DER OPERNFREUND - 44.Jahrgang
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DER FRANKFURTER RING

 

Videos der Oper Frankfurt: 

http://www.oper-frankfurt.de/de/page489.cfm?video=/fileupload/videos/Walkuere_101103.flv&startBild=/fileupload/videos/Walkuere-startbild.jpg

http://www.oper-frankfurt.de/de/page489.cfm?video=/fileupload/videos/Siegfried.flv&startBild=/fileupload/videos/Siegfried-startbild.jpg

http://www.oper-frankfurt.de/de/page489.cfm?video=/fileupload/videos/Goetterdaemmerung.flv&startBild=/fileupload/videos/Goetterdaemmerung-startbild.jpg

 

 

schon jetzt eine LEGENDE

DER OPERNFREUND fasst noch einmal alle seine Opernkritiken in chronologischer Reihenfolge zusammen:

 

DER RING DES NIBELUNGEN

kompletter Zyklus

besuchte Vorstellungen: Rheingold am 2. Juni, Walküre am 7. Juni, Siegfried am 10. Juni, Götterdämmerung am 17. Juni

Die Quadratur der Scheibe

Der Ring des Nibelungen ist in zyklischer Aufführung nicht nur in Bayreuth ein Ereignis, das über herkömmliche Opernbesuche weit hinausgeht. Fast 19 Stunden inklusive Pausen beansprucht das Gesamtwerk. Wer soviel Freizeit der Kunst opfert, geht mit einer besonderen Gestimmheit zur Oper. Er befindet sich im Ausnahmemodus, ist aufnahmebereiter und damit auch begeisterungsfähiger als üblich. Wenn der letzte Ton der Götterdämmerung verklungen ist, hat man einen musikalisch-dramatischen Marathonlauf hinter sich. Man ist erschöpft, aber glücklich, ganz besonders in diesem Jahr in Frankfurt.

Die einzelnen Teile des Frankfurter Rings wurden allesamt im „Opernfreund“ bereits besprochen und sind nun in einer eigenen Rubrik zum Nachlesen versammelt. Die ausführlichen Beschreibungen der Inszenierung müssen hier nicht mehr wiederholt werden. Die Erfahrung der Gesamtschau innerhalb weniger Tage hat die positiven Einzeleindrücke bestätigt und den zwingenden Beweis geboten, daß ein als Ganzes gedachtes Werk auch als Einheit realisiert werden muß. Die Entscheidung des Produktionsteams, alle vier Teile des Ringes auf derselben Grundfläche spielen zu lassen, war so naheliegend wie in der Umsetzung heikel. Bei über 15 Stunden reiner Spieldauer scheint in einem Einheitsbühnenbild Langeweile vorprogrammiert. Die von Jens Kilian entworfene Frankfurter Scheibe leistet daher nicht weniger als die Quadratur des Kreises. Nun in der zeitlich gedrängten Abfolge erkennt man die Genialität dieser Konstruktion noch besser. Durch die Zerlegung der Scheibe in einzelne Ringe, die sich mit- und gegeneinander bewegen lassen und so immer neue Landschaften und Flächen schaffen, ist dem Bühnenbild alles Statische genommen. Es wird vielmehr zu einer raumgreifenden und belebten Skulptur, die als solche bereits so viel Faszination ausstrahlt, daß der Besuch dieser Produktion sich allein dafür schon lohnte. Das kongeniale Lichtdesign von Olaf Winter und einige sparsam eingesetzte Videoeffekte lassen die Scheibenringlandschaften zu Flüssen, Gebirgshöhen, Wiesen, Höhlen und geschlossenen Räumen werden. Mit traumwandlerischer Sicherheit changiert die Bühne zwischen Abstraktem und Konkretem. Eine ganze Welt, ein ganzer Kosmos werden hier heraufbeschworen.

Zur Einheitlichkeit trägt in Frankfurt auch die einheitliche Besetzung der die Ringteile übergreifenden Figuren bei. Alberich, Rheintöchter, Wotan, Fricka, Fafner, Erda, Brünnhilde und Siegfried haben durchgehend die selbe Körper- und Stimmgestalt, sogar die Figur der Waltraute ist sowohl im Chor der Walküren des zweiten Teils als auch im Soloauftritt des vierten Teils personenidentisch besetzt. So hat die Regie mehr als eine Oper lang Zeit, die wichtigsten Charaktere zu entwickeln, unterschiedliche Facetten der jeweiligen Persönlichkeit zu beleuchten und Wandlungs- und Entwicklungsprozesse plastisch zu machen. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für Wagners Idee vom Gesamtkunstwerk. Besonders eine über alle Ringteile einheitliche Besetzung vermag den Grad an Empathie des Publikums mit einer Figur zu wecken und zu steigern, durch den Singen und Darstellen miteinander verschmelzen, die Produktion von Gesangstönen als selbstverständliche Äußerungsform einer Person aus Fleisch und Blut erscheint, so daß man die künstlerischen Leistungen der Sänger unter einem besonderen Blickwinkel erfaßt. Besonders augenfällig wird dies bei den zentralen Rollen der Brünnhilde und des Siegfried.

Susan Bullock verkörperte die Brünnhilde drei Opern lang derart intensiv und glaubwürdig, daß die in den Kritiken der einzelnen Ringteile schon beschriebenen problematischen Aspekte ihrer Stimme fast völlig in den Hintergrund traten. Unverändert überzeugte sie vor allem in den dynamisch zurückgenommenen Bereichen, etwa in der eindringlichen Todverkündungsszene der „Walküre“. Selbst in der von Wagner endlos gedehnten Schlußszene im „Siegfried“ war die Erinnerung an ihre gute Leistung in der „Walküre“ noch so präsent und war ihre Darstellung einer ihre Liebe entdeckenden Frau wieder so überzeugend, daß es scheinen wollte, als klängen auch die exponierten Höhenlagen weniger scharf und kaum noch so schrill, wie man sie vom vergangenen Herbst nach der Einzelpremiere in unangenehmer Erinnerung hatte. Vollends nahm sie in der „Götterdämmerung“ für sich ein. Auch hier zeigte Bullock wieder eine hochprofessionelle Leistung, schonte sich nicht in der Verabschiedung Siegfrieds zu Beginn, bebte stimmlich schier vor Zorn bei der Eidesszene und hatte am Ende noch genügend Reserven für den langen Schlußgesang, den sie klug dynamisch abstufte.

Professionalität und große vokale Kraftreserven sind auch die hervorstechenden Merkmale von Lance Ryan, an dem derzeit scheinbar kein Besetzungsbüro eines überregional wahrgenommenen Opernhauses vorbeikommt. Egal ob München, Bayreuth oder Berlin, allenthalben verkörpert er den Siegfried. Ausnehmend schön ist seine Stimme nicht, in Konversationspassagen sehr kopfresonanzlastig und mit teilweise häßlich verfärbten Vokalen, wie man sie immer wieder bei Sängern aus dem anglo-amerikanischen Raum hören kann, wenn sie sich an der deutschen Sprache versuchen. Gleichwohl: die anstrengenden Schmiedelieder im „Siegfried“ besaßen Saft und Kraft, auch die zahlreichen „Hoiho!“-Rufe wurden eindrucksvoll geschmettert. Dieses Mal gelang ihm in der Götterdämmerung sogar die Imitation des Waldvogelgesangs, mit der er im Frühjahr bei der Premiere noch seine liebe Not hatte.

Die geradezu zwingende Notwendigkeit der einheitlichen Rollenbesetzung erkennt man dort, wo sie ungeplant durchbrochen werden mußte. Terje Stensvold war im Rheingold und in der Walküre wieder ein in Stimme und Gestalt idealtypischer Göttervater – bis ihm ausgerechnet vor der Schlußszene der „Walküre“ erkältungsbedingt die Stimme versagte. Den Feuerzauber konnte er nur noch mit leiser und belegter Stimme herbeibeschwören. Im Siegfried mußte er dann kurzfristig ersetzt werden. Mit Tomasz Konieczny konnte zwar ein rollendeckender Ersatz gefunden werden, der trotz der Kürze der Vorbereitungszeit passabel mit den Regieanweisungen zurechtkam. Trotzdem war es eben nicht „der“ Wotan, den man kannte. Jünger, bulliger und vor allem in der Stimme grobschlächtiger konnte Konieczny trotz guter Leistung eben nicht mehr sein als ein Platzhalter.

Auch fast alle übrigen Rollen entsprachen der jeweiligen Premierenbesetzung. Für sie gilt, was die seinerzeitigen Kritiken im „Opernfreund“ schon ausführlich gewürdigt haben: Jochen Schmeckenbecher war mit kraftvoll-jugendlichem Bariton eine faszinierend unkonventionelle Besetzung des Alberich, Martina Dike mit klarem, runden Mezzo eine auch stimmlich attraktive Fricka, Kurt Streit ein quecksilbrig-gleißender Loge, Meredith Arwardy mit dunklem, vibrato- und resonanzreichem Alt eine intensive Erda, Ain Anger ein bedrohlich-brutaler Hunding mit satter Baßstimme, Peter Marsh ein agiler Mime, der stimmlich kräftig genug war, um dem jungen Siegfried Paroli zu bieten. Johannes Martin Kränzle erreichte darstellerisch und stimmlich eine Aufwertung der meist nur blassen Figur des Gunther, Anja Fidelia Ulrich gab mit blühendem, runden Sopran ein Vollweib, dessen Verführungskraft auf Siegfried nachvollziehbar war, Claudia Mahnke war eine hochdramatische Waltraute, die auf ihre Sieglinde in der Ring-Wiederaufnahme zu Beginn des kommenden Jahres neugierig machte.

