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Bilder von Claudia Heysel

 

Chowanschtschina 

7.5.2011

Ein Land im Umbruch, eine schwache Regierung, beeinflusst durch fremde Mächte, restoratorische Bewegungen und ein geknechtetes Volk.
Dies ist die Basis für Mussorgskis Chowanschtschina. Andrea Moses lässt diese Grundlagen unangetastet, schafft es aber, in ihrer unvergleichlich klugen Art und Weise, mit der sie hier auch schon Lohengrin und Turandot inszenierte, den Stoff aus dem spätbarocken russischem Milieu des ausgehenden 17. Jahrhunderts in die Jetztzeit zu transferieren. Nach der trügerischen Idylle der Morgenstimmung an der Moskwa, Anthony Hermus leitet die Anhaltische Philharmonie in gewohnt souveräner Art durch die Partitur, sieht man auf der Bühne den Roten Platz. Keine Idylle aus barocker Zeit, Wohlstandsmüll, die Zeichen der Eroberung durch den westlichen Großkapitalismus, das daraus folgende Elend in den unteren Schichten der Bevölkerung, die Bereitschaft zu Kriminalität und Gewalt, all das schafft Andrea Moses und ihr Ausstatter Christian Wiehle auf einen Blick. Schuhputzer, fliegende CD-Händler, ein Leninstatuendarsteller, der sich im Laufe des Abends eine Micky Maus Maske aufsetzt, bevölkern den Roten Platz. Am oberen Bühnenrand wurde ein Bojar erhängt, der Schreiber arbeitet mit Laptop um anonyme E-Mails zu versenden. Iwan Chowanski landet mit seinem Hofstaat per Flugzeug, großspurig, zu sehr auf die Macht des Geldes vertrauend. Sein Sohn Andrej, ein versoffenes Stück, versucht Emma zu vergewaltigen, wird aber von seinem Vater, der selbst ein Auge auf die junge Ausländerin geworfen hat, letztendlich daran gehindert. Dossifej, der charismatische Anführer einer religiösen Sekte, übergibt Emma in die Obhut Marfas, und rettet sie so aus den Klauen der Chowanskis.


Auf einem bühnengroßen Bären residiert Fürst Golizyn, sein Schicksal ist schon besiegelt, als er in Streit mit Chowanski gerät. Dossifej errettet Marfa, die von Golizyn zum Tode verdammt wurde, und der Bojar Schaklowity, verkündet die Verbannung Golizyns und das der Zar die „Chowanschtschina“, die Schweinereien der Chowanskis, untersuchen wird.
Die Situation der Strelitzen und der Altgläubigen wird immer prekärer. Nichts ahnend feiern sie mit ihren Frauen, als der Schreiber verkündet, der Zar ziehe gegen die Strelitzen vor. Auch die beruhigenden Worte ihres Anführers Chowanski können sie nicht beruhigen. Bei einer Orgie mit seinen Mädchen wird Chowanski von Golizyn gewarnt, er hält es aber für eine Verhöhnung, Schaklowity versucht den Fürsten weg zu locken, erdrosselt ihn dann.

Golizyn begeht Selbstmord, Marfa und Dossifej spüren, dass ihre Zeit abgelaufen ist, der Zar gilt als fortschrittlicher Denker, zusammen mit ihrer Sekte und Andrej fliehen sie. In einer Kirche begehen sie Selbstmord.
Der Bär und die Basilius Kathedrale, die beiden wohl populärsten Zeichen Russlands, dominieren die Ausstattung. Der Bär, ein grinsender Geselle, blutrot, steht noch für das alte Russland, die Basilius Kathedrale, auf der Folie der, von religiösen Fanatikern  zerstörten Bilder „ This is my blood“ von Aleksandr Kosolapov, stehen für das Russland in unstetigen Zeiten. Ebenso die Spielereien mit alten Symbolen, eine lebende Leninstatue, ein Juri Gagarin in Jeff Koons Manier, weisen auf den wachsenden Hard Core Kapitalismus hin. Dazwischen das russische Volk, heute wie damals, von Regierung und Oligarchen ausgebeutet und unterdrückt. Zusammen mit den Einspielvideos von Niklas Ritter zeigt das Bühnenbild die Atmosphäre eines Überwachungsstaates, Big Brother lässt grüßen. Andrea Moses gelingt der Spagat zwischen „Werktreue“ und modern politischem Theater aufs Beste.

