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MANON

Premiere 16. Dezember 2012

Ein schönerer Operntod geht nicht

Musikalische Multitalente konnte man in den letzten Wochen unter den Sängerinnen der Dortmunder Oper bewundern, so vor allem die Sopranistin Eleonore Marguerre. Gerade noch in  „Krönung der Poppea“ mit barockem Stimmglanz  brillante Koloraturen singend und verführerisch Kaiser Neros Bett und  Thron erobernd hätte sie letztere Fähigkeiten  auch in „Manon“ von Jules Massenet unter Beweis stellen können, wenn es sich nicht (nur) um eine konzertante Aufführung gehandelt hätte. Sie versuchte aber, durch wechselnde Kleider, Mimik und Körperhaltung die Handlung  zu verdeutlichen. Musikalisch stellt die französische „lyrische Tragödie“ des 19. Jahrhunderts natürlich  ganz andere Anforderungen  als die  „opera musicale“ des 17. Jahrhunderts . Hiervon ist die Begleitung durch das viel grössere spätromantische  Orchester nur ein Unterschied, den Eleonore Marguerre mit ihren strahlenden nie schrillen Spitzentönen ohne Schwierigkeiten meisterte, auch als sie sich im letzten Akt etwa gegen Bläser durchsetzen mußte.

Die ganze Gefühlsbreite des jungen luxusliebenden Mädchens konnte sie stimmlich zeigen. Das begann im ersten Akt mit der kindlich-naiv klingenden  Arie „Je suis encore tout étourdie“ (Ich bin noch ganz unbesonnen), wo sie  schöne Legatobögen sang. Lebenslust und Verschwendungssucht drückten aus im III.Akt die perlenden Koloraturen mit der folgenden Gavotte „Profitons bien de la jeunesse“ (Nutzen wird die Jugend)  und im IV Glücksspiel-Akt „Aimons les amours et les roses“ (Lieben wir Liebe und Rosen) wo eigentlich Gold gemeint ist. Hier konnte sie ihre Stimmkunst neben Koloratur und Spitzentönen auch in tieferen Regionen beweisen. Verhalten und p  gesungen im II. Akt der Abschied vom kleinen Tisch – wohl nicht nur für Mahlzeiten benutzt - „Adieu petite table“ und ganz leise im V. Akt, wenn sie Des Grieux um Verzeihung bittet eben „ avec tendresse infinie (unendlicher Zartheit)“ wie es  Massenet vorschreibt und zum Schluß  verhauchend„Je sens une pure flamme“ (Ich spüre reine Liebe) – ein schönerer Operntod  geht nicht!

Bei alledem sprach sie in den Rezitativen den gesprochenen Text in verständlichem Französisch. Wegen dieser zwar als Melodram komponierten aber gesprochenen Dialoge trägt, was eigentlich  „tragédie lyrique“  heissen sollte, die Bezeichnung „opéra comique. Diese zusätzliche Schwierigkeit durch den gesprochenen französischen Textes meisterte auch Kyungho Kim als Des Grieux erstaunlich gut. Überhaupt war sein helltimbrierter schlanker bestens fokussierter Tenor sehr passend für diese  etwas sentimental angelegte Partie. Seine Arie im II. Akt „Je ferme les yeux“ (Ich schließ die Augen) mit der Vision des einfachen Lebens an der Seite Manons piano mit wunderschönem klaren Legato gestaltet war ebenso eine  Sensation  wie seine makellosen Spitzentöne bis zum ff-hohen b etwa in der Arie in der Kirche St.-Sulpice zu Beginn des IV.Aktes. Die zahlreichen Duette der beiden waren denn auch ein Fest für die Ohren.
Den Vater Des Grieux gab Wen Wei Zhang mit  kräftigem Baß, sein Französisch war aber fast unverständlich. Im Gegensatz dazu sang und sprach Morgan Moody mit kernigen Bariton die Rolle des reichen Rivalen Brétigny. Gerardo Garciacano sang Manons Cousin Lescaut exakt aber mit zu kleiner Stimme, vielleicht auch, weil er häufig in Richtung Klavierauszug und nicht in Richtung Publikum sang. Seinem Lobgesang auf  die „Rosalinde“ im III. Akt fehlte völlig die notwendige Ironie.
Erwartungsgemäß machte Ks. Hannes Brock aus der kleinen Partie des reichen, geilen, alten aber doch rachsüchtigen Guillot ein  schauspielerisches Kabinettstückchen.

Neben der traurigen Liebesgeschichte zeigt uns die Oper ein heiteres Bild des ancien régime aus der Sicht des späten 19. Jahrhunderts. Dahin gehören die drei Freundinnen Pousette, Javotte und Rosette u.a. auch von Mitwirkenden bei „Poppea“ keck und ironisch gesungen, nämlich Anke Briegel, Julia Amos (Tugend und Drusilla in „Poppea“) und Ileana Mateescu (bei „Poppea „ganz großartig in der Hosenrolle des Ottone) Auch der Chor wie immer zuverlässig und exakt einstudiert von Granville Walker hatte hierbei seine Auftritte, besonders im III. Akt auf  der Cours-la-Reine, dann auch geteilt als Männerchor der Falschspieler im Transylvanischen Hotel und als Soldaten an der Strasse nach Le Havre ,andererseits  der Chor der Damen, die in St.-Sulpice als Betschwestern die Predigt es vorübergehend zum Geistlichen gewandelten Des Grieux  bewundern. Einzelne Chormitglieder übernahmen viele kleine  Solopartien.

Zügig, beschwingt in den Tanzrhythmen (nicht viel wagnérisme!), ohne auf den für diese Oper nötigen Gefühlsausdruck zu verzichten, aber nie zu laut, spielten die Dortmunder Philharmoniker unter Leitung von Lancelot Fuhry. Sonor erklang das Thema des Des Grieux und  exakt die Spielkartenmotive im IV. Akt. Solocello etwa in der Ouvertüre und Solovioline bei Manons  „N'est-ce plus ma main?“ (Ist es nicht mehr meine Hand) und zahlreiche Bläsersoli sind zu loben.  Aus dem off erklangen im III. Akt Ballmusik und im V. Akt Trommeln der Soldaten.

Im riesigen Dortmunder Opernhaus fanden sich am dritten Adventssonntag nur wenige Besucher ein, aber immerhin mehr als Mitwirkende. (Chor, Orchester und Solisten) Es gab  verdiente Bravos und viel Applaus, angesichts der Leistungen hätte es ruhig noch mehr sein können. Fans grosser Opernstimmen haben am 13. Januar 2013 noch einmal Gelegenheit, sich durch diese Aufführung begeistern zu lassen. Bei dieser Besetzung kann man fast auf die szenische Umsetzung verzichten, schön wäre es aber, wenn sie doch noch einmal käme?

Sigi Brockmann                        

 

 

 

L'INCORONAZIONE DI POPPEA

Besuchte Premiere am 1.12.12

Bei Nero daheim

Unter der Intendanz von Jens-Daniel Herzog scheint die Pflege für "Alte Oper" einen festen Platz im Spielplan zu erhalten. Nach den letztjährigen Erfahrungen mit Cavallis "L´Eliogabalo" im Großen Haus, schickt man das Publikum dieses Jahr zu Claudio Monteverdis "L´incoronazione di Poppea" direkt auf die Bühne. Nur etwa zweihundertfünfzig Sitzplätze finden sich auf den sich gegenüberliegenden Tribühnen, die von einer Galerie, auf welcher auch das Orchester platziert ist, umschlossen wird. Mathias Neidhardt hat diesen Raum in schickem, warmgoldenen Glanz ausgestattet, auf der Galerie, wie hauptsächlich auf dem breiten, toten Teppich in der Mitte läßt der Intendant als Regisseur die Puppen tanzen, denn wir befinden uns wohl in der "domus aurea", dem Palast Neros in Rom.

Herzog vertraut in seiner Inszenierung ganz auf die geniale Musik Monteverdis und das ebenbürtige Libretto Busenellos, wenige szenische Requisiten werden benötigt. Neidhardts moderne Kostüme zeigen, die Geschichte um den Aufstieg Poppeas, gespickt mit Blut, Sex und Verbrechen, könnte auch heute stattfinden. Da das Werk für das venezianische Bürgerpublikum als Unterhaltung gedacht war, nebenbei ist die "Poppea" die erste Oper mit einem historischen, statt einem mythologischen Sujet, will Herzog uns auch heute amüsieren und ist durchaus nicht dem Slapstick abgeneigt; da darf Seneca seinem Schüler Nero schon ruhig mal den Hintern versohlen. Die Götter bleiben als Götter kenntlich, die Menschen werden mit durchaus Schwarzem Humor durch ihre Schicksale gezerrt. Vielleicht verlieren die Charaktere ihre Tiefe, wird manches Detail etwas oberflächlich, doch die Unterhaltung ist garantiert.

Lebendigkeit ist auch die Devise des Musizierens: Faust Nardis Bearbeitung mischt die handelsüblichen Instrumente der Alten Musik mit den Neuen Orchesterfarben, da darf schon die Posaune mal erklingen, doch er mischt die Klangfarben immer geschickt nach der Bühnensituation, Langeweile kommt bei seiner Leitung und den engagierten, konzentrierten und freudvoll musizierenden Dortmunder Philharmonikern nicht auf. Zentrum der vokalen wie szenischen Aufführung ist der Nerone von Christoph Strehl, dessen Tenor sich wieder gefangen hat, mag sein Höhenregister auch noch nicht (wieder) charmant klingen, seine Musikalität und szenische Intensität lassen den Nerone als einzigen Charakter vielschichtig aufscheinen. Eleonore Marguerres Poppea gefällt zwar gesanglich, doch bleibt eindeutig flacher angelegt. Katharina Peetz als intrigante Ottavia mit schimmerndem Alt läßt auch kein Mitleid aufkommen.

Am spannendsten, nach dem Kaiser, gerät noch Ileana Mateescus verzweifelter Ottone, ihr schönstimmiger Mezzo singt genau im richtigen Fach. Christian Sist ist natürlich ein traumhafter Seneca mit tiefschwarzem, kultiviertem Bass. Lucian Krasnec spielt die wichtige Amme Arnalta, während Hans-Jürgen Lazar für den indisponierten Tenor gesanglich einspringt. Die anderen, vielen Partien sind von Ensemblemitgliedern hervorragend besetzt, manche gleich in vier Partien. Besonders natürlich die drei Götter des Prologs: Tamara Weimerich als Fortuna und kecker Valletto mit ausgereiftem Mezzo, Julia Amos als Virtu und mit sinnlich behauchtem Sopran als Drusilla, Maike Raschke als frische Damigella und vor allem als Amore, der die Fäden bis zum Schluss in der Hand halt, was beweist: die Liebe ist explosiv und gefährlich !

Wie bereits angedeutet: eine sehr kurzweilige Aufführung, die auch den Zuschauern, die bislang nichts mit Alter Musik am Hut hatten, gefallen wird und Lust auf mehr davon macht. 

Martin Freitag                                  

 

 

FUNNY GIRL

zum 2.)

Durch den Film mit Barbra Streisand ist das Musical „Funny Girl“ berühmt geworden, auf deutschen Bühnen wird es jedoch kaum gespielt. Das mag daran liegen, dass sich nur wenige Sängerinnen mit der Streisand messen können. Zum anderen besitzt die Geschichte der erfolgreichen Musical-Komikerin Fanny Brice, die sich in den Spieler Nick Arnstein verliebt, zu wenig dramatisches Potenzial und wirkt sogar ein bisschen verstaubt.

Die Inszenierung von Stefan Huber wischt solche Bedenken aber sofort hinweg und erzeugt eine Sogwirkung, der man sich nur schwer entziehen kann. Die Dialoge von Isobel Lennart sind von Stefan Huber flott und auf den Punkt inszeniert, die vielen Szenenwechsel funktionieren dank des großartigen Bühnenbildes von Harald B. Thor, der auch den aktuellen „Ring des Nibelungen“ an der Bayerischen Staatsoper ausgestattet hat, wie am Schnürchen. Thor ist ein Theatermacher, der dem Publikum etwas fürs Auge bietet und gleichzeitig mit wenigen Mitteln auskommt, ein echter Könner eben.

Mit hängenden Wandsegmenten , Bühnenbildteilen auf Schiebewagen und einigen großformatigen Prospekten sorgt Thor für Abwechslung. In den Szenen in den Ziegfeld–Follies darf auch die große Showtreppe nicht fehlen. Huber und Thor setzen hier sogar bewusst auf Nostalgie und bieten in diesen Szenen die große Ausstattungs-Revue. Gleichzeitig versuchen sie keine Kopie der Verfilmung.

