DER OPERNFREUND - 44.Jahrgang
Startseite
Impressum
Urheberrecht OF
---
Wagnerjahr 2013
Gastkommentar
BILSING in Gefahr
PIONTEKs Bayreuth
Die STEINBACH-Seite
---
Der OF-Stern *
Die OF-Schnuppe #
----
Blühender Bockmist
Kontrapunkt
Vermischtes
----
Ausstellungen
PLATTEN & BÜCHER
BALLETT
KONZERT
-----
Oper:
Oper im Fernsehen
Aachen
Amsterdam
Andechs
Annaberg Buchholz
Antwerpen
Arnheim
Augsburg
Baden bei Wien
Baden-Baden
Bamberg Sommeroper
Basel
Basel - Casino
Bayreuth div.
Bayreuth Festspiele
Bergamo
BERLIN
Bern
Bielefeld
Bochum
Bonn
Bozen
Ära Weise 2003-2013
Bratislava
Braunschweig
Bregenz Festspiele
Bremen
Bremerhaven
Brüssel
Budapest
Chemnitz
Chicago
Coburg
Coesfeld
Colmar
La Coruna
DAMSTADT
Dessau
Detmold
Dortmund
Dresden
Dresden Operette
Duisburg
Düsseldorf
D Tannhäuser Skandal
Eisenach
Enschede
Erfurt
Erl 2012
Erlangen
Essen
Essen WA
Eutin
FRANKFURT
Freiberg
Freiburg
Fürth
Gelsenkirchen
Gent
Giessen
Görlitz
Graz Oper
Graz Styriarte
Hagen
Halberstadt
Halle
Halle Händelfestsp.
HAMBURG
Hannover
Heidelberg
Heidenheim Festsp.
Heilbronn
Heldritt
Hildesheim TfN
Hof
Gut Immling
Innsbruck Landesth.
Innsbruck Festwochen
Bad Ischl
Jennersdorf
Kaiserslautern
Karlsruhe
Karlsruhe WA
Kassel
Kiel
Kiew
Klagenfurt
Klosterneuburg
Koblenz
Köln
Kölner Kinderoper
Krefeld
Landshut
Leipzig Oper
Leipzig Mus. Komödie
Leverkusen
Linz/Donau
Ljubljana/Laibach
Ludwigshafen
Lübeck
Lübeck Musikhochsch.
Lübecker Sommer
Lüneburg
Lüttich/Liège
Luxemburg
Luzern
Magdeburg
Mailand
Mainz
MANNHEIM
Maribor/Marburg
Martina Franca
Massa Marittima
Meiningen
Minden
Minsk
Mönchengladbach
Mörbisch
Monte Carlo
Moskau Bolschoi N St
MÜNCHEN
Münster
Nordhausen
Novara
Nürnberg
Oldenburg
Oslo
Osnabrück
Ostrau
Palermo
Paris Bastille
Passau
Pesaro
St. Petersburg
Pisa
Pforzheim
Plauen
Posen
Potsdam
Regensburg
Rendsburg
Riga
Saarbrücken
Salzburg Festsp 2013
Salzburg Landesth.
Sankt Gallen
San Francisco
Sassari
Schwerin
Schwetzingen
Sevilla
Solingen
Straßburg
Stuttgart
Stuttgart WA
Tecklenburg
Trier
Triest
Turin
Ulm
Valencia
Venedig Malibran
Venedig La Fenice
Verona Arena
Weimar
WIEN
Wiesbaden
Wildbad
Winterthur
Wunsiedel
Wuppertal
Würzburg
Zürich NP
Zürich WA
Zwickau
-----
Interviews-Porträts
In memoriam
Martin Achrainer
Julia Amos
Mikael Babajanyan
Sebastian Baumgarten
Nic. Beller-Carbone
Marcus Bosch
Johan Botha
Michelle Breedt
Thorsten Büttner
Arturo Chacón-Cruz
Miriam Clark
Yen Han
Gregor Hatala
Hansgünther Heyme
Stefan Herheim
Frank Hilbrich
Guido Jentjens
Hyuna Ko
Joseph E. Köpplinger
Lothar Krause
Michael Lakner
Bettina Lell
Aiste Miknyte
Vera Nemirova
Benedikt von Peter
Harie van der Plas
Marysol Schalit
AlexandraSamouilidou
Irina Simmes
Michael Spyres
---
ARCHIV A - D
ARCHIV E - K
Archiv L - R
ARCHIV S - Z
ARCHIV weitere
Archiv Interviews
---
Unsitten i.d. Oper
Musikerwitze

