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Konzerthaus Dortmund

 Konzerthaus-Dortmund.de

 

 

DAS RHEINGOLD

29. Mai 2017 

konzertant

„Das Rheingold“, der Vorabend zu Richard Wagners Bühnenfestspiel „Der Ring des Nibelungen“, stellt bekanntlich als Anbahnung und Grundlage der späteren Konflikte viel Handlung auf die Bühne im Vergleich zu den folgenden „drei Tagen“, bietet dafür weniger emotionale oder psychologische Tiefe. Auch bedingt durch die thematisierte Kritik am Frühkapitalismus verleitet das Regisseure und wegen der ungewöhnlichen Spielorte (u.a. auf dem Grunde des Rheins oder unterirdische Kluft) auch Bühnenbildner zu mehr oder weniger verständlichen Lösungen.

Durch solches nicht abgelenkt ermöglichte volle Konzentration auf Musik und Text eine konzertante Aufführung, wie sie jetzt nach Hamburg und vor Baden-Baden stattfand im Konzerthaus Dortmund – auch folgend der langen Tradition von konzertanten Opernaufführungen. Es spielte das NDR Elbphilharmonie Orchester anstelle von Thomas Hengelbrock unter Leitung von Marek Janowski – in Dortmund als Wagner-Dirigent erstmals 1975, in Berlin mit seinen konzertanten Wagner-Aufführungen noch mehr bewundert und zuletzt „Bayreuth-erprobt“, wie es im Programm der Aufführung in Hamburg heißt.

Auch fast alle Sängerinnen und Sänger waren „Wagner-erfahren“

Weil er im „Rheingold“ die handlungsbestimmende Hauptrolle verkörpert, soll zunächst Johannes Martin Kränzle für seine stimmlich in jeder Facette glaubhafte Darstellung des Alberich gewürdigt werden. Obwohl wie fast alle Sänger hinter dem Orchester stehend war er textverständlich, nuancierte seine Stimmfarbe je nach Situation, geil zu Beginn, aber schon eindringlich bei „o Schmerz“ mächtig beim Liebesfluch ganz p beim Befehl an die Nibelungen „zaudert wohl gar?“ironisch zu Wotan „auf wonnigen Höhn“. Höhepunkt war dann natürlich die selbst die Zuhörer erschreckende Verfluchung des Rings.

Wotan kommt einem zumindest bis hin zu Erdas Warnung als eine Art Traumtänzer vor. Ihn sang Michael Volle ebenfalls textverständlich mit grosser raumgreifender Stimme. Gleich zu Beginn geriet der grosse Sprung bei „hehrer herrlicher Bau“ stolz und überheblich, er traf gegen Ende den tiefen Ton bei „es naht die Nacht“ und verfügte bis zum Einzug in Walhall über genügend Stimmreserven. Zusätzlich verdeutlichte er vieles durch angedeutetes Spiel.

Das gelang auch großartig Daniel Behle mit herrlich nuancierendem Tenor als Loge, kein früherer Heldentenor, wie manchmal erlebt, sondern zwar zynisch aber immer unangestrengt hohe und tiefe Töne treffend. Katarina Karnéus war als Fricka keine keifende Ehefrau, sondern stellte mit teils lyrischem Legato Sorge um das Schicksal der Götter stimmlich dar. Luxusbesetzung für die Partien waren die beiden Riesen, Christof Fischesser als Fasolt und Lars Woldt als Fafner, mit jeweils mächtigem tiefen Bass, der Unterschied zwischen dem eher liebenden Fasolt und dem machtgierigen Fafner wurde stimmlich deutlich. Bekannt aus der Aufführung des „Rheingold“ in der Jahrhunderthalle in Bochum vor einigen Jahren wiederholte Elmar Gilbertsson seinen damalige stimmlich so eindrucksvolle Leistung als gequälter. Mime. Mit tiefem Bass aber auch textverständlich sang Markus Eiche den Donner. Um den Blitz vorzubereiten, hatte er sogar einen kleinen Hammer mitgebracht. Eine gute Idee war es, Froh von dem eher als Konzertsänger bekannten Lothar Odinius (auch in Bayreuth!) singen zu lassen. So konnte er mit lyrischen tenoralen Schmelz die „leidlos ewige Jugend“ besingen als auch „die Brücke zur Burg“ führen. Gabriele Scherer sang eine lyrische Freia, verschluckte aber manchmal einzelne Silben. Ganz mochte man auf theatralische Momente nicht verzichten, die Rheintöchter Mirella Hagen, Julia Rutigliano und Simone Schröder sangen links oben aus dem Rang, wobei erstere die hohen Spitzentöne bis zum c traf. Mit volltönendem Mezzo und langen Legatobögen warnte aus dem Rang rechts heraus Nadine Weissmann als Erda vor dem drohenden Ende der Götter.

Wie bei einem Orchester wie dem NDR Elbphilharmonie Orchester unter der Leitung eines Marek Janowki nicht anders zu erwarten war, wurden Vorspiel und Zwischenspiele zu Höhepunkten des Abends. Wenn man nicht nur hörte, sondern zusätzlich den ersten Einsatz der Kontrabässe, dann der Fagotte dann der Hörner auch noch sah, war die Wirkung eindringlicher, als wenn es nur aus dem Orchestergraben ertönt. Dasselbe galt für den Übergang vom ersten zur zweiten Szene mit dem sorgfältig vorbereiteten ersten Erklingen des Walhall-Motivs, ganz wunderbar weich gespielt von Tuben und Posaunen. Beim Abstieg nach Nibelheim sorgten hinter dem Orchester im ersten Rang neun Schlagzeuger für die rhythmisch genauen Amboßschläge, wie überhaupt rhythmische Feinheiten, etwa beim wuchtigen Auftritt der Riesen, genauer zu hören waren, als wenn sie aus dem Graben her tönen. Zu loben sind die Soli der ersten Violine etwa schon in der Rheintöchterszene oder sogar in Nibelheim. Was man sonst kaum hört, hier sah man, wenn die Violinen in mehrere Gruppen geteilt spielten. Stellvertretend für Holzbläser seien die Fagotte gewürdigt, alle Holzbläser bei Darstellung von „Freias Äpfeln“ Ganz p   aber tongenau spielten die Hörner das schwierige Begleitmotiv zum Tarnhelm. Selten hörte man so pompös den Einzug der Götter in Walhall, auch deutlich zu hören die sechs Harfen.

Überlegen leitete Marek Janowski das musikalische Geschehen, er differenzierte das Tempo zwischen recht schnell bei Begleitung von rezitativ-ähnlichen Stellen und etwas langsamer bei für den Fortgang der Handlung wichtigen Motiven oder Themen. Mit einer Dauer von ungefähr zwei Stunden 25 Minuten lag er ganz passend etwa bei derselben Zeit, die nach Bayreuther Überlieferung ungefähr auch Siegfried Wagner gebraucht haben soll.

Schon vor Beginn der Vorstellung wurde er vom treuen Dortmunder Publikum begeistert begrüßt. Nach der Vorstellung gab es langen herzlichen Beifall mit Bravos für alle Mitwirkende dieser eindrucksvollen konzertanten Aufführung.

Sigi Brockmann 30. Mai 2017

Fotos Pascal Amos Rest

 

PS: Im Rahmen der Pfingstfestspiele ist die Aufführung am 3. Juni 2017 um 18 Uhr

im Festspielhaus Badcn-Baden nochmals zu erleben

 

 

 

 

 

 

Berlioz

REQUIEM

am 19. Mai 2017

gewaltig und innig

Für seine Vertonung des „Requiem“, der lateinischen Totenmesse, brauchte Hector Berlioz eine riesige Anzahl Mitwirkender, darum heißt sein op. 5 auch „Grande Messe des Morts“ (Grosse Totenmesse). Neben dem ganz grossen „Hauptorchester“ mit viel Schlagzeug, immerhin u.a. acht Fagotten und entsprechend vielen Streichern, Holz- und Blechbläsern schreibt er noch vier Fernorchester bestehend aus Blechbläserchören in den vier Himmelsrichtungen vor, dazu einen gemischten Chor von mindestens 210 Stimmen, als Solisten aber nur einen Tenor.

Wenn dieses Riesenwerk im eher nüchtern wirkenden Konzerthaus Dortmund aufgeführt wurde, dann fehlte zunächst die Atmosphäre des sakralen Raums wie etwa des „Dôme des Invalides“ in Paris für die Uraufführung 1837 als Trauerfeier für einen verstorbenen General bestimmt oder wie auch kürzlich des Doms zu Münster oder des Kölner Doms. Von der Aufführung im letzteren waren die Mitwirkenden nach Dortmund ins Konzerthaus gekommen. Dafür hörte der Musikfreund betreffend Instrumentation und Polyphonie der Chorsätze manches, was im Kirchenraum vielleicht nicht so deutlich wurde.

Kaum faßte das Podium die grosse Zahl der Mitglieder des WDR Sinfonieorchesters Köln. Die mehr als zehn Pauken waren hinter dem Orchester im Halbkreis aufgestellt, auf jeder Seite davor zwischen den Bläsern je eine grosse Trommel (gran cassa), die mehr als fünf Beckenpaare links und die Tuben hinten rechts. Die Bläserchöre der Fernorchester wirkten ganz von oben rechts, links und in der Mitte des obersten Rangs sowie hinter den Zuschauern.

Die vereinten Chöre des WDR Rundfunkchor Köln und des Tschechischen Philharmonischen Chores Brünn standen auf den ansteigenden Plätzen hinter dem Orchester.

