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OWEN WINGRAVE

Premiere am 17.03.13

Der unheldische Held - zerdrückt von der oppressiven Sozialordnung

Benjamin Brittens Homosexualität hat in vielen seiner Bühnenwerke Spuren hinterlassen. Sein ausgeprägter Pazifismus hat sich aber erst in seinem Spätwerk Owen Wingrave so deutlich Bahn gebrochen, dass die Regisseure hier nichts mehr zu erläutern brauchen. Für Britten war es ein weiterer Stoff von Henry James, ebenfalls bekennender Antimilitarist, aus dem wiederum Myfanwy Piper das Libretto extrahierte. Bemerkenswert ist, dass der Auftrag für die Oper 1966 von der BBC erteilt wurde, in einer Zeit, in welcher noch die militaristische Jubel- und Siegerliteratur der letzten Nachkriegszeit die Auslagen des englischen Buchhandels beherrschte. Die Oper war fürs Fernsehen bestellt und konzipiert und gelangte im besten TV-Format von gut eindreiviertel Stunden 1971 zur Erstausstrahlung. Die erste Bühnenversion wurde in Covent Garden 1973 gegeben. Das Werk hat sich zunächst nicht in dem Maße wie andere Antiheldenopern von Britten durchsetzen können, steht denen aber an Eindringlichkeit und musikalischer Ausdrucksstärke in keiner Weise nach. Die Opéra national du Rhin gibt nun nach 1996 in der zweiten französischen Produktion der Oper das Werk erstmals in Frankreich in der Originalsprache.

Britten ist in der Nachkriegszeit des ersten Weltkriegs und nach dessen nachwirkenden physischen und psychischen Verwüstungen aufgewachsen und erlebte in dieser Epoche als junger Mensch die neuen Bedrohungen durch den Faschismus und dessen Militarismus. Höflich übernimmt er dennoch von Henry James die zeitliche Verortung des Geschehens ins viktorianische Zeitalter mit den noch andauernden, schwelgerischen Nachwirkungen der britischen Siege gegen Napoleon und mit dem dauernden Säbelgerassel der Hoch-Zeit des britischen Imperialismus. An diese zeitliche Zuordnung der Oper braucht sich heute kein Regisseur mehr zu halten, da angebliches Heldentum, Krieg und Not sich immer noch nicht erledigt haben. Aber die Auflehnung dagegen unter dem Motto „Wir zerbrechen das Schwert“ hat heute nichts Heldenhaftes mehr an sich – wie noch zu Zeiten des Owen Wingrave.

Laurent Deleuil (Owen Wingrave) in der Ahnengalerie der Wingraves

Neben dem vordergründigen, pazifistischen Hauptthema des Werks und der Titelrolle werden an den anderen Figuren der Oper schonungslose Charakterstudien durchgeführt, so dass die Oper nicht monothematisch erscheint. Die Handlung: Owen Wingrave, erbender Spross einer englischen Haudegen-Familie bricht seinen Unterricht an der Militärakademie ab, outet sich als Pazifist und will von den glorifizierten Heerführern seines Landes nichts mehr wissen. Statt sich auf Kampf für Größe und Ehre von Familie und Vaterland vorzubereiten, lässt er sich auf einen viel schwierigeren Konflikt ein: dem zwischen seiner Überzeugung und der Familientradition. Er kann den Kampf nicht gewinnen, wird enterbt und kommt unter dubiosen Umständen ums Leben. Der Regisseur Christophe Gayral legt die Handlung in eine unbestimmte Jetztzeit; die authentischen Kostüme (Cidalia da Costa) scheinen dabei aus dem Gestern dieser Jetztzeit zu stammen, als ob sie die Geisteshaltung ihrer Träger charakterisieren sollen.

Die Umsetzung des Fernsehstücks mit seinen schnellen Überblendungs-möglichkeiten (sprich: Szenenwechsel) auf der Bühne gelingt bruchlos, woran das Bühnenbild von Eric Soyer einen wesentlichen Anteil hat. Sechs bühnenhohe graue Pfeiler begrenzen schräg nach hinten zulaufend die Spielfläche. Zwischen den Pfeilern heruntergelassene dunkelgraue Vorhänge schaffen zwei zusätzliche Horizonte, in welche auch noch kleine Durchblicke eingelassen sind. Dazu kommt ein rascher Möbelwechsel im Halbdunkel bei offenem Hauptvorhang. Insgesamt wird so bei den  zehn Szenenbildern der Oper in schnellem Wechsel eine schöne Kohärenz erreicht.

