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FANGESÄNGE
Besuchte Premiere am 14.04.12
Bunter Abend mit Ball
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Man konnte nicht ahnen, wie nah Borussia Dortmund der Meisterschale ist, als man den Abend "Fangesänge" auf das Programm des Dortmunder Opernhauses setzte. Nachdem die Borussen im Ruhrderby Schalke besiegt hatten, war die gute Laune schon im Vorfeld der Premiere zu spüren, und das Dortmunder Premierenpublikum ließ es sich nicht nehmen, größtenteils Schwarz-Gelb zu tragen. Jörg Menke-Peitzmeyer bezeichnet sein "Oratorium" als "Fußball-Hymne in zwei Halbzeiten", ohne Pause gespielte neunzig Minuten.
Auf einem schon abgefeierten Stadionpodest (Ausstattung Ilona Schwab) finden sich neben dem Opernchor Dortmunds, der zahlenmäßig noch gewaltigere "Chor der Fußballfreunde", eigens aus der willigen Bevölkerung gecastet, ein und singt und spielt und feiert, da jagen "Olèolè-Gesänge", pathetische Chorgesänge, die aus dem Kirchen- und Pilgerfundus stammen, eigens dafür textiert und zusammengestellt, wie echte Fangesänge. Drei sehr mitreißende, charismatische Schauspieler ( Randolph Herbst, Rainer Kleinespel und Bastian Thurner) unterbrechen sprechenderweise die Musikabfolge mit spannenden Szenen. Doch der Abend spart nicht die kritischen Themen der Fußballwelt aus: der Zwiespalt zwischen Spieler und Fan, das Rowdytum einiger "Ultras", die abgehobenen Starallüren eines Maradona, der im Schlagerjargon pseudosakrale Töne versprüht, oder die Käuflichkeit des Fußball-Business, der mit Charles Gounods Rondo vom Goldenen Kalb ("Faust") präsentiert wird, immer wieder durchbrechen und beleben Solisten die Gesangskollektive. Besonders bewegend, wenn im Gedenken an das Stadionunglück in Liverpool, ganz schlicht eine englische Kirchenhymne erklingt, doch die meisten Anspielungen gehen natürlich auf den "deus loci" die Borussia, die gehörig gefeiert wird.
Philipp Armbruster leitet aus dem grünumschlossenen Orchestergraben mit sichtlichem Spaß, Orchester, Chöre und Band, in schwarzem Schiri-Outfit, während das Publikum sich manchmal traut, ein bißchen mitzusingen, doch auch immer mitzujubeln und mitzuklatschen. Ein schönes, kurzweiliges Geschenk der Intendanz Herzog an Dortmund, das dem Opernhaus auch neue Zuschauer erschliessen könnte, mir hat´s gut gefallen.
Martin Freitag
LA BOHEME
Premiere 25. März 2012
besuchte Aufführung 30. März 2012
Nach dem großartigen „Trittico“ in der vergangenen Spielzeit führte das Opernhaus Dortmund nunmehr Puccinis populärste Oper „La Bohéme“ auf. Die Inszenierung von Katharina Thoma hatte zunächst den Vorteil, daß der Zuschauer das ihm vertraute Werk auch wiedererkennen kann. Zwar spielte die Handlung einige Jahrzehnte später als in Murgers Romanvorlage „Vie de Bohème“, dovch das ermöglichte, aus dem Maler Maler Marcello einen Fotografen zu machen, der die anderen Mansardenbewohner gern in passenden Posen fotografierte.

Erfreulicherweise erlag Katharina Thoma nicht der Versuchung, in heutiger Zeit spielen zu lassen und die Bilder gleich ins Netz zu stellen. Ganz traditionell sollte es dann aber doch nicht werden, denn im II. Bild im Quartier Latin sah man Café Momus und Chor im Bildnegativ eines Schwarz-Weiß-Fotos. Die normal gekleideten Hauptdarsteller hob dies aus der Chormasse heraus, ebenso auch die zackig aufmarschierenden Soldaten in schönen bunten Uniformen. Diese Negativ-Wirkung ist allerdings vom darauf nicht vorbereiteten Zuschauer nur schwierig einzuordnen. Dann sieht der Chor nur noch geisterhaft aus. (Kostüme Irina Bartels). In der Personenführung gelang besonders eindrucksvoll der plötzliche Stimmungswechsel zwischen übertriebener Lustigkeit und dem Ernst beim Erscheinen der todkranken Mimi im letzten Bild. Weshalb Mimis Häubchen (cuffietta) eine Puppe war, bleibt allerdings fraglich. Während die Mansarde naturalistisch dargestellt wurde und der Szenenwechsel zum II. Bild ohne Pause erfolgte, fiel erfreulicherweise an der Barrière d'Enfer kein kitschiger Schnee, sondern der Winter wurde durch weisse Tücher angedeutet , die auf Teile des Bühnenbildes des II. Bildes gesenkt wurden. (Bühne Julia Müer)

Besonders glaubhaft wurde die Aufführung durch das jugendliche Aussehen und Spiel der beiden Hauptdarsteller - eben Bohèmiens und keine alternden Gesangsstars! Wie Stars sangen sie aber, und dies galt vor allem für die Mimi von Ani Yorentz. Seit zwei Jahren ist sie Stipendiatin der „Alfred Toepfer Stiftung“ - eine der zahlreichen Stiftungen, die der 1993 im Alter von 100 Jahren gestorbene Hamburger Getreidehändler und grosse Mäzen Alfred Toepfer aus selbstverdientem Vermögen gegründet hat. Ani Yorentz sang mit blühendem Legato bis herauf zu den Spitzentönen, verfügte über genügend Stimmkraft, wenn nötig, und hauchte mit wunderbarem piano ihr kurzes Leben aus. Vielleicht sollte man sich diesen Namen merken!
Ramé Lahaj als Rodolfo hielt sich zu Beginn etwas zurück, zeigte aber dann mit schlankem gut geführten Tenor grosse Belcanto-Qualitäten. Wenn er sich manchmal nicht so gut gegen das Orchester durchsetzen konnte, versuchte er glücklicherweise nicht, dies durch Forcieren auszugleichen – es wäre am Dirigenten, hier die passende Balance zu finden. Als Musetta glänzt im Walzer des II. Bildes mit Koloraturen bis zum h Tamara Weimerich, die dort und im III. Bild komödiantisches Talent zeigte, zum Schluß beim Anruf der Madonna für die todkranke Mimi aber auch mitleidige Töne fand...
Die übrigen Bohèmiens waren mit Gerardo Garciacano als Marcello, der besonders seine mehr oder weniger glückliche Liebe zu Musetta witzig ausspielte,und Wen Wei Zhang als Philosoph Colline mit der schön gesungenen kurzen Baßarie des Abschieds vom Mantel bestens besetzt . Den Musiker Schaunard sang als Gast mit komödiantischen Talent Tobias Scharfenberger. Die beiden komischen Rollen des Vermieters Benoit im I. Bild und des leicht dementen Staatsrats Alcindoro im II. Bild spielte Hannes Brock wie immer bühnenwirksam und sang dazu natürlich einwandfrei.

