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Auch ein Bajazzo nicht mehr lacht,
wenn seine Frau Geschichten macht.
Die Posse deshalb tragisch schließt,
und Blut aus gleich 2 Leichen fließt.
Auch in Sizilien fließt das Blut
Turiddu dieser Tunichtgut
verführt als frecher Ehebrecher
das Weib von einem Messerstecher
(Copyright: peter Klier)

CAVALLERIA RUSTICANA & BAJAZZO

 

Lyric Opera of Chicago - 23.3.2009

Nach einer exzellenten Aufführung dieser beiden veristischen Einakter wenige Tage zuvor an der Met, war es eine Freude für den Rezensenten beiden Werken erneut in einer völlig anderen Inszenierung zu begegnen. Am Pult des Orchesters der Lyric Opera stand dieses Mal Renato Palumbo, der die farbenreichen, impressionistischen Partituren von Mascagni und Leoncavallo transparent gestaltete. Während der ruhigen Ouvertüre sieht man eine felsige Landschaft auf Sizilien mit den dunklen Silhouetten von Bäumen, die der Wind mächtig durchzaust. Es ist kurz vor Sonnenaufgang. Von Ferne hört man die in sizilianischem Dialekt gesungene prophetische Arie Turiddus, in der er schwört, für Lola sterben zu wollen. Dieses fatale Ereignis vollzieht sich auch eine knappe Stunde später ebenfalls im Off. In der Cavalleria sprang der in Montevideo (Uruguay) geborene italienische Tenor Carlo Ventre kurzfristig für den erkrankten Vincenzo La Scola als Turiddu ein. Gleich seine im Off gesungene Auftrittsarie wies ihn als einen Sänger mit Italianità-Qualitäten aus. Ein stiller Höhepunkt der Aufführung war auch das intermezzo sinfonico, zu dem Santazzu auf dem Boden liegend betet. Gelegentlich hatte der Rezensent den Eindruck, dass die Musik – ähnlich wie in Bayreuth – etwas „abgeschnitten“ erklingt. Ein Grund dafür mag gewesen sein, dass sich ein Teil des Orchesters unterhalb der Bühne befand. Als überragende, bühnenbeherrschende Santuzza konnte man an diesem Abend die 1952 geborene US-amerikanische Mezzosopranistin Dolora Zajick erleben. Im Laufe ihrer langen Kariere hat sie nichts an Gestaltungskraft und Ausdruck verloren, da nimmt man ihr eine gelegentlich scharfe Höhe nicht übel. Sie singt kniend und liegend und vermag im besten Sinne des Wortes „zu rühren“. Der US-Amerikaner Mark Delavan, der auch im zweiten Teil des Abends als Tonio auftreten sollte, führte in der Rolle des Alfio ein packendes Porträt des beleidigten Machos, der nach Rache sinnt, vor. Er ist besonders fein gekleidet, was seine herausragende Stellung innerhalb der Dorfgemeinschaft unterstreichen soll. Die noch junge Mezzosopranistin Katherine Lerner war als Lola nicht nur ausnehmend hübsch, sondern gefiel auch mit angenehmem Timbre. Judith Christin als Mamma Lucia  verstrahlte mütterliche Wärme bei eher herber Klangfärbung ihres Charaktermezzosoprans. An dem von Yale-Professor Michael Yeargan geschaffenen Bühnenbild ist besonders interessant, dass die sonst übliche Kirche nicht sichtbar ist. Stattdessen befindet sich eine gewundene breite, in Treppen ansteigende Straße in der Mitte eines Dorfes, von der eine Seitengasse offenbar zu der für den Betrachter nicht sichtbaren Kirche, die sich hinter der Taverne von Mamma Lucia befindet, führt. Die Häuser befinden sich in einem amphitheaterartigen Halbrund. Regiealtmeister Elijah Moshinsky legte in seiner Inszenierung aus dem Jahr 2002 besonderes Augenmerk auf die Interaktionen der Protagonisten und erzeugte damit besonders intensive dramatische Momente. Gleich zu Beginn zeigt er uns auch typisch ländliche Osterbräuche. Da wird etwa feines, weißes Tuch von den Dorfbewohnern über ihre Veranda gehängt und der Weg zur Kirche mit Lilien und Blattwerk geschmückt. Als besonders stimmig und darstellerisch mit Spiellaune ausgestattet erwies sich auch der von Donald Nally einstudierte Chor. Ein großer Applaus entließ das Publikum in die Pause.

