DER OPERNFREUND - 49.Jahrgang - Europas Nr. 1
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VERGLEICHENDE DISKOGRAFIE

PETER KLIER benennt seine Favoriten

 

 

Richard Wagner

5-mal „Die Meistersinger von Nürnberg“

eine Freude über 23 Stunden!

1.      DGG 0440 07341605 GH2 DVD von den Bayreuther Festspielen 1984: Beckmesser singt Schubertlieder

Hermann Prey als Beckmesser war 1984 in Bayreuth die Sensation. Zum ersten Mal kein abgesungener Bassbuffo mit öden Scherzen, sondern ein ernst zu nehmender Konkurrent, der noch dazu den Sprachnonsens im 3. Akt mit der Innigkeit und dem Schönklang des kultivierten Schubertsängers zu etwas ganz Einmaligem veredelte. Wäre als Stolzing nicht der einzigartige Siegfried Jerusalem mit seinem damals noch so strahlend klingenden Wagnertenor gewesen, dann hätte das Evchen (Anne M. Häggander) vielleicht doch statt des Ritters diesen tollen Merker gewählt. Der routinierte Bernd Weikl kann sich neben dieser unerwarteten Konkurrenz dennoch souverän behaupten. Aber die Gewichte verschieben sich schon ein wenig. Was Wagner ja sicher nicht so gemeint hat. Für ihn war der Merker doch die absolute Negativfigur (Hanslick), stellvertretend für eine Kunstdogmatik, die er aufs heftigste zu bekämpfen versuchte. Ansonsten sind in Wolfgang Wagners heiler Welt-Schau kritischen Reminiszenzen natürlich nicht zu erwarten, das war auch damals noch nicht üblich. Die Schwerpunkte liegen dafür in der heiteren psychologischen Charakterisierung der Meister und im Musikalischen. Denn der routinierte Wagnerspezialist  Horst Stein bietet da allerbeste Qualität. Ja und außerdem gibt es ja auch noch ein naturalistisch wunderschönes Bühnenbild. Das alles pur zu genießen, vor allem den ganz anderen Beckmesser, ist schon auch mal sehr schön und macht große Freude. Für Regietheateranhänger gibt es ja noch andere Aufnahmen.

2.      DGG 0440 0730949 OGH2 DVD aus der MET 2001: Beckmesser im Romantiker Himmel

Diese optisch so schöne Inszenierung von den Altmeistern Otto Schenk und Günther Schneider-Siemssen zeigt die MET noch heute, und erst 2014 wurde sie weltweit im Kino ausgestrahlt. Und das zu Recht. Für ein Kinopublikum, das vielleicht nicht so erfahren ist wie die Opernbesucher, wäre doch eine modern-kritische Inszenierung nur verwirrend und vielleicht sogar abschreckend gewesen. Hier dagegen bezaubern herrliche Bilder von einer heilen Welt, die es so sicher nie gegeben hat. Und die Wagner auch so nicht gemeint hat, mit seiner doch recht giftigen Kritik an allen steifen Kunstregeln und ihren verbohrten Verfechtern der damaligen Zeit. Optisch ist es aber sicher die schönste und opulenteste Inszenierung, die auf DVDs überhaupt zu haben ist. Und wer sich daran nicht auch einmal freuen kann, für den hat die Welt der Oper ohnehin schon viel von ihrem eigentlichen Zauber verloren. Soll nicht heißen, dass moderne kritische Lesarten auch nötig sind. War doch vieles im Text vor 160 Jahren wirklich ganz anders gemeint und wurde damals auch ganz anders verstanden als heute. Die Personenführung allerdings ist hier für moderne Erwartungen schon recht statuarisch. Vor allem Ben Heppner, der sehr schön und schlank auf Linie singt, steht halt meistens nur dekorativ herum und hebt hie und da mal einen Arm etwas an. Das war‘s dann. Das entzückend naiv gespielte und schön gesungene Evchen von Karita Mattila hätte er sicher so nicht erobert.  James Morris als souveräner Sachs ist da schon beweglicher. Und auch der Beckmesser Thomas Allen überzeugt, wenn er auch mit dem ja nun wirklich singulären Prey nicht zu vergleichen ist. Der immer schon sehr langsam dirigierende  James Levine braucht diesmal geschlagene 21 Minuten mehr als alle anderen, dafür  baut er aber, wann immer es geht, gewaltige Crescendi auf. Ansonsten gilt auch hier: keine Aufnahme für Fans des Regie Theaters, aber sicher eine ganz herrlich für alle, die in der Oper auch mal träumen und nicht nur denken wollen.

3.      ARTHAUS Musik 102318 DVD aus Berlin 1995 auch Blu-ray: der echteste Beckmesser

Eine zeitlos gültige und geradezu geniale Gratwanderung zwischen Tradition und Moderne ist Götz Friedrich gelungen. Seine wirklich ausgefeilte Personenregie, mit sehr vielen Ansätzen zu echter Charakter-Komik, zeugt ebenso von perfektem Können, wie von einer humanen und philosophisch klugen Denkweise, die ja im Werk auch geradezu zwingend vorgegeben ist. Wenn Sachs am Schluss den Beckmesser in die Arme schließt und zurückholt, ist das hier nicht nur eine schöne Geste sondern tief erlebt. Auch die umstrittenen und immer wieder so falsch verstandenen Textpartien in der Schlussansprache werden hier genial entschärft: indem sie eben nicht voller Pathos herausgeschmettert werden. Da hat der Sachs nämlich einen kleinen Schwächeanfall, nachdem Stolzing die Meisterwürde zurückgewiesen hat, greift sich ans Herz und singt fast tonlos und gar nicht großkotzig von der Deutschen Kunst. Und dieser humane Sachs findet in Wolfgang Brendel den geradezu kongenialen Interpreten. Humorvoll und sympathisch und stimmlich wirklich bis zum Schluss voll präsent. Der richtige Partner für diesen Sachs ist der klug-komische Beckmesser Eike Wilm Schultes. Sicher würde ihn die kesse Eva der charmant-aufgeweckten Eva Johannsson bestimmt nicht erwählen. Nein, niemals! Aber genau so war er doch von Wagner ja auch gedacht: als negativer Gegenpol zum Sachs! Und eine böse Karikatur aller Kritiker im allgemeinen und von Hanslick im Besonderen noch dazu. Dass er hier bei aller Boshaftigkeit, noch gar nicht mal so unsympathisch erscheint, ist die Leistung dieses großartigen Singschauspielers. Für alle als Einzelcharaktere herrlich herausgearbeiteten Meister sei Ivan Sardi als schwerhöriger, verärgerter und  wunderbar skurriler Typ genannt. Etwas zu sehr auf Lautstärke setzt mir Gösta Winbergh als überaus kräftiger Stolzing. Sicher, er kann sich‘s stimmlich auch leisten. Das Bühnenbild von Peter Sykora zeigt eine riesige herrlich gotische Fensterrosette im ersten Akt, wie es sie in der Katharinenkirche (eigentlich müsste es ja historisch richtig die Marthakirche sein) zwar nie gegeben hat, wie sie aber schöner nicht erfunden werden konnte. Und zu Beginn des 2. Aktes schwirren sogar die Glühwürmchen aus dem Wahnmonolog herum. Sollte es denn Kitsch sein, könnte er schöner nicht erfunden werden. Zum Schlussbild erscheint die Nürnberg Kulisse zum senkrecht aufgestellten Riesen-Kreis hin gewuchtet, geradezu als warnendes Symbol gegen jegliches Pathos und jeglichen politischen  Missbrauch.

