DER OPERNFREUND - 44.Jahrgang
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Foto:Kerstin Schomburg

 

 

 

COPPÉLIA

light

Premiere am 12.10.2012

Der Sandmann von E.T.A. Hoffmann (1816, Berlin) ist eine düstere, ja, gruselige Geschichte. Das Ballett Coppélia von Arthur Saint-Léon (1870, Paris) ist eine Light-Fassung des Sandmann. Die Choreographie der Coppélia von Richard Lowe (2012, Detmold) ist die Light-Fassung der Light-Fassung. Sanft, lieb, anständig. Kindergerecht. Ein schönes Märchen, sagt die Freundin. Und die Freundin der Freundin. Und weitere Freunde und Bekannte. Warum die Premiere an einem Freitagabend und nicht - kindergerecht eben - am Sonntagmittag stattfindet, bleibt schleierhaft.

Richard Lowe hat in seiner Coppélia-Inszenierung dem Ursprungsstoff die dramatische Spannung genommen. Dem Original nach lebt die Geschichte von dem Gegensatz: Das Böse gegen das Gute. Der alte Dr. Coppélius gegen die jungen Liebenden. Der kauzige, verschlossene Doktor, der sich ein junges Liebesobjekt zusammenbastelt und - um es zu Leben und Liebe zu zwingen - die Seele eines blind verliebten Jungen rauben will, steht für das Böse. Die sich zankenden und liebenden jungen Leute, auf die Coppélius neidisch ist, bilden den Gegenpol. Aber nicht in Detmold. Hier ist Coppélius ein braver, normaler Bürger mit Frau und Kind, man würde sagen, voll integriert in der Gemeinschaft. Er hat nur eine kleine Macke, er spielt gern mit Puppen.

Das Premierenpublikum beklatscht stürmisch die junge Tanzkompanie – die Tänzer habe ihr Bestes gegeben. Wenn sie im Synchrontanzen noch einiges zu verbessern haben, wissen sie es sicherlich selbst. Die Ovationen steigern sich dann, wenn der Dirigent Mathias Wegele pars pro toto für das Orchester auf die Bühne zur Verbeugung auftritt. Erstaunlich, denn jetzt wäre ein lauter Buh-Rufer Chor angebracht. Aber nein. Als wäre nichts passiert, im Schatten der weltbekannten Detmolder Musikschule, zeigt das Orchester am Landestheater wieder mal, dass auch Profimusiker - diesmal sind es die Streicher - schlecht spielen können.

Empfehlung? Ja, wenn Sie Ihrem Kind, Enkelkind, Ihrem jungen Begleiter oder Ihrer jungen Begleiterin bunte, angenehm getanzte Bilder in ebensolcher Staffage (Bühnenbild Petra Mollèrus) gönnen wollen. Oder wenn Sie selbst nach einem Märchen suchen, es gäbe ein Märchen ohne Konflikte.

Jan Ochalski                                             

  

  

 

CARMEN

Besuchte Vorstellung am 04.10.2012

Eine Reise wert

Bizets Carmen ist ein schwieriger Stoff, gerade weil er so leicht zu sein scheint. Die Geschichte ist simpel, tausendfach in der Kunst wie im Leben erprobt: Liebe - verstoßener Geliebter - Flucht in andere Liebschaft - Eifersucht - Gewalt - das alles vor Augen der schaulustigen Menge. Dazu eine Musik, deren mehrere Motive allgemein bekannt sind, auch unter Menschen, die nicht mal wissen, was eine Oper ist. Also, beste Voraus-setzung, um mit einer illustrativen Inszenierung mit plakativen Szenen und getreuer Narration ins Kitschige abzudriften. Oder man lässt den Stoff, die Emotionen, die Dramatik der Geschichte durch Musik und Wort erzählen.

Diesen Weg ist Kai Metzger gegangen. Seine Inszenierung wirkt zuweilen wie eine konzertante Aufführung. Statische Szenen, die allein durch die Musik eine hochemotionale Spannung erzeugen. Die jeweilige Situation erklären rezitierte Fragmente der Carmen-Novelle von Prosper Mérimée. Sie machen Rezitative überflüssig, die Überschriften auf Deutsch gibt es nicht, darauf kann man gut verzichten. Die Barriere zwischen Bühne und Saal bricht, die Tragik der Geschichte gewinnt an Glaubwürdigkeit und Nähe. Wenn es auf der Bühne zu hektisch wird, wenn die Gruppenchoreographien das Bild zu sprengen drohen, sorgt das schlichte, strenge Bühnenbild von Petra Mollérus für Konzentration. Es ist eine rechteckige Vollbühne in verrauchtem Rot mit genauso rotem Bretterverschlag als Begrenzung der Spielfläche. Die Aufmerksamkeit wird auf das wirklich Wesentliche fokussiert.