Aber neben den optischen Eindrücken gewinnt das Stück auch durch das präzise Dirigat von Antony Hermus. Die Anhaltische Philharmonie ertönt in einem erdschweren, aber nicht bodenständigen, Klang, präzise und genau den beiden Instrumentationen von Schostakowitsch und Strawinsky/ Ravel(Schlussszene), folgend. Das Sängerensemble des Anhaltische Theaters zu loben, heißt Eulen nach Athen tragen. Und dennoch will ich heute mit dem ausgezeichneten, oder besser mit den(!) ausgezeichneten Chören beginnen. Der Chor des DNT Weimar, Produktionspartner dieser aufwendigen Inszenierung, ergänzt den Hauschor, die logistische Leistung der beiden KBBs während der Probenzeit, die Leistung der beiden Chordirektoren Sonne und Oppeneiger, und das Können dieser beider Chöre darf nicht verkannt werden, selten wurde eine so geschlossene Chorleistung in einem solch komplizierten Werk gehört.

Alexey Antonow als Iwan Chowanski besticht mit abgründigem Bass, Sergey Drobyshevskiy leiht seinem Sohn tenorale Pracht, aber einen miesen Charakter. Angus Wood Wassily Golizyn als selbstbewusster Machtmensch, sein Tenor, eher heldisch als lyrisch, verleiht dieser Verliererfigur, tragische Züge. Angelina Ruzzafante als Emma und KS Jordanka Derilova als Susanna überzeugen in viel zu kurzen Rollen, Anna Peshes als Marfa, mit viel subtiler Erotik im Spiel und in der Stimme, ist neben Pavel Shmulevich als Religionsführer mit weltlicher Vergangenheit Dossifej, der eigentliche Star des Abends. Shmulevich der die Tiefen des Bassfaches scheinbar mühelos auslotet, beeindruckt in der Chowanschtschina auch in der schauspielerischen Leistung. Der große Drahtzieher des Stücks, und in Andrea Moses Deutung auch der Königsmacher ist Schaklowity. Ulf Paulsen, wie immer überragend und das nicht nur körperlich, gibt dieser zwielichtigen Gestalt eine Figur, die scheinbar sympathisch und selbstlos daherkommt, aber in Wirklichkeit ein hintertriebenes Miststück ist, Ähnlichkeiten mit lebenden Politikern sind sicherlich zufällig und nicht beabsichtigt. Mit baritonaler Kraft und stets einem Lächeln auf den Lippen wird er zum Mörder, zum Erpresser, schlicht zum Lumpen.


Andrea Moses macht den Dessauern mit ihrer „Abschiedsinszenierung“ ein wahrhaft prächtiges Geschenk, bevor sie ans Staatstheater Stuttgart wechselt. Zusammen mit Christian Wiehles Ausstattung und den, in diesem Fall wirklich ergänzenden und nicht störenden Videoeinspielern von Niklas Ritter, schuf sie eine szenische Basis, die der Musik von Mussorgski gleichberechtigt war. Ein beängstigender Rausch von Bildern, der in der Selbstmordszene der Altgläubigen gipfelte.
Eine rundum gelungene  Inszenierung, die zusammen mit der überragenden musikalischen Interpretation aller Beteiligten schlichtweg als Gesamtkunstwerk bezeichnet werden muss. Stellt sich nur die Frage, warum es keine der führenden DVD Labels es für nötig erachtet, diese Chowanschtschina aufzuzeichnen?