4.      Opus Arte OA 1041 D DVD von den Bayreuther Festspielen 2008 auch als Blu-ray: Beckmesser das eigentliche Genie

Im 19. Jahrhundert wurden gerade Wagners Oper gerne parodiert. Nestroy hat da einen herrlichen Tannhäuserklamauk geschrieben, der heute noch Spaß macht und sogar dem Meister selber gefallen haben soll. Die „Meistersinger“ aber, die hat er nicht parodiert. Das holte dann 2009 seine Urenkelin nach. Nein, nicht die vom Nestroy, sondern die vom Wagner selbst. Und sogar noch in Bayreuths Weihestätte. Das Echo war dann auch gewaltig. Die einen sahen des Meisters heiliges Werk besudelt und die anderen wiederum jubelten, dass endlich der braune Sumpf im 3. Akt aufgearbeitet worden sei. Gelacht hat aber wohl keiner. Oder? Sollte womöglich gar das Ganze von der Urenkelin ernst gemeint gewesen sein? Na ja, so lustig war’s auch wirklich nicht. Vieles war einfach plump, so, wenn das neue Schöpfergenie Stolzing wie ein Halbstarker alles und jeden mit Farbe beschmiert. Anderes wiederum war schon sehr an den Haaren herbei gezogen, so, wenn Sachs im 3. Akt plötzlich der altmodisch bewahrende Kunst-Funktionär sein soll und Beckmesser der avantgardistische Neuerer, der ein Event mit 2 Nackten macht, während er sein geklautes Preislied stottert. Na ja, dachte ich, ist ja ganz lustig, das alles mal so zu sehen. Vor allem der Cancan der großköpfigen Geistesgrößen, statt des sonst immer endlosen Einzugs der Handwerksinnungen, war wunderbar. Aber ist das schon eine neue Werksicht? Und eine, die laut Feuilleton auch noch dringend nötig sein soll? Wegen der paar umstrittenen Zeilen in der Schlussansprache? Aber dann die Festwiese: das war schon gekonnt. Und ging auch unter die Haut. Sicher ist damit die umstrittenste aber wohl auch interessanteste Aufnahme des Werkes auf DVDs entstanden. Und unbedingt sehenswert, auch wenn‘s noch so herbei gezogen  erscheint. Denn Star ist hier mal nicht der Sachs, sondern der Beckmesser. Zumindest wie ihn Michael Volle so schwergewichtig und großartig singt und spielt. Daneben zu bestehen, hat´s dann natürlich jeder Sachs schwer. Franz Hawlata aber schafft das ganz erstaunlich souverän. Sein Portrait des kettenrauchenden Schusters, ausgerechnet ohne Schuhe, ist einfach überzeugend. Auch die in dieser Deutung unterstellte Wandlung zum routinierten Kunstfunktionär macht er erschreckend nachvollziehbar. Klaus Florian Voigt gefällt mir stimmlich und vom lyrisch schönen Ausdruck her ganz ausgezeichnet, was schadet es, wenn er in den Ensembleszenen zu leise ist. Die anderen, ebenso wie der Dirigent, sind sicher sehr guter Durchschnitt, wie halt in Bayreuth schon länger üblich. So ist diese Inszenierung eine sehr interessante Alternative, und sei‘s nur, um wieder mal zu staunen, dass Wagners Genie nicht unterzukriegen ist. Auch nicht von seiner Urenkelin.

Außerdem ist diese Einspielung halt wirklich die einzige auf DVDs, mit neuem, wenn auch umstrittenen Deutungsansatz. Offensichtlich trauen alle anderen Labels, außer OPUS ARTE, dem Markt wenig Akzeptanz für das Regietheater zu. Die Inszenierung von Stefan Herheim aus Salzburg von 2013 ist zwar recht originell in ihrer Verzwergung der Darsteller vor haushohen Möbeln, aber doch kein neuer Deutungsansatz.

5.      Coviello Classics COV 81201 DVD vom Staatstheater Nürnberg 2014, auch als Blu-ray: Beckmesser der schöne Mann

Und es gibt sie doch: die Einspielung in moderner Optik und ohne Beschädigung des Werkes durch die Regie. Und besonders erfreulich ist, dass so eine schöne Aufnahme aus einem mittleren, früheren Stadttheater, ganz ohne die hochgejubelte Starelite, entstanden ist. Und so viel Neues bringt. In der Nürnberger Inszenierung von David Mouchtar-Samorai machen Elfen und Faune die manchmal recht rüde Prügel-Szene zum zauberhaftesten Sommernachtstraum. Und das ist nicht an den Haaren herbei gezogen, denn im Wahnmonolog singt Sachs ja  in Erinnerung an die Prügelei im 2. Akt doch von einem Kobold! Das durchwegs abstrakt moderne und trotzdem stimmungsvolle Bühnenbild ist ein  zweiter Pluspunkt: Endlich mal die Meistersinger nicht in örtlich deutlich festgelegter Nürnberg Kulisse, auch nicht in einer Schuhfabrik, wie neulich in Erfurt, sondern als allgemeingültige Parabel in abstrakter Umgebung. Das öffnet ganz andere Perspektiven auf das Werk, das frei von örtlichen und zeitlichen Festlegungen endlich die Allgemeingültigkeit erfährt, die Wagner ja auch meinte. Denn er wollte ja nicht nur die kulturelle Enge im Mittelalter Nürnbergs anprangern. Der dritte Vorzug, und etwas ganz Besonderes noch dazu, ist, dass hier der Beckmesser mit Jochen Kupfer recht attraktiv besetzt ist, und zwar sowohl stimmlich als auch vom Aussehen, so dass Eva eigentlich ihn erwählen müsste, zumal der Stolzing hier nicht so ganz überzeugt. Der  vierte Vorzug ist der Sachs von Albert Pesendorfer, der völlig ohne Pathos einen sympathischen Schuster gibt, der allerdings wie Attila frisiert ist. Der fünfte und nicht geringste ist die musikalische Leitung von Marcus Bosch. Da hörte ich Nuancen, die mir noch nie aufgefallen sind: so zu Beginn der Kirchenszene die Cello- und Oboen-soli. Einfach herrlich.

Die Wahl unter den 5 Einspielungen  ist dennoch gar nicht so schwer: wer’s ganz modern haben will, der wird die neuere Bayreuther Einspielung wählen. Und wenn ihm dabei die Poesie des Werkes verloren geht, die ja auch dazugehört, geschieht es ihm recht. Wer das nicht will, kann mit der Nürnberger Aufnahme zwei Fliegen mit einer Klappe treffen: Poesie und recht moderne Optik. Für Romantiker, die träumen und schauen wollen, sind die zwei erstgenannten aus dem älteren Bayreuth und der Met nicht zu toppen. Mir persönlich ist die Berliner Inszenierung mit ihrem herrlich ausbalancierten Mittelweg die sympathischste.