Steigern konnte sich im Vergleich zur Premiere Gregory Frank als Hagen, dem diesmal auch das Herbeirufen der Gibichsmannen eindrucksvoll gelang. Zunehmend problematisch ist die stimmliche Verfassung von Frank van Aken. Er posierte als Siegmund stimmlich gerne an exponierten Stellen (regelrechte Kraftmeierei bei den „Wälse“-Rufen), kassierte dafür auch heftigen Applaus, bekam seine Stimme aber immer öfter nur noch mit großer Anstrengung in den Griff. Er kämpfte immer wieder mit Ansatz und Stütze und klang mitunter etwas heiser. Das war auch schon bei seinem Tristan vor einem Jahr so und jüngst auch wieder bei seinem Maurizio in Adriana Lecouvreur. Dort gab es manche Aussetzer, die er beim Siegmund glücklicher Weise vermeiden konnte. Schön ist es trotzdem nicht, wenn man bei jeder längeren oder höheren Passage Sorge darum haben muß, ob sie auch unfallfrei zu Ende gebracht wird.

Die einzige Umbesetzung einer Hauptrolle barg auch die größte Überraschung: Amber Wagner, eine junge Amerikanerin, gab ihr Deutschlanddebüt mit der Sieglinde. Es geriet ihr zum Triumph. Gerade diese Rolle war in der Walküren-Premiere in besonderer Weise von Eva Maria Westbroek geprägt worden, von der viele Kritiker sagen, sie sei derzeit international die beste Sieglinde. Westbroek und van Aken sind zudem im wirklichen Leben verheiratet, so daß beide seinerzeit ein Wälsungenpaar von selten gesehener Leidenschaft und Innigkeit gaben. Darstellerisch nun war Amber Wagner anfangs ein wenig reserviert, auch das Zusammenspiel mit Frank van Aken war zwar adäquat, gelangte aber nicht zu der aus der Premiere bekannten ekstatischen Überhitzung. Was die junge Sängerin allerdings gesanglich leistete, war schlicht atemberaubend. Eine solch üppig-warme, runde und doch gewaltige jugendlich-dramatische Stimme hat man schon lange nicht mehr gehört. Zu Recht belohnte das Publikum sie am zweiten Ring-Abend mit dem größten Applaus von allen Darstellern.

Großartig wie schon in den Premieren war auch wieder die Leistung des Orchesters: farbig, üppig, differenziert, plastisch und mit berückenden Soli. Sebastian Weigle am Pult führte aufmerksam durch die Partitur, legte manches bisher unterbelichtete Detail frei, verzettelte sich jedoch nie, sondern behielt souverän die Gesamtdisposition im Blick. Die Sänger wurden auf Händen getragen, bei den reinen Orchesterpassagen drehen die Frankfurter Musiker mächtig auf, am Ende des „Siegfried“ und in der „Götterdämmerung“ vielleicht mitunter für die akustischen Verhältnisse des Frankfurter Zuschauerraums etwas zu stark. Welche geradezu symbiotische Beziehung sich mittlerweile zwischen Dirigent und Orchester entwickelt haben muß, zeigte sich am Ende der Walküre. Die plötzlich durchbrechende Indisposition von Terje Stensvold wurde sofort von Weigle aufgefangen. Er dimmte den Orchesterklang gleichsam so zurück, daß Stensvold Wotans Abschied noch unter Wahrung seiner sängerischen Würde absolvieren konnte. Der Klang blieb dabei dicht und ausgewogen zwischen allen Orchestergruppen. Es war lediglich so, als habe man den Lautstärkenregler einer High-End-Stereoanlage etwas nach unten gedreht.

Vera Nemirovas Inszenierung hat auch beim wiederholten Betrachten nichts von ihrer Eindringlichkeit und Plausibilität verloren. Die Handlung wird in großer Klarheit ausgebreitet und spannend erzählt. Die Regisseurin läßt die Ringskulptur des Bühnenbildners souverän bespielen, arrangiert immer wieder wirkungsvolle Tableaus, scheut auch vor Pathos nicht zurück und würzt alles mit einer kräftigen Prise Humor. Diese Inszenierung eignet sich gut für Ring-Neulinge, denn es wird eine ungemein frische Verlebendigung des Stoffes geboten, die mit klugen Einfällen spielend-spielerisch über die berüchtigten Längen hinweghilft, ansteckende Freude am Erzählen hat und stimmige Bilder für die mythischen und tragischen Anteile findet. Gleichwohl kommen auch Wagner-Kenner auf ihre Kosten, deren Verständnis für den elaborierten Text vertieft und erweitert wird.

Noch vieles ließe sich berichten von dieser Ringproduktion, loben, bewundern, vertiefen, hinterfragen. Doch man sollte das mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört haben. Der zweite Zyklus hat an diesem Wochenende begonnen. Er ist natürlich ausverkauft. Zwei weitere Zyklen wird es im Januar und Februar 2013 geben. Die Zeit bis dahin helfen die beim Label OehmsClassics auf CD erschienenen und hervorragend klingenden Frankfurter Live-Mitschnitte der ersten drei Ring-Teile zu überbrücken (die Veröffentlichung der Götterdämmerung steht noch aus).

Michael Demel                                                       Bilder: Monika Rittershaus

 

GÖTTERDÄMMERUNG

besuchte Vorstellung: 26. Februar 2012

Ein starkes Ende

Die vorangegangenen Teile des Frankfurter Rings hatten hohe Erwartungen geweckt. Neugierig und ein wenig bang war man beim Besuch der Götterdämmerung. Um viertel vor elf in der Nacht ist dann klar: Diese Inszenierung hält nicht nur das Niveau von Rheingold, Walküre und Siegfried, Vera Nemirova erreicht in scheinbarer Mühelosigkeit sogar noch eine Intensivierung. Daß ihr die Szenen menschlicher Interaktion gelingen würden, war nach den vorangegangenen Teilen zu erwarten. Von der Ankunft Siegfrieds in der Gibichungenhalle, der betrügerischen Überwältigung Brünnhilds bis zum großen Racheterzett zeigt Nemirova mit ihrem perfekten Regiehandwerk spannendes und nuanciertes, mitunter ironisch gebrochenes Theater erster Güte. Daß die Regisseurin allerdings mit scheinbarer Mühelosigkeit die mythischen Anteile wie die Nornenszene zu Beginn und den Weltenbrand am Ende ebenso ernsthaft wie unverkrampft, ebenso eindringlich wie unpathetisch präsentieren kann, hebt diesen Abschluß des Frankfurter Rings aus dem bisher Geleisteten heraus.

Der Kern dieser durch und durch gelungenen Regiearbeit ist neben der Musikalität Nemirovas ihre exzellente Textkenntnis. Die Konwitschny-Schülerin hat mit Genauigkeit und visueller Intelligenz das vielgeschmähte „Regietheater“ zugleich rehabilitiert und überwunden, indem sie seine Stärken wie die ausgefeilte Personenführung und psychologische Individualisierung noch verfeinert, die Schwächen wie die oft penetrante Thesenlastigkeit und die mitunter unerträglich holzhammerhaften Provokationen aber beiseitegelassen hat. Frei nach Odo Marquard: „Interpretation ist die Kunst, aus einem Text herauszulesen, was nicht drin steht – wozu brauchte man sie sonst, wo man doch den Text hat?“ Nemirova genügt es in erster Linie, den Text zu haben. Sie denunziert ihn nicht wie etwa Barrie Kosky in Essen und Hannover, sie liest nicht heraus, was nicht drin steht. Sie liefert keine jener inzwischen zur abgestandenen Masche gewordenen szenischen Überschreibungen. Vielmehr entfaltet sie den Text – in all seinen Nuancen. Wie schon in den anderen Ringteilen hat man auch in dieser Inszenierung den Eindruck, man nehme viele Textstellen zum ersten Mal wahr – und entdeckt ihre Genialität.

Für die mythischen Rahmenszenen findet Nemirova auf der inzwischen schon legendären „Frankfurter Scheibe“ des Bühnenbildners Jens Kilian einleuchtende und starke Bilder. In diesen Rahmenszenen vor allem verknüpft sie die Regieeinfälle der drei vorangegangenen Teile mit dem Endspiel. Auch hier nimmt sie zunächst einfach die Bilder des Textes visuell auf: Die Nornen spinnen Schicksalsfäden und überziehen damit nach und nach das auf der Bühne stumm präsente Personal des Rheingolds mit einem immer dichter und verworrener werdenden Netz, während sie einander die bisherigen Ereignisse erzählen. Die auf dem Scheibenrand sitzenden Rheintöchter lassen sich teilnahmslos verstricken. Nicht aber Alberich. Er zerschneidet schließlich den Schicksalsfaden. Ein genialer Regieeinfall: Alberichs Raub des Rheingolds hatte den Ausgangspunkt gesetzt, seine Verfluchung des Rings eine steigende Zahl von Todesopfern hervorgerufen. Nemirova zeigt ihn als Anarchist und mephistofelischen Unruhestifter. So bleibt Alberich auch das ganze Stück über präsent. Er taucht nicht nur wie üblich in Hagens Traumszene auf, um seinen Bastard zu instrumentalisieren. Er ist es auch, der Siegfried zu Beginn des letzten Aufzugs während der Jagd in einem Bärenkostüm in die Irre leitet. Wieder hat hier Nemirova Wagners Text genau gelesen: „Ein Albe führte mich irr.“ Schließlich überläßt die Regisseurin Alberich  – und das ist ihr einziger Eingriff in Wagners Text – die Schlußworte des Stücks. Selbst dieser kleine Eingriff, so überraschend er ist, wirkt nicht aufgesetzt, sondern konsequent entwickelt. Und das funktioniert so: Nach Gutrunes Wehklagen um den getöteten Siegfried betritt Brünnhilde würdevoll und abgeklärt die Scheibe zu ihrem Schlußgesang. Sie singt ihn an der Rampe – das kennt man von Carsen in Köln und Kosky in Essen als Verlegenheitslösung. Nemirova nimmt dies aber zum Ausgangspunkt ihres in dieser Inszenierung größten Regiecoups. Zu den Worten „So werf ich den Brand in Wallhalls prangende Burg“ schleudert Brünnhilde den Ring in das Publikum, welches zugleich von einem grellen Lichtblitz aus einer Batterie von Scheinwerfern geblendet und regelrecht überwältigt wird. Auf der Weltenscheibe versammelt sich das Ringpersonal aller vier Teile. Das Licht im Zuschauersaal geht an. Die bisherigen Protagonisten haben ausgespielt und blicken das Publikum an: Jetzt seid Ihr dran! In der rechten Proszeniumsloge haben die stark gealterten Götter Platz genommen, genau dort, wo die Regie sie zum Ende des Rheingolds zurückgelassen hat. Rechts aber räkelt sich Alberich. Schließlich springt er auf, stürzt vor die erste Publikumsreihe, schaut entsetzt in den Zuschauerraum und warnt: „Zurück vom Ring!“ Was für ein starkes Ende!