Evelin Krahe als Carmen - in dieser Inszenierung teilt sie die Rolle mit Rita Lucia Schneider - ist eine konstante Größe, eine brillante, dramatische Stimme, gut für eine Opernheldin. Was weniger gut ist, ist ihr ständiges Bemühen, mit dem Schauspiel die ganze Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Zu viel berechnetes Spiel gibt es hier für all die Emotionen, die Krahe vermitteln will. Sie kokettiert die Männer auf der Bühne und das Publikum im Saal, und ist - wie es scheint - stets darauf bedacht, gut anzukommen. Dies wirkt unnatürlich und unglaubwürdig, genauso wie schon in der Inszenierung von Saint-Saëns‘ Samson und Dalila in der vergangenen Spielzeit. Dort wie hier vermisste ich die Spontanität einer echten Spielerin. Schwer zu sagen, ob das in Carmen dem Regiekonzept entspricht. Die Rolle ist doppelt besetzt, ich nehme an, dass Rita Lucia Schneider - allein aus Gründen der künstlerischen Eigenständigkeit - ihre Carmen anders spielt.

Laut, protzig, gekleidet in eine bunte Montur, mit dem typischen Berufswerkzeug in den Händen, statuarisch - der Torero Escamillo (Andreas Jören) ist die Erscheinung aus einem anderen Märchen. Wenn er in dieser Inszenierung für das Trugbild des „Schönen“ steht, dann verstehe ich die Intention der Regie: Eine gekünstelte Carmen entbrannt in Liebe zu einem Phantom. Blind. Nur ihr abgestoßener Geliebter Don José begreift die Tragik der Täuschung. Mit Entsetzen. Mit Gewalt. Er spielt nicht mit seinen Gefühlen, er zeigt sie ohne den Zwang, sie zeigen zu müssen. Glaubwürdig. Emmanuel di Villarosa in dieser Rolle ist ohne Zweifel der beste Darsteller des Abends, seine Stimme mühelos, klangvoll in ihrer ganzen Skala und Dynamik.

Die Reise nach Detmold ist immer mit einer unsicheren Hoffnung verbunden, wird‘s besser, wird‘s schlimmer… Nach einer mißglückten Inszenierung von Lortzings Wildschütz zum Ende der vergangenen Spielzeit folgt nun eine gewiss sehenswerte Carmen. Über das Orchester habe ich mich diesmal auch nicht geärgert. Seit ich die Vorstellungen in Detmold besuche, klang es noch nie so homogen und dynamisch so gut auf die Größe des Hauses angepasst, wie in der besuchten Vorstellung.

Im Stammhaus in Detmold gibt es noch Vorstellungen am 19.10., 14. und 19.12. Sonst Gastspiele in Herford, Paderborn, Gütersloh, Bocholt, Emden und Lippstadt.

Jan Ochalski                       

 

 

20. Mai 2012

GÖTTERDÄMMERUNG

Mit einer grandiosen Götterdämmerung ging der Detmolder Ring spektakulär zu Ende. Intendant Kay Metzger gab in der anschließenden Derniere-Feier bekannt, dass diese dritte Aufführungsserie definitiv auch die letzte war, lediglich mit der Walküre will man nächste Saison noch gastieren. Der Abend selbst wurde zum Triumph von Sabine Hogrefe, deren Brünnhilde in jeder Hinsicht überzeugte. Sei es nun mit ihrer intelligenten und emotionalen Rollengestaltung, bei der sie mit jeder Geste ihre Gefühle im Sinne des Librettos ausdrückte (etwa als sie mit einem spöttischen Lächeln Hagen zu erkennen gibt, dass er es nie mit Siegfried aufnehmen könne und er für dessen Tod ihrer Hilfe bedarf), sei es mit ihrem bis zum Schluss makellosen Gesang, nie unnötig forcierend, mit profunder und erotischer Tiefe, aber auch mit klaren Spitzentönen. Eine Weltklasse-Brünnhilde der neuen Generation!

Ihr zur Seite steigerte sich Johannes Harten als Siegfried nach wohldosiertem und zurückgenommenem Beginn bis zu seiner Ermordung immens. In seiner letzten Szene ließ er nach den immer besser gelingenden Strahletönen auch ein so subtiles piano in der Waldvogelerzählung erklingen, dass man sich auf die Weiterentwicklung dieses Künstlers wirklich freuen kann. Der Siegmund liegt ihm derzeit zwar sicher noch besser, aber allein die körperliche Leistung in der Serie (Loge im Rheingold, Siegmund in der Walküre und Siegfried in der Götterdämmerung) verdient Respekt.

Von Regie, Dramaturgie und Ausstattung wurde die Götterdämmerung in einer nicht allzu fernen Science-Fiction-Umgebung angesiedelt, was wahrscheinlich der Grund dafür war, dass mir deren ersten beiden Akte als die am wenigsten überzeugendsten der gesamten Produktion schienen, denn solchen Zukunftsplots kann ich leider in keiner Form etwas abge- winnen. Aber rein rational betrachtet war das Konzept in sich schlüssig: Die Giebichungen repräsentierten die herrschende Klasse mit roboterhaft agierendem Gefolge, deren Handlungen immer vom Eintippen an einer Computertastatur begleitet wird – wir sind ja nicht allzu weit davon entfernt, beobachtet man nur die Theatergäste in den Pausen, wenn sie mit ihren Smartphones ähnlich unterwegs sind. Die Natur ist in der Götterdämme- rung bereits am Kippen oder danach, es herrscht eine Eiszeit, in der die Rheintöchter und auch das übrige Volk verzweifelt in Kloaken nach Essbarem fischen und sich an Heizungsrohren wärmen, die Weltesche zeigt sich abgestorben und eingemauert. Auch wenn diese Bilder aus anderen Inszenierungen bekannt sind, die besonders geglückte bühnenbildmäßige Umsetzung und die tollen Kostüme (beides Petra Mollerus) gefielen sehr.

