übrig. Sicher in der Stimme spielt er den cholerischen Bruder in heraus ragender Weise. Monika Straubes Marthe, ein angenehmer Alt, ist sicher, auch in der Darstellung der Rolle. Diese Marthe lässt Bundesangie wie ein Pinup Girl wirken. Judith Kuhn ist eine schöne Margarethe, stimmlich sicher. Stanley Jacksons Faust war zu Beginn unsicher, wurde aber im Laufe des Abend immer besser, aber an dieser Rolle sind auch schon andere Sänger gescheitert, und gescheitert ist Stanley Jackson sicherlich nicht. Kouta Räsänen, ein Mephisto zum Verlieben, blutjung, agil, stimmlich ohne Makel, leider in der Rolle, trotz Batman-Joker Maske, zu sympathisch. Sein Bass geht tief in den Keller, und dann macht er eben noch ein Verließ auf, einfach super. Aber die Überraschung des Abends war der Siebel von Jana Büchner. Wo nimmt dieses kleine Persönchen nur diese Riesenstimme her? Klar, deutlich und voller Wohlklang gibt sie dieses androgyne Knäblein. Die Robert Schumann Philharmonie ist mit David Marlow am Pult auf der Höhe der Gounodinterpretation, der Chor von Olivia Gladosch einstudiert, läst keinerlei Wünsche offen.

Es war ein zwiespältiger Abend, euphorischer Applaus für die Musik, verhaltene Applaus und einzelne Buhs für das Regieteam.

Alexander Hauer


REISEBERICHT AUS CHEMNITZ

Meister und Meister-Epigone: "Osterfestspiele" der Oper Chemnitz: Richard Wagner: Der fliegende Holländer (10.4.2009) & Tristan und Isolde (11.4.2009) / Hsns Pfitzner: Die Rose vom Liebesgarten (12.4.2009) 

