DER OPERNFREUND - 44.Jahrgang
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DER RING DES NIBELUNGEN

Zweite zyklische Aufführung; Ostern 2012 

Viel Beifall für John Dew’s dritten Aufguss der Ringinszenierung

Musikalische Leitung: Ralf Weikert

Die „neue“ Ring-Inszenierung am Staatstheater Darmstadt ist eine „Weiterentwicklung“ der Produktion aus Krefeld/Mönchengladbach aus dem Jahre 1984 und deren Neubearbeitung in Wiesbaden 2006. Laut Dews eigener Aussage ist seine Sicht auf den Ring nun mal so und nicht anders. Was nun aber anders und noch besser ist, das sind die Bühnenbilder von Heinz Balthes. Der setzt als visuelle Verklammerung des ganzen Rings neun mächtige bühnenhohe Stelen ein, deren Sichtseiten mit einem überhöhten Baumrindenmuster versehen sind. Durch Verschieben dieser Stelen werden für jede Szene eigene Spielflächen geschaffen und jeweils individuell ergänzt oder möbliert. Diese Türme mit ihren Lücken können für schöne Effekte im Auf- und Durchlicht genutzt werden. Die gediegenen Kostüme für alle vier Abende stammen von José Manuel Vázquez, der zusammen mit dem Bühnenbildner schon Dutzende Operninszenierungen von John Dew ausgestattet hat. Wenn auch Bühnenästhetik und Regieaussagen deutliche Patina zeigen, sich eine gewisse Biederkeit nicht wegleugnen lässt und die Inszenierung zur Rezeptionsgeschichte des Rings keinen Beitrag mehr leisten kann, wird mit dem gesamten Ring eine intelligente, in sich geschlossene, einheitliche und gegenständliche Sequenz geschaffen. Die ist nicht zuletzt wegen der vielen auflockernden Regieeinfälle und überwiegend überzeugenden Personenregie durchaus sehenswert. Das Staatstheater Darmstadt hat die Neuinszenierung der vier Ring-Opern 2011 in nur wenigen Monaten gestemmt und damit ein eindrückliches Zeugnis seiner Leistungsfähigkeit gegeben. Das Darmstädter Publikum nimmt Dew seine gefälligen angepassten Inszenierungen sowie nie übel. Und warum sollte man jemandem übelnehmen, dass er, wenn auch nicht immer nahe an den Szenenanweisungen, so doch ziemlich textgetreu und nah an der Musik inszeniert?  

Dazu kommt eine beachtliche musikalische Gesamtleistung. Das Staatsorchester Darmstadt spielt unter Leitung des erfahrenen Gastdirigenten Ralf Weikert souverän auf und musiziert die Riesenpartitur überwiegend sicher und sauber in zumeist gemäßigten Tempi.  Leider meldeten sich die Hörner beim ersten zarten Einsatz im Rheingoldvorspiel gleich mit einem Patzer zu Wort und einige Ungenauigkeiten in den Bläser- und Tutti-Einsätzen zogen sich durch alle Abende; aber insgesamt muss dem Staatsorchester Darmstadt eine sehr ansprechende Leistung attestiert werden. --- Trotz einiger Schmunzeleinlagen kommt das Dirigat im Rheingold eher trocken und nüchtern daher. In der Walküre ändert sich das: Großer Zauber kommt aus dem Graben, rührende Innigkeit bei der Begleitung von Wotans Erzählung und dem Duett mit Brünnhilde im zweiten Aufzug sowie in der Schlussszene mit den gleichen Darstellern. Schöne Farbgebung und Nuancenreichtum, der emotionale Ausbruch am Ende des ersten Aufzugs und der krachende Walkürenritt machen die Walküre zu einem reinen Hörgenuss. Im Siegfried bietet das Orchester eine Spitzenleistung von den humoristischen bis zu den ekstatischen Erzählteilen. Ganz hervorragend das Vorspiel zum zweiten Aufzug, in welchem aus den düster-tiefen Wurm- und Hort-Motiven der Solo-Posaunist schaurig-perfekt das Fluch-Motiv intoniert, das später schön von den Hörnern aufgenommen wird. In den Kulissen führt später der Solohornist ebenso sauber Siegfrieds Hornruf ein, dass man sich fragen muss, warum Siegfried eigentlich auch noch eine Gitarre mitschleppt (wo hat er eigentlich plötzlich das Konzerthorn her?). Aber Hippies (s. u.: Siegfried) können nun mal mit dem Lieblingsinstrument der deutschen Romantik nichts anfangen… Bei dieser Gelegenheit sollte auch einmal dem Holz ein Kompliment gemacht werden, deren Solobläser, vor allem der tiefen Instrumente, immer wieder nachhaltig schöne Passagen gestalten. Auch in der Götterdämmerung werden mit 280 Minuten Gesamtspielzeit getragene Tempi musiziert. Kleinere Konzentrationsmängel nehmen wieder zu, harschere Töne bis hin zu einer gewissen Brutalität der Götterdämmerungsmusik überwiegen. Wunderbar ist der Beginn Waltraute-Szene mit ihren geheimnisvoll-archaischen Musik-Vorahnungen (sprich: Motive) gestaltet. Der Trauermarsch überzeugt mit seinen gewaltigen Schlägen und überrascht dann mit seiner feinfühligen Nuancierung. Zum Schluss kann Wagner mit seinem Pathos ja fast kein Ende finden; aber das sei nach fast fünfzehn Stunden Musik zugestanden: mit symphonischer Pracht verabschiedet sich das Orchester.