Foto:Kerstin Schomburg

www.landestheater-detmold.de

 

 

 

JENUFA

Premiere: 7. Februar 2014

Taliban-Philosophie und -Moral im mährischen Dorf.

„Muss das böhmische Dorf so trist sein?“ – schrieb jemand nach der Premiere in das Gästebuch des Landestheaters.

Es muss nicht trist sein, es ist nur eine triste, und doch keine ungewöhnliche, Geschichte, die sich in einem mährischen (nicht böhmischen!) Dorf Ende des 19. Jahrhunderts abspielt: Jenufa wird schwanger von einem Mann, der sie nicht liebt und fallen lässt. Und der Mann, der Jenufa liebt, verstümmelt sie mit dem Messer. Weil er sie liebt. Kein Grund, dass das Dorf trist ist. Im Gegenteil, ein solcher Vorfall wird strengst geheim gehalten, und die Menschen feiern, mal mit mal ohne ersichtlichen Anlass. Bunt, fröhlich, ausgelassen.

Hier beginnt das Missverständnis. Die Regie (Dirk Schmeding) hat sich für eine allgemeine Tristesse entschieden, im Einklang mit deprimiert farblosen Bühnenbild und Kostümen (Susanne Ellinghaus). Der Blick in die Kulturgeschichte, oder einfacher, der Blick in die Literatur der Jenufa-Zeit, zeigt die typische Eigenart der kleinbürgerlichen Moral, von der auch ein mährisches Dorf nicht frei ist: Erotische Leidenschaft ist die Schande für die Frau und das selbstverständliche Vergnügen für den Mann. Die Schwangerschaft ohne den Segen der ausgerechnet zeugungsabstinenten Priester wird zur Lebenskatastrophe der Frau. Das Natürlichste im Menschenleben, die Zeugung und Geburt eines Kindes, wird so zur ungeheuerlichen Schande. Soweit stimmt das Theaterbild.

Doch je größer diese Schande, umso pompöser, bunter und schöner der Besen, der sie unter den Teppich kehrt. Nach außen hin muss das Dorf, oder die betroffene Gemeinschaft, Glück, Freude, Unbekümmertheit vortäuschen: Nichts ist passiert, alles ist gut. Prüderie pur. Die Dramatik der Janacek-Oper – und der literarischen Vorlage von Gabriela Preissova – liegt in diesem krassen (auch im audiovisuellen Sinn) Widerspruch zwischen der Tragödie Jenufas und ihrer Ziehmutter einerseits, und dem bunten ausgelassenen Treiben der ahnungslosen oder wegschauenden Dorfgemeinschaft anderseits. Die Detmolder Inszenierung lässt aber den Eindruck entstehen, dass alle Beteiligten von Anfang an mit der Last der Mitwisserschaft und Mittäterschaft zu schaffen haben. Oder… Wollte der Regisseur hier – auch durch die Verlegung des Geschehens in eine nicht näher unbestimmte moderne Zeit – andeuten, wie dünn unsere Zivilisationsdecke ist, wie nah es ist zu einem Rückfall in die Taliban-Philosophie und -Moral?