Von einem kleinen heimlichen Osterfestival sprach Dramaturg Andreas Beuermann nicht ohne Stolz anläßlich der Einführung zur Aufführung von Pfitzners "Rose vom Liebesgarten" am Ostersonntag in der Chemnitzer Oper. Man muß ihm Recht geben, angesichts der sonst von der "Krise" gebeutelten Kultursituation ist es schon erstaunlich,; was dieses doch recht kleine Haus am Tor zum Erzgebirge in den drei Tagen zwischen Karfreitag und Ostersonntag auf die Beine stellte; bei musikalisch und teilweise auch szenisch mehr als achtbarem Niveau. Fast als Vorbereitung auf die Pfitzner Rarität gab es am Karfreitag eine umjubelte Wiederaufnahme des "Fliegenden Holländer" in einer Produktion aus dem Jahre 2001 und Karsamstag einen nicht minder festlichen "Tristan". Interessant diese Werke vor Pfitzner zu hören, was die Ohren schärfte auf des Meisters größten Epigonen im positivsten Sinne. Musikalisch überstrahlte somit auch die selten gespielte "Rose" fast die beiden Wagner-Aufführungen. Domonkos Heja zauberte denn auch den spätromantischen Impressionismus mit den phantastisch aufspielenden Robert-Schumann-Philharmonikern aus der Partitur, die Gustav Mahler dereinst für das beste nach dem ersten Walküren-Akt hielt. Pfitzners zweite Oper zeigt den glühenden Wagner-Verehrer und Erzromantiker auf der Höhe seiner Instrumentier- und Kompositionskunst, vielleicht nur übertroffen vom "Palestrina" und der "Eichendorff-Kantate". Diese erklingt in Ansätzen beim heroischen alles überstrahlenden Chorfinale und die von Mary Adelyn Kauffmann aufs sorgsamte einstudierten Chöre (Chor und Kinderchor) der Oper Chemnitz taten alles daran den strahlendsten Eindruck zu hinterlassen. Bis auf den etwas bläßlichen und an Baßgewalt missen lassenden Kouta Räsänen als Waffenmeister und Nacht-Wunderer hat die Oper Chemnitz ein Ensemble aufgeboten, das sich mit Feuereifer um diese Rarität mühte. Erin Caves ist geradezu eine Idealbestzung des Siegnot, ein schlanker jugendlicher Heldentenor dem es mühelos gelingt jede der nicht mindergesäten Klippen seiner Partie zu meistern und dabei in jeder Phrase sein berückend schönes Timbre blühen läßt. Auch die Minneleide könnte heute wohl kaum trefflicher besetzt werden als mit Astrid Weber. Auch ihr eher schlank geführter dramatischer Sopran kommt ohne jegliche Heroinenattitüde aus, obschon sie genügend Aplomb für den äußerst dramatischen Schlußmonolog bereit hält. Ob im girrenden Lockruf mit dem sie Siegnot zu betören sucht, oder in den chromatischen Zuspitzungen in den Auseinandersetzungen mit ihrem Entführer dem Nacht-Wunderer trifft sie den rechten Ton. Andre Riemer als Mime-Paraphrase gezeichneter Moormann und die homogen besetzten Elfenschwestern Schwarzhilde (Susanne Thielemann) und Rotelse (Tiina Penttinen) runden das hochkarätige Ensemble ab. Opernfreunde dürfen mit Spannung den von der Firma cpo angekündigten Mitschnitt dieser Produktion erwarten. Wahrscheinlich wäre eine konzertante Aufführung einer Begegnung mit diesem seltengespielten Werk weitaus dienlicher gewesen, als die szenische Umsetzung, die man der "Rose" in Chemnitz angediehen ließ. Zugegeben, James Gruns recht floreales und sehr dem Geschmack seiner Zeit verhaftetes Libretto seines von ihm und Pfitzner entwickelten Kunstmärchens gehört sicherlich nicht zu den literarischen Großtaten dieser Epoche, aber bevor man seinen eigenen Sermon über diese Handlung stülpt, sollte man wenigstens eine genaue Lektüre in Anbetracht ziehen und vielleicht erwägen, das Werk als solches ernstzunehmen. Jürgen R. Weber mag ein verdienter TV-Regisseur von Soap-Opern à la "Gute Zeiten - schlechte Zeiten" sein, doch begann er den fatalen Trugschluß: Inszeniere ich "Soap-Opern", so kann ich mich auch auf die zweite Hälfte dieser verbalen Neuschöpfung berufen und mich bemüßigt fühlen Oper zu "machen". In gewollt plakativ provokativer Alt-"68er"-Manier veralberte Weber das Werk mit flapsigem Fäkal- und Sexualhumor zu einem Trash-Comic-Computer-Game. Wie ließ er auf seinen wohl Neuenfels evozieren wollenden Übertitelkommentaren einmal verlauten: "Laber-Laber-Gähn!" Dem ist eigentlcih nichts hinzuzufügen, außer, daß man das Ganze schleunigst in den von ihm für den ersten Akt gebauten Abort hinunterspült. Der Wagnerianer durfte sich an den Tagen zuvor nicht nur musikalisch, sondern auch szenisch laben. Zwar weiß man spätestens nach dem "Tristan", daß Chemnitz über eine Bühnenmaschinerie verfügt, um die manch größeres Haus neidisch nach Osten äugte, aber diese Handlungsaufmunterungen von Michael Heinicke nehmen sich gegen den Pseudo-Agitprop Webers recht harmlos aus. Nur, warum er als ständiges Zitat sich von Reinhart Zimmermann die Villa Wahnfried hat bauen lassen, mag sich nicht unbedingt erschließen, zumal das Werk, als Wagner die Villa im Bayreuther Hofgarten bezog, schon längst fertiggestellt