DER OPERNFREUND - 44.Jahrgang
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Verdi´s Dauerbrenner

LA TRAVIATA

Premiere in Düsseldorf am 22.2.2014

Fast ein Sängerfest am Rhein

Nach längerer Rundreise mit Startpunkt Leipzig 1996 und Zwischenhalten in Bonn 2006 und 2013 und Duisburg Oktober 2013 ist die Produktion des ungarnstämmigen Andreas Homoki nun in Düsseldorf angekommen. Der Regisseur fungiert nach Stationen als Regieassistent in Köln und Chef der Komischen Oper in Berlin seit 2012 als Intendant derZüricher Oper. Wie zu hören war, hat er in Duisburg und in Düsseldorf noch einmal ein wenig mit Hand angelegt; die Aufführung in Düsseldorf ist aber wohl im wesentlichen dem Regieassistenten Philipp Westerbarkei zu verdanken, wie der Hausherr Christoph Meyer bei der Premierenfeier dankend vermerkte.

Es ist müßig, den zahlreichen Rezensionen der Inszenierung eine weitere anzuhängen; aber auch beim erneuten Besuch bleibt die Faszination dieser minimalistischen, kammerspielartigen schwarz-weißen Inszenierung erhalten, die nicht mit pompöser Ausstattung ablenkt, sondern mit einer stringenten Personenführung die sozialen und mentalen Nöte der Protagonisten sowie das Verhalten des gesellschaftlichen Umfelds auf dem spiegelglatten Parkett eindrucksvoll herausarbeitet. Einige veralbernde Rezensionen früherer Aufführungen können nicht im mindesten betätig werden. 

Der Rezensent, ein „bekennender" Traviata-Fan, hatte sehr gut noch die Aufführung in Bonn mit der faszinierenden, opulent singenden und spielenden Miriam Clark in Kopf und Ohr und sie in seiner Bewertung als seine neue „Lieblingstraviata“ geadelt. Das hat sich nach der Düsseldorfer Aufführung ein wenig geändert. Nicht umsonst waren im ausverkauften Hause zahlreiche Kölner Operngänger zu entdecken, welche den Triumph der Olesya Golovnea in „Eugen Onegin“ und „Krieg und Frieden“ im blauen Zelt am Rhein noch einmal in einer anderen Rolle auskosten und goutieren wollten; sie kamen alle voll auf ihre Kosten.

Olesya sang nicht nur die Rolle, sie war die leibhaftige Traviata auf der Bühne. Zart und zerbrechlich präsentierte sie die begehrte Dame im erotischen Milieu, die Bürgerliche auf dem Lande und die Verzweifelte, die mit ihrem Schicksal haderte, mit ungeheurer Intensität und ihrer fulminanten Gesangskunst. Ein über das ganze Spektrum müheloser Sopran, stimmschön und mit makelloser Technik, mit zartem Piano, herllichen Legati, vulkanähnlichen Ausbrüchen und ausgereizten Ritardandi. Es war ihr großer Abend, der sich in zunehmendem Zwischenapplaus und jubelnden Bravos zum Schluss entlud.

Die Titelfigur hat beim Schlussapplaus zumeist leichte Vorteile; aber das Düsseldorfer Publikum überschüttete auch das beliebte Ensemblemitglied Laimonas Pautienius als Vater Germont mit nicht enden wollenden Beifall. Für den Rezensenten war er der eigentliche Star des Abend, ein Glücksfall für die Rheinoper. Sein klangschöner strömender Bariton in in seiner großen Arie im zweiten Akt und das Duett mit der zunächst ungeliebten Traviata, das überzeugende Wechselspiel der Gefühle zwischen dem Grandsigneur und der früheren Kurtisane um Familienehre und Liebe ist ohnehin eine der Highlights der Opernliteratur – hier in jeglicher Hinsicht perfekt dargeboten.