Gleich nach dem ersten Einsatzzeichen von Dirigent Jukka-Pekka Saraste  zum chromatisch aufsteigenden Anfangsmotiv des Introitus zeigte sich durch das deutlich zu hörende Crescendo zum sf auf einem Ton der Vorteil einer Aufführung in einem Raum mit der Akustik des Konzerthauses. Auch waren im folgenden „Requiem“ wie auch später bei mehrstimmigen Sätzen die einzelnen Stimmen akustisch gut verfolgbar. Dies galt auch wenn etwa ein Teil des Chores choralartige Melodien sang, der andere dazu sich wie Tropfen anhörende durch kleine Pausen getrennte Achtel sang.

Das „Dies irae“ begannen Celli und Bässe choralartig, bevor verhalten der Chor einsetzte. Das war die Ruhe vor dem Sturm zur Einleitung des „Turba mirum“ (die Posaune erklingt),wo das gesamte grosse Orchester mit allem Schlagzeug sowie alle Fernorchester – rhythmisch sehr präzise - die Schrecken des Jüngsten Gerichts ankündigten. Der folgende gewaltige Einsatz der Bässe des Herrenchores liessen dann das Konzerthaus erbeben, gelungen der Gegensatz zum p „Mors stupebit“ (der Tod erschauert). Beim späteren „Judex ergo cum sedebit“ (der Richter setzt sich) waren dann allerdings die Orchestermassen so laut, daß man vom Platz im Parkett die Chöre kaum noch hören konnte.

Die farbige Instrumentation hörte man dann wieder deutlich in der Einleitung und den „Seufzern“ des „Quid sum miser“ (Was soll ich Unglücklicher sagen) durch Englisch Hörner und die acht Fagotte. 

Beim „Rex tremendae“ (König schrecklichere Majestät) war wieder eindrucksvoll zu hören der Gegensatz der Klangfülle aller Orchester bis zum „voca me“ (rufe mich), dann - nach einer Generalpause für den hier fehlenden Nachhall - folgend „sotto voce“ von den Bässen ohne Probleme bis in ganz tiefe Tiefen gesungen „de profundo lacu“ (aus der tiefen Unterwelt)

Grosses Lob gebührt den Chören für das folgende ohne Orchester zu singende mehrstimmige „Quaerens me“ (Mich suchend) – man hatte den Eindruck eines nachempfundenen mittelalterlichen Madrigals.

Mittelpunkt des Werks ist das „Lacrymosa“ (jener tränenreiche Tag). Beim tänzerischen 9/8-Takt liessen sich die mehrstimmigen Chöre durch die dazwischen fahrenden sich immer steigernden Akkorde aller Orchester auf unbetonten Taktteilen nicht aus dem Rhythmus bringen, sodaß der Eindruck eines Totentanzes deutlich wurde, der dann im gewaltigen einstimmigen Schlußakkord gipfelte.

Nach dieser Anstrengung durften die Chöre im „Offertorium“ das immer wiederholte Motiv des „Domine“ (Herr Jesus Christus“) - angeblich die Seelen im Fegefeuer - sitzend singen. Sehr farbig kam sich steigernd der Orchestersatz zur Geltung.

Beim einstimmigen „Hostias“ (Opfergaben) des Herrenchors bewunderte man die delikate akkordische Begleitung durch drei Flöten des Hauptorchesters mit Posaunen zweier Fernorchester – das ist akustisch in solch einem Konzertsaal optimal nachzuvollziehen.

Das gilt auch für das Flötensolo mit vier Solo-Geigen im „Sanctus“ Zart begleitet vom Damenchor sang mit schlanker Stimme und scheinbar ganz unangestrengt das hohe b erreichend  Andrew Staples  vorne links vom ersten Rang her wie von einer Kanzel sein Solo.– hier fehlte ein wenig der Nachhall des Kirchenraums. Kraftvollen Kontrast bot dann wieder ganz durchhörbar vom gesamten Chor gesungen die allen Regeln der Kunst entsprechende Fuge des „Hosanna in excelsis“, immerhin von einem Komponisten, der Bach nicht besonders mochte. Bewundern mußte man bei der Wiederholung des „Sanctus“ wie sanft die sonst so lauten Becken als Begleitung geschlagen wurden.

 Das abschliessende „Agnus dei“ begann mit abwechselnden p-Akkorden der Holzbläser und der Bratschen, weshalb diese wohl vorne rechts platziert waren. Beim „Amen“ beeindruckte zu den langsamen Arpeggien der Streicher der Wechsel zwischen leisen Akkorden aller Bläserchöre und den verklingenden Schlägen der Pauken, die mit zusammen mit einem Pizzikato-Akkord der Streicher das Werk beenden.

Da war es nur passend, daß erst nach einer Schweigeminute starker Applaus einsetzte mit Bravorufen – natürlich irgendwann stehend – für den Dirigenten, der die Aufführung so überlegen, einfühlsam aber doch präzise und ohne besondere Schaueffekte geleitet hatte. Ebenso applaudiert wurde dem Tenorsolisten, den Chören und dem Orchester und den durch Scheinwerfer hervorgehobenen Fernorchestern.

Sigi Brockmann 20. Mai 2017

Fotos (c) Petra Coddington

 

PS: Die Aufführung mit denselben Mitwirkenden aus dem Kölner Dom wird am nächsten Samstag, dem 27. Mai 2017, auf 3-sat übertragen.

 

 

 

Ligeti „Le Grand Macabre“ halbszenisch

23. Februar 2017 RuhrResidenz der Berliner Philharmoniker

Manches paßt zum Karneval in der Oper in zwei Akten „Le Grand Macabre“ von György Ligeti auf einen Text von Ligeti selbst und Michael Meschke ganz frei nachempfunden dem Schauspiel „La Balade du Grand Macabre“ aus dem Jahre 1934 des flämisch-französischen Dichters Michel de Ghelderode“ So kann man den Schlußvers „ Und wenn er (der Tod) kommt, dann ist's soweit ,,,Lebt wohl so lang in Heiterkeit“ geradezu als ein Motiv für den Karneval interpretieren. Auch etwa   Satiren von einer unbefriedigten Ehefrau mit SM-Vorliebe, von zwei korrupten Ministern, die ihren kindischen Fürsten „wie einen Punchingball“ hin- und herwerfen, oder der Komik vom grossen Besäufnis passen dahin.

Nach Stationen in London (mit anderem Orchester) und Berlin wurde in Dortmund am Tage von Weiberfastnacht diese Oper durch die Berliner Philharmoniker  unter der musikalischen Leitung von Sir Simon Rattle - als Teil ihrer „RuhrResidenz“ - sowie in der Regie von Peter Sellars halbszenisch aufgeführt.

Letzterer stellte in seiner Inszenierung mehr die ernste Seite dieser doppelgesichtigen Oper in den Vordergrund. Der Handlungsort „Breughelland“ verweist doch auf Bilder der Malerfamilie Breughel zwischen Darstellung von derbem Fressen und Saufen und groteskem Weltuntergang. Beginnend mit dem Hinweis auf einen fiktiven „Saubere-Nurklear-Energie-Kongress interpretierte der Regisseur - wie vor 20 Jahren schon einmal in Salzburg -   den angekündigten aber nicht durchgeführten Weltuntergang einseitig als nukleare Katastrophe. So standen Atomfässer auf der Bühne herum. Fast alle Mitwirkenden einschließlich der Mitglieder der Gepopo (geheime politische Polizei) oder der Einwohner von Breughelland traten zeitweise in weissen Kitteln oder Schutzanzügen auf. Dazu paßten Farbspiele der Saalbeleuchtung. Da die Bühne vom Riesenorchester besetzt war, sah man auf einer Videoleinwand Bilder von Tschernobyl nach der Katastrophe, von Niederschlagung einer Anti-Atom-Demo oder von Atompilzen. Daß der todbringende Komet gar nicht einschlug, statt der Katastrophe nur ein Riesenbesäufnis mit anschliessendem Riesenkater stattfand, wurde nicht so deutlich bebildert. Unerwartete Aktualität erhielt dies durch die angekündigte Vergrösserung des US-Atomwaffen-Potentials durch President Trump. Für das junge Liebespaar gab es Blumen auf der Videoleinwand. Passender war es, wenn man dort die Gesichter einzelner Mitwirkender in Großaufnahme sah und so ihre teils groteske Mimik bewundern konnte.

Unvergesslich wurde der Abend durch die Ausführung von Ligetis Musik. Im Interview betonte ein Mitglied der Berliner Philharmoniker; die Musik sei extrem ausdrucksvoll und extrem schwierig. Das galt vor auch für die Sänger, die alle bis an die Grenzen ihres Stimmfachs reichenden Anforderungen eindrucksvoll bewältigten. In der Titelpartie des „Grand Macabre“ auftretend unter dem Namen Nekrotzar sang Pavlo Hunka mit prophetisch biblischen Bariton die Ankündigungen des von ihm dann verschlafenen Weltuntergangs, traf die extrem tiefen Töne auch bei Koloraturen und stellte stimmlich gekonnt den Übergang dar, wie er zuerst glaubte, statt Wein Blut (!) seiner Opfer zu trinken. Dann mußte er gekonnt den Betrunkenen darstellend mehrfach Anlauf nehmen, etwa die Namen die von ihm früher getöteten Cleopatra oder Dschings Khan auszusprechen. Trunkenheit, aber dauernd, stellte mit ganz hohem Tenor Peter Hoare als „Weinabschmecker“ Piet vom Faß dar. Wie er im ersten Akt beim mehrfachen Versuch, den Namen „Breughelland“ auszusprechen auf dem „la“ lange Koloraturen bis hin zum p sang, war bewundernswert. Auch er traf gekonnt manche für seine Stimmlage tiefe Töne. Stimmlich und mit in der Vergrösserung gut sichtbaren Mimik überzeugte mit tiefem Baß Frode Olsen als gedemütigter Ehemann und Astronom Astradamors. Die ihn so demütigte, aber hier nur durch hörbare Schläge auf der Tablet-Tastatur, war seine Frau Mescalina, mit grosser Wagner-Stimme gesungen von Heidi Melton. Auch ihre starke Mimik erreichte über die Vergrösserung direkt den Zuschauer. Eine ganz aussergewöhnliche Leistung zeigte die Sopranistin Audrey Luna in der bis in höchste Töne reichenden Koloratur-Partie des Chefs der Gepopo. Singend lag sie verstrahlt und sterbend auf einem Krankenbett. Wiederum vergrössert zu sehen waren ihr Gesicht und ihr Körper zuckend im Rhythmus der vielfach nur aus gesungenen Lauten bestehenden halsbrecherischen Koloraturen. Das vergißt man so schnell nicht! Nebenbei hatte sie auch die kleine Partie der Venus übernommen.