Alexander Hauer



Der Protagonist

& I Pagliacci

Zur Eröffnung des Kurt Weill Festes gab sich das Anhaltische Theater die Ehre zwei Opern über tödlich endeten Realitätsverlust zu geben.  Weills selten gespielte Oper „Der Protagonist“ und Leoncavallos „I Pagliacci“.
Zweimal die „gleiche“ Oper, zweimal Frauenmord aus Eifersucht.
Weills Protagonist, 1926 in Dresden mit unglaublichen Erfolg uraufgeführt, beschäftigt sich weniger mit dem Mord, sondern eher mit der Frage: Wieweit dürfen Mäzene und Gönner in den laufenden Theaterbetrieb eingreifen. André Bücker kümmert sich aber weniger um diese Frage, die heute aktueller ist als je, sondern richtet seinen Focus auf das kriminalistische Geschehen. Im beweglichen Bühnenbild von Oliver Proske versucht er Gründe für den Mord zu finden. Der Protagonist, Angus Wood, reist mit seiner Truppe und seiner Schwester, in Shakespeares Zeiten eher unüblich umher. Von einem zwielichtigen Wirt, Ulf Paulsen, werden sie argwöhnisch empfangen. Die Schwester, des Protagonisten, Iordanka Derilova, lässt ihren Liebhaber, Wiard Withold, nachkommen. Sie möchte den jungen Mann ihrem Bruder vorstellen. Man probt für den ortsansässigen Adel eine Komödie. In der ausgelassenen Probenstimmung sagt sie ihrem Bruder, dass sie einen Freund habe. Er lacht sie aus und wünscht ihn zu sehen. Sie geht um ihn zu holen. Aus einer Laune heraus, lässt der Herzog durch seinen Haushofmeister ausrichten, dass er lieber eine Tragödie sehen möchte. Schnell wird das Lustspiel um geprobt. Als die Schwester mit ihrem Liebhaber erscheint, verwechselt der Protagonist Sein mit Schein und ersticht die in seinen Augen Untreue. Antony Hermus kommt mit der spröden, dem Moderne der zwanziger Jahre verhafteten Musik Weills bestens zu recht. Er leitet Orchester und Sänger mit schier schlafwandlerischer  Sicherheit um die Klippen und Untiefen dieser Partitur. Iordanka Derilova und Angus Wood sind das (latent inzestiöse) Geschwisterpaar, beide kommen mit der hochdramatischen Partie im Zwölfton-Stil bestens zurecht. Wiard Withold als charmanter Liebhaber gewinnt mit sanftem Bariton. Ulf Paulsen kann als Wirt in einer sehr kurzen Partie überzeugen.
Der zweite Teil des Opernabends kam gefälliger daher. Die eher sentimentalen Verismoklänge Leoncavallos sind geläufiger. Aber auch hier lauert das Böse. Der Prolog von Ulf Paulsen weist schon darauf. Kaum merklich verwandelt sich der sympathische „Prolog“ in Tonio, bei Bücker kein bedauernswerter Behinderter, sondern ein hintertriebenes Dreckschwein. Sergey Drobyshevskiy gibt hier Canio, den Chef der Theatertruppe, Iordanka Derilova seine Frau Nedda. Wiard Witholt ist auch hier der Liebhaber. Von Nedda abgewiesen untergräbt Tonio das Verhältnis von Silvio und Nedda. Das Ende ist bekannt.
Die Anhaltische Philharmonie überzeugt auch im Verismofach genauso wie in der Moderne. Das Gesangspersonal wird von Bücker in guter Schauspielmanier geführt. Viel Wert wird auf ausdrucksstarkes Spiel gelegt, ohne dabei die gesanglichen Künste zu vernachlässigen. Die Szenen von Nedda mit ihrem ungeliebten Mann sind dabei genauso glaubwürdig, als auch ihre Amour fou mit Silvio. Der angesagte Sergey Drobyshevskiy teilte sich klugerweise seine Kräfte für das „Ridi, pagliaccio“ auf, gewann dann aber auf ganzer Linie.
Der Abend war dann der Triumpf der Stimmen und des Orchesters. Der Chor unter Helmut Sonne und der bezaubernde Kinderchor unter der Leitung von Dorislava Kuntschewa singen auf höchstem Niveau. Bückers Inszenierung lässt beide Stücke authentisch wirken, wenn ich persönlich auf den Auftritt der Komödiantentruppe im „Bajazzo“ per Fesselballon und das Kinderorchester, die Seiffener Engelchen ließen freundlich grüßen, im Zwischenspiel auch verzichten könnte.
Für Freunde des selten gespielten Weill abseits der „Dreigroschenoper“ und „Mahagonny“ ein Muss, für Freunde des Verismo sicherlich eine Option.


Alexander Hauer



DIE FLEDERMAUS

Mal wieder Dessau

Baden bei Wien, 1870

Schon in der Ouvertüre sieht man die Abgründe eines Kurortes. Anstatt in Badewannen Entspannung für steife Glieder zu suchen, treibt die Kurgesellschaft ein fröhliches „Wanne, wechsle dich“ Spiel. Badepartner werden so häufig getauscht, dass es schwerfällt die Übersicht zu bewahren, wer gerade mit wem „badet“. Und mitten drin ein düpierter Rechtsanwalt, eine Mischung aus Metternich und Coppolas Dracula. Ulf Paulsen gibt diesem Falke hinterlistige und grausame Züge. Sein Opfer ist der herrlich selbstherrliche Eisenstein, Wiard Withold, ein ewig Polternder, der sowohl seine Gattin als auch seine Bediensteten tyrannisiert. Aber das Leben ist gerecht, sowohl Gattin Rosalinde als auch Zimmerkätzchen Adele orientieren sich in andere Richtungen. Rosalinde, voll sinnlich warmen Sopran Angelina Ruzzafante, tendiert zu einem Techtelmechtel mit ihrem alten Bühnenpartner Alfred, Andrew Sritheran, Adele, präzise, aber sehr zart: Sharleen Joynt, will hinaus ins zweifelhafte Leben.