Etwas schwerer im Trio hatte es Andrej Dunaev als Alfredo. Seine in der Höhe sichere Stimme kam etwas uneinheitlich, man hätte sich gelegentlich etwas mehr tenoralen Schmelz und Glanz gewünscht, was vor allem in den Ensembles zum Tragen kam. Auch szenisch erreichte er nicht ganz die Klasse seines Vaters und der Freundin. Dennoch insgesamt eine sehr ordentliche Leistung des Russen.

Maria Kataeva und Hagar Sharvit als Flora und Annina agierten und sangen rollentypisch hervorragend, ebenso wie die Comprimarii und der stimmstarke Bogdan Baciu als energischer Douphol. Auch der Chor unter Christoph Kurig präsentierte sich – von gelegentlichen kleineren Ungenauigkeiten im Tempo abgesehen - in hervorragender Form.

Der international gefragte britische Dirigent Jonathan Darlington, Music Director der Vancouver Opera und ehemaliger GMD der Duisburger Philharmoniker, ist mit den rheinischen Verhältnissen vertraut. Nach kleineren anfänglichen Wackeleien hatte er das Orchester bestens im Griff, begleitete sängerfreundlich und mit lyrischem Grundklang, dennoch mit dramatischen Ausbrüchen, spannungsvoll schönen Bögen und zartesten Pianos. Sehr lange stehende Ovationen belohnten Sänger und Dirigent, wenn auch leider in Abwesenheit des Produktionsteams.

Die Inszenierung, die von der Bonner Oper im Tausch mit einer noch zu benennden Düsseldorfer Produktion kostenfrei überlassen wurde, bleibt zum Ende der Spielzeit im Programm, allerdings mit wechselnden Besetzungen. Wer die Premierenkombination Goloneva/Pautienius hören mag, informiere sich auf der Webseite des Hauses.

Michael Cramer

Bilder: Deutsche Oper am Rhein / Hans Jörg Michel

 

 

 

Im Bankermilieu

LOHENGRIN

... ohne Schwert, Horn und Rüstung

Premiere Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf am 18.1.14

Kein Wunder ist geschehen

 

Nun ist es Zeit, des Reiches Ehr zu wahren; ob Ost, ob West? Das gelte allen gleich! Was deutsches Land heißt, stelle Kampfes Scharen, dann schmäht wohl niemand mehr das deutsche Reich - Wohlauf mit Gott für deutschen Reiches Ehr!

(Originaltext Richard Wagners LOHENGRIN)

LOHENGRIN ist im Zeitalter des modernen Musiktheaters eine mehr als heikel zu inszenierende Oper; man kann damit eigentlich nur noch eine Bruchlandung vollziehen, auch bei guten Absichten. Diese sind der Regisseurin Sabine Hartmannshenn und ihrem Team durchaus zu unterstellen, denn anders als der große Neuenfels in Bayreuth mit seinem Ratten-Lohengrin, will sie den alten Ritchie nun wirklich nicht auf den Arm nehmen oder der Lächerlichkeit preisgeben bzw. den Altwagnerianern eins auswischen. Treppenwitz der Rezeptionsgeschichte Lohengrins: Dieser Bayreuther Bockmist wird - nicht nur von der allgemeinen Musikkritik -mittlerweile schon zum Kult erklärt und durch die TV-Wiedergabe beim Kulturkanal ARTE sogar geadelt. http://deropernfreund.de/bluehender-bockmist.html

Aber vielleicht wäre so ein Ansatz besser und populärer gewesen als das, was nun letztlich gestern Abend herausgekommen ist.

Zurück zum Lohengrin: Deutschtümelde unsägliche Texte und eine musikalische Gravität im Pathos, die GMD Axel Kober in Düsseldorf noch kräftig unterstrich, indem er das ohnehin nicht besonders einfühlsam und sauber klingende Blech der "Düsis" (Nomen es Omen!) so richtig aus dem Vollen schöpfen lies, als müsste man im Dauerfortissimo Siegfrieds Trauermarsch tröten.

