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Das Testament der Tante Karoline
Premiere am 24.02.12,
besuchte Vorstellung am 01.03.12
Schnelle Erbschaft

Für die diesjährige Produktion des Opernstudios der Düsseldorfer Rheinoper haben die Beteiligten absolute Raritätenforschung betrieben, oder ist ihnen "Das Testament der Tante Karoline" ein geläufiger Titel ? Der Komponist Albert Roussel vielleicht schon eher, immerhin wurde in der Intendanz Dew am Dortmunder Opernhaus seine große, indische Oper "Padmavati" aufgeführt. Das "Testament" ist eine einaktige Operette aus seinen letzten Lebensjahren und wurde 1936 am Theater Olmütz uraufgeführt, die Musik ist äußerst gekonnt komponiert, jedoch fehlt es für das Operettenmetier an echten Ohrwurmqualitäten, doch ist sie vom gesanglichen Anspruch perfekt für eine Studioproduktion, die am Kleinen Haus des Düsseldorfer Schauspiels in deutscher Sprache herausgebracht wurde, also gleichzeitig eine gute Übung für die überwiegend ausländischen Sänger sich in der Landessprache zu perfektionieren.

Das Copyright aller Produktionsbilder liegt bei der Rheinoper
Die Handlung ist lustigerweise eine Kombination aus Puccinis Einaktern "Gianni Schicchi" und "Schwester Angelica", freilich mit Happy End: Tante Caroline hatte sich ihr beträchtliches Vermögen durch Liebesdienste erworben, die Verwandtschaft findet sich daher erst nach ihrem seligen Ableben zum Erbschaftsantritt bereit. Die Pflegerin Lucine, verliebt in den Chaffeur Noel, kümmerte sich aufopfernd in den letzten Tagen um die Verblichene. Nachdem das Testament endlich gefunden und eröffnet wurde , ist der erstgeborene Sohn einer ihrer drei Nichten der Erbe; die verheirateten Christine und Noemi sind bislang kinderlos, doch zum ergötzlichen Ende erweist sich, daß ausgerechnet Noel (am Weihnachtstag als Waisenkind gefunden), sich als Kind der dritten Nichte, der Nonne Beatrice, erweist.

Mechthild Hoersch inszeniert die einstündige Farce als expressionistisches Vaudeville, wobei das schlichte Bühnenbild von Stefanie Grau, ein Spiel mit Gewicht und Gegengewicht, aufsteigendem Orchester und versinkender Spielfläche und umgekehrt, den Blick auf das Bühnengeschehen der Sänger und ihre herrlich verspielt, grotesken Kostüme lenkt. Luiza Fatyol mit lieblichem Soubrettenton und verbesserungsfähiger Aussprache, wie der Strahletenor Ovidiu Purcel geben ein wunderbares Liebespaar ab. Jessica Stavros singt mit großem Ton die Nonne Beatrice, da könnte eine echte dramatische Stimme heranwachsen. Maria Kataeva mit sicherem Mezzo ist eine entzückend katzenhafte Noemie, Attila Fodreund Raphael Pauß (hinzuengagiert) wissen aus den kleineren Partien der Ehegatten durchaus Funken zu schlagen.

