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Provinzielle

CARMEN

Besuchte Vorstellung am 09.02.14

Gespielte Wirtschaftsarmut oder

Wie verteilt man ein Grillwürschen an einen ganzen Chor...

Wenn in der Oper Dortmund Gabriel Feltz und die Dortmunder Philharmoniker mit dem rasanten Vorspiel zu Georges Bizets "Carmen" loslegen, denkt man zunächst: "Donnerwetter, so möchte ich das immer hören!". Das ist genau die Musik, von der Nietzsche behauptet, daß sie nicht schwitzt. Eine schlanke Tongebung, federndes Brio. Doch kaum öffnet sich der Vorhang, so ändert sich der Eindruck des Dirigats; zwar bleibt die feine Austarierung der Orchesterfarben, doch die Tempi Feltz`werden plötzlich von einer bleiernen Trägheit befallen. Beim wunderbaren Anfang zum Zigarettenchor, der die aufsteigenden Wirbel des Rauchs darstellt, klingt es wie zu Boden sinkender Trockeneisnebel. Schwierig dazu auf der Bühne einen dramatischen Impetus zu gewinnen, leider bleibt der Abend hauptsächlich unter dieser Devise. Schön wird noch einmal das Schmugglerquintett, doch den Tiefpunkt bildet das uninspirierte Vorspiel zum dritten Aufzug, das Flötensolo verfasert in der Phrasierung der Melodie, was eindeutig nicht am Flötisten liegt.

Nach dem desaströsen "Troubadour" der letzten Saison, inszeniert Katharina Thoma die "Carmen" absolut provinziell, das liegt sicher nicht an die Versetzung der Handlung ins heutige Spanien der Wirtschaftsarmut, samt Flüchtlingsschmuggel im dritten Akt, sondern daran, daß es Thoma überhaupt nicht gelingt am Schicksal der Protagonisten zu interessieren. Die Personenführung wirkt schrecklich einstudiert, der Umgang mit dem Chor erschreckend dilettantisch (Emotionsgruppenfoto mit Einheitsgesichtsausdruck zum Dirigenten). Julia Müers pseudorealistischer Wellblechpauperismus auf der Bühne sieht uminspiriert und häßlich aus, da fehlt nur noch der große Stempel mit "Billige Kulisse". Irina Bartels Kostüme passen dazu, was nicht heißt, daß sie schlecht gearbeitet sind. Die Personen treten auf und ab, warum von da und warum nach dort scheint egal. Der szenische Gipfel bildet im zweiten Akt die Verteilung eines ganzen (!) Würstchens vom künstlichen Schwenkgrill an den gesamten Chor ! Im dritten Akt fängt dann Micaela plötzlich an zu bluten und darf sterben, wie das geschieht oder warum, entzieht sich meiner doch recht scharfen Sicht, war ja auch schlecht ausgeleuchtet! Den Abschluss dieser unbegabten Regie bildet Carmens Tod, eigentlich recht gut in der Komposition zu hören, doch hier liegt sie schon eine halbe Minute früher auf den Brettern.

Mit Ileana Mateescu hat man eine eigentlich attraktive Carmen lyrischen Zuschnitts, die klugerweise nie über ihre Verhältnisse forciert. Ihr Mezzo klingt leicht und sinnlich, natürlich muß sie zum ersten Auftritt ein rotes Kleid auf "sexy" getrimmt tragen, die junge Sängerin hätte eine intensivere Szene für diese Partie verdient, so fehlt noch einiges zu einer "Carmen", vielleicht kommt die Rolle auch etwas zu früh? Christoph Strehl ist ein etwas unauffälliger Don Josè und an diesem Abend als indisponiert angesagt, doch das französische Fach scheint recht gut zu seiner Stimme zu passen, wenngleich für diese Zwischenfachpartie ein wenig dramatischer Schneid fehlt, seine tenoralen Höhen hatten in der letzten Zeit ohnehin nicht durch üppigen Glanz überzeugt. Julia Amos als Micaela scheint stimmliche Probleme zu entwickeln; ihrem eigentlich sehr schön timbrierten Sopran fehlt es an Fokussierung, so klingen tiefe und Mittellage etwas matt, in der Höhe stemmt sie dann ins Volumen, was eine wacklige Intonation verursacht, alles noch nicht fatal, doch hier sollte an der Stimme gearbeitet werden. Morgan Moody singt einen Escamillo mit baritonalem Schmelz in den Höhen und macht figürlich als Torero wirklich etwas her. Anke Biegel und Aglaja Camphausen als Frasquita und Mercedes, wie Stefan Boving und Fritz Steinbacher als Dancairo und Remendado bilden ein ausgezeichnetes Schmugglerquartett. Christian Sist und Gerardo Garciacano als Zuniga und Morales sind einfach luxuriös besetzt. Die Chöre, Extrachöre und der Kinderchor klingen hervorragend, sind szenisch jedoch eindeutig unterfordert.

Gesanglich kommt die Aufführung sehr zufriedenstellend daher, die Szene und das Dirigat fallen bei mir durch. Immerhin ist das Dortmunder Opernhaus mit Bizets Opernhit endlich wieder sehr gut besucht, und das Publikum scheint das Dargebrachte zu goutieren.

Martin Freitag 11.2.14

Bilder siehe unten

 

 

CARMEN

Premiere am 1. Februar 2014

 Da Intendant Jens-Daniel Herzog „Carmen“ am 19.1. selber in Hamburg inszenierte, kam er für die Produktion am Dortmunder Haus nicht infrage. Seine Arbeit wurde als „spannend und einfühlsam“ bezeichnet, aber auch als „handzahm“ und „reichlich konventionell“. Was nun ist zur Dortmunder Regie von KATHARINA THOMA zu sagen? Auch sie ist konventionell ausgefallen, und sogar auf eine beschämend klägliche, peinliche Weise.

Es fängt mit dem Bühnenbild (JULIA MÜER) an. Der 1. Akt ist architektonisch unambitioniert gestaltet, im 2. Und 4. Akt dominieren nüchterne Stellwände, wie von einem Baumarkt aussortiert. Das Gebirgsbild prägt eine Art Grenzbefestigung, eine Lösung nicht ohne Sinn, aber gänzlich atmosphärelos. Die Katastrophe des Finalbildes wird dem Zuschauerauge übrigens erst nach Hochziehen eines Zwischenvorhangs preisgegeben, vor dem sich das Volksleben Sevillas in einer grotesk einfallslosen Rampensingerei abgespielt hat

 Der Chor ist überhaupt ein zentraler Schwachpunkt der Inszenierung. Kompakt steht er herum, meist sogar brav symmetrisch. Es werden synchron die Hände gereckt, es wird synchron gewunken, synchron gestikuliert. Regieanweisung vermutlich: und jetzt alle mal zusammen. Synchron läuft auch sonst vieles ab. Bei den Dur-Passagen des Sextetts. etwa entledigen sich die Damen wie auf Kommando ihrer Oberteile und stehen im BH da. Jetzt weiß also auch der infantilste Zuschauer, was demnächst ansteht. Und da Carmens Kartenarie in Frau Thomas‘ Vorstellung wohl nicht genügend nachvollziehbar ist (trotz Übertitel), muss eine Statistin, welche in den anderen Bildern bereits als Bettlerin herumgeistert, mit einer Todesmaske auftreten. Der Tod und das Mädchen, symbolhafter Nachhilfeunterricht bei einer so unzugänglichen Oper wie „Carmen“. Nicht unerwähnt bleiben darf der Einfall der Regisseurin, dass Micaela am Ende des 3. Aktes irgendeiner Verwundung erliegt. O je, o je, wie rührt mich dies, kann man da nur sagen.

 Dort, wo es Charaktere zu formen gälte, wo es zwischen den so heterogenen Figuren zu flammen hätte, versagt Katharina Thoma auf ganzer Linie. Wenn einem jemand sagen würde, „Carmen“ hätte ihn gelangweilt, man würde ihm nicht glauben. In Dortmund wird das Gegenteil bewiesen. Und im Schlussbeifall auch nicht die leiseste Andeutung von Protest.

Mit den Sängern ist es auch so eine Sache. ILEANA MATEESCU war umwerfend als Dorabella und vor allem als Ottone (Monteverdis „Poppea“) zu erleben, sängerisch und in der femininen Erscheinung. Aber der letztgenannte Vorzug kommt der Carmen nur bedingt zugute, denn ein (in Josés Worten) „Teufel“ erschöpft sich nicht in eleganter Attitüde, und ein lyrischer Mezzo ist für Bizets Rasseweib einfach zu wenig. CHRISTOPH STREHL gefällt nachhaltig als außerordentlich präsenter José-Darsteller, aber er kommt an (akzeptable) stimmliche Grenzen. Bei CHRISTIANE KOHLs Micaela ist dies wahrlich nicht der Fall, aber ihrem Porträt fehlt eine nicht unwichtige mädchenhafte Komponente. Solide, aber ohne besondere Ausstrahlung: MORGAN MOODY als Escamillo. Bleiben noch die allesamt kregeligen Porträts von ANKE BRIEGEL (Frasquita), AGLAJA CAMPHAUSEN (Mercédès), STEPHAN BOVING (Dancaire) und FRITZ STEINBACHER (Remendado) zu erwähnen.

Nicht zuletzt: GABRIEL FELTZ, der Dirigent, welcher zuletzt mit Tannhäuser Furore machte. Er gibt Bizets Musik nervige Prägnanz und dramatischen Furor. Ein paar agogische Eigenwilligkeiten (so das Orchester vor der finalen Begegnung Carmen/José) überraschen zunächst, überzeugen dann aber dramaturgisch. Kompliment auch an den Chor und die Kinder der Chorakademie Dortmund (aus deren Reihen die Kölner Oper schon mehrfach wunderbare Rollenvertreter für die Partie des Miles in Brittens „Turn oft he Screw“ rekrutierte) sowie die Dortmunder Philharmoniker. Gespielt wird die Dialogfassung, natürlich in französischer Sprache.

Christoph Zimmermann 2.2.13                               Bilder Theater Dortmund

 

 

 

 

 

 

DER GRAF VON LUXEMBURG

Premiere am 11. Januar 2014

Operetten-Glückseligkeit – teils zum Mitsingen

An den riesigen Erfolg seiner „Lustigen Witwe“ konnte Franz Lehár  mit einem ähnlichen Werk anknüpfen und schrieb auf ein Libretto von Alfred Maria Willner, Robert Bodanzky und Leo Stein – gleich drei Textdichter -  die Operette „Der Graf von Luxemburg“, die wiederum auf dem Libretto einer erfolglosen Operette von Johann Strauss basiert.  Sie spielt ebenfalls im bohèmehaften, mondänen Paris zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Heirat der Liebenden wird ebenfalls durch Standesunterschiede und unpassend verteilten Reichtum erschwert. Auch hier wechseln sich slawische Rhythmen  mit Walzerseligkeit ab, häufiger langsamere Walzer (valse moderato) als in der „Lustigen Witwe“.  

Auch die Komik, daß ein alter reicher Mann junge Frau heiraten will, ist so neu nicht:Der alte Fürst Basil Basilowitsch kann  die junge Angèle Didier wegen ihres fehlenden Adelstitels nicht ehelichen. Deshalb wird sie mit dem dauernd in Geldnot befindlichen  Grafen René von Luxemburg  verheiratet, der für diesen Dienst  bezahlt wird. Dadurch adelig geworden soll sie nach erfolgter Scheidung den alten Basil heiraten.. Um eventuellen persönlichen Zuneigungen  vorzubeugen, findet die Eheschliessung der beiden getrennt durch eine Leinwand  im Künstleratelier des Malers Brissard statt, sodaß die beiden durch ein Loch in derselben nur jeweils die Hand des anderen zwecks Ringtausch sehen können – nutzt aber nichts, die beiden lernen sich trotzdem kennen und lieben, der alte Boris heiratet eine alte aus Russland angereiste frühere Verlobte,  der Maler Brissard will endlich seine angebetet Juliette Vermont auch heiraten –  durch den Weg zum Traualtar der drei Paare ist die selige Operettenwelt wieder in der althergebrachten Ordnung!


Uraufgeführt 1909 hatte diese Erfolgsoperette in der heute üblichen Fassung von 1937 (Berlin) am Samstag unter der musikalischen Leitung von Motonori Kobayashi in der Inszenierung von Thomas Enziger im Opernhaus Dortmund Premiere.  Als Koproduktion wird die Inszenierung vom Staatstheater Nürnberg übernommen.
Grosse Freude bereitete bereits das Bühnenbild von Toto – wann wird heutzutage schon einmal nach dem Öffnen des Vorhangs applaudiert? Als Vorhang diente die Projektion eines Boulevards in Paris flankiert von einem Hotel und einem Mietshaus, in dessen Dachgeschoß befindlich  der als Conférencier tätige Poet – nicht im Libretto vorgesehen aber hier und auch sonst bedeutsam gesprochen von Thomas Pohn - die jeweiligen Schauplätze ankündigte, erst das Atelier des Malers Brissard, dann den Saal der Modenschau von Angèle, die dazu passend  als Modedesignerin auftrat, und schließlich der Saal im Grand Hotel de Paris.

Diese Nutzungsverbesserung des Raums wurde übertrieben pathetisch mit steigenden Mieten bedingt durch Bodenspekulation begründet, gilt vielleicht für Paris, nicht aber für Dortmund, wo die Mieten kaum steigen. Dabei handelte es sich um ein Einheitsbühnenbild, dessen Rückwand ein  grosses Fenster bildete, durch das man die Skyline von Paris  bewundern konnte. Vorne wurden durch Requisiten und Licht (Stefan Schmidt) dann die drei Spielorte glaubhaft dargestellt. Von Toto stammten auch die phantasievollen Kostüme, besonders die  des Chors, dieser wie immer zuverlässig einstudiert von Granville Walker. Beim Eingangschor „Karneval, ja, du allerschönste Zeit“ ,gesungen vor dem Orcherstergraben, trug jedes Chormitglied ein eigenes phantasievolles Karnevalskostüm – eine Freude fürs Auge! Die Kostüme der Hauptdarsteller bewegten sich geschickt zwischen Entstehungszeit und heute.
In diesem Rahmen inszenierte Operettenspezialist Thomas Enziger das Spiel vom „Heiratsgrafen“ mit intelligenter Personenführung und grosser Beweglichkeit der Mitwirkenden  unterstützt vom achtköpfigen Tanzensemble (Choreografie Markus Buehlmann), was zu den teils sentimentalen Walzergesängen einen reizvollen Kontrapunkt ergab.
Der Sänger der Titelfigur, Lucian Krasznec, ließ sich vor der Aufführung als indisponiert ansagen. Beim Auftrittslied von der „Stammbaumleiter“ der Luxemburgs schonte er sich vielleicht, besonders im zweiten und dritten Akt gefiel seine in schönem Legato geführte, auch im p gut verständliche Stimme sehr  Der grosse Sprung  vom e zum hohen a im Duett mit Angèle „Man greift nicht nach den Sternen“ gelang ihm  ohne hörbare Anstrengung. Bei den pp-Spitzentönen im Solo vom „Fünfdreiviertel Handschuh“ mit dem Geruch von„Trèfle incarnat“ war, auch da vor dem Orchester gesungen. überhaupt nichts von Indisposition zu hören. Hilfreich war dabei sein temperamentvolles Spiel zwischen überschäumender Heiterkeit und sentimentalem Liebeskummer.


Dagegen  agierte Julia Amos  als  Angèle etwas zurückhaltender.  Mit leuchtendem Sopran sang sie sehr textverständlich, bei ihren Spitzentönen hörte man etwas unnötige Schärfe.. Höhepunkt für die beiden war natürlich die Hochzeitszeremonie durch das Loch in der Leinwand mit dem wohl bekanntesten Ohrwurm der Operette „Bist du`s lachendes Glück?“. Daß diese Melodie auch immer wieder leitmotivisch verwendet wird, zeigte sich auch szenisch, als im letzten Akt zur grossen Versöhnung der beiden die Leinwand mit dem Loch von einem Tänzer über die Bühne getragen wurde. Stimmlich und sängerisch verbreitete auch das Buffopaar erfolgreich gute Laune. Mirella Hagen glänzte als kecke, höhensichere Juliette und Fritz Steinbacher - gerade aus Münster importiert - mit seinem hellen ausdrucksvollen Tenor und beweglichem Spiel als Maler Armand.

Der heimliche Star des Abends – auch wegen der dankbaren Rolle – war erwartungsgemäß Ks. Hannes Brock als alter Fürst Basil Basilowitsch. Gleich in seinem Auftrittslied, der Mazurka moderato „Ich bin verliebt“, zeigte er  mit  russischem Akzent stimmlich seine Unruhe,  sang auch mit perfekter Kopfstimme die Komik darstellenden Spitzentöne. Sein Spiel, wie er behindert durch Rheuma versucht, Angèles Handschuh vom Boden aufzuheben, rief Sonderapplaus hervor. Wieder beweglich  träumte er übertrieben mit Juliette tanzend   von den amourösen Erfolgen  seiner Jugend im „Polka-tänzer-Duett“


Riesigen Erfolg hatte auch Johanna Schoppa  als Basils alte Verlobte Gräfin Kokozow. Der gründete vor allem in ihrem Couplet, wo sie u.a. nacheinander die Mitteilungswut der heutigen Jugend( nach dem Rendezvous steht gleich das Bild im Netz) die NSA (liegt mit im Bett) aufs Korn nahm und dem BVB trotz Niederlagen viel Glück wünschte. Da war es verständlich, daß sie zum Refrain „Alles mit Ruhe geniessen, nie gleich sein Pulver verschiessen, ich laß zu allem mir Zeit“ die Zuschauer einschließlich eventuell anwesender Schalke-Fans zum Mitsingen verführen konnte. Begleitet wurde sie vom Barpianisten Thomas Hannig, der in der Hotelhalle auf dem Flügel Anklänge an andere Werke Léhars, auch etwas verjazzt, spielte...