Wie gewohnt sangen Chor und Kinderchor in der Einstudierung von Granville Walker rhythmisch exakt und wohlklingend.
Besucher der Premiere erzählten, das Orchester unter Leitung von Lancelot Fuhry sei zu laut gewesen. Dies konnte man bei der zweiten Vorstellung nur in der ersten Hälfte des ersten Bildes bis zum Auftritt von Mimi feststellen. Zwar schreibt Puccini hier mehrmals ff vor, sobald gesungen wird, soll aber leiser gespielt werden. Im II. Bild und zu Beginn des III. Bildes gab es einige Unstimmigkeiten zwischen Bühne und Orchester, die bei weiteren Vorstellungen sicherlich verschwinden
Musikalisch und szenisch am besten gelang das letzte Bild. Trotzdem waren in meiner Umgebung die berühmten Taschentücher nicht gefragt, weil gerade als Mimi ihr Bühnenleben eindrucksvoll aushauchte, ein Mobiltelefon deutlich und ausdauernd klingelte.
Das nicht übermässig zahlreiche Publikum spendete nach bekannten Stellen zaghaft Szenenapplaus, so natürlich nach Rodolfos Arie vom eiskalten Händchen (Che gelida mannina). Nach der Aufführung war der Applaus nicht gerade enthusiastisch, aber zu einigen Bravos für Rodolfo und vor allem Mimi reichte es doch.
Ähnlich wie bei der „Lustigen Witwe“ sollte diese Aufführung, wenn Angst vor Regieuntaten genommen und die musikalische Qualität bekannt wird, ein Publikumserfolg werden.
Sigi Brockmann
Alle Fotos Bettina Stöß
ELIAS
Besuchte Premiere am 03.03.12
Politisches Scheitern
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Jens-Daniel Herzog hat in seinem ersten Intendanzjahr durchaus Mut, sperrige Werke in das Repertoire des Dortmunder Opernhauses zu nehmen, so eine der Perlen der deutschen Oratorienliteratur: Felix Mendelssohn-Bartholdys "Elias", ein Werk zu dem man schon sichere, inhaltliche Gedanken haben sollte, wenn man es szenisch auf die Bretter stellen will. Doch die hat Herzog: der Prophet Elias ist bei ihm ein ganz moderner Politiker, der durch sein Charisma große Macht auf die Menschen hat, doch selbst von den Regierenden ( hier dem "König" und den Engeln, einer Gruppe grauer Eminenzen, die ihren Einfluß gleich einem Geheimdienst zur Manipulation der Völker einsetzen) instrumentalisiert wird, die christliche Apotheose der Himmelfahrt gerinnt zum Abloben des Politikers Elias auf einen passiven Posten. Mathis Neidhardt baut eine Art Parlamentsraum von Viebrockschem Zuschnitt, in dessen zentraler Rundversenkung möblierende Requisiten zur Veranschaulichung der Situation auftauchen und wieder verschwinden, Verena Polkowskis Kostüme deuten exakt die Rolle der Protagonisten, dem Präsidentenpaar (König und Königin), die Witwe oder der Politiker Elias im Privatem , wie im öffentlichen Auftritt; das Chorkollektiv bildet einen bunten Querschnitt durch alle Bevölkerungsschichten und Berufe, vom Akademiker über die Krankenschwester bis zum Borussiafan. Herzog benutzt bei seiner Regie die modernen Metaphern unseres heutigen, technisierten Lebens, so findet die Heilung des Knaben gar auf einer Intensivstation statt. Doch so richtig überzeugt mich persönlich das Konzept nicht, denn wenn auch einzelne Szenen, wie die Arie "Ich habe genug" in ihrer resignativen Bewußtwerdung des Mißbrauch der eigenen, öffentlichen Person eine hohe Identifikation zulassen, so wird das Regenwunder mit der Hohlheit eines Cheerleader-Auftritts zelebriert, die bösen Baalspriester als fiese Finanzmanager an ihren Pc´s gebrandmarkt, zwar deutliche Möglichkeiten, doch auch etwas banal in der Bildaussage. Doch auch die Behauptung der "Elias" sei Mendelssohns unkomponierte Oper, sei angefochten, denn eindeutig in den Formen des geistlichen Oratoriums gefangen, tritt die Szene lediglich auf der Stelle, so eigentlich das ganze Himmelfahrtsfinale.
Musikalisch dagegen hat die Aufführung beträchtliche Meriten, denn Motonori Kobayashi zelebriert mit den glänzend aufspielenden Dortmunder Philharmonikern den großen, romantischen Breitwandklang, der dem Klangkörper (Wagner, Dvorak) ohrenscheinlich besonders liegt. So erfreulich auch die Chöre und Extrachöre des Theater Dortmunds unter der Leitung von Granville Walker, eine wirklich große Leistung. Mit Christian Sist hat man allerdings auch einen wundervollen Sänger für die Titelpartie im Ensemble, eher Bass als Bariton geraten trotzdem die Höhen zu beeindruckenden Aussagen eines prophetischen Expressivos; besonders gefällt an Sists Stimme der romantische, man möchte fast sagen, "Märchenton",der von einer erfüllenden Warmherzigkeit durchdrungen ist, mit leichtem Vibrato von persönlichem Charme erinnert der Ton an das Timbre des großen Hermann Prey. Julia Amos als Witwe kann auf diesem Niveau nicht mithalten, denn gerade in den etwas angestrengten Höhenlagen liegt sie oft leicht unter der eigentlichen Intonation. Dagegen klingen die Engel wahrlich himmlisch, so Katharina Peetz mit samtigem Alt, das Trio mit Anke Briegel, ebenfalls mit quecksilbrigem Sopran in ihren Soli, sowie Diane Blais betörend singend. Ileana Mateescu als Königin mit schönem Mezzo, schillert szenisch zwischen First Lady und der "Hure Babylon". John Zuckerman mit feinem Tenorklang gibt einen aalglatten Politiker als Obadja. Martin Müller-Görgner (auch als König Ahab), Hyun Seung Oh und Karl Heinz Lehner ergänzen ansprechend die Engelschar. Leider ohne Namensnennung der treffliche Knabensolist von der Chorakademie Dortmund, der auch viele szenische Aufgaben sicher absolvierte.
Nachdem im Vorfeld der Premiere in der Dortmunder Tagespresse einige Polemisierungen gegen den "Beelzebub des moderenen Musiktheaters", Intendant Herzog, stattgefunden hatten, erwartete man enormen Widerspruch gegenüber der durchaus mutigen, szenischen Deutung, doch nach einhelliger Begeisterung für den musikalischen Teil des Abends, gab es kaum Buhs für das Produktionteam, also ein großer Erfolg. Insgesamt ein Abend über den viel diskutiert werden wird, was ja nicht das Schlechteste für anregendes Theater bedeutet.
Martin Freitag
COSI FAN TUTTE zum 2.)
Besuchte Premiere am 21.01.12
Völlig unambitioniert und entspannt ist die Inszenierung des Intendanten Jens-Daniel Herzog an der Dortmunder Oper. Schon der Beginn der Wette findet in der Öffentlichkeit statt, Mathis Neidhardt baut dafür ein wunderschönen Kino-oder Theatervorraum aus dem Italien der Fünfziger Jahre mit den passenden, wunderschönen Kostümen, Alfonso und die jungen Liebhaber schliessen ihre Wette vor dem ganzen Chorpersonal ab, so wird es sich im Finale wiederfinden und runden, denn die Öffentlichkeit sind ja schließlich auch wir, das Publikum. Gleich einer Bühne auf der Bühne schiebt sich das Zimmer der Schwestern nach vorne, immer wieder werden mit diesen Verschiebungen die Perspektiven verändert und geben den opulent anzusehenden Rahmen ab. Herzog inszeniert mit leichter Hand eine echte Opera Buffa, so wie sie von Mozart und da Ponte mit ihren Tiefen und Untiefen geschaffen ist. Nicht mehr, nicht weniger, doch das ist viel mehr als manche verkrampfte Deutung der letzten Versuche dieser Oper.
Motonori Kobayashi gelingt am Pult der aufmerksamen Dortmunder Philharmoniker eine sehr persönliche Interpretation, die neben den flotten Tempi wie in der Ouvertüre (großes Kompliment an die flinken, exakten Holzbläser), doch auch romantischere Momente in den großen Arien zulässt. Das Ensemble kann sich durch die Bank weg sehen und vor allem auch hören lassen: Eleonore Marguerres Fiordiligi überzeugt in allen Lagen durch ihren schönen, seelenvollen Ton, der sich mit dem Mezzo ihrer Schwester Dorabella auf das Anmutigste mischt, obgleich Ileana Mateescu von Timbre etwas beliebiger, glatter klingt. Lucian Krasnecs feiner Tenor gefällt mit ausgeglichenem Gesang und atemberaubender Stimmkultur, vielleicht in der koloratösen Eifersuchtsarie noch etwas besser , als in der "aura amorosa". Gerardo Garciano, ein kerniger Bariton, setzt den Guglielmo dagegen robuster ab. Grandios die flirrige Despina von Julia Amos, eine geriebene Soubrette, die in den Verstellungen als dottore einen in der Höhe, wie als notaio in der Tiefe drauflegt, dabei schön proletarisch im Spiel. Christian Sists Bass liegt der Don Alfonso recht hoch, doch gefällt die sympathische Interpretation des Philosophen, gesanglich gint es keinen Makel. Der Chor klingt fein und setzt durch die verstärkte spielerische Präsenz sehr gelungene Akzente.
Die neue "Cosi" am Dortmunder Haus (Koproduktion mit Mannheim) ist eine absolut runde Sache und erhält, nach vielen Lachern, die großen Ovationen. die sie verdient hat.
Martin Freitag
Cosi fan tutte zum 1.)
Premiere 21.01.2012
„Cosi fan tutte – So machen's alle oder die Schule der Liebenden - ossia La scuola degli amanti“ lautet der volle Titel der letzten aus der Zusammenarbeit zwischen da Ponte und Mozart entstandenen Oper . Eine Wette, daß Frauen verführbar sind, sogar vom verkleideten Freund der anderen, soll zwei junge Männer lehren, sich nicht allzu sehr auf Liebesversprechen ihrer beiden Partnerinnen zu verlassen.

Copyright aller Produktionsbilder: Theater Dortmund
Aus diesem Spiel von „Sind die Falschen die Richtigen?“ entwickelt Mozart mit genialen musikalischen Mitteln neben zwei Buffo-Typen (Frauenkenner Alfonso und Stubenmädchen Despina) die Liebeswirren von zwei Frauen und zwei Männern in den jeweils charakteristischen Stimmtypen: dramatischer Sopran - Fiordiligi, lyrischer(Mezzo-)sopran - Dorabella, Tenor – Ferrando und Bariton – Guglielmo. Dieses „Dramma giocoso“ war die erste Inszenierung einer Mozart-Oper des damaligen Mannheimer Schauspieldirektors Jens-Daniel Herzog und wurde jetzt nach Dortmund übernommen. Während die letzte Aufführung in Dortmund am und sogar im swimming-pool begann, sieht man nun sängerfreundlicher einen die ganze Bühne ausfüllenden klassizistischen Saal, in den als Wohnraum für die beiden Damen eine Art Container hereingeschoben werden kann. Dieser läßt sich nach hinten durch einen Vorhang öffnen, um dahinter agierende Personen in sehr passender Lichtregie (Ralph Jürgens) sichtbar werden zu lassen. Der Hintergrund des Wohnraums ist ebenso wie die Kleider der Damen mit Blümchen dekoriert (Bühne und Kostüme Mathis Neidhardt)

In seiner Regie betont Herzog die Buffo – Elemente der Oper ohne in klamaukartige Gags zu verfallen. Köstlich z.B. der Auftritt Militärisches verhöhnender Gestalten bei „Bella Vita militar“ - es wird daraus frei nach Maurizio Kagel ein „Marsch um den Sieg zu verfehlen“.
Verkleidet treten die beiden Herren als Araber auf, was die Damen bei der fingierten Heirat zum Tragen von Schleiern veranlaßt. Sehr passend, wenn Alfonso (Christian Sist als spielfreudiger und in jeder Hinsicht grosser Baß) in seiner kurzen Arie beim Singen des Mottos „Cosi fan tutte“ die total abgeschlafften Herren am Kragen hält. Stilgefühl verrät die Tatsache, daß grosse Arien häufig als Ruhepunkte der Handlung ohne viel Aktion gesungen werden können.