Bei den Ring-übergreifenden Rollen überragten drei Figuren: Brünnhilde, Wotan, und Alberich. Katrin Gerstenberger, nun seit fast zwanzig Jahren im Darmstädter Ensemble hat schon viele Rollen im tieferen Sopranfach gesungen und dann 2008 mit ihrer umjubelten Kundry den Durchbruch im Wagnerfach geschafft. In diesem Ring sang sie innert vier Kalendertagen die drei Brünnhilden ohne Müdigkeitserscheinungen klangschön, intonations- und treffsicher sowie mit großer sängerischer Intelligenz. Bei dem mörderischen Antrittsgesang der Brünnhilde in der Walküre nahm sie sich etwas zurück, ging ganz auf Präzision und hob im Verlauf der Walküre wie auch im Siegfried die lyrischen Aspekte der Rolle mit ihre schönen warmen Timbrierung und nuancierter Farbgebung heraus. Nie klang sie scharf oder spitz. Im Schlussgesang der Götterdämmerung mobilisierte sie noch viele Reserven und ließ ihn zu einem besonderen Erlebnis werden. Wenn sie sich in diesem Fach noch weiterentwickelt, wird sie auch die in den dramatischen Passagen noch zu beobachtende gewisse Monochromie des Ausdrucks ablegen. Frau Gerstenbergers Leistung stellt die etlicher auch am Oberrhein gastierender Amerika-Importate glatt in den Schatten, wozu ihre überaus vorteilhafte Bühnenpräsenz ganz wesentlich beiträgt. 

Auch Ralf Lukas als Wotan, der nach seinem gefeierten Sachs in Darmstadt auch zu den dortigen Publikumslieblingen gezählt werden muss, sang innerhalb von vier Tagen drei Hauptrollen. Ralf Lukas ist „eine Bank“ in der Rolle des Wotan/Wanderer und begeisterte wieder mit einer ganz hervorragenden Diktion, wunderbaren, warm grundierten Tiefen und seiner insgesamt überlegenen Rollengestaltung. Mit hellerer Stimme schön zu seinem “alter ego“ Wotan abgehoben gab Olafur Sigurdarson alle Alberiche. Schon im Rheingold war er schauspielerisch (d.h. hier athletisch) im Neckspiel mit den Rheintöchtern voll gefordert und meisterte diesen Einsatz ebenso meisterlich wie seine Gesangspartie mit seinem kraftvollen Bariton. Die Fricka der Gundula Hintz, von der Regie im Rheingold wie eine ältliche Tante ausgestaltet, klang dort noch etwas spröde und kalt. In der Walküre konnte Frau Hintze ihre Rolle aber sehr emotional gestalten und blühte in ihr so auf wie auch ihre Stimme. 

Elisabeth Hornung sang die Erda recht solide im Rheingold, aber beim Siegfried hatte sie deutlich hörbare Probleme mit dieser Partie, die sie mehr zu bekämpfen als zu singen schien: mit vielen Problemen bei den Registerwechseln, die sich auch bei der Partie der ersten Norn in der Götterdämmerung noch bemerkbar machten, die sie ansonsten aber wieder souveräner gestaltete. Thomas Mehnert gestaltete die beiden Fafnire mit profundem strömenden Bass und bewährte sich dann als Hagen im Rheingold, in welchem er allerdings im großen „Hoiho!“ an die Grenze ging und sich dann etwas zurücknehmen musste, dennoch eine große Leistung! John In Eichen gab im Rheingold mit etwas rauerer Intonation als „sein Bruder“ den verliebten Fasolt und überzeugte dann in der Walküre mit eben dieser Härte und großer Stimmkraft als Hunding.  