In der Militärakademie: Sévag Tachdjian (Spencer Coyle); Laurent Deleuil (Owen Wingrave); Jérémy Duffau (Lechmere)

Einen zusätzlichen großen Bogen im Werk erreicht die Regie mit der Einführung des Fantomkinds. Im Prolog wird anstelle der Ahnengalerie der Wingraves in einer Pantomime gezeigt, wie in der Familie schon einmal in grauer Spuk-Vorzeit ein Erbberechtigter von seinem Vater zu Tode gebracht wird, weil er eine Beleidigung nicht durch ein Duell rächen wollte. Dieser Ureltervater und sein Sohn werden zu Gespenstern in der Familie; das Zimmer mit ihrem Gemälde ist nun Spukzimmer. Erst in der Ballade des zweiten Prologs wird die Geschichte dann real erzählt; der Knabe als damaliges Opfer wird dadurch zum Vor- und Doppelgänger von Owen Wingrave. Mit dieser Figur erreicht die Regie eine deutliche Vertiefung des Stoffs. Owen kommt auf einer Mutprobe rätselhaft im Spukzimmer um, ob durch eigene oder fremde Hand, bleibt im Dunkeln. Ganz sicher steht aber das Spukgespenst, das Owen am Weiterleben hindert, für die verknöcherte Familie

Bei der prägnanten Zeichnung der Figuren kommen ziemlich miese Charaktere heraus. Kate, Owens Verlobte, wendet sich angeblich wegen dessen Feigheit von ihm ab; die Abwendung wird aber erst definitiv durch die Enterbung Owens, die Kates Lebensziel, selbst später als Witwe (denn echte Helden haben zu sterben!) die Ländereien zu befehligen und ein Leben in großem Ansehen zu führen. Kates Mutter, Mrs. Julian, eine Heldenwitwe, parasitiert speichelleckerisch bei den Wingraves. An Owen selbst hat auch sie kein Interesse, lediglich an der Heirat ihrer Tochter mit ihm. Sir Philip, der senil engstirnige Clan-Chef lebt nur in der Vergangenheit und verdammt Owen als Verräter. „Miss“ Wingrave, Owens Tante bespritzt ihn mit verbalem Gift. Glimpflich kommt lediglich das Ehepaar Coyle weg. Sie kümmert sich wie eine Mutter um die Studenten, und er, der Strategielehrer, war ja auch nie ein Kriegsheld, sondern immer nur Strategie-Analytiker. Owens Freund Lechmere versucht die Gunst der Stunde zu nutzen und sich Kate zu nähern. Die Ausgrenzung von Owen Wingrave findet auch physisch auf der Bühne statt. Owen muss den härteren Kampf durchstehen – und zwar ganz allein und in Zivil. Dem Regisseur gelingt eine sehr wirksame, unter die Haut gehende Produktion.

Was für eine Familie! Owen (von hinten) allein gegen den Rest:  Sahara Sloan (Mrs. Coyle);Jérémy Duffau (Lechmere); Mélanie Moussay (Miss Wingrave); Marie Cubaynes (Kate Julian); Kristina Bitenc (Mrs. Julian); Sévag Tachdjian (Spencer Coyle); im Rollstuhl: Guillaume François (Sir Philip Wingrave)