Das kommt der musikalischen Qualität zu Gute. Lob gebührt in den Hauptpartien zuerst Eleonore Marguerre als Fiordiligi. Der dramatische Beginn der Arie im I.Akt „Wie der Felsen (Come scoglio)“ gelang ihr ebenso wie die nachfolgenden Koloraturen. Der Stimmumfang von mehr als zwei Oktaven führte wie bei den meisten Sängerinnen der Partie zu Schwierigkeiten bei den tiefen Tönen. Hinzu kommt noch eine der überflüssigen Aktionen der Regie , daß sie dabei mit Lärm Schuhe auf den Boden werfen mußte. Im II. Akt sang sie im berühmten Rondo „O verzeih, verzeih Geliebter(Per pietà, ben mio)“, das Beethoven als Vorlage zur grossen Leonoren-Arie gedient haben soll, mit wunderschönem piano und machte auch die Triller zum Schluß hörbar.
Der zu Recht schon vielgerühmte Lucian Krasznec als Ferrando sang mit weichem Legato und schwärmerischem Ausdruck sein „Der Odem der Liebe (un aura amorosa)“ voll stimmlicher Verzweiflung die Cavatina „Verraten (Tradito)“ und mit verführerischer Stimmfärbung das Larghetto gegen Schluß „Wende auf mich (Volgi a me)“ Ileana Mateescu als Dorabella ließ in ihrer Arie im I. Akt „Furchbare Qualen (Smanie implacabili)“ übertriebenen Abschiedsschmerz hörbar werden. Mit ihr zusammen gefiel Gerardo Garciacano als Guglielmo am besten im Duett mit dem Tausch der Herzen Andante grazioso“ Empfange Geliebte (Il core vi dono)“ Schnippisch gestaltete Julia Amos als Despina ihren altklugen Rat über die Treulosigkeit der Männer (in uomini) und zeigte komödiantisches Geschick, als sie erst als Dr. Eisenbart durch Sympathie heilte, dann bei der Arie„Schon ein Mädchen von fünfzehn Jahren (una donna a quindici)“ zur Begeisterung des Publikums den Dirigenten verführte, und schließlich als Notar wo sie „pel naso“(durch die Nase) singend juristische Mitteilungen zu machen hat.

Vom Cembalo, mit dem er die Rezitative begleitete, sorgten Montonori Kobayashi und das höhersitzende Orchester bereits in der schwierigen Ouvertüre für musikalische Präzision Das blieb auch in den schwierigen Ensembles so. Mozarts meisterhafte Instrumentation kam voll zur Geltung, so etwa im Abschieds-Terzettino der beiden Damen und Alfonsos „Weht leiser ihr Winde (Soave sia) „ mit den sordino-Geigen und Holzbläsern – schönere Musik kann es nicht geben! Rund und weich spielten die Hörner bei der Begleitung des Rondos der Fiordiligi. Die schwierigen Finali mit den zahlreichen Fermaten gelangen ebenfalls prächtig. Die kurzen Chorpartien waren verläßlich wie immer einstudiert von Granville Walker.
Zu Mozarts buffo-Finale zeigten sich alle Mitwirkenden ratlos, wie es nun weitergehen soll.
Nicht ratlos zeigte sich das Publikum, das Mitwirkende und Leitungsteam mit starkem und andauernden Applaus für diesen heiteren und musikalisch gelungenen Abend belohnte.
Sigi Brockmann
„Die lustige Witwe“
Premiere 31.12.2011 (Silvester)
besuchte Vorstellung 5. Januar 2012
Wie schön der „Rosenkavalier“ erst mit Musik von Lehár geworden wäre, soll Hugo von Hofmannsthal gesagt haben. Ob es stimmt, weiß man nicht, sicher ist aber, daß Franz Lehár eingängige Melodien, mitreissende Rhythmen und farbige nicht überladene Instrumentation mit für seine Zeit moderner Harmonik verbinden konnte und das in keiner seiner Operetten so erfolgreich wie in der „Lustigen Witwe“ Daß dies alles leicht und spritzig klingen muß erhöht die Anforderungen an die Mitwirkenden.

Copyright aller Bilder Theater Dortmund
Musikalisch begann man im Opernhaus Dortmund mit dem „Lippen“-Walzer, der dadurch bis zum gesungenen Schluß zu einer Art Leitmotiv wurde. Erst dann folgte die prestissimo-Einleitung, vom Orchester unter der Leitung von Philipp Armbruster eher nur presto, aber dafür genau zusammen gespielt In der Folge lagen dem Dirigenten die slawischen Tanzrhythmen wie Mazurka, Polonaise oder Kolo vielleicht weniger als die langsamen Walzer, wobei bei letzteren jede Abweichung vom Sentimentalen zum Kitsch vermieden wurde. Rassig klang der Galopp (Cancan) im Schlußbild.
Beim schwierigen Damenwahl-Finale des I. Aktes gab es leichte Unstimmigkeiten zwischen Orchester und Bühne, die sich bei weiteren Aufführungen sicher vermeiden lassen. Dafür brillierten dort Damenchor als Ballsirenen und Herrenchor als Tanzanwärter, wobei insgesamt der Chor in der gewohnt perfekten Einstudierung von Granville Walker für Höhepunkte der Aufführung sorgte. Gut gelang allen Solisten das Marsch-Septett im zweiten Akt mit dem chromatisch über eine Oktave absteigend gesungenen „Weiber, Weiber“. Bei den Hauptpartien gefielen die Damen besser als die Herren.

Christiane Kohl in der Titelpartie beherrschte alles, den Triller und die Spitzentöne im Auftrittslied, das volksliedhafte Legato des Vilja-Liedes mit dem Sextsprung zum Schluß, wenn auch nicht im vorgeschriebenen aber kaum auszuführenden ppp, aber doch piano gesungen. Temperament versprühten ihre Solostellen im Finale des II.Aktes. Tamara Weimerich sang mit ganz kessem Sopran und spielte sehr lebendig die Valencienne und war von allen am besten textverständlich – auch ohne die in einer deutsche Operette seltenen hier aber angebotenen Übertitel zu benötigen!. Ironische Stimmfärbung erhielt das Lied von der anständigen Frau, brillant klang sie als erste Grisette. .
Gabriel Bermudez nach seiner Indisposition bei der Premiere wieder genesen gab dem Grafen Danilo die notwendige unbekümmerte Eleganz und erotische Stimmfärbung, verstand aber auch die unterdrückte Wut und Enttäuschung beim Lied von den Königskindern auszudrücken. Dabei überschritt er nicht die Grenzen vom Gesang zum blossen Sprechen wie manche berühmte Darsteller dieser Partie. Bei reinen Sprechstellen hatte er die vorgeschriebenen harte Aussprache, aber nicht unbedingt slavischen Akzent.

John Zuckerman als Rosillon sang etwas verhalten mit Vibrato bei lauteren Tönen und streifte zum Schluß der Romanze von der Rosenknospe das hohe C. Mit gewohnter Bühnenpräsenz, stimmigem Gesang und Komik gab Hannes Brock den Baron Zeta,, wobei er in seiner Maske kaum zu erkennen war (Kostüme Judith Peter). Alle weiteren Rollen waren passend besetzt, wobei der Cascada von Thomas Günzler positiv auffiel.
Nicht nur ein Fest für die Ohren ist diese Aufführung sondern auch und besonders fürs Auge. Dies ist in erster Linie zu danken den Bühnenbildern der leider bei der Vorbereitung verstorbenen Marina Hellmann. Amoretten deuten im Park mit Hochgebirgshintergrund des II. Akts Liebeswirren als Dauerthema des Stücks an. Das im III. Akt prachtvoll die ganz Bühne ausfüllende Maxim's ist einfach eine Wucht! Der gekippte Eiffelturm im Hintergrund soll vielleicht ausdrücken , daß, wie Danilo singt, nicht nur im Staate Dänemark etwas faul ist, sondern wohl auch im fiktiven Operetten-Paris. Eine wahre Augenweide sind die Kostüme von Judith Peter – welche Freude für den Operettengeniesser, besonders, da sie von Akt zu Akt wechseln.
Regisseur Matthias Davids, erfahren bei Inszenierungen von Musicals, so vor immerhin 15 Jahren in Münster, sorgt vor allem für stimmiges, temporeiches Spiel ohne überflüssige Aktualisierung und gibt dabei den Sängern Gelegenheit, ihre szenischen Stärken zu zeigen.
Dabei unterstützt das bewegungsreich agierende Ballett in der Choreographie von Melissa King mit den zum Schluß wunderbar ordinär singenden und tanzenden Grisetten. Ganz nach Musical-Art wird bei der Besetzung dazu noch ein „Dance Captain“ (Friedrich Bührer) erwähnt.
Die Dialoge allerdings hätten gekürzt werden können, lacht doch über die verwendeten dummen Witzchen ohnehin niemand mehr. Dafür wurde das so schöne Duett vom dummen Reiter gestrichen. Die Hauptpersonen verstehen sich doch vorwiegend über Musik und Tanz, aber dies so schön, daß die Aufführung ein Publikumsrenner werden dürfte. Dies zeigte auch der Beifall mit rhytmischem Applaus der für die nächsten Aufführungen immer zahlreicher angekündigten Besucher.
Zum Schluß sei zitiert die Bemerkung eines jungen Mannes zu seiner Freundin „Das ist doch etwas ganz anderes als Rammstein“ !!!
Sigi Brockmann
NORMA zum 1)
Ein Highlight für alle Belcantofans!
Eine Aufführung der Bellini-Oper NORMA steht und fällt mit der Interpretin der namensgebenden Titelrolle. Die Oper Dortmund trumpfte am gestrigen Premierenabend (3.12.2011) mit einer grandiosen Norma auf. Miriam Clark, die deutsch-amerikanische Sopranistin, erntete zu Recht für ihre Interpretation der Norma wahre Bravo-Stürme und Standing Ovations vom Premierenpublikum.