Als Drahtzieher spielt Hagen inmitten dieser Szenerie (in der einzig die Bedeutung der Opfertiere des zweiten Aktes nicht ganz schlüssig erschienen) sein intrigantes böses Spiel, immer wieder seiner Mutter Grimhild begegnend (Rita Gmeiner gestaltete diese stumme Rolle mit Nachdruck), am Ende ersticht sie ihn sogar. Christoph Stephinger agiert in dieser Bass-Paraderolle abseits des Üblichen: Sein Hagen ist ein cooler Technokrat, der sich seine Halbgeschwister Gunther und Gutrune als nützliche Werkzeuge sorgfältig ausgewählt hat. Stephingers Stimme passt sehr gut zu dieser Darstellung, aber insgesamt hätte er es ruhig etwas dämonischer anlegen können.

Köstliche Charaktere waren hingegen Andreas Jören, der als etwas durchgeknallter Gunther dieser oft farblosen Partie klare Konturen gab und manchmal sehr witzige Pointen setzte. Eine Luxusbesetzung bot man mit Brigitte Bauma für die Gutrune auf. Ihre Stimme, die bereits als Sieglinde gefiel, gab der künftigen Braut Siegfrieds die nötige Dramatik. Der Alberich von Joachim Goltz brachte mit seiner archaischen Figur ein ganz anderes Zeitalter in dieses Zukunfts-Szenario (wie übrigens auch der als Hippie in die Giebichungenhalle kommende Siegfried und die anfangs weiterhin in bräutlichem und bürgerlichem Weiß agierende Brünnhilde, die später ins schwarze Trauerkleid schlüpfte). Der in Wiesbaden engagierte Goltz wartete mit ganz feiner Diktion und übersprühendem Temperament auf.

Besonders stolz kann man in Detmold darauf sein, dass auch die drei Nornen und Rheintöchter aufs feinste mit eigenen Sängerinnen besetzt werden konnten: Brigitte Bauma (neben Gutrune auch als 2. Norn sattelfest), Beate von Hahn (3. Norn und Wellgunde), Catalina Bertucci (Woglinde) und Evelyn Krahe (neben 1. Norn und Floßhilde auch als Waltraute im Einsatz). Wobei es mir besonders Letzgenannte angetan hat, deren samtenes Timbre einen so gefangen nimmt, dass man sich heute schon auf ihre Carmen in der nächsten Saison freuen kann.

Ein Extralob verdient natürlich das Orchester des Landestheaters Detmold, welches in einem Mammutprogramm an den vier Abenden im Einsatz war und am Finalabend zeigte, dass auch pathetische Größe zu seinem Reper- toire gehört. GMD Erich Wächter hatte dabei vorzügliches Personal zur Verfügung und viele heiklen Solostellen gingen ohne Wackler und Rumpler ab, der Klang aus dem (unter die Bühne) erweiterten Orchestergraben war vorzüglich. Und Wächter hatte die Partitur im kleinen Finger, auch wenn es etwa im Siegfried bei einigen Ensembles Abstimmungsprobleme gab. Aber Perfektion ist nicht alles! Das gilt auch für den Chor, der nicht gerade vor- teilhaft gewandet war und etwas uneinheitlich wirkte, gesanglich gab es aber nichts auszusetzen. 

Resümee einer Woche Detmold im Teutoburger Wald:

Abseits der Debatte um die Finanzierung von Kultureinrichtungen des Landes und der Kommunen in Deutschland bewies Kay Metzger und sein engagiertes Team des Landestheaters Detmold, dass sich ihr Mut bezahlt gemacht hatte eine Inszenierung des gesamten Ringes zu wagen. Trotz beschränkter räumlicher und technischer Mittel (keine Hydraulikbühne etc.) gelang eine wirklich gelungene Umsetzung des Wagner'schen Meisterwerks, wobei die Zeitreise vom Ende des 18. Jahrhunderts bis in eine Zukunfts-gesellschaft zwar nicht neu, aber durchaus schlüssig anmutete. Kleinere Bühnenpannen sollten den positiven Gesamteindruck nicht trüben (als etwa Wotans Speer im Siegfried nicht zerbrach und Mark Morouse improvisieren musste, was am Ende aber gar nicht so übel gelang) und drei nahezu ausverkaufte Aufführungsserien sprechen auch eine sehr positive ökono-mische Sprache. Die Lösung für das Weltendrama konnte und wollte natürlich auch dieser Ring nicht bieten, aber eine kurzweilige, intelligente Regie ließen beim Besucher nie den Eindruck von Langeweile oder Fadesse aufkommen – und das ist schon was, denn auch in größeren Häusern passiert das gerade beim Ring hin und wieder. Der Kerngedanke Wagners, dass Althergebrachtes immer wieder überwunden werden muss, ist auch in der Detmold'schen Interpretation gültig. Wie dieser Weg auszusehen hat, das muss jeder der Besucher selber herausfinden. Allerdings gelingt dies leichter, wenn man nach einer Woche in so guter Stimmung ist und wenn die Sängerinnen und Sänger so überzeugend waren wie hier im Ostwest-falenland.