Dabei wäre etwas mehr Sängerfreundlichkeit aus dem Orchestergraben schöner gewesen, insbesondere wenn man nur wenig richtige Wagnerbrüllstimmen (Achtung Ironie!) hat; und Susan Maclean (Ortrud) wäre dann vielleicht am Ende nicht ausgebuht worden. Stefan Soltesz hatte bereits vor Jahren in Essen bewiesen, dass man Wagners lautmalerische Schwerenöterei, auch ohne dass es kammermuskalisch oder stimmtötend klingt, ohrengenehm rüberbringen kann; auch das Vorspiel zum dritten Akt wird durch monumentale Lautstärke mitnichten besser.

Mehr Sorgfalt verwendete man darauf, die vier originalen Königstrompeten - extra aus der Trompetenklasse der Folkwang Universität Essen eingeflogen - von der Balustrade schmettern zu lassen; sehr sauber übrigens! Im dritten Akt durften dann auch einige Orchestertrompeten überflüssigerweise aus dem Ersten Rang blasen, als wären wir beim heiligen Sankt Martin in der Düsseldorfer Altstadt.

Wird dann noch ein statisch hässliches Allerwelts-Einheits-Bühnenbild - Dieter Richter lies einen halbrunden Balustradenhintergrund zimmern, von dem eine große Treppe nach vorne führt - präsentiert, welches dem Chor kaum Bewegungsmöglichkeiten erlaubt, dann braucht man sich nicht zu wundern, dass die Damen und Herren ziemlich alleingelassen und ratlos herum stehen, als warte man auf den imaginären Bus oder die verspätete Bundesbahn.

Ich würde dem Bühnenbildner jenen noch von uns zu kreierenden güldenen Abrisshammer am Hosenbandorden, als quasi negativen Bühnenbildner-Preis (ähnlich der Goldenen Himbeere beim Film), für das schlechteste Bühnenbild des Jahres zuerkennen. Jemand hinter mir raunte Für so ein Bühnenbild braucht es keine Künstler, sondern Schaufensterdekorateure! Da könnte die Rheinoper zukünftig doch einiges Geld sparen. Kleiner Trost ist, dass dieses Jahr gerade erst angefangen hat.

Na wenigstens läuft diese überflüssige und herb enttäuschende Wagner-Produktion nicht Gefahr, wegen sich krank meldender schockiert überforderter Zuschauer oder der Proteste pöbelnder Steinzeit-Wagnerianer (Sonderseite Of) morgen schon wieder abgesetzt zu werden. Auch hörten wir noch keine Einwände aus der Düsseldorfer Jüdischen Gemeinde. Über die Leiden der Kritiker wollen wir hier natürlich nicht reden.

Unsere LOHENGRIN 2014 spielt im Banker/Börsenmileu - wo sonst? Wenn man einen zeitkritischen aktuellen Aufhänger sucht, ist "Bankerbashing" natürlich immer treffend, besonders in einer Welt, wo das Ansehen eines Zuhälters mittlerweile größer ist als das eines Investmentbankers. Leider hat selbst der gewandte Dietrich Hilsdorf damit justement bei Verdis Essener Räubern damit auch schon Schiffbruch erlitten. Heuer wurde nun die Oper regiemäßig vom 10. ins 21. Jahrhundert transponiert. Was natürlich in uns die spannende Frage erweckt: Wie löst die Regisseuse hic et nunc die ohnehin heiklen Probleme der mythischen Sagenvorlage?

Ganz einfach: Die brabantischen Mannen sind nun Banker, Spekulations-Ganoven im sauberen Makleroutfit von Hugo Boss. Man hat den ganzen Laden versaubeutelt; die Bank ist pleite, das Land ruiniert. Da ist es natürlich logisch, dass bald der Landesfürst auftaucht wird, bevor Brabant im internationalen Werteindex auf Griechenland-Niveau gesetzt wird. Das möge Gott verhindern! Also wartet man auf ein Wunder... Hier traut sich dieses Geldgesockse natürlich nicht nach Hause an den gemütlichen Heim und Herd, weil man draußen überall auf Protestler im Penner- und Hippieoutfit (Kostüme: Susanne Mendoza) trifft, welche die Bank belagern.

