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DIE LUSTIGE WITWE

Besuchte Aufführung: 9. 2. 2014 (Premiere: 8. 1. 2014)

Heitere Millionenjagd

Endlich kann das Landestheater Coburg nach dem beseitigten Wasserschaden wieder bespielt werden. Und nun fand auch die Neuproduktion von Lehars Erfolgsoperette „Die lustige Witwe“, die umständehalber verschoben werden musste, den Weg auf die wieder instand gesetzte Bühne. Es wurde ein recht vergnüglicher Nachmittag. Francois de Carpentries, dessen Würzburger „Don Giovanni“-Inszenierung man noch in bester Erinnerung hat, setzte das Stück heiter beschwingt und kurzweilig in Szene. Seine Personenregie war unaufgesetzt und flüssig. Darüber hinaus wartete er auch dieses Mal wieder gekonnt mit Tschechow’schen Elementen auf. So ließ er das in zwei Teile aufgespaltete zweite Duett zwischen Valencienne und Rossilon von einem Dialog Hannas und Danilos, die auf der Bühne geblieben waren, unterbrechen. Der Zauber, dem sich das erste Paar hingibt, springt an dieser Stelle auch auf die beiden Protagonisten über. Besonders im zweiten Akt nicht ganz glücklich muteten die im Sprechtext vorgenommenen Kürzungen an. 

Sofia Kallio (Hanna)

Den äußeren Rahmen des Geschehens bildet eine von Andreas Becker entworfene Säulenhalle, in dem die pontevedrinische Botschaft ihr Domizil aufgeschlagen hat. Man ist augenscheinlich noch nicht gänzlich in der neuen Residenz angekommen, die Möbel sind teilweise noch verhängt. Der Hintergrund wird von einem Bild des Landesvaters von Pontevedrino eingenommen, rechts neben diesem erhebt sich die Statue eines alten römischen Kaisers. Man merkt, Baron Zeta ist ein Anhänger antiker Werte. Zu Beginn des zweiten Aufzuges ist es dann eine Solotänzerin, die gekonnt die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich zieht.  

Sofia Kallio (Hanna), Falko Hönisch (Danilo)

In diesem Akt beherrscht eine Art Guckkastenbühne mit einer projizierten, sehr naturalistischen Sträucher- und Gebirgslandschaft die Bühne, die - einmal um die eigene Achse gedreht - auch den Pavillon bildet. In ihm residiert das von Karine van Hercke prächtig eingekleidete Naturkind Hanna wie eine Bergkönigin. Während des Duetts vom „dummen Reitersmann“ nimmt sie verspielt auf einem im linken Bühnenbereich platzierten Schaukelpferd Platz. Im ersten Akt erscheint sie gänzlich unkonventionell als mit den Pariser Salonregeln anscheinend noch nicht sonderlich vertraute Winterreisende mit Pelzmütze und modischem Blazer. Die Art, wie sie immer wieder lässig und salopp die Hände in die Taschen ihrer schicken weißen Hose steckt, macht auf vergnügliche Art und Weise deutlich, dass sie die Benimmregeln der in feine schwarze Abendanzüge gekleideten High Society, auf die sie etwas herunterblickt, noch nicht gänzlich verinnerlich hat. Zunehmend lernt sie, sich dieser feinen Gesellschaftsschicht anzupassen. Am Ende mischt sie sich dann gutgelaunt unter die Grisetten.

Dirigent Roland Fister und das gut gelaunt aufspielende Philharmonische Orchester Landestheater Coburg waren in guter Verfassung und präsentierten einen locker dahinfliessenden, spritzigen und farbenreichen Klangteppich, der aber auch  einfühlsame emotionale und bedächtige Momente aufwies. Lustvolle Ausgelassenheit korrespondierte mit schöner Walzerseligkeit, und auch in dynamischer Hinsicht war die Leistung der Musiker abwechslungsreich und ausgeglichen. Insbesondere beim Lied der Grisetten, dessen Schluss mehrmals wiederholt wurde, sprang der sprichwörtliche Funke über.  

Sofia Kallio (Hanna), Falko Hönisch (Danilo)

Insgesamt zufrieden sein konnte man auch mit den sängerischen Leistungen. Allen voran vermochte Sofia Kallio in der Titelpartie nachhaltig für sich einzunehmen. Sie hatte das Regiekonzept vollständig verinnerlicht und mit einer guten schauspielerischen Ader temporeich und gewitzt umgesetzt. Auch gesanglich bewies sie erneut, dass sie zu den ersten Kräften des Coburger Theaters gehört. Mit wunderbar italienisch focussiertem, mezzohaft anmutendem Sopran gestaltete sie die Hanna sehr tiefgründig und glänzte insbesondere in dem mit herrlicher Linienführung, warm, gefühlvoll und bestens sitzenden Pianissimi dargebotenen Vilja-Lied. Leider hatte sie die Rechnung ohne den verstaubten, aber von der Handlung her unentbehrlichen Fächer gemacht, der sie manchmal etwas husten ließ und einmal leider auch eine kleine vokale Indifferenz erzeugte. Das ist aber nicht Frau Kallio, sondern der Requisite anzulasten. Neben ihr bewährte sich als Danilo Danilowitsch Falko Hönisch. Schon äußerlich war der gut aussehende, fesche Sänger für den Grafen trefflich gewählt. Auch stimmlich bewältigte er mit insgesamt gut verankertem Bariton, der indes in der Höhe noch etwas profunder hätte klingen können, seinen Part solide. In puncto Stimmkraft und Volumen seines klangvollen Baritons war ihm indes Benjamin Werth überlegen. Es war etwas verwunderlich, dass dieser prachtvolle Sänger, der mit der kleinen Rolle des Vicomte Cascada eindeutig unterbesetzt war, nicht den Danilo singen durfte, den er sicher ganz brillant gegeben hätte. Als Camille de Rossilon machte mit sonorem, frischem Tenor italienischer Schulung David Zimmer nachhaltig auf sich aufmerksam. Neben ihm fiel die mit zu hoher Stütze und maskig singende Julia Klein in der Partie der Valencienne ab. Eine Fehlbesetzung stellte Michael Lion für den Baron Zeta dar. Dieser sonst vorzügliche Bassist kam mit den bis zum hohen g reichenden Höhen des pontevedrinischen Gesandten nicht zurecht und transponierte hoch liegende Stellen ständig nach unten. Diese Rolle sollte mit einem Bariton oder einem Tenor besetzt werden. Ein eher mäßiger Vertreter des letzteren Stimmfaches ist Freimut Hamman, der als Raoul de St. Broche ausgesprochen dünn klang. Köstlich war der Njegus des Schauspielers Stephan Ignaz, der besonders mit einem zwischen dem zweiten und dem dritten Akt angesiedelten heiteren Extemporé die Lacher auf seiner Seite hatte. Sascha Mai (Bogdanowitsch), Gabriele Bauer-Rosenthal (Sylviane), Martin Trepl (Kromow), Joanna Stark (Olga), Jan Korab (Pritschitsch) und Patricia Lerner (Praskowia) rundeten das homogene Ensemble ab.

Ludwig Steinbach, 10. 2. 2014               Die Bilder stammen von Andrea Kremper.

 

 

 

Stimmig

UN BALLO IN MASCHERA  

Besuchte Aufführung: 19.11.2013 (Gastspiel in der Stadthalle Bayreuth)           Premiere in Coburg: 26.10.2013                   -  zweite Kritik

Dem Schicksal ausgeliefert

Sie war schon ein würdiger Beitrag des Landestheaters Coburg und seines erfolgreichen Intendanten Bodo Busse zum Verdi-Jahr 2013, die Neuproduktion von „Un ballo in maschera“, die in jeder Beziehung einen gefälligen Eindruck hinterließ. Da die Coburger Bühne derzeit aufgrund eines Wasserschadens nicht bespielbar ist, liegt der Besprechung das Bayreuther Gastspiel des Landestheaters am 19. 11. 2013 zugrunde.  