Erst recht keine Kopie von Barbra Streisand ist Katharine Mehrling in der Rolle der Fanny Brice. Mehrling wirkt kantiger und selbstbewusster als die Streisand. Manchmal kommt die Verletzlichkeit der Fanny dadurch etwas zu kurz, aber Mehrling gelingt so eine eigene Interpretation der Figur, die überzeugt. Eine starke Frau zeichnet Mehrling auch sängerisch. Ihre Stimme ist nicht immer lupenrein schön, strahlt aber Stärke und Energie aus, erinnert manchmal an den US-Musicalstar Bernadette Peters. Auch bringt sie den Wandel der Fanny Brice vom Fratz im Matrosenkleidchen mit Pumuckl-Frisur zum eleganten Star, der trotzdem nicht auf den Mund gefallen ist, bestens auf die Bühne. Schwachpunkt dieser Aufführung ist jedoch Bernhard Bettermann als der von Fanny angehimmelte Nick Arnstein. Bettermann kann die Aura und das Charisma dieser Figur nicht vermitteln. Für einen Spieler und Spekulanten, dem eigentlich etwas von einem Weltmann und Playboy anhaften müsste, zeigt Bettermann diese Figur viel zu glatt und konturlos.

Sehr gut ist aber das sonstige Ensemble besetzt. Resolut und gewitzt gibt Johanna Schoppa Fannys Mutter Rose. Marc Seitz gefällt als Fannys quirliger Jugendfreund Eddie Ryan. Mit leichter Stimme und lockeren Tanzeinlagen versprüht Marc Seitz den richtigen Charme für diese Partie. Auch die restliche Crew, die sich durch eine Vielzahl von Nebenfiguren spielt, zeigt die notwendige Musical-Vielseitigkeit. Da wird unbeschwert gespielt, gesungen und vor allem getanzt, dass es eine Freude ist.

Ein Musical im Big-Band-Sound gehört eigentlich nicht zum Alltag der Dortmunder Philharmoniker. Unter der Leitung von Philipp Armbruster spielt das Orchester aber mit viel Schwung auf, als wäre es am Broadway zu Hause.  Rätselhaft bei dieser Produktion bleibt, warum einige Songs auf Deutsch gesungen werden und andere auf Englisch. Manchmal wechselt die Sprache sogar mitten im Stück. 

Mit kleinen Abstrichen ist diese Dortmunder Aufführung von „Funny Girl“, die als Koproduktion mit den Theatern in Chemnitz und Nürnberg entstanden ist, perfekte und unbeschwerte Musical-Unterhaltung, in der man für drei Stunden den Alltag vergessen und sich in eine vergangene Theater- und Musikepoche zurückversetzen lassen kann.  

Rudolf Hermes                                      

 

 

FUNNY GIRL

Premiere am 21.10.12

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich höre zwar gerne Barbra Streisand, bin aber kein Fan des Films Funny Girl (1968) für dessen Hauptrolle die Streisand sogar (!) einen Oscar bekam; zu kitschig, zuviel Text und allzu amerikanisch. Darüber hinaus sind viele Auftritte der "Fanny Brice" im Film zusammengestrichen oder fehlen gänzlich. Leider gibt es vom Original Broadway-Musical von 1964, soviel ich weiß, keine Verfilmung. Immerhin existiert noch eine Tonfassung, die man gebraucht noch kaufen kann.

Ich bin aber ein erklärter Fan dieser wirklich sehr gelungenen Funny-Girl Musical-Produktion, die gerade in Dortmund Premiere feierte, geworden und werde sie nicht das einzige Mal gesehen haben. Es lohnt sich; das ist mehr als eine Stadt-Theater-Produktion! Es lohnt also eine Fahrt nach Dortmund a) wg. Borussia und b) wg. dieseser schönen Aufführung.

In der Regie des international bekannten und gefragten Musical-Fachmanns Stefan Huber, der praktisch alle großen Musicals von "Anatevka" bis "West Side Story" erfolgreich produziert hat, glänzt und bezaubert die fabelhafte Katharine Mehring in der Hauptrolle mit internationalem Format. Die Choreografie von Danny Costello und die wunderbar wandelbare Bühne von Harald B. Thor erzeugen Broadway Feeling. Susanne Hubrichs Kostüme glamourieren besonders in den Tanzszenen die ganz großen Hollywood Vorbilder.

Eine mutiges Unterfangen vom Dortmunder Intendanten gerade dieses ja nicht gerade zu den absoluten Highlights der Musical-Scene zählende Stück auf Deutsch (Koproduktion Nürnberg / Chemnitz) on stage zu bringen. Er hatte Vertrauen in sein Team und wurde mit glorreichem Beifall des Publikums belohnt, das am Premierenabend förmlich aus dem Häuschen geriet. Standing Ovations ohne Ende...

Kleine Kritik: Die unzureichende Tonanlage mit ihren geradezu unterirdischen Lautsprechern macht das Dortmunder Theater nicht gerade zu einer idealen Spielstätte für Mikroport-Inszenierungen. Leider hörte es sich auch so an, als wenn Instrumente der Jazz-Combo ebenfalls über die Hardware, quasi aus dem Hinterzimmer, zugespielt werden.

Insgesamt ein sehr erfolgreicher Abend und es wird sich schnell herumsprechen, daß hier nach längeren Jahren der Wartezeit in NRW endlich mal wieder ein rundum gelungener sehr unterhaltsamer Musica-Abend attestiert werden kann. Früher fuhren wir nach Gelsenkirchen, jetzt auf nach Dortmund!

Peter Bilsing                                                     

 

  

 

BORIS GODUNOV

Premiere am 30. September 2012

Als“ Rußland-Jahr“  in Deutschland wurde im letzten Sommer 2012/2013 ausgerufen – vielleicht liegt es daran, daß  in deutschen Opernhäusern mehr als sonst russische Opern aufgeführt werden, so z.B. „Fürst Igor“ in Hamburg, „Mazeppa“ in Krefeld und nun „Boris Godunow“ von Modest Mussorgsky in Dortmund, womit dort unter der sorgfältigen musikalischen Leitung von GMD Jac van Steen und in der gelungenen Regie von Hausregisseurin  Katharina Thoma die Saison eröffnet wurde, letztere nach „Eliogabalo“ in der letzten Spielzeit offenbar  Dortmunds Spezialistin für fiese Gewaltherrscher?

Aufgrund der wechselvollen Geschichte des Werks gibt es fast für jede Aufführung eine eigene Fassung – in Dortmund wurde gespielt die Instrumentation von Mussorgsky von 1872, auf den Polen Akt mit Marina wurde verzichtet und abgeschlossen wurde mit dem Auftreten des neuen Zaren und dem Lied des Gottesnarren im Wald von Kromy -  dramaturgisch passender als in Wien, wo man letzteres auch noch gestrichen hat.. Das ist aber auch das genaue Gegenstück zur letzten Dortmunder Aufführung vor fast dreissig Jahren, wo die Instrumentation von Rimskij-Korssakow gespielt , auf Deutsch gesungen und der Marina Akt aufgeführt wurde (Marina-Elisabeth Lachmann, Rangoni-Franz-Josef Kapellmann) und  nach meiner Erinnerung mit dem Tod des Boris (Karl Ridderbusch /Peter Meven) geschlossen wurde (Günter Wewel als Pimen)

Die Bühne von Stefan Hageneier stellte einen viereckigen durch  verschmutzte Betonwände begrenzten Raum dar, auf dessen Rückseite als  Grafitto zu sehen war „Schuld und Macht“ auf russisch. Dieser Raum konnte durch Verschieben der Rückwand je nach Bedarf erweitert werden und durch  passende Beleuchtung (Lichtgestaltung Ralph Jürgens und Stefan Schmidt) die verschiedenen Schauplätze darstellen bis hin zum Waldhintergrund für die davor durch Tische und Stühle angedeutete Schänke an der litauischen Grenze im 2. Bild des I. Aktes.

Auch sonst deuteten nur wenige Requisiten  passend die Schauplätze an, Kerze und Glocke für das Tschudow-Kloster, ein grosser Tisch für den Zarenpalast, auf dem Sohn Fjodor Gebäude des russischen Reichs aufbauen konnte, der dann nach vorne gekippt mit einem kleinen Modell der Basilius-Kathedrale zum Platz vor dieser umfunktioniert wurde – zum Schluß sah man dann auf der nun bis ganz hinten vergrösserten Bühne  Feuersbrunst lodern!

Die Kostüme von Irina Bartels reichten vom historischen Zarenmantel mit Krone über festlich-weiß gekleidete Bojaren,  schlecht passenden Anzug für den Geheimschreiber mit Aktentasche, Landadels-Outfit für Fürst Schuiskij, Soldaten in Sowjet-Uniformen bis hin zum Volk in heutigen Lumpen – auch der Matrosenanzug für Sohn Fjodor durfte nicht fehlen! 

In diesem Rahmen erzählte Regisseurin Thoma die Handlung spannend ohne überflüssigen Aktionismus  mit vielen passenden Feinheiten, ließ aber auch Gewaltszenen drastisch ausspielen. Zu Beginn prügelt z.B. die Soldateska durchaus im Rhythmus des Gewalt-Motivs auf die Menge ein. Der Mord am jungen Zarewitsch wurde zu Beginn real und später als Albtraum des Boris angedeutet. Sehr passend war, wie der ehrgeizige und schleimige Bojar Schuiskij (für Hannes Brock stimmlich und spielerisch eine Paraderolle) den einfältigen Mönch Pimen (mit mächtigem Baß Christian Sist) zur Erzählung von einer Wunderheilung durch den ermordeten Zarewitsch anstiftete,   dadurch diesen Albtraum verstärkte und Boris in den Tod trieb..

Auch als „musikalisches Volksdrama“ wird die Oper bezeichnet. Musikalisches Volk heißt auf der Opernbühne  Chor. So muß die Leistung von Chor und Extrachor in der bewährten Einstudierung von Granville Walker als einer der Höhepunkte der Aufführung gelobt werden. Betreffend Knabenchor hat die Oper in Dortmund das Glück, auf die Jungens der Chorakademie zurückgreifen zu können, die in der Einstudierung von Jost Salm ebenfalls großartig waren. Vom Leiden des unterdrückten Volkes über Gesang frommer Pilger hin zur lobhudelnden Masse, schnell umschlagend in natürlich auch alkoholbedingte Grausamkeit gegenüber den verhaßten Bojaren und den als Aussenseiter erscheinenden ,weil Latein singenden, Jesuiten (litaneienhaft  Svilen Lazarov und Sangmin Lee)  bis hin zum gewaltigen Revolutionsgesang „Heil du Kraft du unbändige“ stellte der Chor stimmlich und szenisch  vor allem negative Massenphänomene dar.  Wie der Raub der letzten Kopeke des Narren zeigt, eifern die Kinder dem nach.

 Zum Glück und dank Sponsoren stand mit Dimitry Ivashchenko ein grandioser Sänger für die  Titelpartie zur Verfügung, der mit raumgreifenden flexiblem Bariton alle Emotionen zwischen Stolz, Grausamkeit, Vaterliebe (hier mit warmen Timbre), Skrupel und Todesangst glaubhaft darstellte. In ariosen Teilen seiner beiden grossen Soloszenen verfügte er über schönes Legato und nahm auch ohne Schwierigkeiten die Stimme bis zum piano zurück. 

Einige Sänger konnten neben dem normalen eher rezitativischen Gesang mit folklore-ähnlichen Liedern überzeugen, etwa dem Lied der  sehr jungen  attraktiven Schankwirtin , (Katharina Peetz mit keckem Mezzosopran - auch als Amme passend), mit dem sie ihre Liebessehnsucht nicht nur nach dem Enterich beschreibt oder Waarlams Lied vom Sieg Iwans des Schrecklichen mit 40.000 toten Tartaren,  dessen geschwindes Parlando Wen Wei Zhang Szenenapplaus einbrachte. Wegen Indisposition konnte Ileana Mateescu den jungen Sohn des Boris nur spielen, gesungen hat von der Seite her Hanna Larissa Naujoks von der Staatsoper Hannover, hier insbesondere das Lied vom Papagei, der die Mägde mit seinem Schnabel beißt. Ohne den Polen-Akt blieb für den entlaufenen  Mönch Grigorij bzw. den falschen Zarewitsch Dimitrij nur wenig zu singen, was Sergey Drobyshevskiy mit kräftigem Tenor russisch-ausdrucksvoll bewältigte. Morgan Moody sang den fiesen Geheimschreiber Schtschelkalow fast zu schön, alle weiteren kleinen Partien waren gut besetzt, vor allem die sympathischste Figur der Oper, der Gottesnarr mit Philippe Clark Hall.