Die musikalische Seite bildet mit der Szene eine Einheit wechselseitiger Verstärkung und Durchdringung. Sebastian Weigle fächert die Partitur gewohnt farbig und detailreich auf. Dieser Interpretationsansatz ist da am stärksten, wo die Musik am leisesten und nachdenklichsten ist. Die sonst oftmals quälend zähe Nornenszene gelingt in großer Dichte und Eindringlichkeit bei nie nachlassender Spannung. Das Orchester folgt mit großem Einsatz und leistet sich bei netto viereinhalb Stunden Musik wenige Unkonzentriertheiten. Lediglich der Solotrompeter hatte gelegentlich mit seinem Ansatz zu kämpfen.

Weigle trägt wie immer die Sänger auf Händen, so daß keiner zum Stemmen von Tönen und Überforcieren genötigt wird. Es wird wieder vorbildlich textverständlich gesungen. Die darstellerischen Leistungen sind ausnahmslos vorzüglich. Nur so konnte Nemirovas Regieansatz aufgehen. Besonders eindrucksvoll ist die von Johannes Martin Kränzle bewirkte Aufwertung des Gunther. Eine großartige Charakterstudie, die ihren Gipfelpunkt im Trauermarsch findet: Viel zu spät wird Gunther von Reue über den geplanten Mord an Siegfried gepackt. Er kann ihn nicht mehr verhindern. Seine Erschütterung hierüber teilt sich dem Publikum mit. Dieser Moment geht unter die Haut. Stimmlich ist der „Sänger des Jahres“ ohnehin über jeden Zweifel erhaben. Auch die übrige Besetzung wird hohen Maßstäben gerecht, von den sonoren Nornen, den wohlklingenden, aber zickigen Rheintöchtern, der von Anja Fidelia Ulrich mit rundem, satten Sopran als Vollweib gegebenen Gutrune bis hin zur großartigen Claudia Mahnke, die sich mit ihrer Waltraute nachdrücklich für weitere Wagnerrollen empfiehlt. Gregory Frank zeichnet den Hagen meist eher hintergründig als brutal. Sein Kriegsruf („Ihr Gibichsmannen, machet euch auf“) führt ihn jedoch an stimmliche Grenzen. Er ist hier – an diesem Abend unter allen Sängern eine Ausnahme – zum berüchtigten „Bayreuth-Barking“ gezwungen.

Die Hauptpartien der Brünnhilde und des Siegfried adäquat zu besetzen, ist seit Jahrzehnten auch an den führenden Häusern ein Problem. Daß Frankfurt mit Lance Ryan hierbei einen der derzeit international beinahe konkurrenzlosen Siegfried-Sänger gewonnen hat, sieht man daran, daß Ryan in derselben Rolle auch für den neuen Ring in München und den Jubiläumsring in Bayreuth gebucht ist. Die Zumutungen der Partie besteht er, indem er auf Kopfresonanz setzt und in die Maske singt. Das führt zu mitunter sehr häßlichen offenen Vokalen und klingt insgesamt mehr nach Charakter- als nach Heldentenor. Zu seinem Rollenporträt als unerschrockener Hinterwäldler paßt das aber wie schon im Siegfried recht gut. Die Gesamtbetrachtung von Darstellung und Gesang läßt auch das Urteil über Susan Bullocks Brünnhilde letztlich positiv ausfallen. Dabei beginnt sie in der Götterdämmerung, wie sie im Siegfried aufgehört hat: mit zu heller, beinahe schriller Stimme, die zudem bereits ältlich klingt. Doch schon in der Waltrauten-Szene nimmt ihre Darstellung mehr und mehr für sich ein, so daß die unleugbaren stimmlichen Defizite in den Hintergrund treten. Völlig eins mit der Figur wird sie in den nun folgenden Szenen der Erniedrigung. Die Defizite an vokaler Strahlkraft kann sie – wie schon in der Walküre – durch Nuanciertheit im Leisen und Nachdenklichen mehr als ausgleichen. Ihre Wandlung von der liebenden zur gebrochenen und schließlich rachsüchtigen Frau wird schauspielerisch beeindruckend entwickelt. Den großen Schlußgesang schließlich bewältigt sie wacker. Auch hier sind es die nachdenklichen, abgeklärten Töne, die für den Mangel an stimmlichem Stahl entschädigen.

Das Konzept des „Rings aus einem Guß“ ist aufgegangen. Die variable Welten-Scheibe hat sich als fabelhafter Spielort für Nemirovas einfallsreiche Regie erwiesen. Sängerdarsteller und Orchester musizieren spannungsreich und intensiv. In Frankfurt ist man Wagners Traum vom Gesamtkunstwerk sehr nahe gekommen. Bühne, Regie, Darstellung und Musik greifen ineinander über, durchdringen und verstärken einander wechselseitig zu einem größeren Ganzen. Die Vorfreude auf die zyklische Aufführung im Sommer ist groß.

Michael Demel

 
GÖTTERDÄMMERUNG

Aufführung am 5.02.2012      (Premiere am 29.01.2012)

Ohne Politik und Demontage: es menschelt in der spielerischen Erzählung der Götterdämmerung

Die „Frankfurter Scheibe“, die wohl hier nicht noch einmal beschrieben zu werden muss, würde sie den dritten und längsten Abend der Trilogie auch noch tragen? Das war die große Frage, nachdem sich beim ohnehin etwas „langsamen“ Siegfried eine gewisse Statik der Inszenierung bemerkbar gemacht hatte. Die Antwort auf diese Frage ist nicht nur ein eindeutiges Ja, sondern darüber hinaus muss man anerkennen, dass der Regisseurin Vera Nemirova  mit dieser Götterdämmerung nicht nur der Höhepunkt des „Rings“, sondern für sich allein gesehen auch ein ganz großer Wurf der Götterdämmerung gelungen ist, wozu die grandiose Raumlösung ebenso beiträgt wie der konzeptionell-inhaltliche Überwurf und dessen Realisierung. Wie die Motivik in der Musik erzählt sie den letzten Teil des Weltendramas teilweise rekapitulierend und schließt ihn mit einem großen Bogen zum Beginn.

Im ersten Bild des Prologs findet man am Zentrum der Scheibe die drei Nornen, die mit großen roten Wollbobbelen, einer Haarpracht in Irischrot und mit rustikalen archaisierenden Umhängen ausgestattet sind. An der Peripherie der Scheibe befinden sich die Mitspieler aus den vorhergehenden Abenden: die Götter, Alberich, die Rheintöchter usw. Die Nornen wickeln nun zur Musik der Erinnerungsmotive ihre Knäuel ab und binden darin den Motiven folgend die ehemaligen Mitspieler ein, bis sich ein Gewirr von roten Fäden über die Scheibe verteilt: „weißt Du, was aus ihm ward?“ Aber Alberich, golden gewandet, befreit sich aus den Fäden und schneidet den Faden durch. In der zweiten Szene beginnt die Zivilisierung des Siegfried. Brünnhilde hat ihn in eine Zinkbadewanne gesteckt. Der kleine Wohnbereich in der Mitte der Scheibe wird von Teelichtern erleuchtet. Nachdem Brünnhilde Siegfried mit Schwert, Modellpferd, Sandalen und Flügelhelm auf seine letzte Abenteurerreise ziehen lassen hat, erstellt sie aus den Teelichtern den erweiterten Feuerkreis des Brünnhildefelsens. Während der Musik zu Siegfrieds Rheinfahrt begegnet Siegfried in Form der Rheintöchter bereits den Zivilisationsfolgern, die ihm während seiner Wanderung rheinaufwärts nach Worms mit einem Schlauchboot in die Quere kommen und ein Schild hochhalten „Rettet den Rhein“.