Die kleineren Rollen der russischen Begleiter Basils waren mit Primoz Vidovic (Notar), Thomas Günzler (Pélégrin) und Thomas Warschun (Pawel) passend besetzt.
Motonori Kobayashi leitete überlegen das musikalisch Geschehen und regte das Orchester mit sentimentalen Walzern, rhythmischen Märschen und feurigen slawischen Tänzen zur einfühlsamen Begleitung der Sänger und zu den Zwischenspielen an, ist Lehár doch hier eine seiner abwechslungsreichsten und farbigsten Partituren geglückt. Das zeigte sich auch in den Soli einzelner Instrumente, vor allem der Solovioline, etwa zu Angèles „Versuchung lockt“, aber auch  etwa den Triller von Flöten oder Klarinetten oder den Harfenglissandi.
Alles dies regte natürlich das Publikum im gut besuchtem Haus zu grossem Applaus für alle Mitwirkenden, besonders Ks. Brock, und zum gesamten Leitungsteam an, nach einer Orchesterzugabe auch stehend. Zum bevorstehenden Karneval ist für Dortmunder der Besuch dieser Operette sicherlich amüsanter und lohnender als manche „närrische“ Vereinssitzung!

Sigi Brockmann  13. Januar 2014                  Fotos Thomas M. Jauk Stage Picture

 

 

 

 

DER OPERNFREUND-STERN für diesen Dortmunder Tannhäuser

 

TANNHÄUSER

PR am 2.12.13

2.Kritik (Bilder siehe unten: 1. Kritik)

Im Vorfeld der Dortmunder „Tannhäuser“-Neuinszenierung wirbelte etwas atmosphärischer Staub hoch. Zunächst haftet die im Mai herausgekommene Düsseldorfer Rheinopern-Produktion (Regie: Burkhard C. Kosminski) weiter im Gedächtnis, wegen ihrem rabiaten Transfer ins KZ-Milieu (was geradezu delirische Reaktionen hervorrief) nach der Premiere nur noch konzertant gegeben. Weiterhin machte neugierig, wie sich der als Chef des Schauspiels äußerst erfolgreiche KAY VOGES (41) bei seiner ersten Opernregie schlagen würde. Um das Ergebnis in kurzen Worten vorwegzunehmen: die Zuschauer bejubelten die Premiere mit Standing Ovations, die wenigen Buhs wirkten mehr als Pflichtübung. Der Jubel schloss den grandios singenden Chor (GRANVILLE WALKER hatte die Einstudierung auch schon beim letzten Dortmunder „Tannhäuser“ 2001 inne) sowie die superben DORTMUNDER PHILHARMONIKER mit ein.

 Obwohl es in den Fingern juckt, sofort auf die Inszenierung zu sprechen zu kommen, soll doch mit Überzeugung zunächst auf die Klangwunder eingegangen werden, welche der neue GMD GABRIEL FELTZ bewerkstelligte. Die homogene, warm tönende Bläserintroduktion der Ouvertüre ist erstes Indiz für eine auch später nicht nachlassende Qualität eines raumfüllenden, doch immer transparenten Orchesterspiels. Die zurückgenommenen Pizzicati bei den Worten „Und als Ihr von uns gegangen“ lassen die Herzen im Auditorium ebenso stocken wie das von Elisabeth, die ätherischen Streicherpianissimi im Vorspiel zum 3. Aufzug klingen geradezu elysisch. Doch auch den extrovertiert dramatischen Ansprüchen der Partitur bleibt Feltz nichts schuldig, und die Präzision im Orchestergraben sucht Ihresgleichen.

 Solch musikalische Qualitätshöhe hätte von einer vordergründig schrägen Szene durchaus torpediert werden können. In Dortmund geschieht dies nicht. Der Einzug der Gäste zu Videoeinblendungen (u.a. mit Bildern von Merkel und Putin) wird allerdings zu einer grotesken Riesenparty aufgedonnert, was im Publikum (absolut angemessen) Heiterkeit hervorruft. Der Auftritt der Minnesänger (Tannhäuser radschlagend!) gerät zu einer VIP-Show, u.a. mit dem dekadent tänzelndem Solo Walthers („Den Bronnen, den uns Wolfram nannte“). Aber das macht nicht nur Sinn, sondern geht auch konform mit der Musik, woran eine gelungene Opernregie noch immer zu messen ist. U.a. mit diesem Aufzug löst Voges ein, was er ankündigte: „Ich nehme Wagner ernst und suche nach den für uns aktuellen Konflikten in der Oper.“ Diese Absicht wird vom Regisseur indes nicht nur auf dem Papier verkündet, sondern auf der Bühne auch wirklich umgesetzt.

 Die gravierendste Akzentuierung ist es, die Tannhäuser-Figur auf Christus zu projizieren, doch auf Christus, wie ihn Nikos Kazantzakis in seinem Roman „Die letzte Versuchung“ (1951) porträtiert. Ein irdischer Mann mit Schwächen, Aufbegehren, Angst – und Sehnsucht nach körperlicher Intimität. Man kann dieses Begehren auch dann als dringlich verstehen, wenn man die Zölibatsauflage der katholischen Kirche und die in letzter Zeit vermehrt aufgedeckten Missbrauchsvorkommnisse außen vor lässt. Bei Kazantzakis findet der gekreuzigte Jesus erst zu sich selbst und bejaht die Erwählung zum Erlöser der Welt, als er- träumend – auch die „Niederungen“ menschlicher Existenz durchlebt hat. Den Roman setzte 1954 der Papst auf den Index. Bei der Romerzählung in Dortmund wird ein imaginäres Konterfei eingeblendet, welches sich zunehmend verzerrt. Hier könnte man eine leichte Übertreibung kritisieren, auch die dichte Fülle der Bilder bildet eine gewisse Gefahr. Doch wie die Bühne DANIEL ROSKAMPs (mit einer – für den letzten Venus-Auftritt von innen rot erleuchteten – kirchenartigen Kuppel als Blickzentrum) und bewegte Bilder sinnvoll und stimmungsfördernd miteinander verzahnt werden, ist ein visuelles Erlebnis von größter Faszination. Die Details wie auch die Fülle an symbolhaften Figurationen (Engel, Tod, Hirt als Satyr) lassen sich kaum umfassend beschreiben. Empfehlung: hingehen und selber ansehen.

  Auf eine besondere Filmsequenz sei dennoch näher eingegangen. Zu Wolframs Lied an den Abendstern sieht man Elisabeth (als Sängerin Christiane Kohl) durch die Gänge des Dortmunder Opernhauses schreiten, sich in der Garderobe ihres Kostüms und ihrer Perücke entledigen, um dann in eine Wanne zu steigen. In Zeitlupe schließt sich das Wasser über ihr. Es ist nicht das erste Mal, dass man sich eine Träne aus den Augen wischt.

 Dass mit DANIEL BRENNA ein junger Tannhäuser auf der Bühne steht, verleiht dem Konfliktpotential der Oper eine größere Dringlichkeit als normalerweise; Mut zu einer sehr körperhaften Darstellung kommt hinzu. Demnächst wird Brenna den Siegfried in Stuttgart verkörpern. Auch sein Dortmunder Rollendebütunterstreicht die Entwicklung zum Heldenfach. Nicht immer wirkt die kraftvolle Stimme ausgeglichen, und in der Premiere ließen einige Rissigkeiten um das Durchhaltevermögen fürchten, doch fing sich der Sänger wieder. Und wohl immer wäre er in der Lage, evtl. Konditionsschwächen durch Expressivität auszugleichen oder zu kaschieren. Über seiner Romerzählung liegt beispielsweise so viel Schmerz und Qual, wie man es in jüngerer Zeit wohl nur von Jonas Kaufmann gehört hat.

  Alle anderen Partien sind gleichfalls hoch besetzt, wenn auch nicht in jeder Hinsicht optimal. CHRISTIANE KOHL gibt der Elisabeth eine klare Diktion und die Leuchtkraft ihres Soprans, welcher mitunter aber leicht scharf wirkt und nur wenig Mädchenhaftes an sich hat. Als Venus bietet  HERMINE MAY angemessenen Mezzo-Sex, einige verführerische Zwischentöne mehr wären vorstellbar. Ihr letzter Auftritt (wiederum im stoffreich wippenden Dinnerkleid des 1. Aufzugs, wie alle moderat modernen Kostüme von MICHAEL SIEBEROCK-SERAFIMOWITSCH entworfen) gehört übrigens  zu den weniger bezwingenden Einfällen, wie sie Voges‘ Inszenierung – gerechterweise darf das nicht unerwähnt bleiben – auch enthält. Wolfram wird durch GERARDIO GARCIACANO ausgesprochen maskulin umrissen. Das nimmt der Figur vielleicht ein wenig von der intendierten Tragik, doch innerhalb der Dortmunder Inszenierung wirkt die neue Farbe durchaus passend. Immerhin hat auch mal ein George London diese lyrische Parte gesungen und wurde den Belcantoansprüchen der Partie gerecht, wie jetzt auch Garciacano. Die weiteren Minnesänger, angeführt vom eifernden Biterolf des MORGAN MOODY: JOHN ZUCKERMAN (Walther), FRITZ STEINBACHER (Heinrich der Schreiber) und MARTIN JS. OHU (Reinmar). Zunächst etwas leichtgewichtig, dann aber immer markanter gestaltet CHRISTIAN SIST den Landgrafen. ANKE BIEGEL mit ihrem frischen Sopran gewinnt als „Satyr-Hirt“ die besonderen Sympathien des Publikums.

Christoph Zimmermann

 

 

TANNHÄUSER

Premiere am 1.12.13

Fabelhafter Vier-Stunden-Wagner-Jubiläums-Musik-Videoclip

Tannhäuser ist Christus, doch auch Tannhäuser, oder auch Richard Wagner, der Künstler, der sich selbst zur Ikone einer Kunstreligion erhoben hat. Dortmunds Schauspielchef Kay Voges inszeniert an der Dortmund seine erste Oper. Gleich einen der ganz großen, schweren Brocken an dem schon viele Regisseure gescheitert sind. Schon zur Ouvertüre wird die Bühne mittels Video überblendet, imposante Bilder, die den Erlöser-Tannhäuser und eine Pin-Up-Hausfrau, Venus wie uns kurz darauf klar werden wird, an das Grab ihres Kindes schicken wird. Ein Engel mit Dämonenaugen wird zum geistigen Führer des Künstlers, der erst einmal mit Bierpulle und Bademantel vor der Glotze landet; Mutti kocht, das Leben könnte so schön dumpf und einfach sein.

Mir fällt dabei der junge Wagner in seiner ersten, unglücklichen Ehe mit Minna ein. Doch er flieht in die Produktivität aus der Ehe heraus, der Hirte ein dämonischer Genius bringt ihn zu seinen Künstlerfreunden, einer Horde neureicher Juppies in moderner, männlicher Kleidung von Neureichen (Kostüme Michael Sieberock-Serafimowitsch) mit viel oberflächlichem Geglitzer. Dann die Wartburg-Welt eine kühle Inszenierung mit Altar und Anspielungen von Mittelalter bis Anselm Kiefer, Daniel Roskamps Bühnenbild mit der filigranen Kuppelarchitektur ist wandlungsfähig, aussagekräftig und ästhetisch. Hier wartet Elisabeth in rotem Gewande, eine etwas naive, spirituelle Kunstmuse mit glitzerndem Heiligenschein. Schnelle Verwandlung zum Sängerfest mittel eines weißen Tisches und eines Haufen sich selbst feiernder, menschlicher Glitzerschnaken. Die schlimmste Verwendung von Kunst im Heute, Repräsentationszweck und billige Quotenunterhaltung geben sich die Hand. Sehr ernst dagegen die religiösen Pilger, wie ein szenisches Leitmotiv, werden über das Video schwebende Flammen (Pfingstmythos!) dafür verwendet. Dann in aller Schlichtheit der letzte Akt, Tannhäuser stellt sich wieder auf das Kreuz.

Die Personenregie ist äußerst schlicht gehalten, doch stupend die innere Anspannung der Sänger, die sinnvolle, intensive Textarbeit, die in jeder Sekunde zu spüren ist. Die Szene wird eindeutig durch die Videos dominiert, da fällt die wenig vorhandene Chorregie gar nicht auf. Alles Merkmale die, ich persönlich normalerweise unprofessionell und entsetzlich finde, doch hier entsteht plötzlich etwas aus einem Guss. Einige Anspielungen, so an Nikos Kazantzakis Roman "Die letzte Versuchung" erfahre ich erst aus dem Programmheft, doch die Mehrdeutigkeit wird zum Konzept ohne in einer Beliebigkeit zu versinken. Großen Anteil daran haben natürlich die unglaublich anspruchsvollen Videos von Daniel Hengst, da ergeben sich viele Feinheiten und Querverweise, die man sicherlich beim einmaligen Sehen gar nicht erfahren kann. Reizvoll auch die ikonographische Ästhetik die sich an Künstlern wie Pierre et Gilles oder James Bidgood orientieren. Trotz dieses optischen "Overkills" gelingt es Voges auch die eigentliche Handlung der Wagner-Oper zu inszenieren.

Doch was wäre die Aufführung ohne ihre musikalische Qualität: Gabriel Feltz hatte mich bei Verdis "Don Carlos" noch nicht so begeistert, doch hier ist er in seinem Element. Schon zur Ouvertüre erreicht er mit langsamen,von mir normalerweise ebenfalls nicht geschätzten, Tempi eine enorme Binnenspannung bei extremer Durchleuchtung für die Feinheiten der Partitur, Begleitfiguren beginnen sich an den musikalischen Motiven zu reiben. Die Dortmunder Philharmoniker übertreffen sich an dem Abend selbst, die Streicher bis in die furiosen Attacken unglaublich exakt, die Bläsergruppen nie zu dominant und stets ein Traum in der Intonantion, allein das hält die vier Stunden wach.

Bei den Sängern sind fast alles Rollendebuts: Daniel Brenna ist in der Titelpartie schlichtweg eine Sensation, nicht weil er perfekt wäre, das ist er gar nicht, sondern sowohl in der Stamina, als auch im Ausdruck, wie im vokalen Gestus. Brenna ist bereit seinen enorm höhensicheren Tenor, der gleichwohl gerade im ersten Akt in einigen brüchigen Ansätzen Befürchtungen beschwört, stets auch etwas neben die Intonation zu setzen, doch als bewußtes Stilmittel für diesen zerrissenen Charakter. Doch der Tenor singt auch gerne mit lyrischem Piano, was er trotz der wunderbaren Attacken in den Finali (zweiter Akt!) stets zu gestalten ist. Die Romerzählung ist einfach überwältigend, man hört alles neu, die Bühnenpräsenz des Künstlers ist nur mitreißend. Nach diesem Abend sollten sich alle Bühnen um Brenna reißen, denn wer singt so zur Zeit einen Tannhäuser? Christiane Kohl ist in der Hallenarie noch etwas nervös, gewinnt jedoch über das Aufbäumen Elisabeths gegen die Gesellschaft ständig an Format und singt ihre Bögen mit hellem Soprantimbre über Orchester-und Chorwogen, um im Gebet ein Beispiel an verinnerlichten Legatos zu geben. Wagner hätte an Gerardo Garciacanos Wolfram die pure Freude gehabt, denn mit traumhaften Höhen zelebriert ein ein Musterbeispiel an italienischer Gesangstechnik, kleiner Wermutstropfen die etwas trockene Tiefe. Ein Traum der satte, wattige Bassklang von Christian Sist als Landgraf Hermann, schöner geht das nicht. Hermine May singt mit dramatischer Attacke eine sinnliche Venus, weiß jedoch auch um eine differentierte Gestaltung der Partie. John Zuckermann mit Elvis-Attitude, da blitzt sogar Humor bei der Regie auf, und schönem, lyrischen Tenortimbre als Walther. Morgan Moody mit Präsenz und baritonaler Emphase als Biterolf. Fritz Steinbacher als Heinrich der Schreiber und Martin Js. Ohu als Reinmar komplettieren die Minnesänger auf Augenhöhe. Anke Briegel als dämonischer Hirte erfreut mit intensivem Spiel und hellem Sopranklang.

Die Chöre unter Granville Walker schließen sich dem hohen Niveau an und wissen an den wenigen geforderten Stellen darzustellen.

Wie bereits angedeutet, hätte mir die Regie aufgrund ihrer stilistischen Eigenheiten gar nicht gefallen dürfen, doch das Gesamtkunstwerk hat mich in seiner Sinnlichkeit und seinen klugen Gedamken so überzeugt und mitgerissen. Eine Aufführung, die man sich eigentlich mehrmals ansehen müßte. Das Dortmunder Premierenpublikum, im endlich wieder einmal ausverkauften Haus, feierte die musikalische Seite ohne Abstriche, bei der Szene gab es dann natürlich einige zu erwartende Buhs, doch die Bravos hielten eindeutig die Oberhand. Die Fahrt nach Dortmund ist nicht nur ein "Muß" für jeden Wagnerianer, sondern für jeden Opernfreund. Für mich ist dieser "Tannhäuser" der gelungenste Beitrag zum Wagner-Jahr.