Der Weg dorthin führt über einen Ball beim Prinzen Orlowsky. Dieser Orlofsky wird in alter Dessauer Tradition von einem Tenor gesungen. David Ameln gibt dieses dicke Kind mit dünnen Beinchen auf eine erschreckende Art, brutal wie ein Pubertierender, der einen Erwachsenen spielt. Und das führt zu sehr komischen Momenten, insbesondere im Zusammenspiel mit seinem Kammerherrn Iwan, Joe Monaghan, der mit tänzerischer Präzision eine Melange aus Rasputin und messerschwingenden Dorfschläger gibt. Mehr als überzeigend ist auch der Frosch von Jan-Pieter Fuhr. Ein Reimgott und Wortverdreher jenseits aller Froschklischees, spielt er diesen KuK Unterbeamten voll hintergründigen Humor.

Hinrich Horstkotte bricht mit seiner Fledermaus mit neuen „Traditionen“. Er inszeniert ein genaues Sittenbild des ausgehenden 19. Jahrhunderts, ohne peinliche Details offenzulegen.  Der Ball bei Orlowsky ist ein wahrer Ball, elegante Menschen ergehen sich in sinnlichen Genüssen. Genau wie das Gefängnis ein trister Provinzknast ist.

Ein wichtiges Element in der Inszenierung ist neben den Kostümen das Bühnenbild. Martin Dolnik hat als roten Faden immer eine Badewanne auf der Bühne, selbst der Orlowsky Akt spielt in der Wanne und der Kronleuchter mutiert auch zum Wannenstöpsel. Als der Ball nach der wunderbaren Balletteinlage, choreographiert von Gabriella Gilardi, nach Strauß’ Schnell Polka op. 393 „Stürmisch in Lieb und Tanz“ zu eskalieren droht, Frank wieder in sein bürgerliches Leben als Gefängnisdirektor und Eisenstein endlich seinen Arrest antreten will, werden die beiden einfach durch den Abfluss in den Knast gespült, ein herrlicher Einfall.

Angelina Ruzzafante mutiert vom Hausmütterchen Rosalinde hin zur gefährlichen, tief dekolletierten Pusztadomina, deren „Klänge der Heimat“ wohl als absoluter Höhepunkt des zweiten Aktes gelten muss. Ansonsten dominieren die dunklen Stimmen, Ulf Paulsen als Dr. Falke und Wiard Witholts Eisenstein, zwei Markpunkte in der Baritonriege, Kostadin Arguirov als Falke in gewohnt überzeugenden Basstiefen. David Ameln lebt diesen Kindorlofsky, gibt ihm jugendliche tenorale Klänge. Die Rollen von Andrew Sritheran und Filippo Deledda als Dr. Blind sind leider zu kurz für das sängerische und komödiantische Talent der Beiden. Der Chor unter Helmut Sonne  zu loben hieße Eulen nach Athen tragen, ebenso das Lob der Anhaltischen Philharmonie, die unter Wolfgang Kluge wienerisch-sinnliche Champagnerlaune auf höchstem Niveau verbreitete.

Eine „brave“, aber lustige und (ent)spannende Fledermaus endete auch in einer Sonntagnachmittagsvorstellung in begeisterten Applaus. Dessau lohnt sich nicht nur wegen der Oper.

Alexander Hauer, besuchte Vorstellung 19.12.2010

 



Turandot 

25.09.2010, Premiere

Turandot, Puccinis letztes, unvollendetes Werk erlebte in Dessau eine glanzvolle  Premiere. Unter der musikalischen Leitung von Antony Hermus erstrahlte aus dem Graben die Anhaltische Philharmonie mit orientalischem Goldglanz. Auf der Bühne gesellte sich zu den überragenden Stimmen ein neues Juwel hinzu: Sergey Drobyshevskiy als Calaf. Seine Interpretation des unbekannten Prinzen stellt so manche beliebte Studioaufnahme in den Schatten. Kongenial  seine Gegenspielerin und Objekt der Begierde Iordanka Derilova.  Das „Stimmwunder“ von Dessau wurde von Angelina Ruzzafante als Liu und Pavel Shmulevich als Timur vervollständigt. Expressive Dramatik auf der einen Seite, auf der anderen, zarte Lyrismen prägten die beiden Sopranpartien. Pavel Shmulevich  gab mit scheinbar unergründlich tiefem Bass den alten König Timur. Wiard Withold, Angus Wood und David Ameln waren ein erfrischendes Hofschranzengespann Ping, Pang und Pong. Adam Fenger überzeugte mit sonorem Bariton als Mandarin. Klaus Gerber interpretierte den Kaiser Altoum als altersschwachen, gebrochenen Mann. Der Chor unter der Leitung von Helmut Sonne , verstärkt durch Mitglieder des Coruso Chores aus Berlin, agierte als textverständlicher und beweglicher Klangkörper, an dessen sängerischer Raffinesse sich mancher Opernchor aus größeren Häusern messen lassen muss.