Wenn man bei sehr heller Bühne die Übertitel nicht immer genau lesen konnte, war das kein Nachteil, denn durch das Spiel der Dortmunder Philharmoniker unter Jac van Steen kam in der  schroffen Original-Instrumentation die ganze Palette der Emotionen der Beteiligten großartig zum Ausdruck. Beginnend mit den  sauber geblasenen Soli von Fagott und Englisch-Horn dann Klarinette und Horn in den ersten Takten  brauchte es etwas Anlauf vom eher gemächlichen Anfang bis hin zur gewaltigen und mitreissenden Begleitung der Massenszenen.

Beklemmend war der Schluß, wie der Gottesnarr bei seinem letzten verzweiflungsvollen Lied den von Anhängern des neuen Zarewitsch ermordeten Sohn des Boris in seine Arme nahm – zu Beginn und zum Ende der Oper jeweils ein ermordetes Kind – armes Volk eben.

Das Publikum im gutbesuchten Haus spendete dem Dirigenten schon nach der Pause, zum Schluß dann Chor, allen Sängern, natürlich vor allem dem Darsteller des Boris, auch dem Leitungsteam langen Applaus  mit vielen Bravos als Dank für diesen empfehlenswerten Musiktheater-Abend. 

Sigi Brockmann

 

 

 

 

Goldschmidt

BEATRICE CENCI

Premiere 26. Mai 2012

Im Rom des 16. Jahrhunderts erregte Aufsehen und Mitleid die Hinrichtung eines jungen Mädchens namens Beatrice Cenci. Sie liess ihren brutalen Vater, der sie vergewaltigt hatte, durch gedungene Mörder umbringen , das wurde durch Folter bekannt und sie zum Tode durch das Beil verurteilt. Der korrupte Papst Clemens VIII. lehnte eine Begnadigung auch deshalb ab, weil der reiche Vater Cenci ihn oft bestochen hatte, um Verurteilungen wegen Gewalttätigkeit abzuwenden, und ihm durch seinen Tod eine willkommene Geldquelle abhanden kam.

Neben anderen verfaßte der englische Dichter Percy B. Shelley über diesen Stoff ein Drama, das wiederum den in Hamburg geborenen und vor den Nazis nach England geflüchteten Komponisten Berthold Goldschmidt in einer operntauglichen textlichen Reduzierung von Martin Esslin Ende der 40-er Jahre des vorigen Jahrhunderts zur Komposition seiner Oper „Beatrice Cenci“ anregte. Dabei war es Goldschmidt wichtig, möglichst viel von Shelleys Text zu bewahren, wobei er für die „Ariettas“ als lyrische Ruhepunkte der dramatischen Handlung zusätzliche Gedichte Shelleys verwendete. Diese Oper erlebte nach ihrer Uraufführung 1994 nunmehr die zweite Inszenierung im Opernhaus Dortmund unter der musikalischen Leitung von GMD Jac van Steen in der Inszenierung von Johannes Schmid und den Bühnenbildern von Roland Aeschlimann.

Von letzterem wissen wir seit seinen Arbeiten für Wagner-Opern in Münster, insbesondere für den legendären „Ring“ vor etwas mehr als zehn Jahren, daß seine Bühnenbilder eine Aufführung prägen können – so auch jetzt in Dortmund.

Für die beiden Akte im Palast Cencis wurde die ansonsten leere Bühne beherrscht durch 16 von oben herabgelassene quadratische Säulen, die mit zunehmender Bedrohung der Mitwirkenden sich immer weiter senkten. Im zweiten Akt wurde dann der Bühnenboden angehoben, sodaß der Raum für Beatrice, ihren Bruder und ihre Stiefmutter noch bedrohlicher wurde.

Im dritten Akt war das Gefängnis dagegen ganz konventionell aufgebaut, worauf dann der folgende „Platz in Rom“ durch die jetzt aus dem Boden aufragenden Säulen markiert wurde. Durch farblich abwechselnde Beleuchtung der Säulen (Lichtgestaltung Stefan Schmidt) wurden eindringliche Effekte der Handlung folgend erzielt.

Ganz kurzfristig übernahm wegen Erkrankung der zunächst vorgesehenen Regula Gerber der überwiegend als Filmregisseur tätige Johannes Schmid die Regie. Er gönnte uns die Freude, bei geschlossenem Vorhang der Musik des kurzen Vorspiels ohne Ablenkung lauschen zu können und auch bei den Zwischenspielen störte keine unnötige Hampelei auf der Bühne die Konzentration auf die Musik. Ansonsten stellte er die dramatische Handlung glaubhaft dar, wozu auch die der Renaissance nachempfundenen hellgrauen Kostüme (Andrea Schmidt-Futterer) beitrugen. Während der kurzen Tanzszene beim Bankett wurde nicht auf die heute üblichen Kopulationsübungen verzichtet (Dancecaptain Andriana Naldoni)

Obwohl Goldschmidt selbst 1995 eine deutsche Gesangsfassung erstellt hat, wurde im englischen Original gesungen, das die Verse Shelleys genauer dem Duktus der Musik anpaßt. Dies geschieht in ariosem Sprechgesang mit den teils melodiösen „Ariettas“ als Ruhepunkte.

Fast alle Gesangspartien wurden aus dem erfolgreichen Ensemble besetzt , das Intendant Jens-Daniel Herzog für die Dortmunder Oper zusammengestellt hat. So erhalten Sängerinnen und Sänger die Möglichkeit, Partien zwischen Barock und Moderne zu singen, das ist beste deutsche Operntradition und kann nicht genug gelobt werden!

In der Titelpartie konnte Christiane Kohl mit ihrem gesamten dramatischen Stimmpotential punkten : gut getroffene Spitzentöne – etwa das „false“ von, „My father say that it is false“ bei der Nachricht vom Tod ihrer Brüder - bis hin zur ganz lyrischen Arietta mit dem pp-Schluß „O world! Farewell“ Auch im Spiel zeigte sie die Entschlossenheit, sich bis zum erzwungenen Tod durch das Beil gegen Gewalt behaupten zu wollen.

Als einziger Gast im Ensemble übernahm Andreas Macco die Rolle des Grafen Cenci, des vielleicht schlimmsten aller Bühnenschurken. Stolz bekennt er sich zum skrupellosen Ausleben seiner Leidenschaft für „sex and crime“ ohne irgendeine Rücksicht auf andere, am wenigsten auf seine Kinder. Andreas Macco sang das auch gegen das groß aufspielende Orchester an mit raumfüllenden Bariton ohne falsches Vibrato. Als er damit prahlte, vor seinem Tod alles zu verbrennen, sodaß nur sein grausamer Name übrig bliebe, zeigte das dämonische Konsequenz, wobei Macco auch das abschliessende p mit „Sleep will be deep and calm“ gelang..

Die Altpartie der willensschwachen und unter der Folter den Mord verratenden zweiten Frau Maccos sang mit schönem Legato Katharina Peetz. Sonore tiefe Töne fand sie für ihr Lied, wo sie die Unsicherheit beim Warten auf die gedungenen Mörder mit der des Meeres vergleicht – wohl vor allem für englische Besucher gedacht. Die Lichtgestalt der Oper, die Hosenrolle von Beatrices jungem Bruder Bernardo, gestaltete Ileana Mateescu überzeugend beweglich in Stimme und Spiel. Das Duett der drei Damen im I. Akt, wo so etwas wie Hoffnung aufkeimt, war einer der musikalischen Höhepunkte der Oper.

Den korrupten nur auf eigenen Vorteil bedachten Kurienkardinal Camillo sang mit salbungsvollem Baß und spielte mit falscher Anteilnahme Christian Sist. In bester Tannhäuser-Manier imitierte er die Stimme des Papstes bei Ablehnung des Gnadengesuchs, um das er sich gar nicht bemüht hatte - eben die Stimme seines Herrn! Gesanglich blaß dagegen blieb Christoph Strehl als falscher Vertrauter Beatrices, der sie auch hintergeht und sich nach dem angezettelten Mord an Graf Cenci aus dem Staub macht. Ähnlich wie im Rosenkavalier tritt beim Bankett des Grafen ein Sänger hier im goldenen Gewand auf. Für sein der Zeit Cencis nachempfundenes Madrigal war der Dortmunder Startenor Lucian Krasznec eine Luxusbesetzung. Alle weiteren kleineren Partien waren passend besetzt, wobei Hannes Brock im kurzen Auftritt als korrupter Richter wieder einmal zeigen konnte, was man aus einer kleinen Rolle machen kann.Der Chor war wie immer perfekt einstudiert durch Granville Walker und hatte seinen grossen Auftritt im dritten Akt, wo zweigeteilt der eine Teil Beatrice als Vatermörderin schuldig und der andere sie als Opfer unschuldig stimmgewaltig unter Zitierung des „dies irae“ besang.

Wenngleich es Goldschmidt sicher bekannt war, daß Zeitgenossen seine Musik bereits bei Entstehung als altmodisch abqualifizieren würden, beherzigte der den Rat von Hans Sachs „Ihr stellt sie (die Regel) selbst und folgt ihr dann“ Die Musik ist zum größten Teil tonal mit charakteristischen auch rhythmisch akzentuierten Themen in spätromantischer Harmonik und Instrumentation. Polyphone Passagen mit häufigen Fugati sollen wohl auf die Zeit hindeuten, in der die Handlung spielt. Dies alles vom ersten den bösen Grafen Cenci andeutenden Triller an angefangen bis zum weich und rund tönenden abschliessenden Bläserchoral wurde vom Dortmunder Orchester unter GMD Jac van Steen deutlich hörbar und dank zügigen Tempos für die Zuhörer anregend musiziert. Zahlreiche gelungene Soli für einzelne Instrumente zeigten die Qualität des Orchesters zusätzlich.

Beim abschliessenden Requiem des gesamten Chors setzten zwei als Inquisitionsgehilfen vermummte Gestalten Kardinal Camillo wie im Hochamt vor dem Segen den Kardinalshut auf, damit dieser mit gewaltigem Baß als Schlußwort verkünden konnte, daß wir alle verstrickt sind in ein Netz von Sünde und Schuld – kein ganz versöhnlicher Schluß! Das wohl auch aufgrund sommerlichen Pfingstwochenendes nicht übermässig zahlreiche Publikum dankte mit langem Applaus, womit sicher auch der Mut der Dortmunder Oper honoriert werden sollte, eine solche Rarität au den Spielplan zu setzen

Ein Jahr vor der Hinrichtung der historischen Beatrice Cenci ließ sich Boris Godunow zum Zaren krönen, was dann gleich Verbindung schafft zur ersten Premiere der nächsten Spielzeit im Dortmunder Opernhaus. Es waren eben grausame Zeiten in Europa zu Ende des 16. Jahrhunderts!

Wie gut, daß wir es heute besser haben?

Sigi Brockmann

 

 

FANGESÄNGE

Besuchte Premiere am 14.04.12
 
Bunter Abend mit Ball
 
Man konnte nicht ahnen, wie nah Borussia Dortmund der Meisterschale ist, als man den Abend "Fangesänge" auf das Programm des Dortmunder Opernhauses setzte. Nachdem die Borussen im Ruhrderby Schalke besiegt hatten, war die gute Laune schon im Vorfeld der Premiere zu spüren, und das Dortmunder Premierenpublikum ließ es sich nicht nehmen, größtenteils Schwarz-Gelb zu tragen. Jörg Menke-Peitzmeyer bezeichnet sein "Oratorium" als "Fußball-Hymne in zwei Halbzeiten", ohne Pause gespielte neunzig Minuten.
Auf einem schon abgefeierten Stadionpodest (Ausstattung Ilona Schwab) finden sich neben dem Opernchor Dortmunds, der zahlenmäßig noch gewaltigere "Chor der Fußballfreunde", eigens aus der willigen Bevölkerung gecastet, ein und singt und spielt und feiert, da jagen "Olèolè-Gesänge", pathetische Chorgesänge, die aus dem Kirchen- und Pilgerfundus stammen, eigens dafür textiert und zusammengestellt, wie echte Fangesänge. Drei sehr mitreißende, charismatische Schauspieler ( Randolph Herbst, Rainer Kleinespel und Bastian Thurner) unterbrechen sprechenderweise die Musikabfolge mit spannenden Szenen. Doch der Abend spart nicht die kritischen Themen der Fußballwelt aus: der Zwiespalt zwischen Spieler und Fan, das Rowdytum einiger "Ultras", die abgehobenen Starallüren eines Maradona, der im Schlagerjargon pseudosakrale Töne versprüht, oder die Käuflichkeit des Fußball-Business, der mit Charles Gounods Rondo vom Goldenen Kalb ("Faust") präsentiert wird, immer wieder durchbrechen und beleben Solisten die Gesangskollektive. Besonders bewegend, wenn im Gedenken an das Stadionunglück in Liverpool, ganz schlicht eine englische Kirchenhymne erklingt, doch die meisten Anspielungen gehen natürlich auf den "deus loci" die Borussia, die gehörig gefeiert wird.
Philipp Armbruster leitet aus dem grünumschlossenen Orchestergraben mit sichtlichem Spaß, Orchester, Chöre und Band, in schwarzem Schiri-Outfit, während das Publikum sich manchmal traut, ein bißchen mitzusingen, doch auch immer mitzujubeln und mitzuklatschen. Ein schönes, kurzweiliges Geschenk der Intendanz Herzog an Dortmund, das dem Opernhaus auch neue Zuschauer erschliessen könnte, mir hat´s gut gefallen.
 