David Jerusalem gibt mit sattem Bass den skurilen Notar Corbeau auf recht rabenhafte Art, sowie Bogdan Baciu szenendrastisch einen Kurpfuscher an Arzt darstellt, dazu Rheinopern-Urgestein Cornelia Berger, die aus der Nichte Christine einen Ausbund an herrlicher Megäre macht. Ein kleiner Chor kommentiert wie in der Antike die Vorgänge, während Christoph Stöcker das Altstadtherbstorchester Düsseldorf beschwingt durch die effektvolle Partitur dirigiert. Der kurze Abend macht einfach gute Laune und zeigt die beträchtlichen Qualitäten des Düsseldorfer Opernstudios, enormer Applaus beschließt verdient die kurzweilige Aufführung.
Martin Freitag
CASTOR UND POLLUX
Premiere am 28.01.12,
besuchte Aufführung am 31.01.12
Ästhetischer Mehltau
(keine Bilder)
Die Rheinoper beendet ihren kleinen Rameau-Zyklus, nach den hübschen "Les Paladins", der enttäuschenden Platee", mit einem der reifsten Werke der Tragedie "Castor et Pollux". Die mythische Erschaffung der Sternbildes der "Zwillinge": Castor und Pollux, obwohl beide Leda als Mutter, genau die mit dem Schwan, haben unterschiedliche Väter weswegen Castor, sterblich geboren schon zu Beginn im Hades weilt, Pollux als unsterblicher Jupitersproß ihn zu erlösen hofft, die Gnade des Götterchefs versetzt sie zum Finale an den Himmel. Dazu kommt die trauernde Prinzessin Telaire, verliebt in den toten Castor, vergeblich geliebt vom Bruder. Während die emotionale Phèbè vergeblich versucht Pollux`Liebe zu erringen. Dazu jede Menge Götter und Unterweltsdämonen, für Spektakel ist hinreichend gesorgt.
Rosalie stattet die Inszenierung mit einer gigantischen Röhrenplastik aus, die durch Volker Weinharts Licht schön in verschiedene Stimmungen getaucht werden kann, ihre Kostüme sind ebenfalls von einer überbordenden Kreativität gesegnet. Dazu entwickelt Martin Schläpfer, der erfolgsverwöhnte Düsseldorfer Ballettchef mit seinem Tanzensemble seine erste Operninszenierung, was bei einer barocken Festoper mit hinreichend Balletten durchaus naheliegt.
Doch alles was auf der Bühne stattfindet, dient leider weniger der Erzählung der Geschichte, sondern mehr der Umsetzung des gefühlsmäßigen Inhalts der Musik, durch die von ihm bereits bekannten und bewährten Mittel seiner Choreographien: die Sänger und der Chor stehen meistenteils recht brav in überkommener Opernästhetik, während das Tanzensemble, selten historische Tanzformen zitierend, bereits oft bewunderte moderne Tanzeinlagen dazugibt, allzu selten mischen sich die verschiedenen Sparten.
Am überzeugendsten noch in Tänzerdoppelungen der Protagonisten, so Marlucia do Amarals Vertanzung zu Claudia Brauns hochemotionalen Arien der Phébè. Irgendwie hat man sich an der Bühnenkunst schnell abgesehen, fraglich solche, wennauch kurzen, Momente, wo der Tanz ohne Musik daherkommt.
Seinen ersten Rameau dirigiert auch der GMD Axel Kober, man merkt das aufmerksame Herantasten an die barocken Formen mit der Neuen Düsseldorfer Hofmusik, die bereits unter Konrad Junghänel Erfahrungen mit Rameau sammeln konnte. Kober sorgt für eine feine, sorgfältige Umsetzung, doch auch hier will der rechte Funke nicht überspringen, und es bleibt beim braven Musizieren.
Immerhin hat das Ensemble viel zu bieten: Alma Sadè Telaire gefällt in ihrer zarten Sopranfaktur und bringt Emotionalität und Form perfekt auf den Punkt, gegen ihren mädchenhaften Sopran setzt sich Claudia Brauns fraulicheres Timbre in den Tiefen des Charakters der Phèbè wunderschön ab. Jussi Myllys lyrischer Tenor eignet sich hervorragend für die hohe Lage des Castor, etwas zwiespältiger Günes Gürle mit samtigem Bass als Pollux der menschliche Angelpunkt der Handlung, große Klasse wenn er die Stimme schmal auf Linie hält, nicht den Stil treffend wenn er seine vokalen Möglichkeiten in zu expressive Gefilde schweifen läßt. Sami Luttinens Bass wirkt als Jupiter richtig nachtschwarz, Kararyna Kuncios Minerva erfreut, wie Iryna Vakula und Christophe Gay als Venus und Mars mit sehr "fruchtigen" Stimmen. Ovidiu Purcels interessanter Tenor läßt in der viel zu kurzen Partie des Amour aufhorchen. Tansel Akzeybek und Attila Fodre gefallen im Duett der Athleten, wie Romana Noack als glücklicher Schatten eine Ohren- und leicht tänzerische Augenweide ist, ebenso gesangsschön der Jupiterpriester Dmitry Lavrov. Das Ballett ist rein technisch große Klasse, doch die Inszenierung und Choreographie leider nicht wirklich aufregend. Der Chor klingt, nach den bereits stilecht gesungenen Rameauopern, eher enttäuschend, denn man hört immer wieder einzelne Solisten heraus, so richtig choraler Mischklang stellt sich nicht allzu oft ein.
Insgesamt sicherlich ein interessanter Abend, doch in seiner künstlerischen Umsetzung überzeugt er mich leider nicht.
Martin Freitag
Des Entomologen Schreckensstunde oder ein neuer Beitrag zur Pathologien des Insektenlebens - Weder noch. Es ist die Inszenierung Rossinis
Il Barbiere di Siviglia
an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf.
Personen. Genauer, Insekten: Die Biene, die ihre Fortpflanzungsbegierden auf einen Schmetterling richtet - es ist der Graf Almaviva (José Manuel Zapata), ein Verliebter mit wenig Verstand und viel Geld.
Die Laus (Blattlaus? Florfliege?), die sich schnell der wechselnden Umgebung und Situation anpasst oder regungslos und neugierig vorübergehende Abwesenheit vortäuscht - es ist Don Basilio, Gesangslehrer und sonst für alles zu haben, wenn der Preis stimmt. In dieser Laus-Rolle zeigt Sami Luttinen ganz vergnügt sein komisches Talent.