25.2.2017

 

 

Sechsmal  „Die Entführung aus dem Serail“

...als ob es 6 verschiedene Opern wären!

ARTHAUS Musik 102310 aus Glyndebourne von 1980: Osmin und die weiße Friedenstaube

Nicht nur weil er großartig singt und spielt steht Osmin (Willard White) im Mittelpunkt dieser klassischen Inszenierung von Peter Wood, er hebt sich vom Ensemble  auch ab weil der Sänger ein Farbiger ist. Ein Inszenierungsgag, der heute sicher am Einspruch der Political-Correctness-Hüter scheitern würde, verbieten sie doch sogar, dass der Otello „schwarz“ ist. Und der Osmin ist ja nun auch nicht gerade ein Guter. So unverkrampft wie man damals mit solchen Problemen umging, ist die ganze Inszenierung. Und das hielt sie jung, obwohl sie doch schon 37 Jahre alt ist. Viele wunderschöne Ideen, so zum Beispiel, wenn Konstanze gleich zu Beginn einen jungen Sklaven befreit, der dann später dem lauernden Osmin die Lampe ausbläst. Aber auch der Pedrillo (James Hoback) als witziger Besserwisser mit Brille, der seinem weltfremden Belmonte wohltuend behütet, ist ein herrlich erfundener Typ. Außerdem hat er auch noch ein grandioses Hohes A drauf. Reichlich steif wird die sterile Konstanze (Valerie Masterson) aufgefasst, wie es damals halt üblich war. Keine Idee, dass ihr der Bassa vielleicht gefährlich werden könnte, wie das ja in heutigen Inszenierungen immer wieder zu Recht unterstellt wird. Aber auch keine Idee, dass sich der ebenfalls etwas sehr lahm dargestellte Bassa überhaupt für sie interessieren könnte. Und auch die Blonde (Lillian Watson) wirkt wie ein biederes Hausmütterchen. Das heißt nicht, dass beide Damen nicht  trotzdem vorbildlich singen. Ähnliches gilt auch für Ryland Davies als, wie früher halt immer üblich, recht steifer Belmonte. Da grüßt dann doch das Opernmuseum recht deutlich. Für die damalige Zeit typisch ist jedoch  das wirklich wunderschöne, opulent türkische Bühnenbild. Die Wahl von Gustav Kuhn am Pult überrascht mich dann aber doch sehr. Denn alles kommt so schwergewichtig daher, und es perlt so gar nichts im Orchester. Da scheint er seinen Wagner ja noch tüchtig im Kopf gehabt zu haben! Seine dramatischen Steigerungen allerdings haben es dann wirklich in sich. Da staunt man schon, was im Mozart alles drin steckt. Die beste Idee hat sich die Regie dann noch für den Schluss aufgehoben, da lässt nämlich der Bassa zum Jubelchor tatsächlich eine echte weiße Taube steigen. Heute für viele als naturalistischer Kitsch unvorstellbar, aber doch ungeheuer eindrucksvoll.

ARTHAUS Musik 107109 vom Maggio Musicale Fiorentino von 2002 als DVD, auch als BlueRay: Osmin und das Krokodil

Running Gag in dieser wunderschönen und witzigen Inszenierung ist ein riesiges Krokodil, das dem Osmin bei der Verfolgung der Fremden hilft und sich am Schluss sogar auch vor dem Vorhang verbeugen darf. Diese Idee ist allein noch nicht typisch für die Regie von Eike Gramss, denn er bietet auch noch die beste und ausgefeilteste Personenführung aller vier Aufnahmen. Und auch hier ist der Osmin wieder der Star: fast unverzichtbar wieder mal Kurt Rydl, mit dröhnender Bassgewalt und rollentypischem Gehabe, der allerdings dem Temperament seines quicklebendigen Blondchens (überwältigend lebhaft und putzig: Patrizia Ciofi) überhaupt nicht gewachsen ist und zum Pantoffelhelden mutiert. Das ist wunderbar gespielt. Sympathisch der freche Pedrillo Mehrzad Montazeris. Auch das ernste Paar (Eva Mei und Rainer Trost) kommt so locker daher, wie es diese Rollen überhaupt nur zulassen und singen mit etwas dramatischerem Ausdruck als sonst üblich, was der Spannung recht dienlich ist. Und Markus John gibt einen so sensiblen Bassa, der richtig erschrickt, als er der widerspenstigen Konstanze Gewalt androht, und den Rest der langen Marter-Arie mit stummen Demutsgesten um Verzeihung fleht. Das sympathischste und eindrucksvollste aller vier Bassa-Rollenportraits. Blieb zum völlig geglückten Eindruck dieser Aufnahme noch Zubin Mehtas Dirigentenleistung zu loben: man merkt immer wieder mit welcher Begeisterung er bei der Sache ist, und wie der Funke wunderbar auf die ganze Vorstellung überspringt. Ja und dann das Bühnenbild von Christoph Wagenknecht, der mit orientalischen Klischees geradezu genial zu spielen fähig ist, sie ironisch bricht und dennoch für jede Szene die genau richtige Stimmung zaubert. Man wird am DVD Markt keine bessere und werktreuere  Einspielung finden. Wer aber eine  moderne gebrochene Werksicht will, der wird vielleicht mit einer der beiden nächsten Aufnahmen glücklich werden.

ARTHAUS Musik 102 189 aus Stuttgart von 1998, auch als BlueRay: Osmin der Menschenschlächter

Ein großes weißes Huhn wackelt über die Bühne, viele Kinder, als putzige gelbe Küken verkleidet, um tänzeln es, und ein schaurig gruseliger Tod killt eines nach dem anderen, dazu singt dann das weiße Huhn „Welche Wonne welche Lust…“ und Pedrillo brütet ein Ei aus. Eine der typisch verrätselten Neuenfels Szenen, die zu entschlüsseln allmählich müde macht, weil man ja doch keine Chance hat. Aber dann kommen wieder Momente, bei denen einem beinahe das Herz stillsteht vor Betroffenheit, zum Beispiel beim Duett: „Welch ein Geschick“. Das kann er halt auch. Wenn die Protagonisten und ihre Doubles sich da gegenseitig trösten und stumm umarmen. Da wird es dann sehr sehr still im Theater. So auch bei der Arie „Traurigkeit ward mir zum Lose“, wenn er es in dunkler Finsternis schneien lässt! In jeder anderen Inszenierung singt Konstanze das ganz unpassend in freundlichster heller Umgebung! Aber dann  knallt er im nächsten Moment schon wieder einen Gag  hin, der das verblüffte Publikum zum Buhen und die Feuilletons zum Jubeln bringt. Langweilig wird es also nie. Und die Überfülle von Einfällen motzt die ja wirklich etwas zähe Geschichte recht wohltuend auf. So, wenn beim Janitscharen Chor eine wilde Meute mit aufgespießten Körperteilen und Kinderleichen auf die Bühne stürmt. Oder wenn der geradezu satanische Osmin mit  abgeschlagenen Köpfen jongliert! Sicher, das ist alles ironisch gemeint, denn wie passt dieses Gefolge zum kultivierten Bassa? In dieser Rolle läuft  Johannes Terne dem großen Moretti auf der Salzburger Aufnahme wirklich den Rang ab, weil er ganz unmanieriert und natürlich bleibt. Drum hat er auch als einziger kein Double. Alle anderen Figuren  werden nämlich fast  schizophren vielfältig gedoubelt, was allerdings auch wiederum nicht ohne Reiz ist. Dafür verlieren die Darsteller aber die Chance, Individualcharaktere darzustellen. Persönlichkeit über die Rampe zu bringen schafft eigentlich nur Catherine Naglestad als Konstanze. Sowohl Belmonte als auch Blonde bleiben blasse Klischee-Schemen. Gesanglich sind alle bestimmt überm  Durchschnitt, ohne aber irgendwie im Gedächtnis zu bleiben. Dafür steht der Regisseur mit seinen Einfällen zu sehr im Mittelpunkt. Fazit: sicher die spannendste der 6 Inszenierungen, wenn man halt bereit ist, sich auf die Ideen des Regisseurs einzulassen. 