Das Boot hat anschließend Siegfried; er reist, Nothung als Paddel benutzend, zu Gibichs Strand weiter. Hier hocken Hagen und Gunther an der großen Hausbar der Gibichungen, Gutrune kommt aus dem Fitnessstudio hinzu. Siegfried wird hier von seinen Gastgebern, die in moderner Straßenkleidung auftreten, weiter zivilisiert und modern eingekleidet. Dann macht er sich mit den Errungenschaften moderner Zivilisation vertraut: er trinkt Jägermeister und andere gedächtnis-störende Getränke. und bewundert Gutrune beim Gebrauch eines Lippenstifts wird sofort von ihr betört. Viel Zeit gibt man ihm nicht, er muss schon wieder los zum Brünnhildefelsen, wo man zunächst Brünnhilde in ihrem Feuerkreis wiederfindet, ehe sich Waltraute in Original-Walkürenausrüstung zu ihr gesellt. Man ist zurück in der Archaik. Siegfried mit Gunthers Brille ausgestattet erobert Brünnhilde zum zweiten Mal. Sie entreißt ihm die Brille und ahnt wohl schon irgendeinen Betrug.

Im zweiten Aufzug erhält der im Wachtraum sitzende Hagen Besuch von seinem Vater, der ihm zum besseren Gelingen der Ringwiedergewinnung einen roten Mephistohandschuh überlässt. Hagens anschließendes „Hoiho!“ ruft den Mannenchor zu Heer, der wie ein SEK erscheint und durch die sich bewegenden Ringscheiben in Reih und Glied sortiert wird und erfreut zu schunkeln beginnt, als sich herausstellt, dass das Waffengeschrei des grimmen Hagen gar nicht so gemeint, sondern vielmehr Doppelhochzeit angesagt ist. Siegfried und Gutrune werden oben auf der Scheibe vom Volk gefeiert, während sich unter derselben an der Bar Brünnhilde, Gunther und Hagen verschwören: „Siegfried falle“. Im dritten Akt begegnet Siegfried wieder den umweltschützenden Rheintöchtern. Ihr Boot haben sie wieder zurückbekommen und es noch mit dem Transparent „Rheingold – freier Stern der Tiefe“ versehen. Sehr geschickt gehen diese indoktrinierenden Grünen nicht vor, denn den Ring erhalten sie doch nicht. (Wohl eine Parallele zu dem, was die vor dem Opernhaus unter dem EUR-Zeichen kampierenden Zivilisationsfolger der Occupy-Bewegung erhalten werden.) Dafür erhält Siegfried den Erinnerungstrunk aus Hagens Rucksack, er verplappert sich und wird prompt ermordet, am meisten beweint von Gunther. Der Scheiterhaufen der Schlussszene ist das abgesenkte Mittelsegment der Scheibe: Siegfried wird dort hinein versenkt. Brünnhilde folgt ihm nach dem Schlussgesang dahin nach, wobei auf der Scheibe die versammelten Statisten und Choristen Lichtlein in den Händen halten. Der Weltenbrand besteht in einem aufgeblendeten Scheinwerfer ins Publikum; Alberich erscheint noch einmal vor dem Orchestergraben, während Hagen sein „Zurück vom Ring!“ eindrucksvoll als Mahnung ins Publikum schleudert. Die historischen Göttergestalten sehen diesem Geschehen aus der Seitenloge zu, ehe sich zu den Schlussakkorden der Oper alle Figuren der vier Abende auf der Frankfurter Scheibe wiederfinden und so den Schlusspunkt eines großen Bogens bilden.

Vera Nemirova versteht es, bei jederzeit überzeugender Personenführung die Aufführung mit einer großen Zahl von stets gut verständlichen Regieeinfällen anzureichern. Verfremdung und Karikatur hielten sich in engen Grenzen; Charakterisierungen erfolgten wie mit dem Seziermesser, wobei die großen darstellerischen Fähigkeiten des Bühnenpersonals halfen. Die viereinhalb Stunden Spielzeit des Werks vergingen bei dieser menschlich verspielten Inszenierung wie im Fluge. In diesem Welttheater ohne Nuklearkatastrophe oder ähnlichem zeitlichen Bezug findet sich der Zuschauer zuerst selber wieder. Das Bühnenbild war wieder von Jens Kilian, die Kostüme von Ingeborg Bernerth.

Dass das Frankfurter Opern- und Museumsorchester die riesige Partitur bis auf vernachlässigbare Konzentrationsfehler gegen Ende perfekt musizierte, erübrigt sich bei der Qualität dieses Klangkörpers anzumerken. Der Chef, Sebastian Weigle, verzichtete völlig auf vordergründige Effekthascherei, sondern ließ die Vorstellung durch hintergründiges, transparentes und dennoch plastisches Orchesterspiel tragen. Selten hat man die schauerlichen Anfangsakkorde und deren Auflösung zu eindrucksvoll gehört, und das gilt genauso für den Trauermarsch, der mit eindrucksvoller origineller Dynamik gebracht wurde. Überwältigend auch der um die Herren des Extrachores verstärkte Mannenchor. Die Produktion wird eingespielt und bei Oehms Classics herausgebracht. Das wird schon einmal eine schöne Referenz im Blick auf Bayreuth 2013 – oder ein Beitrag zur Halbschwesterndämmerung…

Mit Einschränkungen bei der Besetzung der Brünnhilde und des Siegfried hat die Oper Frankfurt eine herausragende Besetzung zusammen gebracht. Der unumstrittene Star des Abends war Johannes Martin Kränzle als Gunther. Er vereinigt baritonale Wärme mit Glanz und Fülle und gibt so der etwas ausgelutschten Figur des Gunther neue Aspekte: Neben Angst, Eitelkeit und Minderwertigkeitskomplex entwickelt er zeitig Zweifel am Vorgehen und findet zu großer Trauer um seinen Blutsbruder. Claudia Mahnke mit einfühlsamem Mezzo stellte als  Zweite Norn und als Waltraute eine weitere Spitzenbesetzung dar. Ihr Auftritt mit Brünnhilde im ersten Akt war einer der musikalischen Höhepunkte des Abends, bei der auch Susan Bullock als Brünnhilde ihre starke Seite zeigte: ihre geschmeidige lyrische Seite. Forcieren in der Höhe und in den hochdramatischen Passagen ist ihre Sache weniger; da wirkte sie leicht schrill. Darum offensichtlich wissend exponierte sie sich nicht so stark, wobei ihr Sebastian Weigle nachsichtig half. Mit Lance Ryan stand ihr ein Siegfried von schier unbegrenzter tenoraler Kraft zur Seite, für einen Heldentenor aber ungewohnt hell und nicht ohne Schärfe. Er klang am besten beim Verstellen auf Gunthers tiefere Stimme und beim Nachahmen des Waldvögeleins in seiner Erzählung. Von Statur und Bühnenerscheinung ist er als Siegfried kaum zu übertreffen. Gregory Frank gab einen grundsoliden stimmgewaltigen Hagen, der stimmlich und darstellerisch nicht nur pure Bosheit ausstrahlte, sondern die Rolle flexibler gestalten konnte. Jochen Schmeckenbächer untadelig als Alberich. Anja Fidelia Ulrich gefiel sehr gut als geschmeidig eingedunkelte Gutrune, die den einfältigen Siegfried sehr aufregte. Gefällig in Auftreten und Gesang präsentierte sich das Terzett der Rheintöchter aus Britta Stallmeister, Jenny Carlstedt und Katharina Magiera. Angel Blue gab die Dritte Norn mit schönem Schmelz; Meredith Arwady solide die Erste Norn.

Am Ende des fünfdreiviertelstündigen Abends gab es riesigen, lang anhaltenden Applaus für alle Beteiligten. Die nächsten Vorstellungen am 10., 18., 26. Februar und am 3. März sowie die zwei zyklischen Vorstellungen des Rings im Juli sind bereits ausverkauft. Aber „willig wartende Wagnerianer“ ergattern vielleicht in letzter Minute doch noch ein oder zwei Karten.

Manfred Langer, 08.02.2012

Das Copyright aller Fotos liegt bei Monika Rittershaus
 

 

SIEGFRIED

Vorstellung am 19.11.2011

Aufregend unaufgeregt

Der Frankfurter Ring hat den Siegfried erreicht und damit den für die Regie undankbarsten Teil der Tetralogie. Über weite Strecken passiert im Libretto rein gar nichts: Man erzählt einander auf der Bühne lang und breit Dinge, die bereits alle wissen. Zum Schmieden eines Schwerts singt der Protagonist zwei lange mehrstrophige Lieder und tut dabei nichts anderes, als im Rhythmus der Musik auf einen Amboß einzuschlagen. Und wenn dann endlich doch etwas passiert, sind es Ereignisse von der Qualität eines Kampfes mit einem Drachen, was auf der Bühne eigentlich immer nur peinlich aussehen kann.

Daß es in der Inszenierung von Vera Nemirova zweieinhalb Aufzüge lang keine Minute langweilig und obendrein nie peinlich wird, ist daher eine nicht zu unterschätzende Qualität. Dabei reichert die Regisseurin die Szene mit nichts an, was nicht im Text Wagners angelegt wäre. Nemirova verzichtet auf platte Aktualisierungs- und Politisierungsattitüden, verfällt aber auch nicht in altbackene Ausstattungsorgien mit Rampensteherei. Was hier gezeigt wird, ist handwerklich gekonntes Musiktheater. Bewegungen, Gesten und Blicke folgen bei aller Originalität im Einzelnen letztlich doch der Musik. Auf der Bühne stehen keine regietheaterhaften Thesen, sondern Personen aus Fleisch und Blut. Jede Rolle ist typgerecht besetzt, jeder Sänger ein glaubwürdiger Darsteller einer individuell-charakteristisch gezeichneten Figur.