Die Spinne, die auf die Beute aus ist und sie umgarnt, um sie allein nur für sich zu haben - das ist Don Bartolo (Bruno Balmelli), der Vormund der schönen und jungen Rosina. Ich habe gedacht, gleich wird aus der Riesenblume, die die Bühne beherrscht (Bühnenbild & Kostüme Christian Schmidt) und vor der die Biene Almaviva, die Drohne Barbiere und das Bienenvolk Chor sich taumeln, ein zartes Blümchen Rosina heraustreten. Aber nein, Rosina (Lena Belkina) ist doch ein Schmetterling, der sich sehr auf die Avancen einer Biene freut, und flattern, fliegen und flirten will. Allzu deutlich in dieser Insektenwelt ist die Relation Spinne Bartolo und Schmetterling Rosina. Die Spinne will den Schmetterling fangen, umgarnen und festhalten. Und allein verzehren.
Dann gibt es noch die Schnecke, die sie im Kriechtempo bewegt - das ist die Berta (Romana Noack), die Hausbedienstete bei Bartolo, stets prompt zu Diensten. Sie schleicht sich auf die Bühne unter einem sie fast erdrückenden Schneckenhäuschen mit der Langsamkeit, die Bediensteten eigen zu sein scheint. Sie ist die beste Stimme des Abends mit ihren klaren, präzise artikulierten Koloraturen. Und gleich nach ihrer besticht die Stimme der Flugameise (Dmitri Vargin), des Barbiere Figaro. - In der Pause rätselt man, war es doch die Drohne und nicht die Ameise?
Der Regisseur Claus Guth hat nicht vermocht, seine Idee, die Handlung der Rossini-Komödie in die Insektenwelt zu verlegen, anderthalb Stunden lang interessant und fesselnd durchzuführen. Folge: die Langeweile einer aus Verstehen besuchten Kinderparty, die in viel Theaternebel eintaucht wie Sprühnebel des Insektensprays , der den Tierchen den Verstand trübt und bei Publikum Hustenreiz auslöst. - Ja, die Spraydose kommt auch tatsächlich zum Schluss des 1. Aktes zum Einsatz und vertreibt die herumirrenden Ameisen - das sind die Soldaten, die Almaviva verhaften sollten. Die Ober-Ameise (oder ist das eine große Arbeiter-Biene?) fällt gleich tot um, als sie die Papiere des Grafen geprüft hat. Hört man da auch nicht ab und zu einen Summen und Brummen in der Musik heraus wie aus einem Bienenstock? Ach, die Kraft der Suggestion! Zugegeben, es gibt einige gelungene Szenen, in denen sich die Komiksituation aus dem gesungenen Text, der Artikulation der Musik und dem Schauspiel ergeben - einzelne Comedy-Einlagen in einem eher langweiligen Kindertheater. Diesem galten wohl die lauten Buhrufe beim Schlussapplaus am Premierenabend. Wieder mal rettete Rossinis Musik das Bühnengeschehen vor Lächerlichkeit. Sie ist komisch, komisch auf Distanz, weil sie der Komik der Szenen, des Textes, und des Schauspiels den Vortritt gewährt.
Dann die Pause. Und was für eine Erleichterung! Damit endet die Kindervorstellung und Claus Guth lässt das Ensemble, diesmal als Menschen verkleidet, als Rosina, Almaviva, Bartolo, Basilio und Barbiere Figaro, vor einer schlichten hellen Wand die Komödie weiter spielen. Sie brauchen nicht mehr als nur eine Drehtür in der Wandmitte und zwei Klappsitzen für die Verwechslungs-, Verkleidungs-, Täuschungs- und Überlistungsszene, in der Don Basilio im Haus von Bartolo unerwartet auftaucht und in einem Quintett Cosa Veggo! fast zum Tode gesungen wird. Es ist eine der komischsten Episoden in Rossinis Opern und sie wird von dem Düsseldorfer Ensemble auch wirklich komisch gespielt. Nur schade, dass man darauf anderthalb Stunden lang in einer zwar bunten aber eher langweiligen Kindervorstellung warten muss.
Jan Ochalski
Premiere am 2. Dezember 2011. Weitere Vorstellungen:
Opernhaus Düsseldorf: 29. Dezember 2011, 5.,22.,29. Januar, 5. Februar, 25. April, 2. Mai, 7. Juni, 5. und 7. Juli 2012.
Theater Duisburg: 17., 23., 25. März, 11., 13., 22. April, 12. und 19. Mai 2012.
CARMEN
Premiere am 04.12.11
besuchte Aufführung am 13.12.11
In der Klischeefalle
Copyright aller Produktionsbilder: Deutschen Oper am Rhein
In Kooperation mit der Opera National de Lorraine hat die Rheinoper , nach Rossinis "Barbier", eine zweite Sevilla-Oper herausgebracht: Georges Bizets "Carmen". Im Programmheft erläutert Carlos Wagner sein Inszenierungskonzept; von Goyas Bildern und Zeichnungen inspiriert mit schwarzem Humor die Spanienoper zu inszenieren, wirklich finden sich immer wieder Anklänge an Goyas Bildwelt, die sich dem Kenner des Malers erschliessen, eine Notwendigkeit diesen Umstand mit "Carmen" zu verbinden, findet sich jedoch nicht. Doch wer das nicht weiß, sieht eine recht herkömmliche Inszenierung der ersten zwei Akte, da wird ordentlich mit schwarz-roten Flamencokleidern gewedelt, Escamillo trägt das schicke goldglitzernde Torerokostüm (Patrick Dutertre), ansonsten eine Regie, die sich in ihrer Intensität an der Imagination der Darsteller entzündet, manches ungeschickt, immer wieder kleine inszenierte Episoden, während der Gesamtchor zum Tableau erstarrt steht und ansonsten möglichst schnell von der Bühne entsorgt wird. Im Schmugglerbild werden dann Menschen in Kisten geschmuggelt, noch kühner wenn im letzten Bild der Chor den Toreroaufmarsch besingt, aber erstmal nichts passiert, bis dann Don Jose in blutbefleckter Metzgerschürze auf einer Schubkarre toten Stier über die Bühne schleppt. Carmen geriert im Finale zu einer Torera und wird von ihrem Exgeliebten mittels eines Stierkopfes erdolcht.Alles findet in einem Bühnenbild statt, dessen Vorzüge sich in schneller, geschickter Umwandlung der Handlungsplätze erschöpft, doch in seiner biederen Kulissenhaftigkeit keinen bleibenden Eindruck hinterläßt (Rifail Ajdarpasic) Insgesamt ist die Inszenierung weder Fisch, noch Fleisch.