Beim Öffnen des Vorhangs, schon beim nicht ganz beendeten Vorspiel zum 1. Akt, gewahren wir, dass eine Horde dieser schlamperten Burschen sich ins Aller-Heiligste der Bank vorgewagt hat; nicht etwa um den Ganoven im Nadelstreif eine ordentliche und verdiente Abreibung zu verpassen - nein man glaubt es kaum ! - sie hängen nur friedlich drei harmlose Protest-Plakate auf, bevor sie von der Security (wie kamen diese Burschen eigentlich überhaupt in die Bank?) wieder herausgedrängt werden.

Immerhin fängt alles spannend und vielversprechend an und es endet auch nicht unwitzig, denn einen Schwerter-Zweikampf (wie sollte der auch aussehen in dieser Zeit) gibt es natürlich nicht. Was machen wir dann? Russisches Roulette schließt sich an der Rheinoper aus, sonst würde es wieder manchem Zuschauer schlecht; außerdem ist ja nicht unbedingt gewährleistet, dass auch der Böse getroffen wird. Obwohl, mit Gottes Hilfe...

Die Lösung der Regie für diese heikle Szene (siehe Bild oben) ist so genial wie einfach: Friedrich von Telramund (eine passable Sanges- und Darsteller-Leistung von Simon Neal), der bisherige Direktor, wird entlassen - und erhält neben seiner schriftlichen Kündigung den obligaten Koffer voller Bargeld und Hausaktien, während der neue Herr im Haus, Dr. Dr. Josef Ackermann von Lohengrin (gesanglich hält Robert Sacca die schwierige Partie passabel durch) sich den Maßanzug auswählt, den der Landesvater (Hans-Peter König in souveräner Altersloyalität auf den Spuren von Karl Ridderbusch) ihm in gleich zwei Ausführungen offeriert. Hat das noch etwas mit der Sage von Lohengrin zu tun?

Nö, aber es ist durchaus ein spannender Ansatz! Ende des ersten Aktes.

Zum zweiten Akt wurde die scheußliche Holzwand vor der Treppe entfernt - daher die viel zu lange fast 35-minütige Pause. Immer noch schwebt dieser hässliche große Beleuchtungsring, der aussieht wie ein riesiger Kochtopfdeckel (innen illuminiert) über der Szene - der Sinn wird sich erst im dritten Akt erschließen. Nein, es ist kein Ufo! flüstere ich meinem fragenden Nachbarn ins Ohr. Obwohl...?

Nun hätten wir fast Elsa (die wunderbar singende und überzeugend agierende Manuela Uhl) vergessen, die im ersten Akt als von mehreren Krankenschwestern begleitetes delierendes tablettenabhängiges Wesen herumstolperte und beim kritischen Zuschauer diverse Fragen evozierte:

- Wer steht von den Kerlen in irgendeiner Beziehung zu dieser obskuren Elsa?

- Warum wurde sie drogenabhängig?

- Was macht überhaupt ein Weib in der leitenden Personal-Abteilung einer Bank?

- Was macht die zweite Frau (jene Ortrud) eben dort?

Aus der Langeweile des zweiten Aktes, wo Text (dankenswerter Weise übertitelt) und Handlung nun völlig auseinanderdriften, seien zwei immerhin ganz imposante Einfälle zitiert. So lässt sich Telramund nicht sofort von seiner dominanten Herrenfrau aus der Vorstandsetage zum Verrat überreden - er zögert erkennbar ihr zu folgen , öffnet seinen Geldkoffer, wühlt in den Millionen und grübelt. Wir erraten seine Gedanken: Soviel Geld! Was für ein schönes problemloses Leben könnte ich führen. Ist der Ruf auch ruiniert... Doch er ist zu abhängig von seiner Frau Ortrud und ihrem Zauberwahn - immerhin ein schönes Intermezzo; steht zwar nicht so bei Wagner, ist aber im Gesamtkonzept dieser Modernisierung in diesem Moment glaubwürdig.