Danach wurde man von einem völlig anders gestalteten Bajazzo überrascht. Tonio Mark Delavan verkündete den Prolog ohne Maske und Schminke, in einen beigen Regenmantel gehüllt mit Sporthose und gestreiftem Hemd. Danach öffnete sich der rote Vorhang der Civic Opera und man erinnerte sich ob des nüchternen Bühnenbildes zwangsläufig an Fellinis La Strada. Und tatsächlich verrät das Programmheft, dass die Oper im Nachkriegsitalien spielen soll. Ausstatter Michael Yeargan verrät, dass er seine Anregungen von Fellinis Halbdokumentarfilm „I Clowns“ bezogen hatte. Es ist noch dunkel. Graue Wände begrenzen die Bühne, drei gekrümmte Lampen mit großen weißen Schirmen sind an der rechten Wand befestigt. Auf der linken Seite befindet sich ein Maschendrahtzaun, hinter dem sich Silvio verstecken kann. Die Truppe der Clowns erscheint dann in einem alten Lkw, eine Idee die auf Jean-Pierre Ponnelles Inszenierung aus dem Jahr 1976 für die San Francisco Opera zurückgeht. Fellini folgend lässt Yeargan aber noch weitere Artisten auftreten. Und so können wir Akrobaten, Jongleuren, Stelzengehern und Einradfahrern bei ihren Kunststücken zusehen. Die Rollenauffassung des Canio hat sich in den letzten Jahrzehnten entscheidend geändert. Meist wurde er als ein Clown mit gebrochenem Herzen und sympathischem Charakter dargestellt. Inzwischen erscheint Canio eher als gewalttätiger und gefährlicher Ehemann und die Sympathien liegen nun mehr bei Nedda und Silvio, die aus dieser hoffnungslosen Situation ausbrechen wollen. Der russische Tenor Vladimir Galouzine ist nun ein solcher gewalttätiger, vor Eifersucht rasender Canio, der die Partie in aggressivem forte bis zum Schluss singt und damit das Böse im Charakter von Canio noch verstärkt. Besonders dämonisch hörte sich sein „Vesti la giubba e la faccia infarina“, mit dem er seine Rache plant, an. Mark Delavan humpelte als Tonio auf einen Stock gestützt. Seine Zudringlichkeiten werden von Nedda mit eben diesem Stock barsch und zurückgewiesen. Die aus Puerto Rico stammende Ana María Martínez als Nedda gefiel durch ihren wunderschönen, lyrischen Sopran, mit welchem sie die aufsteigenden Kadenzen und Triller im Vogelgesang „Hui! stridono lassù, liberamente    lanciati a vol come frecce, gli augei“ in der 2. Szene einzigartig gestaltete. An der Wiener Staatsoper trat sie bereits im Jahr 2002 als Pamina und Mimi auf. Ihr Partner Silvio wurde von dem in Lederjacke und T-Shirt ganz in James Dean Manier gekleideten Christopher Feigum mit heller Baritonstimme dargeboten. In der Commedia dell’arte Aufführung im zweiten Akt trägt Nedda/Colombina eine blaue Perücke, Symbol der Hoffnung auf ein besseres, gemeinsames Leben mit Silvio. Der junge amerikanische Charaktertenor Keith Jameson musste als Beppe seine Serenade „O Colombina, il tenero fido Arlecchin è a te vicin!“ auf einer hohen blauen Leiter stehend vortragen, wobei sich leider ein kleiner Kickser einschlich. Nachdem die letzten Zeilen der Oper „La commedia è finita! ...“ üblicher Weise von Canio gesungen werden, kehrte man in dieser Produktion wieder zur ursprünglichen Intention von Leoncavallo zurück und ließ diese Worte nun aus dem Mund von Tonio, der ja auch den Prolog gesungen hatte, dem Publikum verkünden. Langsam schloss sich der Vorhang und das Publikum, noch ganz im Banne des eben erlebten Doppelmordes auf der Bühne, begann zögerlich zu applaudieren, steigerte sich aber zu einem fast frenetischen Jubel für alle Mitwirkenden.                             

Harald Lacina  



DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL

25.3.

Lyric Opera of Chicago - Als letzte Premiere der Saison feierte diese Gemeinschaftsproduktion mit der San Francisco Opera ihre Premiere am 2. März 2009. Michael Polenzani als Belmonte bewältigte mit seinem lyrischen, äußerst geschmeidigen Tenor mühelos die immensen technischen Herausforderungen der Partie. Für den gefühlvollen Vortrag seiner mit Koloraturen gespickten Auftrittsarie „Hier soll ich dich denn sehen“ heimste er gleich zu Beginn Applausovationen ein.

