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Hänsel und Gretel

Lebkuchenduft in der Rheinoper Duisburg

2.12.2011

Fabelhafte Wiederaufnahme Deutsche Oper am Rhein / Duisburg

Im nunmehr 41. Jahr (!) verzaubert Engelbert Humperdincks Märchenoper „Hänsel und Gretel“ Generationen von jungen und jung gebliebenen Opernbesuchern der Deutschen Oper am Rhein. Produktionen dieses Alters gibt es sonst nur noch an der Wiener Staatsoper, aber viel langweiliger. Alljährlich und passend zur Weihnachtszeit steht sie nun erneut auf dem Spielplan. Wieder und wieder; und immer wieder fast ausverkauft. Und die durchaus weihnachtliche Stimmung des vor dem Opernhaus befindlichen Weihnachtsmarktes, wird, wie jedes Jahr, ins Opernhaus mit hinein genommen. Ein wunderschönes Ambiente. Eine tolle Einstimmung.

Copyright aller Produktionsbilder: Deutsche Oper am Rhein

Es ist fast wie am Heiligen Abend: Kinder mit strahlenden Augen fiebern ihrem ersten Opernerlebnis entgegen. Oft haben ihre Eltern diese Produktion schon gesehen. Die Erwachsenen schwelgen in Nostalgie und Kindheitserinnerungen. Hat sich etwas in der Inszenierung verändert? Hoffentlich nicht. Diese Produktion ist eine der letzten Bastionen einfach nur schöner Bildersprache - Oper wie Humperding sie schrieb - ohne jeden modernistischen Firlefanz oder tiefenpsychologischer Verfremdung.

Alles Geschnatter erlischt bei den ersten Tönen der großsymphonischen Ouvertüre. Die erste Konzentrations- und Bewährungsprobe, denn der Vorhang bleibt zehn Minuten geschlossen. Zehn Minuten konzentriertes Zuhören ist angesagt. Wo gibt es das sonst noch? Mittlerweile werden ja leider Ouvertüren überall bebildert, weil man das Publikum für zu blöde und fantasielos hält (gerade z.B. wieder in Krefeld bei "Norma"!). An der Rheinoper wird das Publikum noch ernst genommen.

Und nachdem der hochziehende Vorhang den Blick auf die Bühne freigibt, tauchen alle in eine fantastische Märchenwelt ein. Das Bühnenbild von Heinrich Wendel verzaubert. Die fast schon weich gezeichnete, mit tollen Lichteffekten und Projektionen geschaffene Waldlandschaft erinnert schwer an den Frühromantiker Caspar David Friedrich, ist jedoch gleichzeitig so bedrohlich wie geheimnisvoll. Vor und in dieser Waldlandschaft spielt sich die Handlung ab: hier schickt die strafende, überforderte Mutter die beiden Kinder zum Beerensuchen in den Wald, hier schlafen die Kinder im Schutze eines Baumes ein, hier wachen sie vor dem Knusperhäuschen der bösen Hexe wieder auf. Regelmäßiger Zwischenbeifall für die schönen Bühnenbilder rechtfertigt die alljährliche Wiederaufnahme. Ach wie ist das schön! Wäre Oper nur immer so schön! Man freut sich gleich schon wieder auf das nächste Jahr.

Eine Große Oper präsentiert sich neben den netten Kinderlieder. Vieles erinnert an Wagner, die Engelsszene ist ein wahres Oratorium. Man hört durch alle Noten, dass Humperdinck den alten Richard sehr gemocht hat. Doch der Komponist ist nicht nur ein einfacher Wagner-Epigone, nein, er findet seinen eigenen Stil. Es wird endlich Zeit, dass auch seine „Königskinder“ einen festen Platz im Repertoire finden. Über zehn weitere Opern harren noch ihrer Wiedererweckung. Vielleicht mal ein Wagnis, das man eingehen sollte? Warum werden eigentlich immer und immer wieder nur die gleichen 20 Opern gespielt?

Die wie immer großartige Anke Krabbe als Gretel brilliert mit ihrer hellen, schlanken Stimme und leichtfüßig gespielter kindlicher Albernheit, hervorragend ergänzt von Iryna Vakula, die in der Rolle des Hänsels sowohl darstellerisch wie auch gesanglich das Publikum begeisterte. Im eindrucksvollen Duett "Abendsegen", bei dem die 14 Schutzengel herbeizitiert werden, harmonieren die Stimmen aufs Allerfeinste. So schön kann Oper sein und manche Erwachsenen werden sich ein Tränlein bei diesem emotionalen Höhepunkt kaum verkneifen können. Recht so. Dafür gehen wir doch auch in die Oper - das letzte Refugium für liebevoll gestaltetet und ans Herz gehende Geschichten.

Nach dem tragischen Tod von Dauerhexe Helmut Pampuch, ist auch Wolfgang Schmidt ein jahrelanger Begleiter dieser Produktion. Auch er meistert seit Jahren die Hexe an der Rheinoper mit Glanz, Dämonie aber auch einem gewissen Augenzwinkern. Irr tanzend, machtvoll zaubernd und schrill lachend erschuf er eine Hexe ganz nach dem Märchenbuch, wie wir sie fürchten und lieben. Wunderbar! Man sieht ihm förmlich an, wie solche Rolleninterpretation Spaß macht; und die Kinder jauchzen - teilweise auch ängstlich - über sein phantasievolles Spiel.

Die Duisburger Philharmoniker ließen sich von der Begeisterung auf der Bühne und im Saal anstecken und zogen mit fast jugendlich-frischen Spiel die Fäden.

Karikatur-Copyright: Der Opernfreund / Peter Klier

Beim frohen Tanz der beiden Kinder in "Brüderchen, komm tanz mit mir" wird von den Kindern mitgesungen, keins bleibt mehr auf seinem Platz. Und wenn am Ende plötzlich die Hexe aus dem Schornstein ihres Lebkuchenhauses in den Himmel emporschießt, nachdem Hänsel schwungvoll seine Gegenspielerin in den qualmenden und lodernden Ofen stößt, wird das mit kindlicher Treffsicherheit kommentiert, bejubelt und beklatscht. Das Gute siegt über das Böse. Schön, dass es so etwas noch gibt; sei es auch nur in der traumverlorenen Welt der Oper.

Insgesamt eine wunderschöne Inszenierung des Märchenklassikers, die auch in Zukunft keinen Staub ansetzen wird. Kult, der erhalten bleiben muß - bitte noch viele Jahre viele weitere Vorstellungen dieses immerschönen Repertoire-Klassikers.

Ralf Linskens

P.S.

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