Susanne Serfling sang in der Walküre eine zerbrechliche Sieglinde und wirkte bezaubernd und mädchenhaft in dieser Rolle, die sie mit deutlichem, aber angenehmem Vibrato intonierte. Sie kam im Verlauf des Abends immer besser in die Rolle und ließ ihre Stimme schön leuchten. In der Götterdämmerung gestaltete sie die Rolle der Gutrune ebenso anspruchsvoll, und wieder wirkt sie neben der deutlich größeren Brünnhilde (Katrin Gerstenberger) wie deren kleinere Schwester. Dazu hatte sie noch die Rolle der Dritten Norn übernommen, die sie hell und klangschön ausführte. Das Trio der Rheinnixen gefiel mit ihrer stimmschönen, klaren Gestaltung: Catalina Bertucci vom Landestheater Detmold mit silbrig-wendigem Sopran als Woglinde, bewährt Erica Brookhysers Mezzo als Wellgunde (und Zweite Norn) sowie  Gae-HwaYang mit schön grundiertem tiefen Mezzo als Floßhilde. 

Resumee: Dew hat wieder einmal „bestanden“. Diese zyklische Ring-Aufführung wurde über nur fünf Tage verteilt, was den Zuschauern über die Ostertage die Möglichkeit eines zeitlich kompakten Rings eröffnete. Opernfreunde und Wagnerianer, die nicht das Neue um des Neuen willen suchen, sind bei dieser Inszenierung bestens aufgehoben. Die Opernabende sind im (bis auf den Siegfried) ausverkauften Darmstädter Haus mit warmer bis zu jubelnder Zustimmung aufgenommen worden. Im Wagner-Jubiläumsjahr 2013 wird es sicher neue Zyklen des Rings in Darmstadt geben. Zwar gibt das Staatstheater für die zyklischen Aufführungen die Karten auch einzeln ab, aber wegen des inneren Zusammenhangs der Inszenierung der vier Teile gelangt man zu einem wesentlich besseren Eindruck, wenn man sich das Gesamtwerk anschaut. Die Rangseitenplätze, die nur wenig mehr als ein Kinobesuch kosten, bieten hier ein Preisleistungsverhältnis, das in Deutschland seinesgleichen sucht und den Ring auch für das kleine Budget durchaus erschwinglich macht. 

Einzelheiten zu den vier Teilen der Tetralogie unten.

Manfred Langer, 10.04.2012                 Fotos: Barbara Aumüller

 

 

DAS RHEINGOLD

05.04.2012 (Premiere am 04.06.2011)

John Dew kann nicht von Atomkraftwerken lassen 

Im ersten Bild des Rheingolds stehen die Stelen an beiden Seiten der Bühne wie Brückenpfeiler, zwischen denen der Rhein strömt dargestellt durch lange quer verlaufende blaue Stoffbahnen,mit denen von beiden Seiten beeindruckende Wellen geschlagen werden, aus denen in der Mitte interessante Überlagerungsmuster entstehen. In diesen Wellen tummeln sich die Rheintöchter. Alberich tritt auf wie ein Zimmermannsgeselle auf der Walz; die Nixen treiben ein flottes Spiel mit ihm, wobei sie gekonnt unter die Bahnen tauchen, während Alberich auf ihnen ausrutscht. Im zweiten Bild sind die Stelen im Halbrund gestellt und umschließen einen hübschen Wohn-, Schlaf- und Arbeitsraum der Götter. In einer beleuchteten Vitrine ist der Speer des Göttervaters ausgestellt. Da die Handlung in den 50er oder 60er Jahren des letzten Jahrhunderts angesiedelt scheint, ist ein Speer nicht mehr zeitgemäß. Wotan pennt in Weste und Hemd auf dem Sofa, legt dann gepflegte Manager-Kluft an. Fricka tritt als alte Tante auf, Freia als Mädchen vom Lande mit Dirndl, Schürze, Blumenkranz und Obstkorb. 

Die Riesen erscheinen mit Helmen und schwerer gelber Straßenarbeiterkleidung. Freia versucht in ihrer Angst, ihre Brüder herbeizutelefonieren; Wotan wartet auf Loge und versucht ebenfalls, von diesen von seinem prächtigen Chefschreibtisch aus telefonisch herbeizuzitieren. Froh und Donner kommen dann als eitle Offiziere in schicken Ausgehuniformen. Endlich erscheint Loge: er ist wieder als Albert Einstein hergerichtet in lässigem Pullover und legerer Hose. Er hält eine Rolle mit Bauplänen in der Hand, wohl für ein Atomkraftwerk. Im dritten Bild sind die Stelen seitlich aufgestellt und flankieren einen trapezförmigen Raum, der hinten mit einer aus Ziegeln gemauerten Industriebaufassade abschließt. Davor vollendet Mime gerade an einem sehr einfachen Schreibtisch den Tarnhelm, der hier die Form einer Melone hat, die Alberich sehr gut steht, der – mittlerweile erfolgreicher Industrieller - einen schönen Dreiteiler trägt und Zigarren raucht, was an die Karikaturen von weiland Klaus Pielert erinnert, in dessen Ära auch die gesamte Inszenierung am besten passt. Bei der Verwandlungsszene versinkt Alberich im Boden; sein Gesang wird von Lautsprechern aus verschiedenen Richtungen, auch aus dem Zuschauerraum übertragen. Der Wurm ist ein überdimensionierter Rolls-Royce mit kochender Maschine; die Kröte ein kleines Spielzeugauto, das Loge schnell greift.