Ernst Kopica

 

 

17.Mai 2012

SIEGFRIED

Der Teil 3 der Wagnerschen Tetralogie im Detmolder Landestheater hielt was die ersten beiden Vorstellungen bereits versprochen hatten. Siegfried ist ja nicht gerade einfach zu inszenieren und wohl noch schwieriger zu besetzen, aber was Intendant Kay Metzger mit seinen (als Österreicher muss man ja sagen wirklich bescheidenen) Mitteln auf die Beine stellte und auf die Bühne brachte, verdient höchsten Respekt und Beachtung. Das beginnt einmal damit, dass einem die fünf Stunden wie im Flug vergingen, die ersten beiden Akte witzig, bunt, schrill und (im besten Sinne) effekthaschend waren. Und dann ein Grande Finale ,wie es im Buche steht.

Metzger setzte die Zeitreise des Ring des Nibelungen, die mit Rokoko und erstem Weltkrieg begonnen hatte, fort und lässt Siegfried in den 1960-iger Jahren spielen. Hippie-Time, Revolution, Auflehnung gegen das Althergebrachte. Der Titelheld ist ein würdiger Vertreter dieser Generation. Gemeinsam mit seinem Ziehvater Mime wohnt er in Zelt und Wohnwagen, brutale Missachtung von Traditionen ist das Seine! Ein richtiger Hooligan, der Grenzen nicht anerkennt und missachtet. Auf seine körperliche Urkraft vertrauend geht er wahrlich ohne Furcht durch seine bunte Welt. Und dann diese Neidhöhle! Ein Allerweltshäuschen, in dem Fafner wohnt und schläft und einfach seinen Schatz besitzt. An der Wand das Bild mit röhrendem Hirsch wie aus dem Versandkatalog, der Inbegriff des „Deutschen Michels“. Metzger lässt auch den drei Rheintöchtern durchaus schlüssig ihren Anteil am Geschehen des zweiten Aktes, die Stimme des Waldvogels übernimmt dabei Woglinde.

Das Grundmotiv der Weltesche ist auch hier wieder zu sehen, aber die Blätter fallen immer mehr ab, der Baum ist kaum mehr erkennbar, die Mauer rundum wird größer, die verbetonierte Natur wird beinahe körperlich spürbar. Eine Fahrt durch das nebenan liegende Ruhrgebiet ist ein schöner Vergleich. Wotans Macht ist ebenfalls dahin, das ist klar. Seine letzten Auftritte mit Erda und Siegfried lassen daran keinen Zweifel. Witzige Details in den ersten beiden Akten, etwa die Hilflosigkeit Alberichs, der in einer Telefonzelle gefangen ist und nicht an den Ring und Tarnhelm heran kann, oder die Art russisches Roulette während der Wissenswette zwischen Wotan und Mime wirken in keiner Weise aufgesetzt, sondern ergeben sich schlüssig aus dem Handlungsstrang. Metzger hat dafür einfach die richtige Theaterpranke.

Die größte Überraschung des Abends war diesmal sicherlich das Orchester des Landestheaters Detmold, das unter Erich Wächter wie aus einem Guss musizierte. Extralob für den Hornsolisten, das er sich sogar mit einem Vorhang abholen durfte, aber auch die gesamte Bläserabteilung und die Streicher – herauszuheben sind noch die ersten Geigen und die Celli – beeindruckten.

Der in Hannover engagierte Robert Künzli war ein vor Kraft strotzender Siegfried. Und diese hatte er wirklich nötig, zumindest in gesangtechnischer Hinsicht, um nach fünf Stunden Spielzeit im Finale mit seiner Brünnhilde mithalten zu können, da war es ihm zu gestatten auch hie und da einmal den Schongang einzulegen. Leicht machte es ihm die Regie ja auch nicht, musste er doch relativ oft vom hinteren Teil der Bühne singen. Aber was Künzlis Rollengestaltung so besonders machte, er war wirklich ein Revoluzzer und musste ihn nicht spielen. Ihm zur Seite hatte es Sabine Hogrefe als Brünnhilde natürlich leichter, aber ihre Wechsel vom piano zum forte muss man ihr auch erst einmal nachmachen. Auf ihre Brünnhilde in der Götterdämmerung kann man sich wirklich freuen!

(Verdienten) Riesenjubel gab es für Mark Morouse als Wanderer. Diesmal noch nuancierter als im Rheingold, auch mehr das Legato betonend und mit feineren Tönen als vor einigen Tagen. Das sonore Timbre nimmt einen einfach gefangen. Das gilt auch für die Erda von Evelyn Krahe, deren Alt wieder zum Dahinschmelzen war. Wenngleich die Rolle Alberichs im Siegfried nicht die größte ist, Gerd Vogel ließ seinen wunderbaren Bariton hören, die Gier nach dem Gold, aber auch nach den Mädchen spürte man in jeder Sekunde. Dirk Aleschus, der bei seinem Fafner wieder mit großem schauspielerischem Talent und einer noch gewaltigeren Stimme imponierte, würde man gerne in größeren Partien (ich denke da mal an den Ochs im Rosenkavalier) sehen und hören. Ein wenig enttäuscht war ich hingegen vom Mime Christian Brüggemanns, was aber nicht an dessen gesanglicher Leistung oder schauspielerischer Gestaltung lag (die war sogar große Klasse), sondern daran, dass sein Timbre und sein (zu geringes) Volumen einfach nicht in diesen Abend so recht rein passen wollte. Alles in allem aber Riesenjubel auf allen Rängen und große Vorfreude auf die Götterdämmerung am Sonntag.