Milen Bozhkov (Gustavo), Leila Pfister (Ulrica)

Verdis Oper basiert auf dem historischen Mord an dem Schwedenkönig Gustav III. am 16. 3. 1792. Auf einem in der Stockholmer Oper stattgefundenen Maskenball war der Monarch vom Grafen Anckarström tödlich verwundet worden. Auslöser der Tat war das Vorhaben Gustavs III., den schwedischen Adel seiner Privilegien zu berauben, was diesem naturgemäß gar nicht recht war. Ein Königsmord auf der Bühne stellte zu Verdis Zeit ein ausgesprochenes Sakrileg dar, weswegen die Zensur die Aufführung des Werkes dann auch in der ursprünglichen Form verbot. Dabei dürfte die Erinnerung an den im Dezember 1856 verübten Anschlag auf König Ferdinando II, der das Attentat überlebte, noch ziemlich frisch gewesen sein. Notgedrungen verlegte Verdi die Handlung in das amerikanische Boston und änderte einige der aus der Geschichte überlieferten Namen. Aus Gustav III. wurde Riccardo und aus Graf Anckarström Renato, die Grafen Ribbing und Horn nannte er Samuel und Tom. Die Namen Amelia, Ulrica und Oscar ließ er dagegen unverändert, denn sie waren ein Produkt der Phantasie des Komponisten und seines Librettisten Eugène Scribe. Darüber hinaus ist die Dramaturgie der Oper mit ihrem Gemisch aus Politik, Liebe und Eifersucht frei erfunden. Den Pagen, der mit dem homosexuell veranlagten schwedischen König eine Beziehung pflegte, hat es indes tatsächlich gegeben. Der hat aber mit dem Oscar des Verdi’schen Werkes gar nichts zu tun. Die Coburger Produktion knüpft an das geschichtliche Ereignis an und stellt demgemäß Gustav III. in den Vordergrund. Sein Mörder heißt hier als Namenskombination aus den beiden Fassungen Renato Anckarström. Die Verschwörer sind hier aber keine schwedischen Grafen, sondern heißen traditionell Samuel und Tom. 

Milen Bozhkov (Gustavo), Celeste Siciliano (Amelia)

Regisseur Volker Vogel, der nach den Operetten „Maske in blau“ und „Die Csardasfürstin“ in Coburg zum ersten Mal eine Oper in Szene setzte,  geht es weder um eine Rekonstruktion der Historie noch um die Nachzeichnung einer operntypischen Dreiecksgeschichte. Sein Ansatz ist vielmehr übergeordneter weltgesetzlicher Natur und thematisiert das Unterworfensein des Menschen unter das Schicksal, dem sich keiner entziehen kann und das hier in Gestalt der gänzlich unkonventionell gezeichneten, in einer umzäunten eisernen Militäranlage hausenden jungen, hübschen und sexy anmutenden Wahrsagerin Ulrica erscheint. Wenn sie im Lauf des Abends immer wieder auftritt, zeugt das von dem trefflichen Umgang des Regisseurs mit Tschechow’schen Elementen. Den Mächten des Geschickes ist jeder in allen Ären gnadenlos unterworfen. Es handelt sich um eine zeitlose Problematik von allgemeiner Gültigkeit. Dem entspricht es, dass Norbert Bellen bei seinem nur spärlich mit einem romanischen Rundbogenportal, zwei verschiebbaren Wänden, Tisch und Stuhl sowie Kronleuchter ausgestatteten Bühnenbild sowie den ansprechenden Kostümen in zeitlicher Hinsicht nicht genau Farbe bekennt. Da gibt es Elemente verschiedener Epochen, so beispielsweise aus der Entstehungszeit des Werkes und der Weimarer Republik. 

Celeste Siciliano (Amelia), Leila Pfister (Ulrica)

Die eher spärliche Ausstattung leistet einer exakten Figurenkonstellation Vorschub. Nichts lenkt von den Beziehungen der Handlungsträger untereinander ab. Vogels Regie bewegt sich insgesamt in konventionellen Bahnen, und auch die Führung der Personen hätte an manchen Stellen etwas stringenter ausfallen können. Aber was die Erzeugung von einfühlsamen Stimmungen in Form von Licht- und Schattenspielen angeht, ist er ein Meister seines Fachs. Solche gibt es in seiner Inszenierung reichlich. Sie verleihen der Produktion eine ganz eigene Ästhetik. So macht es beispielsweise einen tiefen Eindruck, wenn die Schatten der Stützpfeiler der transparenten Gardinen, durch die die Umrisse der einzelnen Personen oft schemenhaft durchschimmern, Gitterstäbe bilden. Diese eindrucksvolle visuelle Impression ist indes weniger real, sondern vielmehr symbolisch zu begreifen. Sie  intendiert den Blick in die tiefsten Gründe der menschlichen Seele und macht deutlich, dass die Bestimmung des Menschen ein Gefängnis ist, aus dem kein Entkommen möglich ist. Alles ist vorbestimmt. Das offenbart sich am Ende mit unbarmherziger Konsequenz, wenn Ulrica als das Schicksal in Person hinter dem sterbenden König erscheint. Dieser geistige Überbau, den Vogel seiner Inszenierung angedeihen ließ, war durchaus überzeugend und insgesamt ansprechend umgesetzt.  

Eine gute Leistung ist GMD Roland Kluttig am Pult zu bescheinigen. Sich über die Vielschichtigkeit der Partitur sehr im Klaren, präsentierte er sie in großer Differenziertheit und mit einer Vielzahl an Nuancen. Nicht allein auf Klangschönheit kam es ihm und dem versiert und intensiv aufspielenden Philharmonischen Orchester Landestheater Coburg an, sondern mehr noch auf eine deutliche Unterstreichung der verschiedenen Stile, von denen Verdis Musik geprägt ist. Das ist dem Dirigenten und den Musikern ausgezeichnet gelungen.  

Auf hohem Niveau bewegten sich auch die sängerischen Leistungen. Wieder einmal wurde offenkundig, über was für ein hochkarätiges Sängerensemble das Landestheater Coburg doch verfügt. Da könnten so manche andere, auch größere Häuser neidisch werden. Das begann bereits bei Milen Bozhkov, der als Gustavo III. auf der ganzen Linie überzeugte. Schon von seinem einfühlsamen Spiel her, aber auch mit seinem schön italienisch focussierten, frischen und höhensicheren Tenor zog er jeder Facette seiner Partie, für die seine Stimme gut geeignet ist. Ihm zur Seite stand die wohlbeleibte, über einen ausgesprochen guten, fülligen und emotional angehauchten jugendlich-dramatischen Sopran verfügende Celeste Siciliano als Amelia. Ihre Arie im zweiten Akt sowie das anschließende Duett mit Gustavo gerieten zu Höhepunkten der Aufführung. Dem Liebespaar in Nichts nach stand Michael Bachtadze, der als Anckarström sowohl durch seine packende Darstellung als auch durch einen bestens sitzenden, elegant geführten Bariton nachhaltig zu gefallen wusste. An das hohe Niveau ihrer Kollegen/innen vermochte Sofia Kallio in der Partie des Marlene Dietrich nachempfunden Oscar in jeder Beziehung anzuknüpfen. Schon darstellerisch wurde sie dem munter herumtänzelnden Pagen, der gerne auch mal dem Richter frech die Zunge herausstreckt, ihn wie ein Hündchen an der Leine führt und schließlich auf seinem Rücken Platz nimmt, voll gerecht. Gesanglich verlieh sie ihm bei aller Spritzigkeit und Lockerheit ihres Vortrages sowie einer bis zu den eklatanten Spitzentönen der Rolle reichenden hervorragenden Koloraturgewandtheit ihres herrlich dunkel timbrierten, bestens italienisch gestützten Soprans eine sehr lyrische, gefühlvolle Note. Gut vermochte auch Leila Pfister zu gefallen, die sich den Ansatzpunkt der Regie trefflich zu Eigen gemacht hat. Sie legte die Ulrica fernab von allen Klischees an und gab dieser durch ihr durchsichtiges beiges Abendkleid, das oftmals ihre nackten Beine durchschimmern ließ, einen sehr erotischen Anstrich. Auch vokal war die Wahrsagerin bei ihrem voll und bis zu der ausgeprägten Tiefe hin rund und ausdrucksstark klingenden Mezzosopran in besten Händen. Gefällig präsentierte sich der solide verankerte Bariton von Martin Trepl als Silvano. Von den beiden Verschwören gefiel der sonor und profund singende Michael Lion (Tom) besser als Rainer Scheerer (Samuel), dessen Bass manchmal ziemlich im Hals saß. Mit weit besserem Stimmmaterial als man es bei dieser Mini-Partie sonst gewohnt ist, stattete Marino Polanco den Diener Amelias aus. Sehr dünn sang Jan Korah den Richter. Wieder einmal eine imposante Leistung erbrachte der von Lorenzo da Rio einstudierte Chor. 