Martin Freitag 2.12.13                        Bilder: Thomas M. Jauk Stage Picture

 

 

ANATEVKA

Premiere am 19. Oktober 2013

Netter Abend
Söhne von Getreidehändlern haben manchmal eine künstlerische Ader, so etwa in Deutschland der Kunsthändler Alfred Flechtheim oder, aus dr Ukraine stammend, Salomon Rabbinowicz, der zwar durch Fehlspekulationen in den USA 1890 Bankrott machte, unter dem Namen Scholem Alejchem aber ein erfolgreicher Schriftsteller wurde, der in seinen Romanen und Kurzgeschichten das Leben im osteuropäischen jüdischen Schtetl vor ungefähr 90  Jahren liebe- und verständnisvoll darstellte, einer Lebensform, die  dank russischer Vertreibungspolitik Ende des 19. und Anfang des 20.Jahrhundert untergegangen ist. Höchsten Bekanntheitsgrad erreichte sein Roman „Tevje der Milchmann“, weil aus ihm die Handlung des erfolgreichen Musicals „Anatevka – Fiddler on the Roof“ (Fiedler auf dem Dach)entnommen ist. Um ein solches Stück für den Broadway zu verfassen, müssen gleich mehrere Autoren tätig werden, hier Joseph Stein für das Buch, Sheldon Harnick für die Liedtexte und Jerry Bock für die Musik. Am vergangenen Samstag hatte das schon klassische Musical am Opernhaus Dortmund Premiere in der Inszenierung von Johannes Schmid unter der musikalischen Leitung von Philipp Armbruster.

Getreide schien auch für die Bühne eine Rolle zu spielen, denn das Bühnenbild von Michael S. Kraus und Daniel Unger zeigte nicht das enge jiddische Schtetl, sondern eine Hügellandschaft mit Getreidefeldern, war doch die Ukraine zur im Stück dargestellten Zeit  die Kornkammer Russlands.. Für die Innenräume senkten sich dann jeweils Trennwände auf die Bühne, etwas schmaler für Tevjes Küche, etwas breiter und tiefer für die Kneipe, wo dann die vielen Mitwirkenden gerade noch ausreichend Platz hatten. Das Bett für Tevjes grosse Traumszene kam dann aus einem der Hügel herausgefahren. Zum Sabbatgebet sah man kitschige Sternchen am Himmel, und zum bitteren Ende schneite es natürlich. Völlig überflüssig war der recht verbrauchte Regieeinfall, nach dem Pogrom, das die  Hochzeitsfeier jäh beendete, Scheinwerfer auf das Publikum zu richten. Ansonsten entsprachen Regie und auch die Kostüme von Stefanie Bruhn genau den Erwartungen, die das Publikum an das osteuropäisch-jüdische Milieu des Musicals stellen mag.


Entscheidend für den Erfolg des Stücks ist der Darsteller des Milchmanns Tevje. Diese Rolle übernahm in Dortmund Publikumsliebling Ks. Hannes Brock, als Tenor in dieser Rolle eher ungewohnt und nicht nur dadurch als Tevje recht jugendlich wirkend. Mit für Operngesang erfahrener Stimme gelangen ihm die teils chromatisch auf- und absteigenden Skalen besonders bei den Fülltönen des Hits „Wenn ich einmal reich wär“ tongenau und geläufig, was natürlich Szenenapplaus hervorrief. Ganz innig und rührend sang er die „Chava Sequenz“ über die an einen Nichtjuden verlorene Tochter. „Andererseits“ hätte man sich den patriarchalischen Familienvater etwas ruhiger, nachdenklicher gewünscht, mußte er doch durch die von den drei ältesten Töchtern ausgewählten ihm zunächst nicht genehmen Ehemänner, bei jedem immer mehr erfahren, daß die zu Beginn vom Chor so mächtig besungene „Tradition“ brüchig wird. Mit den durch Beleuchtungsänderung (Licht Ralph Jürgens) hervorgehobenen Selbstgesprächen „einerseits – andererseits“ oder im Fall der dritten Tochter Chava „kein andererseits“ sowie den verschmitzten Gesprächen mit seinem Herrgott machte er nachvollziehbar sein Bemühen deutlich, gesellschaftliche Veränderungen zu verstehen.

Glück hatte Dortmund mit den Darstellerinnen der Damen, alles Opernsängerinnen, was der musikalischen Seite sehr zu Gute kam, im Gegensatz dazu, wenn manchmal in solchen Musicals Schauspieler versuchen zu singen . Zusätzlich spielten und sprachen Ileana Mateescu als Tzeitel, Tamara Weimerich als Hodel und Anke Briegel als Chava ihre Rollen als Liebende sehr eindrucksvoll, wobei Ileana Mateescu auch als heitere Seite des Stücks   ihre eigene Großmutter in Tevjes Traum gekonnt spielte. Gruselig-witzig  aus der Höhe herabschwebend und zum Schluß ganz „furioso“ singend begeisterte Christine Groeneveld als verstorbene Frau Fruma-Sara des Fleischers Lazar Wolf. Beklemmend gelang Tamara Weimerich das Abschiedslied der Hodel aus der Heimat zum Geliebten ins ferne Sibirien. Auch Gast Ilse Winkler als Tevjes langjährige Ehe- und Hausfrau sang und spielte stimmig, sodaß das melancholische Duett der beiden „Liebst Du mich?“ zu einem Höhepunkt des Abends geriet. Auch die drei Ehemänner zeigten sich als gute Sänger und Darsteller. Lucian Krasznec als Mottel glänzte beim Agitato des „Wunder o Wunder“ durch tenorale Stimmbeweglichkeit. Morgan Moody als „socioökonomischer“ Revoluzzer fand trotzdem  innige Töne für sein  Liebeslied „Jetzt hab ich alles“ Auch alle anderen der über zwanzig Partien waren passend besetzt, wobei Thomas Günzler als Fleischer Lazar Wolf in Stimme und Spiel besonders jiddisch wirkte und Blazej  Grek als russischer Vorsänger durch sein Tenorsolo beeindruckte.

Solide wie gewohnt hatte Granville Walker den Chor einstudiert. Das Tanzensemble tanzte als Höhepunkt von Tzeitels Hochzeitsfeier gekonnt den „Flaschentanz“ - sie tanzen mit Flaschen auf den Zylindern, die nicht herunterfallen dürfen. Philipp Armbruster  begleitete mit den Dortmunder Philharmonikern rhythmisch exakt und die verschiedenen Orchesterfarben hervorhebend, etwas mehr klezmerhafte Lockerheit kommt sicher bei weiteren Aufführungen hinzu, ebenso wie kleine Unstimmigkeiten zwischen Orchester und Bühne verschwinden werden. Erwähnenswert waren die Soli einzelner Instrumente, etwa die Flöte als Kontrapunkt zur Geige am Anfang, das Englisch-Horn zur Einleitung des Sabbatgebets,  exotisch die Celesta zu „Tevjes Traum“, die Klarinette bei den verschiedenen Hochzeitstänzen und das Akkordeon (Andreas Trenk) etwa bei Hodels Abschiedslied. Maurice Maurer als zweite Hauptperson, eben der“ Fiedler“, konnte selten auf dem Dach geigen, da es kaum Dächer gab, aber er spielte auch als Silhouette im Hintergrund oder als Tevjes Begleiter im Vordergrund seine Soli melancholisch, ohne in allzu weinerliches Vibrato zu verfallen. 

Zum Schluß aus dem heimatlichen Anatevka vertrieben  machen alle sich Mut für eine ungewisse Zukunft, ungewiß für alle ausser vielleicht Fleischer Lazar Wolf, den man sich in Chicago gut als Inhaber eines Schlachthofs oder Terminhändler mit Schweinebäuchen vorstellen kann, und ausser der buckligen Heiratsvermittlerin Yente (Petra Einhoff als Gast), die dann auch in Israel orthodoxen Juden Ehen vermittelt. Das Publikum im gutbesuchten Haus applaudierte allen Mitwirkenden herzlich, vor allem Tevje, Golde, Töchtern und Schwiegersöhnen, aber auch dem Leitungsteam.   

Sigi Brockmann
                              Fotos  Thomas M. Jauk Stage Picture 

 

 

 

 

Modena Fassung

DON CARLO

Premiere am 29. September 2013 

Alt und Neu, Licht und Schatten in Dortmund

Zu den zahlreichen Verdi-Inszenierungen zum 200. Geburtstag des verehrten Komponisten hat nun auch Dortmund zusammen mit  der Oper in Mannheim bzw. nach dieser beigetragen: Das Historienspiel "Don Carlo", in italienischer Fassung, inszeniert vom Hausherrn Jens-Daniel  Herzog auf der  Bühne und mit der Ausstattung von Mathis Neidhardt - leider ohne den Fontainbleau-Akt, der oft als Schlüssel für die Aktionen der Handelnden angesehen wird. Die Inszenierung ist Anfang des Jahres bereits in Mannheim gelaufen, daher gab es in Dortmund quasi eine B-Premiere, natürlich mit anderer Besetzung. Neidhardt hat eine Bühne aus verschiebbaren klassizistisch angehauchten Bauquadern geschaffen, mit angedeuteten Säulen, mit Zwischenräumen, die mit Vorhängen oder mit schlicht verputzten Wänden geschlossen werden. Damit können weite oder enge Räume und Flächen flexibel gestellt werden. So wird der Ort für das Gespräch zwischen Carlo und Eboli zu einem kleinen Nebenraum mit hochgestellten Plastikstühlen. Und auch ein Mausoleum entsteht, optisch wie die Neue Wache in Berlin, in der das Volk in langer Schlange mit Blumen und Einkaufstaschen am Monument von König Karl V. vorbeidefiliert, in ärmlicher Kleidung aus dem Ende des letzten Jahrhunderts, bewacht von Soldaten in Khaki-Uniformen und Maschinenpistole, die irgendwo in der Welt Dienst tun könnten. Assoziationen an vergangene und aktuelle Diktaturen tun sich auf. Also eine moderne Adaptation des klassischen Sujets mit Feuerlöschern, Stromleitungen und Notausgang-Lichtern? Der Regisseur mischt die Zeiten, seine politischen Figuren Carlos, Elisabeth und Phillip II. agieren im klassischen Renaissance-Look, der bürgerliche Rest – auch Posa selbst  – in legerem Zivil. Hier demonstriert der Adel seine Legitimation aus alter Macht heraus, oder dass solches Drama auch in der Neuzeit seine Existenzberechtigung haben kann. Dazu passt auch, dass Carlo nach dem Tod von Rodrigo mit Straßenanzug und offenem Hemd erscheint – angekommen in der Neuzeit. Die wird auch in der Szene im Park nachdrücklich demonstriert: Die Hofdamen schütten Wasser in ein selbst hergeschlepptes Plastik-Plantschbecken, der heftigst umflirtete Page  kommt mit dem Getränkewagen und verteile bunte Magazine, man fläzt sich in Sommerkleidchen auf Liegestühlen, auf denen Posa später großformatige Fotos von Greueltaten aus Flandern positioniert. Aber alles bleibt dann einfach liegen, schon ein wenig unglücklich als Kulisse für die nachfolgenden großartige Verdi-Szenen.

Auch verwirren einige Regieeinfälle: So darf Posa - sinnentstellend - beim langen Monolog des Königs zuhören, im Autodafé sitzen 12 Militärs wie beim letzten Abendmal um den das Brot brechenden König herum und werden nicht öffentlich hingerichtet, sondern müssen sich auf Druck seiner schwarz und mit Priesterkragen gekleideten Schergen mit deren Pistolen selbst erschießen - Pistolen anstatt Rosenkranz! Eine heftige Kritik an der Kirche, die aber von Schiller gewollt war, wenn auch sicherlich nicht so. Und dann noch am Ende der blutverschmierte tote Rodrigo, der statt des Kaiser-Karl-Geistes dort mit Ku-Klux-Klan-Mütze und einem Freiheits-Schild um den Hals erstaunlicherweise zu sitzen und zu singen vermag und Carlo eben nicht ins Kloster schickt, sondern per gelber Flandern-Fahne offensichtlich als Freiheitskämpfer motivieren will.

Die Personenbeziehungen gelangen Herzog durchaus eindringlich, dazu hat er Glück mit hervorragenden Sängerdarstellern: Ein Traum-Bass-Paar war mit Wen Wei Zhang als Philipp mit riesigem flexiblen Volumen und Christian Sist als Großinquisitor mit Blindenbrille und –stock in eiskalter Dämonie zu erleben – auch hier ein Seitenhieb auf die Ignoranz und Ungerechtigkeit der Amtskirche. Herrlich und einer der Highlights war die große Verzweiflungs-Arie des Philipp im 3. Akt, seine Lebensbeichte mit Pathos des Verzweifelten. Hier gab es erstmalig nennenswerten Zwischenapplaus und Bravos des ansonsten sehr zurückhaltenden vollbesetzten Hauses. Susanne Brausteffer gab mit ihrem hellen, glänzend geführten und eindringlichen Sopran der Elisabeth eine starke Persönlichkeit. Luc Robert erfreute mit herrlich lyrischem, warmem Tenor, auch Gerardo Garciacano sang den Rodrigo ausdruckstark und tadellos. Der Mezzo von Katharina Peetz klangt rund und gewichtig, die sehr schwierige Partie schien jedoch in ihrer große letzten Arie ein wenig grenzwertig für sie – da meinte gar jemand buhen zu müssen. Ungehörig, so etwas.

Neben den einwandfreien Comprimarii muss der Chor (Einstudierung 
Granville Walker) lobend erwähnt werden: exakt, klangschön, und auf den Punkt. Der neue GMD Gabriel Feltz präsentierte einen einfach herrlichen Verdi-Klang, differenzierte Klangfarben, blühende Bögen, fein abgestufte Dynamik, Empathie und eine gute Kooperation mit der Bühne; ein paar kleine Wackler sind leicht noch auszumerzen.

Trotz vieler guter Seiten blieb dennoch ein etwas gemischter Gesamteindruck haften, da manches uneinheitlich, schwach und angestaubt erschien, sich szenisch in die Länge zog und auch manchmal zu viel Action (auch von den Statisten) vorherrschte; so ricvhtig beglückendes Verdi-Feeling kam eigentlich erst im letzten Akt auf. Aber vielleicht hatte sich nur die Premieren-Anspannung inzwischen gelegt. Insgesamt war aber wenig Stimmung im ausverkauften Haus, es gab kaum Zwischenapplaus, obwohl der Dirigent extra Mini-Pausen eingelegt hatte; dafür waren neben stehendem Applaus und Bravos jedoch auch etliche Buhs für das Regieteam zu hören – dem Vernehmen nach wie auch in Mannheim. Dennoch war es ein guter, wenn auch nicht großer Verdi-Abend mit kleinen Abstrichen und einer insgesamt sehenswerten und diskutablen Inszenierung, der vor allem den exzellenten Sängern und dem Orchester geschuldet ist.

Michael Cramer                            Bilder: Thomas M. Jauk / Stage Pictures

 

 

 

LE NOZZE DI FIGARO

Wiederaufnahme 15. September 2013          (Premiere 23. März 2013)

Unter den Opernaufführungen der vergangenen Spielzeit in Dortmund war „Figaros Hochzeit“ (le nozze di Figaro) schon vom äusseren Erscheinungsbild her besonders erfreulich. Unterhaltsam wurde Mozarts geniale Musik der Darstellung menschlicher Emotionen in Arien und  Ensembles durch passendes Spiel ergänzt (Inszenierung Mariame Clément), sodaß diese Produktion geeignet ist für eine Wiederaufnahme, die am vergangenen Sonntag als erste Vorstellung der neuen Spielzeit stattfand. Da unter dem 3. März dieses Jahres über die Aufführung im „opernfreund“ ausführlich berichtet wurde und die damalige Beurteilung im wesentlichen unverändert zutrifft, genügen hier  einige Anmerkungen besonders zur teilweise veränderten Besetzung.
Vorweg sei wiederholt, daß das emsige Treiben im Schloß des Grafen Almaviva besonders im ersten Akt dadurch sichtbar wurde, daß durch Striche auf dem Bühnenboden die Räume angedeutet wurden, in denen die Schloßbewohner für den Zuschauer sichtbar ihren Tätigkeiten nachgingen,  dies alles unnötigerweise schon vor und während  der Ouvertüre beginnend – das ist zur Zeit wohl Mode! (Bühnenbild und die prächtigen Kostüme des 18. Jahrhunderts Julia Hansen). Die Technik am Übergang vom ersten zum zweiten Akt klappte diesmal besser, die Rückwand des gräflichen Schlafzimmers senkte sich passend von oben auf die Bühne.  

Gespannt durfte man sein auf Christiane Kohl, die nach Erfolgen in dramatischen Partien wie Senta oder – ganz großartig – Beatrice Cenci in Goldschmidts gleichnamiger Oper nun die Rolle der Gräfin übernahm, da wird Mozart häufig schwierig! Im II. Akt hörte man im Larghetto der Cavatine „Porgi amor“ bei hohen Tönen einige Schärfen und den Beginn von „Dove sono“ hat man vielleicht schon inniger gehört,  der Triller zum Schluß war aber deutlich zu hören, die Stimme war für die Anforderungen der Partie beweglich genug und für die dramatische Darstellung des Schmerzes über die verlorene Gattenliebe, wie sie diese Inszenierung besonders erfordert,  passend. Sehr passend fügte sie sich auch in die Ensembles ein, vor allem in das wunderbare Duett im wiegenden 6/8-Takt mit Susanna im III.Akt. über die sanften Abendlüfte (soave zeffiretto). Da kann man sich auf ihre „Elisabeth“ im „Tannhäuser“ freuen.  

Ganz großartig in Gesang und Spiel war Ileana Mateescu als Cherubino,  etwa drückten die drei Takte Adagio zum Schluß  ihrer ersten Arie  mit  „E se non hochi m'oda“  fast dramatisch grosse Verlassenheit aus, bevor sie sich zum abschliessenden „parlo d'amor con me“ wieder faßte.  Sehr schön klangen tiefe Töne und das schwierige pp-Duett mit Susanna im II. Akt „Aprite“ klappte fehlerfrei. Als Hauptperson der Oper beherrschte Julia Amos als Susanna überlegen in Darstellung und Gesang das Geschehen bis hin zur ganz innig gestalteten „Rosen-Arie“ im letzten Akt und bildete zusammen mit ihrem kernig singenden Figaro von Morgan Moody das Traumpaar dieser Aufführung.