Martin Freitag

 

 

 

LA BOHEME

Premiere 25. März 2012 

besuchte Aufführung 30. März 2012

Nach dem großartigen „Trittico“ in der vergangenen Spielzeit führte das Opernhaus Dortmund nunmehr Puccinis populärste Oper „La Bohéme“ auf. Die Inszenierung von Katharina Thoma hatte zunächst den Vorteil, daß der Zuschauer das ihm vertraute Werk auch wiedererkennen kann. Zwar spielte die Handlung einige Jahrzehnte später als in Murgers Romanvorlage „Vie de Bohème“, dovch das ermöglichte, aus dem Maler Maler Marcello einen Fotografen zu machen, der die anderen Mansardenbewohner gern in passenden Posen fotografierte.

Erfreulicherweise erlag Katharina Thoma nicht der Versuchung, in heutiger Zeit spielen zu lassen und die Bilder gleich ins Netz zu stellen. Ganz traditionell sollte es dann aber doch nicht werden, denn im II. Bild im Quartier Latin sah man Café Momus und Chor im Bildnegativ eines Schwarz-Weiß-Fotos. Die normal gekleideten Hauptdarsteller hob dies aus der Chormasse heraus, ebenso auch die zackig aufmarschierenden Soldaten in schönen bunten Uniformen. Diese Negativ-Wirkung ist allerdings vom darauf nicht vorbereiteten Zuschauer nur schwierig einzuordnen. Dann sieht der Chor nur noch geisterhaft aus. (Kostüme Irina Bartels). In der Personenführung gelang besonders eindrucksvoll der plötzliche Stimmungswechsel zwischen übertriebener Lustigkeit und dem Ernst beim Erscheinen der todkranken Mimi im letzten Bild. Weshalb Mimis Häubchen (cuffietta) eine Puppe war, bleibt allerdings fraglich. Während die Mansarde naturalistisch dargestellt wurde und der Szenenwechsel zum II. Bild ohne Pause erfolgte, fiel erfreulicherweise an der Barrière d'Enfer kein kitschiger Schnee, sondern der Winter wurde durch weisse Tücher angedeutet , die auf Teile des Bühnenbildes des II. Bildes gesenkt wurden. (Bühne Julia Müer)Besonders glaubhaft wurde die Aufführung durch das jugendliche Aussehen und Spiel der beiden Hauptdarsteller - eben Bohèmiens und keine alternden Gesangsstars! Wie Stars sangen sie aber, und dies galt vor allem für die Mimi von Ani Yorentz. Seit zwei Jahren ist sie Stipendiatin der „Alfred Toepfer Stiftung“ - eine der zahlreichen Stiftungen, die der 1993 im Alter von 100 Jahren gestorbene Hamburger Getreidehändler und grosse Mäzen Alfred Toepfer aus selbstverdientem Vermögen gegründet hat. Ani Yorentz sang mit blühendem Legato bis herauf zu den Spitzentönen, verfügte über genügend Stimmkraft, wenn nötig, und hauchte mit wunderbarem piano ihr kurzes Leben aus. Vielleicht sollte man sich diesen Namen merken!

Ramé Lahaj als Rodolfo hielt sich zu Beginn etwas zurück, zeigte aber dann mit schlankem gut geführten Tenor grosse Belcanto-Qualitäten. Wenn er sich manchmal nicht so gut gegen das Orchester durchsetzen konnte, versuchte er glücklicherweise nicht, dies durch Forcieren auszugleichen – es wäre am Dirigenten, hier die passende Balance zu finden. Als Musetta glänzt im Walzer des II. Bildes mit Koloraturen bis zum h Tamara Weimerich, die dort und im III. Bild komödiantisches Talent zeigte, zum Schluß beim Anruf der Madonna für die todkranke Mimi aber auch mitleidige Töne fand...

Die übrigen Bohèmiens waren mit Gerardo Garciacano als Marcello, der besonders seine mehr oder weniger glückliche Liebe zu Musetta witzig ausspielte,und Wen Wei Zhang als Philosoph Colline mit der schön gesungenen kurzen Baßarie des Abschieds vom Mantel bestens besetzt . Den Musiker Schaunard sang als Gast mit komödiantischen Talent Tobias Scharfenberger. Die beiden komischen Rollen des Vermieters Benoit im I. Bild und des leicht dementen Staatsrats Alcindoro im II. Bild spielte Hannes Brock wie immer bühnenwirksam und sang dazu natürlich einwandfrei.Wie gewohnt sangen Chor und Kinderchor in der Einstudierung von Granville Walker rhythmisch exakt und wohlklingend.

Besucher der Premiere erzählten, das Orchester unter Leitung von Lancelot Fuhry sei zu laut gewesen. Dies konnte man bei der zweiten Vorstellung nur in der ersten Hälfte des ersten Bildes bis zum Auftritt von Mimi feststellen. Zwar schreibt Puccini hier mehrmals ff vor, sobald gesungen wird, soll aber leiser gespielt werden. Im II. Bild und zu Beginn des III. Bildes gab es einige Unstimmigkeiten zwischen Bühne und Orchester, die bei weiteren Vorstellungen sicherlich verschwinden. Musikalisch und szenisch am besten gelang das letzte Bild. Trotzdem waren in meiner Umgebung die berühmten Taschentücher nicht gefragt, weil gerade als Mimi ihr Bühnenleben eindrucksvoll aushauchte, ein Mobiltelefon deutlich und ausdauernd klingelte.

Das nicht übermässig zahlreiche Publikum spendete nach bekannten Stellen zaghaft Szenenapplaus, so natürlich nach Rodolfos Arie vom eiskalten Händchen (Che gelida mannina). Nach der Aufführung war der Applaus nicht gerade enthusiastisch, aber zu einigen Bravos für Rodolfo und vor allem Mimi reichte es doch.

Ähnlich wie bei der „Lustigen Witwe“ sollte diese Aufführung, wenn Angst vor Regieuntaten genommen und die musikalische Qualität bekannt wird, ein Publikumserfolg werden.

Sigi Brockmann

 

 

 

ELIAS

Besuchte Premiere am 03.03.12

Politisches Scheitern

Jens-Daniel Herzog hat in seinem ersten Intendanzjahr durchaus Mut, sperrige Werke in das Repertoire des Dortmunder Opernhauses zu nehmen, so eine der Perlen der deutschen Oratorienliteratur: Felix Mendelssohn-Bartholdys "Elias", ein Werk zu dem man schon sichere, inhaltliche Gedanken haben sollte, wenn man es szenisch auf die Bretter stellen will. Doch die hat Herzog: der Prophet Elias ist bei ihm ein ganz moderner Politiker, der durch sein Charisma große Macht auf die Menschen hat, doch selbst von den Regierenden ( hier dem "König" und den Engeln, einer Gruppe grauer Eminenzen, die ihren Einfluß gleich einem Geheimdienst zur Manipulation der Völker einsetzen) instrumentalisiert wird, die christliche Apotheose der Himmelfahrt gerinnt zum Abloben des Politikers Elias auf einen passiven Posten. Mathis Neidhardt baut eine Art Parlamentsraum von Viebrockschem Zuschnitt, in dessen zentraler Rundversenkung möblierende Requisiten zur Veranschaulichung der Situation auftauchen und wieder verschwinden, Verena Polkowskis Kostüme deuten exakt die Rolle der Protagonisten, dem Präsidentenpaar (König und Königin), die Witwe oder der Politiker Elias im Privatem , wie im öffentlichen Auftritt; das Chorkollektiv bildet einen bunten Querschnitt durch alle Bevölkerungsschichten und Berufe, vom Akademiker über die Krankenschwester bis zum Borussiafan. Herzog benutzt bei seiner Regie die modernen Metaphern unseres heutigen, technisierten Lebens, so findet die Heilung des Knaben gar auf einer Intensivstation statt. Doch so richtig überzeugt mich persönlich das Konzept nicht, denn wenn auch einzelne Szenen, wie die Arie "Ich habe genug" in ihrer resignativen Bewußtwerdung des Mißbrauch der eigenen, öffentlichen Person eine hohe Identifikation zulassen, so wird das Regenwunder mit der Hohlheit eines Cheerleader-Auftritts zelebriert, die bösen Baalspriester als fiese Finanzmanager an ihren Pc´s gebrandmarkt, zwar deutliche Möglichkeiten, doch auch etwas banal in der Bildaussage. Doch auch die Behauptung der "Elias" sei Mendelssohns unkomponierte Oper, sei angefochten, denn eindeutig in den Formen des geistlichen Oratoriums gefangen, tritt die Szene lediglich auf der Stelle, so eigentlich das ganze Himmelfahrtsfinale.

Musikalisch dagegen hat die Aufführung beträchtliche Meriten, denn Motonori Kobayashi zelebriert mit den glänzend aufspielenden Dortmunder Philharmonikern den großen, romantischen Breitwandklang, der dem Klangkörper (Wagner, Dvorak) ohrenscheinlich besonders liegt. So erfreulich auch die Chöre und Extrachöre des Theater Dortmunds unter der Leitung von Granville Walker, eine wirklich große Leistung. Mit Christian Sist hat man allerdings auch einen wundervollen Sänger für die Titelpartie im Ensemble, eher Bass als Bariton geraten trotzdem die Höhen zu beeindruckenden Aussagen eines prophetischen Expressivos; besonders gefällt an Sists Stimme der romantische, man möchte fast sagen, "Märchenton",der von einer erfüllenden Warmherzigkeit durchdrungen ist, mit leichtem Vibrato von persönlichem Charme erinnert der Ton an das Timbre des großen Hermann Prey. Julia Amos als Witwe kann auf diesem Niveau nicht mithalten, denn gerade in den etwas angestrengten Höhenlagen liegt sie oft leicht unter der eigentlichen Intonation. Dagegen klingen die Engel wahrlich himmlisch, so Katharina Peetz mit samtigem Alt, das Trio mit Anke Briegel, ebenfalls mit quecksilbrigem Sopran in ihren Soli, sowie Diane Blais betörend singend. Ileana Mateescu als Königin mit schönem Mezzo, schillert szenisch zwischen First Lady und der "Hure Babylon". John Zuckerman mit feinem Tenorklang gibt einen aalglatten Politiker als Obadja. Martin Müller-Görgner (auch als König Ahab), Hyun Seung Oh und Karl Heinz Lehner ergänzen ansprechend die Engelschar. Leider ohne Namensnennung der treffliche Knabensolist von der Chorakademie Dortmund, der auch viele szenische Aufgaben sicher absolvierte.

Nachdem im Vorfeld der Premiere in der Dortmunder Tagespresse einige Polemisierungen gegen den "Beelzebub des moderenen Musiktheaters", Intendant Herzog, stattgefunden hatten, erwartete man enormen Widerspruch gegenüber der durchaus mutigen, szenischen Deutung, doch nach einhelliger Begeisterung für den musikalischen Teil des Abends, gab es kaum Buhs für das Produktionteam, also ein großer Erfolg. Insgesamt ein Abend über den viel diskutiert werden wird, was ja nicht das Schlechteste für anregendes Theater bedeutet.

Martin Freitag

 

 

 

COSI FAN TUTTE

zum 2.)