Lance Ryan ist als Prachtexemplar von einem naiven-draufgängerischen Junghelden zwar ein direktes Zitat aus Fritz Langs Nibelungen-Stummfilm. Die Entwicklung vom großen Kind zum Mann ist jedoch nuancenreich herausgearbeitet. Stimmlich dürfte Ryan derzeit konkurrenzlos sein. Die kraftraubenden Schmiedelieder bewältigt er scheinbar mühelos. Es spricht für die Sorgfalt der Einstudierung, daß er in Frankfurt auch ungewöhnlich viele leise Töne zeigen darf. Eine Klasse für sich ist der sensationelle Terje Stensvold als Wanderer. Mit sattem und gereiftem Heldenbariton präsentiert er ein faszinierendes Wotan-Porträt zwischen Würde, überlegener Abgeklärtheit und Resignation. Jochen Schmeckenbecher als in Stimme und Erscheinung ungewohnt jugendlicher und wohltönender Alberich hält tapfer dagegen. Er liefert keine Karikatur ab, sondern einen virilen und von Ehrgeiz getriebenen Schurken. Ebenfalls ungewohnt jugendlich in Stimme und Gestalt kommt der Mime von Peter Marsh daher. Ein ewig zu kurz gekommener, verklemmter Nerd, der zum Opfer seiner verdrucksten Machtphantasien wird. Mit sattem, dunkel eingetöntem Alt gibt Meredith Arwardy ihre Erda in der aus dem Rheingold bereits bekannten Gestalt einer Venus von Willendorf im Eigenhaarpelz. Magnus Baldvinssons Fafner klingt in technischer Verstärkung hinter der Szene angemessen bedrohlich, später auf offener Bühne auf das Normalmaß eines überraschend wohltönenden Basses zurückgestutzt, was wiederum zur Optik paßt, zeigt ihn doch die Ausstattung als Gehäuteten, der aussieht wie ein lebendes Plastinat des Gunther von Hagens.

Die Idee, den Waldvogel von einem Tänzer darstellen zu lassen, wird von Alan Barnes derart überzeugend umgesetzt, daß man es sich künftig gar nicht mehr anders wird vorstellen können. Und wenn die in Siegfrieds Ohren durch Drachenblutgenuß enttarnten Verlogenheiten Mimes in den Übertiteln im scheinheiligen Originaltext ablaufen, während auf der Bühne die bösartige Übersetzung erklingt, ist das so einleuchtend, daß man sich fragt, warum da vorher noch keiner drauf gekommen ist.

Als wandlungsfähig erweist sich erneut Jens Kilians bühnenfüllende Scheiben-Plastik. Nach dem Wasser-Blau im Rheingold und dem Baumring-Braun in der Walküre ist nun ein Waldmoos-Grün die bestimmende Oberflächenfarbe. Wie schon in Rheingold und Walküre entstehen durch Drehen des Gesamtapparats sowie durch Öffnen und Gegeneinanderbewegen seiner Einzelringe immer neue Raumgebilde. Mit Hilfe der Beleuchtung gelingen stimmungsvolle Bilder. Das Waldweben wirkt ebenso schlicht wie schön, wobei dem Regieteam das Kunststück gelingt, Lindenblätter von der Bühnendecke regnen zu lassen, ohne daß es kitschig aussieht. Der Feuerring, der sich am Ende der Walküre über Brünnhilde gesenkt hat, verfehlt auch dieses Mal seine Wirkung nicht. Man ist gespannt, welche Facetten die „Frankfurter Scheibe“ in der Götter-dämmerung zeigen wird.

Nemirova verwebt den Siegfried unaufdringlich mit den vorangegangenen Inszenierungen von Rheingold und Walküre. Das Wälsungen-Wolfsfell wirft sich nun der Wälsungen-Sohn Siegfried um, nachdem es zuvor die zerborstenen Stücke von Nothung geborgen hat, Brünnhildes Kleid aus der Walküre hat Wotan als Kopftuch um sein Haupt geschlungen – was erst klar wird, als er es zur Erinnerung an die gemeinsame Tochter in der Erda-Szene abnimmt und wehmütig ausbreitet. Auch die Idee, den Inhalt der Abfragerei zwischen Wanderer und Mime schultafelhaft mit Kreide an die schwarze Wand zu malen (und damit mild zu karikieren), hat Nemirova in der Walküre bereits anderweitig eingesetzt.

Musikalisch ist das Orchester der neben Terje Stensvold und Lance Ryan dritte große Hauptdarsteller des Abends mit einem Klang, der zugleich farbig-dicht, wo nötig kraftvoll, wo möglich hauchzart und transparent ist. Sebastian Weigle am Pult breitet Schönheit, Komplexität und Farbenreichtum der Partitur in meist mäßigen Tempi aus, hält jedoch traumwandlerisch sicher die musikalischen Spannungsbögen. Die Sänger haben dadurch die Gelegenheit zur sorgfältigen Textausdeutung. Es wird durchweg gut artikuliert, so daß man fast jedes Wort versteht. Es ist eine weitere herausragende Qualität dieser Aufführung, daß es ihr bei allem musikalischen Glanz gelingt, gerade auch dem Text zu seinem Recht zu verhelfen. Musik und Regie befinden sich im Einklang. Eine Produktion aus einem Guß.

Nur die Schlußszene nach Brünnhildes Erwachen ist so langwierig wie ehedem. Susan Bullocks teilweise doch sehr angestrengter Gesang macht es nicht besser. Für die Götterdämmerung läßt dies nichts Gutes ahnen. Sicher, das Orchester spielt immer noch so nuanciert wie die fünf Stunden zuvor und Lance Ryan schlägt sich nach dem Heldengesangsmarathon auch auf dem letzten Kilometer noch achtbar. Das kann aber nicht davon ablenken, daß es sich hier um Wagners schwächsten Opernschluß handelt.

Insgesamt ist das Team Nemirova/Weigle den Weg eines unaufgeregt aufregenden, entspannt spannenden Rings auch im Siegfried konsequent, mit größter Sorgfalt und allerhöchster Qualität weitergegangen. Die Meßlatte für die Götterdämmerung haben sie nun selbst denkbar hoch gelegt. Weißt du, wie das wird?

Michael Demel

 

SIEGFRIED          zum 2.)

Aufführung am 03.11.2011  (Premiere am 30.10.2011)

Siegfried als Entwicklungsroman:  wieder starke Bilder und starke Stimmen

Auch zum zweiten Abend des neuen Frankfurter Rings der Regisseurin Vera Nemirova kommt es erwartungsgemäß wieder zum „Ring der Ringe“: die Handlung ist auf und unter der schräg nach hinten ansteigenden Kreisfläche angesiedelt, die aus unabhängig voneinander drehbaren konzentrischen Ringen zusammengesetzt ist. (Bühne: Jens Kilian). Entsprechend ihrer Verortung im nebligen nordischen Wald scheinen sie von grünem Moos bewachsen. Sie drehen sich (hörbar) schon während des Vorspiels mit- und gegeneinander. Da der Siegfried trotz insgesamt weniger Szenen als die Walküre doch deutlich länger ist, bleibt die Bühnenkonstruktion folgerichtig länger im Ruhezustand, was die Längen, über welche die Oper verfügt, deutlicher spüren lässt. An diesem Abend steht dem Titel gemäß Siegfried im Mittelpunkt. Die Inszenierung liest sich wie ein Entwicklungsroman des Titelhelden, der sich von einem neugierigen Heranwachsenden aus dem Hinterwald durch die Schlüsselerlebnisse (Naturbeobachtung Schwert-schmieden, Drachentöten, Brünnhilde erwecken) über einen tatendurstigen Jüngling erst zum Helden und dann zum Mann entwickelt. Da braucht es nicht so viele Bilder. Schön, wie die Beleuchtung (Olaf Winter) die Schatten der Personen auf der geneigten Spielfläche auf den Prospekt wirft. Das ästhetische Konzept dieser Ring-Inszenierung muss nun noch im dritten und letzten Abend über eine noch längere Oper tragen; dann wird jedoch mehr los sein…

Copyright: Alle Bilder sind von Monika Rittershaus

Mimes (in dunklem Kapuzenpulli und heller Trainingshose direkt aus dem Prekariat) Schmiede befindet sich natürlich unter der schrägen Kreisfläche. Neben einem Tisch mit Schmiedewerkzeug und dem daneben stehenden Amboss ist noch der Küchentisch zu sehen. Siegfried lässt sich Bär verkleidet von oben herab und erschreckt seinen Ziehvater. Dann zeigt er sich in hellem, vorzeitlichem Heldengewand - wie dem in Fritz Langs jüngst wieder zusammengesetztem Film - und mit langen hellen Schaftstiefeln. Das wirkt wie eine Parodie eines Siegfried in heldischen Zeiten. Der Wanderer ganz in Schwarz mit Speer und einem schwarzen Kopftuch (Kostüme: Ingeborg Bernerth), das sich später als langes schleierartiges Gewand entpuppt. Wie schon in der Walküre gibt es erläuternde Schruifttafeln: diesmal die Ergebnisse des Fragespiels festhaltend. Zum Gießen des Schwerts aus den zerspanten Stücken steigt Siegfried auf das Plateau hinauf, dessen Zentrum sich durch Absenkung des mittelsten Kreises, dunkelrote Beleuchtung und aufsteigende Dämpfe in einen feurigen Schlund verwandelt. Siegfried wirft dort die Schwertstücken hinein, steigt selbst hinunter und holt den Rohling aus dem Feuer. Diese Szene hat die Regisseurin in einem alten (bulgarischen!) Brauch entdeckt, bei dem an einem bestimmten Tag im Jahr ein ritueller Tanz auf glühenden Kohlen ausgeführt wird – wie auf dem glühenden Erdinneren. „Das Schwert gebiert sich selbst aus dem Kern der Erde - ein Zeichen dafür, dass Siegfried den Elementen vertraut.“ (Vera Nemirova). Es muss nun nur noch geschmiedet und geschärft werden. Die beiden Schmiedelieder sind hier mit einer abstrakten und einer konkreten Szene unterlegt. Des Zerhauens des Ambosses bedarf es nicht. Stattdessen werden mit Nothung Löcher in den Bühnenboden gestochen. Die Stücken hatte Mime zuvor aus einem Fellmantel, wohl dem von Siegmund, entrollt. Dieser Mantel dient fortan dem schwertbesitzenden Siegfried als Kleidung.