Allein diese Konstellation, dieses musikalische Juwel, jener Hochgenuss der italienischen Oper, würde reichen um einen Besuch in Dessau für eine konzertante Oper zu rechtfertigen. Aber ein Opernabend ist mehr als ein Konzert. In Dessau kam zu der Musik auch eine überragende Inszenierung dazu.

Andrea Moses, die für ihren „Lohengrin“ eine Faustnominierung erhielt, brachte in Dessau ihre Weimarer Turandot in einer Überarbeitung heraus. Turandot ganz ohne  Chinoiserien, ganz ohne Drachen, Phönixe und Einhörner. Die Ausstattung von Christian Wiehle verbannte in der Konzeption Andrea Moses‘ alles Asiatische von der Bühne. Das Volk von Peking mutierte zu einer entmenschlichten Gesellschaft, die nur noch für den Kick lebt. In einer, einem Fernsehstudio nicht unähnlicher Arena hält Turandot, die Showmasterin ihr großes Quiz ab. Der Einsatz ist hoch, wenn die drei Fragen nicht korrekt beantwortet werden, droht der Tod. Der Preis ist dem ebenbürtig, ein Leben an der Seite von Turandot. Und ähnlich dem Publikum von beliebten Castingshows wie DSDS, X-Faktor, etc. giert es auch in „Turandot’s Riddle Club“ nach dem Scheitern der Kandidaten. Eine elitäre Gesellschaft, ganz in schwarz-weiß, den beiden Trauerfarben der östlichen und der westlichen Welt gekleidet, erhält mit VIP-Pass Zutritt zur Arena. Das einfache Volk, die Underdogs, die Gescheiterten, von Wiehle in schmuddeliges Grau gekleidet, bleiben unter dem Spott der Elite außen vor.
Calaf ist bei Andrea Moses nicht der strahlende Held, sondern ein liebesunfähiger Egoist. Genau wie Turandot ist auch er bereit, über Leichen zu gehen, wenn er seine Wünsche und Befindlichkeiten durchsetzen will. Alle, die ihm  zu Beginn der Oper lieben, sein Vater Timur und die Sklavin Liu, sind am Ende der Oper tot. Deren Sterben hat nur einer zu verantworten: Calaf.  Und an diesem Punkt setzt die geniale Inszenierung Andrea Moses an. Es geht nicht um fehlgeleitete Liebe zwischen zwei Menschen, ihr geht es um zwei Übermenschen Nietzscher Prägung. Aus diesem Blickwinkel heraus liest sich die Partitur der Turandot wie eine Anleitung zur Schaffung eines Superhelden: Das Fehlen von Gefühlen, die Verleugnung von Liebe, die Rücksichtslosigkeit anderen gegenüber, der Wunsch im Mittelpunkt zu stehen und vor allem die Stilisierung des Ichs werden aus dir einen Superstar, hier den neuen Kaiser von China, machen.
Andrea Moses mischt die Zeiten in ihrer Turandot. Die Grundlage ist die Entstehungszeit der literarischen Vorlage. Im 18.Jahrhunderts tauchte die persische Erzählung(Haft paikar-Sieben Schönheiten, Nizami um 1140-1209)  von der grausamen Prinzessin in Paris auf. Zu einer Zeit in der Exekutionen, Folter, etc. durchaus auch noch einen Unterhaltungswert hatten. Die Welt William Shakespeares war noch nicht so weit entfernt,  der Pariser Hof bot genügend Platz für Intrigen und Skandale. Die zweite Zeitebene ist die der Entstehung der Oper. Zeitgleich zu Puccinis Alterswerk entstanden Freuds Traumdeutung, Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ aber auch Schlagerschmonzetten wie „Leila“ (Leila, küsse mich und quäle mich, denn ich liebe nur dich).  Die dritte Ebene ist unsere Zeit, die durch wachsende Brutalität, ansteigenden Egoismus und einer erschreckenden Gleichgültigkeit gegenüber Dritten geprägt ist.
Dies Alles wird von Andrea Moses ohne moralisierende Haltung dargestellt, sie weist keine Schuld zu, sie spiegelt nur das Tagesgeschehen  in überzeichneter Form.

Am Ende, wenn Turandot und Calaf zusammengekommen sind, wenn das Volk von Peking im Siegestaumel die Penner ermordet hat, knien die beiden Protagonisten am Bühnenrand und bedrohen sich in sexueller Verzückung gegenseitig mit Messern.