Genauso klingt leider die pauschale Interpretation unter Axel Kober: im Vorspiel läßt er die Düsseldorfer Symphoniker ordentlich drauflospreschen, was bei den oft bratzigen Blechbläsern kein Vergnügen bereitet, dann wieder verschleppt er am Anfang des zweiten Bildes das Zigeunerlied unsäglich, Bizets hätte mehr Delikatesse und Interpretationswillen als an diesem Abend vertragen.

Das lohnenswerte des Abends entsteht aus den Sängerpersönlichkeiten: Morenike Fadayomi ist eine echte Carmen: schon die äußere Erscheinung mit schwarzen Locken, erotischer Präsenz, der üppigen weiblichen Figur, wow ! Stimmlich ein tiefer Sopran singt sie mit der mediterranen Leichtigkeit, schafft ebenso die temperamentvoll leidenschaftlichen Ausbrüchen, wenn auch nicht alle Verblendungen perfekt sitzen, man hätte ihr ein besseres Leading-Team gewünscht; was hätte werden können, sieht man beim Zigeunerlied, wenn sie durch die rassige Choreographie (Ana Garcia) mit der Flamencotruppe im Tanz verschmilzt, was ihren Kolleginnen Iulia Elena Surdu und Theresa Kronthaler prächtig als Frasquita und Mercedes ebenso gelingt. Hervorragend Sergej Khomov als Don Jose, sicherlich eine der Paradepartien des Tenors, den leidenschaftliche Verve, wie stilistische Gediegenheit, lassen die Blumenarie, wie das Finale mit Carmen zu Höhepunkten des Abends werden.