Dem Fürsten Gogo verlieh mit hohem Countertenor Anthony Roth Constanzo  auch stimmlich kindische Unbedarftheit. Als weisser und schwarzer Minister beschimpften sich und vertrugen sich je nach politischer Lage Joshua Bloom und Peter Tantsits. Die beiden schönsten Partien der Oper sind das junge Liebespaar Amando und Amanda (früher geheissen Spermando und Clitoria) Um sich zu lieben ziehen sie sich zu Beginn der Oper zurück, lieben sich während des vermeintlichen Weltendes und kehren sich liebend nachher zurück - „ganz uns selbst gegeben der Liebe nur zu leben“. Anrührend klar und zart sangen das Ronnita Miller und Anna Prohaska letztere vor allem mit lyrisch- langen Soprantönen.

Der Rundfunkchor Berlin in der Einstudierung von Gijs Leenaars, sang ätherisch als Frauen-Begleitchor der Venus, unheimlich als Geister hinter der Bühne, flehend und stimmkräftig anklagend, auch aus dem Saal, als Einwohner von Breughelland.

Ligeti bezeichnete sein Werk als „Anti-anti-Oper“ Doppelte Verneinung ergibt verstärkte Bejahung. So meinte er vielleicht auch mit dieser Bezeichnung, daß er in der Nachfolge Alban Bergs frühere Musikformen nachempfand und Zitate aus allen Musikepochen von Gregorianik bis Cluster verwendete. Dies hörte man unübertrefflich durch die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle .Markant erklang gleich zum Beginn die Anfangs-Toccata aus Monteverdis „Orfeo“, aber jetzt gespielt von Autohupen. Weitere orchestrale Höhepunkte waren die grandiose Chaconne beim Einzug von Nekrotzar samt Gefolge zum Hof des Fürsten Go-go oder vor allem der Übergang von der gewaltigen Weltuntergangsstimmung im dritten zur ganz zarten Eröffnung des vierten Bildes, wo sich Piet und Astradarmors schon im Paradies wähnen, es aber nur der Kater nach dem Besäufnis ist. Ebenso eindrucksvoll geriet die Fuge, als Nekrotzar sein Versagen beim Weltuntergang einsieht und „in Nichts vergeht“ Die Positionierung einzelner Bläser und Sänger auf den Rängen vermittelte Raumwirkung. Insgesamt verstand es Simon Rattle, aus den so verschiedenen gewaltigen Rhythmen, den teils ganz zarten - auch Soli einzelner Instrumente - teils sehr kompakten Klangfarben des Orchesters und den schnellen Ensembles der Sänger eine durch die ganze Oper sich steigernde mitreissende Wirkung auf den Zuhörer aufzubauen.

Als zur abschliessenden Passacaglia der jungen Liebenden und zum folgenden Schlußhymnus aller Sänger, natürlich ausser Nektrotzar,   auf der Videoleinwand Kühe vor der Ruine von Tschernobyl mit dem Schwanz wedelten, sollte das wohl ausdrücken, was sonst im Rheinland so gesagt wird „Et hätt noch immer jot jejange“

Das Publikum im ausverkauften Konzerthaus klatschte nach einer Schweigeminute begeistert Beifall, auch im Stehen, auch Bravos waren zu hören. Aber nach diesem ausserordentlichen Abend wäre längerer Applaus mehr als verdient gewesen.

Sigi Brockmann 24. Februar 2017

Fotos (c) Monika Rittershaus

 

 

 

 

MAREK JANOWSKI

dirigiert wieder die Philharmoniker

14. Februar 2017

Beethoven und Schubert – zweimal die Achte

Vor Beginn seiner internationalen Karriere war Marek Janowski von 1975 bis 1979 Generalmusikdirektor am Opernhaus Dortmund, wo damals auch die Konzerte der Dortmunder Philharmoniker stattfanden. Obwohl er seinen Vertrag vorzeitig löste, bleibt vielen Musikfreunden sein Wirken unvergessen. Als Nachfolger von Wilhelm Schüchter setzte er als „junger Mann“ im Konzertbereich dessen Schwerpunkt zwischen Mozart - gleich in seinem ersten Konzert - über die deutsche Klassik und Romantik bis zu Gustav Mahler fort, führte aber auch damals ganz moderne Kompositionen wie etwa von Ligeti oder Charles Ives auf. Opernfreunden unvergessen sind seine Opern- Dirigate, schon damals besonders von Wagner, genannt sei die Fortsetzung und Vollendung des von Wilhelm Schüchter begonnenen „Rings“, der „Meistersinger“ und des „Parsifal“ - hier sang Waltraud Meier nach meiner Erinnerung ihre erste Kundry. Höhepunkt war für den Verfasser die Aufführung der „Frau ohne Schatten“ von Richard Strauss hinreissend musiziert und gesungen in den wunderbar poetischen Bühnenbildern von Hans Schavernoch. Seitdem wurde diese Oper in Dortmund nicht mehr aufgeführt!

Beide diese eher heiter-beschwingten oder sogar festlichen Sinfonien dirigierte Marek Janowski auswendig. Umso umsichtiger konnte er dadurch mit teils knapper, immer exakter Zeichengebung das musikalische Geschehen leiten. Dynamische Höhepunkte und passende Ritardandi steuerte er dann mit ausführlicheren Bewegungen an, ohne in effektheischendes Herumhampeln zu verfallen. Das hat ein meisterlicher Dirigent alter Schule nicht nötig!

Das zeigte sich gleich bei der 8. Sinfonie in F-Dur op.93 von Ludwig van Beethoven. Zu Beginn des ersten Satzes wurden die grossen dynamischen Unterschiede deutlich, die Violinen spielten bei der Überleitung zum zweiten Thema exakt die punktierten Sechzehntel. In der Durchführung hob er die starken Akkorde auf den normalerweise unbetonten Taktteilen kontrastierend hervor. Zu Beginn der Coda wurde das kurze Klarinetten-Solo vollendet gespielt vom Solo-Klarinettisten Wilfried Roth-Schmidt, der schon in Janowskis Dortmunder GMD – Zeit Mitglied des Orchesters wurde. Ebenso spielten von damals bis heute Roman Nowicki am ersten und Lore Militzer am weiteren Bratschen-Pult mit. Von seinen CD-Aufnahmen und zuletzt vom „Ring“ in Bayreuth wissen wir, daß Marek Janowski manchmal schnelle Tempi liebt, das zeigte er hier im zweiten Satz „Allegretto scherzando“ mit dem an das Ticken einer Uhr erinnernden   Staccato der Bläser und dem kecken Motiv der ersten Geigen. Der Satz schnurrte ganz humorvoll vorbei. Das nach dem Muster   klassischer Vorbilder (Josef Haydn) gestaltete „Tempo di Menuetto“ (an Stelle des sonst bei Beethoven üblichen Scherzos) kam humorvoll-grimmig daher, besonders wegen der wiederum stark betonten Akzente auf unbetonten Taktteilen. Im lyrisch-tänzerischen Mittelteil gestalteten Solo-Klarinette und Hörner zarte Romantik. Diese Idyll wurde durch die deutlich hörbare Begleitung durch Celli mit Staccato-Achtel-Triolen relativiert. Mit ganz schnellem Tempo und starken dynamischen Gegensätzen in den Akkord-Ballungen wurde trotz des ruhigeren zweiten Themas der fast etwas derbe Charakter des letzten Satzes deutlich.

Die „grosse“ Symphonie in C-Dur von Franz Schubert, nach heutiger Zählung seine achte, ist nun ganz verschieden von der knappen, konzentrierten Schreibweise Beethovens. Hier konnte Janowski die harmonischen Kühnheiten und dynamischen Entwicklungen, mit denen Schubert seine gesanglichen Themen begleitet, weiträumig disponieren – man erinnert sich an seine Bruckner-Aufnahmen. So nahm er etwa im ersten Satz bei der Wiederholung der Reprise ein etwas schnelleres Tempo als am Anfang oder ließ das einleitende so romantisch geblasene Hornmotiv zum festlichen Schluß besonders nachdrücklich erklingen. Im zweiten Satz erfreute die Solo-Oboistin Birgit Welpmann mit dem gesanglichen Tanzthema. Ganz großartig gelang der Übergang vom fff-Akkord zum pp vor dem ruhigeren Mitteilteil. Ebenso ging es im Scherzo vom schnell gespielten stampfenden Hauptmotiv zum erfreulicherweise in passendem Walzer-Tempo gespielten Mittelteil. Auch im Schlußsatz wurde gleich nach dem fanfarenartigen Beginn der abrupte Übergang zum Staccato-Streicher-Thema dynamisch herausgehoben. Im Verlauf dieses wiederum sehr rasch gespielten „Allegro vivace“ sorgten die Streicher, besonders die Violinen, mit dem exakt gespielten sich ewig wiederholenden Vier-Achtel-Motiv und den punktierten Sechzehnteln sehr hörbar für Gegensatz zu den gewaltigen Bläser-Melodien.

Nach der nochmals grossen Steigerung zum strahlenden C-Dur-Schluß reagierten die Zuhörer im ausverkauften Konzerthaus erwartungsgemäß mit grossem Applaus und vielen Bravos. Dem Augenschein nach zu urteilen waren auch darunter viele, die Marek Janowski noch als Dortmunder GMD hatten-.