Der Abend endete unter frenetischen Beifall für Sänger, Chor, Orchester und das Regieteam. Ein tobendes Haus, das den Premierenabend  auch schon mit Szenenapplaus bedachte, steigerte sich in einen schier unendlichen Beifall.

Sachsen Anhalt und die Stadt Dessau besitzen in ihrem Theater einen Kulturort auf den so manches „erste“ Haus dieser Republik neidvoll schauen sollte. Für diese Turandot vergebe ich uneingeschränkt 5 Sterne, aber nur weil ich keine 6 vergeben kann.
Die weiteste Anreise lohnt sich, und wer dann das „Chinesische“ immer noch vermisst, kann danach gerne in den „Goldenen Drachen“ essen gehen.


Alexander Hauer

 



LA MUETTE DE PORTICI

André Bückers Einstand als Opernregisseur an seinem Hause muss man als großen Wurf bezeichnen. Die Grand opéra wird zwar in gekürzter Form, ohne Ballett, gegeben, zeichnet sich aber durch eine kluge Neudeutung auf höchstem musikalischen Niveau aus.

Bücker verlegt die Handlung aus dem frühen 17. Jahrhundert in die Jetztzeit, aus den spanischen Besatzern werden Mafiaangehörige, aus den revoltierenden Fischern Werftarbeiter. Der Verlust pittoresker Bilder machen aber das Bühnenbild Jan Steigerts und die stimmigen Kostüme von Suse Tobisch wieder wett. Jene Oper um Macht und Ohnmacht, um die Kraft der Schwächeren, wenn sie sich zusammenschließen, wurde bei der Uraufführung eher delektiert, hatte einen sensationellen Erfolg weltweit, und führte, der Legende nach zur Ablösung Belgiens von den Niederlanden. Dieser revolutionäre Gedanke ging in der heutigen Zeit verloren, Bücker schafft aber einen stimmigen Einblick in das System Camorra, in deren Machtstrukturen, die unter anderem auch auf der stillschweigenden Duldung und der Angst der Bürger, basiert. Schon in der Ouvertüre zeigt Bücker die Unbarmherzigkeit dieses Systems auf, wenn die Mafiaschergen um Selva ein Kind entführen, um Fenella in ihre Fänge zu bekommen.

Fenella, diese Einmaligkeit in der Operngeschichte, in der die Titelfigur nicht singt, wird von Gabriella Gilardi mit größter Expressivität getanzt. Ihr Ausdruck und ihre beseelte Körpersprache korrespondiert auf dem gleichen, höchsten Niveau ihrer Sängerkollegen.

Antony Hermus zaubert mit der Anhaltischen Philharmonie feinsten französischen Klang aus dem Graben. Das Ensemble um die beiden Tenöre Diego Torre als Fanellas Bruder Masaniello, schafft es den hohen Ansprüchen  seiner Partie das Beste herauszuholen. Sein Gegenspieler, ebenfalls Tenor, Alphonse, Eric Laporte ist ihm ebenbürtig. Alphonse Braut Elvira, jenes naive, weltfremde Mädchen, das die Beziehungen zwischen ihrem Bräutigam und Fanella nicht kennt oder wissentlich verdrängt, wird von Angelina Ruzzafante mit scheinbarer Mühelosigkeit interpretiert. Angus Wood gestaltet seine kleine Rolle als Lorenzo spannend und konzentriert. Der Star unter den Bösen ist aber Ulf Paulsen der aus Selva einen Furcht erregenden, mit eiskaltem Bariton ausgestatteten, Mafioso macht.

Auf der Seite der „Guten“ kämpfen Kostadin Arguirov, Stephan Biener und Wiard Witholt mit Masaniello gegen das System. Dieses geschlossen gute Ensemble singt auf einem Niveau, dass man nicht alle Tage zu hören bekommt. Neben den erstklassischen Solisten sei aber auch noch der von Helmut Sonne perfekt einstudierte Chor der Anhaltischen Oper erwähnt. Verstärkt durch Gäste des Coruso Chores, Berlin, unterstreicht er den mehr als perfekten Gesamteindruck des Abends.

Die Premiere endete unter frenetischem Applaus, sowohl für das Regieteam als auch für die musikalischen und tänzerischen Leistungen. Auf die DVD-Veröffentlichung sollte man sich freuen.

Bilder von Fuhr und Heysel

Alexander Hauer

 



Lohengrin

Der von vielen herbeigesehnte, von vielen befürchtete, Führungswechsel in Dessau blieb ohne große Folgen. Ja, es weht ein neuer Wind, aber die Qualität der Inszenierungen und die musikalische Leistung blieben auf dem gleichen, hohen Niveau. Dies ist mein Eindruck nach  Andrea Moses’ klug durchdachten, und von Antony Hermus außergewöhnlich transparent geführten, Lohengrin am 22. November.