war. Wollten Regisseur und Bühnenbildner auf die Entstehungsgeschichte Bezug nehmen, so hätte man eher die Villa in Triebschen nachbauen müssen. Alexander Rumpf zeigte sich an diesem Abend nicht ganz auf der gewohnten Höhe, was vielleicht auf den Umstand des kurzfristigen Einspringens für GMD Frank Beermann zurückzuführen ist. Seltsamerweise klaffte so manche Lücke zwischen Graben und Bühne und auch die Tempi drangen stockender aus der bemüht spielenden Robert-Schumann-Philharmonie an das Ohr, als es der Dramatik der Handlung dienlich war. Weder John Charles Pierce (Tristan) noch Brigitte Hahn (Isolde) liefen somit an diesem Abend zur Bestform auf, trotzdem beiden berückende Momente nicht abzusprechen waren. Pierce gelang zumindest eine ergreifende Studie des im Fieberwahn siechenden Helden und Brigitte Hahn konnte mit einem sehr innigen abgeklärten Liebestod punkten. Zu den Höhepunkten des Abends zählten aber die beiden Monologe Markes in denrn Andreas Hörl wieder seinen üppigen wohltimbrierten Baß verströmen konnte und die sehr energischen Brangäne-Szenen von Hermine May. Dietrich Greve, gerade der strahlende Amfortas an der Oper Mainz, war für die Partie des verruchten Melot geradezu eine Luxusbesetzung. Sehr kantabel Andre Riemer als Seemann und Hirt. Die Regie mag mir allerdings erzählen, wie man das Wunder vollzieht, auf einer kleinen Holzschalmei neben Englischhorn-Wehklagen auch strahlendste Trompetenaccuti blasen zu können. Der Karfreitagszauber kam in Chemnitz dieses Jahr im recht aufgewühlten maritimen Kleid einer fulminanten "Holländer-Wiederaufnahme" daher. Dem frühen Meerstück Wagners scheint Alexander Rumpf mehr verbunden als den späteren Wogen der irischen See. Die Gischt an Norwegens zerklüffteter Küste erklang denn auch phänomenal nachgezeichnt von den Robert-Schumann-Philharmonikern. In der recht konventionellen aber sich dramatisch zuspitzenden Personenführung blätterte Michael Heinicke die Ballade um den bleichen Mann auf und seine Liebe zur Maschinerie machte hier weitaus mehr Sinn als im "Tristan". Im so schlichten wie genialen Bühnenbild von Stefan Wiel und Annette Heydenreich waren schnelle Auf- und Abtritte ebenso möglich, wie die Einheit von Außen- und Innenwelt. Astrid Weber, die schon zur Ouvertüre als Getriebene über die Bühne hetzte, scheint als Senta gereift und ihre Glanzrolle gefunden zu haben. War ich noch über ihre Essener Interpretation skeptisch - wobei sie an der Ruhr auch gegen ein recht eigenwilliges Regiekonzept anzusingen hatte - so scheint sie nun ihr Ideal gefunden zu haben. Schlank in Erscheinung und Stimmführung spart sie sich den emphatischen Ausbruch für die fulminanten Spitzentöne ihres Todesentschlusses auf. Die Ballade singt sie eher als ein traumhaftes romantisches Lied. Webers Senta gibt vielleicht einen Eindruck wieder, wie dereinst eine Schröder-Devrient auf Wagner gewirkt haben mag. Jürgen Linn, den leider nach einem fulminanten Holländer-Monolog, eine nicht überhörbare Indisposition befiel, war geradezu ein idealer Partner der emphatischen Senta Webers. Trotz der Schwierigkeiten mit denen er zu kämpfen hatte, überzeugte Linn mit makelloser Diktion und einer stupenden Technik, die ihm sogar berückende Piani entlocken ließ. Zwei Gleichgesiinte, zwei Idealisten treffen hier aufeinander, deren Beziehung angesichts der auf Schacher erpichten Umwelt zum Scheitern verurteilt ist. Der noch sehr jugendlich wirkende Daland von Andreas Hörl ist die fulminante Charakterstudie eines auf Gewinn orientierten Kaufmanns, der dabei über Leichen geht. Daß dieser dabei mit feinzisilierten Baßkantilenen aufwartet, unterstreicht den perfid zynischen Charakter dieses Pfeffersacks. Die tenorale Belcantistik mit dem Zurab Zurabishvilli den Jäger Erik zeichnet, macht diese Figur umso angreifbarer für die Ablehnung Dalands als auch für die Lieblosigkeit mit dem Senta ihm begegnet. Das hochkarätige Ensemble rundeten Tiina Penttinen als jugendlich resolute Mary und Andre Riemer als schlank jugendlich-emphatischer Steuermann ab. Chor und Extrachor der Oper Chemnitz (Einstudierung: Matthias Böhm & Mary Adelyn Kauffmann) nahm man die überbordende Spiel- und Sangesfreude jeden Takt ab und dieser Klangkörper braucht einen Vergleich mit den Kollegen vom Grünen Hügel kaum zu scheuen. Beneidenswert, die sehr intakte Übertragung aus dem Chorraum oder Hinterbühne für die Geistermannschaft der Holländer, schade nur, daß die Regie diese Szene in ihrer Harmlosigkeit fast völlig verschenkte. Man darf auf die Chemnitzer-Osterfestspiele 2010 gespannt sein mit welchen Schmankerln man dann aufzuwarten weiß. Das nationale und internationale Publikum wird wohl wieder treu zugegen sein und mit Jubel nicht sparen, wie es bei der "Rose" auch mit ablehnenden Zwischenrufen aufgrund der kruden Regie nicht sparte.