Vom Programm her nicht ganz verständlich wurde das Konzert unter das Motto „schaffens_kraft“ gestellt. Die ist Marek Janowski für seine nächsten grossen Pläne, so wieder den diesjährigen „Ring“ in Bayreuth, zu wünschen..

Sigi Brockmann 15. Februar 2017

Fotos (c) A. Schürer/Dortmunder Philharmoniker

 

 

 

 

 

Matinée der Mozart-Gesellschaft Dortmund

Konzerthaus am 22. Januar 2017 

Mozart - zwei, eins, drei – Klaviere mit Orchester

In ihren Matinéen bietet die Mozart Gesellschaft von ihr geförderten Stipendiaten Gelegenheit, ihr Können mit professionellen Orchestern vor einem grösseren Publikum zu beweisen. Gleichzeitig ist es in diesem Rahmen möglich, aus Mozarts riesigem Werk Stücke aufzuführen, die nicht dem gängigen Repertoire angehören.

Beides zeigte exemplarisch die Matinée am vergangenen Sonntagmorgen.

Als hochrangiges Orchester trat auf das Deutsche Kammerorchester Berlin von der ersten Geige her geleitet von Gabriel Adorjan – alle im Stehen spielend, natürlich mit Ausnahme der Celli.

Begonnen wurde mit dem anspruchsvollsten Werk des Morgens, dem Konzert für zwei Klaviere und Orchester in Es-Dur KV 365 – verständlich, wenn man bedenkt, daß Mozart es für sich und seine Schwester Nannerl komponiert hatte. Es wurde gespielt von zwei jungen Stipendiatinnen. Wie Severin von Eckardstein, der vor kurzem in einer Mozart-Matinée auftrat, studierte auch Magdalena Müllerperth  zuletzt bei Professor Klaus Hellwig an der Universität der Künste Berlin. Auch Annika Treutler wurde zeitweise von ihm musikalisch betreut

Die beiden schafften es erfolgreich, sich sowohl dem Spiel des fürsorglich begleitenden Orchester einzuordnen als auch sich gegenseitig abzustimmen. Das zeigte gleich der energische von beiden gespielte Triller, mit dem nach der Orchestereinleitung die Solopartien des ersten Satzes begannen. Wenn sie sich auch häufig vor allem in der Durchführung im Spiel abwechselten oder gegenseitig begleiteten, gab es doch immer virtuose Läufe für beide gleichzeitig, die ihnen exakt unisono gelangen. Dies galt auch für punktierte Akkorde, etwa im langsamen Satz. Dort umspielten sie einfühlsam mit girlandenartig - arpeggierten Akkorden die Melodien der Holzbläser, vor allem der Oboe. Höhepunkte waren die Kadenzen, besonders im dritten Satz, wo sie Virtuosität im Zusammenspiel beweisen konnten, oder auch zum Schluß, wo die „normalen“ Achtel der Melodie von Triolen-Achteln begleitet wurden.

Das folgende Konzert für ein Klavier und Orchester in A-Dur KV 414 wurde mit Matthias Kirschnereit zwar auch von einem früheren Stipendiaten der Mozart-Gesellschaft gespielt, aber einem, der inzwischen weltweit Karriere gemacht hat (Stipendiat 1987) Da er Mozarts Klavierkonzerte auch auf CD veröffentlicht hat, erklangen jeder Ton, jeder Triller und jeder perlende Lauf brillant und kontrolliert dynamisch abgestimmt. In der Exposition des ersten Satzes spielte er vor Beginn seiner Solo-Partie einige Orchesterakkorde mit und schien auch manchmal mitdirigieren zu wollen. Im langsamen Satz, der dadurch bekannt ist, daß er mit einem Motiv von Johann Christian Bach beginnt, spielte er äusserst kantabel, besonders im p. Das Thema aus dem ersten Satz, das auch das abschliessende Rondo beherrscht, vergißt man ohnehin nicht, wenn man es einmal gehört hat. Dies nahm er pointiert, spielte virtuos die Kadenz und sorgte für Überraschung, als er kurz vor Schluß die ersten Takte des „Alla Turca“ aus Mozarts Klaviersonate KV 331 einfügte..

Abschliessend spielten alle drei Pianisten mit dem Orchester Mozarts Konzert für drei Klaviere und Orchester in F-Dur KV 242. Hier übernahm Matthias Kirschnereit bescheiden das dritte Klavier, dessen Partie Mozart technisch einfacher gestaltet hat. Ältere Konzertbesucher – dazu zählte die Mehrzahl – erinnerten sich wohl, daß es deshalb in den 80-er Jahren Kanzler Schmidt (dafür grosse Hochachtung!)zusammen mit Christoph Eschenbach, Justus Frantz und dem London Symphony Orchestra einspielen konnte. Auch in den beiden anderen Solo-Partien waren die Anforderungen nicht so groß wie im Konzert für zwei Klaviere.. Da Magdalena Müllerperth am ersten und Annika Treutler am zweiten Klavier jetzt auch sichtlich und hörbar gelöster wirkten, erfreute man sich am munteren abwechselnden Spiel im ersten Satz, dem etwas lyrischeren zweiten und dem tänzerischen Menuett - Tempo im dritten Satz.

Während üblicherweise ein Orchesterstück gespielt wird, trat hier das Deutsche Kammerorchester Berlin (nur?) als Begleitung der Solisten auf. Da alle Werke für Mozarts Zeit groß besetzt waren, bewunderte man neben den Streichern auch das Spiel der Hörner und Holzbläser.

Das Publikum im ausverkauften Konzerthaus spendete herzlich und lange Beifall für die Mitwirkenden aber auch wohl dafür, daß ihr Namenspatron kaum besser gefeiert werden konnte als mit einem solchen Programm. Die drei Pianisten spielten als Zugabe tatsächlich ein Stück für sechs Hände an einem Klavier, die Romance von Sergei Rachmaninoff.

Schon am Montag begleitet das Orchester die beiden Damen mit Mozart im Kieler Schloß, Magdalena Müllerperth spielt das jetzt von M. Kirschnereit gespielte A-Dur Konzert, Annika Treutler das sog. „Jeunehomme“ - Konzert.

Sigi Brockmann 23. Januar 2017

Fotos Matthias Oertel

 

 

 

 

DIE ERSTE WALPURGISNACHT

11. Juni 2016 Chorkonzert

heidnisch-Deutsch dann geistlich-Latein

Felix Mendelssohn Bartholdy – Die erste Walpurgisnacht

Daniel Friedrich Eduard Wilsing - De Profundis (Aus der Tiefe)

Anfang des 19. Jahrhunderts war in Berlin Ludwig Berger der bekannteste Musiklehrer. Zu seinen Schülern zählten unter anderen zwei im Jahre 1809 geborene Komponisten, Felix Mendelssohn Bartholdy aus Hamburg und Daniel Friedrich Eduard Wilsing aus Hörde – heute ein Stadtteil Dortmunds, bekannt durch den Phönixsee. Der eine wurde erfolgreich und ist es bis jetzt trotz Unterdrückung seiner Werke in der Zeit des Nationalsozialismus wieder geworden.. Der andere hatte zu Lebzeiten ebenfalls Erfolg, wurde u.a. von Robert Schumann gewürdigt und später völlig vergessen.

Am vergangenen Samstag wurden im Konzerthaus Dortmund von beiden je ein grosses Werk für Solisten, Chor oder sogar mehrere Chöre und Orchester aufgeführt. Vielleicht kann der Vergleich Gründe für den unterschiedlich Nachruhm andeuten.

Goethe schrieb eine Ballade mit dem Titel „Die erste Walpurgisnacht“ über eine kultische Frühlingsfeier von Heiden (Druiden?), die damit dem bereits übermächtigen Christenglauben trotzen. Diese hatte er zum Komponieren für Carl Friedrich Zelter bestimmt, der schaffte es nicht, wohl aber Felix Mendelssohn und das ganz großartig, wie die Aufführung in Dortmund wieder bewies.

Bereits den ersten Teil der Ouvertüre „das schlechte Wetter“ spielten die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Gabriel Feltz furios mit starken Akzenten und stürmischen Läufen der Streicher, wie sie Wagner später im „Fliegenden Holländer“ nachempfunden hat. Ganz wunderbar romantisch klangen die beiden Hörner beim „Übergang zum Frühling“ Hier wie später auch in den Zwischenspielen konnten die Holzbläser irrlichternd ihre Virtuosität beweisen.

In den Solo-Gesangspartien glänzte Roman Payer mit hellem Tenor bis zum hohen a als „Druide“.und dann als ängstlicher fliehender christlicher Priester. Textverständlich und mit warmen tiefen Alt warnte Natascha Valentin vor den vermeintlichen Verbrechen der „strengen Überwinder“, also der Christen. Ebenfalls sehr textverständlich mit mächtigem Bass sang Luke Stoker den „Wächter der Druiden“ Für den Priester der „Druiden“ hatte Gerardo Garciacano die passenden auch langen Bariton – Töne parat.

Als Chöre sangen der Kammerchor der TU Dortmund einstudiert von Ulrich Lindtner und der Klangfarben-Konzertchor Dortmund einstudiert von Johannes Knecht.  Wenn fast einstimmig gesungen, klangen die Chöre mächtig und hymnisch besonders zum Schluß zur Verehrung „Allvaters“. Ganz vielstimmig waren Höhepunkte der Chor der Wächter der Druiden mit höhnischem Spott „Kommt mit Zacken und mit Gabeln“ begleitet von wildem Schlagzeug und Piccoloflöten im Orchester und der ängstliche Chor der „christlichen Wächter“ pp dann crescendo ansteigend„Ach es kommt die ganze Hölle“ begleitet von chromatisch aufsteigenden Triolen im Orchester, alles exakt und mit Körpereinsatz geleitet von GMD Gabriel Feltz.