Zusammen mit Andrea Moses befreite er den Lohengrin von seiner romantischen Last, Wagner, ohne seine Schwere, bekam Swing.

Andrea Moses betrachtete den Text genau, mit chirurgischer Präzision sezierte sie die Textinhalte, setzte sich auf das genaueste mit dem musikalische Subtext auseinander und schuf so zusammen mit ihre Team einen höchst aktuellen, politischen Opernabend: Der heilige Gral als Heilsversprechen um einen Krieg im Osten zu führen ( ganz aktuell, seit einige Zeit wird Deutschland auch am Hindukusch verteidigt, Danke, Herr Struck!). Nachdem die Brabanter Heinrich zunächst die Gefolgschaft für seinen Krieg gegen Ungarn verweigern, zaubert er eine weitere politische Marionette herbei. Lohengrin erscheint aus der Unterbühne, Videoeinspielungen (Chris Kondek und Jens Crull) im Stil deutscher und amerikanischer Wahlspots, unterstreichen seinen Auftritt. Andrew Sritheran ist ein stimmlich sicherer, seine Kräfte klug einteilender, baritonal gefärbter Lohengrin. Er gestaltet seine Rolle als eiskalter Machtpolitiker, durchaus bereit seine Gegner zu töten, ist sich aber seiner Rolle als Marionette von Heinrich durchaus bewusst. Dieser Lohengrin weiß schon zu Beginn an, dass er Elsa verlassen muss und wird.

Bettine Kampp ist eine psychisch labile Elsa, durch jahrelange Gefangenschaft tablettenabhängig. Sie erkennt, wen sie sich retten will, muss sie diesen Lohengrin heiraten, egal unter welchen Bedingungen. Spätestens aber, seit der Fragestellung im Brautgemach, beginnt aber ihre Emanzipation, und am Ende der Oper sieht sie als einzige das Unheil mit klaren Augen. Frau Kampps warmes Timbre und die klare Textverständlichkeit lassen diese Elsa auch musikalisch zu einem Hochgenuss werden.

Die Gegenspieler, Ortrud und Telramund (hinter jedem erfolgreichen Mann steht ein ehrgeizige Frau), Iordanka Derilova und Ulf Paulsen, sind, wie erwartet, einfach sensationell. Die schauspielerische Leistung der beiden steht  der Gesanglichen in nichts nach. Ulf Paulsen eher lyrischer Bariton hat Möglichkeit zu schon fast brutalen Ausbrüchen, Derilovas glockenklarer Sopran, der Rolle angepasst, eiskalt und wunderbar verständlich ( zum ersten Mal , nach vielen, vielen Lohengrinen habe ich verstanden, was Ortrud bei der Anrufung der alten Götter singt).

Pavel Shmulevich als Heinrich, steht in Moses’ Deutung im Mittelpunkt der Inszenierung. Seine Erscheinung ist fast zu sympathisch und seinem sonoren Bass fehlt das letzte Quäntchen an teuflischer Bösartigkeit.

Wiard Withold überzeugt als Heerrufer. Im Erscheinungsbild eines Priesters, ist er ein Einpeitscher, der es schafft, die Volksmassen auf Kriegskurs zu trimmen.

Der, durch den Coruso Chor und Extrachor verstärkte, Chor des Staatstheaters unter Helmut Sonne brilliert, wie man es sich nicht besser wünschen könnte.

Andrea Moses gelingt in der Ausstattung von Christian Wiehle ein zeitloses hochpolitisches Werk. Die Verführung des Volkes, die Abhängigkeit durch Lobbyisten und politische Willkür, waren und sind immer tagesaktuell.

Boshaft könnte man auch sagen: Nach der Wahl ist vor der Wahl.

In ihrem Schlussbild erscheint auf Heinrichs Befehl eine weitere Marionette, Gottfried, schnell zu recht geschustert mit Kindermaske. Während das Volk nun wie paralysiert gen Osten marschiert steht eine geistig nun völlig klare Elsa am Rand, die alle Avancen von Heinrich und dem Heerrufer ablehnt.

Der Abend endete unter einhelligen Jubel für Sänger und Orchester in einer klug durchleuchtetem, romantikfreiem Inszenierung.

Das Haus lud im Anschluss an die Aufführung zu einer Diskussion ein. Rege Beteiligung des Publikums  führte zu einer Auseinandersetzung mit dem Abend für beide Seiten. Regie, Dirigent und Sänger stellten sich den Fragen der Zuschauer. Kontroverse Auffassungen prallten aufeinander, blieben aber an diesem Abend von Seiten der Wagnerianer (noch) sachlich.