Auch löst Sabine Hartmannshenn endlich das Rätsel, welches wir Wagnerianer seit Anno Dunnemal mit uns herumschleppen, nämlich: Wie blöd und dusselig ist eigentlich diese blonde Elsa, dass sie ihre Erzfeindin dann doch noch zu sich wieder einlädt? Die Lösung ist wieder so genial wie einfach und überzeugend: Sie ist Ortrud in heimlicher lesbischer Liebe verbunden, sagt jedenfalls die Regisseurin. Mich hat das überzeugt. Ja, so sind die Weiber; erst schwören sie Treue (im ersten Akt) und schon im Zweiten...

Gesegnet sollt ihr schreien...

Vielleicht klingt der Chor auf dem ersten bis dritten Balkon für Zentralsitzende besser; nun habe ich mir den Außenplatz 13. Reihe freiwillig gewählt, aber alles, was über die wirklich vorbildliche Intonation der mittleren und leisen Töne hinausging, klang schrecklich in meinen sensiblen Ohren, wenn es laut wurde. Dass die Regie später den so wichtigen Chor auch noch ins Off verbannt, ist natürlich unverzeihlich.

Der dritte Akt ist in wenigen Worten abgehandelt, denn es passiert nichts Signifikantes mehr. Kleinere Bühnenbild-Retuschen: Das Bankambiente wird mit einem riesigen - an billige Duschvorhänge erinnernden - hellblauen Vorhang verdeckt und das Rätsel des Ufo-Rings wird gelöst: Man brauchte ihn für einen zweiten kreisrunden Vorhang für das Brautbett, welches nun überraschend am Ende der Elendstreppe thront. Der einbrechende Friedrich wird von Elsa mit der Champus-Flasche erschlagen und das war's dann ...

Kein Wunder mehr, nicht einmal die kleinste Erscheinung. Lohengrin verschwindet unauffällig. Irgendwo zischt es laut und nervend, als wäre ein Hydraulikschlauch gebrochen. Zu sehen ist nichts. Wo ist Gottlieb? "Seht da den Herzog von Brabant! Zum Führer sei er euch ernannt!" Das Publikum ist ratlos. Wir haben ihn auch auf dem Heimweg nicht gefunden ...

Peter Bilsing 19.1.2014

Bilder: Deutsche Oper am Rhein / Hans Jörg Michel

 

 

 

DIE CSARDASFÜRSTIN

Besuchte Vorstellung am 14.12.13      (Düsseldorfer Premiere am 07.12.13)

Nur ein Putzfrauentraum...

Es ist schwierig, wenn man in bereits vielgelobte Aufführungen geht, so bei Kalmans Operette "Die Csardasfürstin", die letzte Saison am Duisburger Haus Premiere hatte und jetzt in den Düsseldorfer Spielplan übernommen wurde. Viele Kritikerkollegen hatten sehr gute Besprechungen abgegeben, Freunde viel Gutes erzählt, die Vorschusslorbeeren waren hoch, meine eigene Erwartungshaltung zu hoch.

Joan Anton Rechi erzählt das Werk als Rückblick einer Reinemachefrau, die früher wohl die Chansonette Sylva Varescu war. Alfons Flores Bühnenbild hat das Wiener Looshaus(1910) mit seiner kühlen Architektur zum Vorbild und zeichnet einen völlig unkitschigen und sehr effektvollen Rahmen. Sebastian Ellrichs Kostüme siedeln die Handlung allerdings nicht in der Entstehungszeit (1915) an, sondern kurz vor Beginn des nächsten Weltkrieges also etwa 1932, so hat der böse Cousin Rohnsdorff, schön zynisch Christian Bartels, eine Art Nazi-Uniform an, das war allerdings auch schon der Zeitbezug. Ansonsten erzählt Rechi die zugegeben etwas kitschige Mesaillance zwischen Künstlervolk und Adel möglichst forsch, im ersten Akt noch etwas aufgelockert durch Amelie Jalowys Choreographie, im zweiten Akt fast ein wenig fremdschämend für das Banale wird Text und Spiel etwas läppisch behandelt.