Dem trist bedrohlichen Ton des Bühnenspiels fügt sich auch die Orchesterführung (Lutz Rademacher): Wenig nuanciert, sehr auf die (programmatische) Expression, und weniger auf Janaceks positivistische Volksmusik-Empathie bedacht, die ja auch sehr lyrisch und farbenfroh ist. Die Sänger (Jana Havranova als Jenufa, Andrea Baker als Küsterin, Ewandro Stenzowski als Stewa, Heiko Börner als Laca – um nur die vier wichtigsten Protagonisten zu nennen) müssen oft in ihren nicht gerade leichten Parten gegen das forte des Orchesters ankämpfen. Was gut dabei, sie verlieren trotz alledem nicht ihre hohe Stimmqualität.

Was auf Unverständnis stößt, ist die Entscheidung, Jenufa auf Deutsch aufzuführen. Nach dem fragwürdigen, auf Deutsch gesungenen Gianni Schicchi, ist nun Jenufa die zweite in Folge Produktion in Detmold, die die Originalfassung umgeht. Mag die Übersetzung von Max Brod auch so kongenial sein, der deutsche Text ist ein fonetischer Fremdkörper, der allerdings dem Regiekonzept (grau & grausam) folgt. In seinem Werk setzt Janacek die verbale Volksart in die Tonsprache der Musik um: traurig – tragisch – spielerisch – lustig - komisch. Er sublimiert ihre Sinnlichkeit bis zu einer raffinierten Harmonie der Musik und des Wortes. Der gesungene Text wird im Original zur „Wortmelodik“, einem Begriff der Musikgeschichte, den er mit kreiert hat. Die Übersetzung in eine klanglich andere Sprache zerstört sie. Nur einmal singt Jana Havranova eine Arie auf Tschechisch, zu wenig Gutes für eine gelungene Produktion.

Jan Ochalski 15.1.14                                     Fotos Landestheater/Lefebvre

 

 

 

 

IL TRITTICO

Besuchte Premiere 18.10.2013

Eine Perle des Musiktheaters – in fremder Fassung

Jedem Regisseur, der eine Oper – zumal eine wenig bekannte – in der deutschen Übersetzung und ohne Übertitel inszeniert, sei es geraten, vor der Premiere eine zufällig ausgewählte Gruppe von Menschen ins Theater einzuladen. Sie sollten sich die Produktion anhören und sagen, was und wie viel sie von den gesungenen Texten verstanden haben. Ohne eine solche Verständlichkeitsprüfung könnte es so laufen, wie just in Detmold, wo sich Ernö Weil für eine deutsche Textfassung von Puccinis Gianni Schicchi entschieden hat: ein etwas verstümmeltes Meisterwerk. Mehr darüber gleich.

 

IL TABARRO

Gesungen in der Originalsprache, gespielt in einer sehr realistischen Szenerie: Eine Barkasse am Seine-Kai in Paris (Bühnenbild Petra Mollérus), stummes Leiden eines Mannes, dessen Frau das Leben auf dem Wasser satt hat und von einem kleinen Häuschen mit Garten träumt, allerdings zusammen mit einem anderen Mann. Das Drama der nicht ausgelebten Lebensvorstellung, auch wenn es nur der Traum vom Kleinbürger-Glück ist. Der Skipper schweigt, sein Lebensbild ist zerstört. Nichts will so sein, wie seine Vorstellung von Frau, Kind, Arbeit. Kind ist gestorben, Frau liebt einen anderen. Er verlangt nur: Sei meine Liebste! Fragt aber: Was willst du von mir? Und urteilt: Dirne! Der Ausdruck der Ratlosigkeit eines Mannes, der die Liebe seiner Frau für sein selbstverständliches Eigentum hält, und doch unfähig ist, Gedanken und Gefühle auszusprechen. Ihm bleibt nur das Verbrechen, der Mord, als Folge von Missverständnissen. Missverständnisse als Folge der Schweigsamkeit, Schweigsamkeit als Folge der Gedankenlosigkeit. „Du hast recht, man sollte niemals denken“, sagt er.

