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Oedipus Rex

Aufführung am 10. März 2012

Ensemble des Mariinsky Theater St. Petersburg

Ob ein Oratorium szenisch aufgeführt werden kann, wurde in Dortmund diskutiert anläßlich der Aufführung des „Elias“ von Mendelssohn-Bartholdy. Mit „Oedipus Rex“ nach Sophokles machen es uns Igor Strawinsky als Komponist und Jean Cocteau als Textdichter einfacher, indem sie das Werk „Opern-Oratorium“ nennen. Im Konzerthaus Dortmund wurde es nur konzertant aufgeführt durch Solisten, Männerchor und Orchester des Mariinsky-Theaters aus St. Petersburg unter Leitung von Valery Gergiev.

 

Vorher begleitete das Orchester die erst 24-jährige Yuja Wang bei Prokofiews zweitem Klavierkonzert in g-moll op. 76. Die Pianistin ist „Junge Wilde“ des Konzerthauses und gab dort bereits mit grossem Erfolg einen Klavierabend, in dem sie u.a. auch eine von Prokofiews Klaviersonaten spielte. Trotz ihrer zarten Erscheinung verfügt sie über „Finger undHandgelenke aus Stahl“ die der Amerikaner Harold C. Schonberg für Prokofiew forderte, wobei sie manchmal für diesen kräftigen Anschlag fast aufstand. Das wurde besonders in der riesigen Kadenz mitten im I. Satz deutlich. Der zweite Satz schnurrte vorbei, als ob die irrsinnig schweren Läufe Kinderspiel wären. Die für den Hobbypianisten völlig unspielbare Springerei im III. und Schluß des IV. Satzes meisterte sie mit Bravour, wobei sie zu Beginn des I. und im letzten Satz auch russich-volksliedhafte zarte Anschlagskunst zeigen konnte. Trotz der vertrackten Rhythmen und des schnellen Tempos gab es dank der umsichtigen Leitung durch Gergiev keine Unstimmigkeiten zwischen Solistin und Orchester. Nach riesigem Beifall im fast vollbesetzten Haus wählte sie passend für Opernfreunde als Zugabe die unglaublich schnell gespielte Carmen- Fantasie von Horowitz und ganz zart und zurückgenommen Sgambatis Bearbeitung des „Gesangs der seligen Geister“ aus Glucks „Orpheus und Euridyke“

Nicht etwa pensionierten Latein-Lehrern oder sonstigen alten Herren zuliebe wählten Cocteau und Strawinsky Latein in der Übersetzung von J. Daniélou als Sprache für ihren „Oedipus Rex“, sondern, um diesen mythischen Stoff in einer Sprache darzustellen, die nicht Alltagssprache ist. Dabei wird bewußt archaisches Latein etwa mit k statt c verwendet, Statt „Ich tötete den Greis“ , wie wir gelernt haben, „senem caecidi“ heißt es sehr viel rauher klingend „senem kekidi“. Da gegen das grosse Orchester ansingend der Text auch für Lateinkenner kaum zu verstehen ist, erzählte zusätzlich zu Übertiteln Dominique Horwitz als Sprecher die Handlung auf Deutsch, was diesem ausdrucksvoll aber ohne übertriebenes Pathos gelang.Tragende Säule des Dramas war der 30-köpfige Männerchor des Mariinky-Theaters (Choreinstudierung im Programm nicht genannt), der oberhalb hinter dem Orchester platziert vom klagenden Beginn (erst f dann p) über die hymnische Begrüssung von Iocaste in dem von Pest befallenen Theben bis hin zum mitleidvollem Abschied vom blinden Ödipus ein- bis vierstimmig alle Facetten des Chorklangs beherrschte.

 

Sergei Semishkur in der Titelrolle verfügte über einen hellen Stolz und Verzweiflung darstellenden ausdrucksvollen Tenor. Die immer auf eng beieinanderliegenden Tönen geschriebenen Koloraturen kamen auch wegen des zügigen Tempos weniger zum Ausdruck. Ekaterina Semenchuk zeigte in ihrer italienischer Oper nachempfundenen Arie hochdramatisches grosses Mezzoformat. Beim Stimmumfang der Partie von zwei Oktaven traf sie die Spitzentöne und im ebenfalls italienisch anmutenden Duett mit Ödipus klangen beide Stimmen gut zusammen. Die Arie des Schwagers Kreon war wohl im letzten Augenblick Alexei Markov anvertraut worden, der zusätzlich den Boten unheilbringender Nachricht sang. Seinem Bass fehlte die kräftige Tiefe, aber das über sechs Takte gehaltene C gegen Ende seiner Arie war deutlich zu hören. Am besten textverständlich auf Latein sang Mikhail Petrenko die kurze Partie des Sehers Tiresias, wobei er auch über den tiefen Bass verfügte (Er war zunächst auch als Kreon vorgesehen) Den ebenfalls unglückliche Nachricht überbringenden Hirten (omniskius pastor) sang der Tenor Alexander Timchenko.