Ludwig Steinbach, 22. 11. 2013      Die Bilder stammen von Andrea Kremper.

 

 

 

UN BALLO IN MASCHERA

Besuchte Aufführung: 19.11. 2013 (Bayreuth, Stadthalle)                            Premiere in Coburg: 26.10.2013 

Gut und ehrlich

Mehr als ein Musikwissenschaftler hat auf die Nähe des „Melodramma“ „Un ballo in maschera“ zu Wagners gleichzeitig komponierter „Handlung“ namens „Tristan und Isolde“ hingewiesen. Hier wie dort trifft sich ein Liebespaar im nächtlichen Dunkel des zweiten Akts, hier wie dort stört ein Dritter das Rendezvous, aber damit hat es sich auch schon mit den Ähnlichkeiten. Wer sich die geradlinige, allem Ornament abholde Inszenierung anschaute, die das Landestheater Coburg mit einer glänzenden Solisten-, Chor- und Orchesterbesetzung unter der erstklassigen, schlanke, aggressive und höchst sensible Klänge organisierenden Leitung Roland Kluttigs- in die Bayreuther Stadthalle schickte, wird kaum an das Werk des Antipoden des Genies der Oper gedacht haben.

Verdis Genie der Zuspitzung dramatischer Ereignisse, der Entwicklung von dramatisch motivierten Kantilenen, Ensembles und Tableaus – dieses Genie erfuhr mit der Aufführung eine schöne Bestätigung. Man hat erst vor 14 Tagen mit der Hofer „Aida“ gesehen, dass eine Oper Giuseppe Verdis keinen Ausstattungsprunk, auch keinen Aktionismus benötigt, um ihren affektiven Kern zu enthüllen. Wenn Großtalente wie Milen Bozhkov (in einer der schönsten verdischen Tenorrollen) und Celeste Siciliano (als wahrhaft „himmlisch“ intonierendes Sopranglück) in den Hauptrollen zu erleben sind, erledigt sich die Frage nach der gesellschaftspolitischen Relevanz einer ins Heute gedrehten azzione teatrale.

Volker Vogel hat die Geschichte des latent todesverfallenen Königs (dessen Mutter eine Schwester der Wilhelmine von Bayreuth war), der sich mehr für das Vergnügen als die Wohlfahrt von Staat und Volk interessiert, mit scheinbar leichter Hand als gelind psychologisches Stück im kostümlich vielfältigen Raum arrangiert. Im Interessenkonflikt zwischen ihm und der Adelsclique, die sich todeswütig gegen ihn verschworen hat, gewinnt der Tenor durch eine unerhörte Präsenz, der seine erste Stellung nicht durch allzu viele Lagrimoso-Töne belastet – bewegend aber ist sein Tenorschmelz dort, wo es darum geht, seine Playboygefühle in den tiefernst emphatischen Höhepunkt des „Liebesduetts“ und des endlosen Abschieds (im wahrhaft „himmlisch“ intonierten Des-Dur-Addio) zu verwandeln.

Der Dritte – sozusagen eine Mischung aus König Marke und Kurwenal – heißt Renato, also Michael Bachtadze. Vokal etwas harscher, wenn auch nicht hässlicher angelegt als der Tenor, begeistert der ins Helle aufgelichtete Bariton durch Emphase, Durchschlagskraft, gestalterische Intelligenz. Intelligent ist übrigens schon die Kostümgestaltung Norbert Bellens, der auch für die Bühne verantwortlich ist: trägt Renato uniformes, dem späten 18. Jahrhundert verhaftetes Schwarz, so tritt das Schicksal auf und zwischen den käfigförmigen Kuben ganz in modernem Weiß auf (daran erinnernd, dass Weiss, wie in Japan, eine Trauerfarbe und eine Farbe der Reinheit sein kann). Verdis „Maskenball“ ist auch aufgrund seiner Kontraste zwischen schicksalsschwerem Melodramma und offenbacheskem Coupletton - den der clowneske, an Offenbachs „Contes-Hoffmann“-Muse erinnernde Oskar der Sofia Kallo glänzend trifft – unvergleichlich geworden.

Hier agiert die Seherin Ulrica als Fatum, das noch im zweiten Teil, todverkündend, über die Bühne geistert. Leila Pfister (ein Ensemblemitglied des Staatstheaters Nürnberg) schenkt ihren dunklen, rotsamtenen Alt einer Rolle, die sie bis in die höheren Mezzo-Regionen bruchlos gestaltet.

„Die Welt wird reicher durch unsere Liebestaten“, heißt es bei Rudolf Steiner; man liest es im Programmheft. Die Welt wird auch reicher durch derart gute wie ehrliche Opernaufführungen.

Frank Piontek, 20.11. 2013                                Fotos: Andrea Kremper

 

 

L’ ELISIR D’AMORE

Besuchte Aufführung: 6. 10. 2013           (Premiere: 21. 9. 2013)

Konventionelle Heiterkeit

Mit Schwung und guter Laune startete das Landestheater Coburg in die neue Saison. Auf dem Programm stand eine Neuproduktion von Donizettis „L’ Elisir d’ amore“, die einen heiteren, unbeschwerten Nachmittag bescherte und von dem zahlreich erschienenen Publikum voll akzeptiert wurde. Jean Renshaw ist eine solide, aber harmlose Inszenierung zu bescheinigen, die mit dem Bühnenbild und den Kostümen von Christof Cremer eine gelungene Symbiose einging.

Modernes Musiktheater scheint Frau Renschaws Sache nicht so sehr zu sein. Sie setzt vielmehr auf konventionelle Mittel und siedelt das Ganze in einem etwas surreal anmutenden Einheitsbühnenraum an, der sowohl Innen- als auch Außenbereich ist und an dessen Decke eine stattliche Anzahl Stühle hängt. Eine ausgedehnte, häufig benutzte hölzerne Rutsche führt vom Hintergrund bis in den vorderen Bereich der Bühne. Auf ihr rutscht auch Dulcamaras von einem Assistenten gelenkter Verkaufskoffer, dem der Quacksalber schließlich selber entsteigt, geradewegs in das Geschehen. Mit lockerer Hand beschwört die Regisseurin ein Stück unbeschwerten toskanischen Lebensgefühls herauf, lässt aber auch geschickt soziologische Aspekte in ihre Deutung einfließen.