Lediglich die wenigen übriggebliebenen Kalauer entlocken dem Publikum ein paar Lacher. Was völlig unter den Tisch fällt ist das "Ungarische", was Kalmans Musik mit mehreren mitreißenden Csardas` doch wesentlich prägt. So richtig Stimmung will nicht aufkommen, das Sentiment wird sich verkniffen. Im Programmheft versucht ein Artikel von Moritz Csàky die Unzulänglichkeit dieses Genres, mit Thesen die ich teilweise einfach für falsch halte, zu beweisen. Wenn man nicht dahintersteht, stellt sich doch die Frage , warum man so ein Stück überhaupt spielt. Ein weiteres ganz wesentliches Manko ist die Textunverständlichkeit des gesprochenen, wie gesungenen Wortes, da nützen auch keine Übertitel der Gesangstexte.

Nataliya Kovalova sieht einfach hinreißend in den Kostümen aus, gesanglich ist ihre Sylva Varescu nicht ganz befriedigend. Zwar hat man mit ihr einen Sopran, der gut mit dem Volumen in ein großes Haus passt, doch die dramatischeren Partien der letzten Zeit sind nicht spurlos vorüber gegangen: die Mittellage klingt nicht gut gestützt, der Übergang wird etwas fahl und in der Höhe schleichen sich einpaar uncharmante Töne ein, nicht fortwährend, doch den Schönklang mindernd. Bernhard Berchtold als Edwin macht mit großformatigem Tenor seine Sache recht gut, da hätte man sich durchaus die später von Kalman eingefügte Solonummer gewünscht. Aisha Tümmler verbreitet als Stasi soubrettenhaften Liebreiz, soweit die Regie es jedenfalls zuläßt. Florian Simson gefällt durch seine Präsenz, stimmlich klingt sein Tenor recht weiß, die Regieanlage gesteht ihm leider keinen Charme zu. Bruno Balmellis Bariton klingt als Feri Bacsi zwar gut, doch die Rollenanlage der Regie macht zu wenig aus dieser eigentlich sehr schönen Partie. Peter Nikolaus Kante und Barbara Olschner als fürstliches Elternpaar müssen den Text einfach so herunterreißen, die Chansonettenvergangenheit der Fürstin als "Kupferhilda" wird so gut wie weggelassen.

Lukas Beikircher hat mit den Düsseldorfer Symphonikern hervorragend gearbeitet, denn das Orchester klingt so gut wie selten. Was mir nicht gefällt sind die Tempi: die schnellen Nummern werden so schnell genommen, das ein Texttransport unmöglich wird, die langsamen Nummern, vor allem die Walzer sehr getragen genommen, so daß am Ende ein wenig der Schwung fehlt. Insgesamt hatte das Publikum doch weitgehend Freude an den vielen schönen, bekannten Melodien, doch die ganze Aufführung trägt so einen erkältenden Zug in sich, das sie irgendwie an einem vorbeirauscht. Zu wenig Unterhaltung für das Genre Operette.