Besuchte Premiere am 21.01.12

Völlig unambitioniert und entspannt ist die Inszenierung des Intendanten Jens-Daniel Herzog an der Dortmunder Oper. Schon der Beginn der Wette findet in der Öffentlichkeit statt, Mathis Neidhardt baut dafür ein wunderschönen Kino-oder Theatervorraum aus dem Italien der Fünfziger Jahre mit den passenden, wunderschönen Kostümen, Alfonso und die jungen Liebhaber schliessen ihre Wette vor dem ganzen Chorpersonal ab, so wird es sich im Finale wiederfinden und runden, denn die Öffentlichkeit sind ja schließlich auch wir, das Publikum. Gleich einer Bühne auf der Bühne schiebt sich das Zimmer der Schwestern nach vorne, immer wieder werden mit diesen Verschiebungen die Perspektiven verändert und geben den opulent anzusehenden Rahmen ab. Herzog inszeniert mit leichter Hand eine echte Opera Buffa, so wie sie von Mozart und da Ponte mit ihren Tiefen und Untiefen geschaffen ist. Nicht mehr, nicht weniger, doch das ist viel mehr als manche verkrampfte Deutung der letzten Versuche dieser Oper.

Motonori Kobayashi gelingt am Pult der aufmerksamen Dortmunder Philharmoniker eine sehr persönliche Interpretation, die neben den flotten Tempi wie in der Ouvertüre (großes Kompliment an die flinken, exakten Holzbläser), doch auch romantischere Momente in den großen Arien zulässt. Das Ensemble kann sich durch die Bank weg sehen und vor allem auch hören lassen: Eleonore Marguerres Fiordiligi überzeugt in allen Lagen durch ihren schönen, seelenvollen Ton, der sich mit dem Mezzo ihrer Schwester Dorabella auf das Anmutigste mischt, obgleich Ileana Mateescu von Timbre etwas beliebiger, glatter klingt. Lucian Krasnecs feiner Tenor gefällt mit ausgeglichenem Gesang und atemberaubender Stimmkultur, vielleicht in der koloratösen Eifersuchtsarie noch etwas besser , als in der "aura amorosa". Gerardo Garciano, ein kerniger Bariton, setzt den Guglielmo dagegen robuster ab. Grandios die flirrige Despina von Julia Amos, eine geriebene Soubrette, die in den Verstellungen als dottore einen in der Höhe, wie als notaio in der Tiefe drauflegt, dabei schön proletarisch im Spiel. Christian Sists Bass liegt der Don Alfonso recht hoch, doch gefällt die sympathische Interpretation des Philosophen, gesanglich gint es keinen Makel. Der Chor klingt fein und setzt durch die verstärkte spielerische Präsenz sehr gelungene Akzente.
Die neue "Cosi" am Dortmunder Haus (Koproduktion mit Mannheim) ist eine absolut runde Sache und erhält, nach vielen Lachern, die großen Ovationen. die sie verdient hat.

Martin Freitag
 

 

 

COSÌ FAN TUTTE

zum 1.)

Premiere 21.01.2012

„Cosi fan tutte – So machen's alle oder die Schule der Liebenden -  ossia La scuola degli amanti“ lautet der volle Titel der letzten aus der Zusammenarbeit zwischen da Ponte und Mozart entstandenen Oper . Eine Wette, daß Frauen verführbar sind, sogar vom verkleideten Freund der anderen, soll zwei junge Männer lehren, sich nicht allzu sehr auf  Liebesversprechen ihrer beiden Partnerinnen  zu verlassen.

Aus diesem  Spiel von „Sind die Falschen die Richtigen?“ entwickelt Mozart mit  genialen musikalischen Mitteln neben zwei Buffo-Typen (Frauenkenner Alfonso und Stubenmädchen Despina)  die Liebeswirren  von zwei Frauen und zwei Männern in den jeweils charakteristischen Stimmtypen:  dramatischer Sopran - Fiordiligi, lyrischer(Mezzo-)sopran - Dorabella, Tenor – Ferrando  und Bariton  – Guglielmo. Dieses  „Dramma giocoso“ war die  erste Inszenierung einer Mozart-Oper  des damaligen Mannheimer Schauspieldirektors Jens-Daniel Herzog und wurde jetzt nach Dortmund übernommen. Während die letzte Aufführung in Dortmund am und sogar im swimming-pool begann, sieht man nun sängerfreundlicher einen die ganze Bühne ausfüllenden klassizistischen Saal, in den als Wohnraum für die beiden Damen eine Art Container hereingeschoben werden kann. Dieser läßt sich nach hinten durch einen Vorhang öffnen, um dahinter agierende Personen in sehr passender Lichtregie (Ralph Jürgens) sichtbar werden zu lassen. Der Hintergrund des Wohnraums ist ebenso wie die Kleider der Damen mit Blümchen dekoriert (Bühne und Kostüme

In seiner Regie betont Herzog die Buffo – Elemente der Oper ohne in klamaukartige Gags zu verfallen. Köstlich z.B. der Auftritt Militärisches verhöhnender Gestalten bei „Bella Vita militar“ - es wird daraus frei nach Maurizio Kagel ein „Marsch um den Sieg zu verfehlen“.

Verkleidet treten die beiden Herren als Araber auf, was die Damen bei der fingierten Heirat zum Tragen von Schleiern veranlaßt. Sehr passend, wenn Alfonso (Christian Sist als spielfreudiger und  in jeder Hinsicht grosser Baß) in seiner kurzen Arie beim Singen des Mottos „Cosi fan tutte“ die total abgeschlafften Herren  am Kragen hält. Stilgefühl verrät die Tatsache, daß  grosse Arien häufig als Ruhepunkte der Handlung ohne viel Aktion gesungen werden können.

Das kommt der musikalischen Qualität zu Gute. Lob gebührt in den Hauptpartien zuerst Eleonore Marguerre als Fiordiligi. Der dramatische Beginn der  Arie im I.Akt „Wie der Felsen (Come scoglio)“  gelang ihr ebenso wie die nachfolgenden Koloraturen.  Der Stimmumfang von mehr als zwei Oktaven führte wie bei den meisten Sängerinnen der Partie zu Schwierigkeiten bei den tiefen Tönen. Hinzu kommt noch eine der überflüssigen Aktionen der Regie , daß sie dabei mit Lärm Schuhe auf den Boden werfen mußte. Im II. Akt  sang sie im berühmten Rondo „O verzeih, verzeih Geliebter(Per pietà, ben mio)“, das Beethoven als Vorlage zur grossen Leonoren-Arie gedient haben soll, mit wunderschönem piano und machte auch die Triller zum Schluß hörbar.

Der zu Recht schon vielgerühmte Lucian Krasznec als Ferrando sang mit weichem Legato und schwärmerischem Ausdruck sein „Der Odem der Liebe (un aura amorosa)“ voll stimmlicher Verzweiflung die Cavatina „Verraten (Tradito)“ und mit verführerischer Stimmfärbung  das Larghetto gegen Schluß „Wende auf mich (Volgi a me)“ Ileana Mateescu als Dorabella ließ in ihrer Arie im I. Akt „Furchbare Qualen  (Smanie implacabili)“ übertriebenen Abschiedsschmerz   hörbar werden.  Mit ihr zusammen gefiel Gerardo Garciacano als Guglielmo am besten im Duett mit dem Tausch der Herzen Andante grazioso“ Empfange Geliebte (Il core vi dono)“ Schnippisch gestaltete Julia Amos als Despina ihren altklugen Rat über die Treulosigkeit der Männer (in uomini) und zeigte komödiantisches Geschick, als sie erst als Dr. Eisenbart durch Sympathie heilte, dann bei der Arie„Schon ein Mädchen von fünfzehn Jahren (una donna a quindici)“ zur Begeisterung des Publikums den Dirigenten verführte,  und schließlich als Notar wo sie „pel naso“(durch die Nase)  singend juristische Mitteilungen zu machen hat.

Vom Cembalo, mit dem er die Rezitative begleitete, sorgten Montonori Kobayashi  und das  höhersitzende Orchester  bereits in der schwierigen Ouvertüre für musikalische  Präzision Das blieb auch in den schwierigen Ensembles so. Mozarts meisterhafte Instrumentation kam  voll zur Geltung, so etwa im Abschieds-Terzettino der beiden Damen und Alfonsos „Weht leiser ihr Winde  (Soave sia) „ mit den sordino-Geigen und Holzbläsern – schönere Musik kann es nicht geben! Rund und weich spielten die Hörner bei der Begleitung des Rondos der Fiordiligi. Die schwierigen Finali mit den zahlreichen Fermaten gelangen ebenfalls prächtig. Die kurzen Chorpartien waren  verläßlich wie immer  einstudiert von Granville Walker.

Zu Mozarts buffo-Finale zeigten sich alle Mitwirkenden ratlos, wie es nun weitergehen soll.

Nicht ratlos zeigte sich das Publikum, das Mitwirkende und Leitungsteam mit starkem und andauernden Applaus für diesen heiteren und musikalisch gelungenen Abend belohnte.
 
Sigi Brockmann


 

DIE LUSTIGE WITWE

besuchte Vorstellung 5. Januar 2012  - Premiere 31.12.2011

Wie schön der „Rosenkavalier“ erst mit Musik von Lehár geworden wäre, soll Hugo von Hofmannsthal gesagt haben. Ob es stimmt, weiß man nicht, sicher ist aber, daß Franz Lehár eingängige Melodien, mitreissende Rhythmen und farbige nicht überladene Instrumentation mit für seine Zeit moderner Harmonik verbinden konnte und das in keiner seiner Operetten so erfolgreich wie in der „Lustigen Witwe“ Daß dies alles leicht und spritzig klingen muß erhöht die Anforderungen an die Mitwirkenden.

Musikalisch begann man im Opernhaus Dortmund mit dem „Lippen“-Walzer, der dadurch bis zum gesungenen Schluß zu einer Art Leitmotiv wurde. Erst dann folgte die prestissimo-Einleitung, vom Orchester unter der Leitung von Philipp Armbruster eher nur presto, aber dafür genau zusammen gespielt In der Folge lagen dem Dirigenten die slawischen Tanzrhythmen wie Mazurka, Polonaise oder Kolo vielleicht weniger als die langsamen Walzer, wobei bei letzteren jede Abweichung vom Sentimentalen zum Kitsch vermieden wurde. Rassig klang der Galopp (Cancan) im Schlußbild.

Beim schwierigen Damenwahl-Finale des I. Aktes gab es leichte Unstimmig-keiten zwischen Orchester und Bühne, die sich bei weiteren Aufführungen sicher vermeiden lassen. Dafür brillierten dort Damenchor als Ballsirenen und Herrenchor als Tanzanwärter, wobei insgesamt der Chor in der gewohnt perfekten Einstudierung von Granville Walker für Höhepunkte der Aufführung sorgte. Gut gelang allen Solisten das Marsch-Septett im zweiten Akt mit dem chromatisch über eine Oktave absteigend gesungenen „Weiber, Weiber“. Bei den Hauptpartien gefielen die Damen besser als die Herren.Christiane Kohl in der Titelpartie beherrschte alles, den Triller und die Spitzentöne im Auftrittslied, das volksliedhafte Legato des Vilja-Liedes mit dem Sextsprung zum Schluß, wenn auch nicht im vorgeschriebenen aber kaum auszuführenden ppp, aber doch piano gesungen. Temperament versprühten ihre Solostellen im Finale des II.Aktes. Tamara Weimerich sang mit ganz kessem Sopran und spielte sehr lebendig die Valencienne und war von allen am besten textverständlich – auch ohne die in einer deutsche Operette seltenen hier aber angebotenen Übertitel zu benötigen!. Ironische Stimmfärbung erhielt das Lied von der anständigen Frau, brillant klang sie als erste Grisette. .

Gabriel Bermudez nach seiner Indisposition bei der Premiere wieder genesen gab dem Grafen Danilo die notwendige unbekümmerte Eleganz und erotische Stimmfärbung, verstand aber auch die unterdrückte Wut und Enttäuschung beim Lied von den Königskindern auszudrücken. Dabei überschritt er nicht die Grenzen vom Gesang zum blossen Sprechen wie manche berühmte Darsteller dieser Partie. Bei reinen Sprechstellen hatte er die vorgeschriebenen harte Aussprache, aber nicht unbedingt slavischen Akzent.John Zuckerman als Rosillon sang etwas verhalten mit Vibrato bei lauteren Tönen und streifte zum Schluß der Romanze von der Rosenknospe das hohe C. Mit gewohnter Bühnenpräsenz, stimmigem Gesang und Komik gab Hannes Brock den Baron Zeta,, wobei er in seiner Maske kaum zu erkennen war (Kostüme Judith Peter). Alle weiteren Rollen waren passend besetzt, wobei der Cascada von Thomas Günzler positiv auffiel.