(ARTHAUS Musik 102 183) von den Salzburger Festspielen von 2013 als DVD (auch als BlueRay): Osmin am Flugplatz

Natürlich lässt solch ein altmodischer Stoff zeitgemäßen Regisseure keine Ruhe, bis sie ihn modernisiert haben. Adrian Marthaler verlegt gleich das Ganze in einen Flugzeughangar. Die Stimmung ist damit natürlich unwiederbringlich gekillt. Und die Logik der Handlung auch, denn der unselige Bassa ist hier ein Star-Modeschöpfer. Wie kann der aber nun gleich 3 Personen entführen und gefangen halten? Und warum gehen die nicht einfach aus dem blöden Flughafen nach Hause? Ende der Oper! Und wieso können Konstanze auch hier noch „Martern aller Arten“ drohen? Als Bassa brilliert Tobias Moretti zwar mit seinem von ihm eigens verfassten Texten, bleibt aber zwangsweise als „Modeschöpfer“ nur ein schlecht gelaunter Papiertiger. Doch das stört wohl niemand, denn eine Handlung findet ja ohnehin nicht statt, weil alle halt irgendwo ihre Arien singen und das Publikum von Ort zu Ort brav hinterher läuft. Die ganz vorne stehen, die dürfen sogar was sehen. Ich staune nur, was sich die Leute für hohe Preise alles bieten lassen. Außerdem sorgt die aufgewendete Riesentechnologie auch noch dafür, dass die Sänger wie aus dem Computer klingen und gar nicht mehr „menschlich“. Die riesigen Lautsprecher erzeugen nämlich einen Retortensound. Eine faire Bewertung ist da nicht möglich, zumal sie auch dauernd über ewig lange Gangways gehen müssen und in akustisch ungeschickter Umgebung stehen. Beim finalen Abflug der ja eigentlich gar nicht zu Befreienden findet schließlich noch eine tolle Modenschau statt, und da jubelt dann das Schickimicki Publikum erst so richtig los. Mein Fall ist dieses von Technik und Flughallen bestimmte Experiment nicht und Mozart rotiert bestimmt in seinem Massengrab.

Also doch wieder die Qual der Wahl? Nein, eigentlich ists ganz einfach: wer Mozarts „Entführung“ pur erleben will, für den ist die Florenzer Aufnahme sicher beglückend. Wer aber eine aufregend unkonventionelle vorzieht, wird bei der Stuttgarter von Neuenfels wirklich voll auf seine Kosten kommen. Am besten legt man sie sich aber beide zu und schaut sie abwechselnd an.

(Anhang: Die Neuenfels Inszenierung ist tatsächlich die einzige akzeptable moderne Alternative auf DVD. Denn die Labels scheinen offenbar fürs Regietheater am Markt kaum Verkaufschancen zu sehen. So wagen von den fast 20 Einspielungen der „Entführung“ ,die ich kenne, nur 3 bis 4 neue Wege. Eine ist von Stefan Herheims, dessen  musikuntermalte Bilderflut aus Salzburg von 2006 allerdings mit Mozarts Werk fast wirklich nichts mehr zu tun hat. Seine Bildassoziationen sind auch bei wiederholtem Ansehen für mich recht unverständlich. Da er aber auch noch eine so wichtige Figur wie gerade den Bassa (!) einfach weglässt, kommt der Verdacht auf, dass es ihm wohl gar nicht um Mozarts Ideen von Toleranz und Versöhnung geht, die ja gerade heute wieder so wichtig sind, sondern wohl mehr darum, sich und seine verquere Auffassung zu produzieren. Und Loys 2012 im Liceo veranstaltetes ebenso spartanisches wie emotionsloses Getue in kärgster Umgebung und Staffage gibt mir einfach zu wenig. Dann gleich konzertant!)

Peter Klier 6.2.2017

 

Fünfmal CARMEN

Vergleichender Rückblick auf fast 40 Jahre Regiegeschichte.

I. CARMEN - als beinahe schon historisches Dokument ARTHAUS-Musik 109096 von1978

Gewandet wie ein Großadmiral steht er da, der Placido Domingo, obwohl der Don Jose doch eigentlich ein armer gequälter Hund ist, er aber dominiert mit seiner enormen Bühnenpersönlichkeit das Geschehen und singt wie ein Gott. Nur glaubt ihm keiner, dass er wegen Elena Obrastzova, die  ebenso aufgedonnert wie er, gleich einer Großherzogin statuarisch herumsteht, zum Mörder werden würde. Zwar singt sie herrlich, aber erotische Ausstrahlung hat sie nicht einen Funken. Die Bühne wird dauernd von riesigem Menschengewutzel überflutet, das Altmeister Zeffirelli gewohnt genial führt, und zeigt, wie ein Bilderbuchspanien seiner Meinung nach auszusehen hat. Und Carlos Kleiber führt den jungen Hupfern von Dirigenten vor, was aus der Carmen Musik noch alles heraus geholt werden kann, wenn man nur so genial ist wie er. Das Finale erreicht dann auch wirklich die gewaltigen Dimensionen einer großen klassischen Tragödie - nur ist das halt nicht Carmens Welt. Trotzdem oder gerade deshalb: ein ungeheuer eindrucksvolles Dokument einer vergangenen großen Opern Ära.