 Im vierten Bild ist die Spielfläche nach hinten durch einen Vorhang begrenzt. Freia wird zur Lösung in Geldkoffern eingesargt; Erda wird als Wundererscheinung auf der Hinterwand sichtbar, die zum Einzug der Götter nach Walhall hochgezogen wird; sie hält die drei Nornen an einer leuchtenden Strippe. Und nun kommt es endlich wieder: das Atomkraftwerk eingezäunt und von Soldaten bewacht: da marschieren die Götter hinein, während in den Zuschauerraum wieder die Demonstranten eindringen und Schilder mit „Nein danke“ hochhalten. Für was sie sich nicht bedanken, wird nicht getextet. Nach dem Atomausstieg müsste nun eigentlich in Rhein-Main die neue Landebahn des Frankfurter Flughafens gemeint sein. Zeitlos aber ist sicher das Haupttransparent: „Falsch und feig ist, was dort oben sich freut!“, denn das bezieht sich eindeutig auf die hohe Politik mit ihren Ansprüchen auf Pensionen und Ehrensold. --- Dews Personenführung im Rhein ist zwiegespalten: während er die gerade agierenden oder interagierenden Darsteller gekonnt und ausdrucksstark bewegt, schaut das restliche Personal, das gerade nichts zu tun hat, wie erstarrt dem Geschehen zu. So wirkt die Personenregie insgesamt im Rheingold etwas bieder.

Fast alle Rheingold-Sängern erfreuten mit so guter Textverständlichkeit, dass der Ausfall oder Nichtbetrieb der Übertitelungsanlage an diesem Abend kaum ein Problem darstellte. Oleksandr Prytolyuk überzeugt als stimmgewaltiger Donner bei der Beschwörung des Gewitters, für die sich die anderen Götter im vierten Bild zur Vorsicht schon einmal Regenschirme mitgebracht haben. Die eher farblose Rolle des Froh wird von Carl-Christof Gebhardt gesungen. Anja Vinckens mädchenhafte Freia gefiel mit schöner Linienführung; bei der Artikulation fiel sie ab. Als Loge wirkte John Pickering mit lyrischem beweglichem Tenor nicht ganz ohne Wackler mit witzigem Spiel als Albert Einstein. Grundsolide die beiden kernigen Bässe von John In Eichen als Fasolt und noch schwärzer Thomas Mehnert als Fafner. Lasse Penttinen als Mime bot eine schöne, aber für den mime untypisch weiche Stimme, überhaupt nicht giftig. 

Viel Beifall gab es vom fast ausverkauften Haus für dieses gefällige Rheingold.

Manfred Langer, 06.04.2012

Fotos: Barbara Aumüller (teilweise abweichende Premierenbesetzung)

 

 

 

DIE WALKÜRE

06.04.2012 (Premiere am 26.06.2011)

Romantik und Bühnenzauber 

Im ersten Aufzug umschließen die Stelen halbkreisförmig einen Wohnraum mit einem großen Esstisch mit Stühlen vor einem riesigen Barock-Stilmöbel auf der einen und einer bequemen Sitzgarnitur aus Leder auf der anderen Seite. Die Möbel ergeben kein einheitliches Stilbild, sondern sind vom Bürger Hunding anscheinend je nach Pegelstand im Geldbeutel zusammen-gekauft worden. Das Schwert steckt in Kopfhöhe in der vordersten Stele. Siegmund kommt hereingelaufen: nicht als verschrammter Kämpe, sondern eher als ein Bruder Leichtfuß mit kleinem Touristenrucksack, bequemem Pullunder und Freizeithose. Sieglinde tritt schön blond auf mit Hausfrauenkittel über weißem Kleid, Hunding in schwarzer Milizuniform. Als es zum Ausbruch des Frühlings kommen soll, erscheint Wotan vorne auf der Bühne und führt Regie beim Öffnen der Stelen, durch welche der Lenz mildes (kaltes) Licht leuchten lässt. Ekstatischer Schluss des ersten Aufzugs. --- Im zweiten Aufzug öffnet sich der Vorhang zu genau dem gleichen Bild. Siegmund und Sieglinde vollenden eben noch das ewige (horizontale) Werk, ehe sie sich mit Rucksack und leichtem Reisekoffer davon machen. Von hinten hatten schon Brünnhilde und Wotan herein gelugt, die dann von diesem schönen Zimmer Besitz ergreifen. Wotan wieder im eleganten Dreiteiler, der von einem Londoner Herrenausstatter stammen könnte, Brünnhilde dagegen mit Bomberjacke und Fliegerkappe. Statt von einem Widder gezogen tritt Fricka in großem schweren Pelzmantel majestätisch auf und – nach ihrem Sieg über Wotan – mit triumphierendem Blick wieder ab. Aus Wotan bricht die „Götternot“ mit Urgewalt hervor, ehe er sich zur mentalen Auskultation durch Brünnhilde auf den Ledersessel begibt. 