Sie legt den Focus auf eine überalterte Dorfgesellschaft, deren Kinder längst in die Städte abgewandert sind. Adina ist aus so einer Metropole gerade zurückgekehrt und geht in ihrem Heimatort nun nicht so ganz eindeutigen Tätigkeiten nach. Sie kann einen Hof geerbt haben, andererseits aber auch Sozialarbeiterin oder Altenpflegerin sein. Eine genaue Antwort liefert die Regisseurin - bewusst? - nicht. Jedenfalls bringt sie das Leben im Dorf ganz schön auf Trab. Sie, Nemorino und Gianetta sind die einzigen jungen Leute in dieser Gemeinschaft von Senioren, die von der Regisseurin gekonnt in individuell gezeichnete Charaktere aufgespaltet wird, so beispielsweise in den alten Chordirigenten, einen Pfarrer und einen Blinden, der glatt in den Orchestergraben stürzen würde, wenn Adina nicht ein wachsames Auge auf ihn hätte. Diese gelungenen Individualisierungen trugen viel zum Gelingen des Nachmittags bei.

Es ist ganz offensichtlich, dass Frau Renschaw mit dem Chor hervorragend umzugehen versteht. Auch bei der Führung der Solisten wurde ihre choreographische Vergangenheit merkbar. Ihre Personenregie war ausgezeichnet. Sie ging äußerst versiert ans Werk, führte die Figuren sehr kurzweilig und heiter-beschwingt, wobei sie szenische Akzente in genauem Einklang mit der Musik setzte und auch mit zahlreichen witzigen, aber nie überzogen wirkenden Einlagen nicht sparte. Da steckte so mancher Gag im liebevoll herausgearbeiteten Detail. Für komödiantische Effekte hat die Regisseurin wahrlich eine gute Ader. So hinterließen beispielsweise das Tauziehen an einer aus BHs bestehenden Wäscheleine und die Attacke der mit Unterhöschen winkend auf den reichen Neuerben Nemorino eindringenden Alt-Weiber-Liga einen gefälligen Eindruck - desgleichen die Szenen, in denen Gianetta sich recht erotisch präsentieren und Teile ihrer Unterwäsche zeigen darf. Jean Renschaw versteht es schon, das Auditorium zu unterhalten. Als letztes Mittel diente ihr dazu der unter reger Einbeziehung der Rutsche durchinszenierte Applaus. Eine tiefgehende kritische Hinterfragung des Inhalts bzw. eine intellektuell-geistvolle Auseinandersetzung mit dem Stück blieb sie aber leider schuldig.

Bei Lorenzo Da Rio, der auch den Chor famos einstudiert hatte, war Donizettis Werk in guten Händen. Er animierte das Philharmonische Orchester Landestheater Coburg zu einem spritzigen, locker aufgefächerten Spiel von großer Klarheit und prägnanten, nie zu stark gesetzten Akzenten.

Zum größten Teil zu begeistern vermochte auch das aufgebotene Sängerensemble. Allen voran die wunderbare Sofia Kallio, die mit immenser Spiellust eine herrlich kokette und quirlige Adina gab und mit ihrem dunklen, mezzohaft anmutenden, bestens italienisch geschulten, sehr gefühlvoll und flexibel geführten und dabei äußerst koloraturgewandten Prachtsopran auch stimmlich hundertprozentig überzeugen konnte. Neben ihr lief David Zimmer ebenfalls zu großer Form auf. Er gab den Nemorino als sympathisches, schüchternes und leichtgläubiges Bürschchen, dem man seine große Liebe zu Adina ohne weiteres abnahm. Mit seinem bestens gestützten und nuancenreichen lyrischen Tenor wusste er auch gesanglich sehr für sich einzunehmen. Herrlich gelang ihm das sehr emotional und ausdrucksstark dargebotene „Una furtiva lacrima“. In dem Belcore hat Benjamin Werth eine neue Paraderolle für sich gefunden, der er in jeder Beziehung voll entsprach. Einfach köstlich, wie er diesen aufgeblasenen, selbstverliebten Macho von Sergeanten auf die Bühne brachte und mit sonorem, tiefgründigem hellem Bariton auch perfekt sang. Gianetta, zu der er sich am Ende hinwendet und die er kurzerhand schultert, wurde von der mit guter Körperstütze und substanzreich singenden Anna Gütter stark aufgewertet. Das hohe Niveau seiner Kollegen vermochte Rainer Scheerer in der Rolle des Dulcamara nicht ganz zu erreichen. Rein darstellerisch war er sehr glaubhaft. Indes müsste er seinen in der Mittellage insgesamt gut sitzenden,  in der Höhe aber etwas flach und halsig klingenden Bass noch besser in den Körper bekommen. Als stummer Diener des Quacksalbers war Valentin Fruntke zu erleben.

Ludwig Steinbach, 12. 10. 2013          Die Bilder stammen von Andrea Kremper.

 

 

 

 

EUGEN ONEGIN 

Premiere am 29.Juni 2013

Wohin bist du, du goldene Zeit

Nach gefühlten fünf Stunden optischer Beleidigung war es endlich vorbei. Als das Regieteam zum Verbeugen kam, brüllte der Herr in der Reihe hinter mir, seine Bravos so laut ins Ohr, dass ich dachte, was bekommt man heute denn so als Claqueur, und dann verkrampften sich meine Mittelfinger. Für diese unwürdige Geste entschuldige ich mich wie Bushido, aber es war eine Übersprunghandlung, genau wie das andauernde an-den-Haaren-ziehen der weiblichen Protagonisten.

Ein russisches Landhaus, nicht in Coburg

Der Vorhang des Coburger Theaters ist anscheinend in Urlaub, so hat man Gelegenheit das Bühnenbild (erstes Bild, Garten beim Landhaus der Witwe Larina) zu bewundern. Dummerweise wurde die Gartenpracht durch einen Fluss, türkisfarbenes Konfetti, hinweggespült und durch ein paar Baumstämme, natürlich Birken, wir sind ja in Russland, ersetzt. In dieser Idylle singen zwei verhaltensgestörte pubertierende Mädels das Lied von dem Sänger im nächtlichen Hain, während ihre, alkoholkranke(?), Mutter relativ unwirsch mit einer alten Bediensteten umgeht, entgegen der Harmonie in diesem Quartett, umgeht. Die Alte hebt eine Menge vertrockneter Biedermeiersträuße auf, die ihr von Olga, der jüngeren der beiden Plagen, entrissen und zerpflückt wird.

Zur Krönung trampelt sie auf den Blumenleichen herum. Eigentlich sollte nun die Supernanny kommen und das Kind auf die stille Treppe schicken, tut sie aber nicht. Es erscheint der Chor und Frau Larina teilt eine imaginäre Suppe aus einer amerikanischen Mülltonne in die mitgebrachten Plasteschüsseln aus. Auch überreichen die Geknechteten keine Erntegarben sondern ein erbärmlich kleines (schon wieder) Biedermeiersträußchen bevor sie sich an die Wand stellen und rhythmisch ihre unsichtbare Suppe löffeln und dann auf Kommando ein lustiges Liedlein anstimmen, danach nach und nach von der Bühne verschwinden. Als sie dann betrunken wieder kommen haben sie alle einen Kreisel dabei, die von den Töchtern gerne und oft mit lautem Ratschen in Bewegung gesetzt werden, schenkt ihnen die strenge Frau Larina noch mehr Wein.

Traumfrau gesucht

Die ältere Tochter Tatjana hat es in diesem Umfeld sogar geschafft das Lesen zu erlernen, was sie auch gerne tut. Ihre Mutter, entgegen der Originalphrasierung, verspottet sie dafür. Ihr „Trost“ ist eine blanke Bloßstellung der verkümmerten Gefühle ihrer Tochter. Zum Ausgleich ziehen sich alle mal wieder an den Haaren. 
Als dann der Nachbar Lensky mit seinem Bro Onegin auftaucht, gerät der Frauenhaushalt komplett durcheinander.