Darstellerisch und singend zeigten Karl Heinz Lehner als Bartolo und besonders Ks. Hannes Brock als Basilio, wie  man mit  kleineren Rollen beeindrucken kann. Ganz witzig war, daß durch die Umbesetzung Hiroyuki Inoue als Gärtner Antonio mit Keiko Matsumoto als Barbarina eine auch  der Herkunft nach passende Tochter hatte.
Größtes Lob gebührt wie in der schon besprochenen Aufführung den erhöht platzierten Dortmunder Philharmonikern, hier besonders den Hörnern und Holzbläsern, auch und gerade wenn sie zusammen mit Streichern spielten. Überlegen leitete Motonori Kobayashi, jetzt erster Kapellmeister und Vertreter des GMD, das musikalische Geschehen, erwähnt sei die furiose Temposteigerung ohne irgendwelche Wackler beim Finale des II. Aktes.  

Viele kleine Einzelheiten machen nach zahlreichen Aufführungen noch besser als zu Beginn die schlüssige, witzige und musikalisch sehr gelungene Produktion unbedingt empfehlenswert. Mozart hatte bekanntlich mit seiner Bewerbung beim Kurfürsten in München keinen Erfolg, vielleicht war denn die dortige Kür des heutigen Fürsten ein Grund dafür, daß das Theater nur ungefähr zur Hälfte besetzt war. Die da waren, waren  begeistert wie der Rezensent auch!

Sigi Brockmann                         Fotos: Thomas M. Jauk Stage Picture

 

 

 

 

 

 

Saisonvorstellung 2013/2014

Intendant Jens-Daniel Herzog: “Stadt Dortmund hat die Oper die sie verdient”

Auf der heutigen, gut besuchten, Pressekonferenz des Theaters Dortmund stellten alle Spartenchefs (Philharmonisches Orchester, Oper, Ballett, Schauspiel und Jugend-und Kindertheater) ihr jeweiliges Programm für die kommende Saison 2013/2014 vor. Zudem stellte sich der neue Generalmusikdirektor Dortmunds, der gebürtige Berliner Gabriel Feltz, der Presse und Öffentlichkeit vor und gab Einblicke in seine künftige Arbeit im Bereich der Oper und der symphonischen Konzerte. Und ein sichtlich zufriedener Opernintendant Herzog zog Bilanz über die vergangene Saison.

Zu Beginn zog die geschäftsführende Direktorin des Theater Dortmunds, Bettina Pesch, ein insgesamt für die städtischen Bühnen Dortmund sehr zufriedenstellendes künstlerisches Fazit. Angesichts der wirtschaftlichen Lage aber verwies sie darauf, dass weitere Zuschusskürzungen vom Theater nicht mehr aufgefangen werden könnten. Im Bereich der Oper stellte sie heraus, dass auch diese im Publikumszuspruch “zugelegt” habe, was nicht auch zuletzt am Opernintendanten Herzog festzumachen sei, welcher “Oper nah am Publikum mache”, wie die Erfolge der noch laufenden Saison zeigen.

Herzog selbst zeigte sich sehr zufrieden. “Oper ist wieder ein großes Thema in der Stadt”, führte er in Bezug auf die letzten Erfolge aus. Hier erwähnte er besonders die von Publikum und Presse gleichermaßen hoch gelobte kontinentale Uraufführung der Oper Anna Nicole mit der Hauptdarstellerin Emily Newton. “Einen solchen Erfolg kann man nicht einfach erwarten. Umso mehr freut es uns alle, wie diese Oper aufgenommen wurde”, so Herzog. Sogar die internationale Presse habe darüber positiv berichtet.

Der Opernintendant hob auch hervor, dass die bisher zurückliegenden Erfolge auch immer Produkt eines hervorragenden Sängerensembles gewesen sind, mit dem er sehr gern arbeite. Fast wie eine Hommage an die Ruhrgebietsmetropole klingt sein Satz, dass er sich freue, dass die Stadt Dortmund die Oper habe, die sie verdient. Er erwähnt auch, dass vieles nicht ohne die bisher bekannten Sponsoren möglich gewesen ist und auch sein wird. Unter anderem dankt er einem opernbegeisterten Dortmunder, der eine große, nicht näher benannte, Summe gespendet hat.

Den Auftakt im Opernhaus macht Verdis Meisterwerk “Don Carlo” am 29.9.2013. Dortmunds neuer GMD Gabriel Feltz wird die musikalische Leitung übernehmen, Herzog die Regie. Mit Don Carlo verbinde ihn viel, sagte Jens-Daniel Herzog. Diese Oper habe er bereits in Mannheim inszeniert und zwei Mal als Theaterstück (Don Carlos) zu seiner damaligen Zeit als Schauspielregisseur.

Weitere Höhepunkte der kommenden Saison werden ausserdem sein: Wagners “Tannhäuser” (“garantiert ohne Nebenwirkungen!”, so Herzog in Anspielung auf den Düsseldorfer “Tannhäuser”) am 1.12.2013, Bizets unsterbliche Oper “Carmen” am 1.2.2014, Rossinis heitere Oper “La Cenerentola” am 22.3.2014, sowie wieder eine Mozartoper, “Die Entführung aus dem Serail” am 17.5.2014. Zudem wird die erfolgreiche Inszenierung von Mozarts “Figaros Hochzeit” am 15.9.2013 wiederauf genommen.

Im Bereich Operette/Musical folgt die erste Premiere am 19.10.2013 mit Jerry Bocks “Anatevka”. Am 11.1.2014 folgt Lehars “Der Graf von Luxemburg” (u.a. mit den beiden Publikumslieblingen Julia Amos und Lucian Krasznec). Weitere Aufführungen und Highlights der nächsten Monate im Anhang.

Mit den Erfolgen steigt auch der Anspruch des Publikums an die kommenden Neuproduktionen. Jens-Daniel Herzog hat der Öffentlichkeit heute ein ansprechendes, anspruchsvolles und ausgewogenes Programm vorgelegt. Personell gibt es kaum Veränderungen. Herzog setzt auf sein erfolgreiches Ensemble und auch auf die Tatsache, Opern auch nur mit hauseigenen Kräften erstklassig besetzen zu können. Wenige Ausnahmen bilden die Regel. Den Don Carlo wird im Rahmen seines Deutschlanddebüts der kanadische Tenor Luc Robert singen und den Tannhäuser Daniel Brenna, der international renommierte Wagner-Tenor aus den USA. Die eben erst in der Rolle als Mutter von Anna Nicole gefeierte Dortmunder Mezzosopranistin Katharina Peetz wird gleich in zwei Paraderollen ihres Fachs zu erleben sein: als Carmen und als Cenerentola (Angelina/Aschenputtel). Hier darf man sehr gespannt sein.

Mit dem neuen GMD Feltz scheint Dortmund mal wieder ein Wurf gelungen zu sein. Seine persönliche Vorstellung kam überaus sympathisch und stellenweise humorvoll rüber, dabei zielgerichtet und überzeugend auf seine neue Tätigkeit bezogen.

Die heutige Jahrespressekonferenz macht Lust auf das was kommt! Dies gilt für alle Sparten des Dortmunder Theaters. Der Kommunalpolitik zum Nachdenken angereicht: Theater ist ein hohes Menschengut, es sollte für alle zur Verfügung stehen und es sollte selbst auf festen Beinen stehen. Spart wo es möglich erscheint, nur nicht am falschen Ende, an der Kultur. Dortmunds Theater ist und bleibt ein Aushängeschild dieser Stadt! So etwas gilt es zu pflegen.

Abschliessend noch ein Lob an den Pressesprecher der Dortmund Oper, Dr. Olaf Roth, und sein Team. Persönlich und sehr freundlich begrüßt zu werden ist in unserer heutigen Zeit schon eine positive Bemerkung wert. Die PR-Abteilung des Theaters hat auch heute wieder einen guten Job gemacht.

Detlef Obens http://opernmagazin.de/

 

 

„Summertime“ Sommer-Gala

am 22. Juni 2013

Vorschau auf die Spielzeit 2013-2014

Seit Beginn der Intendanz von Jens-Daniel Herzog verfügt das Opernhaus Dortmund über ein festes Ensemble guter bis sehr guter Sängerinnen und Sänger, die in der Lage sind, Opern- und Operettenpartien von Barock über Klassik und Romantik bis ins 20. Jahrhundert zu meistern und Inszenierungsideen erfolgreich umzusetzen.. Zehn von ihnen wirkten bei einer „Summertime“ genannten Sommer-Gala mit, die präsentiert wurde vom örtlichen Händler des größten europäischen Autobauers und gleichzeitig neugierig machte auf die kommende Saison.

Für musikalische Begleitung sorgten die Dortmunder Philharmoniker unter Leitung des scheidenden Kapellmeisters Lancelot Fuhry, die mit Gershwins „Kubanischer Ouvertüre“ lateinamerikanisch-karibisch swingend eröffneten, Bläser und Schlagzeuger dabei rhythmisch besonders markant hörbar, aber auch der sentimentale Mittelteil machte Freude. Als Verbindung zwischen den beiden Spielzeiten sang dann Anke Briegel mit ihrem hellen Sopran innig Susannas „Rosenarie“ aus Figaros Hochzeit, deren gelungene Inszenierung in die kommende Saison übernommen wird.Tamara Weimerich ließ sich als Zerline von Sangmin Lee als männlich auftrumpfendem Don Giovanni im Duettino zumindest zum gemeinsamen „Andiam“ verführen, erstere wird die Juliette im „Grafen von Luxemburg“ und Blondchen in der „Entführung“ singen, letzterer Marqis Posa in Verdis „Don Carlos“, mit dem die neue Spielzeit eröffnet wird. John Zuckerman himmelte als verliebter Lindoro aus der „Italienerin in Algier“ mit etwas Vibrato und glänzenden Spitzentönen seine geliebte Isabella an begleitet vom schönen Hornsolo – hier erinnert sich der Dortmunder Opernbesucher an die heitere Inszenierung von Gregor Horres vor einigen Jahren. John Zuckerman wird in der neuen Spielzeit mit Armand im „Grafen von Luxenburg“, Don Ramiro in „Cenerentola“ und Pedrillo in der „Entführung“ seine Tenorqualitäten vielfach beweisen können, an diesem Abend tat er es noch zusammen mit Tamara Weimerich im Duett zwischen Ernesto und Norina aus Donizettis „Don Pasquale“ Mag aus Delibes „Lakmé“ die „Glöckchenarie“ am bekanntesten sein, die schönste Gesangsnummer ist aber das „Blumenduett“ von Lakmé und ihrer Dienerin, hier ganz zärtlich wiegend gesungen von Julia Amos und Ileana Mateescu - mit der stimmungsvollen Orchesterbegleitung vielleicht der musikalische Höhepunkt des Abends. Julia Amos wird Angèle im „Grafen von Luxenburg“ und Clorinda in „Cenerentola“ singen, zusammen mit Ileana Mateescu als Aschenputtel Angelina.. Sehr stimmungsvoll ließ das Orchester dann den Mond aufgehen mit anschliessendem Mondchor aus Nicolais „lustigen Weibern von Windsor“ wie der Mond von oben leuchtet, so aus dem 2. Rang gesungen.  Dortmunds „Startenor“ Lucian Krasznec sang mit dramatischer Verve die eigentlich lyrische Romanze des Fenton aus derselben Oper.. Er wird den Grafen von Luxemburg und Belmonte in der „Entführung“ singen zusammen mit Wen Wei Zhang als Osmin, der hier die Macht der Verleumdung aus Rossinis „Barbier“ vom mf bis ff mächtig anschwellen ließ, leider nicht immer mit dem Orchester zusammen. Im Herbst ist er als König Philipp im „Don Carlos“.  

Der Chor wie immer perfekt einstudiert von Granville Walker sang jetzt als direkten Hinweis auf „Carmen“ in der nächsten Spielzeit daraus „La cloche a sonné“ , dann mit Katharina Peetz als Carmen zusammen die Habanera. Rassig aussehend und rote Rosen ins Publikum werfend gab sie textverständlich ihrem Mezzo die verführerische Tiefe, die sie auch für Eboli im „Don Carlo“ und Venus im „Tannhäuser“ einsetzen kann! Zum Abschluß des ersten Teils erlebte man nochmals Sangmin Lee mit dem nötigen Macho-Sound im Auftrittslied des „Toréadors“ Die „Carmen“ wird Katharina Thoma inszenieren, während Hausherr Jens-Daniel Herzog fast zur selben Zeit dieselbe Oper an der Hamburgischen Staatsoper inszenieren wird, Premiere in Hamburg 19.1.14 in Dortmund 1.2.14 – wie das so kommt?

Nach der Pause trat weniger dramatisch wieder auf Katharina Peetz, jetzt seriöser im schwarzen Glitzerkleid mit dem der Gala den Namen gebenden „Summertime“ aus „Porgy and Bess“, deren lange Töne sie ohne falsches Vibrato sang. Ileana Mateescu versprach walzerselig dem Geliebten als Lehárs „Giuditta“ ihre so heiß küssenden Lippen. Dann gabs Zucker für Tenöre und ihre Fans – Lucian Krasznec sang stürmisch „Funiculì funiculà“ John Zuckerman träumte wieder mit etwas viel Vibrato von der Rückkehr nach Sorrent (Torna a Surriento) und beide sangen abwechselnd und dann zusammen „O sole mio“, Zuckerman allerdings aus Noten! Einer durfte natürlich auf keinen Fall fehlen, Dortmund Publikumsliebling Ks. Hannes Brock, der in der nächsten Spielzeit als Milchmann Tevje in „Anatevka“ sicher Riesenerfolg haben wird. Im abschliessenden Teil mit Operettenmusik sang er mit schönem Legato und gar nicht schmalzig von den „Dunkelroten Rosen“ aus Millöckers „Gasparone“. Ihm antwortete auch perfekt legato singend Julia Amos mit dem „Strahlenden Mond“ aus Künnekes „Vetter aus Dingsda“, bis dann zum Schluß unter Führung der beiden letztgenannten analog zur „Rosenarie“ zu Beginn alle Solisten und der Chor zusammen sich singend Rosen in Tirol aus Zellers „Vogelhändler“ schenkten.

Als Belohnung des reichlichen Applauses im vollbesetzten Opernhaus wurde als Zugabe unter Führung von Julia   Amos das Trinklied aus „La Traviata“ angestimmt.

Gerade von dem Erfolg seiner Inszenierung der „Sizilianischen Vesper“ aus Frankfurt zurückgekehrt brachte Opernintendant Jens-Daniel Herzog als Moderator gekonnt Sommer, Liebe und Blumen in den passenden Zusammenhang für diesen musikalischen Sommerabend, der am 13. Juli bei dann hoffentlich auch passendem Wetter wiederholt wird.

Sigi Brockmann                            Fotos: Thomas M. Jauk Stage Picture

 

 

 

DER GESTIEFELTE KATER

Premiere am 25.05.13

Für alle großen und kleinen Kinder

Die Märchenoper "Der gestiefelte Kater" des katalanischen Komponisten Xavier Montsalvatge hat jetzt als Koproduktion ihren Weg von Düsseldorf/Duisburg nach Dortmund gefunden und soll auch noch irgendwann weiter nach Bonn gereicht werden. Ein absolut lobenswertes Unterfangen, denn die Zielgruppe junger Menschen reist bekanntlich nicht den Opern hinterher, so wird es möglich diese äußerst opulent ausgestattete Aufführung einem möglichst großem Publikum zugänglich zu machen, zumal in der groß orchestrierten Version, wie sie zum Beispiel an der Kölner Kinderoper nicht gegeben werden kann. Für Dortmund ein besonders zusätzliches Verdienst, denn die Metropole besitzt ja selbst eine kleine Kinderoper mit intimem Rahmen. So wird jetzt auch das wahrlich "Große Haus" für das "kleine Publikum" geöffnet, so lernen die Kinder auch die großen Dimensionen eines echten Opernhauses kennen. Und die Kinder waren mit ihren Begleitpersonen auch zahlreich zur Premiere erschienen.

Montsalvatges rund einstündige Oper erzählt das Märchen vom Gestiefelten Kater in einer leicht faßlichen Melodik voll spätromantischem Klang und feinen impressionistischen Orchesterfarben, immer wieder werden einfache musikalische Formen, Arien und Duette in durchaus kinderliedhaftem Duktus herausgestellt. Svenja Tiedt hat das in abwechslungsreiche Bilder mit modernen Anspielungen umgesetzt; schon die Vorgeschichte wird mittels eines Animationsfilmes dargestellt, ein Stilmittel welches immer wieder zum Einsatz kommt. Ein besonderes Verdienst kommt der großartigen Ausstattung von Tatjana Ivschina zu, denn die schnellen, wahrlich verzaubernden Bühnenverwandlungen, die phantasievollen Kostüme, besonders schön der angeschimmelte Hofstaat und die Hip-Hop-Hasen, lassen bei den, manchmal doch recht ungeduldigen "Kleinen" keine Langeweile aufkommen. Modern auch die Umwandlung des Zauberers in einen verrückten Wissenschaftler, warum der im Programmheft das Monster genannt wird, erschließt sich mir nicht ganz.

Michael Hönes begleitet am Pult der tadellos aufspielenden Dortmunder Philharmoniker die Sänger auf der Bühne möglichst durchsichtig, damit viel Text verstanden wird, obwohl die deutsche Übersetzung durchaus noch nachbesserungswürdig ist. Die Sänger sind allesamt mit sichtlich viel Spaß bei der Sache, sich dabei der Ernsthaftigkeit und Wichtigkeit solch einer Produktion durchaus bewußt. Ileana Mateescu mit beweglichem Mezzo und ebensocher Spielastik bei viel Gemaunze ist in der Titelpartie der absolute Sympathieträger. Lucian Krasnec aparter Tenor fiel schon mit Donizettis Nemorino positiv auf und punktet mit Stimme und jugendlicher Erscheinung als Müllerbursche. Praktisch an der Weiterverwendung dieser Produktion innerhalb der kurzen Wege ist die Ersetzbarkeit der Partien im Krankheitsfall, so rettet Melanie Lang von der Rheinoper für die erkrankte Anke Briegel als Prinzessin die Premiere und erfreut mit großer vokaler, wie szenischer Präsenz. Thomas Günzlers Königvater erinnert ein wenig an Pippi Langstrumpfs Piratenpapa, Sangmin Lee läßt als schräger Wissenschaftler/Monster/Zauberer ordentlich die basssatte "Sau" heraus. Die Hip-Hop-Hasen, eine Katzengeliebte, wie weiteres Statistenpersonal gefallen und beleben die abwechslungsreichen Bilder. Am Ende großer Applaus und viele strahlende Augen bei kleinen, wie großen Kindern.