Wird fortgesetzt!

Ernst Kopica

 

DIE WALKÜRE

13. Mai. 2012

Zwei Heldentode starb Johannes Harten bei der Walküre am zweiten Abend der Detmolder Ring-Tetralogie. Der erste kam aber sehr unvermutet, denn als Siegmund zum ersten Wälse-Ruf ansetzte brach die Stimme weg, der Tod eines Heldentenors! Umso erstaunlicher, dass der zweite Wälse-Ruf dann umso triumphaler gelang. Und auch in weiterer Folge hatte Hartens beachtlicher Heldentenor einige Aussetzer, offenbar war seine Stimme zu sehr ausgetrocknet, stand er doch 20 Stunden zuvor noch als Loge auf der Bühne und der Körper forderte einfach seinen Tribut. Aber das tat seiner Darstellung des Siegmunds keinen Abbruch und das Publikum akzeptierte voll, dass Sänger eben keine Maschinen sind, worauf auch die Haus-Dramaturgin Elisabeth Wirtz in der ersten Pause hinwies, als sie ankündigte, dass Harten die Partie trotz dieser Indisposition zu Ende singen wird.

Das alles hatte aber auch sein Gutes, denn es führte einem eindringlich vor Augen, wie spannend Operntheater sein kann. Man zitterte um den Siegmund bis zum ersten Finale mit und erfreute sich zugleich daran wie sehr eine blendend disponierte Brigitte Bauma als Sieglinde sich in ihren Zwillingsbruder verliebte. Intendant/Regisseur Kay Metzger hatte es im Programmheft schon auf den Punkt gebracht, als er auf die Frage antwortete, ob ein „Ring“ in Detmold überhaupt Sinn mache bei der Flut von Einspielungen, die es von diesem Werk gibt: „Es kommt darauf an wie man sich der Aufgabe stellt. Wir müssen da sauber trennen: Natürlich wird ein „Figaro“ mit den Wiener Philharmonikern immer besser sein als bei uns. Sollten wir ihn deshalb in Detmold nicht spielen? Heute sind wir leider durch perfekte CD-Einspielungen verdorben. Aber eine CD ersetzt nicht das leibhaftige Theatererlebnis!“ Besser kann man es nicht ausdrücken.

Und ebenso gut verstand es Metzger nach dem Rheingold im Rokoko auch eine Zeitepoche für diese Walküre zu finden, wo sie perfekt hinpasst, nämlich in die Zeit des ersten Weltkrieges, immerhin ist die Walküre ja die Oper der Schlachten. Mit wenigen Effekten gelang es ihm diese Kriegswirren darzustellen, Siegmund ist da nur einer von vielen Fliehenden, die im Haus Hundings Zuflucht suchen. Dass der erste Weltkrieg auch das Ende der bürgerlichen Epoche war, sah man im zweiten Akt, als der große Dialog zwischen Wotan und seiner Gattin Fricka in einem gutbürgerlichen Hause verläuft - witzig die Anordnung der gefallenen Helden in den Schrankvitrinen. Der Showdown zwischen Hunding und Siegmund spielt schließlich zwischen Stacheldrahtabsperrungen, an denen die Leiche eines gefallenen Soldaten hängt. Und die Krönung gelingt dem Inszenierungsteam mit dem Beginn des dritten Aktes: Der Walkürenritt bietet sich einem als zynische Persiflage über Krieg und Schlachten dar, auf erhöhten Sitzen thronen die Walküren (als Bräute gewandet) und knobeln darum, wer den nächsten Toten aus den (in Zeitlupe choreographierten) Gefechten nach Walhall führen darf. Makaber und beeindruckend zugleich!

Über den Siegmund von Johannes Harten kann trotz seiner Stimmaussetzer nur das Beste gesagt werden, denn er behielt die Nerven und schmetterte beim ersten Finale trotz aller vorheriger Schwierigkeiten mit voller Power: „So blühe denn Wälsungenblut!“ Brigitte Bauma, die dem Haus seit 15 Jahren angehört, fand mit ihrer temperamentvollen Sieglinde rasch zur vollen Leidenschaft und spielte mit vollem körperlichen Einsatz. So ausgelassen wirbelt das Wälsungenpaar nur selten über die Bühne. Als Hunding machte Dirk Aleschus wesentlich mehr Eindruck als am Vorabend als Fasolt, seine imposante Erscheinung korrespondierte ideal mit der profunden und sonoren Bassstimme.