Das Zuviel an Testosteron führt zu hemmungslosen Rumgerenne und natürlich auch wieder zum Haare ziehen. Die beiden Jungs könnten auch Stelzböcke aus Kuppelshows wie „Traumfrau gesucht“ sein wobei Onegin zu seinem kleinen roten Hut aus der H&M Kollektion ausnahmsweise die farblich passenden Klamotten trägt, war bestimmt keine Absicht. Lensky aber ist von dem Spaziergang so erhitzt, dass er sein Hemd aufreißen musste und stolz im Trägerleibchen herumläuft, geballte Männlichkeit.

Kein Bett, kein Tisch, dafür naturbelassene Birkenstämme

Im zweiten Bild wird die wahre Tragik dieser Familie ganz deutlich, Tatjana hat keinen Laptop, kein I Phone um ihren Brief zu schreiben. Noch nicht einmal ein Bett und ein Schreibtisch stehen dem Mädchen zur Verfügung. Nachdem ihre Nanja, schätzungsweise 70 Jahre alt, ergo Jahrgang 1943, plus minus, ihr von der schlimmen Jugend, Zwangsheirat mit knapp 18 oder jünger, also plus minus 1961, böse Schwiegereltern, ok die gab‘s noch in den 60ern, ihr nicht richtig weiterhelfen kann, wird die Alte bockig und fragt das Mädchen ob sie sie mit Weihwasser besprengen soll, besprengen ist aber nicht, das Mütterchen nimmt also ein Plasteschüssel und kippt Tanjuscha einfach den Inhalt über.

Also schreibt Tatjana ihren Brief auf rotem Briefpapier auf dem Boden liegend, auf einem Köfferchen, auf einem Baumstamm immer und immer wieder. Dann wickelt sie sich mumiengleich in die Gardine und wieder aus, und, man ahnt es kaum, zieht sie sich wieder an den Haaren. Ok, werter Leser, ich erwähne es jetzt nicht mehr, denken Sie es sich bitte immer dazu. Nachdem das verhaltensgestörte Gör die Gardine mutwillig abgerissen hat dämmert der Morgen, der Hirte mit seiner Schalmei durchdringt den jungen Tag, und Mütterchen will Tanja zur Kirche abholen. Stattdessen soll die Alte aber jenen besagten Brief zustellen, aber Nanja stellt sich dumm, ein kleines Aufmucken der Arbeiterklasse?, und so wird einfach einer der Nachkommen von der guten Nanja damit beauftragt.

Die Baumstämme, die zu Beginn des zweiten Bildes, in einen transzendenten Schwebezustand gerieten, sinken wieder zu Boden um das dritte Bild darzustellen. Mädchen pflücken im Hintergrund Holunderbeeren und singen dazu. Ätschbätsch –reingefallen, in selten hässlichen Jerseykleidern knien die Damen des Chores vorm Orchestergraben und verschieben Amazonpakete von links nach rechts und von rechts nach links, und schlagen schön geräuschvoll drauf, könnten Poststempel sein, könnte aber auch eine inszenatorische Kritik an der „Ausbeuterfirma“ AMAZON sein, die ja durch eine HR Reportage kurz vor dem Weihnachtsgeschäft übelst ins Gerede kam. Nur so nebenbei erwähnt, Normalvertrag Solo reicht auch nicht für spätrömische Dekadenz. Dann gehen sie wieder ab und Bühne frei für das personifizierte Böse, Herrn Onegin. Tanjas Befürchtungen Herr Onegin könnte sich lustig über sie machen treffen nicht ein, aber Herr Onegin gibt dem heranwachsenden Mädchen klipp und klar zu verstehen, dass er sie nicht will, weil sie zu jung ist und er sich nicht binden möchten. Natürlich versteht Tatjana das alles falsch und zieht, ach, lassen wir das.                                                  

Proletenparty bei Larina

Mit Riesenschritten nähern wir uns dem Zweiten Aufzug, das Namenstagfest Tatjanas, nach unserem Kalender am 15. Januar. Die Bühne dreht sich ein bisschen, der Konfettifluss ist inzwischen schön durchwirbelt und auf den Birkenstämmen liegen Tücher mit Hirschaufdruck. Frau Larina hat ganz in alter kapitalistischer Tradition ihre Belegschaft zum Feiern eingeladen, alle sind guter Dinge und trinken was das Zeug hält, und was reingeht will auch wieder raus. Wie schön, dass es da eine hintere Dekorationswand gibt an die sich alle Chorherren mit dem Rücken zum Publikum stellen und, naja, was wohl? Zwischendurch werden Luftballons aufgeblasen und unter, zur Heiterkeit im Publikum führenden, Flatulenzgeräuschen fliegen gelassen.

Trifon versucht im Laufe des Aktes Frau Larina zu poppen, aber, kleiner Tipp am Rande, es geht einfacher, wenn die Hosen dabei nicht im Wege sind, also vergebliche Liebesmüh. Nachdem die weibliche Belegschaft über Onegin hergezogen ist, erzählt dieser dem Publikum wie Scheiße der Ball ist und das er sich deshalb jetzt Lensky nerven wird. Das Verhältnis Lensky-Olga ist gerade nicht mehr das Beste, und so tanzt Olga gerne mit dem Bariton den Kotillon, in Coburg eine heillose Polonäse Blankenese zur vorgerückten Stunde, während der Tenor langsam aber sicher die Contenance verliert, seine Freundschaft zu Eugen aufkündigt und diesen dann zu Duell herausfordert.

Und dann sind wir im fünften Bild, ein verschneiter Wiesengrund in der Nähe einer Wassermühle. Dieser wird durch sechs Statisten, die ein schwarz-weißes Absperrband über die Bühne spannen, dargestellt. Warum Olga und Tatjana beim Duell anwesend ein müssen, kann Frau Lauterbach nicht wirklich erklären, reine Sensationslust der beiden wird es wohl nicht sein, ist sicherlich was psychologisches. Onegin kommt mit einem nicht adäquaten Sekundanten zu Walstatt ( kleine Referenz ans Wagnerjahr), aber jeder hat seine eigene Waffe dabei, hmm, schon ein bisschen seltsam, aber gut, nachdem keiner von seiner Position abrücken will, stellt man sich wider besseres Wissen in die Selbige, zielt, feuert und der Tenor ist nicht mehr.

Spätestens an dieser Stelle wäre ich als Privatmann essen gegangen…

Pause, Umbau auf Palais Gremin, natürlich bei offener Bühne. Von der Bühne hängen zwei Luftballongebilde runter, schwarz, grau und beige, ein bisschen wie die Weihnachtsfeier im Emo–Club, um die Bühne ebenfalls Ballons in der gleichen Farbgebung.

Der Ball im Hause Gremin ist ein öffentliches Ereignis zu der die Hautevolee in ihrer schillerndsten Form angetreten ist, vor Spiegelwänden, schön nach Geschlechtern getrennt, kontrolliert man das Aussehen. Und alle sind sie da, die geächtete Dame der Gesellschaft, die verzweifelt Anschluss sucht, das schicke schwule Paar im Partnerlook, der Kulturstricher mit dezent goldenen Sneakers, die Szenegrünen, die Erzkonservativen, und alle fuchteln mit dem Handy rum. Onegin erscheint und ist gleich wieder im Mittelpunkt der üblen Nachrede. 16 Jahre sind vergangen, 16 Jahre voller Leid und Selbstqual auf Grund jenes verhängnisvollen Namenstages. Aber die Zeit hinterließ bei Onegin keine Spuren, genauso wenig wie bei Tatjana, der Gattin des Generals Gremin, einem altem Militärkumpel von Onegin. Einzig Onegins Seele scheint geläutert, naja, das Alter fordert seinen Tribut. Gremin hatte anscheinend abgemustert, zumindest trug er keine militärischen Dekorationen an seinem schlechtsitzenden Anzug, oder wurde er zum Pazifisten, als er seinen Arm einbüßte?
Wie dem auch sei, er liebt seine Tatjana, die er beherrschen und durch kleine Gesten kujonieren kann und es auch tut. Das Wiedersehen der beiden Hauptprotagonisten verläuft erwartungsgemäß kühl, während der Chor wild koksend über den hinteren Teil der Bühne rennt. Auch hier möchte ich aus dem Nähkästchen plaudern, niemals beim Koksen rumlaufen, das kolumbianische Zauberpulver fliegt dann weg, und dafür ist es einfach zu teuer, wenigstens für uns Normalbürger. Tatjana verlässt zusammen mit ihrem Gatten den Ball. Während der Ekossaise reißt sich Onegin Sakko und Hemd vom Leib und kühlt sich im Trägerleibchen den erhitzten Körper mit Eiswürfeln, die der Caterer in einer amerikanischen Mülltonne, ah, der Kreis schließt sich, wohl für die Cocktails gebunkert hatte.