Auch der zweite Aufzug enthält schöne und originelle Bilder. Der Wanderer ist kein Treibender mehr, nur noch Zuschauer „Zu schauen kam ich, nicht zu schaffen“. Mit Karten spielt er vor Neidhöhle mit Alberich gelassen um das Welterbe und lässt letzteren gewinnen: angesichts des nahenden Siegfried ist das alles bedeutungslos geworden. Siegfried kommt voller Tatendrang durch den Wald gewandert und zieht den vor Angst bibbernden und schlapp machenden Mime hinter sich her. Der Drachenkampf: die konzentrischen Ringe fahren ein Furioso vor: das ist der Drache, der Siegfried nicht verschlingen kann, und zum Schluss aus der Mitte gleichermaßen als Herz die Person des Fafner in einem fleischfarbigen mit roten Flecken gescheckten Trikot ausspuckt. Der Waldvogel singt aus dem Graben, während er auf der Bühne großartig von Alan Barnes mit spreizbarem Federschmuck an den Fingern getanzt wird: die stärkste Waldvogel-Version seit langem! Siegfried kann nach dem Genuss des Drachenbluts nicht nur das Waldvögelein verstehen, sondern kommt auch dem Gestammel des schlimmen Zwergs auf den Grund. In dieser Szene wird in die Übertitelung das hineingeschrieben, was der hinterhältige Mime, wollte er Siegfried täuschen, wohl wirklich gesagt hätte. Dass Siegfried bündelweise Papiergeld aus der Neidhöhle holt und auf die Spielfläche streut, ist einer der weniger gelungenen Einfälle dieser Regie, die sonst ohne Klischees auskommt. Dass gerade jetzt vor dem Opernhaus die Occupy-Leute kampieren würden, konnte die Regisseurin natürlich nicht wissen. --- Erda erscheint im dritten Aufzug in langem härenem Gewand unter dem Drehteller, wo sie noch in der Folgeszene verweilt. Wie zur Bestätigung dessen, was ihm Erda prophezeite, lässt sich der Wanderer apathisch von seinem Enkel den Speer zerschlagen. Der Weg zu neuen Gesetzen ist offen; Wotan überlässt Erda seinen langen Mantel und legt sich bei ihr zu Ruhe: er hat ausgedient. Siegfried stürmt auf dem schrägen Bühnenteller zu Brünnhilde, die auf dem mittleren Zylinder etwas erhöht neben einem Modell von Grane schläft. Ein kreisförmiges flammendes Rohr wandert langsam in die Höhe und wirft auf die Spielfläche einen konzentrischen Schatten, der langsam nach außen wandert.

Sebastian Weigle führte das makellos aufspielende Opernorchester mit überwiegend mäßigen Tempi durch die Partitur. Es wurde mit großer Streicherbesetzung gespielt, die selbst in aufbrausenden Bläserpassagen noch eine satte Grundierung gewährleisteten. Glanzvolle Höhepunkte waren die Holzbläserfärbungen und die vor allem in den beiden ersten Aufzügen herausgearbeitete filigrane kammermusikalische Durchsichtigkeit. Bei der stimmstarken Solistenbesetzung waren auch emotionale Aufwallungen möglich, vor allem eine berauschende Verdeutlichung der dichten symphonischen Orchestrierung im dritten Aufzug mit schwelgerischen Klängen. Die Musik trug so auch wunderbar über die dramaturgischen Längen der Oper.

Aus dem Frankfurter Ensemble waren bei dieser Produktion nur zwei Rollen besetzt. Magnús Baldvinsson gab einen klangschönen, melancholischen Fafner; den Mime sang Peter Marsh schön verständlich, aber immer noch englisch gefärbt. Seinem hellen Tenor gab er auch den für den Mime erforderlichen Schuss Giftigkeit. Lance Ryan verkörpert den Siegfried sehr glaubhaft mit dunkelblondem Lockenschopf und frischem jugendlichem Spiel. Er ist im ersten Aufzug nicht der pubertierende Flegel wie zuletzt so häufig gezeigt, sondern eher ein frischer Naivling. Seine Stimme wirkte zuerst etwas eng und metallisch, ehe er im Verlauf zu großer stimmlicher Kraft mit schönen Farben und Nuancen auflief und auch zum Schluss kein bisschen müde wirkte. Wünschenswert wäre, dass er seine helle glänzende Stimme noch etwas abdunkeln könnte; dazu müsste sie mehr aus dem Körper kommen. Susan Bullock kam neben ihm nicht so zur Geltung, wirkte angestrengt, fand auch nicht den zauberhaften lyrischen Ton, der sie noch in der Walküre ausgezeichnet hatte und ließ ihre Stimme nur in der Mittellage wirklich leuchten. Ganz überlegen zeigte sich darstellerisch und stimmlich Terje Stensvold als Wanderer. Gesanglich stellte er die Sternstunde des Abends dar: ein Weltklasse-Wanderer mit vollkommenem stimmlichem Fundament, beeindruckendem scheinbar unangestrengtem Volumen und überzeugendem dunkel-warmem Parlando. Stimme und Statur zusammen ergeben einen idealtypischen Wotan/Wanderer. „Was zu wissen dir frommt, solltest du fragen“ belehrt der Wanderer den Zwerg (nicht das fragen, was Du ohnehin schon wusstest!) – wunderbar bedrohlich spielte er die Frageszene. Einen starken Eindruck hinterließ auch Meredith Arwady als Erda mit dunkler wohliger Glut in der Stimme. Jochen Schmeckenbecher gab wieder einen grundsoliden Alberich und konnte auch in seiner Szene mit dem Wanderer durchaus bestehen. Robin Johannsen verlieh mit ihrem Gesang dem Waldvogel Farbe.

Der Jubel im ausverkauften Frankfurter Opernhaus war groß. Siegfried steht noch auf dem Programm der Oper Frankfurt am 3., 6., 11., 19., 27. 11. und 02.12.2011 (sowie in den Zyklen im Juni 2012.) Bis auf wenige verfügbare Einzelkarten sind die Vorstellungen ausverkauft.

Manfred Langer               Das Copyright aller Fotos liegt bei Monika Rittershaus

 

 

WALKÜRE

Vorstellung am  4.11.2010   (Premiere am 31.10.10)

Eine leuchtende Scheibe als Markenzeichen des neuen Frankfurter Rings.

Den Plan, den Ring des Nibelungen in Frankfurt bis zum magischen Jahr 2013 auf die Beine zu stellen, geht die Regisseurin Vera Nemirova mit dem Bühnenbild von Jens Kilian mit einem grandiosen Ringsystem an: einer schwach zur Hinterbühne ansteigenden großen runden Spielfläche, die erst einmal stark an Wielands Oval erinnert. Diese Scheibe ist in einen kleinen zentralen Kreis und vier konzentrische Ringe gegliedert, die noch einmal mit mehreren konzentrischen Kreisen markiert sind, so dass der Eindruck eines riesigen Baumstumpfs mit Jahresringen entsteht: die schräg abgeschnittene Weltesche Yggdrasil als große Spielfläche. Mit Hilfe einer raffinierten Mechanik können die Ringe einzeln gegeneinander gedreht werden, so dass die Fläche sich verschieden geneigte Elemente auflöst, die als vielfältige Spielflächen dienen: wie Planetenbahnen um den zentralen kleinen Kreis. Mit dieser Bühneneinrichtung und der in der Inszenierung angelegten Reduktion wird dem Werk vor allem eine starke ästhetische Dimension verliehen, Belästigung durch Neudeutung oder Dekonstruktion braucht das Publikum nicht zu erdulden. Bei der Drehung der Ringelemente ergeben sich wahrhaft große Bilder, von denen teilweise auch erhebliche dramatische Kraft ausgeht, verstärkt durch magische Beleuchtungseffekte je nach Handlungsverlauf.  Nur schade, dass die Konstruktion ächzt und knarrt. Und die muss wohl noch eine Zeitlang halten.

Hundings Hütte liegt unter der großen Scheibe, auf die zuerst noch unaufhörlich der Schnee rieselt. Das Hereinbrechen des Lenzes erleben Sieglinde und Siegmund auf der oberen Spielfläche, wo auch das Schwert im Eschenstumpf steckt. Die Szene endet im rötlichen Morgenschein, in den das Paar hineinläuft.  Im zweiten Aufzug wird vor der erhöhten Rückseite des Baumstumpfs gespielt, der darüber eine große runde Rampe bildet. Die Walhall-Szene spielt sich unter dieser Rampe ab; auf die Rückseite sind die Namen aller mitwirkenden Personen sowie deren verwandtschaftliche Beziehungen geschrieben. Der Name Fasolts ist bereits durchgestrichen, und Wotan streicht auch den Namen Hunding schon aus, als er Brünnhilde zur Wal schickt. Beim großen Ehedrama liegt Brünnhilde oben auf dem Baumstumpf und belauscht Vater und Stiefmutter unten. Im zweiten Bild finden Todesverkündung und dann der Kampf oben statt, während Sieglinde unten hingekauert ihren Angsttraum hat. Der Arm des erschlagenen Siegmund fällt an der Rampe herunter; Sieglinde versucht vergebens, ihn zu ergreifen. Oben stehen Wotan schmerzverzerrt und Hunding mit Genugtuung im Gesicht. Im dritten Aufzug ist der Raum unter der Rampe wieder offen: man sieht in eine Art Mausoleum mit symmetrischen angeordneten Särgen bei feierlicher Fackelbeleuchtung; Statisten tragen feierlich zeremoniell weitere Särge von gefallenen Recken hinein, während die Walküren auf der oberen Plattform singen. Zum Erscheinen Wotans wird die ganze Fläche um 180° gedreht. Im Mittelpunkt der nun wieder nach hinten ansteigenden Spielfläche wird Brünnhilde auf dem mittleren kleinen Kreis gebettet. Wotan hat sie zuvor ihres Abendkleides beraubt, so dass sie nun – eine Menschin wie Sieglinde – im weißen Unterkleid in den Schlaf gesungen wird. Der kleine Kreis als Schlafstätte wird etwas hochgefahren; von oben sinkt ein Flammenkreis herunter: Ende der Oper.