 Dirk Altenaer




LOVE AND OTHER DEMONS

 Moderne Oper, traditionell

Chemnitz hat ein gutes Opernhaus, der Schwerpunkt liegt im deutschen Fach. Mit seinen Wagnerinszenierungen erlangte Chemnitz überregionale Beachtung. Ebenso die Ausgrabungen selten gespielter Opern. Das man damit seinem Publikum nicht immer einen Gefallen tut, sei dahin gestellt. Umso erfreulicher ist es, dass ein Haus in der Größe von Chemnitz es schafft, auch eine deutsche Erstaufführung an Land zu ziehen und das diese auch vom Publikum goutiert wird.

Peter Eotvös gab dem Roman von Gabriel Garcia Márquez eine musikalische Fassung. Dietrich Hilsdorf verlegte die im Rokoko der Karibik angelegte Handlung in die Jetztzeit. Im Bühnenbild von Dieter Richter und den Kostümen Renate Schnitzers erlebte ich am Sonntag, was moderne Oper auch bedeuten kann: Spannendes Theater.

Frank Beermann treibt die Robert-Schumann-Philharmonie und sein Sängerensemble knapp zwei Stunden zu Höchstleistungen heran.

Julia Bauer gibt die pubertierende Sierva Maria, ein Mädchen auf der Schwelle zur Frau, das mutterlos von der schwarzen Haushälterin Dominga(Tiina Penttinen) erzogen wird. Durch sie kommt sie in den Kontakt mit afrikanischen Religionen. Sie wird von einem Hund gebissen. Man vermutet Tollwut, doch die Krankheit bricht nicht aus. Ihre Fähigkeit die Sprache der Schwarzen zu verstehen und ihre unbefangene Art werden vom ortsansässigen Bischof (Renatus Mészár) als Besessenheit gedeutet. Man schafft sie in ein Kloster um ihr dort die Teufel auszutreiben. Den Exorzismus soll Pater Cayetano Delaura(Andreas Kindschuh) durchführen. Er und das Mädchen verlieben sich auf eine unschuldige Weise ineinander. Als sie von der Mutter Oberin(Monika Straube) bei einem Kuss überrascht werden, verweist sie Ihn des Klosters. Der Exorzismus wird vom Bischof selbst durchgeführt.  Verzweifelt versucht die Mutter Oberin die Teufel auf sich selbst zu ziehen, während um sie herum das Kloster in einen sexuellen Rausch verfällt. Sierva Maria stirbt. Dominga betet zu ihren Göttern für sie.

Während Márquez die Besessenheit Maria Servias als pubertäre Erscheinung und Projizierung durch die Umwelt deutet, lässt Eötvös  eigentlich kein Zweifel an ihrer Besessenheit. Seine Musik gründet in der Tradition der Filmmusik. Er schafft mit seiner Orchestrierung immer wieder verstörende Momente. Das Dämonische, das Verbotene, die Schwüle der Triebe ergreifen den Zuhörer mit einer starken Suggestivkraft.

Doch Dreh- und Angelpunkt ist Julia Bauer. Ihre Stimme, ihre Koloraturen, ihre Ausdrucksfähigkeit geben der 12-jährigen Sierva Maria Persönlichkeit.  Ihre Erzieherin Dominga, exzellente Stimmführung im eleganten Mezzo: Tiina Penttinen, steht ihr kongenial zur Seite, genauso wie der Bischof von Renatus Mészár. Überragend auch Andreas Kindschuh als verliebter Pater Delaura. Die Schwesternmörderin Martina Laborde erhält von Susanne Gasch eine erschreckend leichte Persönlichkeit. Monka Straubes Josefa Mirinda ist eine resolute und stimmgewaltige Mutter Oberin. André Riemer gibt den Arzt Abrenuncio, der an seiner Unfähigkeit scheitert, stimmliche Tiefe. Susanne Thielemanns Dona Olalla, der Geist der verstorbenen Mutter Sierva Marias, besticht durch Klarheit in der Stimme. Nicht unerwähnt soll die überragende Leistung des Chores und es Extrachores(Mary Adelyn Kauffman).  Die sängerische Sicherheit und die Freude am Spiel in dieser doch schwierigen Oper zeugen von höchster Qualität.