Alle Produktionsbilder: ©Bettina Stöß / Stage Picture
Vincenzo Bellinis Oper Norma wurde 1831 an der Mailänder Scala uraufgeführt. Die Premiere war alles andere als ein Erfolg für den jungen Komponisten. Aber wenige Jahre später wurde das Werk zu Recht an vielen großen europäischen Opernhäusern, sowie auch ab 1854 in New York, gefeiert. Heute gilt NORMA als das Gipfelwerk des Belcanto. Bellini hat den Triumphzug seiner Oper nicht mehr erleben können. Er starb 1835 mit gerade 34 Jahren in der Nähe von Paris. Große Anerkennung und Bewunderung zollten auch Guiseppe Verdi und Richard Wagner dem jungen italienischen Komponisten Bellini für seine Oper Norma. Bellini sagte zu seiner Zeit: „Gebt mir gute Verse, und ich werde euch gute Musik dafür geben!“.Das dies keine leere Ankündigung war, hat er mehr als eindrucksvoll mit seiner Oper Norma bewiesen. Von der ersten bis zur letzten Note erschuf er ein Werk mit einer Fülle an Melodien, die das Publikum und die Zuhörer geradezu zeitlos, begeistert und berührt. Kaum jemand verlässt eine Norma-Aufführung unbeeindruckt.

Norma ist eine gallische Oberpriesterin. Entgegen ihrer religiösen Verpflichtung zur Keuschheit, ist sie die heimliche Geliebte des römischen Prokonsuls Pollione und Mutter seiner beiden Kinder. Die Liebe zu ihm und zu ihren Kindern gilt es für sie zu verheimlichen. Das ausgerechnet sie ein Liebesverhältnis zu einem Feind ihres Volkes unterhält und mit ihm zwei Kinder hat steht in totalem Widerspruch zu ihrer Rolle als Oberpriesterin. Als sie erfährt, dass Pollione mit der gallischen Priesterin Adalgisa eine Liebesbeziehung eingegangen ist und mit ihr nach Rom fliehen will, kehrt sich ihre Liebe zu dem römischen Prokonsul in Hass um. Sie will Rache. Rache die so weit geht, dass sie ihre eigenen Kinder töten und die vermeintliche Rivalin Adalgisa auf den Scheiterhaufen schicken will. Am Ende erkennt sie aber, dass nicht die anderen Menschen, sondern sie es war, die gefehlt hatte. Sie vertraut ihre Kinder ihrem Vater an und verurteilt sich selbst zum Tod. Pollione erkennt in diesem Moment die wahre innere Größe Normas, gesteht ihr erneut seine Liebe und folgt ihr mit ins Feuer.

Eine klassische Dreiecks-Geschichte zwischen zwei Frauen und einem Mann zu Zeiten großer Konventionen. Enrico Lübbe, der Regisseur der gestrigen Opernpremiere reduzierte seine Inszenierung daher auch auf das wesentliche der einzelnen Figuren der Oper. War Norma in früheren Produktionen stets eine große Divenrolle, so gestaltet sie Lübbe zu einem menschlichen Wesen mit großen Emotionen, die das Menschsein ausmachen. Sehr gut gelingt ihm dies, u.a., in der „Offenbarung“ der Priesterin Adalgisa, als sie Norma ihre Liebe zu Pollione gesteht. Unwissend, dass sie sich damit in die Stellung einer Rivalin begibt. Das Bühnenbild (Henrik Ahr), welches aus nur zwei Räumen besteht, die die zwei Lebenswelten der Norma symbolisieren sollen, sowie die auffallenden Kostüme -Norma zwischen Bademantel und Persianer- ( Bianca Deigner), zwangen die Zuschauer förmlich dazu, ihr Augenmerk auf die handelnden Personen zu richten. Das eigentliche Drama wurde, auch weil aufgrund des Regiekonzeptes auf großen Pomp und ausufernde Kostüme verzichtet wurde, eindringlich und nachvollziehbar für das Publikum erkennbar. Ein Teil des Publikums war allerdings mit dieser minimalistischen Form der Inszenierung nicht einverstanden und tat dies am Ende der Aufführung auch lautstark kund.

Musikalisch geriet die Premiere zu einem Triumph. Nach Lucia die Lammermoor (März 2011) nun die zweite große Belcantopremiere die im Dortmunder Opernhaus in diesem Jahr gefeiert wurde. Die musikalische Leitung lag bei Lancelot Fuhry. Sein Dirigat war geprägt von großem Verständnis der Bellinischen Partitur. Die Dortmunder Philharmoniker spielten unter seiner Leitung auf hohem Niveau. Besonderes Lob an die Streicher. Der Chor der Städtischen Bühnen (Choreinstudierung Granville Walker) knüpfte nahtlos an seine sehr guten Leistungen der letzten Jahre an. Auf der Bühne ein Ensemble welches das Publikum begeisterte. Selbst die kleineren Rollen der Oper waren bestens besetzt. Julia Amos (Clotilde) als auch Lucian Krasnec (Flavio) verliehen ihren Figuren Profil. Wen Wei Zhang, der die Partie des Vaters der Norma, Oroveso, gab, trumpfte mit seinem sonoren Bass auf und wurde vom Premierenpublikum mit viel Applaus bedacht. Den Geliebten Normas, den Prokonsul Pollione, stellte der junge Tenor Mikhail Vekua mit viel tenoralem Schmelz und Ausdruckskraft dar. Der Dortmunder Neuzugang konnte auch für sich ein erfolgreiches Rollendebüt verzeichnen. Katharina Preetz in der Rolle der Adalgisa überzeugte mit ihrem Mezzosopran gerade in ihren Duetten mit Norma und Pollione. Einfühlsam ihre Darstellung einer naiv-verliebten jungen Frau, die genauso unter ihrer Liebe leidet wie Norma.

Miriam Clark war Norma! Sensationell im Spiel wie auch in der gesanglichen Interpretation. Sie verlieh der anspruchsvollen Rolle höchstes künstlerisches Format. Frau Clark erklärte wenige Tage vor der Premiere in einem Zeitungsinterview, dass sie als großes musikalisches Vorbild für ihr Rollendebüt der Norma, die legendäre australische Sopranistin Dame Joan Sutherland habe. Die 2010 verstorbene Dame Joan Sutherland, -durch die britische Queen in den Adelsrang einer Dame erhoben-, hatte diese Rolle oftmals in ihrer Karriere gesungen und stets Triumphe gefeiert. Allerdings gehen die Meinungen der Opernfans weit auseinander, ob nun eine Sutherland oder eine Maria Callas DIE Norma der damaligen Zeit war. Beide haben in dieser Rolle fest zementierte Meilensteine gesetzt.