Zur nächsten Szene werden die Wohnzimmermöbel entsorgt, die Stelen in eine schräge Reihe gestellt, vor der sich erst die Verkündigungsszene abspielt und dann die Kampfszene entwickelt. Brünnhilde tritt nun in olivgrauem Overall auf. Wotans Blick lässt Siegmunds Schwert zerspellen; Hunding erschießt seinen ehemaligen Gast mit einer Pistole. Wotan bleibt bestürzt bei der Leiche seines Sohnes; Fricka kommt zur Stätte ihres Triumphs und umschreitet diese wieder mit siegender Gebärde. Im dritten Aufzug wird als Arbeitsplatz der Walküren eine Flugzeugleitstelle mit seitlichen Spinden auf die Bühne gebracht. Die Walküren treten in Fliegerkluft auf . Irminge und Hegelinge schleppen sie nicht herbei, aber ihre Bomberjacken, die sie in den Spinden verstauen, um sich dann sich in adrette Soldatinnen in Uniformkostümen mit Schiffchen-Mütze zu verwandeln. 

Auf Monitoren wird besonders die Wetterentwicklung beobachtet, um herauszufinden, was sich von Norden zusammenbraut. Das ist natürlich Wotan, der sich wegen des windigen Wetters nun noch einen eleganten Tuchmantel übergezogen hat. Nach dem Abgang der Walküren verschwindet die Flugleitstelle langsam nach hinten und lässt Wotan und Brünnhilde zu deren Abschied auf der leeren Bühne zwischen den Stelen zurück. Dew gestaltet diese Szene reduziert mit großer Eindringlichkeit und setzt dann superschön das Ende mit dem Feuerzauber in Szene: von Wotan mit gebietender Hand befohlen zieht sich ein riesiger bühnenhoher roter Vorhang hinten halbkreisförmig zu. Von hinten werden auf diesem Vorhang nach oben treibende Wellenbewegungen erzeugt, die unter der hellen Beleuchtung ein grandioses Flammenbild erzeugen; dann wird vorne ein weiterer Vorhang mit hohen Flammenbildern zugezogen, der unter ähnlicher Beleuchtung ebenso bewegt wird: ein schöneren Feuerzauber gibt es nicht! Eindrückliches Opernende.

Zum guten Eindruck trägt auch die gesangliche Gesamtleistung bei. Vincent Wolfsteiner als Gast singt den Siegmund. Von der Regie etwas als Luftikus ausgestattet überzeugt er mit hell strahlendem Tenor von guter Durchschlagskraft. John in Eichen singt den Hunding mit kernigem Bass. Unter den acht Walküren befinden sich einige „Stimmchen“. Als Ralf Weikert es im dritten Akt im Graben einmal hoch hergehen lässt, ist der Wettbewerb acht gegen achtzig schnell entschieden. Am Schluss erhalten alle Hauptdarsteller sowie Dirigent und Orchester langanhaltenden begeisterten Applaus vom Publikum im ausverkauften Haus.