Nicht nur ein Fest für die Ohren ist diese Aufführung sondern auch und besonders fürs Auge. Dies ist in erster Linie zu danken den Bühnenbildern der leider bei der Vorbereitung verstorbenen Marina Hellmann. Amoretten deuten im Park mit Hochgebirgshintergrund des II. Akts Liebeswirren als Dauerthema des Stücks an. Das im III. Akt prachtvoll die ganz Bühne ausfüllende Maxim's ist einfach eine Wucht! Der gekippte Eiffelturm im Hintergrund soll vielleicht ausdrücken , daß, wie Danilo singt, nicht nur im Staate Dänemark etwas faul ist, sondern wohl auch im fiktiven Operetten-Paris. Eine wahre Augenweide sind die Kostüme von Judith Peter – welche Freude für den Operettengeniesser, besonders, da sie von Akt zu Akt wechseln.

Regisseur Matthias Davids, erfahren bei Inszenierungen von Musicals, so vor immerhin 15 Jahren in Münster, sorgt vor allem für stimmiges, temporeiches Spiel ohne überflüssige Aktualisierung und gibt dabei den Sängern Gelegenheit, ihre szenischen Stärken zu zeigen. Dabei unterstützt das bewegungsreich agierende Ballett in der Choreographie von Melissa King mit den zum Schluß wunderbar ordinär singenden und tanzenden Grisetten. Ganz nach Musical-Art wird bei der Besetzung dazu noch ein „Dance Captain“ (Friedrich Bührer) erwähnt.

Die Dialoge allerdings hätten gekürzt werden können, lacht doch über die verwendeten dummen Witzchen ohnehin niemand mehr. Dafür wurde das so schöne Duett vom dummen Reiter gestrichen. Die Hauptpersonen verstehen sich doch vorwiegend über Musik und Tanz, aber dies so schön, daß die Aufführung ein Publikumsrenner werden dürfte. Dies zeigte auch der Beifall mit rhytmischem Applaus der für die nächsten Aufführungen immer zahlreicher angekündigten Besucher.

Zum Schluß sei zitiert die Bemerkung eines jungen Mannes zu seiner Freundin „Das ist doch etwas ganz anderes als Rammstein“ !!!

Sigi Brockmann

 

 

 

NORMA

zum 1)

Ein Glanzlicht für alle Belcantofans!

Eine Aufführung der Bellini-Oper NORMA steht und fällt mit der Interpretin der namensgebenden Titelrolle. Die Oper Dortmund trumpfte am gestrigen Premierenabend (3.12.2011) mit einer grandiosen Norma auf. Miriam Clark, die deutsch-amerikanische Sopranistin, erntete zu Recht für ihre Interpre-tation der Norma wahre Bravo-Stürme und Standing Ovations vom Premierenpublikum.

Vincenzo Bellinis Oper Norma wurde 1831 an der Mailänder Scala urauf-geführt. Die Premiere war alles andere als ein Erfolg für den jungen Komponisten. Aber wenige Jahre später wurde das Werk zu Recht an vielen großen europäischen Opernhäusern, sowie auch ab 1854 in New York, gefeiert. Heute gilt NORMA als das Gipfelwerk des Belcanto. Bellini hat den Triumphzug seiner Oper nicht mehr erleben können. Er starb 1835 mit gerade 34 Jahren in der Nähe von Paris. Große Anerkennung und Bewunderung zollten auch Guiseppe Verdi und Richard Wagner dem jungen italienischen Komponisten Bellini für seine Oper Norma. Bellini sagte zu seiner Zeit: „Gebt mir gute Verse, und ich werde euch gute Musik dafür geben!“.Das dies keine leere Ankündigung war, hat er mehr als eindrucksvoll mit seiner Oper Norma bewiesen. Von der ersten bis zur letzten Note erschuf er ein Werk mit einer Fülle an Melodien, die das Publikum und die Zuhörer geradezu zeitlos, begeistert und berührt. Kaum jemand verlässt eine Norma-Aufführung unbeeindruckt.

Norma ist eine gallische Oberpriesterin. Entgegen ihrer religiösen Verpflichtung zur Keuschheit, ist sie die heimliche Geliebte des römischen Prokonsuls Pollione und Mutter seiner beiden Kinder. Die Liebe zu ihm und zu ihren Kindern gilt es für sie zu verheimlichen. Das ausgerechnet sie ein Liebesverhältnis zu einem Feind ihres Volkes unterhält und mit ihm zwei Kinder hat steht in totalem Widerspruch zu ihrer Rolle als Oberpriesterin. Als sie erfährt, dass Pollione mit der gallischen Priesterin Adalgisa eine Liebesbeziehung eingegangen ist und mit ihr nach Rom fliehen will, kehrt sich ihre Liebe zu dem römischen Prokonsul in Hass um. Sie will Rache. Rache die so weit geht, dass sie ihre eigenen Kinder töten und die vermeintliche Rivalin Adalgisa auf den Scheiterhaufen schicken will. Am Ende erkennt sie aber, dass nicht die anderen Menschen, sondern sie es war, die gefehlt hatte. Sie vertraut ihre Kinder ihrem Vater an und verurteilt sich selbst zum Tod. Pollione erkennt in diesem Moment die wahre innere Größe Normas, gesteht ihr erneut seine Liebe und folgt ihr mit ins Feuer.

Eine klassische Dreiecks-Geschichte zwischen zwei Frauen und einem Mann zu Zeiten großer Konventionen. Enrico Lübbe, der Regisseur der gestrigen Opernpremiere reduzierte seine Inszenierung daher auch auf das wesentliche der einzelnen Figuren der Oper. War Norma in früheren Produktionen stets eine große Divenrolle, so gestaltet sie Lübbe zu einem menschlichen Wesen mit großen Emotionen, die das Menschsein ausmachen. Sehr gut gelingt ihm dies, u.a., in der „Offenbarung“ der Priesterin Adalgisa, als sie Norma ihre Liebe zu Pollione gesteht. Unwissend, dass sie sich damit in die Stellung einer Rivalin begibt. Das Bühnenbild (Henrik Ahr), welches aus nur zwei Räumen besteht, die die zwei Lebenswelten der Norma symbolisieren sollen, sowie die auffallenden Kostüme -Norma zwischen Bademantel und Persianer- ( Bianca Deigner), zwangen die Zuschauer förmlich dazu, ihr Augenmerk auf die handelnden Personen zu richten. Das eigentliche Drama wurde, auch weil aufgrund des Regiekonzeptes auf großen Pomp und ausufernde Kostüme verzichtet wurde, eindringlich und nachvollziehbar für das Publikum erkennbar. Ein Teil des Publikums war allerdings mit dieser minimalistischen Form der Inszenierung nicht einverstanden und tat dies am Ende der Aufführung auch lautstark kund.

Musikalisch geriet die Premiere zu einem Triumph. Nach Lucia die Lammermoor (März 2011) nun die zweite große Belcantopremiere die im Dortmunder Opernhaus in diesem Jahr gefeiert wurde. Die musikalische Leitung lag bei Lancelot Fuhry. Sein Dirigat war geprägt von großem Verständnis der Bellinischen Partitur. Die Dortmunder Philharmoniker spielten unter seiner Leitung auf hohem Niveau. Besonderes Lob an die Streicher. Der Chor der Städtischen Bühnen (Choreinstudierung Granville Walker) knüpfte nahtlos an seine sehr guten Leistungen der letzten Jahre an. Auf der Bühne ein Ensemble welches das Publikum begeisterte. Selbst die kleineren Rollen der Oper waren bestens besetzt. Julia Amos (Clotilde) als auch Lucian Krasnec (Flavio) verliehen ihren Figuren Profil. Wen Wei Zhang, der die Partie des Vaters der Norma, Oroveso, gab, trumpfte mit seinem sonoren Bass auf und wurde vom Premierenpublikum mit viel Applaus bedacht. Den Geliebten Normas, den Prokonsul Pollione, stellte der junge Tenor Mikhail Vekua mit viel tenoralem Schmelz und Ausdruckskraft dar. Der Dortmunder Neuzugang konnte auch für sich ein erfolgreiches Rollendebüt verzeichnen. Katharina Preetz in der Rolle der Adalgisa überzeugte mit ihrem Mezzosopran gerade in ihren Duetten mit Norma und Pollione. Einfühlsam ihre Darstellung einer naiv-verliebten jungen Frau, die genauso unter ihrer Liebe leidet wie Norma.

Miriam Clark war Norma! Sensationell im Spiel wie auch in der gesanglichen Interpretation. Sie verlieh der anspruchsvollen Rolle höchstes künstlerisches Format. Frau Clark erklärte wenige Tage vor der Premiere in einem Zeitungsinterview, dass sie als großes musikalisches Vorbild für ihr Rollendebüt der Norma, die legendäre australische Sopranistin Dame Joan Sutherland habe. Die 2010 verstorbene Dame Joan Sutherland, -durch die britische Queen in den Adelsrang einer Dame erhoben-, hatte diese Rolle oftmals in ihrer Karriere gesungen und stets Triumphe gefeiert. Allerdings gehen die Meinungen der Opernfans weit auseinander, ob nun eine Sutherland oder eine Maria Callas DIE Norma der damaligen Zeit war. Beide haben in dieser Rolle fest zementierte Meilensteine gesetzt.

Miriam Clark darf attestiert werden, mit ihrer Leistung einen großen Schritt in Richtung Weltkarriere getan zu haben. Es war zu spüren, dass sich die Künstlerin facettenreich der Rolle der Norma angenommen hat. Das gesamte gesangliche Spektrum dieser anspruchsvollen Belcanto-Partie, mit seinen Fiorituren und Koloraturen, deckte sie mit ihrer Stimme nahezu mühelos ab. Die berühmte Arie „Casta Diva“ gestaltete sie zart und eindringlich. Großartig ihr Duett mit Adalgisa „Mira o Norma“, expressiv und berührend ihr Gesang im Finale der Oper. Eine starke Leistung! Das Premierenpublikum geriet angesichts des Rollenportraits von Miriam Clark förmlich aus dem Häuschen und feierte sie am Ende der Aufführung frenetisch.

Detlef Obens

mit freundlicher Genehmigung www.xtranews.de

 

 

NORMA

zum 2.)

„Das musikalische Drama muß durch den Gesang zum Weinen, Schaudern, ja zum Sterben bringen“ - Dies stammt nicht von Wagner, sondern von Vincenzo Bellini. Die letztgenannte Gesangswirkung würde wohl die Besucherzahlen der Opernhäuser weiter senken. Bezüglich der erstgenannten wurde bei der Premiere von Bellinis lyrischer Tragödie „Norma“ am Samstag im Opernhaus Dortmund zumindest von den beteiligten Damen so schön gesungen(belcanto) , daß sie bei Zuhörern wirklich werden könnte. (far piangere cantando).

Das Interesse galt natürlich zuerst der Sängerin der Titelpartie, der gut dreissigjährigen Miriam Clark, der die schwierige Partie sensationell gelang. Das betraf die berühmte „Casta Diva“ - Arie, wo bereits zum Schluß des vorbereitenden Rezitativs ein wunderschönes Decrescendo zum p erklang, sie darauf   die lang ausgehaltenen Töne zu Beginn ohne falsches Vibrato sang, dann mit perfekt sitzenden Koloraturen schloß und gleichzeitig stimmlich den Unterschied zwischen hoheitlichem Gesang der Oberpriesterin und verhalteneren Tönen bei der Darstellung des durch ihre Liebe zum Feind begründeten schicksalhaften Zwiespalts verdeutlichte. Eindringlich gestaltete sie auch die Szene, wo sie vor dem geplanten Mord an ihren Kindern zurückschreckte, ganz p und legato singend beim Anblick der Schlafenden bis hin zum Aufschrei „O nein, teure Kinder“ Wild klang ihre Stimme voller Wut auf den ungetreuen Liebhaber, auch die Koloratur ganz ohne Orchesterbegleitung, als sie zum Schluß ihren Vater für ihre Kinder bittet, gelang prima!

Katharina Peetz als Adalgisa sang ihre Rolle durchdacht und mit berückendem Legato.. Da sie über ein ausgeprägtes Mezzotimbre verfügt, war ihre Stimme deutlich unterschiedlich zu der von Norma, sodaß die Duette der beiden, besonders das kurz vor Schluß, so schön klangen, daß man sie am liebsten sofort nochmals gehört hätte. Den Pollione sang Mikhail Vekua mit zuerst ziemlich übertriebener Heldentenorstimme, paßte sich dann aber den lyrischen Anforderungen der Partie insbesondere bei den Ensembles immer mehr an. Den Oberpriester Oroveso sang Wen Wei Zhang mit gleichbleibend prächtigem Baß. Als Norma ihm von zum Schluß von seinen beiden Enkeln erzählt, hätte man sich vielleicht eine ergriffenere Stimmfärbung gewünscht.