 

II. CARMEN - das geht schon richtig unter die Haut und zeigt echte   Charakterzeichnung.   ARTHAUS-Musik 100096 von 1991

Was sich in den 13 Jahren, die zwischen den beiden Aufnahmen liegt doch alles bewegt hat ist schon erstaunlich. Der Don Jose wird hier als wirklich geschundene Kreatur gezeigt, als eigentliches Opfer nicht nur des ausgefuchsten Luders Carmen, sondern auch der herrschenden Gesellschaftsschicht. Das ist schon ein ganz moderner Ansatz, der nur im pseudo-spanischen Kulissenzauber leider beinahe erstickt, wenn die beiden Protagonisten nicht so hinreißend agieren würden: vor allem Don Jose Luis Lima, als armer getriebener Hund, singt zwar bei weitem nicht so gut wie der Placido, ist aber eigentlich der überzeugendste Darsteller aller fünf Aufnahmen. Das erotische Feuerwerk der so ungeheuer vielseitigen Maria Ewing (vom Cherubin bis zur Salome ist sie gleichermaßen überzeugend) zündet auch heute noch. Zubin Metha dirigiert routiniert und macht nichts falsch, aber so ganz hingegeben bei der Sache scheint er mit nicht zu sein. Facit: Wegen der beiden Hauptdarsteller auch heute noch packendes Musiktheater vor schöner Spanien-Kulisse.

 

III. CARMEN – sehr traditionelle Opernregie aber in sehr modernem Bühnenbild    OPUS ARTE OA 1197D von 2006/2010

Wäre da nicht das so moderne und optisch anspruchsvolle Bühnenbild, könnte man diese Einspielung von der Regie her für gut 20 Jahre älter halten. Francesca Zambello bringt kaum Neues oder gar zeitgemäßes, vor allem das Finale scheitert schon am Kostüm der vornehm in Staatsrobe, mit Cul-de-Paris, gekleideten Carmen und erinnert eher an die Auseinandersetzung einer Großfürstin mit einem renitenten Domestiken als an ein tödliches Liebesdrama. Dabei singen und spielen Christine Rice und Bryan Hymel wirklich sehr packend und überzeugend. Der Menschenauflauf auf der Bühne erreicht vorher fast die Dimensionen des seligen Zefirellis, das ist alles sehr schön, aber was trägt es zum Handlungsablauf bei? Wer opulentes Bühnengeschehen liebt, der kommt allerdings voll auf seine Kosten. Das wirklich künstlerisch wunderbar gelungene leicht abstrakte Bühnenbild mit sehr schönen Lichteffekten hebt die Aufnahme weit aus vielen allen anderen hervor.

 

IV. CARMEN - als fesselnde Revue im Freilichttheater  OPO Z56042 von 2013

Also allein schon diese Kulisse im Hafen von Sydney vor der gewaltig lichterfunkelnden Hochhauskulisse überwältigt bis zum Schluss immer wieder. Lenkt aber auch vom eigentlichen Drama zwischen den beiden Hauptakteuren sehr ab. Allein was solls, es ist halt wirklich ein toller Hingucker, der bis zum Schluss immer wieder aufs Neue fasziniert und begeistert. Aber auch sonst wird allerhand geboten: da schweben Panzer und LKWs durch die Luft und ein bunter Chorreigen zeigt, was bei einer Freilichtaufführung alles möglich ist. Das Drama kommt dabei nicht zu kurz, denn dafür sorgen schon die beiden sehr engagierten Hauptdarsteller Rinat Shaham und Dmytro Popov. Vor allem der Tenor wagt als einziger in den 5 Aufnahmen das vorgeschriebene Piano beim „Hohen B“ am Ende der Blumenarie. Respekt, bei diesen riesigen räumlichen Dimensionen. Ob das alles aber bis zum Publikum so gut rüber kommt wie auf der DVD? Für meinem kleinen geschichtlichen Rückblick ist jedenfalls interessant, dass die Regie hier doch viel mehr an intimen Ausdrucksebenen wagt, als das in der Arena von Verona immer geschieht, wo ja viel mehr auf plakative und damit gröbere Effekte gesetzt wird. Es geht aber auch anders, wie man hier sieht. Und das macht diese DVD so spannend: als extravagante farbige Revue zum Thema Freiluft-Carmen.

V. CARMEN – mal als Beispiel für bestes modernes Regietheater Cmajor 750208 von 2011/16

Vom skandalumwehten Calixto Bieito hätte ich mir eigentlich eine Horrorinszenierung erwartet. Doch er bietet hier eine wirklich werkgerechte und spannende Regie, die unter die Haut geht. Und sie bringt die Handlung zwingend auf den Pinkt, vermeidet überflüssigen Folklorekitsch wohltuend und zeigt auch noch völlig neue, aufregende Aspekte. Nun hat er mit Beatrice Uria - Monzon aber auch eine Vollblut-Carmen, wie man sie sich nicht besser wünschen kann. Da ist jede Geste, jede Bewegung gelebt, spannend und voller Erotik. Der viel zu kultivierte Roberto Alagna macht seine Sache zwar recht gut, doch passt er zu diesem Naturereignis von Partnerin so gar nicht recht. Erwin Schrott ist nicht der lackierte reich kostümierte Opernstar, sondern ein schmieriger Schiebertyp – einfach großartig! Die Bühne als runde Sandarena konzentriert die Handlung auch optisch stimmungsvoll aufs Wesentliche. Der Chor besteht nicht aus edlen Spanierinnen sondern zeigt wirkliche Menschen, die um ihre Existenz kämpfen.

Vergleicht man diese Aufnahme nun mit der ältesten hier besprochenen, wird überdeutlich, welchen Weg die Opernregie in den fast 40 Jahren, die dazwischen liegen, gegangen ist. Man könnte beinahe meinen, es handele sich um zwei ganz verschiedene Opern.

Welche Aufnahme ich mit auf die berühmte einsame Insel nehmen würde? Sicher diese, weil sie mir bei jedem Mal immer wieder neue Aspekte aufzeigte.

27.12.2o16

 

Zweimal AIDA

einmal neu und einmal alt, und beide hochinteressant!

Der Regisseur Peter Stein hatte den lobenswerten Plan, endlich mal eine Aida ohne den ägyptischen Kunstgewerbeplunder zu inszenieren. Bei dem Label Cmajor erschien das Ganze 2015 auf DVD. Und ist unter den fast

zwei Dutzend Aidas auf DVD die einzige derartige, sieht man mal von Wilsons ebenso kraftloser wie ästhetischer Rumstehgymnastik ab. So erkannte Stein auch richtig, dass Aida kein Massenpompstück ist, sondern ein Kammerspiel für 3 bis 4 Personen. Dazu braucht es natürlich singschauspielerisch begabte sensible Darsteller. Und die hatte er beinahe auch gefunden. Was vor allem die beiden Damen an darstellerischer

Ausdrucksgewalt bieten, verdient alle Bewunderung. Aber nun kommt in der Aida ja auch ein Tenor vor. Und damit beginnt der Ärger. Was um Himmelswillen hat die Verantwortlichen nur bewogen, für solch eine Inszenierung ausgerechnet Fabio Sartori zu wählen? Außer unbeteiligt herumzustehen und völlig gleichgültig zu schauen, hat er doch nur noch seine ungeheure Leibesfülle zu bieten. Manchmal erinnert er mich an den seligen Pavarotti. Aber selbst der war geradezu ein Kammerschauspieler neben diesem Phlegma. So groß ist der Tenormangel doch wirklich nicht, dass sogar die Scala keinen Besseren auftreiben könnte. Selbst die „Holde Aida“ blieb ohne Applaus! Und das in Italien! Umso erstaunlicher dann, was zum Beispiel Anita Rachvelishvili als Amneris in dem herrlichen Duett des 4. Aktes leistet. Sie wuchtet im Alleingang eine solch dramatische Stimmung auf die Bühne, dass man den Dicken an ihrer Seite ganz vergisst. Bewundernswert. Aber auch die aparte Kristin Lewis als Aid

a füllt ihre beiden Duette im 3. und 4. Akt mit leidenschaftlicher Spannung auf. Und das ohne jede Unterstützung des wieder gleichgültig rumstehenden Tenors. Dass sich seinetwegen gleich zwei Frauen fetzen sollten, ist unvorstellbar. Amonasro (George Gagnize) und Ramfis (Matti Salminen) röhren ihre Partien mit beeindruckender Stimmgewalt, zu mehr waren sie wohl nicht in Stimmung. Zubin Metha zelebriert ungeheuer souverän und routiniert seine wohl hunderttausendste Aidavorstellung. Großartig aber auch die konzentriert stimmungsvollen aber schnörkellosen Bühnenbilder von Ferdinand Wögerbauer.