Es war ein Ereignis und der Beweis  dafür, dass Musik der neueren Zeit durchaus ein breiteres Publikum anspricht, wen sie so genial in Szene gesetzt wird.

Alexander Hauer, besuchte Vorstellung 1.3.2009

 

 


Seltene Pfitzner-Oper

Die Rose vom Liebesgarten

 Was Sie schon immer über die Pubertät ihres Sohnes wissen wollten

Wer einen ernst gemeinten Pfitzner erwartete wurde bitter enttäuscht. Jürgen R. Weber erschuf in seinem aufwendigen und farbenfrohen Bühnenbild zusammen mit den geschlechtsbetonten Kostümen von Sven Bindseil eine Fantasywelt wie sie nur einem pubertierenden Hirn entsprungen sein konnte. Klugerweise verzichtete er auf des Meisters eigenen Regieanweisungen und rettete dadurch das Stück vor dem Tod durch Ertrinken im Meer des Romantikkitsches.

Zusammen mit seinem Dramaturgen Andreas Beuermann entwickelt er Kommentare zum Bühnengeschehen, die weniger der Brecht’schen Theaterpraxis entliehen waren, mehr aus einem Schülerheft stammen konnten. Witzig bis flapsig (laber, laber…gähn,…das werden wir noch sehen) zeigten sie Die Sicht auf das Geschehen, kommentiert von einem „Knäblein“ das sich mit dem Bösewicht, teuflisch gut: Kouta Räsänen, dem Nachtwunderer, identifiziert. Die beiden Helden, den Tenorpart gab stimmlich sicher und klar zu verstehen Erin Caven als Siegnot, und die sensationelle (die Chemnitzer sind schon sehr verwöhnt) Astrid Weber die Minneleide. Beide Figuren wurden durch Ramona Capraro und Felipe Rocha in den Tanzpartien von Schättin und Schatten verdoppelt. Lobenswert auch die beiden Hilfselfen oder wie man sie in Chemnitz nennt die Zwölfen, Jana Bücher, Schwarzhilde, Tiina Pentinen als Rotelse, geben den beiden (leider) kleinen Partien  emotionale Tiefe.

Der Chor und der Kinderchor sind diszipliniert und bestens von Mary Adelyn Kauffman einstudiert.

Domonos Héja, der innerhalb kürzester Zeit für den erkrankten Frank Beermann die musikalische Leitung übernahm, schaffte den Spagat zwischen expressiver Tiefe und sinfonischen Klängen. Die Robert Schumann Philharmonie konnte sich voll entfalten ohne an den poetischen und dramatischen Klippen zu scheitern.

Aber zurück zur Regie. Weber gelingt es der spätromantischen Oper Pfitzners eine neue Gestalt zu geben, ohne den Sinn der Oper zu zerstören. Das er sie in die Phantasiewelt eines Kindes hinein projiziert, ist dem Stück dabei dienlich. Sicherlich hätten einige Striche in der Partitur gut getan, aber in Hinblick auf eine Cd Einspielung ist diese fast strichlose Fassung doch eine gute Wahl. Weber zitiert alles, was in den letzten Jahren auf die Kinoleinwand oder im Fernsehen gezeigt wurde. Ringjäger, martialische Krieger wie vom anderen Stern bis hin zu der Besetzung beliebter Nachmittagstalkshows, das ganze Programm an Freaks wurde auf die Bühne gebracht. Dabei bleibt er immer „anständig“, niemals driftet seine Inszenierung ins Ordinäre ab. Dazu trägt auch zurückhaltende Erotik Astrid Webers und der Damen Bücher und Pentinen bei.

Fazit, die Neuinterpretation tat dem Werk Pfitzners gut, es besteht berechtigte Hoffnung, dass mit dieser Oper ein jüngeres Publikum angesprochen werden könnte.

Dem alteingesessenen Opernfreund sei diese Oper ans Herz gelegt, denn so häufig wird sie nicht gegeben.                                                    Alexander Hauer

Bilder von D. Wuschanski

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