Die musikalische Leitung des Abends hatte David Syrus inne, der über eine lange Erfahrung mit dem Werk verfügt, da er bereits musikalischer Assistent bei der szenischen Erstaufführung war. Es spielte ein Ensemble des Orchestre symphonique de Mulhouse, das aus einem 18-köpfigen Streichorchester, sieben einzeln besetzten Bläsern und Schlagwerk bestand. Vielleicht liegt es am Stoff, dass Britten bei dieser Oper zu seinen modernsten stilistischen Mittel gegriffen hat, mit mehr Dissonanzen arbeitet und die Grenzen der Tonalität erreicht. Die Bläser bewährten sich vielfach auch  solistisch im Wechsel mit den Sängern. Bis auf den instrumentalen Prolog zum ersten Akt sind die Interludien wegen der schnellen Szenenwechsel sehr knapp gehalten. Das Orchester erreichte dabei aber immer eine hohe Klangdichte – vielfach auch getragen von den tiefen Bläsern. Die Musik ist überwiegend düster, programmatisch eingefärbt. Da es keine Liebesbeziehung in der Geschichte gibt, fehlt diese Facette auch in der musikalischen Untermalung, die vom Orchester und seinem Leiter jederzeit mit ausdifferenzierten Färbungen (durch das relativ große Bläsergewicht!) und bester Präzision gestaltet wird. Als Kinderchor der Opéra national du Rhin wirken die Petits Chanteurs de Strasbourg in einer Szene als Fernchor mit.

Owen Wingraves, hinten: Fantomknabe, Gespenst

Die Besetzung der Sänger erfolgte fast ausschließlich aus den Reihen des Straßburger Opernstudios, das jedes Jahr acht junge Sänger aufnimmt, in kleinen Rollen oder als Einspringer debütieren lässt, mit ihnen aber auch regelmäßig eine Studioproduktion macht wie diese vorliegende. Eine solche Besetzung führt natürlich dazu, dass die Stimmen nicht nach Rolle und Reife ausdifferenziert werden können. Aber es war dennoch beachtliches Niveau zu hören. In der Titelrolle gefiel mit jugendlich hellem, lyrischem Bariton Laurent Deleuil; von etwas kleinerer Statur konnte er auch darstellerisch den ausgegrenzten Owen glaubhaft machen. Den Strategielehrer Spencer Coyle brachte Sévag Tachdjian solide mit kraftvollem Bassbariton, auch er hell timbriert, etwas trocken. Jérémy Duffau gab mit nicht ganz festem Tenor die kleinere Rolle des Lechmere. Als echtes Phänomen zeigte sich der Tenor Guillaume François; die Rolle des hysterischen und senilen Sir Philip Wingrave sang er passend mit spitzem giftigen Charaktertenor, wohingegen er mit sehr schönem Schmelz den Erzähler eingangs des zweiten Akts in der Ballade gestaltete, die in ihrer Wirkung noch durch die Fernchor-Refrains des Kinderchors gesteigert wurde. Der Erzähler war als Familiengeistlicher ausstaffiert. Marie Cubaynes‘ warm grundierter und schön fokussierter Mezzo schien ein Kleinigkeit zu nobel für die Rolle der unsympathischen Kate. Mit Kristina Bitenc als Mrs. Julian und Mélanie Moussay als Tante (Miss Wingrave) standen zwei klare Sopranstimmen mit leuchtenden Höhen auf der Bühne, wobei die letztere noch die interessante Facette der alten giftenden Jungfer rüberzubringen verstand. Sahara Sloan als Mrs. Coyle konnte die verständnisvolle Ehefrau des Strategielehrers mit etwas zu spitzen und gepressten Höhen nicht ganz beglaubigen.

Die nicht besonders hohe Bekanntheit der Oper hatte wohl dazu geführt, dass die Premiere bei weitem nicht ausverkauft war. Aber die gekommen waren, und das sind bei einer Sonntagsmatinee regelmäßig auch viele ältere Zuschauer, waren überzeugt, folgten dem Opernnachmittag mit großer Konzentration und spendeten langanhaltenden, herzlichen Beifall. Die Oper wird insgesamt dreimal im Stadttheater von Colmar gegeben: dort ist am 21.03. die letzte Vorstellung. Am 7., 9. und 11. April folgen in Mulhouse drei Vorstellungen im gemütlichem Ambiente des  Théâtre de la Sinne, ehe die Produktion am 4. und am 6. Juli zum Saisonausklang ins Stammhaus an der Place Broglie in Straßburg kommt. Man sollte sich diesen eindringlichen Opernabend nicht entgehen lassen.

Manfred Langer, 20.03.2013                              Fotos: Alain Kaiser

 

 

 

 

 

 

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