Miriam Clark darf attestiert werden, mit ihrer Leistung einen großen Schritt in Richtung Weltkarriere getan zu haben. Es war zu spüren, dass sich die Künstlerin facettenreich der Rolle der Norma angenommen hat. Das gesamte gesangliche Spektrum dieser anspruchsvollen Belcanto-Partie, mit seinen Fiorituren und Koloraturen, deckte sie mit ihrer Stimme nahezu mühelos ab. Die berühmte Arie „Casta Diva“ gestaltete sie zart und eindringlich. Großartig ihr Duett mit Adalgisa „Mira o Norma“, expressiv und berührend ihr Gesang im Finale der Oper. Eine starke Leistung! Das Premierenpublikum geriet angesichts des Rollenportraits von Miriam Clark förmlich aus dem Häuschen und feierte sie am Ende der Aufführung frenetisch.
Die Dortmunder NORMA – ein Highlight für alle Belkantofans!
Detlef Obens
mit freundlicher Genehmigung www.xtranews.de
NORMA zum 2.)
„Das musikalische Drama muß durch den Gesang zum Weinen, Schaudern,ja zum Sterben bringen“
Dies stammt nicht von Wagner, sondern von Vincenzo Bellini. Die letztgenannte Gesangswirkung würde wohl die Besucherzahlen der Opernhäuser weiter senken. Bezüglich der erstgenannten wurde bei der Premiere von Bellinis lyrischer Tragödie „Norma“ am Samstag im Opernhaus Dortmund zumindest von den beteiligten Damen so schön gesungen(belcanto) , daß sie bei Zuhörern wirklich werden könnte. (far piangere cantando).
Das Interesse galt natürlich zuerst der Sängerin der Titelpartie, der gut dreissigjährigen Miriam Clark, der die schwierige Partie sensationell gelang. Das betraf die berühmte „Casta Diva“ - Arie, wo bereits zum Schluß des vorbereitenden Rezitativs ein wunderschönes Decrescendo zum p erklang, sie darauf die lang ausgehaltenen Töne zu Beginn ohne falsches Vibrato sang, dann mit perfekt sitzenden Koloraturen schloß und gleichzeitig stimmlich den Unterschied zwischen hoheitlichem Gesang der Oberpriesterin und verhalteneren Tönen bei der Darstellung des durch ihre Liebe zum Feind begründeten schicksalhaften Zwiespalts verdeutlichte. Eindringlich gestaltete sie auch die Szene, wo sie vor dem geplanten Mord an ihren Kindern zurückschreckte, ganz p und legato singend beim Anblick der Schlafenden bis hin zum Aufschrei „O nein, teure Kinder“ Wild klang ihre Stimme voller Wut auf den ungetreuen Liebhaber, auch die Koloratur ganz ohne Orchesterbegleitung, als sie zum Schluß ihren Vater für ihre Kinder bittet, gelang prima!
Katharina Peetz als Adalgisa sang ihre Rolle durchdacht und mit berückendem Legato.. Da sie über ein ausgeprägtes Mezzotimbre verfügt, war ihre Stimme deutlich unterschiedlich zu der von Norma, sodaß die Duette der beiden, besonders das kurz vor Schluß, so schön klangen, daß man sie am liebsten sofort nochmals gehört hätte. Den Pollione sang Mikhail Vekua mit zuerst ziemlich übertriebener Heldentenorstimme, paßte sich dann aber den lyrischen Anforderungen der Partie insbesondere bei den Ensembles immer mehr an. Den Oberpriester Oroveso sang Wen Wei Zhang mit gleichbleibend prächtigem Baß. Als Norma ihm von zum Schluß von seinen beiden Enkeln erzählt, hätte man sich vielleicht eine ergriffenere Stimmfärbung gewünscht.
Die kleine Partie des Flavio sang Lucian Kasznec so schön, daß man ihn sich auch als Pollione hätte vorstellen können. Julia Amos als Clotilde fand besonders für das Wohl der Kinder ihrer Freundin Norma ergreifende Töne.
Zuverlässig wie immer der Chor in der Einstudierung von Granville Walker. Der agressive „Schlachtgesang“ „Guerra Guerra“ geriet „bombig“.
Das Orchester unter der Leitung von Lancelot Fuhry zeigte, daß doch mehr von ihm gefordert wird als bloße Gesangsbegleitung, etwa romantischer Hörnerklang in Vorspielen zu einzelnen Szenen,im Aufbau des grossen Höhepunktes zum Schluß oder in der verhalten begonnenen dann aber stürmisch gesteigerten Ouvertüre, die – welch ungewohnte Wohltat – bei geschlossenem Vorhang ohne irgendwelche szenischen Zutaten gespielt wurde.
Überhaupt vermied die erste Operninszenierung des Schauspielregisseurs Enrico Lübbe jeden Hinweis auf unterdrücktes Volk im besetzten Land, somit auch jede überflüssige Aktualisierung. Er sorgte vor allem dafür, daß den Sängern keine musikalisch störenden Aktionen zugemutet wurden, fast geriet es so zur halbszenischen Aufführung, wobei die szenischen Andeutungen wohl überlegt waren. Fast am meisten agieren mußten noch die beiden kleinen Söhne Normas bis zu einem gespielten Kampf zwischen einem Gallier und einem Römer – Felix Görgner und Dejan Hauch machten das ganz famos.
Das Einheitsbühnenbild (Henrik Ahr) bestand links aus einem erleuchteten privaten Bereich vor allem für die Kinder, den ich von meinem Platz am rechten Rand nicht gut einsehen konnte, und einem grösseren Raum, der vor allem mit Stapelstühlen für die Sänger möbliert wurde. In der Mitte befand sich eine Stange, an der sich die Mitwirkenden bei Bedarf festhalten konnten.
Die Kostüme (Bianca Deigner) waren wie üblich heutige Alltagskleidung – kein Unterschied zwischen Galliern und Römern – Priester Oroveso trug - vielleicht als Zeichen seiner Würde - eine gelbe Kravatte. Nur Norma wechselte ihr Kostüm zwischen einem Pelzmantel und einer Perücke für die Auftritte als Oberpriesterin und einem grünen Umhang für die Privatsphäre. Für die intimen Geständnisse zum Schluß wurde unter dem Pelzmantel recht unattraktive Unterwäsche sichtbar.
Da keine Irminsul vorkam – als Norddeutsche siedeln wir sie ohnhin eher bei den Externsteinen als in Gallien an -, gab es natürlich zum Schluß auch keinen Scheiterhaufen. Norma und Pollione wurden mit Benzin übergossen und gerade als Oroveso diesen anzünden wollte, erlosch das Licht und der Vorhang fiel – dies zum Schluß ein passender Einfall!
Das Publikum reagierte mit riesigem Beifall für Norma, die Sänger und das Orchester. Wie auch schon fast gewohnt mußte das Leitungsteam heftige Buhrufe über sich ergehen lassen.
Insgesamt war das ein musikalisches Fest der schönen Stimmen, das anzuhören sich sehr lohnt.
Sigi Brockmann
L´ELIOGABALO zum 1.)
Premiere am 09.10.11,
besuchte Aufführung am 04.11.11
Zweite Premiere unter der Ägide von Jens-Daniel Herzog als neuem Intendanten der Dortmunder Oper galt Francesco Cavallis "L` Eliogabalo", einer wundervollen Oper über den römischen Cäsaren Heliogabal, der im Libretto jedem Rock hinterher läuft, in der Historie auch vor anderen Lebewesen nicht halt machte. Zwar sind die Dortmunder Philharmoniker kein auf Alte Musik spezialisiertes Orchester, doch Fausto Nardi animierte die Musiker zu einer lebendigen Wiedergabe der abwechslungsreichen Partitur, kleine Arien, Lieder und Chöre verschmelzen zu einem sehr modern wirkenden Musiktheater, Cembalo und Theorbe geben die Prise historischen Klang dazu.
Katharina Thoma stellte sich mit dieser Inszenierung als neue Opernchefin des Hauses vor, im sehr schlichten Bühnenbild Stefan Hageneiers, das sowohl eine antike Villa gerieren konnte, als durch wenige moderne Möbel den heutigen Bezug des recht aktuellen Librettos herstellte, gelang ihr eine stringente, spannende Erzählweise, die sich ganz an der Musik orientierte, dabei auch dem Zuschauer die nötige Ruhe gab, sich auf die mitreißende Musik einzulassen, endlich einmal kein übermässiger Aktionismus mit überstülpender Bilderflut, eine Wohltat in heutiger Zeit, dabei stets spannend mittels einer lebendigen Personenführung. Irina Bartels sorgte als Kostümbildnerin für exakt charakterisiernde, durchaus elegante, sich nie in den Vordergrund spielende Gewänder.
Von den neuen Ensemblemitgliedern enttäuschte leider ausgerechnet Christoph Strehl mit recht uncharismatischem Tenor in der Titelpartie (Rene Jacobs hatte den Eliogabalo in Innsbruck/Brüssel vor circa vier Jahren mit einem Mezzosopran besetzt), technisch tadellos, gesanglich korrekt wollte da kein Funke überspringen, spielerisch in mondäne Designerfummel gekleidet führte der Imperator stets intrigante Jüngelchen mit sich, erinnerte dabei an eine klassische Berlusconi-Vorform.
Gleich drei charismatische Soprane braucht diese Oper: Eleonora Marguerre gibt mit strahlendem Sopran Flavia Gemmira begehrtes Hauptobjekt des Kaisers, verlobt und in Liebe mit dessen Cousin Alessandro, mit glänzendem. lyrischen Tenor John Zuckerman, ein wunderbares, erstes Seria-Paar. Giuliano, der Chef der Prätorianergarde, gesungen von der vielversprechenden, jungen Mezzosopranistin Ileana Mateescu, liebt Eritrea, etwas spitzer im Sopranfach Tamara Weimerich, mit rotem Pagenkopf in Giftgrün eine Intrigantin par excellence, gab sich mit Aussicht auf den Kaiserthron Eliogabalo hin, hält sich den echten Liebenden für alle Fälle warm. Atilia steht als Person außen vor, Anke Biegel mit leichtem, süßen Sopran, liebt Alessandro und sorgt für Eifersuchtsanfälle bei Flavia.
Drei komische Rollen hält das Stück bereit: Lenia und Zotico dienen dem Herrscher als Kupplerin und Killer, Elsbieta Ardams Alt wirkte an diesem Abend etwas brüchig, doch sehr stimmig für die Charakterpartie, Hannes Brock als mit allen Wassern gewaschener Haustenor, liefert stimmlich, wie spielerisch wieder einmal eine Glanzleistung ab, das Tanzduett beider avanciert eindeutig zu einem Höhepunkt des Abends. Als Nerbulone wäre da noch Christian Sist als absolut grandioser Bassbuffo zu nennen. Insgesamt ein Ensemble, bei dem man jetzt schon auf neue Aufgaben gespannt ist. Dazu muß man unbedingt die großartige Statisterie loben, die ihre verschiedenen Rollen mit Lust und Hingabe ausführte, ohne je von den Hauptakteuren abzulenken. Nochmals der Regisseurin ein Lob dafür.
Eine mehrere hundert Jahre alte Oper präsentiert, als wäre es ein Stück von Heute, ein kurzweiliger, musikalisch stimmiger Abend für ein überraschtes, amüsiertes, am Ende sehr begeistertes Publikum. Leider gibt es nur noch wenige Aufführungen bis Anfang Dezember, daher schnell entscheiden und hingehen, es lohnt sich !
Martin Freitag
Ein musikalischer Hochgenuß
L'Eliogabalo zum 2.) – unbekannte Rarität!
Premiere am 9. Oktober 2011
Manchmal gibt es Parallelen ganz oder fast unbeabsichtigter Art? Christine Mielitz begann ihre Operndirektion in Dortmund im Jahre 2002 mit einer Oper von Cavalli (L'ormindo) dann folgte Wagner (Meistersinger) dann ein Musical (Cabaret). Mit jeweils anderen Stücken macht es nun Jens-Daniel Herzog ähnlich: Auf den viel beachteten und viel gelobten „Holländer“ folgt die wohl den meisten Opernfreunden völlig unbekannte Oper von Cavalli über den grössenwahnsinnigen, sexbesessenen römischen Kaiser Heliogabal, auf die zwei Wochen später das Musical „Ganz oder gar nicht“ folgen soll..
Wie bei Händels „Giulio Cesare in Egitto“ vor einiger Zeit wurde für die Barockoper „L'Eliogabalo“ das riesige Dortmunder Opernhaus dadurch künstlich verkleinert, daß im Parkett nur die Plätze bis zur 16. Reihe verkauft wurden, was Zuschauer, denen das unbekannt war, zu Bemerkungen über schlechten Kartenverkauf veranlaßte.
Vorweg muß man sagen, daß für Freunde der Barockoper die Aufführung ein musikalischer Hochgenuß ist, der maßgeblich den kleinbesetzten Dortmunder Philharmonikern mit Andreas
Küppers am Cembalo und Johannes Vogt an der Theorbe unter Leitung von Fausto Nardi zu verdanken ist. Abwechslungsreich wird dies durch die musikalische Einrichtung, in der nicht nur gezupft und über Saiten gestrichen wird, sondern auch Bläser und Trommel eingesetzt werden. Dabei wird die weitgehend durch rezitativischen Gesang geführte Handlung im Vergleich zu anderen Barockopern durch nur wenige Arien und Ensembles und zwei ganz kurze Choreinwürfe unterbrochen. Das schönste Ensemble bildet der vom Kaiser eingerichtete Frauensenat mit ihm mittendrin (Choreinstudierung im Programm nicht vermerkt).
Angetrieben durch Eliogabal als einer Art Don Giovanni ohne dessen mythische Überhöhung entstehen Liebesintrigen und -verwirrungen von zwei Paaren höheren gesellschaftlichen Standes, einer einzelnen Frau, die das schöne Gleichgewicht der vorigen stört, und eines komischen Dienerpaars. Diese komplizierten Verwandtschafts- und Liebesbeziehungen werden im Programmheft durch ein Strichdiagramm deutlich gemacht.
Schöne Stimmen hatte uns Jens-Daniel Herzog zu Beginn seiner Dortmunder Intendanz versprochen und auch für diese Produktion konnte er das einhalten: Da ist vor allem zu loben der in schönstem Legato geführte Mezzosopran von Ileana Mateescu als Prätorianerchef Giuliano in einem für diese Rolle sehr unpassendem Kostüm (Kostüme Irina Bartels) Dafür versteht sie es, auch stimmlich den Konflikt zwischen Loyalität gegenüber dem Kaiser und dem Hass auf ihn, der seine Schwester verführen will und mit seiner Verlobten ein Verhältnis hat, deutlich zu machen. Diese Verlobte Eritea (Tamara Weimerich) mit hellem zur Rolle passenden schnippischen Sopran) sieht das nicht so eng und will auch ganz gerne Kaiserin werden ( Kopf und Herz gehören Dir, der Rest dem Kaiser, teilt sie ihrem Verlobten mit) Ganz anders sieht das Flavia Gemmira trotz der Nachstellungen durch den Kaiser treu (oder doch nicht so ganz?) zu ihrem Verlobten Alessandro haltend (Eleonore Marguerre mit schönem in blühendem legato geführtem Sopran) Diesen Verlobten Alessandro singt John Zuckerman mit so schönem lyrischen Tenor, daß die einzelne Dame Atilia von Anke Briegel mit ebenso schönem lyrischem Sopran in unglücklicher Liebe zu ihm entbrennt..
Die Titelpartie singt Christoph Strehl mit kräftigem höhensicheren Tenor. Vielleicht hätte man sich auch stimmlich etwas mehr verführerischen Glanz gegenüber den Frauen, mehr zynische Kälte gegenüber den betrogenen Männern gewünscht.
Die Regie von Katharina Thoma betont weit mehr die privaten Liebeshändel unter den Personen als die Standesunterschiede, dies aber mit ausgefeilter, die Beziehungskonflikte unterstreichender Personenführung. Dadurch wird allerdings die dauernde Bedrohung aller Beteiligten durch einen grössenwahnsinnigen Gewaltherrscher (mir gehorcht sogar das Wetter meint er) etwas weniger deutlich. Da machen auch einige halbnackte schwarz gekleidete junge Männer niemandem Angst..
Die politische Dimension wird einmal gezeigt , als aufständische Kapuzenträger mit vom Bühnenhimmel fallenden Geld beruhigt werden, zum anderen, als der Kaiser den störenden Verlobten der von ihm begehrten Flavia kurzerhand ermorden lassen will.
Richtig Bewegung auf die Bühne bringt das Dienerpaar Elzbieta Ardam als Lenia mit dunkeltimbrierter Altstimme und naürlich Dortmunds Publikumsliebling Hannes Brock mit perfektem Tenor und ganz grosser Bühnenpräsenz als Diener mit dem schönen Namen Zotico. Christian Sist mit kräftigem Baß gibt als etwas alkoholabhängiger Diener, Gladiator und Auftragsmörder mit grossem Speer ebenfalls ein heiteres Gegenstück zu den ernsten Liebesgeschichten.
Die Bühne von Stefan Hageneier besteht aus einer beweglichen grossen Wand (sängerfreundlich) mit dem Namen Eliogabal darauf und dahinter sich öffnenden Räumen. Eine gläserne Drehtür ist zwar passend, um Liebende sich sehen aber nicht berühren zu lassen, als Tribüne im Circus Maximus ist sie kaum glaubhaft. Als lasterhaftes Requisit darf natürlich die Badewanne nicht fehlen, in der der Kaiser mit Begleitung ein Schaumbad nimmt.
Wie nicht anders zu erwarten, sind die Kostüme aus heutiger Zeit mit Tragetaschen, sexy Stöckelschuhen etc.. Lediglich der Kaiser wechselt von einem prächtigen Kostüm ins andere, wenn auch die beim historischen Heliogabal erwähnte diamantenbestickte Kleidung für den Etat des Dortmunder Opernhauses denn doch zu teuer würde.
Zum Schluß wird der Kaiser hinter der Bühne umgebracht, taucht aber als eine Art Mafioso wieder auf, um zu sehen, wie Alessandro sein Nachfolger wird. Das Publikum folgte der Handlung aufmerksam (kein Husten)und spendete lang anhaltenden Beifall.
Für Liebhaber von Barockmusik und/oder Opernraritäten ist diese Aufführung ein Muß, für Musikfreunde, die Barockopern langweilig finden, eine Gelegenheit, sich vom Gegenteil überzeugen zu lassen.
Ganz gespannt darf man sein, ob einige dieser hervorragenden Sänger(innen) auch in der für Januar 2012 geplanten „Cosi fan tutte“ mitwirken.
Sigi Brockmann
Gelungener Einstieg des neuen Intendanten Jens-Daniel Herzog
Reederei Daland - Dialog über den "Fliegenden Holländer"
Premiere 2.Oktober 2011
Ich habe ein fast zwanghaftes Bedürfnis, die Motive für das Handeln von Figuren auf der Bühne zu verstehen und diese in der Inszenierung für ein Publikum freizulegen. Nur so kommen wir in einen gesellschaftlichen Dialog über das, was uns Menschen antreibt, hoffen oder verzweifeln lässt, zu Mördern oder großen Liebenden macht. Und ich vertraue zutiefst darauf, dass das Publikum diesen Dialog annimmt. (Jens-Daniel Herzog - Regisseur)
"Der Fliegende Holländer" ist wieder in. Allein drei Premieren in NRW - In Wuppertal hat es vor 2 Wochen gräuselig angefangen. Ursprünglich wollte ich eine Doppelkritik schreiben, aber nach der gestrigen Premiere in Dortmund würde der Vergleich so enden wie das Niveau der Fußballmannschaften: Bundesliga versus 4.Liga (Regional-Liga West). Drei Klassen schlechter war es halt in Wuppertal, doch damit genug der bösen Kritikerworte, denn der Dortmunder "Holländer" schafft durchaus Frohsinn.