Martin Freitag

 

 

ANNA NICOLE

Premiere 27. April 2013      3. Kritik

Der „Show-Business“ läßt armes Mädchen im „Wunderland“ Amerika sehr schnell erfolgreich und wohlhabend und dann (falsch verliebt) unglücklich werden. Dies zeigte das Opernhaus Dortmund im Herbst mit „Funny Girl“ und jetzt noch tragischer und auf ungleich höherem musikalischen Niveau mit der vor gut zwei Jahren im Königlichen Opernhaus Covent Garden in London uraufgeführten Oper „Anna Nicole“ von Mark-Anthony Turnage auf ein Libretto von Richard Thomas, das durch griffige, sarkastische, teils drastische Formulierungen besticht.

Das Schicksal der historischen Anna Nicole Smith ist eifrigen Lesern der Boulevard-Presse und des vorigen Artikels von Chefredakteur Peter Bilsing bestens vertraut. Wie stolz man im Opernhaus auf diese „Kontinentalpremiere“ war, gemeint ist wohl erste Aufführung weltweit nach der Uraufführung, zeigt sich auch daran, daß Jac van Steen sie als letzte Operneinstudierung in Dortmund wählte (begonnen hatte er mit Strawinsky – The Rake`s Progress auch wie Anna Nicole auf englisch) und Intendant Jens-Daniel Herzog die Inszenierung übernahm.

Dafür baute Frank Hänig als Bühnenbild einen sängerfreundlichen viereckigen Kasten, dessen Decke mit einem Stern (star) verziert war und an dessen Rückseite immer wieder sternförmige Teile der texanischen Flagge aufleuchteten. Nach hinten konnte der Bühnenraum erweitert werden für den Lap-Dance-Club und die grosse Party. Bei ersterem gebührte besonderes Lob den artistischen Stangentänzerinnen. Schauplätze wurden dann in diesem Raum angedeutet, so Kakteen für Anna Nicoles Geburtsort Mexia (ausgesprochen Mu-hay-uh) In diesem reduzierten Bühnenbild wirkten die 16 prägnanten kurzen Opernszenen wie „episches Theater“.

Nach drei Takten Orchestervorspiel (Nullte Szene) besang der Chor – wie immer fabelhaft einstudiert von Granville Walker und sich im Laufe der Aufführung noch steigernd – als Einleitung rhythmisch den Namen wiederholend das Schicksal der exzentrischen Anna Nicole, die gerade verstorben war. Der Chor trat auch später häufig ähnlich kommentierend auf wie in der griechischen Tragödie. Beim lateinischen „Requiem“ erschien Anna wieder lebend mit den passenden Worten „Ich will blasen Euch allen – einen Kuß".

Von da an bis zum bitteren Ende war Emily Newton in der Titelrolle der Star des Abends, für diese Rolle nicht ganz unwichtig, sexy aussehend, ohne Pause auf der Bühne agierend – sogar Kostüm- und Aussehensveränderungen fanden ausser der Brustvergrösserung auf offener Bühne statt (Kostüme Sibylle Gädeke). Besonders intensiv und zum Schluß mitleiderregend gelang im II. Akt der Fall von der durch Alkohol hochgeputschten Partykönigin über den Drogentod des geliebten Sohnes durch die Retrospektive ihres Schicksals im TV zur nicht mehr zu unterdrückenden Einsicht des eigenen Scheiterns. Gesanglich meisterte sie alle Facetten vom schmissigen Musical-Sound zu Beginn über gegenüber dem grossen Orchester hochdramatischen Anforderungen bis hin zu wahnwitzigen Koluraturen etwa im II. Akt, als sie vor dem Auftritt in der Larry-King-Talkshow (Christoph Strehl ganz professionell) ihren „Begleiter“ Stern um die Tasche mit den Drogen anflehte.

Dieser Anwalt und Geliebte Howard Stern, der „schlimmste Fiessling der modernen Oper“ (Jens-Daniel Herzog) wurde auch genau so schleimig fiess dargestellt aber mit kräftiger Stimme gesungen von Morgan Moody – seine dauernden Ausrufe „money shots“ (Fotos die Geld bringen) wird man so schnell nicht vergessen. Im Gegensatz dazu sorgte Ks. Hannes Brock als Ölmilliardär Marshall für heitere Abwechslung – sein Versuch, aus dem Rollstuhl steigend mit Anna zu tanzen oder, wie beide sich im Duett mit „baby“ ansingen, und er seinen Kopf an ihren FF- Riesenbusen legte, lohnte fast schon den Besuch der Aufführung – natürlich meisterte er auch stimmlich perfekt die Rolle, so etwa schon halb im Sarg singend „Noch bin ich nicht tot!“

Die einzige einigermaßen sympathische Figur spielte Katharina Peetz als Annas Mutter Virgie , die ihrer Sorge um die Tochter und vor allem um den Enkel Daniel und ihrer wirkungslosen Warnung vor männlichem Charakter eindringlichen stimmlichen Ausdruck verlieh. Alle anderen zahlreichen grösseren und kleineren Rollen waren stimmlich und darstellerisch gut besetzt – es gab keine Schwächen!.

Wenn Intendant Herzog nach der Vorstellung meinte, gegenüber der Uraufführung in London könne sich die Produktion in Dortmund sehen lassen, so wurde besonders im II. Akt teilweise die Handlung intensiver dargestellt als zumindest auf der DVD aus London. Als Beispiel sei die großartige Idee genannt, den kleinen Sohn Daniel die restlichen Schmerztabletten futtern zu lassen, die die Mutter wohl erst später nehmen wollte, und so seine spätere Drogenabhängigkeit vorzubereiten. Das spielte Lucas Ernst ganz prima. Auch die Kontaktarmut des älteren Daniel neben den Drogen mit Computerspiel zu begründen, war sehr zeitgemäß – die „Drogenarie“ sang Georgios Iatrou zum Schluß eindringlich.. Die im Pay-per-view für ein sensationsgeiles Publikum aufgenommene Geburt der Tochter wurde zwar verdeckt aber deutlicher als in London dargestellt. Der Ölmilliardär Marshall, an dem sich ja im Gegensatz zu Anna der „American Dream“ erfüllt hatte, durfte sich wohl deshalb im Rollstuhl und Sarg mit einer amerikanischen Flagge zudecken lassen.

Ganz ausserordentliches leisteten die Dortmunder Philharmoniker unter Leitung von Jac van Steen. Überwogen im I. Akt noch revueartige Musical- Rhythmen, so wurde im II. Akt grosses symphonisches Format gefordert, vor allem wie in vielen grossen Opern in den Zwischenspielen, besonders eindrucksvoll das längere im II. Akt, das die zehn Jahre vergeblichen Prozessierens darstellte. Jazzartige Töne gelangen ebenfalls mit nötigem Drive besonders durch die Band rechts und links auf der Bühne, auch das etwas kitschige Violinsolo bei den Liebesszenen war zu hören.

Wenn Anna zum Schluß sang „America ich gab Dir alles aber Du wolltest mehr“ so entlarvte sie endgültig den amerikanischen Traum als Lebenslüge, zumindest aus kritischer europäischer Sicht.. Mit ihrem letzten „blasen Euch allen … einen Kuss“ - dieselben Worte wie zu Beginn – schloß diese grosse Oper ohne jeglichen Schlußakkord im Orchester. Nach kurzer Betroffenheit gab es riesigen Beifall für alle, erstaunlich bei einer erst zwei Jahre alten Oper, besonders natürlich für Emily Newton, und am allermeisten verdient für den anwesenden Komponisten Mark-Anthony Turnage und den Texdichter Richard Thomas. Schöpferische Menschen sind immer noch mehr zu bewundern als die, die ihre Ideen noch so brillant ausführen.

Der „Opernfreund“ ist gut beraten, dieser Produktion einen Stern zu verleihen.

Wer die Aufführungen in Dortmund verpaßt, kann dies übrigens im Herbst in New York nachholen, Steven Sloane dirigiert, nur die Anfahrt ist etwas länger!

Sigi Brockmann

 

 

 

ANNA NICOLE    

Premiere Dortmund am 27.4.2013 in Anwesenheit des Komponisten   2.) Kritik

Meisterwerk und Meilenstein zeitgenössischen Opernschaffens

 

Kontinental-Premiere von Mark-Anthony Turnage´s Geniestreich an der Dortmunder Oper  -   Uraufführung 17.2.2011, London ROH

 

"Anna Nicole Smith ist nicht nur eine dumme Blondine. Ihr Leben berührt so viele Dinge, es scheint fast das 21. Jahrhundert in sich zu vereinen." (Mark-Anthony Turnage, Komponist)

Eine amerikanische Passion - Der Körper von Anna Nicole Smith wird zum Schlachtfeld einer neoliberalen Ökonomie(Jens-Daniel Herzog, Regisseur)

Mit dieser erst zweiten Produktion über das Leben eines Glamour-Girls mit der Riesenoberweite Doppel D, ist dem Intendanten der Dortmunder Oper, der auch selber Regie führt, ein echter Coup gelungen. Keine Oper für Spanner und Pornografen, denn Mark-Anthony Turnage geht das Thema zwar humorvoll aber auch ausgesprochen nüchtern und gesellschafts-kritisch an; darüber hinaus zeichnet er ein äußerst fragwürdiges Bild Amerikas. Die Wahrheit über den "American Dream" (vom Tellerwäscher zum Millionär) ist differenziert betrachtet, oft leider bitterböse und deprimierend.

Es war einmal

Eine kurze biografische Betrachtung des tragischen Lebenswegs der realen Anna-Nicole Smith, der revueartig im Inhalt der Oper widergespiegelt wird, ist unerlässlich: Am 28. November 1967 wird Vicki Lynn Hogan in der Provinz in Texas (Mexia) in armseligen bald zerrütteten Familienverhältnissen geboren. Schon früh vaterlos heiratet sie mit 17, schwanger, den Gleichaltrigen Billy Smith; einer deprimierenden Jugend folgt ein noch deprimierenderes frühes Erwachsenenleben. Natürlich zerbricht die Ehe schnell und Vicki versucht den familiären Lebensunterhalt als Alleinerziehenden Mutter erst als Kellnerin, dann in einer Oben-ohne-Bar in Houston zu verdienen. Dort nennt sie sich "Anna Nicole".

Der karge Lohn einer nicht mit Übermaßen ausgestatteten "Tänzerin" bringt sie in die Fänge eines miesen Schönheits-Chirurgen, der ihr Silikon für Körbchengröße Doppel-D implantiert. Der Erfolg einer Blondine mit solchem Monsterbusen stellt sich in Amerika schnell ein.  

 

Originalbild

 

 

1993 wird sie "Playmate des Jahres" und bekommt sogar ihre erste kleine Film-Nebenrolle in Hollywood (Die nackte Kanone 33 1/3, 1994), der ihr immerhin den Anti-Oscar, die Auszeichnung "Goldene Himbeere" als schlechteste Newcomerin des Jahres, einbringt. Zeitgleich heiratet sie den 63-jährigen Ölmilliardär J. Howard Marshall. Als er nach schon einem Jahr stirbt, muß sie feststellen, daß er sie nicht im Testament vorgesehen hat. Danach macht sie weniger durch weitere kleine Filmröllchen, noch durch publicityträchtige Prozesse um das Erbe, sondern eigentlich nur noch durch ihre Party- und Drogenexzesse auf sich aufmerksam.

Das amerikanische Schmuddel-TV offeriert 2002 der extrem voluminös Aufgeschwemmten Hundeliebhaberin eine Trash-Sendung (Anna Nicole Show) die den US TV-Pöbel durch peinliches Benehmen mit durchaus bemerkenswerten Quoten zuschalten läßt. 2004 kommt ihre Tochter zur Welt, um deren Vaterschaft sich gleich fünf Männer streiten. Vicky Lynn Hogan stirbt am 8. Februar 2007 in einem Hotelzimmer an einer ("versehentlichen") Überdosis von Medikamenten- und Drogenmix, wie ihr Sohn schon ein Jahr vorher.

Zur Musik

Weise Worte zur anspruchsvollen Musik hatte, der bei der UA im Orchester mitspielende der Gitarrist von Led Zeppelin, John Paul Jones: "Ich glaube, junge Leute wissen nicht, was die Oper alles bietet. Die Musik ist aufregend, amüsant, hat Seele, ist einfach extrem mitreißend. Aber man muss hinhören. Das ist nicht unanstrengend. Genauso muss man sich auch mit einem Buch auseinandersetzen."

Mark-Anthony Turnage ist einer der profiliertesten englischen Komponisten. Wir hören ein Musik-Kaleidoskop in der viele musikalische Tendenzen des 20.Jahrhunderts hörbar werden und wo neben jazzigen, rockigen und popigen Klängen auch Janacek, natürlich Britten und andere hörbar werden, ohne daß diese wirklich grandiose und aufregend mitreißende Musik ihre Eigenständigkeit verliert. Neben dem klassischen Orchester lässt Turnage auch E-Gitarre, E-Bass, Banjo, Saxophon, großes Schlagzeug und Big-Band-Sound wirken.

Besser als der Regisseur Jens-Daniel Herzog kann man es kaum formulieren "Turnages Musik hat den größten Anteil daran, daß die zweistündige Handlung nie ins Stocken gerät. Sie zieht alle Register. Zeitgenössische Kompositionstechniken stehen neben den uramerikanischen Musik- und Theaterstilen wie Pop, Jazz und Musical. Eine unglaublich lebendige kraftvolle Musik, mit großen Chören, die immer wieder, wie im klassischen Oratorium oder der griechischern Tragödie, uns selbst als Zuschauer des dramatischen Geschehens spiegeln."

Jac van Steen leitete und koordinierte die unterschiedlich verteilten Mitglieder des Orchester-Ensembles der Dortmunder Philharmoniker bestens. Da der Chor einen wichtigen Anteil am großen Erfolg hatte, muß auch Grannville Walker (Ltg.) dickstes Lob gezollt werden und dem auch darstellerisch tollen Einsatz der Damen und Herren ein lautes "Bravi" vom Kritiker! Die aufwendige Bühne (Frank Hänig) und die überzeugenden Kostüme (Sibylle Gädeke) schließen den Kreis einer lückenlos gelungenen meisterlich produzierten nachhaltig in Erinnerung bleibenden tollen Opernaufführung.

Ganz große Oper

Letztlich steht dieses Meisterwerk des 21. Jahrhunderts durchaus in der großen Operntradition der Werke moralisch oder besser unmoralisch gefallener Frauen, wie z.B. Traviata, Lulu oder Manon. Neben der Tragik gibt es allerdings bei Turnages Werk immer wieder komische auch ironische Elemente (wenngleich das ein Amerikaner ggf. anders sehen wird), die u.a. auch in der Erzähltechnik liegen. Die Oper beginnt mit einer Beerdigungszeremonie und endet auch wieder in selbiger. Anna entsteigt quasi ihrem Grab - hier Leichen- und Operationstisch zugleich - und erzählt ihre Geschichte in vielen kurzen Szenen, wobei sprachlich und stilistisch sich das Ganze (fabelhafte Übersetzung in Übertiteln) natürlich nicht in der Alliteration eines Richard Wagner ausdrückt, sondern eher in seiner Drastik und Vulgarität an Henry Valentine Miller erinnert, was einige ältere Herrschaften schon zu frühzeitigem Verlassen des hehren Dortmunder Opernhauses nötigte, barsch verärgert, daß die Musik eben nicht wie von Verdi klang.

Gesanglich höchster Anspruch

Was die superbe und geradezu fabulöse Amerikanerin Emily Newton (Anna Nicole) an gesanglichen Höchstleistungen - egal ob dauerhafte Spitzentöne oder sogar Koloraturen ! - stemmte, ist in Worte nicht zu fassen. Der Komponist verlangt (ähnlich Lenny Bernstein in der Bravourarie "glitter and be gay") von seiner Protagonistin das Leistungsgpotential einer Isolde-, Elektra-, Traviata- und Lulu-Stimme zugleich - nur nicht über knapp sieben Minuten, sondern für, nur durch eine kurze Pause unterbrochene, geschlagene zwei Dauer-Stunden. Frau Newton muß in jeder Szene präsent sein und auch umfangreich singen. Das ist wirklich der sängerische Wahnsinn und so wurde diese unglaubliche Gesangesleistung neben finalen Jubelchören des fachkundigen Publikums auch (endlich mal zurecht!) durch von Herzen kommende echte Stehende Ovationen geehrt.

Aus dem fabelhaften Riesenpotential der weiteren Künstler möchte ich Katharina Peetz (Virgie) und Hannes Brock (H. Marshall II, im Rollstuhl) noch herausheben - erstere wegen ihrer großen gesanglichen und letzteren wegen seiner genialen darstellerischen Fähigkeiten. Beide fand ich erheblich besser, als die Londoner UA-Besetzung, von der es eine bemerkenswerte DVD gibt bzw. viele Auszüge sind auch bei Youtube einseh- und hörbar.

Fazit "Bravo"

Ein großer, auch zeitgeschichtlich, bemerkenswerter Opernabend auf Weltklasse-Niveau, dem wir nach Rücksprache mit zwei weiteren hochbegeisterten Opernfreund-Kritikern unseren raren und begehrten OPERNFREUND-STERN verleihen. Es ergeht ein herzliches "Bravissimo" an alle Beteiligten und die Dortmunder Oper.