Purer Luxus die Besetzung Wotans und seiner Lieblingswalküre Brünnhilde: Ralf Lukas, der in Bayreuth unter anderem schon als Melot in Tristan und Isolde zu hören war, zeigte alle Nuancen des Göttervaters, die warme und samtene Stimme passte in jeder Sekunde zum äußeren Erscheinungsbild. Absoluter Höhepunkt war aber der Monolog des zweiten Aktes, hier verstand man wirklich in welcher Lage Wotan war, wie sehr alle bisherigen Ereignisse eigentlich keine Lösung mehr gestatteten. Und ihm zur Seite eine Sabine Hogrefe, die nach einer solche Leistung eigentlich Fixstarterin an den ganz großen Häusern sein sollte. Ideal ihre wohltimbrierte Mezzolage aus der sie ohne Ansatz in strahlende Höhen gehen kann, ohne irgendwelche Kompromisse eingehen zu müssen und ohne störendes Vibrato.

Aber auch Monika Waeckerle musste sich im Vergleich zu den Hauptpartien nicht verstecken, ganz im Gegenteil. Ihre Fricka machte Wotan eindringlich klar, wo es lang zu gehen hat: Bissig, ironisch und zynisch kanzelte sie ihren Göttergatten ab, Chapeau! Und eigens erwähnt werden müssen auch die sieben weiteren Walküren (Waeckerle sang auch die Waltraute), denn das war großes Theater, was sie beim Walkürenritt zeigten. Da stimmte jede Geste, jede Nuance, Personenregie wie sie sein sollte, stimmlich einwandfrei: Karen Ferguson, Marianne Kienbaum-Nasrawi, Beate von Hahn, Rita Gmeiner, Gritt Gnauck, Uta Christina Georg und Evelyn Krahe. Das Symphonische Orchester des Landestheaters Detmold hatte mit Ausnahme einiger kleiner Rumpler beim Blech und Horn wieder sehr fein musiziert. Dirigent Erich Wächter verzichtete bewusst auf Show und Effekte und hatte nicht unwesentlichen Anteil am Erfolg. Das Publikum wusste diesen auch gebührig zu honorieren, über 10 Minuten Standing Ovations!

Wird fortgesetzt!

Ernst Kopica

 

 

DAS RHEINGOLD

12. Mai 2012

Warum kommt ein gestandener Wiener Opernbesucher nach Ostwestfalen-Lippe? Das ist ja nicht gerade um die Ecke, denn nach dem Düsseldorfflug wartet noch eine zweistündige Autofahrt ins idyllische Detmold. Schuld daran war eindeutig das Buch „Walküre in Detmold“ von Ralph Bollmann , eine journalistische Reisebeschreibung über Deutschlands Opernhäuser (das übrigens auf die Geschichte der deutschen Fürstenhäuser und die aktuelle regionale Kulturpolitik mehr eingeht als auf die kulturellen Details der besuchten Opernaufführungen). Denn als ich den Programmplan des Landestheaters Detmold für die Saison 2011/12 las, war mir klar: Den „Ring des Nibelungen“ im Teutoburger Wald musste ich sehen! Bereits zum dritten Mal wird heuer Richard Wagners Opern-Tetralogie in der Inszenierung Kay Metzgers und unter der musikalischen Leitung von Erich Wächter aufgeführt. Nachdem die ersten beiden zyklischen Aufführungen am Landestheater bei vielen Musiktheater-Fans enthusiastisch aufgenommen wurden, ging diese Produktion auch als „rollender Ring“ auf die Reise und begeisterte das Publikum an Gastspielorten wie Wolfsburg oder Paderborn.

Den Ausgang nahm der gesamte Ringzyyklus (der in der heutigen Form ursprünglich gar nicht geplant war) im Jahr 2006 mit besagter „Walküre“, die später als Buchtitel Berühmtheit erlangen sollte. Die „Götterdämmerung“ des Jahres 2009 finalisierte dann das Projekt. Vorweg die Grundidee des Regisseurs: Er siedelt die vier Abende an geschichtlich wichtigen Umbruchsphasen an, beginnend in einer Rokoko-Idylle kurz vor der französischen Revolution und endend mit einem Science-Fiction-Zukunftsszenario.

Und gleich der erste Abend bewies, dass die bisherigen enthusiastischen Stimmen über diesen „Ring“ sehr wohl ihre Berechtigung haben. Denn so schlüssig und ins Detail gehend, gleichzeitig den Ideen Richard Wagners zu 100 % Rechnung tragend, gehen auch größere Häuser selten ans Werk. Wenngleich natürlich ein Orchester in den Dimensionen von Detmold (das Haus fasst lediglich 648 Besucher) nicht alle klangmalerischen und schwelgenden Effekte der Partitur komplett umsetzen kann, GMD Erich Wächter holte stets das Maximum heraus. Der gleichzeitige Vorteil: Man braucht in keiner Sekunde den Text eingeblendet sehen, denn die Artikulation und die Akustik des Hauses gestatten es, der Oper wie einem Sprechstück zu folgen.