Die kleine Partie des Flavio sang Lucian Kasznec so schön, daß man ihn sich auch als Pollione hätte vorstellen können. Julia Amos als Clotilde fand besonders für das Wohl der Kinder ihrer Freundin Norma ergreifende Töne. Zuverlässig wie immer der Chor in der Einstudierung von Granville Walker. Der agressive „Schlachtgesang“ „Guerra Guerra“ geriet „bombig“.

Das Orchester unter der Leitung von Lancelot Fuhry zeigte, daß doch mehr von ihm gefordert wird als bloße Gesangsbegleitung, etwa romantischer Hörnerklang in Vorspielen zu einzelnen Szenen,im Aufbau des grossen Höhepunktes zum Schluß oder in der verhalten begonnenen dann aber stürmisch gesteigerten Ouvertüre, die – welch ungewohnte Wohltat – bei geschlossenem Vorhang ohne irgendwelche szenischen Zutaten gespielt wurde.

Überhaupt vermied die erste Operninszenierung des Schauspielregisseurs Enrico Lübbe jeden Hinweis auf unterdrücktes Volk im besetzten Land, somit auch jede überflüssige Aktualisierung. Er sorgte vor allem dafür, daß den Sängern keine musikalisch störenden Aktionen zugemutet wurden, fast geriet es so zur halbszenischen Aufführung, wobei die szenischen Andeutungen wohl überlegt waren. Fast am meisten agieren mußten noch die beiden kleinen Söhne Normas bis zu einem gespielten Kampf zwischen einem Gallier und einem Römer – Felix Görgner und Dejan Hauch machten das ganz famos.

Das Einheitsbühnenbild (Henrik Ahr) bestand links aus einem erleuchteten privaten Bereich vor allem für die Kinder, den ich von meinem Platz am rechten Rand nicht gut einsehen konnte, und einem grösseren Raum, der vor allem mit Stapelstühlen für die Sänger möbliert wurde. In der Mitte befand sich eine Stange, an der sich die Mitwirkenden bei Bedarf festhalten konnten. Die Kostüme (Bianca Deigner) waren wie üblich heutige Alltagskleidung – kein Unterschied zwischen Galliern und Römern – Priester Oroveso trug - vielleicht als Zeichen seiner Würde - eine gelbe Kravatte. Nur Norma wechselte ihr Kostüm zwischen einem Pelzmantel und einer Perücke für die Auftritte als Oberpriesterin und einem grünen Umhang für die Privatsphäre. Für die intimen Geständnisse zum Schluß wurde unter dem Pelzmantel recht unattraktive Unterwäsche sichtbar.

Da keine Irminsul vorkam – als Norddeutsche siedeln wir sie ohnhin eher bei den Externsteinen als in Gallien an -, gab es natürlich zum Schluß auch keinen Scheiterhaufen. Norma und Pollione wurden mit Benzin übergossen und gerade als Oroveso diesen anzünden wollte, erlosch das Licht und der Vorhang fiel – dies zum Schluß ein passender Einfall!

Das Publikum reagierte mit riesigem Beifall für Norma, die Sänger und das Orchester. Wie auch schon fast gewohnt mußte das Leitungsteam heftige Buhrufe über sich ergehen lassen. Insgesamt war das ein musikalisches Fest der schönen Stimmen, das anzuhören sich sehr lohnt.

Sigi Brockmann

 

 

 

L´ELIOGABALO

zum 1.)

Aufführung am 04.11.11            (Premiere am 09.10.11)

Zweite Premiere unter der Ägide von Jens-Daniel Herzog als neuem Intendanten der Dortmunder Oper galt Francesco Cavallis "L` Eliogabalo", einer wundervollen Oper über den römischen Cäsaren Heliogabal, der im Libretto jedem Rock hinterher läuft, in der Historie auch vor anderen Lebewesen nicht halt machte. Zwar sind die Dortmunder Philharmoniker kein auf Alte Musik spezialisiertes Orchester, doch Fausto Nardi animierte die Musiker zu einer lebendigen Wiedergabe der abwechslungsreichen Partitur, kleine Arien, Lieder und Chöre verschmelzen zu einem sehr modern wirkenden Musiktheater, Cembalo und Theorbe geben die Prise historischen Klang dazu.

Katharina Thoma stellte sich mit dieser Inszenierung als neue Opernchefin des Hauses vor, im sehr schlichten Bühnenbild Stefan Hageneiers, das sowohl eine antike Villa gerieren konnte, als durch wenige moderne Möbel den heutigen Bezug des recht aktuellen Librettos herstellte, gelang ihr eine stringente, spannende Erzählweise, die sich ganz an der Musik orientierte, dabei auch dem Zuschauer die nötige Ruhe gab, sich auf die mitreißende Musik einzulassen, endlich einmal kein übermässiger Aktionismus mit überstülpender Bilderflut, eine Wohltat in heutiger Zeit, dabei stets spannend mittels einer lebendigen Personenführung. Irina Bartels sorgte als Kostümbildnerin für exakt charakterisiernde, durchaus elegante, sich nie in den Vordergrund spielende Gewänder.

Von den neuen Ensemblemitgliedern enttäuschte leider ausgerechnet Christoph Strehl mit recht uncharismatischem Tenor in der Titelpartie (Rene Jacobs hatte den Eliogabalo in Innsbruck/Brüssel vor circa vier Jahren mit einem Mezzosopran besetzt), technisch tadellos, gesanglich korrekt wollte da kein Funke überspringen, spielerisch in mondäne Designerfummel gekleidet führte der Imperator stets intrigante Jüngelchen mit sich, erinnerte dabei an eine klassische Berlusconi-Vorform.

Gleich drei charismatische Soprane braucht diese Oper: Eleonora Marguerre gibt mit strahlendem Sopran Flavia Gemmira begehrtes Hauptobjekt des Kaisers, verlobt und in Liebe mit dessen Cousin Alessandro, mit glänzendem. lyrischen Tenor John Zuckerman, ein wunderbares, erstes Seria-Paar. Giuliano, der Chef der Prätorianergarde, gesungen von der vielversprechenden, jungen Mezzosopranistin Ileana Mateescu, liebt Eritrea, etwas spitzer im Sopranfach Tamara Weimerich, mit rotem Pagenkopf in Giftgrün eine Intrigantin par excellence, gab sich mit Aussicht auf den Kaiserthron Eliogabalo hin, hält sich den echten Liebenden für alle Fälle warm. Atilia steht als Person außen vor, Anke Biegel mit leichtem, süßen Sopran, liebt Alessandro und sorgt für Eifersuchtsanfälle bei Flavia.

Drei komische Rollen hält das Stück bereit: Lenia und Zotico dienen dem Herrscher als Kupplerin und Killer, Elsbieta Ardams Alt wirkte an diesem Abend etwas brüchig, doch sehr stimmig für die Charakterpartie, Hannes Brock als mit allen Wassern gewaschener Haustenor, liefert stimmlich, wie spielerisch wieder einmal eine Glanzleistung ab, das Tanzduett beider avanciert eindeutig zu einem Höhepunkt des Abends. Als Nerbulone wäre da noch Christian Sist als absolut grandioser Bassbuffo zu nennen. Insgesamt ein Ensemble, bei dem man jetzt schon auf neue Aufgaben gespannt ist. Dazu muß man unbedingt die großartige Statisterie loben, die ihre verschiedenen Rollen mit Lust und Hingabe ausführte, ohne je von den Hauptakteuren abzulenken. Nochmals der Regisseurin ein Lob dafür.

Eine mehrere hundert Jahre alte Oper präsentiert, als wäre es ein Stück von Heute, ein kurzweiliger, musikalisch stimmiger Abend für ein überraschtes, amüsiertes, am Ende sehr begeistertes Publikum. Leider gibt es nur noch wenige Aufführungen bis Anfang Dezember, daher schnell entscheiden und hingehen, es lohnt sich !

Martin Freitag

 

 

 

 

 

L´ELIOGABALO

Musikalischer Hochgenuß mit unbekannter Rarität

Premiere am 9. Oktober 2011           2. Kritik                          

Manchmal gibt es Parallelen ganz oder fast unbeabsichtigter Art? Christine Mielitz begann ihre Operndirektion in Dortmund im Jahre 2002 mit einer Oper von Cavalli (L'ormindo) dann folgte Wagner (Meistersinger) dann ein Musical (Cabaret). Mit jeweils anderen Stücken macht es nun Jens-Daniel Herzog ähnlich: Auf den viel beachteten und viel gelobten „Holländer“ folgt die wohl den meisten Opernfreunden völlig unbekannte Oper von Cavalli über den grössenwahnsinnigen, sexbesessenen römischen Kaiser Heliogabal, auf die zwei Wochen später das Musical „Ganz oder gar nicht“ folgen soll..

Wie bei Händels „Giulio Cesare in Egitto“ vor einiger Zeit wurde für die Barockoper „L'Eliogabalo“ das riesige Dortmunder Opernhaus dadurch künstlich verkleinert, daß im Parkett nur die Plätze bis zur 16. Reihe verkauft wurden, was Zuschauer, denen das unbekannt war, zu Bemerkungen über schlechten Kartenverkauf veranlaßte.

Vorweg muß man sagen, daß für Freunde der Barockoper die Aufführung ein musikalischer Hochgenuß ist, der maßgeblich den kleinbesetzten Dortmunder Philharmonikern mit AndreasKüppers am Cembalo und Johannes Vogt an der Theorbe unter Leitung von Fausto Nardi zu verdanken ist. Abwechslungsreich wird dies durch die musikalische Einrichtung, in der nicht nur gezupft und über Saiten gestrichen wird, sondern auch Bläser und Trommel eingesetzt werden. Dabei wird die weitgehend durch rezitativischen Gesang geführte Handlung im Vergleich zu anderen Barockopern durch nur wenige Arien und Ensembles und zwei ganz kurze Choreinwürfe unterbrochen. Das schönste Ensemble bildet der vom Kaiser eingerichtete Frauensenat mit ihm mittendrin (Choreinstudierung im Programm nicht vermerkt).

Angetrieben durch Eliogabal als einer Art Don Giovanni ohne dessen mythische Überhöhung entstehen Liebesintrigen und -verwirrungen von zwei Paaren höheren gesellschaftlichen Standes, einer einzelnen Frau, die das schöne Gleichgewicht der vorigen stört, und eines komischen Dienerpaars. Diese komplizierten Verwandtschafts- und Liebesbezie-hungen werden im Programmheft durch ein Strichdiagramm deutlich gemacht.

Schöne Stimmen hatte uns Jens-Daniel Herzog zu Beginn seiner Dortmunder Intendanz versprochen und auch für diese Produktion konnte er das einhalten: Da ist vor allem zu loben der in schönstem Legato geführte Mezzosopran von Ileana Mateescu als Prätorianerchef Giuliano in einem für diese Rolle sehr unpassendem Kostüm (Kostüme Irina Bartels) Dafür versteht sie es, auch stimmlich den Konflikt zwischen Loyalität gegenüber dem Kaiser und dem Hass auf ihn, der seine Schwester verführen will und mit seiner Verlobten ein Verhältnis hat, deutlich zu machen. Diese Verlobte Eritea (Tamara Weimerich) mit hellem zur Rolle passenden schnippischen Sopran) sieht das nicht so eng und will auch ganz gerne Kaiserin werden ( Kopf und Herz gehören Dir, der Rest dem Kaiser, teilt sie ihrem Verlobten mit) Ganz anders sieht das Flavia Gemmira trotz der Nachstellungen durch den Kaiser treu (oder doch nicht so ganz?) zu ihrem Verlobten Alessandro haltend (Eleonore Marguerre mit schönem in blühendem legato geführtem Sopran) Diesen Verlobten Alessandro singt John Zuckerman mit so schönem lyrischen Tenor, daß die einzelne Dame Atilia von Anke Briegel mit ebenso schönem lyrischem Sopran in unglücklicher Liebe zu ihm entbrennt. Die Titelpartie singt Christoph Strehl mit kräftigem höhensicheren Tenor. Vielleicht hätte man sich auch stimmlich etwas mehr verführerischen Glanz gegenüber den Frauen, mehr zynische Kälte gegenüber den betrogenen Männern gewünscht.