Das sehr grosse Orchester einschließlich Klavier spielte unter Gergievs überlegener Leitung - wie immer ohne Taktstock - wuchtig bei Begleitung der Chöre und der kurzen Zwischenspiele, wobei besonders die Bläser glänzten. Viele Instrumente hatten ensprechend der Handlung charakteristische Solostellen, die alle vor allem rhythmisch sehr exakt erklangen.

Die konzertante Uraufführung 1927 in Paris war kein so grosser Erfolg, der Durchbruch des Stückes kam erst 1928 bei der szenischen Aufführung unter Klemperer in Berlin. Das anhaltend applaudierende Publikum in Dortmund wäre bei einer halbszenischen Aufführung durch das Mariinsky-Theater sicher noch begeisterter gewesen!

Sigi Brockmann

Alle Photos von Pascal Amos Rest

 

Mozart-Matinée am 22.01.2012

Am Morgen danach, also nach der Premiere von „Cosi fan tutte“, konnten Mozart – Freunde durch ein eher zufälliges Zusammentreffen von musikalischen Veranstaltungen gleich nach Alfonso den nächsten Philosophen  erleben, hier in Gestalt der frühen Sinfonie von Haydn Nr. 22 mit diesem Beinamen.  Die Mozart Gesellschaft Dortmund eV veranstaltete im Konzerthaus Dortmund eine ihrer immer ausverkauften Matinéen. Dort spielen jeweils von der Gesellschaft geförderte Nachwuchskünstler mit etablierten Orchestern zusammen – in diesem Fall die 21-jährige Pianistin Annika Treutler mit den Bochumer Symphonikern unter Steven Sloane -  dieser fast einhändig  dirigierend nach seiner durch den Taktstock verursachten Handverletzung, was aber der Genauigkeit seiner Einsätze auch und gerade  im Zusammenspiel mit der ausgezeichneten Pianistin nicht schadete. So konnte man  innerhalb innerhalb 24  Stunden das Mozart – Spiel zweier Orchester vergleichen, die gerade einmal gut 20 km voneinander entfernt residieren – Revierderby in Sachen Mozart sozusagen!!

Bei der Begleitung des Es-Dur Klavierkonzertes KV 482 im wunderbaren langsamen Moll- Mittelsatz und dem Mittelteil des Finales konnten die Bochumer zeigen, daß ihre Bläser, insbesondere Holzbläser, genau so schön spielen wie die Dortmunder. Nach der Pause zeigten sie dann in voller Besetzung ihr grosses Können mit einer bis ins Detail stimmigen, den grossen Bogen aber nicht ausser Acht lassenden Aufführung der
heiteren II.Sinfonie von Johannes Brahms.

Sigi Brockmann

 

Herzog Blaubarts Burg

halbszenische Aufführung am 12. November 2011

Seit Eröffnung des Konzerthauses Dortmund wurden dort immer wieder Opern konzertant oder halbszenisch aufgeführt, beginnend mit dem„Ring des Nibelungen“ nach dem früheren Dortmunder GMD „Wallats Ring“ genannt bis hin zum spektakulären „Tristan“ im vergangenen Jahr. Dagegen erscheint zunächst die Aufführung von Béla Bartóks einaktiger Zwei-Personen-Oper „Herzog Blaubarts Burg“ bescheiden. Um daraus ein abendfüllendes Programm zu gestalten, wurden zuerst zwei reine Orchesterstücke vom Philharmonia Orchester aus London(in der angelsächsichen Aufstellung - Celli vorne rechts)unter Esa-Pekka Salonen gespielt - beginnend mit „Prélude à l'après-midi d'un faune“ von Claude Debussy.

 

Alle Bilder Copyright: Pascal Amos Rest

Erwartungsgemäß gelang es Salonen - ohne Taktstock - und seinem Weltklasse-Orchester   vortrefflich, die Klangfarbigkeit in den Harmonien und der raffinierten Instrumentation darzustellen und auch der Soloflötist meisterte sein rhytmisch kompliziertes Solo hervorragend.