Der Zufall wollte es auch, dass die Eindrücke des legendären Rings Boulez/Chereau-Rings aus Bayreuth (lief in der letzten Woche im österreichischen Fernsehen) und des Thielemann-Rings aus der Wiener Staatsoper im Vorjahr (war auf dem Radiosender Ö1 zu hören) noch frisch im Ohr des Rezensenten waren. Aber die Detmolder Eindrücke hielten bereits am ersten Tag mit den großen Vorbildern mit. Was mich am meisten begeisterte war die Tatsache, dass im „Rheingold“ nicht weniger als sieben Partien mit Mitgliedern des örtlichen Ensembles besetzt werden konnten. Dazu kamen mit dem in Wiesbaden engagierten Joachim Goltz und dem Bonner Ensemblemitglied Mark Morouse zwei hochkarätige Gäste.

Bleiben wir gleich bei den gesanglichen Leistungen, denn hier muss wohl an erster Stelle Joachim Goltz hervorgehoben werden: Sein Alberich hatte alles, was diese Bariton-Partie braucht: Textverständlichkeit, Erotik und Dämonie, klare Höhen! Wie er seinen Werdegang vom ursprünglichen Lüstling, der Buben und Mädels gleichermaßen nachstieg, zum verschmähten Besitzer des Rheingoldes darstellte, der schließlich von Loge hereingelegt wurde, das war mehr als beachtlich. Da störte auch ein kleiner stimmlicher Ausrutscher überhaupt nicht. Und Mark Morouse ließ mit seinem Wotan ebenfalls keinen im Publikum unberührt. Ihm zur Seite komplettierten Andreas Jören (ein kultivierter Donner), Florian Simson (als dandyhafter Froh), Monika Waeckerle (eine überhebliche Adelige in jeder Sekunde) und Marianne Kienbaum-Nasrawi (ich habe selten eine so toll spielende Freia gesehen, die nach der Ermordung Fasolts reif fürs Irrenhaus ist) das Göttergeschlecht.

Etwas zwiespältig die Besetzungspolitik des Loge: Johannes Hartens heldentenoraler und stets forcierter Gesang passte nicht so recht zur Gestaltung des Strippenziehers Loge, der als in Purpur gewandeter Bischof auch die Rolle der Kirche als Machthaber zeigen sollte. Wie sehr die Inszenierung des Detmolder Intendanten Kay Metzger (Ausstattung Petra Mollerus) auch Witz und Humor hatte zeigten etwa der allseits bewährte Dirk Aleschus (als naiv verliebter Fasolt) und Patrick Simper (als goldhungriger Fafner), die alleine durch ihren Größenunterschied unterschiedlicher nicht hätten sein können. Markus Gruber war eine sichere Bank für den unterdrückten Mime. Der Anfang und das Ende des Rheingolds gehören den Rheintöchtern und waren bei Catalina Bertucci (Woglinde), Beate von Hahn (Wellgunde) und Evelyn Krahe (Floßhilde) in den besten Händen, wobei der letztgenannten ein besonderes Kompliment gemacht werden muss. Sie schlüpfte nämlich im Mittelteil auch noch in die Rolle der Erda und ließ dort einen so gewaltigen und in der Tiefe unheimlich sinnlichen Alt erklingen, dass man ihr eine große Karriere wünschen und wohl auch prophezeien kann.

Gewöhnungsbedürftig war natürlich der Beginn des Stückes, als in den 136 Takten Vorspiel der Vorhang bereits geöffnet war und Wotan beim Trinken aus dem Brunnen der Weisheit gezeigt wurde (was ihm das eine Auge kostete) und er dann den Ast der Weltesche abbrach, um in ihn die Runen (Gesetze) zu ritzen. Vielleicht litt dadurch etwas das Hörvergnügen des pastoralen Es-Dur-Dreiklangs, dem Verständnis der Story tat dieser Einfall aber gut. Und auch einige anderen szenischen Details können hier verraten werden, da dies nach Auskunft der Dramaturgie des Hauses definitiv die letzte Aufführungsserie des Rings ist. So sieht man etwa zu Beginn auch Wotan den Mädels an die Wäsche rücken, womit auch sein Seitensprungverhalten schlüssig wird. Die Riesen wiederum sind Vertreter des neuen Bürgertumes und werden vom Adel, der seine Macht um jeden Preis erhalten will, entsprechend herablassend behandelt. Hinter den Riesen marschieren aber auch gleich die Bauarbeiter, welche Walhall errichteten, mit und unterstützen die Forderung nach der Bezahlung eindringlich, aber vergeblich. Und auch das Finale lässt einen dann noch ein wenig schmunzeln, gar nicht so übel nach 2 ½ Stunden! Denn beim Einzug nach Walhall enthüllt Wotan ein Bauwerk, welches sich als das Hermannsdenkmal herausstellt, das sich in wenigen Kilometer Luftlinie befindet! Jubelstürme für alle Beteiligten, der bei Glotz, Krahe und Wächter noch eine Steigerung erfährt.

Wird fortgesetzt!

Ernst Kopica

 

 

 

SAMSON UND DALILA

Besuchte Premiere am 16.12.2011.