Im finalen, siebten Bild haben Reinigungskräfte schon mal ein wenig aufgeräumt, es hängt nur noch ein Emochristbaum rum. Briefe fallen vom Bühnenhimmel herab, als hätte Harry Potters Eule keine Lust mehr zum Zustellen, dabei hat Onegin doch nur einen geschrieben. Nun denn, er gesteht ihr seine Liebe, sie ist sichtlich berührt und verfällt wieder in alte Gewohnheiten, sie wissen, die Haare, bleibt aber dann doch lieber bei ihrem Gremin, eine antrainierte Opferrolle wird man nicht so leicht los. Am Ende steht er ganz alleine an der Rampe und beklagt sein Schicksal. Naja, da kann beiden keiner mehr helfen.

Tja, ein langer Abend mit vielen Eindrücken…

Aber jetzt mal was positives, musikalisch war es, wie so oft in Coburg in weiten Teilen ein Hochgenuss. Lorenzo Da Rios Chor, Chapeau! Wunderbar einstudiert, wunderbar gesungen, auch den vielen Chorsolisten, allen voran Sascha Mai als Triquet, grandiose Charakterstudie eines alternden Provinzschöngeistes, gilt hier meine Anerkennung, Mojca Vedernjaks Filipjewna sanft tembriert, ruhig geführt, voller Konzentration in der Darstellung des alten Weibes. Gabriela Künzler, die in Coburg einen fulminanten Einstand als Kabanicha gab, erfüllte diesmal meine in sie gesetzten Erwartungen nicht ganz. Mag es daran liegen, dass sie eine anstrengende Saison hinter sich hatte oder lag es daran, dass sie die Larina in ungewohnter Diktion gesungen hat, sei dahin gestellt. Ihre Rolle, die die Regie ihr aufgebürdet hatte, spielte sie perfekt. Verena Usemann, wo nimmt dieses zarte Persönchen diese Stimme her, als lebenslustige, dennoch psychisch gestörte Olga, als ob die Partie für sie geschrieben wäre. Das gleiche gilt für ihren Verlobten Lensky. Milen Bozkhov singt diesen Schöngeist mit einer wunderbaren Klarheit und verführerischem Glanz.

Der Gremin Michael Lions zeugt von einer guten Schule, einer sehr gepflegten Stimme, die auch die Tiefen dieser Partie mühelos meistert, die Phrasierungen blitzschnell ändern kann und sich jeder dynamischen Herausforderung stellen kann.
Benjamin Werth, ein Onegin ohne Fehl und Tadel, ich wage mal eine Prognose, da wächst in Coburg etwas ganz großes heran. Mehr braucht man nicht zu sagen, ein Sänger, der sich auch in den abwegigsten Regiesituationen nicht aus dem Konzept bringen lässt, ein baritonaler Edelstein. Das gleiche gilt auch für Betsy Horne, die auf der Schwelle zu einer internationalen Karriere steht. Brava Betsy, noch mal an dieser Stelle, wunderbar, einzig, Danke für diese Stimme.

Hier könnte man jetzt in den gleichen schwelgerischen Tönen für das Orchester des Landestheaters weitermachen, selten eine so perfekt gespielte Polonaise gehört, aber Maestro Kluttig, sollte auch nicht in Coburg „prima la musica“ gelten? Tut es Not, dass in die ausklingenden Pianostellen der Nr. 16 von Olga hemmungslos laut geweint wird? Muss es sein, dass eine selbstherrliche Regisseurin die Polonaise durch jenen überkommenden Gag, das peinlich klingende Handy, zerstört und diese wunderbare Musik zur Lachnummer verkommen lässt. Eigentlich Schade, dass der sonst so positive musikalische Gesamteindruck, durch störende und absolut unnötige Geräusche stark gemindert wird. Vielleicht sehen Sie es anders, wenn nicht, ändern Sie es!

Alexander Hauer                     Das Copyright der Bilder liegt bei Andrea Kremper


PS: Ich erinnere einen „Fliegenden Holländer“ von Frau Lauterbach im Staatstheater Karlsruhe, der nach der Premiere des damaligen „Regiewunderkindes“ vom Intendanten korrigiert wurde, um Schaden vom Haus zu wenden.

 

 

 

DER ZIGEUNERBARON

27. 3. 2013                                                   (Premiere: 2. 3. 2013)

Der Funke will nicht überspringen

Es muss leider gesagt werden: Mit dem Engagement der jungen Regisseurin Birgit Kronshage hat Intendant Bodo Busse etwas danebengegriffen. Rein szenisch vermochte die Coburger Neuproduktion von Strauß’ Erfolgsoperette „Der Zigeunerbaron“ nicht zu überzeugen, wodurch der rasante Erfolgskurs, auf dem sich dieses hochkarätige kleine Theater derzeit befindet, dieses Mal leider nicht fortgesetzt werden konnte. Schade. Bleibt zu hoffen, dass dieser inszenatorische Flop nur eine Eintagsfliege war.

Das von Christof Cremer entworfene Bühnenbild kann mit Hilfe der Drehbühne in verschiedene Stellungen gebracht werden. Auf die Wände sind Worte wie „Heldenverehrung“, „Kitsch“ und „Gefühsduselei“ geschrieben. Zudem erblickt man da eine riesige Krone und einige Schweinemotive. Etwas kitschig mutete das Szenario schon an. Darüber hinaus wirkten die ebenfalls von Herr Cremer entworfenen Kostüme teilweise recht plakativ. In diesem Ambiente vermochte Frau Kronshage dem Stück nicht gerade sonderliche Konturen zu verleihen. Die schauspielerischen Fähigkeiten und die Spiellust des Ensembles vermochte sie nicht ausreichend zu nutzen. Auch mit dem Chor wusste sie reichlich wenig anzufangen. In Sachen Personenregie muss sie noch einiges lernen. Zudem hatte sie Schwierigkeiten, eine durchgehende dramatische Linie zu entwickeln. Ihre nicht gerade gelungene Inszenierung zerfiel so in Einzelteile und wies szenische Brüche auf. Witz und Esprit, die eine Grundvoraussetzung für eine gelungene Operettenproduktion bilden, blieben ebenfalls auf der Strecke. Insgesamt wirkte das Ganze ziemlich langatmig und riss einen nicht gerade vom Hocker. Dass die Regisseurin darum bemüht war, sich den Handlungsträgern von der psychologischen Warte aus zu nähern, ist zwar durchaus zu honorieren. Im konkreten Fall ging der Schuss aber nach hinten los. Insgesamt haben wir es hier mit einer nur mäßigen Produktion zu tun, bei der der Funke nicht gerade übersprang.