Manfred Langer,   07.04.2012

Fotos: Barbara Aumüller (teilweise abweichende Premierenbesetzung)

 

 

 

 

SIEGFRIED

O8.04.2012           (Premiere am  02.10.2010)

Siegfried als Entwicklungsgeschichte: Von Bedarfsgemeinschaft über Drachenmord zur Frauenerweckung 

Im ersten Akt umschließen die Stelen halbkreisförmig einen davor liegenden idyllischen frühherbstlichen Gemüsegarten mit reifen Tomaten und Kürbissen. Davor unter einem nach hinten abfallenden breiten Pultdach sind die wesentlichen Versatzstücke des ersten Aufzugs aufgestellt. Rechts eine unordentliche Wohnküchenecke mit Esstisch, altem Kühlschrank und einem einfachen Stuhl. Hier wirkt die Bedarfsgemeinschaft aus Mime und Siegfried als Aussteigergesellschaft: Siegfried Hippie-ähnlich mit Gitarre und Mime mit Pferdeschwanz und häuslicher Kleidung, über die er sich noch einen rosa geblümten Hausfrauenkittel anzieht. Von der kleinen Landwirtschaft allein kann man nicht leben, also betreibt man noch eine altertümliche Schmiede: links die Esse  und ein großer Blasebalg, dazu ein Werktisch mit Abschreckbecken sowie auf einem abgeschnittenen Baumstamm der Amboss. Siegfried erscheint mit dem Bär, aus dem sich halb hinter der Szene beim Freilassen der Wanderer entschält: Der behält alles im Blick und unter Kontrolle und  erscheint später im noblen Dreiteiler und einem Staubmantel und natürlich mit der Brille, deren linkes Glas abgedunkelt ist. Beim Ratespiel trinkt er mit Mime Bier. Ein Schwert wird nicht geschmiedet, sondern bloß ein Stück Eisen von der Größe eines Unkrautstechers (Nothung II !)   

 Im zweiten Aufzug sind die hohen Stelen auf der rechten Bühnenseite unterbrochen, um Projektionsfläche für den Drachen zu schaffen. Davor ist eine breite und tiefe Mauer mit der gleichen Oberflächenstruktur errichtet. Alberich ist mittlerweile unter Hartz IV Niveau abgesunken; als Penner hockte er neben Müllsäcken vor der Mauer; sein Dreiteiler ist schon ziemlich abgewetzt; darunter trägt er nur noch ein schmuddelgraues Unterhemd. Der Wanderer kommt, verarscht ihn nach Strich und Faden (sehr gut gemacht!) und ist mittlerweile auch schon moralisch so verkommen, dass er sich, ohne vorher zu fragen, an Alberichs Bierlager vergreift. Beim ersten Herausruf an den Wurm erscheinen in der Stelenlücke lediglich die grün leuchtenden Augen des Drachens. Mime und Siegfried wandern auf die Bühne mit Marschgepäck. Mime breitet Decken aus und bereitet ein Picknick vor. Zum Drachenkampf wird eine immer größer wuchernde Gestalt projiziert. Es erstaunt, dass die mit einem Unkrautstecher erledigt werden kann. Abdunkelung, der erstochene Drache liegt dann als Fafner sterbend vor der Mauer; nun wieder als Bauarbeiter wie im Rheingold gekleidet. Das Waldvögelein in einem Kostüm früherer Kampfflieger (den Walküren angeglichen) steht rechts auf dem rechten Seitenrang und lässt an einer langen Rute ein Vögelchen flattern: sehr bieder. Abwechslung beim zweiten Mal: das Waldvögelein agiert vom linken Rang. Nach dem Totschlag Mimes marschiert dann das Waldvögelein voran  über die vordere Brüstung des Orchestergrabens gefolgt von Siegfried und … Alberich. 

Im dritten Aufzug sind die Stelen zu einem Halbkreis gestellt, die des Wanderers Arbeitsraum einschließen: das gleiche Bild wie in der Vorwalhalla-Zeit im Rheingold mit der hohen Glasvitrine mit dem Speer. Wotan schlägt die Scheibe ein, nimmt den Speer, sein früheres Arbeitsgerät, das mittlerweile anachronistisch und obsolet geworden ist, zu seinem letzten Einsatz heraus und beschwört Erda herauf, die aus dem Fußboden erscheint. Dann wird der große rote Vorhang gezogen,  der den Feuerkreis bezeichnet, vor dem sich die Szene Wanderer – Siegfried abspielt, die Alberich von der Bühnenseite beobachtet. Nach dem Zerschlagen des Speers erscheint er noch einmal und nimmt das zerstörte Machtsymbol Wotans mit ungläubigem Staunen und frommer Hoffnung mit. Der rote Vorhang wird zum Feuerring, den Siegfried durchschreitet, wonach die schlafende Brünnhilde sichtbar wird. Sie wird von Siegfried mit dem Unkrautstecher von ihrem Obergewand befreit, worauf sie im Unterkleidchen dasteht. In dieser verletzlichen Form nimmt man ihr unmittelbar ab, dass sie sich auch verletzlich fühlt und nach anfänglichem Jubel zu zicken beginnt, wodurch sich das Schlussduett auf 40 Minuten ausdehnt. 