Bedenken Sie: Der Inhalt der meisten Opern sind literarische und musikalische Berichte von Gewaltverbrechen. Und zwar mit 100% Aufklärungsquote. 

In der Rolle des Skippers Michele James Tolksdorf, in der seiner Frau Giorgetta, Marianne Kienbaum-Nasrawi, ihres Geliebten Luigi, Daniel Magdal, ein stimmgewaltiger Tenor, der in einigen Szenen der Zärtlichkeit den Eindruck erweckt, er wolle seine Geliebte gegen die Pariser Kaimauer schmettern, und das in einem starken Kontrast zum Orchester, das besonders in Il tabarro, wo die manchmal an die Gleichgültigkeit des Alltags grenzende, manchmal sanfte Stimmung und die emotionale Spannung sich rasch abwechseln. Diese Opernminiatur ist dynamisch sehr differenziert, das Drama spielt nuancenreich, deutlich zu hören das Phänomen der Opernwerke Puccinis – das Orchester spielt nicht nur Musik, die Musik des Orchesters spielt das Theater. Das Akustische wird zu einem fast materiell greifbaren Spiel, was das Orchester unter Lutz Rademacher, dem gerade neu engagierten Generalmusikdirektor des Landestheaters Detmold, diesmal perfekt umsetzt. Guter Einstand, Herr Rademacher.

 

SUOR ANGELICA

Als Folge einer Liebesnacht, die den Himmel verspricht und mit Mutterschaft endet, muss Angelica das Kind gleich nach der Geburt abgeben und selbst ins Kloster gehen. Der „Schänder“ heiratet ihre viel jüngere Schwester, una piccola bambina - also ein Kind. Und das alles mit der Zustimmung der hochadeligen Familie und der Kirche. Die Familie nimmt mit Angelica nach sieben Jahren absoluter Isolation und Totalüberwachung („Maria hört alles!“ was bedeutet, Priorin hört alles) Kontakt auf, weil sie ihre Unterschrift in Erbangelegenheiten braucht. Mutterschaft und Moral stehen auf höchst unterschiedlichen Positionen. Die Tragödie einer Mutter, der Mutterschmerz, ist die Strafe für die Mutterschaft. Der Glaube an diesen Zusammenhang treibt Angelica in den Selbstmord.  

Das Bühnenbild beschränkt sich auf schlichte, grau angerauchte Wände mit Zellentüren, nur das Licht deutet Änderungen in Zeit und Raum an – beeindruckende Arbeit von Eva-Nadin Krischok. Darin der weißgekleidete Chor der Nonnen – eine formlose Masse, die sich ausbreitet, zusammenzieht, pulsiert und wieder erstarrt – ein Hintergrund des Dramas, das sich nur auf die Titelheldin konzentriert. In dieser Masse gefangen ist sie allein mit ihrem Schmerz. Ergreifend Marianne Kienbaum-Nasrawi in der Rolle der Angelica. Sie spielt mit Andeutungen, Schemen, mit einer Stimmzurückhaltung, die die Dramatik noch steigern lässt. Schade nur um die Schlussszene: Marianne Kienbaum-Nasrawi verlässt die dramatisch wirksame Zurückhaltung und robbt in konvulsiver Agonie ihrem Kind entgegen, das leibhaftig aus der Kulisse vortritt. Leider kitschig dies.

 

GIANNI SCHICCHI

Der Tod ist für sich schon ein trauriges Ereignis. Als das Thema einer Geschichte garantiert er a priori Traurigkeit. Darüber eine Komödie zu schreiben, ohne der Pietät zu schädigen, ist eine raffiniert intelligente Kunst. Das Libretto hat Giovacchino Forzano frei nach Dante gedichtet, Gunter Selling hat es ins Deutsche übersetzt, und diese Deutschfassung hat das Detmolder Ensemble an das Publikum weitergegeben. Oder besser: weiter geben wollen. Denn – was anfangs erwähnt -, der Text kam im Publikum stellenweise unverständlich an. Puccini hat zum Original-Wortwitz die Musik geschrieben, für ihn waren das Wort und die Musik eine Einheit, ein Theater. Expression und Witz, sprudelnde Komik entstanden aus der Symbiose von Sprache und Musik: Unterhaltsam Szene für Szene, jede Rolle ein Charakter, publikumswirksam, intelligent, komisch, köstlich, eine Perle des Musiktheaters. Das gilt für die Detmolder Inszenierung mit einiger Einschränkung. Der deutsche Text – falls er überhaupt verstanden worden ist – klang hier wie, hm... wie eine Fremdsprache.  