Die Konstanze der kanadischen Sopranistin Erin Wall klang leider in der Höhe etwas schrill. Auch hatte sie mit den Koloraturen gleich zu Beginn ihrer Arie „Ach, ich liebte“ einige Schwierigkeiten. Immerhin konnte sie in der Arie „Martern aller Arten“ im zweiten Akt die Zerrissenheit zwischen der ungebrochenen Treue zu ihrem noch immer abwesenden Belmonte und der Bedrängung durch den sie liebenden, vorurteilsfreien Paschas einigermaßen gut vermitteln. Andrea Silvestrelli als Osmin war nicht nur vom Äußeren her ein behäbiger Haremswärter. Er kostete die komischen Seiten seiner Rolle mit Augenzwinkern im Spiel aus und erfüllte mit seinem tiefen Bass in der Arie “Solche hergelaufnen Laffen” den gesamten Zuschauerraum bis in die hintersten Reihen. An Stimmumfang dürfte er wohl derzeit zu den größten Bässen zählen. Allerdings hatte er hinsichtlich der Wahl seiner Tempi hörbare Probleme mit Dirigent Sir Andrew Davis. Die polnische Sopranistin Aleksandra Kurzak konnte als Blonde dem omnipräsenten Osmin mit ihrer Arie „Durch Zärtlichkeit und Schmeicheln“ immerhin einigermaßen Paroli bieten. Mit ihrer Arie “Welche Wonne, welche Lust” konnte sie das Publikum dann auch restlos für sich gewinnen und erntete für ihre Leistung verdienten Szenenapplaus. Der australische Tenor Steve Davislim, der bereits die Rolle des Belmonte gesungen hatte, trat dieses Mal als Pedrillo auf. Bemerkenswert gestaltete er die Arie „Frisch zum Kampfe“ im zweiten Akt und das Trinkduett mit Osmin. Der Chicagoer Schauspieler David Steiger bewies in der Sprechrolle des Pascha Selim, dass er den deutschen Text gut verstand und mit der richtigen Betonung ausdrucksvoll gestalten kann, wenngleich seine Aussprache durchaus noch verbesserungsfähig wäre.

Ausstatter David Zinn zeigt uns ein Modell einer traditionellen Bühne aus dem 18. Jhd. Im Hintergrund erscheint auf einem Stoffprospekt ein buntes Serail. Die Entourage des Paschas ist in uniforme Kostüme gekleidet. Alle Mitglieder des Chores, auch die Frauen, tragen lange Schnurbärte. Donald Nally hat diesen Chor bestens einstudiert, sodass jedes Wort verständlich ist. Im zweiten Akt konzentriert sich der Schauplatz auf einen Garten außerhalb des Harems, der als Berührungspunkt zwischen der Welt der im Harem eingesperrten Konstanze und Blonde und der Außenwelt, repräsentiert durch Pedrillo, der zu diesem Garten Zutritt hat, dient. Vor dem Garten befindet sich noch ein mächtiges Tor, welches symbolhaft im dritten Akt als Bindeglied zwischen der Beengtheit des Harems des Paschas und dem Ideal einer scheinbar freien Welt der Europäer dient. Durch diese Abstraktion gelingt es David Zinn die Konzentration des Publikums letztendes ganz auf die Musik zu fokussieren. Regisseur Chas Rader-Shieber stellt mit intelligenten Details einen Bezug zu Mozarts Zauberflöte her. Wenn etwa Belmonte zu Beginn sehnsuchtsvoll Konstanzes Bild betrachtet, kommt dem aufmerksamen Betrachter sofort Taminos Arie „Dies Bildnis ist bezaubernd schön“ in den Sinn. Wenn dann später noch drei ganz in Burqas gekleidete Frauen während Belmontes Arie „O wie ängstlich“ am Bühnenrand stehen, erinnert dieses Bild natürlich an die drei Damen. Der Regisseur erzählt die Geschichte auch scheinbar aus der Rückschau des altersweisen Paschas, der als Double zu Beginn der Ouvertüre jene Rosen aufhebt, die Konstanze bei ihrem Abschied im dritten Akt fallen ließ. Die Großzügigkeit des Paschas am Ende der Oper leitet über zu ihrer ewiggültigen Botschaft, dem Plädoyer für Toleranz und Vergebung. Unter seinem musikalischen Direktor, dem Mozartspezialisten Sir Andrew Davis, war Mozarts Singspiel in den besten Händen. So frisch und lebhaft im Klang wie im Ausdruck wurde die Partitur vom Orchester der Lyric Opera of Chicago wiedergegeben, dass es eine einzige Freude für alle Anwesenden war. Ein wahrhaft würdiger Saisonabschluss!                                     

Harald Lacina

 


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