Außerordentlich ist die Entstehung der zweiten Aufnahme, die nun schon 15 Jahre alt ist und immer noch frisch und jung wirkt: zu einem Workshop hatte Carlo Bergonzi 2001 junge Sänger nach Busetto eingeladen, mit ihnen hart gearbeitet und das tolle Ergebnis der Aufführung

zum 100. Todestag Verdis als DVD bei ARTHAUS vorgelegt. Und man kommt aus dem Staunen nicht heraus! Sicher, die Stimmen sind alle noch sehr lyrisch und relativ klein. Doch das störte in dem Theaterchen mit gerade mal 380 Plätzen überhaupt nicht. Aber welche künstlerische Ausdrucksreife wurde da erreicht! Da standen die Jungen den großen Stars kaum nach, und das zeigt wieder einmal, wieviel Marketing bei mancher großen Karriere doch mit im Spiele ist. Nun singen und spielen die 4 aber auch als ob es um ihr Leben ginge, dabei sind sie noch nicht mal 25 Jahre alt. Wie die aparte Adina Aaron als Aida im Nil Akt den Radames einwickelt, das ist in keinem erotischen Kinothriller besser zu sehen. Und dieser Tenor macht auch glaubhaft, dass die Damen sich um ihn streiten. Denn Scott Piper singt nicht nur toll, wenn auch damals noch rein lyrisch, was beim dramatischen Schluss des 3. Aktes schon auffällt. Er spielt auch noch fantastisch und sieht zu allem Überfluss auch noch so aus wie einer, der Frauenherzen reihenweise brechen könnte. Die damals gerademal 23!!! Jahre alte Kate Aldrich als Amneris steht den beiden anderen nicht nach an intensivem Spiel. Natürlich hat sie z.B. für den Beginn des 4. Aktes die großen Töne noch nicht, wie sie ihre Kollegin auf der anderen Aufnahme mühelos aus ihrer Kehle holt. Ihr eindrucksvolles Singen reißt trotzdem mit. Kein Wunder, dass sie inzwischen, wie auch die anderen, an den großen Opernhäusern singt und auch auf DVDs und CDs vertreten ist. Erst neulich feierte sie als Carmen mit Jonas Kaufmann in Orange Triumphe. Und aus dem damals noch sehr lyrischen Scott Piper ist jetzt ein eindrucksvoller Otello geworden. Adina Aaron singt ihren Verdi und Puccini überall noch mit derselben erotischen Spannkraft wie damals. Giuseppe Gara hat es dagegen viel schwerer, eine solch komplexe Persönlichkeit wie den Amonasro als junger Sänger darzustellen und zu singen. Da ist die fehlende Heldenbaritonstimme halt durch noch so große Begeisterung nicht zu ersetzen. Massimiliano Stefanelli holt aus dem kleinen, meines Wissens ad hoc zusammengestelltem, Orchester alle Spannung und allen Schönklang heraus, den Verdi braucht. Man meint der Geist des Alten hätte alle an diesem Ort befeuert. Wie groß Zefirellis Verdienst an dem Wunder ist lässt sich schwer feststellen, seine erfahrene Regiehand hat sicher viel geholfen. Aber das Supertalent haben die 4 wohl schon mitgebracht. Wer das unaufdringlich schöne aber völlig traditionell gestaltete Bühnenbild entworfen hat, geht aus dem Cover nicht so klar hervor, die schicken Kostüme sind von Anna Anni.

Schwer ein Facit zu ziehen? Überhaupt nicht! Einfach beide zu kaufen. Es lohnt sich! Denn beide Aufnahmen haben ja ihre Meriten: Wer junge überrumpelnd eindrucksvolle Singschauspieler fern jeder Routine erleben will, wird von der Aufnahme bei ARTHAUS voll begeistert sein. Ich kenne keine, bei der so oft jubelnder Szenenapplaus ertönt. Und so wie der Funke auf das im Theater anwesende Publikum übergesprungen ist, springt er sogar auch noch beim Ansehen der DVD über. Und man fühlt sich wieder so jung und glücklich wie in den ersten seligen Opernjahren, als wir vor Begeisterung und Opernglück bei jedem Theaterbesuch beinahe gestorben sind und uns beim Applaus heiser gebrüllt haben. Bravo!

Die Aufnahme bei Cmajor wäre dagegen völlig konkurrenzlos als einzige, wenn auch nur halbwegs, „moderne“ Inszenierung ohne Ägyptisches Kunstgewerbekolorit. Wenn es halt das schauspielerische Tenorfiasko nicht gäbe. Sie ist dennoch die einzige Lösung auf DVD für alle, die es wenigstens etwas „moderner“ wollen. (An die neueren Aidadeutungen trauen sich die Labels wohl nicht so richtig ran, offenbar zu Recht befürchtend, dass das Aidapublikum auf sein ägyptisches Kolorit halt nicht verzichten will. Da wäre sonst zum Beispiel die in Leipzig 2008 von Peter Konwitschny wieder aufgewärmte uralte Aida von 1997 aus Meinigen/Graz zu nennen. Oder die von Gürbaca aus Zürich oder…oder...).                   1.10.2016

 

Zweimal DON GIOVANNI

Gleich zwei Volltreffer

Von manchen der ganz großen Opern gibt es leider noch nicht mal eine einzige DVD-Aufnahme, die man wirklich ehrlichen Herzens empfehlen kann. Vom Don Giovanni habe ich jetzt gleich zwei sehr interessante gefunden, und die Qual der Wahl ist groß.