Natürlich hat das Publikum begeistert reagiert – nur einige kurze Gespräche im Foyer erklärten dies: Kaum jemand kannte diese Oper. Nie gesehen, nie gehört. Daher der begeisterte Empfang. Zu Recht. Diese Oper lebt mit der Komik und Verschlagenheit der Protagonisten, wird in einem rasanten Tempo erzählt, und zwar mit allen Mitteln, die ein Opernhaus und das ganze Team zu Verfügung haben. Das klappt auch in Detmold. Denn auch ohne die Sprachnuancen, ohne den Klangwitz der italienischen Dialoge ist diese Komödie leicht verständlich. Und das reicht schon in vielen Fällen für einen Erfolg, besonders wenn man keine Vergleichsskala kennt. Aber, wenn man so verwöhnt ist, wie ich – ich kenne nicht nur mehrere Inszenierungen, ich kann einige Original-Passagen auswendig auf Italienisch mitsingen – schreit man nach mehr. Nach mehr Witz, nach Wortwitz! Nein, ich habe nichts gegen Überraschungen, ich will nur, dass der Text, in welcher Sprache auch immer – verständlich bleibt. Mit allen Feinheiten der Dichtung, wenn es sie gibt. Das wird leider von keinem Theater garantiert, falsche Diktion, Akzent, Dominanz des Tons über dem Text, etc. etc. führen manchmal zu dem Schluss, die Singenden wissen nicht ganz, welche Rolle sie singen, sie wissen nur, welche Noten sie singen. 

So zum Beispiel die Firenze-Arie, eine heimliche Hymne an die Stadt, oder der gesungene Stadtführer. Sie – einer der Höhepunkte der seltenen Soli - bleibt fast unbemerkt. Hyungseung You bemüht sich zu sehr, Attribute seiner voluminösen, tragenden Stimme zu zeigen, statt mit der Stimme Attribute seiner Rolle. Sehr krass dies am Premierenabend im Schlussduett Lauretta – Rinuccio. You vergisst die Rolle, ist nur ein Sänger. Dafür bleibt Vera-Lotte Böcker mit ihrer sanften, warmen Stimme und klaren Führung ihrer Rolle, immer noch die glückliche, schelmische Lauretta. Auch das übrige Ensemble (Gianni singt und spielt Andreas Jören) zeigt sich gut in der Spontanität der chaotischen Ratlosigkeit, der fast ununterbrochenen Komik der Gruppe.

Jan Ochalski, 26.10.13                             Fotos: Landestheater/Lefebvre

 

 

 

WEST SIDE STORY

Premiere: Freitag, 13. September 2013

Gegen veraltete Musical-Inhalte setzt man am besten die Spielfreude junger Darsteller. Wovon sonst könnte man sich einen Erfolg versprechen, wenn man mit einem Stoff arbeitet, der vor 70 Jahren – mit Vorbehalt - als aktuell galt? West Side Story ist ein Musical, dem das Pionierhafte nachgesagt wird. Doch die Story, die in den 1950er Jahren die Kämpfe der kriminellen Straßenbanden theatralisch darstellen wollte und sie nie glaubwürdig darstellen konnte, verliert angesichts der heutigen Straßenkriminalität ganz den kritischen Kontext. Was bleibt sind Musik und Ballett, die Evergreens und die groß aufgebauten, dynamischen Tanzszenen. Ganz im Sinne von Leonard Bernstein und Jerome Robbins.