Es folgte von Bartók - jetzt mit Taktstock - die Tanzsuite für Orchester. Formal handelt es sich um eine Folge von sechs Tänzen nachempfunden der „Bauernmusik“ verschiedener Herkunft mit einem Ritornell als Verbindung der einzelnen Teile. Gut hörbar wurden die häufigen Taktwechsel. Schwermütig erklang die elegische Weise des Fagotts, bei den wild stampfenden vertrackten Rythmen gab es fast keine Unstimmigkeiten, alle Themen der früheren Sätze fügten sich im letzten Satz durcheinander wirbelnd zum heiteren Kehraus zusammen, bevor nach der Pause mit „Blaubarts Burg“ der Ernst des Abends folgte. Vor der Oper wurde der meist gestrichene Prolog mit dem nötigen Pathos gesprochen von Burgtheatermitglied Sylvie Rohrer (früher am Schauspiel Dortmund)

 

Aus Liebe zu Blaubart hat Judith ihr ganzes früheres Leben aufgegeben und ist ihm auf sein düsteres Schloß gefolgt. Dadurch glaubt sie sich berechtigt, durch Fragen alles über Blaubarts Leben zu erfahren, was dieser immer nur widerwillig mitteilt. Tiefenpsychologisch sind seine Charakterzüge verborgen in sieben Sälen seines Schlosses, die auf Judiths Drängen nun nacheinander geöffnet werden. Für jeden dieser Säle hat Bartok passende raffiniert instrumentierte Musik gefunden, die zusammengehalten wird durch ein zu Anfang und Ende ertönendes viertöniges Motiv der tiefen Streicher , in ganz zartem pp misterioso wunderbar gespielt, und darauf folgend ein pralltrillerähnliches Motiv der Holzbläser. Dies gab dem Orchester und seinen Solospielern reichlich Gelegenheit, ihr Können zu zeigen und das Philharmonia Orchester nutzte diese ganz großartig. Grausam klingendes Xylofon und helle Bläser verdeutlichen die Folterkammer, ein verfremdeter Marsch die Waffenkammer, Celesta Arpeggio und zwei Soliviolinen für die Schatzkammer (Konzertmeister Zsolt-Tihamér Visontay und Anna-Liisa Bezrodny). Höhepunkt war der Raum mit Blick auf Blaubarts weite Lande von Orgel und Posaunen aus der Mitte und von zwei seitlichen Emporen gewaltig zu Gehör gebracht. Wunderschön war der Mischklang aus Flöte, Klarinette und Harfen beim Tränensee!

 

Für Wagner-geübte Stimmen sind die beiden Partien betreffend Ausdauer keine übermässige Herausforderung. Meistens handelt es sich um der ungarischen Sprache angepaßten Sprechgesang in jeweils achtsilbigen Versen, der vor allem bei Judith von ariosen Teilen und grösseren Ausbrüchen beim jeweiligen Drängen auf Öffnen der Türen unterbrochen wird. Schwierig wird es für die Sänger wie häufig bei konzertanten Opernaufführungen dadurch, daß sie gegen das hinter ihnen befindliche Orchester ansingen müssen – und das ist hier von der Grösse eines Richard-Strauss-Orchesters – etwas Rücksicht auf die Sänger wäre passend gewesen. Aber da war Sir John Tomlinson mit seinem mächtigen alles übertönenden aber auch bis an stimmliche Grenzen geforderten Baß die ideale Verkörperung des Blaubart – es gelangen ihm aber auch die verhalteneren Passagen sehr eindrucksvoll, beim Tränensee wird man sein mehrmaliges „Tränen, Judith, Tränen“ nicht vergessen, und auch sein „Nacht bleibt es nun ewig“ als Ende der Oper war sehr bewegend Gleiches läßt sich von Michelle DeYoung als Judith sagen, die mit     lyrischem Legato sang, ihre Spitzentöne treffsicher erreichte und auch zu innigem Piano fähig war, etwa wenn mitten in dem Fortissimo des Blicks auf Blaubarts Lande sie ohne Orchester fast emotionslos sang „Schön und groß sind Deine Lande“ Beide erreichen   mit wenigen passenden Gesten szenische Glaubwürdigkeit und auch der so wichtige Kuß vor dem Öffnen der letzten Tür (dahinter die früheren Frauen) wird eindrucksvoll dargestellt (Inszenierung David Edwards)

Hinter dem Orchester entwickelten sich zu den jeweiligen Räumen passende Projektionen (Visualisierung Nick Hillel)), die den musikalischen Ablauf nicht störten, aber ärgerlich wurde es als beim musikalisch strahlenden Höhepunkt   Scheinwerfer die Zuschauer blendeten (in Dortmund bekannter Theatertrick).Zum Schluß war aber eindrucksvoll wie Blaubarts drei frühere Frauen schemenartig dargestellt wurden und Judith bei ihnen sichtbar wurde.

Nach einem zum traurigen Schluss passenden kurzen Schweigen spendete das Publikum im nicht ausverkauften Konzerthaus begeisterten Applaus mit verdienten Bravos für die beiden Sänger und den Dirigenten. 

Sigi Brockmann

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com