Bemerkenswerte Produktion

Wenn auf der Detmolder Sprechtheaterbühne Orest und Pylades - als US-Soldaten verkleidet - in Goethes Versen dem Publikum weismachen wollen, dass sie nicht Iphigenie sondern die Ausbeutung der Erdölfelder im Sinn haben, - wenn in Saint-Saëns‘ Samson und Dalila Inszenierung in Nürnberg palästinensische Selbstmordterroristen unter Dalilas Bett des großen Knalls harren, - wenn schließlich in der Bibel steht, dass die Handlung der Oper Samson und Dalila in Gaza spielt, dann ist die Angst berechtigt, dass wieder ein Bühnenstück zum Zweck der Stellungnahme zu aktuellen Politthemen pervertiert wird. Als gäbe es nicht die Freiheit, selbst ein aktuelles problembezogenes Stück zu schreiben… Zugegeben, dies ist keine leichte Aufgabe. Die profitorientierten Verlage machen da nicht mit, die zum Sparen verdammten Theaterhäuser umso weniger. Also?.. Viel einfacher ist es, die piepsige Stimme zu erheben hinter dem Schild der großen Namen und großen Werken.

Von solchen Gedanken geplagt fahre ich zur Premier von Camil Saint-Saëns Samson und Dalila nach Detmold. Und was für eine Überraschung: Roland Velte inszeniert Samson und Dalila als Samson und Dalila. So, wie Saint-Saëns es komponiert und sein Librettist Lemaire geschrieben hat. So, wie es in der Bibel steht.

Es ist ein Wagnis, diese grandiose symphonische Oper, die von einer konstanten Dramatik der Musik und großflächigen Szenen lebt, in dem kleinen Theater aufzuführen. Und es ist eine bemerkenswerte Produktion. Das Detmolder Haus hat sich für die deutschsprachige Fassung der Uraufführung in Weimar 1877 entschieden. Dass man den gesungenen Text kaum versteht, stört nicht allzu viel – die biblische Geschichte ist allgemein bekannt.

Die Rolle der Dalila singt und spielt Evelyn Krahe.  Sie verfügt über eine brillante, dramatische Stimme, die mühelos ins Laszive wechselt - gut für solche herausragenden Opernheldinnen. Fast zu gut für all die Emotionen, die sie mit dieser Rolle vermittelt. Denn ihr fehlt die Spontanität einer Spielerin. Die Gestik ist bis zur Perfektion einstudiert, jede Bewegung sitzt, als sei sie das Ergebnis einer intensiven Übung und nicht der intuitiven Handlung. Dies wirkt unnatürlich und unglaubwürdig. Zu überlegt und zu perfektioniert ist diese Dalila, um Erotik, Wut, Schmerz, Habgier, Angst überzeugend zu vermitteln.

Wie erschütternd dagegen die Vergewaltigungsszene jüdischer Frauen. Ohne Eimer voller Blut und Fäkalien a la Barry Koskys und gar ohne die bei Opernregisseuren beliebte szenische Kopulationsgymnastik, entsteht das Bild des Grauen - weil es nicht eins zu eins auf der Bühne zu sehen ist, sondern in der Vorstellungskraft des Zuschauers entsteht. Dies trifft auch auf Massenszenen mit einer gut überlegten, nicht aufdringlichen Gruppendynamik zu. Die Musik liefert Dramatik genug, die der Chor (einstudiert von Marbod Kaiser) großartig vermittelt.

Samson (Johannes Harten), der biblische Riese mit der gewaltigen Haarpracht, wirkt schwach. Er ist ein etwas übergewichtiger Bub, dem es eher nach einer gemütlichen Kuschelecke ist als nach Bergeversetzen. Seine Kraft verdankt er nicht seinen Muskeln, sondern dem Willen Gottes, glaubt er. Soll der Kontrast seiner geglaubten Stärke zu der erotischen Macht der Schönen die Abgründe des Verrats und der Täuschung zeigen? Der schwache Starke wird zum starken Schwachen? Dieses Konzept der Inszenierung scheint bei dieser Samson-Besetzung aufzugehen - wenn es ein Konzept und nicht nur ein unbeabsichtigter Zufall ist. Samson gewinnt erst an Glaubwürdigkeit – und szenischer Präsenz -, indem er sein Haar und sein Augenlicht verliert. In seiner Schwäche, seiner Verstümmelung zeigt er mit sparsamer Gestik die Stärke seiner Rolle. Hier ist deutlich weniger mehr.

Dass der Oberpriester (Andreas Jören) zum Teufel wird, ist - in dieser Geschichte zumal - gewünscht. Seine klang- und kraftvolle Stimme drückt die Gewalt des Bösen aus. Dass er zuweilen unnötig in clowneske Mimik verfällt, mildert nur ein wenig seine szenische Glaubwürdigkeit. In einer kleinen Szene zeigen er und der Regisseur Sinn für Witz und Ironie: Der Erzengel Michael kämpft mit dem Oberpriester des Dagon, der sich für diese Episode in einen Fledermaus-Teufel verwandelt. Das Gute kämpft gegen das Böse. Das Böse gewinnt - was die Frage aufwirft, ob das Gute wirklich das Gute, oder vielleicht nur das andere Böse, ist. Dass in der Bibelgeschichte der Engel triumphiert, dass er „das Gute“ sein muss, verdanken wir ja den Moralisten der Antike.

Fazit: Eine gute originalgetreue Inszenierung mit vielen musikalischen Höhenflügen in einem kleinen Schmuckstück der Theaterarchitektur der Kaiserzeit. Es lohnt sich, hinzufahren, vorausgesetzt, dass man noch Karten bekommt.

Jan Ochalski

 

 

 

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