Das Werk entstand in den Köpfen von einem Choreographen und einem Musiker, und zwar in dieser Reihenfolge, und nicht in den Köpfen von Sozialarbeitern, Polizisten oder Jugendpsychologen. Der Choreograf Robbins sah die Gruppendynamik einer Straßenbande als Gruppendynamik der Balletttänzer auf der Bühne, der Musiker Bernstein die Spannung der Kontrapunkte: „Zwei Banden, aufeinander prallende dynamische Kräfte - ich habe sie vor Augen, ich spüre Rhythmen.“ Um daraus ein vorzeigefähiges Spektakel zu machen, brauchten sie nur noch eine zu diesem Rahmen passende Story.

Das Beste, was ein Stück universal macht, sind – seit es Liebe und Theater gibt – die Liebesgeschichte mit Hindernissen und die traurige Schönheit des Todes aus Liebe. Es sollte – nach Bernstein – eine moderne Version von Romeo und Julia werden. West Side Story ist ein Werk, das sich vorwiegend der Musik bedient: Bernstein war ein genialer Musiker, aber kein genialer Musik-Theatermacher. Die Musik gibt die Vorstellung, das Orchester und die Sänger mit ihren Songs voller Ohrwurm-Melodik. Die Story bleibt zweitrangig, sie ist ein Mittel, das das Theatergeschehen zusammenhält.

Die Detmolder Inszenierung (Regie Kai Metzger, Choreografie Richard Lowe) geht den einfachen, risikolosen Weg: Sie hält sich weitgehend an die Inszenierung der Uraufführung vor knapp 70 Jahren. Die Gruppenchoreografien wechseln sich mit den Songs ab, die Dialoge dazwischen sind nur ein Füllstoff. Diese dramaturgische Tücke kann die Regie nicht umgehen: Was macht man mit der Tanzkompanie, die nicht tanzt? Sie muss eine simpel gestrickte, durchschaubare Geschichte mimen. Das sind die Schwachstellen der Detmolder Inszenierung, Passagen, die den schnellen Fluss bremsen. Sobald das Ballett zum Sprechtheater wird, schwächelt das Tempo, die Spannung fällt. Man wartet auf das Fortkommen, wartet, bis wieder getanzt und gesungen wird. Ein Plus für die Choreografie, dass die statischen, manchmal nicht ganz verständlich gesprochenen Gruppenszenen, sich wie zufällig in Tanz auflösen. Dann lebt die Bühne auf, dann lebt auch die erzählte Geschichte weiter. Dass bei der geordneten Gruppen-Choreografie etwas chaotisch zugeht, stört nicht, schließlich stehen die Tänzer sinnbildlich für gesetzlose gewaltbereite Straßenbanden. Dem Tanzensemble, das für diese Produktion dank Sponsorengeldern mit externen Künstlern verstärkt wurde, merkt man deutlich die Freude am Spiel; hier besonders auffallend Stevie Taylor, vom Publikum gefeiert für ihren Sinn für Humor.

Katharina Ajyba glänzte als Maria-Darstellerin, an ihrer Seite agierte Kai-Ingo Rudolph als Tony. Ich meine, Katharina Ajyba würde in einer Opernrolle noch mehr glänzen; in West Side Story kontrastiert Ihre kraftvolle, reife Stimme zu deutlich mit dem Musical-Sound des Ensembles und mit der Rolle eines sehr jungen, ja unerfahrenen Mädchens.

Das Bühnenbild von Petra Mollérus verdeutlicht den Ort des Geschehens: Öde graue Betonblöcke werden zu Räumen, Wänden, Straßenwinkeln, Brückenpfeilern zusammen- und auseinandergeschoben.