Der Siegfried muss wohl für jeden Regisseur bezüglich der Personenführung ein Albtraum sein: eine Folge von elf Bildern mit jeweils einer Zweierszene, davon einige mit erheblichen Längen. Wenn man wie hier in Darmstadt auf vordergründigen Klamauk verzichtet und sich das Ganze ab dem zweiten Aufzug in einer recht reduzierten Szenographie abspielt, dann könnte vieles ziemlich statisch wirken und Längen fühlbar werden lassen: aber gerade in der Personenführung dieser Zweierszenen liegt die Stärke des Regisseurs, der sie immer entweder spannungsgeladen, psychologisch vertieft oder vergnüglich bringt. 

Den Siegfried im Siegfried sang Leonid Zakhozhaev, ein profilierter, aber nicht unumstrittener Tenor, der sich mehr und mehr auf das Heldenfach spezialisiert hat. Er verfügte über eine schöne dunkle Mittellage, aber ziemlich scharfe und unstete Höhen. Das Orchester zwang ihn bei den Schmiedeliedern zu einer enormen Kraftentfaltung, die er zuerst mühelos bewältigte; vielleicht führte das aber auch später zum Eindruck von Konditionsmängeln. Die ihm zugedachte Rolle spielte er prächtig. Aki Hashimoto brachte den Waldvogel mit glockenhellem Sopran und schlechter Textverständlichkeit. So fiel es vielen wahrscheinlich gar nicht auf, dass sie ihren ersten Einsatz trotz des zum Greifen nahen Übertitelungstextes mit dem Text ihres zweiten Einsatzes sang.  

Bei den Aktschlüssen war der Beifall aus dem gut besuchten Haus noch zurückhaltend, aber am Ende wurde die Vorstellung regelrecht gefeiert: Der Wanderer, Alberich, Brünnhilde und der Dirigent/das Orchester wurden am meisten bejubelt.

Manfred Langer,   09.04.2012

Fotos: Barbara Aumüller (teilweise abweichende Premierenbesetzung)

 

 

 

 

GÖTTERDÄMMERUNG

O9.04.2012           (Premiere am  16.10.2011)

Atomknall als Verzicht auf Weltherrschaft ? 

Die Nornen stehen auf der nackten schwarzen Bühne; die Seile, an denen sie wirken, hängen leuchtend von oben herab und fallen beim Riss auf den Boden. Siegfried und Brünnhilde haben sich eine hübsche Wohnung eingerichtet; Siegfried ist vom Hippie zu einem erfolgreichen Unternehmer mutiert. Er muss auf Geschäftsreise gehen und tut das mit Schirm, Charme und Melone (dem Tarnhelm). Brünnhilde hat sich inzwischen noch einmal  verändert: von der virilen Walküre im gleichnamigen Teil der Tetralogie in Bomberjacke oder Overall, verwundbar in Weiß nach der Erweckung tritt sie nun als Liebende in rotem Kleid und roten Schuhen auf. Siegfried gelangt zu den Gibichungen, die ihn in ihrer Halle erwarten: Designer-Schreibtisch aus Acrylglas und moderne Besucherecke mit Sitzmöbeln; im Hintergrund erscheinen die Fronten von Bürohochhäusern mit erleuchteten Fenstern. Hagen tritt in Luftwaffenuniform auf, (sollte aber eher Chef der Sicherheitsabteilung des Gibichungen-Konzerns sein),  Gutrune in adretter Alltagskleidung und Gunther im beige-braunen Anzug. Nach dem raschen Aufbruch von Gunther und Siegfried zum Walkürenfelsen (Gunther hat vergeblich um noch wenig Rast gebeten; Siegfried wollte schnellstmöglich zu Gutrune zurück) nimmt Hagen an Gunthers Schreibtisch Platz, um die Halle dem Feind zu wehren. Dabei belohnt er sich mit einer Flasche Veuve Cliquot. Alberich kommt ihn besuchen und bringt Wotans aufgesammelte Speerspitze mit. Indes spielt sich auf dem Walkürenfelsen das hinreißend inszenierte Treffen zwischen Brünnhilde und Waltraute ab. Brünnhilde wird gewissermaßen in Gestalt ihrer Schwester von ihrer eigenen Vergangenheit eingeholt. Aber sie hat sich ja dem Menschen Siegfried zugewandt hat und will nun in Lust, Liebe und Luxus leben und von den Machenschaften der Götter nichts mehr wissen. Was sie nicht wissen kann: die Machenschaften der Menschen ereilen sie wenige Augenblicke später, als Siegfried in Gunthers Gestalt durch den erneut vorgezogenen Flammenvorhang dringt und sie bezwingt. Diese Szene spielt sich vor dem Vorhang ab: Gunther (in Echt-Gestalt) mimt davor; Siegfried singt an der genau gleichen Stelle dahinter.  