Peter Bilsing                      Bilder: Thomas M. Jauk / Stage Pictures

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Stürmisch gefeiert

ANNA NICOLE   

Emily Newton in der Titelpartie Weltklasse

Pemiere am  27.4.1013

Mit großem Werbeaufwand hat die Dortmunder Oper die kontinentale Uraufführung der Oper “Anna Nicole” des britischen Komponisten Mark-Anthony Turnage angekündigt. Am gestrigen Samstag wurde diese Oper zum zweiten Mal, nach ihrer Welturaufführung im Februar 2011 in London, nun in Dortmund gezeigt. Der Dortmunder Intendant Jens-Daniel Herzog hatte sich die Rechte für die deutsche und kontinentale Uraufführung gesichert und seinem Haus damit einen großen Erfolg beschert. Die texanische Sopranistin Emily Newton ist Anna Nicole. Sie sang und spielte die sehr anspruchsvolle Partie grandios und wurde vom Publikum frenetisch gefeiert.

Die Oper Anna Nicole, ursprünglich ein Auftragswerk des Londoner Opernhauses Covent Garden an den Komponisten Mark Anthony Turnage, wurde erstmalig 2011 aufgeführt. Die Uraufführung in London geriet zu einem triumphalen Erfolg. Das Leben und Sterben des US-amerikanischen Busenwunders Anna Nicole Smith hat Turnage sehr facettenreich, pointiert, aber auch ironisch und kritisch zu einer abendfüllenden Oper verarbeitet. Seine Musik, die Stilmittel von Jazz, U-und E-Musik kunstvoll verarbeitet, aber durchaus auch “opernmäßige” Höhepunkte aufweist, die an großer Emotionalität nichts vermissen lassen, ist mitreißend und im steten Fluß. Die Orchestrierung ist demzufolge auch erweitert um z.B. E-Gitarren, E-Bass, Banjo und Saxophone. Das Libretto mit deutlicher, teils drastisch-frivoler, Sprache zur Oper stammt von Richard Thomas. Komponist und Librettist waren am gestrigen Abend gefeierte Ehrengäste der Deutschlandpremiere.

Der Regisseur des Abends, der Dortmunder Opernintendant Jens-Daniel Herzog, sagte im Vorfeld der Uraufführung: “Der Körper von Anna Nicole Smith wird zum Schlachtfeld einer neoliberalen Ökonomie”, und fasst damit einerseits das öffentliche Leben des US-Playmates, und andererseits die Intention und Umsetzung seiner Inszenierung zusammen.

Revuehaft werden die Stationen eines Lebens, dass der Anna Nicole Smith, auf die Bühne gebracht, in der sie zwar Mittelpunkt, aber auch immer Spielball der sie umgebenden Personen ist. Ein familiäres Vermarktungsobjekt, welches viel zu leicht aufgrund mangelnder Bildung, sozialer Prägung und schwachem Selbstbewusstsein, verführbar ist und welches sich seit Anbeginn ihrer scheinbaren Karriere auf einer menschlichen Abwärtsspirale befindet. Dazu umgeben von Männern, denen sie auch nur wieder als Objekt, sei es sexueller oder finanzieller Begierde, zeitlebens dient.

Die Story ihres Lebens, welches mit nur 39 Jahren tragisch aufgrund jahrelangen Medikamenten-und Drogenmißbrauchs endete, ist hinlänglich bekannt. Die Brustoperationen, die Heirat mit dem greisen Milliardär Marshall, die nach seinem Tod folgende Erbschlacht mit den Angehörigen des Milliardärs, der Tod ihres damals 20-jährigen Sohnes, ebenfalls unter starkem Drogeneinfluss, die drei Tage zuvor erfolgte Geburt ihrer Tochter, als auch ihr trauriges Ende waren stets Aufmacher der Yellowpress. Sie diente dem Kommerz, oft ungewollt und von anderen gesteuert, zeitlebens und das in jeder Lebenslage. “The american dream”, den sie eigentlich leben und erleben wollte, lief sie stets hinterher. Er war ihr immer unerreichbar. Hatte sie mal nahe an ihm dran geschnuppert, zerplatzte der Traum wie eine in stars and stripes getünchte Seifenblase.

Herzog setzte dies alles szenisch um. In zwei Akten, unterteilt in 16 Szenen und einem Zwischenspiel, lies er das Publikum teilhaben an dem Traum eines amerikanischen Mädchens aus der Provinz, die für sich auch ein Stück des großen Kuchens haben will. Welches sich dafür die Brüste mehrfach vergrößern lies, den daraus resultierenden Rückenschmerzen mit Unmengen an Medikamenten scheinbar trotzte und doch nicht mehr als die Krümmel eines Kuchenstücks gewann. Das war großes Bühnentheater, was der Dortmunder Intendant ablieferte. Das Bühnenbild (Frank Hänig), zum Publikum hin offen und weit, bildete einen absolut adäquaten Rahmen um die stets im Fluss gehaltene Personenregie derart spannend, aufwühlend und mitreissend zu gestalten. Die Kostüme von Sibylle Gädeke rundeten das visuelle Ereignis ab.

Jac van Steen, der scheidende Generalmusikdirektor der Oper Dortmund hat die Dortmunder Philharmoniker zu einem Klangkörper allererster Güte geformt. Die anspruchsvolle Partitur der Turnage-Oper, herausfordernd für die Musiker wie auch für den Dirigenten, war von Anbeginn ein Erlebnis der besonderen Art. Tempi, Rythmen, große orchestrale Ausbrüche, zarte und leise Töne in den emotionalen Momenten der Oper – all das war hohe Musikkunst. Auf der Bühne ein Ensemble was auf ganzer Linie überzeugte. Wieder einmal war es der Dortmunder Opernchor (Einstudierung Granville Walker), der voll zu überzeugen wusste. Turnage hat dem Chor eine zentrale Rolle zugedacht und entsprechend vertont. Vollstes Lob für diesen Dortmunder Opernchor.

Die vielen Solistenrollen der Oper waren durchweg glänzend besetzt. Ein herrlich agierender und singender Ks. Hannes Brock in der Rolle des greisen Milliardärs Marshall, eine wunderbare Katarina Peetz als Virgie, Anna Nicole’s Mutter, Morgan Moody der den skrupellosen Dauerbegleiter Howard Stern mit diabolischen Zügen spielte und Christoph Strehl in der Rolle des sensationslüsternen US-Talkshowmasters Larry King, seien hier nur stellvertretend für die insgesamt hervorragende Ensembleleistung genannt. Das Publikum feierte alle Mitwirkenden mit standing ovation und frenetischem Beifall. Was für eine Besetzung der Titelrolle! Die Sopranistin aus Texas, die mit Anna Nicole ihr Europadebüt gab, war einfach sensationell. Wie sie die Szenen des Lebens des Playmates Anna Nicole Smith verkörpend spielte war grandios. Wie sie die teils überaus schweren Klippen ihrer Gesangsrolle meisterte, war absolute Weltklasse. Bravo!

Bravostürme aus dem Zuschauersaal für eine aussergewöhnliche sängerische Leistung waren der hochverdiente Lohn für Emily Newton, die diese Rolle verinnerlicht zu haben scheint. Dabei spielte sie die Rolle mit all ihren Facetten überzeugend. Sie war die sexy-Anna Nicole, die schlampige und drogenabhängige Anna-Nicole, die oberflächliche, die zerbrechliche und überfordete Anna Nicole und sie war auch die Mutter, die Anna Nicole in ihrem Leben auch war. Eine internationale nun folgende große Aufmerksamkeit ist der amerikanischen Sopranistin gewiss.

Fazit: Große Oper, großes Theater, mitreissende Musik und mit einer Emily Newton in der Rolle der Anna Nicole, die schlichtweg umwerfend ist. Absolute Empfehlung, sich diese Oper in Dortmund anzusehen. Nur noch bis Ende Mai!

Detlef Obens

www.obensbloggt.de

 

 

 

L'ELISIR D'AMORE                

Ein schöner Opernabend in Dortmund

Premiere am 7. April 2013                   2. Kritik

Donizettis "Liebestrank" ist nicht ohne Grund eines der meistgespielten Werke des fleißigen und so populären Komponisten. Es ist eine nette, geradezu reizende Liebesgeschichte, die man zeitlos sowohl in der Entstehungszeit der Oper, aber auch früher oder später ansiedeln kann. Wenn es ums Verliebtsein geht, dann geht es ums ewig Menschliche. Das hat auch Regisseur Christian Tschirner zielsicher erkannt und mit der souveränen "Leichtigkeit des Seins" ausgesprochen überzeugend und mit bravourösen Sängerdarstellern umgesetzt. Die zeitgemäß passenden und stilsicheren Kostüme (Esther Krapiwnikow) erfreuen das Auge.

Ja, es macht einfach Freude sich diese Produktion anzusehen. Champagner-Leichtigkeit quirlt unter der Leitung von Motonori Kobayashi über die gut aufspielenden Dortmunder Philharmoniker aus dem Orchestergraben. Und alle Künstler bringen sich nicht nur sängerisch, sondern auch darstellerisch in das Konzept fabelhaft ein, wobei die Damen und Herren des großartigen Chors (Ltg. Granville Walker) einen ganz wesentlichen Teil am Erfolg dieses Stückes haben. Leider hat man seine Bewegungsfreiheit durch ein allzu hoch und breitgreifendes Requisitorium von meterhoch aufgeschichteten Kisten, Kästen und Paletten (Bühne: Aljoscha Begrich) doch etwas sehr eingeschränkt. Aber der Kritiker muß ja auch an einer insgesamt passablen Inszenierung immer etwas zu meckern haben...

Aus der Sängercrew möchte ich doch einen fabelhaften Dulcamara (Christian Sist), einen herzenslieb agierenden und stimmsicheren Nemorino (Lucian Krasznec) und eine mehr als überzeugende (Besonderes "Brava!" vom Rezensenten!) Julia Amos, als Adina, besonders würdigen. Frau Amos halte ich für eine ausgesprochen charmante Idealbesetzung dieser Rolle - daß sie die stimmlich durchaus heiklen Passagen auch noch mit superber Technik und Brillanz überzeugend meisterte, erfreut das Herz sowohl des Kritikers, als auch des Publikums, welches sie gebührend und mit finalen Standing Ovations ausfiebig feierte.

Ein großer Erfolg & ein schöner Opernabend von auch szenisch von gelungener Geschlossenheit und mit großer Liebe zum Stück inszeniert.

Warum das Haus nur gut zur Hälfte ausverkauft war, ist mir ein Rätsel ohnegleichen. Das kann doch nicht wahr sein...  Hallo Dortmunder! Was ist los mit Euch? Hier wird tolle und sehr unterhaltsame Oper auf gutem Niveau geboten. Der Kritiker bescheinigt einen wunderbaren, durchaus werktreuen Opernabend - frei von "modernen" Mätzchen, Verunstaltungen und werkfremden Mumpitz, wie an manchen Nachbarhäusern. 

Ein Abend zum Genießen & mit sehr humorvollen deutschen Übertiteln

Peter Bilsing / 10.4.13                Bilder: Thomas M. Jauk (Stage Pictures)

 

 

 

L'ELISIR D'AMORE

Amore, Geld und berauschender Wein - Italienisches Volkstheater in bestem Sinne

Premiere am 7.4.13

Lucian Krasznec (Nemorino), Chor  ©Thomas M. Jauk / Stage Picture

Lucian Krasznec (Nemorino), Chor

Am Ende regnete es Rosensträuße auf das glückliche Paar, ganz so, wie es sich für ein ordentliches Happy-End geziemt. Das Premierenpublikum am gestrigen Sonntagabend war von diesem Dortmunder Liebestrank begeistert. Der berühmte Funke sprang von Beginn an direkt ins Publikum über, welches eine sehr kurzweilige Inszenierung dieser Donizetti -Oper erlebte, die mit viel Witz und Spielfreude gespickt war. Ein rundum gelungener Abend.

Die Geschichte vom Liebestrank ist schnell erzählt. Nemorino, der naive und schüchterne Bauer ist unglücklich verliebt in Adina, seine Chefin. Die jedoch nimmt das nicht sehr ernst und spielt mit ihm. Stattdessen flirtet sie mit dem Sergeanten Belcore und nimmt dessen Eheantrag erst einmal an. Für den tollpatschigen Nemorino ein Fiasko. Hilfe kommt in Gestalt von Dulcamara, einem fahrenden Händler, ins italienische Dorf. Der verkauft ihm einen geheimnisvollen Liebestrank, der allerdings aus nichts weiter wie billigem Rotwein besteht. Mit diesem vermeintlichen L’elisir d’amore, so wie dereinst Tristan und Isolde ihn nahmen, will Nemorino seine Adina endlich für sich gewinnen. Das schafft er am Ende auch. Zwar ohne den Zauber eines Elixiers, dafür aber auch mit Hilfe einer Erbschaft, die ihm zuteil wird. Sein plötzlicher Reichtum macht unter den Damen des Ortes die Runde und weckt deren Begehrlichkeiten. Dies bleibt auch Adina nicht verborgen und sie muss sich eingestehen, diesen Mann jetzt endlich auch zu lieben. Der Rotwein hat gewirkt. Das Erbe tat sein übriges.

Lucian Krasznec (Nemorino), Damenchor  ©Thomas M. Jauk / Stage Picture

Lucian Krasznec (Nemorino), Damenchor 

Donizettis heitere Opera buffa gehört zu den meistgespieltesten italienischen Opern überhaupt, weltweit. Nun stand sie wieder einmal auf dem Spielplan der Oper Dortmund.

Die Regie übernahm Christian Tschirner. Der Schauspieler und Schauspielregisseur übernahm mit dieser Oper erstmalig eine Inszenierung aus dem Bereich Musiktheater. Und das war im positiven Sinne spürbar. Eine Inszenierung voller Lebendigkeit und Spaß, dabei aber auch die zarten emotionalen Momente und tiefsinnigeren sozialkritischen Anspielungen nicht aus den Augen lassend, durfte er sich auf ein Ensemble verlassen, welchem die Freude am eigenen und gemeinsamen Spiel von Beginn an deutlich anzumerken war. Adinas Plantage lies Tschirner als eine meterhohe Kletterwand aus Holzpaletten- und Kisten darstellen (Bühnenbild: Aljoscha Begrich) vor dem Adina in einem Wohnwagen arbeitet, lebt und residiert. Aber das Bühnenbild ist alles andere als hölzern. Mit viel Leben lässt er es erfüllen, wobei der Dortmunder Opernchor auch wieder mal belegen konnte, dass er nicht nur gesanglich, sondern auch darstellerisch, über ein großes Potenzial verfügt.

Geschickt platzierte Regiegags am laufenden Band, dabei keinesfalls abgleitend in simplen Klamauk, durchzogen die knapp 2 1/2-stündige Aufführung. Das Publikum amüsierte sich stellenweise köstlich. Wie etwa beim Auftritt des ungeschickten Nemorino mit seinem 3-Wetter-Naturhaarschnitt (klasse gespielt von Lucian Krasznec), dem Einzug des Dulcamara (der großgewachsene Christian Sist) in einem dreirädrigen Miniauto italienischer Prägung, und natürlich in der herrlich skurrilen Szene, in der durch Bekanntwerden von Nemorinos Erbe die entflammten Damen des Ortes ihre speziellen Vorzüge und Fertigkeiten per Plakate anboten. Tschirner hat allen Solisten nicht nur die passenden Kostüme, sondern auch die adäquaten Rollenprofile angepasst. Das kam an, das machte Spaß. Das war Theater. Ein sehr gelungenes Regiedebüt des jungen Künstlers.

Die berühmte, schmachtende, Tenorarie findet sich fast am Ende dieser Oper wieder und ist doch oft einer der musikalischen, wenn nicht sogar der, Höhepunkte des an Melodien nicht gerade armen Liebestrankes. Eine Perle Donizettischer Komponierkunst. Folgerichtig legte Lucian Krasznec viel Gefühl und Hingabe mit seinem lyrischen Tenor in diese Arie und konnte das Publikum begeistern. Er war vom ersten Moment an bühnenpräsent, führte seinen angenehm weich klingenden Tenor bemerkenswert gut durch die Klippen der Partitur und wurde für seine Gesamtleistung am gestrigen Abend, sängerisch als auch darstellerisch, vom Publikum mit Ovationen bedacht. Dieser Nemorino ist ein Glücksfall für das Dortmunder Haus.

Julia Amos (Adina), Lucian Krasznec (Nemorino)  ©Thomas M. Jauk / Stage Picture

Julia Amos (Adina), Lucian Krasznec (Nemorino)

Ihm zur Seite ebenbürtig Julia Amos, welcher die Rolle der Adina auf den Leib geschnitten zu sein scheint. Sie singt die Partie mit schlank geführten Koloraturen und lupenrein gesetzten Spitzentönen ihres lyrischen Soprans, dabei darstellerisch kokett, und hin und wieder blitzen auch bei ihr die wahren Gefühle der eher mit den Männern spielenden Adina durch.

Christian Sist singt und spielt den Dulcamara. Das ihm diese Rolle selbst viel Spaß bereitet, konstatiert das Publikum vom ersten Moment an. Sängerisch auch wie seine Kolleginnen und Kollegen auf hohem Niveau, bewies der großgewachsene Bass auch seine Qualitäten als Darsteller in einer Opera buffo-Rolle. Die Premierengäste waren begeistert. Mit Tamara Weimerich als Gianetta und Gerardo Garciacano als liebesglühendem Belcore waren auch die weiteren beiden Solistenrollen glänzend besetzt und rundeten das Solistenquintett gesanglich und schauspielerisch ab.