Nach der Pause begrüßte das Publikum mit Applaus die auftretenden Chöre und der Applaus mußte lange andauern, bis 320 Sänger auf der Empore und hinter dem jetzt auf der ganzen Breite des Podiums aufgestellten Orchester ihre Plätze eingenommen hatten. Holzbläser sassen ganz links, Blechbläser ganz rechts und Pauken sowohl rechts als auch links Dies alles, um nach über 150 Jahren erstmals wieder von Daniel Friedrich Eduard Wilsing die Vertonung von Teilen des Psalms „De profundis clamavi ad te“ (Aus der Tiefe rufe ich Herr zu Dir) aufzuführen. (in der Vulgata der 129. bei Luther der 130.Psalm) Zu den bereits genannten Chören traten hinzu der Philharmonische Chor des Dortmunder Musikvereins unter Leitung des langjährigen Direktors des Dortmunder Müller, der Dortmunder Oratorienchor einstudiert von Heiko Waldhans und aus der nächsten Opernchors Granville Walker, der Dortmunder Bachchor in der Einstudierung von Klaus Eldert Nachbarschaft der Bach-Chor-Hagen einstudiert von Johannes Krutmann. Diese Chöre zusammen bildeten die von Wilsing geforderten vier getrennten Chöre. Sie standen aber nicht getrennt, sodaß für den Zuhörer ein einziger riesiger Chor sang mit bis zu 16 Stimmen, da alle Chöre vierstimmig geschrieben waren. Für die Vergangenheit erinnerte das an Palestrina und J. S. Bach, später schrieb Gustav Mahler ähnlich vielstimmige Chöre von grösserem Orchester begleitet. Mit Bach verglich auch Robert Schumann in seinem lobenden Brief das Werk von Wilsing. Das lag auch nah, da Wilsing aus einer evangelischen Kantorenfamilie stammte – trotzdem vertonte der den Psalm auf Latein - Es sollte wohl eine Wiederbelebung früherer Kompositionstechniken mit den stimmlichen und orchestralen Mitteln der Zeit angestrebt werden. So gab es fugierte Teile, gab es riesige Steigerungen von p einzelner Stimmen einzelner Chöre bis zum ff aller Chöre, etwa bei „Exaudi me“ oder„Speravit anima mea“ (Meine Seele hofft auf Dich) Aus der Masse der Chöre traten zwei Solisten heraus, hier von Sängern des Opernhauses gesungen. Mit leuchtendem Sopran sang Ashley Thouret bei „Speravi in te“ ein längeres Solo, wiederum war Gerardo Garciacano für das Bariton-Solo zuständig. Die Orchestrierung Wilsings entsprach den Erwartungen an eine Komposition aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, wohl nicht ganz so abwechslungsreich und aufregend wie bei Mendelssohn. Es erklangen auch Zwischenspiele für das Orchester, etwa vor „Et me salvabis“ (Du wirst mich retten). Das Werk endete auch nicht mit dem von allen Chören ff gesungenen „Amen“ sondern mit zwei Akkorden des Orchesters. Ganz bewundernswert war, wie es den gut einstudierten Sängerinnen und Sängern und dem Orchester dank der exakten Zeichengebung von Gabriel Feltz gelang, das gewaltige Werk aufzuführen ohne daß beim erstmaligen Hören Fehler oder Ungenauigkeiten festzustellen waren. Da bedauert man, daß dieser riesige Aufwand für nur eine einzige Aufführung betrieben wurde.

Finanziell ermöglichte dies die Dortmunder Reinoldi-Gilde, eine Vereinigung von Dortmunder Bürgern, die sich dem Wohl ihrer Heimatstadt auch finanziell verpflichtet fühlt. Aber diesen mußte eine solche Aufführung erst als förderungswürdig dargestellt werden. Dafür wurde zu Recht gelobt Thomas Rink , selbst ausübender Musiker, neben vielen anderen Aufgaben als Kulturmanager für Dortmunds Theater und Orchester tätig.

Das Publikum im ausverkauften Konzerthaus spendete allen reichlich verdienten langen Applaus auch stehend, für diese grossen Einsatz aller Beteiligten.

Sigi Brockmann 12. Juni 2016

Fotos Anneliese Schürer

 

 

 

EDGAR

Oper von Puccini

Aufführung am 29. Mai 2016

Vom Publikum begeistert gefeiert

Dem KLANGVOKAL MUSIKFESTIVAL DORTMUND ist zu danken, in diesem Jahr seinem Publikum ein solch besonderes Opernjuwel präsentiert zu haben. Wer als Opernliebhaber der gestrigen konzertanten EDGAR-Aufführung im Dortmunder Konzerthaus beiwohnte, darf sich glücklich schätzen. Puccini at his best, große Stimmen, ein hochkarätiges WDR Funkhausorchester Köln und alles unter der souveränen musikalischen Leitung von Alexander Joel, einem großartigen Operndirigenten

Lange galt der vierte Akt der Puccini-Oper EDGAR als verschollen. Bis er 2007 im Nachlaß einer Enkelin des Meisters in New York aufgetaucht ist. 2008 gab es in Turin endlich eine Aufführung des gesamten Werkes. Gestern nun dann die deutsche Erstaufführung dieser zu unrecht in Vergessenheit geratenen Oper EDGAR. Die immerwährend spannende und glutvolle Operngeschichte eines Mannes der zwischen zwei völlig unterschiedlichen Frauen steht. Auf der einen Seite die lebenslustige und oberflächliche Schönheit Tigrana und auf der anderen Seite das bescheidene Dorfmädchen Fidelia für die sich am Ende, und dann aber zu spät, der Titelheld EDGAR entscheidet. Stoff für einen Komponisten vom Range eines Puccini, daraus eine glühende, emotionale und mitreißende Oper zu erschaffen.

Eine Oper, die alles besitzt, was ein Meisterwerk besitzen muss: hinreißende Solopartien, mächtige Chöre, großes Orchester und musikalische Höhepunkte von Beginn bis zum ergreifenden Ende des Werkes. Die Solisten wurden von Puccini durchweg höchst anspruchsvoll mit glanzvollen Partien bedacht. Bei der gestrigen deutschen Uraufführung glänzten sie alle. Zusammen mit dem WDR Rundfunkchor Köln und dem Kinderchor der Chorakademie Dortmund wurde diese Aufführung zu einem gesanglichen Erlebnis. Es wird Zeit, dass diese Puccini-Oper nun endlich ihren Weg macht und in möglichst vielen Opernhäusern, nicht nur in Deutschland, inszeniert wird. EDGAR hat nun wirklich alles, was einen italienischen Opernabend in all seiner Faszination ausmacht. Und davon in Fülle!

Die große Partie der Fidelia sang in Dortmund die international gefragte Sopranistin Latonia Moore mit eindrucksvoller Stimme und fein gezeichneten Piani. Die Gefühlsausbrüche der unglücklich verliebten Fidelia gestalte sie ebenso eindrucksvoll wie die zarten Momente ihrer Partie. Und immer war genügend Kraft für diese großartige Künstlerin vorhanden, um auch in den verschiedenen großen Ensembles zu glänzen und krönende Spitzentöne zu präsentieren. Dies gelang auch der Sopranistin Rachele Stanisci als Tigrana, die Puccini’s große ,für einen Mezzosopran geschriebene, Partie so überzeugend sang, dass auch sie immer wieder zu begeistern wusste. Die italienische Sängerin war von Beginn bis zum Ende der Oper stimmlich äußerst präsent.

Der argentinische Tenor Gustavo Porta bringt alles mit, was einen wirklich guten Puccini-Tenor ausmacht. Langer Atem, große Stimme, Schmelz und die scheinbar spielerische Leichtigkeit der hohen Töne. Auch er völlig zu recht im Zentrum des einhelligen Publikumsjubel.

Evez Abdulla sang Frank, den Bruder der Fidelia. Der aus Aserbeidschan stammende Bariton verfügt, wie alle seine gestrigen Kolleginnen und Kollegen, über eine große internationale Erfahrung. Dies war deutlich spürbar. Sehr präsent im Gesang, viel Gefühl und kraftvoll da, wo Puccini es wollte. Dies gilt ebenso für den rumänischen Bassist Bogdan Taloş , der den Gualtiero sang, den Vater der Fidelia. Talos rundete das erstklassige Sängerensemble auf der Bühne mit seinem noblen Gesang hervorragend ab.

Der WDR-Rundfunkchor war durch Robert Blank vorzüglich einstudiert, ebenso der Dortmunder Kinderchor (Chorakademie Dortmund) durch seine Leiterin Bianca Kloda.

Die musikalische Leitung des Abends lag bei dem in Wien ausgebildeten Dirigenten Alexander Joel in allerbesten Händen. Einem Dirigenten, dem es absolut anzumerken war, dass ihm diese Partitur ganz besonders am Herzen liegt. Er dirigierte einen Puccini allererster Güte und konnte sich, neben den Solisten und den Chören, auf ein erstklassiges WDR Funkhausorchester Köln (an der Orgel Ann-Katrin Stöcker) verlassen.

Am Ende gab es für alle Beteiligten großen Jubel, Standing Ovations und einhellige Begeisterung. Beigeisterung auch für ein lange verschollen geglaubtes Opernwerk, welches Dank dem Dortmunder Klangvokal Musikfestival am gestrigen Abend völlig verdient in die Musikwelt zurückgeholt wurde. Dieser glanzvollen konzertanten Aufführung sollten ganz schnell szenische folgen.