Nach Hagens gewaltigem „Hoiho!“ versammelt sich der Chor seitlich vor dem Orchestergraben und wird dann unter dem sich hebenden Zwischenvorhang auf die Bühne getrieben, wo er hinter Polizeiabsperrgitter gedrängt wird, von wo er dem ankommenden Paar Brünnhilde/Gunther und auch dem zweiten Paar Gutrune/Siegfried zujubeln darf. Dabei werden Mannen und Frauen auch Zeugen des großen Streit der da zwischen allen ausbricht: überzeugend inszeniert! Brünnhilde pfeffert ihren Brautstrauß dem nächst Besten ins Gesicht und schüttet verachtungsvoll den Schampus auf den Boden, mit dem die Doppelhochzeit begangen werden soll. Auf der schließlich leeren Bühne kommt es zum „Siegfried falle!“ Das versuchen im dritten Aufzug noch einmal die Rheintöchter zu verhindern, die wieder in ihren blauen Wasserbahnen spielen. Diese Bahnen werden abrupt zur Seite weggezogen und geben der Rast der Jagdgesellschaft nackten Raum. Zu Hagens schrecklichen Worten: „Errätst du auch dieser Raben Geraun‘?“ wendet sich Siegfried zur Seite und siehe Brünnhilde, nun in Schwarz, langsam auf ihn zutreten. Hagen erschlägt ihn von hinten mit der Speerspitze Wotans. Die Mannen entfernen sich. 

Es folgt eine kleine Pantomime:  Alberich spukt herum und führt dann den greisen hinfälligen Wotan herbei, um ihm zu zeigen, wie sich dessen Sehnen erfüllt hat. Wotan ist erschüttert und nähert sich nun auch seiner verstoßenen Tochter; über Siegfrieds Leiche und den Ring geraten sie in Streit. Es erklingt der Trauermarsch, und die ängstlich ahnungsvolle Gutrune irrt vor dem geschlossenen Vorhang umher, der dann den Blick auf den eingesargten Siegfried freigibt. Brünnhilde schart bei ihrem Schlussgesang Mannen und Frauen um sich, unter denen sie schließlich in rotem Licht untergeht. Hagen lauert bis zum Schluss auf den Ring: ein ewig Gestriger. Dazu tritt Loge auf und wischt das E = m c2 von der Bühneneinrahmung weg; aber dieser Erkenntnisgewinn lässt sich nicht beseitigen: Es tut einen gewaltigen Schlag. Entweder ist eine Atombombe gezündet worden oder es erfolgte der GAU in dem Kernkraftwerk, welches im Rheingold thematisiert wurde. Im Bühnenprospekt entwickelt sich die Projektion eines Atompilzes. Die 27 Jahre alte Atombotschaft dieser Ringinszenierung hätte vielleicht einer moderneren Assoziation weichen können; denn sie ja nicht konkludent: Führt ein Atomkraftwerk zur Atombombe? Historisch war das genau umgekehrt! Aber was ist in diesem Zusammenhang nicht schon alles thematisiert worden? Insgesamt bleibt aber doch der Eindruck einer stimmigen Inszenierung.  

Die Götterdämmerung ist der einzige Teil der Tetralogie mit Choreinsatz. Der Staatstheaterchor war mit Herren des Extrachores verstärkt und hinterließ stimmlich wie auch vom Auftritt her einen gewaltigen Eindruck: Da kamen Menschen mit Alltagskleidung auf die Bühne: mentale bedingungslose Gefolgschaft des grimmen Hagen, der sie mit seinem Tritonus anschauderte. In der Götterdämmerung sang wie schon in der Premiere Craig Barnimgham den Siegfried. Dazu hatte er die richtige Statur, aber noch nicht ganz die richtige Stimme: Seine großen Kraftreserven bei ordentlicher Aussprache kamen in der Höhe etwas scharf und spröde; dazu kamen deutliche Intonationsprobleme.  Oleksandr Prytolyuk gab den Gunther. Sein überaus kräftiger, aber nicht besonders kultivierter Bariton passte nicht ganz zu dem schwächlichen Eindruck des Königs, den er aber glänzend zu spielen verstand.

Bleibt noch Anja Jung zu erwähnen, die als Waltraute aus breit ausladender Mittellage zu klaren leuchtenden Höhen aufsteigen konnte, allerdings einige sehr eigenwillige Vokalfärbungen produzierte. 

Aus dem ausverkauften Hause erscholl langanhaltender jubelnder Beifall.

Manfred Langer, 12.04.2012

Alle Fotos von Barbara Aumüller (teilweise abweichende Premierenbesetzung)

 

 

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