Alle Bilder der Produktion: M. Jauk / Stage Picture
Wenngleich man sich an das Ambiente der recht spannend erzählten Geschichte - sie spielt anfangs in einer Reederei genau am schwarzen Freitag, dem 25.Oktober 1929 - erst langsam gewöhnt, immerhin steht das Hauptbüro der Handelsgesellschaft Daland direkt am Gestade. Wir sehen das pure Meer schon beim Vorspiel und später immerhin durch die zerborstenen Scheiben. Schon das auslaufende Vorspiel wird durch Aktion bebildert: Die Angestellten vom seemännischen Handelskontor Daland (Holländer-Chor!) erleben den Börsen-Niedergang ihrer Company - Pleite im Warenhandel-Spekulationsgeschäft weltweit. Immer mehr aufgesteckte kleine Schiffchen müssen von der Weltkarte abgezogen werden. Papier und Anleihen, sowie Aktien rieseln von der Decke wie abgerissene Makulatur. Bedrucktes Papier, welches nur noch Materialwert hat. Banken und Banker waren halt schon vor 80 Jahren üble Verbrecher! Da bleibt den verzweifelten Büroangestellten, bevor sie entlassen werden, wirklich nur noch das an Pina Bausch angelehnte Bewegungsballett mit Aktenordnern - hervorragend zur Musik passend einstudiert. (Choreographische Mitarbeit: Ramses Sigl)

Da kommt der Unbekannte schwarze Langmantel (Holländer) mit seinem wertvollen Bargeld-Koffer ganz gelegen. Die Frage, was einem Geschäftsmann wie Daland, diese inflationären Scheinchen nach der Währungsreform noch nutzen, lässt stutzen und bleibt des Regisseurs Geheimnis. Wäre nicht Gold im Reisegepäck verlockender gewesen? Egal: Die Firma ist gerettet, die Angestellten erhalten aus dem Koffer ihren Lohn und alle sind wieder fröhlich. Nur der Steuermann nicht, denn der ist dem Wahnsinn verfallen, nachdem er zuvor den bedrohlichen Fremden mit einem Messer bedrohte, welches sich dieser dann selbst (zum Holländermonolog) immer wieder in den Leib rammt. Es soll nicht vergessen werden zu erwähnen, daß der Steuermann die ganze Zeit am Ende des Messers hing.
Frohsinn droht allerorten. Papa ante Portas. Die Mädels vom Schönheitssalon Daland spinnen nicht! Auch sie führen ein Bewegungsballett zu Ehren von Pina Bausch auf, bis ihnen Senta die fabelhafte Schauergeschichte vom Fliegenden Holländer erzählt. Dabei würgt sie Mary, ihre Chefin, welche sich als dauernder Störenfried beim Lied-Vortrag entpuppt. Das beeindruckt ihre Vorgesetzte derart, daß sie darauf schweigt. Der Rest ist Wagner pur.... Bis auf die Pistole!