Detlef Obens 30.5.16

Foto (c) DAS OPERNMAGAZIN / Basia Kuznik

 

 

Jubiläumskonzert 60 Jahre Mozart Gesellschaft

Dortmund Konzerthaus - 22. Mai 2016

Langjährigen Opernfreunden sind sicher noch bekannt die Sänger Günter von Kannen u.a. als Alberich in Bayreuth und anderswo oder Frieder Lang als lyrischer Tenor u.a.in Hamburg und heute Gesangsprofessor in München oder Peter Schöne zeitweise am Theater Hagen. Eins haben diese mit Instrumentalsolisten gemeinsam, etwas willkürlich aus der grossen Anzahl herausgegriffen, mit den Geigern R.J.Koeckert, und N. Koeckert, Mirijam Contzen oder Vilde Frang, dem Cellisten Gustav Rivinius, der Trompeterin Thine Thing Helseth, den Pianisten Christian Zacharias, Matthias Kirschnereit, Ingolf Wunder, Nicolai Tokarev, Herbert Schuch, Khatia Buniatishvili oder Lisa de la Salle oder auch Ensembles wie dem Cherubini-Quartett oder dem Ensemble Amarcord. Sie alle und viele andere - insgesamt bisher 119! - waren Stipendiaten der Mozart Gesellschaft Dortmund. Ein solches Stipendium ist verbunden mit vielfältiger Unterstützung wie planvoller Ausbildung, Möglichkeit der Teilnahme an Wettbewerben, Begleitung bei Verhandlungen mit Konzertagenturen bis hin zu teilweiser Übernahme der Kosten von CD-produktionen. seit 2010 auch mit Förderpreisen für einzelne Stipendiaten in Höhe von EUR 5.000 durch Unternehmen der Region (Kulturhauptstadt-Jahr) Ein Höhepunkt ist dann ein Auftritt bei den jährlich fünf Mozart-Matinéen im Konzerthaus Dortmund. Bei der Gelegenheit zeigen die jungen Talente ihr Können im Zusammenspiel mit professionellen Orchestern und erfolgreichen Dirigenten.

In diesen immer ausverkauften Mozart-Matinéen werden nicht nur Werke des Namensgebers Mozart aufgeführt, und von ihm häufig auch weniger bekannte und seltener aufgeführte, sodaß auch die Verbreitung des unglaublich umfangreichen Schaffen Mozarts Zweck der Gesellschaft ist. Finanziert wird das alles nur durch privates Engagement, öffentliche Mittel werden nicht in Anspruch genommen – da kann auch kein auf Kosten der Kultur sparwütiger Politiker hereinreden.

Gegründet wurde diese Gesellschaft 1956 u.a. von dem Chefarzt einer Dortmunder Klinik und dem damaligen GMD in der Folge eines Konzerts zum Mozarts 200. Geburtstag, in dem der dem Verfasser noch gut bekannte Pianist Detlev Kraus mitwirkte.

So war es jetzt Zeit, das 60-jährige Jubiläum mit einem Festkonzert im Dortmunder Konzerthaus zu begehen. Begrüssung erfolgte durch den Vorstandssprecher Dr. Eiteneyer. Es folgte eine präzise und erfreulich kurze Festansprache durch Matthias Schulz, seit kurzem nicht mehr Geschäftsführer der Stiftung Mozarteum in Salzburg und bald Nachfolger von Jürgen Flimm als recht jugendlich wirkender Intendant der Staatsoper unter den Linden in Berlin. Er stellte die Frage, wie Mozart wohl mit 60 komponiert hätte, erinnerte an die Zusammenarbeit der Mozart Gesellschaft Dortmund mit der Stiftung Mozarteum, erwähnte, daß die „Zauberflöte“ an der Linden-Oper noch immer erfolgreich in der Inszenierung von August Everding und dem Bühnenbild nach Schinkel gespielt wird und zitierte seinen baldigen Chefdirigenten Barenboim mit den Worten, Mozart schaffe es, „gleichzeitig zum Weinen und zum Lachen“ zu verführen.

Drei frühere Stipendiaten, die danach erfolgreich Karriere gemacht haben, wurden zum Jubiläum für ein Solokonzert auf ihrem Instrument eingeladen. Leider war kein Pianist dabei, obwohl das Klavier wohl Mozarts Lieblingsinstrument war und die größte Anzahl unter den Stipendiaten Pianisten waren.

Die charmante Geschäftsführerin der Mozart Gesellschaft, Karen Ann Bode, stellte jeweils die einzelnen Solisten und ihre Karriere vor.

Mozarts Klarinettenkonzert in A-Dur KV 622 spielte Sebastian Manz, als 1. Preisträger beim ARD - Musikwettbewerb und nach zwei Echo-Klassik-Auszeichnungen heute Soloklarinettist des SWR – Sinfonieorchesters Stuttgart. Er verfügte anscheinend mühelos über die geforderte Virtuosität, spielte die grossen Intervalle bis zu den ganz tiefen Tönen mit leuchtendem Ton, wußte diesen zum p meisterhaft zurückzunehmen, sodaß das kantable Adagio zum Höhepunkt wurde.

Mozarts drittes Hornkonzert KV 447 – wie alle in Es-Dur – spielte der noch junge Marc Gruber, nach vielen Auszeichnungen heute mit 22 Jahren jüngster Solohornist im Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks. Auch er verfügte über die technische Sicherheit, spielte virtuos bis in tiefe Lagen seines Instruments, dies besonders in der Kadenz. Wunderschön weich klang das Larghetto, beim Zuhören fühlte man, warum Mozart es als „Romance“ bezeichnet hat.

Wenn nach den Bläserkonzerten ein Violinkonzert gespielt werden sollte, virtuos anspruchsvoller als die von Mozart, aber seiner Art der Komposition ähnlich,   konnte es nur das in e-moll op. 64 von Felix Mendelssohn Bartholdy sein. Diese Virtuosität zeigte ganz erfolgreich das Spiel von Susanna Yoko Henkel, auch Echo-Klassik Preisträgerin und heute Professorin an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln – Mozarts Violinkonzerte hat sie mit dem Litauischen Kammerorchester als Solistin und Dirigentin aufgenommen. Die scheinbare Leichtigkeit und Heiterkeit in Mendelssohns Konzert mit der Kadenz schon vor der Reprise im ersten Satz vermittelte sie auf ihrer Stradivari „Ex Leslie Tate“dem Zuhörer beeindruckend. Zart und innig folgte die Gesangsmelodie des Andante. Den Schlußsatz bewältigte sie trotz der schwierigen Doppelgriffe, Triller und Staccati mit mühelos erscheinender Eleganz bis hin zur zu ganz raschem Tempo gesteigerten Schluß-Stretta.

Bei Begleitung der Solisten war es genau umgekehrt wie in den „normalen“ Matinéen. Dort wird ein Nachwuchskünstler von einem professionellen Orchester begleitet, hier wurden arrivierte Solisten von den in Ausbildung befindlichen Musikern des Orchesterzentrums NRW aus Dortmund begleitet. Der Duisburger GMD Giordano Bellincampi hatte Einstudierung und Leitung übernommen.   Am besten gelang noch die Begleitung des Mendelssohns – Konzerts – man freute sich über die Überleitung vom ersten zum zweiten Satz durch das Fagott oder die glitzernden nach „Sommernachtstraum“ klingenden Holzbläser im letzten Satz.

Nach dem virtuos – heiteren Schluß hatte das Publikum im wiederum ausverkauften Konzerthaus allen Grund, die Solistin und den Dirigenten durch langanhaltenden Applaus ausgiebig zu feiern.

Sigi Brockmann 23. Mai 2016

Fotos (c) Matthias Oertel

 

 

 

Mozarts Da-Ponte-Opern konzertant

MusicAeterna – Teodor Currentzis

DON GIOVANNI

am 17. November 2015

Es wurde völlig dunkel im Konzerthaus Dortmund, mit Einschalten der Beleuchtung ertönte wuchtig der erste d-moll-Akkord der Ouvertüre des „dramma giocoso“ von Wolfgang Amadè Mozart „Don Giovanni“. So begann am Dienstag die letzte der drei einmalig-eindrucksvollen Aufführungen von Opern Mozarts auf Texte von Lorenzo da Ponte durch das Orchester MusicAeterna unter seinem Leiter Teodor Currentzis,   für „Don Giovanni“ extra im Anzug mit weisser Nelke im Knopfloch. In der ganzen Ouvertüre bewunderte man den Gegensatz zwischen den gewaltigen scharfen Tutti-Akkorden mit dem exakt gespielten punktierten Rhythmus des Andante und dann dem energischen Allegro. Nicht abgelenkt durch irgendwelche Bebilderung konnte der Zuhörer dieser intensiven Vorwegnahme des Finales folgen.

Vorweg muß auch die Wirkung eines über die musikalische Gestaltung hinausgehenden Einfalls gewürdigt werden. Als Don Giovanni gegen Ende des ersten Aktes seine maskierten Gegenspieler zum Ball einlädt, stimmt er ein Lob der Freiheit an - „viva la liberta“ , das von allen Solisten und Chor wiederholt wird. Gestern trat der Chor in Alltagskleidern durch das Publikum auf die Bühne und entfaltete während des Gesangs ein Transparent „Viva la liberta“ Wir haben auch die Freiheit, eine der bedeutendsten Opern überhaupt aufzuführen über den Mythos des nicht bereuenden Verführers unzähliger offenbar mitwirkender Frauen. Diese Freiheit gilt es zu verteidigen!.