Besonderes Lob an den Dortmunder Opernchor unter der hervorragenden Einstudierung vom langjährigen Opernchorchef Granville Walker. Dem Chor verlangte der Regisseur viel ab. Und sie lieferten ab! Das ganze wieder auf einem hohen Level, dabei völlig befreit vom ewig statischen Herumstehen anderer Liebestrank-Inszenierungen. Zu Recht viel Beifall vom Publikum. Unter der Leitung von Motonori Kobayashi liefen die Dortmunder Philharmoniker zur Hochform auf. Er lässt dem Orchester förmlich Flügel wachsen im Spiel der Noten und hat doch die Fäden der musikalischen Gesamtleitung fest in der Hand. Kobayashi mag den Donizetti. Das war zu spüren.

Lucian Krasznec singt den Nemorino

Lucian Krasznec singt den Nemorino

Das Premierenpublikum im leider nicht ausverkauften Haus feierte am Ende das gesamte musikalische Ensemble, als auch das Regieteam, mit vielen Bravorufen und Standing Ovation. So macht Oper Spaß!  Fazit:  Ein kurzweiliger und sehr amüsanter Liebestrank, den die Oper Dortmund auf die Bühne gezaubert hat. Unbedingt empfehlenswert für die Freunde der italienischen Oper. Hoher Spaßfaktor.

Detlef Obens (Gastkritik)  www.obensbloggt.de

Bilder: ©Thomas M. Jauk / Stage Picture

 

 

 

 

 

LE NOZZE DI FIGARO

Besuchte Aufführung am 03.03.2013    (Premiere 23. Februar 2013)

Mozarts opera buffa „Figaros Hochzeit“ (Le nozze di Figaro) spielt im Schloß des Grafen Almaviva ungefähr zur Zeit der Entstehung des Stücks. Da war es damals ganz selbstverständlich, die Sänger im Stil dieser Zeit zu kleiden. Solche Überlegungen, nämlich, daß Probleme heutiger Menschen dargestellt werden sollen, veranlassten deshalb Regisseur(innen) in den letzten Jahren,  egal, ob die Handlung etwa in der Antike, im Mittelalter oder im 19. Jahrhundert spielte, die Mitwirkenden in möglichst gammelige Alltagsklamotten heutiger Zeit zu kleiden. (ist ja auch billiger!) Ihr Publikum hielten sie wohl für so dumm, daß es nicht merkte, daß bei grossen Opern auch in  der Handlungszeit zugehörigen Kostümen das „tua res agitur“  (Es geht um dich) verstanden wird.

Dies hat man in der jüngsten Inszenierung am Opernhaus Dortmund (Regie Mariame Clément) zur Freude des Publikums anders gemacht und ließ in prächtigen, geschmackvollen Kostümen  des ausgehenden 18. Jahrhunderts spielen. (Bühne und Kostüme Julia Hansen) Im Gegensatz dazu wurde auf einer  fast leeren Bühne  gespielt, auf der im I. Akt durch auf den Boden gezeichnete Striche die verschiedenen Räume des gräflichen Schlosses angedeutet waren – ähnliches wurde in Münster mit den Häusern des Fischerdorfs bei „Peter Grimes“ versucht. Dadurch konnten mehrere Handlungen simultan ablaufen. So lernten wir etwa, daß Graf und Gräfin Almaviva ein Kind hatten. Wenn auch teils nur als Schatten gespielt, lenkten diese Aktionen doch manchmal von der eigentlichen Handlung ab. Auf diese Bühne senkte sich dann im II. Akt das  vornehme Zimmer der Gräfin , von dem dann im III. Akt nur noch ein Lattengerüst übrigblieb, das dann zum Schluß auch abgebaut wurde, um  wieder zur  jetzt laubbedeckten leeren Bühne zurückzukehren, auf der eine Hütte und eine nach unten führende Klappe durch märchenhafte Beleuchtung (Licht Ralph Jürgens)  ausreichend  für das Verwechslungsspiel den gräfliche Garten  andeuteten.

Auf dieser Bühne wurden eine Fülle ungewohnter aber sehr passender Regieeinfälle gespielt, von denen hier nur wenige  Beispiele angeführt werden können: So zählte Figaro bei seinem ersten Auftritt nicht Bodenmeter fürs Bett sondern Geld. So setzte Cherubino mit seiner Canzone im II. Akt  aufgeregt erst falsch an, um sie beim zweiten Versuch umso schöner zu singen – beides vortrefflich gemacht von Katharina Peetz. Man kennt das, steht man der ersehnten Geliebten endlich gegenüber, klappt es vor Aufregung nicht sofort. Zu Beginn des letzten Aktes verlor Barbarina – gesanglich und spielerisch mit Tamara Weimerich eine Luxusbesetzung – die Nadel bei stürmischer Umarmung mit Cherubino in der Hütte, um sie dann natürlich ausserhalb im Laub nicht zu finden, worauf sie die „Nadel-Cavatine“ besonders zärtlich sang.


Gesanglich blieben überhaupt kaum Wünsche offen. Als eigentliche Hauptperson der Oper – neben ihren beiden Arien wirkt sie in allen Ensembles mit – fand Julia Amos als Susanna neben beweglichem Gesang und  resolutem Spiel als Anstifterin der Intrige gegen den Grafen auch ernstere Töne, insbesondere  in der grossen Arie im IV. Akt, die sie mit perfektem Piano und erfüllten Legatobögen bis in die tieferen Lagen gestaltete.  Zu ihr passte singend und spielend Morgan Moody als Figaro mit kernigem sicher geführten Bariton, der  das Aufbegehren beim „Se vuol ballare“, die Ironie im Finale des 1. Akts  und seine Wut über von untreuen Frauen  betrogene Männer im letzten Akt stimmlich  differenziert  auszudrücken verstand.

Nicht als abgeklärte ältere Ehefrau sondern als leidenschaftlich um ihren untreuen Mann kämpfende Liebende spielte Eleonore Marguerre die Gräfin, Vor ihrer ersten Cavatine „porgi amor“ versuchte sie, sich mit einem Messer umzubringen, und entsprechend dramatisch sang sie dann auch. Beim „dove sono“ zeigte sie  neben leuchtenden Spitzentönen auch feine Legatobögen im piano. Gerardo Garciacano sang den Grafen mit wohlklingendem Bariton. Die Vorfreude auf kommende Liebeserlebnisse mit Susanna im Duett „Crudel“ oder den verletzten Stolz darüber daß er eine Untergebene haben will und nicht kriegen kann, im folgenden Rezitativ und Arie – immerhin Maestoso überschrieben – kann man sich stimmlich allerdings auftrumpfender und herrischer vorstellen. Stimmlich tadellos und intrigantenhaft schleimig humpelnd war Ks. Hannes Brock als Basilio wieder eine Klasse für sich, sicherlich eindrucksvoller als im letzten „Figaro“ in Dortmund, wo er auch schon diese Rolle sang.

Passend ergänzten Christian Sist als Doktor Bartolo mit gewaltigem Bass für sein „vendetta“, Andrea Rieche als Marcellina, Hiroyuki Inoue als Antonio gebeugt von vieler Gartenarbeit  und Christian Pienaar als Winkeladvokat Don Curzio das Ensemble.

Unter Leitung von Motonori Kobayashi spielten die Dortmund Philharmoniker zügig aber nicht übereilt und mit kräftigen Akzenten  bei den Sforzati schon in der Ouvertüre, denen auf da bereits offener Bühne Beleuchtungseffekte entsprachen. Die Mutter aller grossen Opernensembles, das Finale des II. Akts, klappte mit passenden Tempi ohne Patzer, wie schon zuvor das schwierige schnelle Duett zwischen Susanna und Cherubino und später das Schlußfinale. Besonderes Lob verdienten die Holzbläser und Hörner, die Mozart ja auch im Zusammenspiel mit den Streichern bevorzugt behandelt. Historisch passend auf dem Hammerklavier begleitete Michael Hönes einfühlsam gegenüber den Sängern die Rezitative – leider wurde er im Besetzungszettel nicht aufgeführt.Der Opernchor in der bewährten Einstudierung von Granville Walker rundete die gelungene Aufführung ab.

Trotz herzerweichend gesungenem „Contessa perdono“ findet das (wie bei Cosi) so plötzlich hereinbrechende Lustspiel-Ende auf der Bühne keine Entsprechung. Auf einer nicht mehr schaukelnden (Liebes-)Schaukel bleibt der Graf von allen verlassen allein zurück. Das Publikum im gut besuchten ach so grossen Dortmunder Opernhaus klatschte Beifall mit einigen Bravos bis der Vorhang sich schloß – wie auch aus Gesprächen zu hören war, zu Recht begeistert über diesen abwechslungsreichen gelungenen Opernabend, dessen Besuch nur wärmstens empfohlen werden kann.

Sigi Brockmann                                          Fotos: Thomas Jauk Stage Picture
 


   

 

DIE CSARDASFÜRSTIN 

Besuchte Aufführung am 01.03.13            2. Kritik

Endtanz einer Aera

Als Emmerich Kalman 1915 beim Komponieren seiner unvergänglichen "Csardasfürstin" war, hatte schon der Erste Weltkrieg begonnen, so merkt man dem Werk auch die Melancholie des verblassenden Habsburgerreiches an, wie man sie in den Romanen Joseph Roths findet. Am Theater Dortmund hatte Ricarda Regina Ludigkeit das Regiekonzept von Josef Ernst Köpplinger übernommen, und schon im dekorativ verwitterten Bühnenbild von Rainer Sinell findet man die Endzeitstimmung der Uraufführung gut wieder. Doch ansonsten ist die Inszenierung in ihrer realistischen Erzählweise ganz auf ein konventionelles Operettenpublikum abgestimmt, Marie -Luise Walek entwarf die passenden historischen Kostüme dafür. Besonders schön an Ludigkeits Arbeit ist die Auflösung der musikalischen Szenen, die in effektvollen Tanznummern münden, die Erfahrung der Regisseurin liegt eindeutig in ihrer Musical-Vergangenheit. Eine gediegene Inszenierung, die nie über das Ziel der historisch informierenden Unterhaltung schießt.

Hervorragend auch die Besetzung: Mit Heike Susanne Daum hatte man eine der raren Operettendiven gewonnen, die gesanglich mit mit leuchtendem Sopran punktete, wie sie glaubhaft die Psychologie der rassigen, wie verletzlichen Brettl-Diva Sylva Varescu als Teufelsweib, wie sentimental Liebende verkörpert. Ihr zur Seite der Bariton Peter Bording in der recht tief liegenden Tenorpartie des Edwin als sehr maskulin attraktive Verkörperung des doch etwas passiven Charakters, lediglich einige mulmige Töne trüben die Darstellung. Perfekt das Buffo-Paar, der schlank-nervöse Graf Boni mit hellem Tenor, wie die feine, zuckersüße Komtesse Stasi mit gut fokussiertem Sopran von Tamara Weimerich. Etwas unauffälliger als gewohnt von der Personenführung der recht noble Feri Baczi von Hannes Brock. Andreas Ksienzyk als distingierter Leopold Maria und die Dea ex machina- Anhilte alias Kupferhilda von der sympathischen Johanna Schoppa, sowie der nicht ganz so fiese Rohnsdorff von Bastian Turner komplettieren das Ensemble. Die kleineren Partien, der Chor , das Tanzensemble lieferten tipptopp den effektvollen Rahmen zum Spiel.

Sehr kompetent am Pult der sorgfältig musizierenden Dortmunder Philharmoniker dirigierte Philipp Armbruster mit relativ gediegenen Tempi, aber auch nötigem Schmiss, dabei stets auf sehr gute Textverständlichkeit bedacht, Kalmans immergrüne Melodien. Besonders das "Machen wir`s den Schwalben nach" in seiner verträumten Melancholie hing lange noch im Ohr. Einziger Kritikpunkt an dieser qualitativ gut gelungenen Aufführung, ist das Zusammenstreichen der Finale aus Akt 1 und 2, die vom Komponisten doch sehr ausgewogen gestaltet sind, eine unnötige Kürzung.

Martin Freitag

 

 

 

LE NOZZE DI FIGARO

Besuchte Premiere am 23.02.13

Ein Tag im Schloss

Einer der vielen Mozart-Figaros im Ruhrgebiet hatte jetzt seine erfolgreiche Premiere am Dortmunder Opernhaus. Mariame Clèment hatte ihre feingliedrige Inszenierung als Koproduktion mit Nürnberg durchaus konventionell angelegt, schon zur Ouvertüre sehen wir auf der weiß ausgeschlagenen Bühne (Ausstattung Julia Hansen) viele kleine Tableaus aus dem Alltag des Almavivaschen Schlosses. Gleich historischen Traumgebilden tauchen sie aus den Schattenumrissen wie Scherenschnitte auf, deutlich das Leben im Adel, im Bürgerstand, im Gesinde als Folie für die Komödie ausbreitend. Clèment erzählt differentiert die Vorgeschichte des "Barbier" in den Personenverhältnissen. Die schönen historischen Kostüme lassen keinen Zweifel an der Entstehungszeit aufkommen, sehr schön der konzentrierte Blick aus Frauensicht, ohne dabei die Komödiantik der Opera buffa zu unterschlagen. Die Gräfin bekommt ihr Bühnenzimmer mitsamt Kabinett und Fenster für die Intrigenhandlung, ab dem dritten Akt wird die Kulisse wieder ausgedünnt, für den Pinienhain reichen ein Geräteschuppen, eine Bodenklappe und Herbstlaub auf dem Bühnenboden. So eine reduzierte Inszenierung funktioniert natürlich nur mit dieser exakten Personenregie.

Dazu wird ein absolut ausgewogenes Ensemble aufgeboten, was den Rollenanforderungen von den Typen her, wie vokal gerecht wird. Vielleicht ist am Premierenabend keiner wirklich perfekt, doch die Harmonie der Sänger untereinander macht die Vorstellung perfekt. Furore machen vor allem Elenore Marguerre mit sattem, ausgeglichenem Sopran, die als Gräfin immer wieder den Schalk der Barbier-Rosina aufblitzen läßt, wie die liebliche Susanna von Anke Briegel. Beide Stimmen mischen sich betörend im Briefduett. Gerardo Garciano zeigt den Grafen als virilen "Hirschen" mit gesanglich potentem Bariton, Morgan Moody den passenden, selbstbewußten Figaro mit leichtem Höhendefizit. Die großgewachsene Ileana Mateescu macht optisch verständlich, warum Cherubino alle Frauen betört, gesanglich liegt ihre Präferenz mehr auf den Tiefen der Partie, vielleicht klingt die Höhe diesen Abend auch einfach etwas angeschlagen, so etwas kommt vor. Christan Sist als Bartolo und Katharina Peetz als Marcellina geben ein akustisch vollsaftiges Elternpaar, spielen trotz ihrer Jugend glaubwürdig, die verlangte, ältere Generation. Schon allein Hannes Brock als Basilio wäre einen Besuch der Vorstellung wert, denn so ein abgrundtief mieses Miststück als Intrigant sieht man selten, ein großer Darsteller und Komödiant ! Tamara Weimerich bringt die Traurigkeit der verlorenen Nadel als Barbarina auf den Punkt. Hiroyuki Inoue stellt ein Original an Antonio auf die Bühne, wie Christian Pienaar ein nicht outrierender Don Curzio ist. Der Chor des Dortmunder Hauses unter Granville Walker ist wie immer eine zuverlässige Bank.

Lediglich Jac van Steen ist mit den Dortmunder Philharmonikern nicht auf der gewohnten Höhe, denn gerade den "Figaro" hat man an anderen und kleineren Häusern in der letzten Zeit immer überzeugender gehört. Die Interpretation ist weder historisch orientiert, noch weist sie einen "klassisch" dirigierten Faltenwurf auf. der Orchesterklang kommt immer wieder mal etwas mulschig und ungenau aus dem Graben, wie auch die Koordination zur Bühne einige Unkonzentriertheiten aufzeigt. Teilweise sind für einigen Parlandostellen die Tempi zu verhuscht für die Sänger. Das jedoch ist der einzige Minuspunkt der ansonsten hervorragenden Aufführung. Vielleicht sei angemerkt, das die Übertitel zwar manchmal etwas flapsig formuliert sind und nicht den ganzen Wortwitz des Da-Ponte-Librettos aufweisen, doch für sie spricht die Knappheit, die den Blick des Zuschauers wieder schnell auf das Bühnengeschehen lenkt.

Die Aufführung ist besonders perfekt für Menschen die diese, oder überhaupt Oper kennenlernen wollen und natürlich für Freunde des konventionellen, gut gemachten Regietheaters. Ein großer Gesamterfolg in der Premiere für alle Beteiligten und natürlich das Dortmunder Opernhaus.

Martin Freitag

 

 

 

 

DER TROUBADOUR       

Besuchte Premiere am 02.02.13   -    2. Kritik

Ein unmögliches Werk?

Leo Slezak sagte einst, daß man zum Erfolg des "Troubadour" einfach die vier besten Sänger der Welt zusammenbringen muß, doch wer hat die schon ? Ansonsten gilt die zweite Oper aus Verdis Trio popolare für viele als eines der hirnrissigsten Libretti. Viele Regisseure sind daran gescheitert, so auch die Oberspielleiterin der Dortmunder Oper, Katharina Thoma, die man mit Arbeiten von Cavalli, Puccini und Mussorgskij eigentlich in guter Erinnerung hat, doch das sind alles Werke , die wie ein Schauspiel mit Musik inszeniert werden können.