Ingeborg Bernerth hat die Kostüme entworfen. Das Götterehepaar in schicker Abendkleidung wohl noch von einer Festivität auf Walhall; sie werfen aber bald weiße Pelze über, um in der Außenwelt ihren Rang zu manifestieren. Siegmund tritt etwas abgerissen auf; Hunding und Sieglinde etwas besser, aber sehr einfach gekleidet. Nach dem Entweichen aus dem ehelichen Schlafzimmer ist Sieglinde nur noch mit einem Unterkleid angezogen. Brünnhilde, rotschopfig, tritt zuerst in Wanderkluft auf, ehe sie sich zum dritten Akt wie die anderen Walküren kleidet: in dunkelblaue bodenlange Kleider, dazu Brünne und Flügelhelm, aber keine Schilde.

Die Personenregie, obwohl insgesamt ziemlich reduziert, ist ausdrucksstark und einfühlsam mit großer Liebe zum Detail auf die Personen und deren Beziehungen zueinander ausgerichtet, teilweise mit subtilem Humor versetzt, teilweise auch drastisch: wie Hunding mit Sieglinde umgeht, oder wie Fricka mit dem Speer auf Wotan losgeht, um ihre Rechtsposition durchzusetzen. Hervorragend die Choreographierung der Walkürenszene im dritten Aufzug: die verängstigten Wotanstöchter gruppieren sich scheinbar planlos und stieben dann panisch auseinander, um sich gleich wieder neu zu formieren. Requisiten hat diese Inszenierung kaum nötig: die Dramaturgie geht einzig von den Darstellern aus – unterstützt von der magischen Lichtregie von Olaf Winter.

Den überzeugenden Bildern der Oper stand die musikalische Vorstellung in keiner Weise nach: Star des Abends war Sebastian Weigle mit dem vorzüglich aufspielenden Museumsorchester. Erst ganz zum Schluss traten hier und da kleinere Unkonzentriertheiten zu Tage. Hohe Anerkennung muss man diesem Orchester auch im Blick darauf zollen, wie groß und vielgestaltig die Anforderungen sind. Das Opernorchester des Jahres beweist seine Kompetenz in einer Spanne, die vom Barock bis zur zeitgenössischen Oper geht und ist mit diesem Spiel der Walküre auch unter die großen Wagner-Orchester zu rechnen. Weigle gestaltet die Musik mit einem großen Facettenreichtum. Einfühlsam und filigran auf der einen Seite, prägnant konturiert auf der anderen, dazu die dynamischen Möglichkeiten ausreizend vom Piano bis zu  schwelgerischen Tutti in hoher Präzision: Wagner vom Feinsten.

Auch die Sängerdarsteller überzeugten. Das Ensemble sang auf homogen hohem Niveau mit vorzüglicher Textverständlichkeit. Eva-Maria Westbroek gab eine darstellerisch und sängerisch überzeugende Sieglinde ihrem warm grundierten Sopran und makellosen leuchtenden Höhen. Frank van Aken als Siegmund wucherte mit dem Pfund seiner strahlenden Höhen: sein Wälse-Ruf ging ans Mark. Ain Anger, von jugendlicher Erscheinung, gestaltete den Hunding kraftvoll mit kernigem Bass und gutem Spiel: er steht für das archaische Recht und ist nicht als primitiver Bösling dargestellt.

Terje Stensvold verlieh dem Wotan schon durch seine Gestalt Statur und spielte dazu eindringlich die Entwicklung vom schon von Dekadenz gezeichneten Herrschaftsanspruch bis zum traurigen Abgang als gebro-chener Mann. Umwerfend waren seine Ausstrahlung und die Gestaltungs-möglichkeiten seiner warmen kraftvollen Stimme vom fast gehauchten Parlando bis zum markanten Vollton. Er schien in dieser großen Rolle schier unerschöpflich bis zum Schluss mit klarer, akzentfreier Diktion. Martina Dike als Fricka stand dem nicht nach: Gewaltig die etwas aggressive Rollen-interpretation und ihre hell timbrierte klare Stimme. Wenn es etwas zu bedauern gab, dann dass man sie nur in der einen Szenen erleben durfte.

Das „Hojotoho“ zu Brünnhildes Auftritt muss man wohl als eine Gemeinheit Wagners ansehen. Susan Bullock kam damit am heutigen Tage nicht zurecht; die ohne Anschleifen frei angesungenen Spitzentöne klangen wie gebellt. Aber in den nachfolgenden lyrischen Szenen sang sie bezaubernd schön und kam dann im Verlauf  auch bei den dramatischen Passagen zu einer sehr ansprechenden Leistung. Ihr Spiel trug der Rolle zwischen Selbstbestimmung und Unterwerfung Rechnung und war mit viel Bewegung angelegt. Die Walküren brillierten mit ihrem Ensemblegesang, auf den sie sich voll konzentrieren konnte, da sie keine toten Hegelinge oder Irminge zu transportieren hatten

Das Publikum hatte Orchester und Dirigenten schon zwischen den Aufzügen gefeiert. Nach dem Schlussvorhang brach großer Jubel aus, der gleichermaßen Sängern, Orchester und Dirigenten sowie der auch an diesem Abend noch einmal anwesenden Vera Nemirova galt. Alle sechs Aufführungen der Walküre waren schon lange ausverkauft. Wahrscheinlich kommt sie erst wieder zur zyklischen Aufführung des Rings im Juni 2012 wieder auf die Bühne. Unbedingt vormerken! Die Aufführung wurde für oehmsclassics aufgezeichnet.

Manfred Langer, 06.11.2010                                      Fotos: Monika Rittershaus

 

 

DAS RHEINGOLD

Wiederaufnahme am 02.06.12       (Premiere 02.05 2010)

Erzählung zwischen Humor und Ernst vor großartiger Kulisse

Die im Mai 2010 begonnen Ring-Produktion der Frankfurter Oper wurde in dieser Spielzeit mit den Premieren von Siegfried und Götterdämmerung vollendet. Zum Ende der Spielzeit werden noch vor dem Wagner-Jahr zwei vollständige Zyklen gespielt, welche die Oper Frankfurt in allerkürzester Zeit ausverkaufen konnte. (siehe: „www“ – „willig wartende wagnerianer) Im Presse-Flaps spricht man gemeinhin vom „Schmieden des Rings“, womit nicht die Erzeugung des fingerzierenden Schmuckstücks durch den umweltsündigen Alberich gemeint ist, sondern die vollständige Inszenierung der vier Opernabende. Dazu musste in Frankfurt erste einmal etwas anderes „geschmiedet“ werden: nämlich die Bühnenkonstruktion von 26 Tonnen Gewicht, für deren Erprobung gar die Tragfähigkeit der Probebühne der Oper Frankfurt verstärkt werden musste. Diese „Frankfurter Scheibe“ braucht man nicht mehr zu beschreiben: die beigefügten Fotos zeugen von Zauber und Faszination dieser Idee, die den immer noch in Erinnerung befindlichen Wielandschen Kreis allein durch ihre technischen Möglichkeiten obsolet macht. Dieses Bühnenbild hat Jens Kilian geschaffen.

Die Überlegungen zu dieser Ring-Inszenierung haben 2007 begonnen, als die Regisseurin Vera Nemirova in Frankfurt gerade einen ziemlich mäßigen Tannhäuser vorgelegt hatte, der (für das Frankfurter Haus unüblich) schnell wieder in der Versenkung verschwunden war. Sicher hat die Frankfurter Opernleitung bei der Inszenierung des gewaltigen Rings von vornherein viel genauer hingeschaut, um sicherzustellen, dass diese Ressourcen-verschlingende Arbeit in den stilistischen Rahmen der Frankfurter Inszenierungen passt. Aber dass der Intendant Bernd Loebe diese Arbeit („Vollendet das ewige Werk“) der so jungen Regisseurin übertragen hat, zeugt von Mut, Menschenkenntnis und Selbstbewusstsein gleichermaßen. Der Erfolg ist phänomenal, die Ästhetik der Bühnengestaltung epochemachend. Die Regie saugt aus dieser Ästhetik eine Geschichte, in der dem Publikum nicht ein politisches Vorurteil als Botschaft übergebraten, sondern ihm Raum für eigene Vorstellungen gelassen wird.