Jeder Akt - bei Wagner heißt das "Aufzug" - wird anders bebildert. Das ist sehr schön im Zeitalter der Einheitsbühnenbilder und spricht für die Kreativität des Regie-Teams: Mathis Neidhardt (Bühne), Licht: Ralph Jürgens und die wunderbaren Kostüme von Sibylle Gädeke. Man schafft ein 20er-Jahre Ambiente von großer, nostalgischer Bildhaftigkeit. Auf die tolle Lichtregie incl. Feuerwerkseffekte werde ich beim "Feuerzauber aus der Juke-Box" noch gesondert eingehen.
Dritter Auszug: Eine herrliche Norwegerkneipe. Überall kleine Nationalfahnen, dazwischen blinken bunte Lichter; ersterbender Frohsinn aufgrund des bereits sichtbar werdenden hohen Alkoholpegels aller Anwesenden. Zum Steuermannslied rührt sich kein Fuß, stattdessen wird Erik von drei Schlägern - die sich über die nicht funktionierende Juke-Box ärgerten - ordentlich zusammengedroschen und mit Füßen traktiert. Diese üblen Gewaltszenen passen erschreckend gut zu Wagners Musik - Reminiszenz an Kubricks Meisterwerk Clockwork Orange; doch da gab es keinen Wagner, sondern "Singing in the Rain", wenn ich mich richtig erinnere.

Vier unheimliche Langmäntel (Geisterchor) mit Aktenkoffern, welche direkt dem Film "Spiel mir das Lied vom Tod" entsprungen sein könnten, betreten die Kneipe und setzen sich wortlos und steif an einen Seitentisch. Die angeheiterten Norweger suchen Streit. Doch die vier Schwarzmäntel lassen sich nicht provozieren. Nichts ist schlimmer als besoffene Weibsbilder! Diese nähern sich nun auch in provokativer Haltung, aber ohne abgeschlagene Flaschenhälse und öffnen ungefragt die Aktenkoffer in denen sie wertvolle Dinge vermuten. Um nicht alle Spannung zu nehmen, verrate ich hier aber nicht, was sich in den Koffern tatsächlich befindet... Großer Horror - Schock unter den Norwegern. Die finsteren Figuren (Holländer) verlassen unbehelligt das Lokal - zynisch grinsend wirft der letzte einen Dime in die defekte Musikbox. Dann bricht die Hölle los. Als wär's ein Film von Stephen King. Die Juke-Box wird zum dämonischen Horror-Utensil: brennend, leuchtend, rauchend und feuerspeiend begleitet es den Geister-Chor, der diesmal zurecht und sehr glaubwürdig aus den Lautsprechern dröhnt. In der klaustrophobischen Enge der Kneipe bricht Panik aus...

Daß es bei Jens-Daniel Herzog natürlich kein Verklärungs-Finale geben würde, war abzusehen; aber dieser phänomenale Schluß war schon eine Glanzleistung. Der Regisseur wartet mit einem brachialen Theater-Coup auf - den ich bei aller Kritiker-Ehre hier nicht verraten werde. Nur soviel: "Warte, warte noch ein Weilchen...." und in der Fantasie landen wir durchaus dann bei John Carpenters Horror-Film "The Fog". Einfach Klasse und von großer Dramatik ist dieses Finale, welches für manche allzu sehr Wagners Geschichte verbiegende Unbill entschädigt. So muß, so sollte zeitgemäßes Musiktheater aussehen. Wer allerdings reales Seeschlachtambiente mit großen Schiffen, Sturm und tosendem Meere erwartet, wird enttäuscht. Dennoch gibt es eine richtige schöne Gorch-Fock!
Im Vergleich zum musikalischen und auch gesanglichen Desaster in der Nachbarstadt Wuppertal, gab es in Dortmund fünf richtige Wagner-Stimmen und eine Orchesterleistung von hoher Qualität. Jac van Steen und seine wohleinstudierten Dortmunder Philharmoniker ließen die Wogen rollen. Wunderbare Streicher und goldenes Blech! Mit 2 Stunden und 20 Minuten (ohne Pause) nähert sich van Steen allerdings schon Konwitschny-Längen; ein bisserl mehr Feuer hätte ich mir an manchen Stellen gewünscht.

Andreas Macco war ein brillanter Holländer, der sich auch darstellerisch perfekt in das Regiekonzept einbrachte. Senta (Christiane Kohl) gelang es vorzüglich, nicht nur in den Legato-Passagen zu glänzen; sehr souverän und intelligent gestaltete sie die dramatischen Ausbrüche. Der Eric von Mikhail Vekua war die Überraschung des Abends - eine Entdeckung! Ein Sänger mit einem Stimmvolumen, welches die große MET füllen könnte. Endlich ein Steuermann (Lucian Krasznec), der einen wunderbaren vielversprechenden Tenor mitbringt und dem auch fast ! alle hohen Noten gelingen. Ein kraftvoller Daland (Wen Wei Zhang) und eine hervorragende Mary runden die wirklich erstklassige Sängerriege im Positiven ab. Bravi!
Großes Lob für den superben Chor und Extra-Chor (Granville Walker), der wesentlich zu diesem großen Erfolg beigetragen hat und zurecht vom Publikum mit "Standing Ovations" und vielen Bravi gefeiert wurde.
Ein sehr gelungener Einstieg für das gewagte Konzept vom neuen Intendanten - keine Buhs! Mindestens 5 : 0 für Dortmund gegen Wuppertal. Musiktheaterfreunde bitte Hinfahren! Wer bereit ist neue Erzählweisen zu akzeptieren, findet bereichernden Diskussionsstoff. Was wollen wir mehr?
Peter Bilsing / 3.Oktober 2011 (12 Stunden nach der Premiere)
- noch eine Holländer-Kritik:
“Erlösung durch Treue” – gelungene Premiere von Wagners “Fliegendem Holländer”