Wer eine im besten Sinne klassische Inszenierung ohne modernistische Regie-Mätzchen sucht, der wird von der Opus Arte Aufnahme in der geistreichen Regie von Francesca Zambella begeistert sein. Was sie aber von ihrem Titelhelden an körperlicher Agilität verlangt, könnte wohl kein anderer als der akrobatische Simon Keenlyside leisten, der sogar senkrechte Wände im 1. Finale effektvoll hochklettert, und im Schlussbild splitternackt auftritt. Dass er rein stimmlich bei diesem körperlichen Totaleinsatz nicht auch noch eine absolute Bestleistung erbringen kann, ist ganz natürlich. Das gilt auch für seinen charmanten Diener Kyle Ketelsen, der rein darstellerisch zu den allerbesten gehört, die ich je erlebt habe, und meine Erinnerung geht bis zum legendären Erich Kunz zurück. Eric Halverson ist stimmlich ein wirklich bedrohlicher Komtur, doch die Regie unterstützt das Dämonische in der Schlussszene zu wenig, weil er viel zu tief steht, zumindest scheint es auf der DVD so. Ramon Vargas singt herrlich und was verlangt man von dem so unerträglich edlen Don Octavio schon mehr. Bei den 3 Damen wird stimmlich allererste Sahne geboten: Marina Poplavskaya ist eine schönstimmige und wie überall gewohnt sehr strenge und unnahbare Donna Anna, Joyce di Donato verkörpert die dauernd lyrisch gekränkte Elvira und bei beiden verstehe ich eigentlich nicht so ganz, was sie für den Don so reizvoll machen soll. Bei der Zerline Miah Perssons ist das schon eher nachvollziehbar. Aber das ist ja bei allen Inszenierungen so.

Zum Glücksfall wird die Aufnahme aber auch noch durch die mitreißende Art des Dirigierens von Altmeister Charles Mackerras: das blitzt und blinkt und hat doch den großen Atem. Gäbe es die zweite heute zu besprechende Aufnahme nicht, wäre die Wahl ganz leicht: diese und keine andere!

Doch auch die andere Aufnahme besticht gleich mehrfach: Erstens fährt der Regisseur Pier Luigi Rizzi ein großartiges erotisches Feuerwerk auf, das bei der Premiere sogar einigen prüden Puristen schon wieder zu viel war. Doch der Don ist ja nun mal ein leibhaftiges Erotikon, und da wäre es doch völlig unglaubhaft, wenn er nicht auch so richtig zur Sache käme. Dabei beachtet der Regisseur ja ohnehin die feine Ästhetik der Schäferspiele im Rokoko und wird nie ordinär oder gar plump. Geistreich ist das Ende des Don: er wird von vier Nackten zu Tode geliebt. Zweitens ist die Personenführung derart temperamentvoll, dass es schon eine Wonne ist, schmunzelnd und vergnügt zu erleben, wie es zum Beispiel der vor erotischer Ausstrahlung strotzende Ildebrando d’Arcangelo so treibt. Nun singt er ja auch noch beeindruckend großstimmig, wenn auch oft leider etwas zu grob. Sein Schlitzohr von Diener (Andrea Concetti) steht ihm in keiner Weise nach. Die „Registerarie“ gestaltet er sogar zu einer witzigen Lektion in der Verführung einer dann auch gar nicht mal abgeneigten Dame. Diese Elvira ist ein völlig vom Klischee abweichender Typ: temperamentvoll und explosiv. Carmela Remigo macht das ganz großartig und singt dazu auch noch leidenschaftlich. Und auch Donna Anna ist nicht der übliche strenge Nonnentyp, sondern durchaus erotischen Wesens und dem Don in der Anfangsszene recht zugetan, was von der Idee her ja nicht ganz neu ist, aber voll überzeugt. Mit Myrto Papatanasiu wurde auch hier die ideale Besetzung gefunden. Und noch ein kleines Wunder für mich: endlich mal ein Don Octavio der Temperament zeigen darf, Marlin Miller  ist dafür der richtige Sänger-Darsteller. Die Zerline von Manuela Bisceglie ist so hinreißend und unwiderstehlich, wie es sich gehört. Und Enrico Iori orgelt seinen Komtur in schönster Bassgewalt, wenn auch sein Nachthemd nicht allzu dämonisch aussieht.

Drittens und letztens befeuert der Dirigent Ricardo Frizza Mozarts Musik so hinreißend, dass die Wahl zwischen den beiden Aufnahmen wirklich schwer fällt. Da gibt es nur eine und noch dazu ganz einfache Lösung: beide kaufen! Denn zusammen ergänzen sie sich zur wirklich idealen Aufnahme.

 

Zweimal Fidelio

einmal von Beethoven und einmal von Klaus Guth

Für die Regie ist „Fidelio“ sicher eine Monsteraufgabe. Schon allein die Dialoge: Welcher Sänger kann sie überzeugend sprechen? Zumal die Texte völlig antiquiert und auch oft unerträglich naiv sind! Klaus Guth fackelte da nicht lang und ließ sie einfach weg. Darüber könnte man noch reden, aber dass dafür ein elektronisches Brummen und Murmeln ertönte, wollte zu Beethovens erhabenen Tönen überhaupt nicht passen, und so entstand beinahe eine neue Oper gleichen Namens. Zumal das Hin und Hergefahre des schwarzen Ungetüms auf der Bühne die Handlung nicht verständlicher machte. Und dann noch die modisch schicke Verdoppelung der Leonore! Mit penetranter Gestik in einer Art Taubstummensprache gab sie weitere Rätsel auf. Das hielt zwar in dauernder Spannung, was das denn nun wohl zu bedeuten habe, ist aber wirklich nichts für Opernneulinge! Dem erfahrenen Kenner jedoch boten sich wirklich interessante Assoziationen mit häufigen Aha-Erlebnissen, auch durch die dauernd wechselnden Schattenprojektionen.

Da Franz Welser-Möst wie immer spannend auf höchstem Niveau musizieren ließ und die Sängerriege optimal spielte und sang war das Ganze dann doch äußerst eindrucksvoll, und machte sogar mich bereit, einige Unsinnigkeiten halt in Gottes Namen zu akzeptieren. Adrianna Pieczonka sang wie um ihr Leben und Tomasz Koniecny bot eine interessante Spielart des Bösen, abseits aller Klischees. Hier passte sein eigenartiges Stimmtimbre auch hervorragend, besser als zum Wotan. Hans-Peter König überzeugte mit seiner herrlichen Stimme, die Regie ließ ihm aber im Habitus eines Großkonsuls mit Spazierstock keine Chance, irgendwie ein glaubwürdiger Kerkermeister zu sein. Ja und Jonas Kaufmann spielte mit Hingabe wieder mal, wie schon in Guths Lohengrin, einen Epileptiker, der zuckend am Boden liegend, Angst vor dem Jubel hat und prompt zum Schluss stirbt, was so gar nicht zur Musik Beethovens passen will.

Da Jonas Kaufmann auch in der 11 Jahre älteren Aufnahme aus Zürich den Florestan singt, sind interessante Vergleiche möglich. Seine Stimme setzt er jetzt total abgedunkelt im Stile des unseligen Mario del Monacos ein, so dass man den Eindruck hat, ein Bariton singe. Zur Klangbalance der Aufführung trägt das nicht unbedingt bei. Bewundernswert aber ist seine Fähigkeit, dennoch herrliche Pianotöne zu erzeugen, was dem Italiener ja nicht gegeben war. Rein stimmlich gefällt mit der frühere Jonas Kaufmann, als er noch wie ein Tenor klang, viel besser. Flimms Inszenierung ist vergleichsweise frei von Regiemätzchen und erzählt das Geschehen gut verständlich und sinnvoll. Jedes Kind könnte da der Handlung folgen, und so sollte es ja auch sein. Trotzdem: spannender, wenn auch häufig recht unverständlich, das sei eingeräumt, ist Guths Inszenierung. Zumal Hornoncourt in großer Ruhe alle Details herausarbeitet, aber nicht gerade mitreißend flott und packend   spielen lässt. Camilla Nielund ist meine Lieblings-Leonore, da bin ich voreingenommen. Alfred Muff ist der denkbar gemütlichste Pizarro, so stellt man sich eigentlich den Rocco vor, der wiederum mit Laszlo Polgar fast zu interessant besetzt ist. Und Günther Groissböck als Ministers ist purer Luxus, eigentlich nicht zu toppen, wenn da die andere Aufnahme nicht Sebastian Holocek aufweisen könnte.