Das Orchester (musikalische Leitung Matthias Wegele) hat mit der Akustik des kleinen, schmucken Landestheaters ein Problem: Die Bläser, in dieser Bernstein-Musik oft forte eingesetzt, klingen im Verhältnis zu anderen Instrumentengruppen so schrill, dass ich es nicht wagen kann, von einem Klangkörper zu sprechen, sondern vielmehr von Klangkörperteilen. Da müsste man noch viel Feinarbeit leisten und vielleicht mehr darauf achten, wie der Klang im Orchestergraben in Zuschauerraum ankommt.

Jan Ochalski                                      Fotos: Landestheater /Björn Klein

 

Weitere Vorstellungen: So 29.09./ Fr 11.10./ So 13.10./ So 03.11./ Sa 07.12./ Do 26.12./ Fr 27.12.2013; Sa 08.02./ Sa 12.04./ Mo. 21.04./ Do 01.05./                   Do 19.05.2014

 

 

 

KISS ME KATE

Broadway und Thespis-Karren

22.6.13

Theater auf dem Theater ist immer ein Spaß auch für die Darsteller, die dabei selbstironisch aus dem (ihrem) Bühnenleben schöpfen können. „Kiss Me, Kate“ von Samuel und Bella Spewack mit den Songs von Cole Porter ist so ein Stück, das auf mehreren Ebenen den Protagonisten wenigstens zwei Chancen gibt, zu brillieren: im eingebundenen Shakespeare´schen Original und der witzigen doppelten Rahmenhandlung. Das gelang dem Ensemble des Landestheaters Detmold in der Inszenierung von Peter Rein, die am vergangenen Samstagabend fast 300 Zuschauer ins Remscheider Teo Otto Theater lockte. 

Nach 65 Jahren ist „Kiss me, Kate“ noch immer ein Publikumsmagnet für die große Bühne. Peter Rein bot bunten Theater-Genuß: von Bodo Demelius entworfene prachtvolle Kostüme (ein Augenschmaus) und sein einfallsreiches Bühnenbild mit Glimmervorhang und Thespiskarren, großes Ensemble mit Ballett und Chor - wimmelndes Bühnenleben, wie es das Stück verlangt. Die Saxophon-verstärkten Bergischen Symphoniker in kleiner Besetzung unter Mathias Mönius bewiesen sich erneut als veritables Jazz- und Unterhaltungsorchester. Amüsante Petitessen von eigenem Wert waren die für die Umbaupausen eingeschobenen Clownerien vor dem prächtigen Zwischenvorhang.

Ein weiterer Garant für beste Unterhaltung ist die deutsche Text-Fassung des Kabarettisten Günter Neumann (Katakombe, Die Insulaner, Stachelschweine, Wühlmäuse) zu der verzwickt komischen Handlung zwischen Globe und Off-Broadway. 

Die Aufzählung der Hits, mit denen Cole Porters pointierte Bearbeitung von Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ seit ihrer Broadway-Premiere 1948 wuchern kann, reiht unsterbliche Evergreens aneinander, die seither wirklich die Spatzen von den Dächern pfeifen. „Ich bin dein (So in Love)“ rührt immer wieder an, „Premierenfieber (Another Op´nin´)“ ist ungezählte Male zitiert worden, der Walzer „Wunderbar“ ein (hier parodistisch gelungener) Ohrwurm, den man summend mit nach Hause nimmt und „Von Venedig nach Venedig (We Open in Venice)“ geht in die Beine. „Wo ist die liebestolle Zeit?“ wurde wie seine anderen Songs zum Triumph des sympathischen Andreas Jören in hervorragender Ironie als Fred Graham/Petruccio. Die temperamentvolle Silke Dubilier an seiner Seite gab mit Verve und schönem Timbre eine charmant kratzbürstige Lilli Vanessi/Katharina, deren „Kampf dem Mann“ ihr ebenso auf den Leib geschrieben war, wie die Erkenntnis der großen Liebe zu Ex-Ehemann Fred, mit dem sie schließlich wieder zusammenfindet.