Dabei mußte ausgerechnet der ursprünglich als Don Giovanni vorgesehene Andrè Schuen wie schon bei „Cosi fan tutte“ aus gesundheitlichen Gründen absagen. Für ihn sprang ein der weltweit auftretende Dimitris Tiliakos. Das war eine glückliche Wahl. Mit nur wenigen Blicken in die Noten zeigte er mitreissend alle stimmlichen und mit wenigen Andeutungen auch spielerischen Facetten des Titelhelden. Verführerisch klang seine Stimme mit zartem p im Duettino mit Zerlina und im Ständchen an Elviras Zofe. Überschäumende Lebensfreude zeigte er im irrsinnig schnellen Presto der „Champagner-Arie“. Mit grosser Stimme sang er stolz und ungebeugt im Finale seinem Untergang entgegen. Perfekt beherrschte er das schnelle Parlando. Das bewunderte man auch wieder bei Vito Priante, diesmal als Leporello. Bei der ganz exakt gesungenen „Registerarie“ gab er der Stimme eine zynische Färbung. Überhaupt kann man nur bewundern, wie er in fünf Tagen drei Hauptrollen in Mozart-Opern bestens bewältigen konnte..

Über dramatische Attacke im Orchester - Rezitativ und der folgenden Arie „Or sai chi l'onore“ verfügte Myrtò Papatanasiu mit exakt gesungenen Intervallen und strahlenden Spitzentönen. Letztere waren auch beim ganz weichen Legato und glockenreinen Koloraturen im „Rondo – Larghetto“ „Non mi dir“ im zweiten Akt zu bewundern. Ebenso bewundernswert klangen die langen Legato-Bögen, die unangestrengten Spitzentöne und das ergreifende p von Kenneth Tarver in beiden Arien des Don Ottavio. So gesungen wird keiner behaupten, Ottavio sei ein schwacher Charakter. Geläufige Koloraturen beherrschte auch Karina Gauvin als Donna Elvira, allerdings klebte sie ziemlich an ihren Noten und ließ die geforderte Tiefe manchmal vermissen. Entzückend mit kecken Trillern sang Christina Gansch die Zerlina, verführerisch gegenüber Masetto in ihrer ersten Arie und ganz tröstlich klingend im zweiten Aufzug. Ihr allmähliches Nachgeben im Duettino „La ci darem la mano“ mit den im Rhythmus der Herzschlags gesungenen kleinen Intervallen wird man so schnell nicht vergessen. Dagegen mimte mit kräftigem Baß Guido Loconsolo als Masetto den etwas einfältigen Bauernburschen..

Mit mächtigem Bass forderte Mika Kares als Commendatore den Don Giovanni zur Busse und Rückkehr auf, Besuchern der diesjährigen Ruhrtriennale wird er als gefeierter Wotan im „Rheingold“ in Erinnerung sein.

Wiederum erledigte der Chor seine Auftritte exakt und stimmgewaltig.

Letztlich waren es aber wieder die Mitglieder von MusicAeterna und Teodor Currentzis, die die Aufführung zu einem unvergesslichen Erlebnis machten, wieder mit Instrumenten und Stimmung nach Art der Mozart-Zeit. Jedes Ritardando und jedes sforzato wurde so natürlich gespielt, daß man merkte, so muß es sein. Äusserst exakte rhythmische Genauigkeit und tänzerischer Schwung, etwa auch bei den gegenläufigen Tanzrhythmen im ersten Finale, sorgten für die Lebendigkeit der Aufführung. Einer der schönsten Augenblicke war vorher in demselben Akt der plötzliche Wechsel vom heiteren Menuett gesungen von Leporello und den drei Masken zum folgenden ernsten Adagio „Protegga“ wo die drei vorher maskierten dann mitten im Orchester sangen. In passenden Tempi wieder mitreissend und umsichtig leitend wechselte der Dirigent je nach Erfordernis zwischen Sängern und Dirigierpult hin und her. Geistreich war wieder die Begleitung der Rezitative durch Maxim Emelyanchev am Hammerklavier und seine Continuo-Gruppe. Instrumentale Soli wurden dadurch auch sichtbar, daß die Spieler vor dem Orchester Platz nahmen, so etwa die beiden Gamben, der Cellist bei Begleitung der ersten Arie der Zerlina, die Spielerin der Mandoline zu den gezupften Streichern bei Begleitung der „Mutter aller Ständchen“ „Deh vieni“ im zweiten Akt.

Wiederum war das Publikum im vollbesetzten Konzerthaus vor Begeisterung „ganz aus dem Häuschen“, wie man so sagt, es gab riesigen Beifall Bravos, Pfiffe und alles was dazu gehört.

Kurz vor seinem Tod lebte Librettist da Ponte in New York und und sorgte dort 1825 für die erste Aufführung des „Don Giovanni“ in den USA, mit der Malibran als Zerlina! Ein Besucher, der sonst während Opern immer einschlief, sagte ihm, wie da Ponte in seinen Memoiren schreibt: „Bei einem solchen Stück... ist man derart ergriffen, daß man die ganze Nacht wach bleiben sollte“

Noch viel länger wird die Ergriffenheit andauern über die Mozart-Aufführungen im Konzerthaus Dortmund durch MusicAeterna und Teodor Currentzis.

Sigi Brockmann 18. November 2015

 

Foto aus „Cosi fan tutte“ Pascal Amos Rest

Die Aufführung wurde vom ZDF aufgenommen und wird irgendwann gesendet. Ebenso wird im Herbst 2016 die CD der Aufführung erscheinen.

 

 

 

 

 

(c) Peter Klier

 

FIGAROS HOCHZEIT

MusicAeterna – Teodor Currentzis

am 15. November 2015

Als östlichste Stadt Europas ist die Millionenstadt Perm, ein Verkehrsknotenpunkt

am schiffbaren Fluß Kama und der Transsibirischen Eisenbahn gelegen, vielen unbekannt. Lange Zeit war sie   unter dem Stadtnamen „Molotov“ wegen ihrer Rüstungsindustrie für westliche Besucher „verbotene Stadt“. Opernfreunden war auch lange Zeit unbekannt, daß es dort ein Opern- und Ballett-Theater gibt, bis der Grieche  Teodor Currentzis 2011 zu seinem musikalischen Leiter berufen wurde und die Möglichkeit erhielt, sein eigenes Orchester mitzubringen, von ihm gewünschte Sänger zu engagieren und sehr intensiv einzustudieren.. Damit sorgte er dann zunächst wegen seiner Aufführungen und Einspielungen von Opern Mozarts sehr schnell für weltweites Aufsehen. Dessen Berechtigung konnten er und sein Orchester MusicAeterna jetzt im Konzerthaus Dortmund beweisen mit konzertanten Aufführungen der drei Opern, die Mozart auf Texte Lorenzo da Pontes komponiert hat.

Nach „Cosi fan tutte“ wurde am vergangenen Sonntag „Figaros Hochzeit“ („Le Nozze di figaro“) aufgeführt. Wie bei den anderen Mozart-Opern auch spielte das Orchester nach historischem Vorbild, die Violinen mit Darmsaiten, Hörner und Trompeten ohne Ventile und Traversflöten aus Holz, alle gestimmt auf 451 hz. Ebenso wie bei den Singstimmen gab es natürlich kein Vibrato. Das ergab einen etwas abgedunkelten Orchesterklang, dafür waren trotz für Mozart verhältnismässig grosser Streicherbesetzung alle Stimmen und Nebenstimmen sehr gut hörbar. Geiger und Bläser spielten im Stehen, nur bei den Rezitativen durften sie sitzen, das erhöhte die Aufmerksamkeit des Spiels, war aber sicher auch anstrengend, besonders bei langen Finalszenen.

Bei einer handlungsreichen Oper wie „Figaros Hochzeit“ mit Verstecken und Verkleiden wirken konzertante Aufführungen häufig lang, das war hier nicht der Fall. Alle hatten die Oper schon im Theater gespielt und sangen zum größten Teil ohne Noten. Deshalb konnten sie trotz fehlendem Bühnenbild die Handlung szenisch glaubhaft darstellen. So vermaß etwa Figaro beim ersten Duett das Dirigentenpult und Hammerklavier statt des Raums, Cherubino versteckte sich später vor dem Grafen im Orchester, es wurde geküßt und geohrfeigt wie vorgesehen. Der Notar Don Curzio stotterte wie üblich (Danis Khuzin), Gärtner Antonio (Harry Aghajanian) war vor lauter Saufen dauernd heiser, Sergey Vlasov war mit helltrimbrierten Tenor als schmieriger Intrigant ein Don Basilio wie man sich ihn vorstellt. Auch Beleuchtung wurde verwendet, bei Barbarinas „Nadel“ - Cavatine (frisch und keck Eleni Lydia Stamellou) wurde sogar die Instrumentenbeleuchtung gelöscht, sodaß die gedämpften Violinen und die gezupften Bässe fast im Dunkeln gespielt werden mußten – ein eindrucksvoller Beginn für den turbulenten letzten Akt.

Als resolute Strippenzieherin der Handlung ist Susanna fast dauernd auf der Bühne, in den meisten Ensembles wirkt sie mit. Stimmlich sich immer steigernd und lebhaft im Spiel war Fanie Antonelou eine Spitzenbesetzung, bis hin zur großartig gesungenen Arie „O säume nicht“ (Deh vieni) mit zartem p bis in tiefe Lagen hin zum hier sehr deutlich hörbaren, fast getanzten Siciliano-Rhythmus des Orchesters. Absolute Spitzenbesetzung war Vito Priante für den Figaro. Seine wandlungsfähige Stimme konnte alle Gefühlslagen deutlich machen, als gebürtiger Italiener lag ihm das schnelle Parlando am besten vor allen. Über einen wunderbar lyrischen gleichzeitig in allen Lagen tragfähigen Sopran verfügte Natalia Kirillova als jugendliche schlanke Gräfin. Ihre langen p-Töne beim „Dove sono“ waren hinreissend, das Duett mit Susanna über die „sanften Abendwinde“ war reinster Musikgenuß. Jugendlich wirkte auch Konstantin Shushakov , allerdings fehlte der Stimme besonders in der grossen Arie „Der Prozess schon gewonnen“ etwas der stolze Biß des Macho-Typs. Hinreissend war auch Paula Murrihy als Cherubin mit schlanker überzeugend geführter Stimme in ihren beiden Arien. Die unbekümmerte Jugendlichkeit dieser vielleicht schönsten Rolle in Mozarts Opern gestaltete sie verführerisch. Typischen Mezzo-Glanz in der Stimme hörte man von Maria Forsström als auch noch jugendliche Marcelline. So war es passend, daß sie auch ihre Kunst des Koloraturen-Singens in der Arie im letzten Akt zeigen konnte. Nikolai Loskutkin steuerte als Bartolo die ganz tiefen Töne bei. Der Chor sang seine kleinen Partien exakt.