Die Regie von Katharina Thoma betont weit mehr die privaten Liebeshändel unter den Personen als die Standesunterschiede, dies aber mit ausgefeilter, die Beziehungskonflikte unterstreichender Personenführung. Dadurch wird allerdings die dauernde Bedrohung aller Beteiligten durch einen grössenwahnsinnigen Gewaltherrscher (mir gehorcht sogar das Wetter meint er) etwas weniger deutlich. Da machen auch einige halbnackte schwarz gekleidete junge Männer niemandem Angst..

Die politische Dimension wird einmal gezeigt, als aufständische Kapuzenträger mit vom Bühnenhimmel fallenden Geld beruhigt werden, zum anderen, als der Kaiser den störenden Verlobten der von ihm begehrten Flavia kurzerhand ermorden lassen will. Richtig Bewegung auf die Bühne bringt das Dienerpaar Elzbieta Ardam als Lenia mit dunkeltimbrierter Altstimme und naürlich Dortmunds Publikumsliebling Hannes Brock mit perfektem Tenor und ganz grosser Bühnenpräsenz als Diener mit dem schönen Namen Zotico. Christian Sist mit kräftigem Baß gibt als etwas alkoholabhängiger Diener, Gladiator und Auftragsmörder mit grossem Speer ebenfalls ein heiteres Gegenstück zu den ernsten Liebesgeschichten.

Die Bühne von Stefan Hageneier besteht aus einer beweglichen grossen Wand (sängerfreundlich) mit dem Namen Eliogabal darauf und dahinter sich öffnenden Räumen. Eine gläserne Drehtür ist zwar passend, um Liebende sich sehen aber nicht berühren zu lassen, als Tribüne im Circus Maximus ist sie kaum glaubhaft. Als lasterhaftes Requisit darf natürlich die Badewanne nicht fehlen, in der der Kaiser mit Begleitung ein Schaumbad nimmt.

Wie nicht anders zu erwarten, sind die Kostüme aus heutiger Zeit mit Tragetaschen, sexy Stöckelschuhen etc.. Lediglich der Kaiser wechselt von einem prächtigen Kostüm ins andere, wenn auch die beim historischen Heliogabal erwähnte diamantenbestickte Kleidung für den Etat des Dortmunder Opernhauses denn doch zu teuer würde.Zum Schluß wird der Kaiser hinter der Bühne umgebracht, taucht aber als eine Art Mafioso wieder auf, um zu sehen, wie Alessandro sein Nachfolger wird. Das Publikum folgte der Handlung aufmerksam (kein Husten)und spendete lang anhaltenden Beifall.

Für Liebhaber von Barockmusik und/oder Opernraritäten ist diese Aufführung ein Muß, für Musikfreunde, die Barockopern langweilig finden, eine Gelegenheit, sich vom Gegenteil überzeugen zu lassen. Ganz gespannt darf man sein, ob einige dieser hervorragenden Sänger(innen) auch in der für Januar 2012 geplanten „Cosi fan tutte“ mitwirken.

Sigi Brockmann

 

 

 

Reederei Daland

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

Premiere 2. Oktober 2011

Gelungener Einstieg des neuen Intendanten Jens-Daniel Herzog

Ich habe ein fast zwanghaftes Bedürfnis, die Motive für das Handeln von Figuren auf der Bühne zu verstehen und diese in der Inszenierung für ein Publikum freizulegen. Nur so kommen wir in einen gesellschaftlichen Dialog über das, was uns Menschen antreibt, hoffen oder verzweifeln lässt, zu Mördern oder großen Liebenden macht. Und ich vertraue zutiefst darauf, dass das Publikum diesen Dialog annimmt. (Jens-Daniel Herzog - Regisseur)

"Der Fliegende Holländer" ist wieder in. Allein drei Premieren in NRW - In Wuppertal hat es vor 2 Wochen gräuselig angefangen. Ursprünglich wollte ich eine Doppelkritik schreiben, aber nach der gestrigen Premiere in Dortmund würde der Vergleich so enden wie das Niveau der Fußballmannschaften: Bundesliga versus 4.Liga (Regional-Liga West). Drei Klassen schlechter war es halt in Wuppertal, doch damit genug der bösen Kritikerworte, denn der Dortmunder "Holländer" schafft durchaus Frohsinn.

Alle Bilder der Produktion: M. Jauk / Stage Picture

Wenngleich man sich an das Ambiente der recht spannend erzählten Geschichte - sie spielt anfangs in einer Reederei genau am schwarzen Freitag, dem 25.Oktober 1929 - erst langsam gewöhnt, immerhin steht das Hauptbüro der Handelsgesellschaft Daland direkt am Gestade. Wir sehen das pure Meer schon beim Vorspiel und später immerhin durch die zerborstenen Scheiben. Schon das auslaufende Vorspiel wird durch Aktion bebildert: Die Angestellten vom seemännischen Handelskontor Daland (Holländer-Chor!) erleben den Börsen-Niedergang ihrer Company - Pleite im Warenhandel-Spekulationsgeschäft weltweit. Immer mehr aufgesteckte kleine Schiffchen müssen von der Weltkarte abgezogen werden. Papier und Anleihen, sowie Aktien rieseln von der Decke wie abgerissene Makulatur. Bedrucktes Papier, welches nur noch Materialwert hat. Banken und Banker waren halt schon vor 80 Jahren üble Verbrecher! Da bleibt den verzweifelten Büroangestellten, bevor sie entlassen werden, wirklich nur noch das an Pina Bausch angelehnte Bewegungsballett mit Aktenordnern - hervorragend zur Musik passend einstudiert. (Choreographische Mitarbeit: Ramses Sigl)

Da kommt der Unbekannte schwarze Langmantel (Holländer) mit seinem wertvollen Bargeld-Koffer ganz gelegen. Die Frage, was einem Geschäftsmann wie Daland, diese inflationären Scheinchen nach der Währungsreform noch nutzen, lässt stutzen und bleibt des Regisseurs Geheimnis. Wäre nicht Gold im Reisegepäck verlockender gewesen? Egal: Die Firma ist gerettet, die Angestellten erhalten aus dem Koffer ihren Lohn und alle sind wieder fröhlich. Nur der Steuermann nicht, denn der ist dem Wahnsinn verfallen, nachdem er zuvor den bedrohlichen Fremden mit einem Messer bedrohte, welches sich dieser dann selbst (zum Holländermonolog) immer wieder in den Leib rammt. Es soll nicht vergessen werden zu erwähnen, daß der Steuermann die ganze Zeit am Ende des Messers hing.

Frohsinn droht allerorten. Papa ante Portas. Die Mädels vom Schönheitssalon Daland spinnen nicht! Auch sie führen ein Bewegungsballett zu Ehren von Pina Bausch auf, bis ihnen Senta die fabelhafte Schauergeschichte vom Fliegenden Holländer erzählt. Dabei würgt sie Mary, ihre Chefin, welche sich als dauernder Störenfried beim Lied-Vortrag entpuppt. Das beeindruckt ihre Vorgesetzte derart, daß sie darauf schweigt. Der Rest ist Wagner pur.... Bis auf die Pistole!

Jeder Akt - bei Wagner heißt das "Aufzug" - wird anders bebildert. Das ist sehr schön im Zeitalter der Einheitsbühnenbilder und spricht für die Kreativität des Regie-Teams: Mathis Neidhardt (Bühne), Licht: Ralph Jürgens und die wunderbaren Kostüme von Sibylle Gädeke. Man schafft ein 20er-Jahre Ambiente von großer, nostalgischer Bildhaftigkeit. Auf die tolle Lichtregie incl. Feuerwerkseffekte werde ich beim "Feuerzauber aus der Juke-Box" noch gesondert eingehen.

Dritter Auszug: Eine herrliche Norwegerkneipe. Überall kleine Nationalfahnen, dazwischen blinken bunte Lichter; ersterbender Frohsinn aufgrund des bereits sichtbar werdenden hohen Alkoholpegels aller Anwesenden. Zum Steuermannslied rührt sich kein Fuß, stattdessen wird Erik von drei Schlägern - die sich über die nicht funktionierende Juke-Box ärgerten - ordentlich zusammengedroschen und mit Füßen traktiert. Diese üblen Gewaltszenen passen erschreckend gut zu Wagners Musik - Reminiszenz an Kubricks Meisterwerk Clockwork Orange; doch da gab es keinen Wagner, sondern "Singing in the Rain", wenn ich mich richtig erinnere.

Vier unheimliche Langmäntel (Geisterchor) mit Aktenkoffern, welche direkt dem Film "Spiel mir das Lied vom Tod" entsprungen sein könnten, betreten die Kneipe und setzen sich wortlos und steif an einen Seitentisch. Die angeheiterten Norweger suchen Streit. Doch die vier Schwarzmäntel lassen sich nicht provozieren. Nichts ist schlimmer als besoffene Weibsbilder! Diese nähern sich nun auch in provokativer Haltung, aber ohne abgeschlagene Flaschenhälse und öffnen ungefragt die Aktenkoffer in denen sie wertvolle Dinge vermuten. Um nicht alle Spannung zu nehmen, verrate ich hier aber nicht, was sich in den Koffern tatsächlich befindet... Großer Horror - Schock unter den Norwegern. Die finsteren Figuren (Holländer) verlassen unbehelligt das Lokal - zynisch grinsend wirft der letzte einen Dime in die defekte Musikbox. Dann bricht die Hölle los. Als wär's ein Film von Stephen King. Die Juke-Box wird zum dämonischen Horror-Utensil: brennend, leuchtend, rauchend und feuerspeiend begleitet es den Geister-Chor, der diesmal zurecht und sehr glaubwürdig aus den Lautsprechern dröhnt. In der klaustrophobischen Enge der Kneipe bricht Panik aus...

Daß es bei Jens-Daniel Herzog natürlich kein Verklärungs-Finale geben würde, war abzusehen; aber dieser phänomenale Schluß war schon eine Glanzleistung. Der Regisseur wartet mit einem brachialen Theater-Coup auf - den ich bei aller Kritiker-Ehre hier nicht verraten werde. Nur soviel: "Warte, warte noch ein Weilchen...." und in der Fantasie landen wir durchaus dann bei John Carpenters Horror-Film "The Fog". Einfach Klasse und von großer Dramatik ist dieses Finale, welches für manche allzu sehr Wagners Geschichte verbiegende Unbill entschädigt. So muß, so sollte zeitgemäßes Musiktheater aussehen. Wer allerdings reales Seeschlachtambiente mit großen Schiffen, Sturm und tosendem Meere erwartet, wird enttäuscht. Dennoch gibt es eine richtige schöne Gorch-Fock!

Im Vergleich zum musikalischen und auch gesanglichen Desaster in der Nachbarstadt Wuppertal, gab es in Dortmund fünf richtige Wagner-Stimmen und eine Orchesterleistung von hoher Qualität. Jac van Steen und seine wohleinstudierten Dortmunder Philharmoniker ließen die Wogen rollen. Wunderbare Streicher und goldenes Blech! Mit 2 Stunden und 20 Minuten (ohne Pause) nähert sich van Steen allerdings schon Konwitschny-Längen; ein bisserl mehr Feuer hätte ich mir an manchen Stellen gewünscht.

Andreas Macco war ein brillanter Holländer, der sich auch darstellerisch perfekt in das Regiekonzept einbrachte. Senta (Christiane Kohl) gelang es vorzüglich, nicht nur in den Legato-Passagen zu glänzen; sehr souverän und intelligent gestaltete sie die dramatischen Ausbrüche. Der Eric von Mikhail Vekua war die Überraschung des Abends - eine Entdeckung! Ein Sänger mit einem Stimmvolumen, welches die große MET füllen könnte. Endlich ein Steuermann (Lucian Krasznec), der einen wunderbaren vielversprechenden Tenor mitbringt und dem auch fast ! alle hohen Noten gelingen. Ein kraftvoller Daland (Wen Wei Zhang) und eine hervorragende Mary runden die wirklich erstklassige Sängerriege im Positiven ab. Bravi!

Großes Lob für den superben Chor und Extra-Chor (Granville Walker), der wesentlich zu diesem großen Erfolg beigetragen hat und zurecht vom Publikum mit "Standing Ovations" und vielen Bravi gefeiert wurde.

Ein sehr gelungener Einstieg für das gewagte Konzept vom neuen Intendanten - keine Buhs! Mindestens 5 : 0 für Dortmund gegen Wuppertal. Musiktheaterfreunde bitte Hinfahren! Wer bereit ist neue Erzählweisen zu akzeptieren, findet bereichernden Diskussionsstoff. Was wollen wir mehr?

Peter Bilsing

 

 

 


 

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com