Musikalisch und gesanglich sah die Sache erheblich besser aus. Erfreulich war, dass das Stück gänzlich ohne die sonst üblichen Striche gespielt wurde. Haben wir es hier womöglich mit einer ganz anderen Fassung zu tun? Das könnte vielleicht auch das Gefühl erklären, dass einige wenige Sänger manche Stellen nach unten transponierten. Am Pult erbrachte Lorenzo Da Rio, der auch den beherzt singenden Chor einstudiert hatte, eine solide Leistung. Sein Dirigat war differenziert, abwechslungsreich und ausdrucksstark. Das Philharmonische Orchester Landestheater Coburg setzte seine Intentionen konzentriert und klangschön um.

In der Titelrolle des Sandor Barinkay erbrachte Karsten Münster eine Glanzleistung. Dieser prächtig singende und beherzt spielende Tenor, den man in Coburg bisher vor allem in Rollen des Spiel- und Charakterfachs, aber immerhin auch schon als Max erleben konnte, ist auf dem besten Wege, den Sprung ins Heldenfach zu schaffen. Seine starke, bestens focussierte, höhensichere und durchschlagskräftige Stimme ist jetzt fertig für den Sprung in ein schwereres Fach und prädestiniert sich nachhaltig für größere Häuser. Letzteres gilt auch für Sofia Kallio, deren phänomenale Saffi wieder einmal zur Begeisterung Anlass gab. Die Rolle des Zigeunermädchens, das sich am Ende des zweiten Aktes als Paschatochter entpuppt, enthält immense gesangliche Schwierigkeiten und ist schwieriger als so manche Opernpartie. Die mannigfaltigen Klippen der Saffi wurden von Frau Kallio, die zu den ersten Kräften des Coburger Theaters gehört, mit absoluter technischer Perfektion und großer vokaler Nuancierungs- und Gestaltungskraft bravourös gemeistert. Zu dem sehr gefälligen Gesamteinruck trug auch die hohe Emotionalität ihres dunkel, mezzohaft timbrierten und italienisch geschulten Soprans einen erheblichen Teil mit bei. Zweifellos stellt Frau Kallio eine der größten Hoffnungen für das lyrische Fach dar. Es wäre interessant, sie einmal als Mimi oder Desdemona zu erleben. Und der schon oft bewährte Michael Lion, dem eine große Karriere ebenfalls sehr zu wünschen ist, empfahl sich als Schweinezüchter Zsupan mit seinem perfekt sitzenden, frischen und gewandt engesetzten Bass nachhaltig für das Wagner-Fach. Einen trefflichen Eindruck hinterließ der sonor und kräftig singende Graf Homonay von Falko Hönisch. Mehr Schwester als Ziehmutter Saffis war die noch junge, gut aussehende Gabriela Künzler in der Rolle der Czipra. Insbesondere in der Mittellage und der Höhe sprang ihr gut gestützter, farbenreicher Mezzosopran perfekt an. Die Tiefe ist indes noch ausbaufähig. Letzteres gilt auch für Hayley Sugars, die abgesehen davon der Mirabella ein solides stimmliches Profil gab. Leider legte die Regie die Gouvernante zu karikativ an, was auch auf den Conte Carnero des zwar ausgezeichnet spielenden, gesanglich aber mit sehr dünnem Tenor überhaupt nicht überzeugenden Sascha Mai zutrifft. Total flach und auch gänzlich ohne die nötige Körperstütze ihres Soprans sang Julia Klein die Arsena. Da war ihr David Zimmers Ottokar in stimmlicher Hinsicht weit überlegen. Auf seine weitere Entwicklung kann man schon gespannt sein. Hervorragend schnitt Simon van Rensburg in der kleinen Partie des Pali ab.

Ludwig Steinbach, 30. 3. 2013

Die Bilder stammen von Henning Rosenbusch

 

 

MADAMA BUTTERFLY

besuchte Vorstellung: 05.03.2013                          (Premiere: 19.01.2013)

Japanische Kunst versus amerikanisches Spießertum

Also man muss schon sagen: Der Erfolgskurs des Landestheaters Coburg unter seinem Intendanten Bodo Busse reißt nicht ab. Mit der Neuproduktion von Puccinis „Madama Butterfly“ ist diesem kleinen, aber hochkarätigen Opernhaus wieder einmal ein Meisterstück erster Güte gelungen, das noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Was einem an diesem in jeder Beziehung gelungenen Abend geboten wurde, war gut durchdachtes, spannendes Musiktheater mit hohem psychologischem Einschlag, der die Inszenierung von Magdolna Parditka und Alexandra Szemerédy, die ihre eigenen Ausstatter sind, auf eine geistige, innovative Ebene hebt. Das ungarische Regieteam räumt mit herkömmlichen Sehgewohnheiten rigoros auf, entkleidet Puccinis Werk jeglichen altbackenen Kitsches und aller japanischer Klischeehaftigkeit und siedelt es in einem nüchternen modernen Rahmen an. Keine exotische Kulisse und keine herkömmlichen Kimonos prägen das Bühnenbild, sondern ein karg und trist anmutender Raum mit im Hintergrund spitz zusammenlaufenden Wänden. Auf der linken Wand erschließen sich dem Blick die Umrisse eines schemenhaften Ährenfeldes als Ausdruck des Lebens. Die rechte Wand mutiert immer wieder zu einer Art Glashaus, das gleichsam einen Spiegel der Seele Cio-Cio-Sans darstellt. Mit großer Vehemenz dringen die beiden Regisseurinnen zum Kern der Handlung vor, deren Essenz sie mit schonungsloser Härte offenlegen, wobei sich die Grenzen zwischen Realität und surrealen Traumsequenzen oft miteinander vermischen. Das Geschehen stellt in dieser Interpretation  gleichsam eine Selbstreflexion Butterflys dar. Gleichsam als Grenzgängerin zwischen wirklicher und imaginierter Welt sinniert sie über ihre Liebe zu dem hier ausgesprochen unsympathisch gezeichneten Pinkerton. Geschickt rollt das Regieteam die Handlung von hinten auf und lässt sie als Rückschau der Geisha ablaufen, die kurz vor ihrem Selbstmord einsetzt und ihrer großen Sehnsucht nach ihrem Kind entspringt, das ihr von ihrem unseriösen ehemaligen Lover entrissen worden ist.

Der Knabe haust mit seinem Vater und dessen Frau in einem hinter der transparenten Wand erscheinenden biederen gutbürgerlichen Raum im Stile der 1950er Jahre, aus dem Butterfly ausgesperrt bleibt. Verzweifelt versucht sie zu Beginn, noch vor dem Einsetzen der Musik, zu ihrem Sohn Kontakt aufzunehmen. Sehnsuchtsvoll presst sie sich gegen die verglaste Mauer. Der Filius springt auf der anderen Seite vom Tisch auf, rennt auf sie zu und tut von innen das gleiche. Mutter und Sohn können nicht zusammenkommen, bleiben trotz körperlicher Nähe voneinander getrennt - ein ungemein unter die Haut gehendes Bild, das an dem tragischen Ausgang des Geschehens bereits zu diesem frühen Zeitpunkt keinen Zweifel zulässt. Dieser zweite Raum ist strenggenommen aber kein realer Ort, sondern mehr ein Sehnsuchtsraum, der Cio-Cio Sans Psyche entspringt und als imaginierter Ausdruck ihres Seelenlebens aufzufassen ist. Die Damen Parditka und Szemerédy gehen bei ihrer Regiearbeit mit großer psychoanalytischer Stringenz vor und zeigen zudem mit schneidender Schärfe die Kluft zwischen einem fernöstlichen Künstlerleben, das durch die der japanischen Schrift huldigenden Malerin Cio-Cio-San repräsentiert wird, und ausgemachtem amerikanischem Spießertum, dessen Hauptvertreter Pinkerton, Sharpless und Kate sind.