Alexander Hauer



ELEKTRA

Das Ende einer Ära

Johannes Felsenstein und Golo Berg machen es einem schwer. Die letzte gemeinsame Premiere am Staatstheater Dessau setzte noch einmal Maßstäbe in der zeitgemäßen und werkgetreuen  Interpretation.

Richard Strauss’ Oper Elektra bietet genügend Platz für lustige und unsinnige Regiegags. In Dessau bekommt man, was man erwartet, Strauss’scher Hardcore von der Anhaltischen Philharmonie, einer klugen Personenregie in einer fantastischen Ausstattung und ein Festival der guten Stimmen.

Elektra, die Tochter, die Agamemnon als Kind noch gekannt hat erlebte die zehnjährige Wartezeit auf die Rückkehr ihres Vaters als Martyrium. Sie wurde erwachsen ohne Vaterfigur, dafür aber mit dem machtbesessenen  Liebhaber Aegisth ihrer Mutter Klytämnestra. Ihr jüngerer Bruder Orest wurde von Verwandten aufgezogen, die noch jüngere Schwester Chrysothemis kannte ihren Vater nicht. Elektra hat auf den abwesenden Vater ein Bild projiziert, das nicht der Realität entsprach. Agamemnon war kein guter Mann. Er hat seine Frau vor und während der Ehe mehrfach vergewaltigt, opferte seine älteste Tochter Iphigenie den Göttern, um in den Krieg ziehen zu können, und kehrt nach zehnjähriger Abwesenheit mit einer Sexsklavin an den Hof in Mykene zurück. Wundert es einen dann, wenn sich Klytämnestra einen, wenn auch zweifelhaften, Liebhaber suchte?

Nun, Strauss und Hofmannsthal grenzen diesen Aspekt aus, und auch Felsenstein versucht keine tiefenpsychologische Deutung. Es beginnt mit einem Blitzschlag. Die Welt in Mykene ist aus den Fugen geraten. Der Palast ist in eine Schieflage gerutscht, genau wie die Machtverhältnisse am Hof. Im Regen versuchen die Mägde vergeblich das Blut vom Marmor des Palastes zu wischen. Elektra erwartet die Ankunft ihres Bruders Orest, der ihre Rachepläne erfüllen soll. Kammersängerin Iordanka  Derilova gibt dieser Elektra nicht nur durch unglaubliche Stimmführung, sondern auch durch ausgezeichnetes Spiel Leben. Maida Hundeling ist eine junge, fast naive Chrysothemis. Ihre Stimme erlaubt, trotz ihrer dramatischen Grundanlage, auch sanfte lyrische Töne. Karin Goltz ist eine sehr textverständliche, tieftimbrierte Klytämnestra. Ihre Panik, ihre Zänkereien mit der Vertrauten und der Schleppträgerin( Kristina Baran und Annette Ahlmann), bekommen eine beängstigende Nähe.  Vincent Wolfsteiner  ist ein feiger, übersättigter Aegisth. Nico Wouterse als Pfleger des Orest und als alter Diener überzeugt in viel zu kurzen Rollen. Das gleiche gilt für Ulf Paulsens Orest. In der Szene mit Elektra wünscht man sich, Strauss hätte statt einem Einakter ein deutlich längeres Werk geschrieben.

Mit dieser Riege überragender Sängerschauspieler gelingt Felsenstein eine mehr als überzeugende Inszenierung eines Spiels um Verzweiflung, menschliche Abgründe und Rache.

Golo Berg gelingt es, mit der auf der Bühne platzierten Anhaltischen Philharmonie, eben diese Abgründe auszuloten und  zu deuten. Dabei überdeckt er niemals die Sänger, bleibt aber stets präsent. Stefan Rieckhoffs Ausstattung, die Kostüme orientieren sich an Mariano Fortunys Delphos-Kleid von 1909, dem Premierenjahr der Oper, die Dekoration ist eine fast realistische Darstellung eines  im Zerfall befindlichen griechischen Palastes.

Nach 18 Jahren und 38 Inszenierungen verlässt Johannes Felsenstein das Staatstheater Dessau. Seine Werkdeutungen gaben dem Haus an der Mulde ein eigenes Gesicht. An diesem Profil wird sein Nachfolger gemessen werden, wünschen wir ihm dabei eine glückliche Hand.

Für mich ist diese Elektra einer der Höhepunkte dieser Opernsaison, auch der weiteste Weg lohnt sich, um dieses Meisterwerk zu erleben.

Alexander Hauer


Nächste und letzte Vorstellungen: 17.05.2009, 23.05.2009, 29.05.2009, 27.06.2009

 

 

 

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