Wasser, Feuer, Erde Luft: die vier antiken Urlemente zieht die Regisseurin Rheingold an und beginnt mit einer spiegelnden Wasseroberfläche auf der „Frankfurter Scheibe“ in die Wassertropfen hineinfallen, die konzentrische Wellenringe erzeugen: ewig und ewig, über 136 Es-Takte hinweg, deren Nicht-Modulation schon dieses Ewigkeitsgefühl erzeugen, das noch dadurch verstärkt wird, dass im Hintergrund eine große konkave helle Hinterwand hochgefahren wird: ganz langsamer Schöpfungszustand. Diese Wand hätte andere Regisseure versucht, sie mit Videogeflimmer zu beaufschlagen; aber hier verstärken sie nur die Beleuchtungseffekte und gewähren Profektionsfläche für Schattenwürfe der Akteure auf der Scheibe. Die Nixen spiel nach dem Umschlag in c-moll in reizenden enganliegenden langen Glitterkleidern (Kostüme: Ingeborg Bernerth) und zeichnen mit ihrer Eitelkeit, Naivität und Pflichtvergessenheit für das zweite Umweltverbrechen im Ring mitverantwortlich: Alberichs Goldraub. Der kommt in schwarzem gepflegtem Anzug auf die Bühne, zieht sich sein Schuhe aus, um im Rhein mit den Nixen zu spielen, die ihm aber nicht nur wie am 11.11. die Krawatte wegnehmen, sondern auch die Hose ausziehen, so dass er lächerlich in langen Unterhosen herumhopst. Eine Nixe trat ihm gar ins Gemächt. Da würde er ja nach dem Verzichtschwur ohnehin nicht mehr benötigen. Aus der zentralen Mulde steigt Dampf hoch- von oben goldige Beleuchtung: das Rheingold. Alberich rafft es in einen großen Seesack und macht sich vom Acker.

Im zweiten Bild steht Fricka neben dem schlafenden Wotan und hält seinen Speer fest: Weiberwirtschaft! Die Riesen kommen unter einem der Ringe herausgekrochen: in schwarzer Arbeitskleidung; sie haben noch vier Mitarbeiter mitgebracht und dazu auch (sehr nett!) ein Hochzeitskleid für Freia, das ihr Fasolt gleich überstreift. Alle Götter sind in lichtes Altweiß gekleidet: Erhaben: Wotan; kindisch: Froh; tölpelhaft: Donner; winzig und schutzbedürftig: Freia. Endlich kommt Loge wie ein Dompteur auf einem Trapez herabgeschwebt, auf welchem dann der verliebte Fasolt die Freia schaukelt. Als Freie als Pfand mitgenommen wird, sieht man schon die dämmrige Vision der Götter: ohne Äpfel kommen ihre Doppel als Tattergreise über den Bühnenvordergrund geschlurft; die echten Götter sehen entsetzt zu. Daher muss man sofort durch die Schwefelkluft nach Nibelheim niederfahren, um Alberich das Geraubte zu rauben.

Nach der musikalischen Fahrt durch die Zeit und Kulturschichten findet man sich dort wieder: hier ist Alberichs Manufaktur. Gerade hat er, der als Erfolgsmann angeberisch in goldenem Anzug auftritt, hat glänzende Geschäft getätigt und lässt seine Unterlinge das verdiente Geld in Säcke verpacken. Bei den Verwandlungsszenen verkriecht sich Alberich unter ein Pult und kommt jeweils gleich groß wieder heraus: nur hat er einmal große rote Handschuhe an; die signalisieren das Drachenmaul; später als Kröte kleine grüne. In der Folge bekommt Alberich nun noch einmal, diesmal die goldene Hose ausgezogen und steht wieder in Unterhosen da. Dass man ihm zum Raub des Rings gleich den Finger abschneidet, ist heute zum Inszenierungsnormal. (In der Szenenbeschreibung: „…entzieht seinem Finger mit heftiger Gewalt den Ring.“) Freia kommt mit den Riesen zurück. Völlig eingeschüchtert und willenlos; irgendetwas ist ihr wohl zugestoßen. Erda riesig im Fellgewand. Fafner erwürgt Fasolt zu den gewaltigen Schlägen der Pauke (nicht sehr logisch; warum hat er Donner nicht das Brecheisen weggenommen, mit dem der ohnehin immer gefuchtelt hat, um damit seinen Bruder zu erschlagen? oder ein arrhythmischer Verfremdungseffekt?) In der Mitte tummeln sich noch einmal die Nixen; Loge reist auf dem Trapez wieder nach oben ab. Der Einmarsch in Walhall findet als Rampenstehen der Götter in Smoking und schwarzen Cocktailkleid statt, inszeniert wir ein Moralabgesang in der klassischen Oper: eine steife Formalgesellschaft; über ihnen auf der Frankfurter Scheibe ziehen noch einmal ihre vergreisten Doppelungen vorbei: da ist die Zukunft.

Das war ein kurzer Abriss der Erzählweise der Frau Nemirova: jederzeit in gekonnter Personenregie, in sich schlüssig mit Humor und Pointen und dennoch nicht den unheilvollen Unterton des Ganzen vermissen lassend. Dazu war das minutiös und perfekt mit den Drehungen der Bühnenringe koordiniert und synchronisiert: ein großes Kompliment nicht nur für die Inspiration und Ästhetik der Aufführung, sondern auch für die handwerkliche Meisterleistung.

Zu dieser liefert Sebastian Weigle mit dem Frankfurter Museums und Opernorchester ein ebenso inspiriertes Dirigat ab. Das Orchester spielte so gut wie makellos, machte die Zusammenhänge transparent, musizierte überwältigende Steigerungen wie feinstes Filigranwerk: kreative, plastische Gestaltung des Meisterwerks mit großen Farbenreichtum. Trotz eher getragener Tempi wurde stets Spannung erzeugt. Bayreuth muss sich warm anziehen nächstes Jahr! Das gilt auch für das Solistenensemble. Sieht man mal von den beiden  „Nebengöttern“ (Richard Cox als Froh und Dietrich Volle als Donner) ab, die schon von der Regie nicht sehr vorteilhaft bedacht worden sind, und auch vokal etwas zurückblieben, gab es eine homogene festspielreife Besetzung. Es gibt es insgesamt vierzehn Rollen, drei Hauptrollen und elf weitere, von denen keine eine echte Nebenrolle ist. Weit über die Hälfte kann die Oper aus dem eigenen Ensemble besetzen und erreicht damit insgesamt ein Niveau, das die großen Festspielhäuser kaum schaffen. Eulen nach Athen zu tragen hieße es, dem Wotan des Terje Stensvold seine in jeder Hinsicht überlegene Rollengestaltung zu attestieren. Im Rheingold darf er zum letzten Mal im Ring einen präpotenten Gott spielen – mit geschwärzter linker Augenhöhle. Ihn berät und verführt ein quicklebendiger athletischer Loge, den Kurt Streit mit seinem sehr hellen Charaktertenor gab und ihn mit seiner guten Diktion zur zentralen Rolle der Oper gestaltete. Alberich, die dritte große Rolle im Bunde wurde von Jochen Schmeckenbächer gegeben, sicher eine seiner Paraderollen: rund, sonor und scheinbar mühelos im Gesang; überzeugend im Spiel. Mit Hans-Jürgen Lazar gab ein komödiantisch versierter Buffotenor den Mime mit großem schauspielerischem Geschick und der angemessenen giftig-hellen Stimmfärbung. Die Riesen wurden von Alfred Reiter (Fasolt) verkörpert, der die Rolle solide und gelassen umsetzte, und von Magnus Baldvinsson als Fafner mit dessen prächtig grundiertem strömendem Bass noch übertroffen wurde. Martina Dike überzeugte mit schlankem Mezzo, guter Diktion und schöner Bühnenpräsenz stimmlich sowie schauspielerisch, und Barbara Zechmeister ließ ihren schönen silbrigen Sopran glitzern: mädchenhaft in der Rolle der Freia. Meredith Arwady‘s Alt lud ebenso weit aus wie ihre härene Bekleidung: weich und gut grundiert. Die wunderbar anzusehenden Rheintöchter boten in der Reihenfolge ihres Erstauftritts steigende Qualität: Britta Stallmeisters schön geführter Sopran als Woglinde zuerst noch ein bisschen spitz; dann Jenny Carlstedts warm timbrierter schmelzender Mezzo und schließlich der betörende Klang der Altstimme von Katharina Magiera als Flosshilde; alle drei verschmolzen zu einem sehr schönen Terzett.

Was immer Bayreuth nächstes Jahr veranstalten wird: Man kann schon als sicher annehmen, dass die Inszenierung aus Prinzip belehrend oder dekonstruiert und die Besetzung aus System mittelmäßig sein wird. Karten wird es dann dort wahrscheinlich leichter geben als für die beiden im Winter 2013 programmierten zyklischen Aufführungen in Frankfurt. Nun folgt erst einmal ein weiterer kompletter Zyklus in dieser Spielzeit in der zweiten Junihälfte. Achtung Interessenten, schauen Sie doch immer mal wieder in den „webshop“ des Opernhauses  (könnte man auch Internet-Kasse oder -Laden nennen): http://www.oper-frankfurt.de/  Für den Rest dieses Rings und für den noch in der zweiten Monatshälfte folgenden zweiten gibt es immer wieder einzelne Karten.

Der Jubel des Publikums war unbeschreiblich: zu Recht.

Manfred Langer 04.06.12                                Fotos: Monika Rittershaus

 

P.S.

Unter dem Titel: „Zu schauen kam ich…“ gibt es einen kommentierten Bildband, der zu diesem Ring eine ausgiebige Sammlung von Szenenfotos bietet. Herausgegeben vom Henschel-Verlag 2012, ISBN 978-3-89487-693-7; Preis 19,80 EUR. Der gesamte Ring wird vom Frankfurter Opernhaus auf DVD eingespielt. Bei Oehms classic sind die einzelnen Opern auch als CDs herausgekommen.

 

 

 

 

 

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