Auch philosophische Aspekte kommen nicht zu kurz. Grundpfeiler von Butterflys Existenz sind die vier Elemente des Aristoteles Feuer, Wasser, Erde und Luft. Diese vier Begriffe prangen in englischer Sprache zusammen mit vielen anderen gegensätzlichen Begriffspaaren wie „Sun“ und „Moon“, „Love“ und „Death“ sowie „Yes“ und „No“ auf papiernen Wänden. Hier wird nicht das Aufeinanderprallen zweier unterschiedlicher Nationen geschildert - auch die kindliche Protagonistin mutet hier sehr westlich an -, sondern die Konfrontation von gegensätzlichen Lebensmaximen. Aber besteht nicht das ganze Leben aus solchen Dichotomien, die naturgemäß immer wieder in krasser Form aufeinanderprallen? Cio-So-San versucht diese Gegensätze in sich zu vereinen und ist auf einen Ausgleich bedacht. Ihr Unterfangen ist jedoch zum Scheitern verurteilt. Wenn im Zwischenspiel zum dritten Akt die Papierfragmente mit den verschiedenen Aufschriften nach und nach zu Boden fallen, wird deutlich, dass diese Widersprüchlichkeiten nicht miteinander vereinbar sind. Butterfly vermag die Gegensätze in sich zu keiner Einheit zu führen und muss sich für eine Seite entscheiden. Hier bekennt sie sich vor ihrem Selbstmord nicht zu ihren alten traditionellen japanischen Werten, sondern entscheidet sich nicht zuletzt aus Liebe zu ihrem Kind für das Spießbürgertum Pinkertons. Am Ende geht sie gänzlich desillusioniert von der Bühne, nur um gleich darauf in eleganter Männerkleidung im Inneren des Pinkerton-Heimes zur erscheinen. In diesem Outfit nimmt sie sich hinter der Glaswand das Leben. Blutüberströmt bricht sie zusammen - ein ausgesprochen krasses und ernüchterndes Schlussbild, das seine Wirkung nicht verfehlte. Insgesamt ist Magdolna Parditka und Alexandra Szemerédy eine ungemein packende, spannende und atmosphärisch dichte Inszenierung zu bescheinigen, die ihnen alle Ehre macht. Was sie zu bieten hatten, war wahrlich ein ganz großer Wurf.

GMD Roland Kluttig orientierte sich bei seinem Dirigat ganz an dem Regiekonzept und präsentierte Puccinis herrliche Musik durchaus nicht in falsch verstandener Süßlichkeit, sondern in ausgemachter nüchterner Form, wobei er ebenfalls auf die Herausstellung der musikalischen Gegensätze in der Partitur großen Wert legte. Sehr gefühlvoll und oft schwelgerisch genommene Passagen ließ er häufig unvermittelt in sehr harte, äußerst realistische Klänge münden und verpasste dem Ganzen damit auch musikalisch schon von dem unheilverkündenden und scharf akzentuierten fugatomäßigen Vorspiel an einen sehr rationalen Anstrich. Die Vielschichtigkeit der Partitur in allen ihren Ausprägungen und Verästelungen wurde vom Dirigenten und dem prachtvoll aufspielenden Philharmonischen Orchester Landestheater Coburg bestens zum Ausdruck gebracht. In Töne von brachialer Gewalt, mit denen der tragische Ausgang auch im Graben den ganzen Abend über bereits angekündigt wurde, mischen sich zeitweilig auch recht kammermusikalische Klänge. Und Transparenz ist Trumpf.

Glänzend schnitten auch die Sänger ab. Dass an diesem bemerkenswerten Abend alle aufgebotenen Gesangssolisten vorbildlich im Körper sangen, zeugt von dem hervorragenden Sachverstand von Intendant Busse, was italienisch geschulte Stimmen angeht, wofür ihm großes Lob auszusprechen ist. Leider hatte der Krankheitsteufel zugeschlagen und die ursprünglich für die Titelfigur vorgesehene Hyunju Park außer Gefecht gesetzt. Man hatte aber Glück im Unglück. Aus dem nahen Bayreuth eilte bereits einen Tag vor der Aufführung Hyuna Ko herbei, machte sich in lediglich drei Proben das Regiekonzept trefflich zu Eigen und konnte dann beim Schlussapplaus auch in jeder Beziehung einen Sensationserfolg für sich verbuchen. Diese sympathische junge Sopranistin, die man von ihrem letztjährigen Auftreten beim Künstlertreffen der Gottlob-Frick-Gesellschaft in Ölbronn noch in allerbester Erinnerung hatte, sang sich mit ihrem vollen, runden, warmen, farben- und nuancenreichen sowie sehr gefühlvoll geführten Prachtsopran, der eine ausgezeichnete italienische Schulung aufweist - hier wurden die Unterweisungen ihres berühmten Lehrers Hans Sotin, der ebenfalls im Publikum saß, mehr als deutlich -, in die Herzen des begeisterten Auditoriums, das sie zurecht mit vielen Bravorufen und sogar Standing Ovations bedachte. Die hatte sich Frau Ko auch redlich verdient. Es gelang ihr, mit ihren sensationellen vokalen Mitteln, zu denen sich noch eine intensive, impulsive und sehr emotional angehauchte Darstellung gesellte, die Zuschauer im Sturm für sich einzunehmen. Was sie an diesem Abend leistete, war ein Sieg auf der ganzen Linie und ließ den Wunsch aufkommen, dass sie in Zukunft öfter den Weg nach Coburg finden wird. Auch von Seiten des OPERNFREUNDES eine allerherzlichste Gratulation zu dieser imposanten Leistung, die Frau Ko nachhaltig für größere Häuser qualifiziert. Ihr steht eine große Karriere bevor. Neben ihr war Milen Bozhkov ein ausgesprochen unsympathischer, lässiger und cooler Pinkerton mit Sonnenbrille und Lederjacke, den er überzeugend spielte und mit gut sitzendem Tenor auch gefällig sang. Übertroffen wurde er indes von Benjamin Werth, der mit saft- und kraftvollem Bariton und einfühlsamem Spiel dem jungen, Cio-Cio-San offensichtlich aufrichtig liebenden Konsul Sharpless ein ansprechendes Profil gab. Profundes, ausdrucksstarkes Stimmmaterial brachte Hayley Sugars für die Suzuki mit. Von Gabriele Bauer-Rosenthals Kate Pinkerton, die in der hier gespielten Urfassung von 1904 erheblich mehr zu singen hatte als sonst, hätte man gerne noch mehr gehört. Mit großer Bassgewalt verlieh Michael Lion dem Onkel Bonze große stimmliche Autorität. Eine Glanzleistung erbrachte der den fiesen, schmierigen Goro mit hervorragender Körperstütze singende David Zimmer. Und auch Tae Kwon Chus Fürst Yamadori zeichnete sich durch bestens focussiertes Tenormaterial aus. Bei der Besetzung dieser beiden Rollen, für die sogar an den größten Häusern meistens nur dünnstimmige Tenöre zum Einsatz kommen, zeigte sich der hohe vokale Sachverstand des Coburger Besetzungsbüros besonders deutlich. Ordentlich gab Martin Trepl den Kommissar. Das gleiche gilt für Sergiy Zinchenkos Standesbeamten. Als Butterflys Sohn gefiel der kleine Tom Schwerdt. Monika Tahal (Mutter) und Tomomi Fujiyama (Cousine) rundeten das hochkarätige Ensemble ab. Der von Lorenzo Da Rio einstudierte Chor machte seine Sache ebenfalls gut.

Fazit zum Schluss: Wieder einmal ein ungemein spannender, musikalisch und gesanglich phänomenaler und insgesamt geradezu preisverdächtiger Opernabend an dem schon oft bewährten Landestheater Coburg, dessen Besuch dringendst empfohlen wird. Die Fahrt nach Coburg lohnt sich!

Ludwig Steinbach, 8. 3. 2013

Die Bilder stammen von Andrea Kremper.

 

 

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