Ein so großartiges Erlebnis wurde der Abend aber vor allem durch die musikalische Leitung von

Teodor Currentzis. Tänzelnd Einsätze gebend, den Rhythmus manchmal stampfend, wobei er die ohnehin deutliche Pauke noch verstärkte, mit beweglicher Zeichengebung ohne Taktstock waren seine Tempi teils sehr schnell. Im ersten Unisono-Presto Teil der Ouvertüre fürchtete man fast, so schnell könnten die Geigen gar nicht spielen, aber sie konnten es. Das ganz kurze Duettino im zweiten Akt zwischen Susanna und Cherubino hat man kaum so schnell gehört, aber sie waren zusammen. Ritardandi setzte er ohne Übertreibung an den passenden Stellen ein. Die Balance zwischen Streichern und Bläsern gelang bei der guten Akustik des Konzerthauses optimal. Statt Wohlfühl-Atmosphäre klangen Tanzrhythmen und Dramatik in Mozarts Musik überwältigend. Gefühlvoll begleitete der die Sänger, dafür verließ er das Podium, um ihnen Einsätze zu geben. Besonderes Lob verdienten Maxim Emelyanychev am stilgerechten Hammerklavier und seine Continuo-Gruppe für die geistreiche Begleitung der Rezitative,

Nach dem abschliessenden fast hymnischen „sotto voce“ „Ah tutti contenti“ folgte die schwungvolle Schlußsteigerung mit Chor und allen Solisten. Das Publikum im ausverkauften Konzerthaus reagierte danach mit einem Bravo-Geheul, das man den meist älteren Besuchern kaum zugetraut hätte. .Solch ein Abend erweckte beim Opernfreund höchstes Glücksgefühl. Morgen folgt „Don Giovanni“

Sigi Brockmann 16. November 2015

Fotos Pacal Amos Rest

 

PS: Bei Sony ist „Figaros Hochzeit“ mit MusicAeterna unter der Leitung von Currentzis auf CD erschienen, die Sängerinnen der Susanna und Marcelina sind dieselben wie gestern in Dortmund

 

 

 

 

 

SIEGFRIED MUSIK

am 2. Juni 2015

„helden_gesänge“ war das Motto dieser Saison der Dortmunder Philharmoniker. (Bindestrich unten und Kleinschreibung vom Veranstalter gewünscht!) „Helden“ läßt Richard Wagner in seinen Bühnenwerken meistens scheitern, gut wenn eine

opferwillige Frau dann für den versöhnlichen Schluß sorgt! Das ist auch der Fall mit „Siegfried“. Aber hier erstrecken sich Aufstieg und Fall über zwei Tage des Bühnenfestspiels „Der Ring des Nibelungen“ Im Teil „Siegfried“ selbst gelingt diesem fast alles, was Machtpolitiker Wotan für ihn gepla

nt hat, im dritten Aufzug sogar noch mehr, nämlich, daß er Wotan selbst entmachtet.. Nach Vollendung von „Tristan“ und „Meistersinger“ zählen Instrumentation, Harmonik und besonders motivische Verarbeitung zu den musikalischen Höhepunkten in Wagners Schaffen, sodaß eine konzertante Aufführung dem Opern- und Musikfreund Freude bereitet.

Reine Freude bereitete zuvor das „Siegfried-Idyll“, ein intimes Konzertstück von Wagner zum Geburtstag von 'Cosima geschrieben. Nicht ganz so intim wurde es hier mit verhältnismässig grosser Streicherbesetzung aufgeführt – wie in Dortmund üblich mit den Celli ganz rechts, die Balance zwischen Streichern und den wirklich idyllisch klingenden Bläsern blieb aber gewahrt. Dirigent Gabriel Feltz hob dynamische Höhepunkte   bis zum vorgeschriebenen ff hervor, sodaß es fast einer „sinfonischen Dichtung“ nahe kam. Ganz intim klang wieder dann der pp verklingende Schluß.

Nach der Pause kamen dann die Orchestermassen für den III. Aufzug „Siegfried“ auf die Bühne, wenn auch mit „nur“ vier Harfen. Für den Sänger des „Wanderer“ ist die erste Szene dieses Aktes mit Erda auch dann eine stimmliche Strapaze, wenn das Orchester tief unten im Graben sitzt. Da bei dieser konzertanten Aufführung ohne grosse Zurückhaltung bei der Lautstärke musiziert wurde, blieb für Olafur Sigurdarson nur übrig, soviel zu forcieren wie nur möglich, um überhaupt stimmlich bestehen zu können. Differenzierter sang er dann beim Zwiegespräch mit Siegfried.

Bis zu den tiefen Tönen ihrer Alt – Partie – etwa bis zum tiefen gis - gestaltete Ewa Wolak den kurzen Auftritt der Erda wohlklingend mit langen Tönen ohne falsches Vibrato, dabei soweit möglich textverständlich. Eindrucksvoll gelang die Entzauberung Wotans bis hin zum grossen Sprung vom hohen As bis tiefem d bei „ herrscht durch Meineid“

Spätestens seit seinem „Tristan“ in Minden vor fast drei Jahren kennt man Andreas Schager als einen ganz bedeutenden Wagner-Tenor, wobei sympathisch wirkt, daß er sich nicht auf Wagner beschränkt, erinnert sei an seinen „Apollo“ in Richard Strauss konzertanter`“Daphne“ oder „Menelas“ in dessen „Ägyptischer Helena“. Für den jungen Siegfried hatte sein heller Tenor die passende Stimmfärbung. Stimmlich überstrahlte er besonders bei Spitzentönen das hinter ihm kräftig spielende Riesenorchester. Bei schnellem Parlando etwa in der Szene mit Wotan war er weitgehend textverständlich. Anrührend klang sein p vor der Erweckung Brünnhildes, etwa legato und – für einen Heldentenor schwierig – p ohne Orchesterbegleitung z. B. bei „Im Schlafe liegt eine Frau“Auch sah man, daß er gewohnt ist, die Partie szenisch zu gestalten.

Noch als Mezzo erlebte der Verfasser Petra Lang 1994 in Dortmund als Octavian und Waltraute. Über letztere schrieb damals Konrad Schmidt in den „Ruhr-Nachrichten“ … „das war gesanglich der Höhepunkt! Petra Lang als Waltraute, schade, daß die Partie so klein ist“ Inzwischen singt sie ganz grosse Partien als hochdramatischer Sopran auch von Wagner etwa im „Ring“! Da ist die Brünnhilde im „Siegfried“ nicht einmal besonders lang. Petra Lang begann strahlend singend wie die angerufene Sonne mit kräftig lang angehaltenen Tönen. Auch später klang bei Spitzentönen, aber auch dank früherer Mezzo-Lage bei tiefen Tönen, ihre Stimme immer kontrolliert, nie scharf oder mit falschem Vibrato. Dabei gestaltete sie stimmlich und soweit möglich textverständlich den Wechsel der Emotionen Brünnhildes. Zart tönte das „Ewig war ich“ später dann mit der Wagnerschen Aufforderung „feurig doch zart“ bei „O Siegfried“ Im ersten Duett mit Siegfried sangen beide den langen Triller - fast schon erwartet beschloß Brünnhilde das leidenschaftliche Schlußduett mit einem strahlenden hohen C.

Für den „Ring“ verbannte Wagner bekanntlich in Bayreuth das Orchester unsichtbar in den tiefen Abgrund, um die Handlung hervorzuheben, den Klang der Instrumente zu verschmelzen und den Singstimmen zu helfen. Für diese ist selbst bei zurückhaltender Lautstärke des Orchesters und möglichem Blick in die Noten eine konzertante Aufführung schwierig. Trotzdem war es für die Besucher ein Erlebnis, zu hören, und auch zu sehen, wie insbesondere die raffinierten Mischklänge sich aus verschiedenen Instrumenten oder Instrumentengruppen zusammensetzten. Hier zeigten die Dortmunder Philharmoniker ihre Wagner-Erfahrung, nach Dirigaten von Hans Wallat und Arthur Fagen spielten sie nach der Jahrtausendwende jetzt zum dritten Mal aus dem „Ring“

Zu ganz grosser Klangwucht steigerte Gabriel Feltz die Musik zum Szenenwechsel durch das Feuer hin zum „ Brünnhildenstein“, nahm teils sehr schnelle Tempi. Sauber intoniert klangen die folgende lange Kantilene der ersten Geigen, wie auch alle   Streicher harmonisch im „Streichquartett“ bei „Ewig war ich“. Zart und weich intonierten die Hörner das erste „Walhall-Motiv“, markant klangen die Trompeten, neckisch spielten Flöten das Waldvöglein. Zu loben waren alle Holzbläser, z.B. die für Wagner so typische Baßklarinette, auch im Zusammenspiel mit den „normalen“ Klarinetten, natürlich auch die Harfen.

 Das Publikum im nicht ausverkauften Konzerthaus zeigte sich begeistert, klatschte Beifall, rief „Bravo“, besonders für die beiden Hauptpersonen, auch, wie man aus Gesprächen hörte, froh, daß die emotionsgeladene Musik Wagners nicht durch Aktionen auf der Bühne relativiert oder „gegen den Strich gebürstet“ wurde.

Sigi Brockmann 4. Juni 2015

Foto (c) Christoph Müller-Girod  / Karikaturen von Peter Klier (c) Opernfreund

 

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