Nun fällt die Wahl zwischen den beiden Fidelios diesmal nicht allzu schwer: wer Beethoven pur will trifft mit der Arthaus DVD wirklich eine hervorragende Wahl. Wer aber Fidelio schon in- und auswendig kennt und sich auch mal über ein Regie Detail aufregen will, den wird die Sony Aufnahme als wirklich spannende Neuschöpfung begeistern.     

 

Zweimal TRISTAN UND ISOLDE

WAGNER: „Waltraud Meier und Isolde“

Drei Aufnahmen des „Tristan“ mit Waltraud Meier gibt es auf DVDs und alle drei kranken letzten Endes an der Regie. Von der Bayreuther sagte sie selbst, dass Heiner Müller weder die Musik noch sein Handwerk verstand und in der Mailänder hat sie ja nun leider diese hässliche Blutspur dauernd entstellend quer im Gesicht. Ich habe überhaupt nichts gegen das sogenannte Regietheater, so lange das Werk im Vordergrund steht und nicht ein Regisseur meint, es besser zu können als ein Jahrtausendgenie wie Richard Wagner. Bei der DVD Aufnahme von 1999 aus München hat nun ein gnädiger Kameramann den Regieunsinn optisch weitgehend ausgespart und dafür Waltraud Meiers geniale Interpretation in den Vordergrund gestellt. Das mag zwar ungerecht den anderen Sängern gegenüber erscheinen, entspricht aber voll der Singularität ihrer Darbietung. Allein schon zu sehen, wie sich das ganze gewaltige Drama in ihrem Gesicht wiederspiegelt, ist den Kauf dieser DVDs wert.

Dabei werden die Regiemätzchen Konwitschnys mit dem albernen weißen Dampfer und den Longdrinks mit bunten Schirmchen dankenswerter Weise ebenso ausgeblendet, wie das knallgelbe Ikea Sofa, das Tristan im 2. Aufzug hinter sich herschleppen muss. Das alles existiert neben dieser Rollenfaszination einfach überhaupt nicht mehr, hat keine Bedeutung. Hier singt und spielt eine Ausnahmesängerin um ihr Leben, um ihre Liebe um ihren Tod. Um einen dabei völlig mitzureißen, dazu müsste sie noch nicht einmal diese großartige Stimme haben. Ihre Ausstrahlung allein genügt schon. Ich gebe ja zu, dass ich von Waltraud Meier fasziniert bin, schon seit ich die blutjunge Sängerin vor vielen Jahren in Würzburg als „Stimme der Mutter“ in Hoffmanns Erzählungen zum ersten Mal erlebte. Das wird eine Weltkarriere, so war mir sofort klar. Umso kritischer höre ich bei ihr aber deshalb immer wieder zu, um einen akzeptablen Rest von Objektivität zu behalten.

Bei den neueren Aufnahmen kommt ihr im mitreißenden Ausdruck höchstens noch Evelyn Herlitzius gleich. Sie wird aber von Katherina Wagners Inszenierung, beinahe in Ihrer Leistung gekillt, so wie alle anderen ja auch, die da mitwirken müssen. Nur Wagners Musik überlebte diesen inszenatorischen Amoklauf knapp.

Umso erfreulicher also, dass es diese Aufnahme noch gibt.

 Es gibt aber noch zwei andere Gründe, um diese Aufnahme gerade jetzt zu besprechen, nämlich weil Waltraud Meier eben ihr 40. Bühnenjubiläum hat und sie die Isolde jetzt ja nicht mehr singen will. Gott sei Dank bleibt sie uns wenigstens auf diese Weise erhalten.

Neben der schon legendären Aufzeichnung aus Bayreuth von 1991 in der wunderschönen Inszenierung von Ponelle ist diese wohl rein optisch die schönste, die es gibt. Alle Ästheten, die von der Schönheit einer Szene gerne überwältigt werden wollen, müssen einfach begeistert sein. Dabei, und das ist wichtig, dient die Schönheit hier voll dem Gesamt-Ausdruck und ist keineswegs langweiliger Selbstzweck. Allein schon um das herrlich tiefe Blau im Bühnenbild des 2. Akts und beim Liebestod zu sehen, würde sich der Kauf lohnen. Der Bühnenbildner Roland Aeschlimann hat da ganz große Maßstäbe gesetzt. Und die riesige bühnenfüllende Spirale als farbig immer wieder neu erstrahlendes

Einheitsbühnenbild realisiert Wagners Ideal-Vorstellung von der Einheit des Raumes ganz wunderbar. Zum Glücksfall aber wird diese Einspielung, weil sie auch noch musikalisch zu den Besten am Markt gehört. Dafür sorgt der Dirigent Jiri Belohlavek ebenso, wie die durchwegs hervorragende Besetzung. Die jugendlich strahlende Nina Stemme begeistert als Isolde ebenso, wie der mit enorm heldischen Material auftrumpfende Robert Gambill als Tristan, der vielleicht nicht die allerschönste Stimme hat, aber sehr ausdrucksvoll singt, was für diese anspruchsvolle Riesenpartie ohnehin wichtiger ist. Boje Skovhus als stimmstark treuer Kurwenal und Rene Pape als  verzweifelt klagender, enttäuschter Marke, ergänzen das Meisterquartett, das durch Katarina Karneus zum überzeugenden Solistenquintett wird. Der erfahrene Regisseur Nikolaus Lehnhoff ist bekannt für sein Understatement auf der Bühne, was sich wohltuend von all dem aufgeregten und doch oft nichtssagenden Gehample unterscheidet, das so mancher seiner neumodischen Kollegen von seinen Sängern verlangt. Welcher Regisseur begreift heute wohl überhaupt noch die gigantische Leistung, die allein schon das reine Singen solcher Monsterpartien darstellt?

Die Kassette enthält neben der Gesamtaufnahme, übrigens luxuriös gleich auf 3 DVDs Akte weise verteilt, auch noch eine Zugabe: Richard Trimborns musikwissenschaftliche Darlegungen zum Werk, die auch sehr erfahrenen Zuschauern noch viel Neues bringt!

Vergleicht man diese Einspielung, die immerhin schon aus dem Jahr 2008 stammt, mal nur rein szenisch, mit der neuesten von 2015 aus Bayreuth, beweist sich überdeutlich die alte Binsenweisheit, dass das Neue bei weitem nicht immer das Bessere ist.                                                                               

                                                

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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