Sylvia Hamvasi singt dazu eine angenehme, in der Höhe etwas schmale Micaela, leider von der Regie völlig stehen gelassen. Boris Statsenko besitzt zwar alle Töne für den Escamillo, doch dröhnend im Dauerforte, vermisst man französische Linie und Eleganz. Überhaupt wird in Düsseldorf in einem sehr internationalem Französisch gesungen. Florian Simson gefällt als Remendado, mehr als Mark Bowmann-Hesters Dancairo. Adam Palka und Bogdan Baciu bringen die Offiziere Zuniga und Morales hervorragend über die Rampe. Die Chöre hätten mehr szenische Forderung vertragen, überzeugen vokal auf jeden Fall

Insgesamt ein, für den Kenner, nicht so überzeugender Abend, doch wer einfach mal "Carmen" sehen und hören möchte, findet sich gut bedient.
Martin Freitag
DER BARBIER VON SEVILLA
Premiere am 02.12.11,
besuchte Aufführung am 07.12.11
Wir sind Insekt !

Copyright aller Produktions-Bilder: Deutsche Oper am Rhein
Zur Eröffnung des Düsseldorfer Opernhauses, nach der Vergrößerung des Orchestergrabens, kaufte man vom Theater Basel Claus Guths sehr erfolgreiche Inszenierung von Gioacchino Rossinis Dauerbrenner "Der Barbier von Sevilla" ein, der vor eineinhalb Jahren ordentlich Furore in den Feuilletons machte. Guth übersetzte die Typenkomödie zu Rossinis motorischer Musik in ein Insektenreich. An der Rheinoper übernahm Nina Kühner die szenische Einstudierung. Wenn sich der Vorhang hebt blicken wir auf eine riesige Blüte inmitten überdimensionierter Blätter, der engagierte, wohlklingende Herrenchor klettert wie schwärmende, geflügelte Ameisen unter Bogdan Bacius angenehm baritonaler Aufsicht als Fiorello umher, um mit Almaviva das Ständchen zu bringen.

Jener eines edlen Insektenvolkes der Bienen entstiegen, ist lediglich eine pollenberauschte Drohne, an Biene Majas Freund Willi erinnernd, torkelt von gelben Konfetti umgaukelt Jose Manuel Zapata auf die Bühne, eine absolut komische Mimik und ein sparsames, doch perfektes Körperspiel, wird erreicht, da der perfekte Rossini-Tenor mit leuchtender Höhe und delikaten Fiorituren ein Routinier vor dem Herren ist, kein Wunder, wenn er diese Partie auch an der Met singt. Mit beweglichem, eleganten Bariton auf gleichem Niveau tritt die gewiefte Schmeißfliege Figaro mit ihrer glänzenden Kavatine auf, Dmitri Vargin singt mit Zapata das Goldduett zu einem musikalischen Höhepunkt der Abends. Anmutig eingehäkelt entpuppt sich Rosina zu einem bezaubend anmutigem Schmetterling, Lena Belkina wartet mit schön timbriertem Mezzo und feinem Vibrato auf, doch rein gesanglich erklingen viele recht freie Notenwerte, wo gerade Rossini seine Gesangslinien in der Partitur ausgeschreiben hatte, vokal finden sich viele Unausgegorenheiten.

Bruno Balmelli, als Bartolo eine männliche Spinne Thekla, und Sami Luttinens Basilio, als "Wandelndes Blatt" (eine Mimikry-Heuschreckenart) ein Meister der Anpassung, hat man gesanglich beide schon besser gehört, als an diesem Abend, doch ihre vokale Gestik, spielerischer Witz mittels einer unglaublichen "Vis comica" machen Freude. Dazu als Hausschnecke Romana Noacks umwerfende Berta, in ihrer "Sorbetto"-Arie zeigt die Sopranistin wie man aus einer Nebenpartie eine Hauptrolle gestaltet (, und erhält dafür am Ende berechtigt mehr Applaus als die Rosina). Im zweiten Akt dürfen die Protagonisten dann wieder Menschen sein, getrieben von den animalischen Bedürfnissen ihrer tierischen Vorbilder, um im Finale wieder ins dekorative Insektenleben abzutauchen. Doch trotz der erzählten Vergnüglichkeiten will der Abend nicht recht in Schwung kommen, manche recht alberne Kleinigkeit entgleist zu bemühter Lustigkeit.

GMD Axel Kober liefert dazu einen trockenen, ordentlichen Rossinisound, kann jedoch nicht alle Unstimmigkeiten zwischen Bühne und Graben verhindern. Die Düsseldorfer Symphoniker spielen im Grunde saubere, italienische Spieloper, doch mancher Patzer, wie in der Ouvertüre an sehr prominenter Stelle, müßte nicht sein.
Ein freundlicher, wenngleich nicht berauschender Schlussapplaus beendet den dreistündigen Abend.
Martin Freitag
P.S.
Dazu unser Opernfreund Weihnachtstipp:

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