Bei Verdi liegt der Fall anders, hat doch die italienische Nummernoper ihre eigene Formdramaturgie. Verdi selbst fordert für seine Stücke "verita", Wahrheit, die indes kein Pseudorealismus der Veristen ist, sondern erfülltes Theaterspiel, auch hiervon befindet sich Thomas Inszenierung meilenweit entfernt. Zusammen mit Julia Müer(Bühne) und Irina Bartels (Kostüme) wird ein beliebiges, modernes "Es ist Krieg"-Szenario entworfen: Gußbeton trifft Militärgrün, dazu noch ein paar wirklich scheußliche Damenkostüme und ein rot-schwarzes Klischee-Zigeunertum. Recht beliebige Projektionen zeigen eine Gutmensch-Haltung: Krieg ist böse, das ist zwar ebenso richtig wie platt. Das Schlimmste an dieser Szene ist jedoch die absolut unglaubwürdige Personenregie, die nicht mehr am Rande des Chargierens teilweise echtes Schmierentheater auf die Bühne bringt. So etwas schreibe ich zwar nicht gern, doch es muß gesagt werden. Immerhin die Handlung findet auf ungeschickte Weise statt, so gibt es denn auch keine Buhs dafür.

Die musikalische Seite rettet den Abend, denn Lancelot Fuhry beherrscht mit den Dortmunder Philharmonikern die bei Verdi so wichtige Binnenspannung, da kommt kein Hummtata-Gefühl aus, sondern wird leidenschaftliche Handlung musiziert. Die durch die Bank weg gefeierten Sänger, verdienen jedoch auch eine manchmal kontroverse Betrachtungsweise: Eine kleine Sensation ist der Manrico von Stefano La Colla, denn wann hört man einen Tenor , der stimmlich mit leuchtendem Timbre so aus dem Vollen singt, man hat das Gefühl, da kann immer noch ein Ton draufgesetzt werden. Die heikle Stretta - kein Problem - jeder Spitzenton trifft, ebenso die Übergänge aus der Mittellage ins hohe Register. Perfekt wäre La Colla, wenn er etwas mehr auf die elegante Linie achten würde, die Phrasierung etwas fragiler angehen würde.

Fast auf Augenhöhe Sangmin Lee als Konkurrent Luna, hier haben wir bei nahezu belkantesker Ausformung gesangliche Perfektion, wenn die Piani in der Klosterszene auch etwas zu leise angesetzt sind. Was dagegen fehlt ist der emotionale Furor, wie eine bessere, szenische Präsenz. Als große Sopranhoffnung wird Susanne Braunsteffer gehandelt, ihre Leonora punktet mit einer wunderbar saftigen Mittellage bei jugendlicher Färbung. Probleme jedoch gibt es bei der Anbindung in die Höhe, der Sopran klingt hier flacher, die Agilita eines lirico spinto ist noch nicht durchgebildet.

Meiner Meinung nach kommt, obwohl die junge Sängerin durchaus beachtliches Volumen mitbringt, diese Partie einfach zu früh. Hermine May ist ein echter Mezzosopran, die sich seit Jahren erfolgreich im dramatischen Fach behauptet. Doch für eine Azucena fehlt einfach die erdige Wucht in der Tiefe, wo eigentlich die Ansätze zum Alt sind, die Höhe klingt deswegen auch sehr hell, manchmal auch etwas flach. Da werden zwar sämtliche Töne gesungen, doch irgendwie fehlt es immer ein bißchen, quasi eine Spar-Azucena. Wen Wei Zhang gehört zu den überzeugenden Vertretern des Bassfaches im Dortmunder Ensemble, sein Ferrando gefällt in allen Belangen. Vera Fischer singt und spielt eine sehr präsente Ines.

Die kleinen Partien sind rollengerecht besetzt. Sehr gut auch der Opernchor des Theaters Dortmund, ob in den wuchtigen Soldatenchören, den feineren Concertato- oder den schwierigen Einsätzen hinter der Bühne, Granville Walker hat wieder einmal ganze Arbeit bei der Einstudierung geleistet. Wie gesagt keine Buhs für die Szene und sehr berechtigter Jubel für die musikalische Seite.

Martin Freitag                    Bilder © Björn Hickmann / Stage Picture

 

 

 

DER TROUBADOUR

Premiere am 3.2.13

vom Publikum gefeiert

Susanne Braunsteffer (Leonora) ©Björn Hickmann / Stage Picture

Susanne Braunsteffer (Leonora)

Verdis Oper Il Trovatore (Der Troubadour) ist immer eine Herausforderung für jedes Opernhaus. Da sind zum einen die szenische Umsetzung der verworrenen Geschichte um Liebe, Hass, Rache und Eifersucht, als auch die sängerische Besetzung der äusserst schwierigen Partien zu meistern. Dem Dortmunder Troubadour, der am vergangenen Samstag im Opernhaus Premiere hatte, ist diese Herausforderung gelungen. Das Premierenpublikum feierte die Sänger, das Orchester und den Chor ebenso wie das Regieteam und den Dirigenten Lancelot Fuhry.

Das Bühnenbild, welches wie die Ruine der Burg Castellor wirkte, vermittelte den Zuschauern die düstere Atmosphäre, die diese Verdi-Oper umgibt. Geschickt webte die Regisseurin Katharina Thoma darin ihre Inszenierung ein und verstärkte sie mit übergroßen Fotoeinblendungen auf einer Leinwand, die hinter den davor agierenden Protagonisten aufgespannt war. So war die Bühne mal ein Schlachtfeld, ein Lager, ein Kloster, ein Ort des heimlichen Eheversprechens und letztendlich ein Kerker und eine Hinrichtungsstätte. Bühnenbild und Kostüme (Julia Müer und Irina Bartels) ergänzten das schlüssige Regiekonzept von Katharina Thoma. Sie versetzten den Zeitrahmen der Oper in die Neuzeit, und machten so auch die einzelnen Rollen der Oper verständlich. Im Programmheft zur Oper Troubadour sieht die Regisseurin zeitlose Bezüge auf die einzelnen Personen des Stückes. Den Grafen Luna sieht sie beispielsweise als einen liebeskranken Stalker und Leonore als eine hoch depressive, ja selbstzerstörerische, Frau, die geradezu die Opferrolle verinnerlicht hat. Die Inszenierung war daher sensibel ausgerichtet, hatte einige beeindruckende Höhepunkte in der Darstellung der jeweiligen Rolle und gab doch der “großen Oper” ihren Raum. Besonders gelungen die Szene “Miserere” und das letzte Bild, die Kerkerszene.

Sangmin Lee (Luna), Hermine May (Azucena), Ensemble ©Björn Hickmann / Stage Picture

Sangmin Lee (Luna), Hermine May (Azucena), Ensemble

Musikalisch war die Aufführung wieder mal auf einem hohem Niveau. Die Dortmunder Philharmoniker unter dem Dirigat von Lancelot Fuhry bewiesen wieder einmal, dass sie zu den führenden Opernorchestern des Landes gehören. Die in jeder Hinsicht mitreißende Verdipartitur war bei ihnen in besten Händen. Auch der Dortmunder Opernchor (Einstudierung Granville Walker) wurde vom Publikum mit Recht gefeiert. Verdis Troubadour ist auch immer eine Oper für Chöre. Neben dem allseits bekannten “Zigeunerchor” hat Verdi sein Werk mit weiteren großen Chorstücken ausgestattet. Die Damen und Herren des Dortmunder Opernchors wurden dieser Aufgabe mehr als gerecht. Und das nicht nur sängerisch. Die Einbindung in diese Inszenierung hat der Chor auch darstellerisch mal wieder überzeugend abgeliefert.

Die höchsten Ansprüche stellt Il Trovatore aber an die Solisten. Verdi hat geradezu ein Füllhorn an Melodien über sie ausgeschüttet. Arien, Duette, Terzette, große Szenen mit Chor, aber auch leise, stille Momente stellen hohe Anforderungen an die Sängerinnen und Sänger. Aber auch hier durfte die Oper Dortmund punkten. Das Premierenpublikum sparte nicht mit großem Applaus und Bravo-Rufen für die Darsteller.

Sangmin Lee (Graf Luna), Stefano La Colla (Manrico), Susanne Braunsteffer (Leonora) ©Björn Hickmann / Stage Picture

Sangmin Lee (Graf Luna), Stefano La Colla (Manrico), Susanne Braunsteffer (Leonora)

Den Manrico sang der italienische Tenor Stefano La Colla mit kraftvoller, höhensicherer Stimme und dem dazugehörendem tenoralen Schmelz. Seine Stretta “di quella pira” schloss er mit einem strahlkräftigem hohen Spitzenton (“c”) ab und erhielt dafür verdientermassen großen Applaus. Einen weiteren großen Moment hatte der junge Tenor in der Kerkerszene, hier besonders im Terzett mit Leonora und Acuzena. Ein tolles Debüt, was das Dortmunder Premierenpublikum frenetisch bejubelte.

Sangmin Lee, der den Grafen Luna sang, hat mit dieser Rolleninterpretation einen persönlichen Triumph feiern können. Sehr textverständlich und sängerisch erstklassig füllte er die Rolle aus. Seine große Arie “il balen del suo sorriso” war einer der großen Höhepunkte des Premierenabends. Man muss sehr lang zurückdenken, dies jemals so gut in Dortmund gehört zu haben. Die Leonora wurde von Susanne Braunsteffer gesungen. Eine junge Sängerin mit einem kraftvollem Sopran, wie diese Rolle es verlangt. Ihr gelangen aber auch wundervolle Pianissimi, wie etwa in ihrer Arie “D’amor sull’ali rosee” im vierten Akt. Besonders herausragend ihre sängerische Gestaltung in der Szene “Miserere“. Das Publikum war von ihr hingerissen.

Susanne Braunsteffer (Leonora), Hermine May (Azucena), Sangmin Lee (Graf Luna) ©Björn Hickmann / Stage Picture

Susanne Braunsteffer (Leonora), Hermine May (Azucena), Sangmin Lee (Graf Luna)

Besonders vom Publikum gefeiert und bejubelt wurde Hermine May, die die Azucena sang. Die Mezzosopranistin hinterliess wohl für viele den bleibendsten Eindruck des Abends. Ihren warmen, auch in tiefen Lagen, für diese Rolle prädestinierten Mezzosopran wusste sie im Laufe der Aufführung immer noch weiter gesanglich zu steigern bis hin zu ihrem eindrucksvollen “Mutter, du bist gerächt” im Finale der Oper. Frau May galt der größte Beifall des Abends für eine gesangliche Leistung von internationalem Niveau. Die kleinen Partien des Abends waren dem Anspruch der Aufführung ebenfalls bestens besetzt. Neben Vera Fischer, die die Rolle der Ines bestens darstellte, imponierte besonders Wen Wei Zhang als Hauptmann Ferrando.

Und mal wieder ist Verdi in Dortmund in besten Händen. Im fast ausverkauften Haus erlebten die Premierenzuschauer beste italienische Oper. Für Verdi-Fans ein lohnender Besuch. Eine gelungene Premiere mit beachtlichem musikalischen Potenzial!

Unser besonderer Dank geht an Gastkritiker Detlef Obens

Artikel auch erschienen auf www.xtranews.de

Bilder © Björn Hickmann / Stage Picture

 



DIE CSARDASFÜRSTIN

Premiere am 12. Januar 2013

Seit dem „Zigeunerbaron“ entstehen in manchen Wiener Operetten amouröse Verwicklungen  durch Standesunterschiede der Betroffenen  – Adeliger darf  bürgerliches Mädchen nicht heiraten, letztere erweist sich irgendwann oder wird irgendwie  hochadelig und alles wird gut. Durch solche Anpassung des  Standes werden  Konflikte dann auf heitere Art gelöst, die gesellschaftliche Ordnung ist wiederhergestellt. Das paßte einigermassen in die  Zeit von Johann Strauss, wird brüchig für Operetten, die im 20. Jahrhundert geschrieben wurden, in denen diese restaurative Grundhaltung über das drohende Ende der alten Ordnung melodienselig hinweghelfen sollte. Dies verdeutlicht die gelungene Inszenierung der  1915 uraufgeführten „Csárdásfürstin“ von Emmerich Kálmán durch Ricarda Regina Ludigkeit –  Regiekonzept von Staatsintendant Josef Ernst Köpplinger vom Münchener Gärtnerplatztheater - die  im Dortmunder Opernhaus unter der musikalischen Leitung von Philipp Armbruster als Übernahme vom Staatstheater Nürnberg  am Samstag Premiere hatte.

Das Einheitsbühnenbild von Rainer Sinell zeigte vorne einen herrschaftlichen Raum, der durch kurze Umbauten vom Orpheum zum Palais des Fürsten Lippert-Weylersheim und zum Schluß ins Wiener Hotel verändert wurde. Endzeitstimmung zeigen abbröckelnder Putz und  im letzten Akt vor allem  das schief hängende Hotel-Schild. Die aus einer Art Glasbausteinen bestehende Rückseite konnte  geöffnet werden, um etwa im I. Akt Schneefall oder später durch auf- und ab- sich bewegende Wiener Wahrzeichen  wie Stephansdom oder Prater-Riesenrad eben den Hintergrund der Handlung zu zeigen. Durchsichtig geworden sah man durch die Rückseite Aktionen  des  Balletts zur Persiflierung der sentimentalen Gesangsnummern auf der Vorderbühne. In diesem Rahmen wurden mit  guten schauspielerischen Leistungen in bunten üppigen Kostümen der Zeit (Marie-Louise Walek) die Liebesgeschichten der beiden Paare Sylvia und Edwin, sowie Graf Boni und Komtesse Stasi, mit all ihren Hoffnungen und Enttäuschungen bis zum vermeintlichen Partnertausch so dargestellt wie ein Operettenpublikum es erwartet.

Früher erfolgreich Teil des Ensembles hat Heike Susanne Daum den Kontakt nach Dortmund nie aufgegeben und kehrte nun in der Titelpartie ans Opernhaus zurück und dies mit persönlicher Ausstrahlung und beeindruckender Leistung. Gleich beim Auftrittslied gelangen sowohl etwas exotisch die langsame Einleitung als auch der folgende feurige schnelle Teil wie ihr überhaupt die Tanzrhythmen in der Stimme lagen. Darstellerisch und sprachlich vermittelte sie Wut und enttäuschte Liebe schön tragisch. Die für die Sopranistin schwierigen tiefen Lagen der Partie – etwa im langsamen Walzer „Weißt Du es noch“ – bis hin zum tiefen C bereitete kaum Schwierigkeiten. Diese Schwierigkeiten mit tiefen Tönen konnte man eher beim Darsteller des Edwin bemerken – hier von einem  Bariton - Peter Bording - gesungen. Höher klang dann seine Stimme nobel und gut fokussiert. Leise Töne waren allerdings seine Sache auch nicht. Beim berühmten „Schwalbenduett“ setzte Tamara Weimerich wunderschön p ein, Edwin weniger, und auch das ppp „Sie zieht nach dem Süden hin“ klang nur bei ihr wirklich „morendo“. Ansonsten sang und spielte sie selbstbewußt und keck das junge (und wie sie selbst betonen darf) schlanke Mädchen.

Bei Philippe Clark Hall in der Buffo-Partie des Grafen Boni muß man wohl zunächst sein akzentfreies Deutsch bewundern, er spielte erfrischend, für die Partie war seine Stimme aber etwas klein. Im Gegensatz dazu beherrschte Ks. Hannes Brock als Feri Bácsi mit seinem sauber geführten klangvollen Tenor singend und spielerisch die komische zum Schluß etwas sentimentale Rolle perfekt. Grossen Eindruck mit einer kleineren Rolle machte auch Johanna Schoppa als Fürstin Anhilte, wenn sie dauernd dem Rauchverbot aller trotzend nach Zigaretten verlangte und auch so in der Fürstin die frühere Chansonette durchscheinen ließ. Andreas Ksienzyk in der Sprechrolle des in der Vergangenheit verhafteten Fürsten trat entsprechend steif und militärisch auf und zeigte  völliges Unverständnis für das nahende Ende der alten Donau-Monarchie-Ordnung mit dem Vergleich, daß sein stolzer Stammbaum zu Brettern würde.

Da Ricarda Regina Ludigkeit auch für die Choreografie zuständig zeichnete, hatte das Tanzensemble in dauernd wechselnden Kostümen parodistische Aufgaben, als „Mädis vom Chantant“ trotz Kälte  in weisse Federn oder weniger gehüllt,  dann mit Zylindern  auf dem Kopf stehend, als Liebespaare unter dem grossen Tisch hervorkriechend und auch mal passend zur Karnevalszeit mit Pappnasen. Überflüssig war der von ihnen gedrehte Globus beim für das Zeitgefühl besonders typischen Marschterzett vom sich  vielleicht morgen nicht mehr drehenden Globus (Jaj Mamám). Als Einleitung zu diesem Terzett spielte Alf Hoffmann als Zigeunerprimas Miklos eine bestens intonierte aber doch feurige Solo-Violinen-Einleitung, so schön spielt eigentlich kein Zigeuner!

Zuverlässig einstudiert wie immer von Granville Walker sang der Opernchor die Hits angefangen von der kleinen Besetzung mit acht Herren „Alle sind wir Sünder“ bis hin zu den grossen Finali. Seit der „Lustigen Witwe“ bekannt für sein Gespür für Österreich – ungarische Rhythmen brachte Philipp Armbruster mit den Dortmunder Philharmonikern sowohl die langsamen etwas pathetischen Melodien nobel, wie Kálmán mehrfach vorschreibt, als auch Csárdas, Walzer und Märsche mitreissend zu Gehör. Die vielen instumentalen Soli u.a. von Solovioline, Oboe, auch Harfenglissandi und Celesta wurden gut gespielt. Im Programmheft wurde als Zeit angegeben „Am Vorabend des Ersten Weltkrieges“. Dies wurde besonders deutlich zum Schluß: Während vorne die beiden Liebenden jauchzten „Mag die ganze Welt versinken hab ich dich“ ziehen im Hintergrund Soldaten in grauen Uniformen in den Krieg.
Das Publikum im vollbesetzten (!) Opernhaus spendete  reichlich verdienten Beifall, auch stehend, vor allem für die Hauptdarstellerin.

Sigi Brockmann                     Alle Fotos Thomas M. Jauk, Stage Picture

 

Besprechungen von früheren Aufführungen sind (ohne Bilder) weiter unten im Archiv auf der Seite Dortmund zu finden

 

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com