Thomas M. Jauk/Stage Picture
“Preis’ deinen Engel und sein Gebot!
Hier steh’ ich, treu dir bis zum Tod!”
Die letzten Worte der romantischen Oper „Der Fliegende Holländer“ von Richard Wagner singt Senta und geht für den geliebten Holländer in den Tod. Erlösung durch unbedingte Treue, Selbstaufgabe bis in den Tod für den geliebten Mann. Diese Motive greift Wagner bei seinen Frauengestalten immer wieder auf. In seiner vierten Oper, dem Fliegenden Holländer, ist es Senta, die durch ihren Freitod den Holländer und seine Mannschaft von dem Fluch erlöst, als Verdammte auf ewig die Weltmeere zu befahren.
Alle 7 Jahre darf er an Land um eine Frau zu finden, die sein Dasein beendet, in dem sie ihm die Treue bis in den Tod beweist. Senta letztendlich ist es, die sein Schicksal sein wird, die für ihn stirbt und den Fluch von ihm nimmt. In romantischer Verklärtheit hat sie seit langem den Moment herbeigesehnt, diesem Mann, von dem sie immer nur ein Bild besass, zu begegnen. Überzeugt davon, dass nur sie es sein könnte, die dem Holländer endlich die ewige Ruhe bringen kann und das Ende seiner Irrfahrten. Ihr eigener Vater, der Seemann Daland, war es dann endlich, der geblendet von Geld und Gold des Holländers, diesem seine Tochter zur Frau versprach.
Musikalisch ist diese Oper, mit noch erkennbaren Duetten, Rezitativen und Arien und großen Chören, die Vorstufe zu seinen späteren Werken, die geprägt waren durch eine „unendliche Melodie“, wie sie mit Lohengrin begann, und vor allem, in Tristan und Isolde ihren künstlerischen Höhepunkt fand.
Die Ballade wird zum Kammerspiel
In Dortmund fand am gestrigen Sonntag (2.10.2011) die frenetisch bejubelte Premiere statt. Ganz im Sinne Wagners, der damit dem Charakter einer Ballade unbedingten Ausdruck verleihen wollte, wurde die Oper ohne Pause aufgeführt. Nach gut 2 ½ Stunden brandete der Jubel des Premierenpublikums auf.
Dieses hatte zuvor eine Inszenierung gesehen, welche die gute Wagnertradition der Dortmunder Oper ohne Zweifel fortführen wird. Jens-Daniel Herzog, der neue Intendant des Opernhauses, hatte die Regie übernommen. Zusammen mit dem Bühnenbildner Mathis Neidhardt ging es ihm darum „..eine anders reflektierte Sicht von Stoffen oder Themen“ auf die Bühne zu bringen, wie er im Programmheft zitiert wird. Das Premienpublikum ist seiner Sicht offensichtlich gefolgt.
Die innere Zerrissenheit, die Sehnsüchte und Zweifel und auch die Gier nach Geld und Reichtum der Protagonisten, und auch des Chores, bekamen durch Herzogs Inszenierung den nötigen Raum zur Darstellung. Unterstützt durch ein zeitloses Bühnenbild, welches die Größe der Dortmunder Bühne und die Technik sinnvoll nutzte, als auch durch die Kostüme (Sibylle Gädeke). So wurde auch das erste Zusammentreffen von Senta und dem Holländer ein großer emotionaler Moment dieser Aufführung. Herzog lässt Senta durch einen Pistolenschuss den Tod finden. Jene Pistole, die der Holländer Senta in ihrem Duett in die Hand gab um ihr klar zu machen, welche Konsequenz aus ihrer unbedingten Liebe zu ihm stattfinden wird. Am Ende der Oper bricht das Meer über dem Holländer zusammen und er und Senta sind im Tod vereint.
Große musikalische Momente
Musikalisch war die Premiere unter der Leitung des GMD Jac van Steen in kompetenten Händen. Sicher und konsequent führte der gebürtige Niederländer die bestens aufspielenden Dortmunder Philharmoniker und das sängerische Ensemble um die dramatischen Klippen der Wagnerischen Partitur. Besonders die wuchtigen musikalischen Höhepunkte des Fliegenden Holländers waren unter seiner musikalischen Leitung beeindruckend. Zu Recht wurden das Orchester und sein GMD vom Publikum gefeiert.
Unbestrittener Star auf der Bühne war der Dortmunder Opernchor (verstärkt durch den Extrachor des Theater Dortmund). Dem Chor wurde nicht nur musikalisch viel abverlangt, auch die Regie setzte offensiv auf ihn. Unter der Leitung von Chordirektor Granville Walker bewiesen die Damen und Herren des Dortmunder Chores einmal mehr, dass sie zur Spitzenklasse deutscher Opernchöre gehören. Beeindruckend die Interpretation des Chores „Steuermann halt die Wacht!“
Den Holländer gab Andreas Macco mit sicherem und sonorem Bariton. Der international erfahrene Sänger setzte dabei auch auf seine männlich-markante Bühnenpräsenz und seine große Rollenkenntnis. „Die Frist ist um“ interpretierte er gesanglich wie darstellerisch auf beeindruckende Weise.
Ensemble-Neumitglied Wen Wei Zhang, der den Daland – Senta’s Vater -, spielte, fiel besonders durch klares Textverständnis auf. Gesanglich auf hohem Niveau liess er aufhorchen. Den Erik verkörperte der neue Dortmunder Tenor Mikhail Vekua mit einer kraftvollen belkantistischen Stimme. Hier darf man gespannt auf sein Dortmunder Debüt als Pollione in der Bellini-Oper Norma sein.
Die Rolle des Steuermanns war mit Lucian Krasnec hervorragend besetzt. Sein Lied vom „Südwind“ war einer der musikalischen Höhepunkte des Abends. Sentas Amme Mary wurde gesanglich und darstellerisch überzeugend von Andrea Rieche gegeben.
Die Bayreuth-erfahrene Sopranistin Christiane Kohl in der zentralen Frauenrolle der Senta trumpfte gesanglich wie auch darstellerisch an diesem Premienabend auf. Sie verlieh ihrer Rolle nicht nur die naiv-romantischen, sondern auch die dramatischen Emotionen, die Wagner dieser anspruchsvollen Partie zugedacht hatte. Stimmlich führte sie ihren kraftvollen Sopran sicher zu den Höhepunkten ihrer Rolle. Sentas düstere Ballade im zweiten Bild der Oper wurde zu einem der zentralen Höhepunkte der Aufführung. Das Publikum feierte sie verdientermaßen lautstark mit vielen Bravo-Rufen für ihre überzeugende Darstellung.
Dortmunds Wagnertradition geht erfolgreich weiter
Fast, bei Wagneraufführungen, unglaublich, gab es einhelligen Jubel und starken Applaus des nahezu ausverkauften Hauses für alle Beteiligten. Herzogs Dortmunder Regiedebüt darf als gelungen bezeichnet werden. Die sängerischen Neuzugänge sind vielversprechend. Die neue “Ära Herzog” startete positiv und legte die eigene künstlerische Messlatte mit dieser Aufführung bereits zu Beginn dieser Spielzeit hoch.
Der Neuinszenierung des Dortmunder „Fliegenden Holländers“ ist großer Besucherzuspruch zu wünschen. Ein spannender und dramatischer Opernabend – nicht nur für eingefleischte Wagnerfans.
Mit freundlicher Genehmigung: Detlef Obens - Redaktion xtranews
Tauschhandel der Gefühle auf Dortmunds Opernbühne
Jens-Daniel Herzog erläutert das Konzept seiner ersten Inszenierung vom Fliegenden Holländer.
In Dortmund war wohl die vorige Opernintendantin Christine Mielitz der Meinung, ausgefeilte moderne aber den Charakter des Stücks bewahrende Inszenierungen auf hohem musikalischem Niveau genügten, ausreichend Zuschauer ins Opernhaus zu locken, wobei ich zuletzt an „Trittico“ und „Lucia“ denke. Selbst dem auswärtigen langjährigen Besucher blieb nicht verborgen, daß dies Konzept insbesondere gegen Ende ihrer Intendanz nicht aufging, wobei die Querelen innerhalb des Hauses wohl vor allem für „Einheimische“ interessant waren. Vielleicht liegt es auch daran, daß das Dortmunder Opernhaus für die Zahl der interessierten Opernfreunde einfach zu groß ist, insbesondere seit im Konzerthaus bekannte Orchester und Solisten unter anderem auch in konzertanten Opernaufführungen zu erleben sind. Als Besucher des Konzerthauses und insbesondere der immer ausverkauften Matineen der Mozart Gesellschaft höre ich jedenfalls häufig, daß Opernbesuche zurückgestellt werden gegenüber musikalischen Erlebnissen im Konzerthaus.
Diesen Trend umzukehren versucht der neue Intendant, der auch international als Opernregisseur geschätzte Jens-Daniel Herzog, durch grossen persönlichen Einsatz bei einer Vielzahl von Veranstaltungen wie öffentlichen Proben, Galakonzert mit dem neuen Ensemble, Matineen und auch mit einem Vortrag vor dem örtlichen Wagner-Verband unter dem Titel „Tauschhandel der Gefühle – Wagners radikales Liebeskonzept in „Der Fliegende Holländer“.
Einleitend sah er die Aufgabe des Regisseurs darin, „im alten Werk Neues zu entdecken“ und beklagte wohl zu Recht die Schwierigkeit, dies bei Wagner herbeizuführen, wo doch alle möglichen Regiekonzepte schon einmal versucht wurden. Dabei sieht er bereits im „Holländer“ den Widerspruch von Liebe und Geld (später bei Wagner Geld oder Gold als Machtinstrument) und spürt diesen Konflikt bei den handelnden Personen nach, die ein bereits vorhandenes Gefühl austauschen wollen gegen ein gewünschtes.
Der Holländer selbst als „global player mit burn-out syndrom“ möchte den angesammelten Reichtum tauschen gegen die Treue einer liebenden Frau. Solch dem Kapitalismus entlehnte Begriffe sind allerdings nicht ganz neu – Wieland Wagner prägte bereits den Satz „Wallhall ist wallstreet“ Der fast ruinierte Kaufmann Daland will seine Tochter tauschen gegen materielle Sicherheit (Weibes Wonne und Wert?)
Senta will die bürgerliche Enge tauschen gegen die grosse Liebe auch auf die Gefahr des Scheiterns hin. Erik will seiner bei Seeleuten verachtete Existenz als Jäger durch eine Heirat mit der Kaptänstochter entkommen.
Um dieses Konzept bühnenwirksam durchzuführen braucht es kein Schiffe, wohl aber das Meer als“herrschaftsfreie“ Zone. Dafür sorgt ein passendes Bühnenbild (Mathis Neidhardt), das Jens- Daniel Herzog schon im voraus lobte ebenso wie die von ihm neu engagierten Sänger, wobei mir der „Holländer“ Andreas Macco als vor langer Zeit in Münster engagierter Sarastro und Gurnemanz in allerbester Erinnerung ist.
Die anschliessende Diskussion zeigte dann die Sorge der „Altwagnerianer“ es fehle bei heutigen Operninszenierungen an der Romantik, wobei beim „Holländer“ wohl Seemannsromantik mit leichtem Gruseleffekt gemeint ist. Regietheater ist für viele ein rotes Tuch, wobei Jens-Daniel Herzog daraufhin wies, daß Theater ohne Regie unmöglich sei und hier wohl ein sogennanntes „Regisseurtheater“ kritisiert werden sollte.
Kaum einen Hinweis erhielten die zahlreichen Zuhörer, wie denn der gescheiterte Tauschhandel der Gefühle sich mit welchem von Wagners beiden Opernschlüssen vereinbaren liesse – da sind wir gespannt auf die Premiere am 2. Oktober 2011.
Sigi Brockmann
Zum neuen Intendanten Jens-Daniel Herzog
Jens-Daniel Herzog war nach dem Studium der Philosophie in Berlin zunächst Assistent und später Spielleiter an den Münchner Kammerspielen, wo er auch zahlreiche Uraufführungen inszenierte. Gastinszenierungen führten ihn darüber hinaus an das Schauspielhaus Zürich, das Hamburger Thalia Theater, das Wiener Burgtheater und das Schauspiel Frankfurt. Am Opernhaus Zürich stellte er sich zudem mit „Tannhäuser“, „Pique Dame“, „La finta semplice“, „Orlando“, „Königskinder“, „Intermezzo“ und „Rinaldo“ als Opernregisseur vor. Seine Inszenierung von David Mamets „Oleanna“ am Schauspielhaus Zürich wurde zum Berliner Theatertreffen, seine Inszenierung von Marlene Streeruwitz’ „New York, New York“ zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen. Von 2000 bis 2006 war er Schauspieldirektor am Nationaltheater Mannheim. Neben zahlreichen Produktionen im Schauspiel (u. a. „Don Karlos“, „Tartuffe“, „Das Käthchen von Heilbronn“, „Hamlet“, „Der zerbrochne Krug“, „Othello“, „Unschuld“ von Dea Loher und „Maria Magdalena“) inszenierte er in der Oper „Così fan tutte“, „Die Entführung aus dem Serail“ und „Die Meistersinger von Nürnberg“.
Es folgten arbeiten an der Oper Nürnberg (Verdis „Aida“), in Seoul („Hamlet“), an der Oper Frankfurt (Wagners „Lohengrin“), an der Semperoper in Dresden („Giulio Cesare“ von Georg Friedrich Händel) und an der Oper Zürich („La fedeltà premiata“ von Haydn, „Der ferne Klang“ von Franz Schreker, „Die Perlenfischer“ von Georges Bizet) sowie im Schauspielbereich am Bayerischen Staatsschauspiel München (Schillers „Turandot“ und „Der einsame Weg“ von Arthur Schnitzler). Zuletzt brachte er Puccinis „Tosca“ (Staatstheater Nürnberg) und Telemanns „Flavius Bertaridus“ (Innsbrucker Festwochen für Alte Musik/Hamburgische Staatsoper) auf die Bühne.
Seit September 2011 ist Jens-Daniel Herzog Intendant der Oper Dortmund und wird dort in seiner ersten Spielzeit Wagners „Fliegenden Holländer“ (Oktober 2011), Mozarts „Così fan tutte“ (Januar 2012) und Mendelssohns „Elias“ (März 2012) inszenieren.