Auch in der „zweiten Reihe“ gab es erste Klasse: Lois Lane/Bianca (eine Orchidee: Peti van der Velde) und Bill Calhoun/Lucentio (Patrick A. Stamme). Peti van der Veldes „Aber treu bin ich…“ auf improvisierter Show-Treppe mit gekonnter Burlesque a la Dita von Teese war ein Bonbon. Das fingerschnippende „It´s darn too hot“ („Viel zu heiß“) wurde in der Choreographie von Richard Lowe zur mitreißenden, atemberaubend wirbelnden Ensemble-Tanznummer (je ein Extra-Sternchen für Lemuel Pitts und Stevie Taylor), und das „Ehe-Quartett“ begeisterte als glitzernde Show-Nummer. Seit Wolfgang Neuss/Wolfgang Müller wartet man bei jeder „Kate“gespannt auf „Schlag nach bei Shakespeare (Brush Up Your Shakespeare)“ mit dem geflügelten Refrain. Die beiden Filmkomiker haben mit ihrer Interpretation kaum mehr zu erreichende Maßstäbe gesetzt. Der Song war hier etwas gequält plaziert, aber Manfred Ohnoutka und Kevin Dickmann konnten trotz etwas schwacher Darstellung der beiden bildungsbeflissenen Gangster Sympathie ernten.

Alles in allem ein vergnüglicher, entspannter Musical-Abend mit etlichen Höhepunkten, der mit reichem Applaus belohnt wurde.

Frank Becker

Dank an: Musenblätter.de

 

 

Großartiger

TROUBADOUR

PR 15.2.13

Allein für die eine Szene lohnt sich die Fahrt nach Detmold: Zweiter Teil, drittes Bild, das Zwiegespräch zwischen der Zigeunerin Azucena und dem Troubadour Manrico. Evelyn Krahe und Emmanuel di Villarosa in Höchstform schufen ein exzellentes, ergreifendes Stück Musiktheater, ebenbürtig Musik und Theater im zeitlos minimalistischen Bühnenbild von Susanne Ellinghaus. Über die geweckten Emotionen schweigt der Kritiker - es ist müßig, die Dramatik dieser Szene zu beschreiben. Man muss sie erfahren.

Die ganze Inszenierung stützt sich auf zwei Paare: Evelyn Krahe als Azucena - Emmanuel di Villarosa als Manrico, und Marianne Kienbaum Nasrawi als Leonore - James Tolksdorf als Graf von Luna. Sie gestalten das Drama, überzeugend, ergreifend, mit einem famosen Gespür für Musik und Erzählung. Sie werden konsequent durch die Inszenierung geführt, auch wenn man denken könnte, die Regie agiere sehr vorsichtig und kaum spürbar. Nein, hier wird kein Detail sich selbst oder dem Zufall überlassen. Die Szenen, wenn sie so gut gespielt sind, brauchen keine aufwendige Staffage, die Gewalt ist grausam ohne dies, auch in leisen Tönen. Wenn Tolksdorf zuweilen schargiert, deutet er nur einen unsicheren Macho la Luna an, dessen Stärke nur die Lautstärke ist. Die wahre Macht der Leidenschaft liegt ja im Verborgenen.

Der Regisseur Dirk Schmeding teilte die Oper in einzelne Bilder, die jeweils mit dem Vorhang und einer kleinen Pause der Stille enden. Die Geschichte wird dadurch klar strukturiert, großformatige Überschriften, die sich nur auf wesentliche Textpassagen des Librettos einschränken, erklären das Geschehen verständlich. Das kleine schmucke Detmolder Theater hat eine große, großartige Operninszenierung gezeigt.

Jan Ochalski

Fotos: Landestheater/ Lefebvre

Weitere Vorstellungen am 7. und 19. April 2013. Sonst Gastspiele in Paderborn und Gütersloh.

 

Besprechungen älter Vorstellungen befinden sich ohne Bilder weiter unten auf der Seite Detmold unseres Archivs

 

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com