Martin Freitag 17.12.13                           Bilder: Hans Jörg Michel

 

 

LA TRAVIATA

Besuchte Premiere am 8.10.13

Repertoirepflege

Die Deutsche Oper am Rhein hatte in der letzten Zeit wenig Glück mit der Pflege ihres Repertoires, die gelungenen Premieren betrafen meistens Werke, die keine große Verweildauer aufweisen, weil sie keine Publikumsrenner sind, oder möglichen Repertoirestücke kamen in unglücklichen Aufführungen heraus, die sich wenige Zuschauer ein zweites Mal anschauen wollen, wenn sie nicht nach der Premiere abgesetzt wurden. Insofern ist die Premiere von Andreas Homokis Inszenierung von "La Traviata" nicht nur ein Beitrag zum Verdi-Jahr, sondern auch eine Produktion, die sich in ihrer gediegenen Klassizität über Jahre gut im Spielplan halten läßt. In der Spielzeit 1996/97 an der Oper Leipzig herausgekommen, hatte sie in den letzten Jahren den Spielplan der Bonner Oper bereichert.  

Frank Philipp Schlößmanns Bühne ist denkbar schlicht, wie ausreichend: ein abgrundeter, schwarzer Parkettboden vor einem schön beleuchteten Rundhorizont. Wie auf einer Shakespeare-Bühne läßt Homoki das Drama der Kameliendame nahezu klassisch ablaufen, da braucht man weder eine Inhaltsangabe, noch Übertitel, um die Handlung zu verstehen. Böse Menschen werden die Inszenierung der Unorginalität zeihen, doch was spricht dagegen ein Stück werkgetreu und verständlich darzustellen, also eine perfekte Aufführung für Opernanfänger. Als szenischer Effekt dürfen einmal Blumen aus dem Boden sprießen, werden einmal Stühle gestellt, ansonsten zählt nur Aktion und Musik. Und natürlich die eleganten, historischen Kostüme der Entstehungszeit, die Gabriele Jaenecke hauptsächlich in Schwarz-Weiss entworfen hat.

Musikalisch läßt schon das stringente Spiel der Duisburger Philharmoniker bei der melancholischen Ouvertüre aufhorchen. Lukas Beikirchner hält am Dirigierpult die Saiten von Verdis Riesengitarre straff gespannt und setzt weitgehend auf zügige Tempi mit leichter Neigung zur Überhitzung. Leider gelingt am Premierenabend die Kommunikation zwischen Bühne und Graben nicht ohne Reibungen. Alle drei Sänger der Hauptpartien kommen an einen Punkt, wo sie anfangen zu schleppen und die Dynamik ausbremsen wollen. Freilich merkt man auch gerade beim Liebespaar eine außergewöhnlich starke Nervosität.

Brigitta Kele sieht als Kameliendame einfach hinreißend aus, gesanglich gehört sie eher zu der Sorte Traviata, die mit der Virtuosität von "E strano" ihre Schwierigkeit haben, die Koloraturen werden verschliffen, die Endtöne nicht richtig gerundet, die Spitzentöne gellend angesungen, doch nach dem ersten Akt wird es dann schön, und die Sopranistin gefällt mit leicht cremigem Timbre, gut ausgebildeter Mittellage und schönen Übergängen. Die Verinnerlichung in die Partie läßt an diesem Abend noch zu wünschen übrig. Auch Jussi Myllys punktet als Alfredo mit jugendlicher Ausstrahlung, doch eigentlich ist sein feiner Tenor, der mir in Mozartpartien sehr gefiel, dieser Rolle noch nicht gewachsen. Die Phrasierungen werden buchstabiert, die Phrasen geraten, trotz der schnellen Tempi, etwas kurzatmig und die effektvollen Spitzentöne werden mit zuviel Druck gesungen, was die Stimme weißer als nötig erscheinen läßt und den Tönen einen gequetschten Klang gibt. Wirklich gut ist der Vater Germont, von Laimonas Pautienius mit schöner Verdi-Kantilene gesungen, erfreut der maskuline Bariton mit passend reifem Klang für diese Partie. 

Die Nebenpartien sind eine sichere Bank: Sarah Feredes sinnlich glühender Mezzo als Flora, die etwas operettig gespielte Annina von Annika Kaschenz. Bruno Balmellis dominanter Baron Douphol. Cornel Freys Tenor klingt im Torero-Chor angenehm solistisch als Gastone heraus. Felix Rathgeber als d Òbigny und Daniel Djambazian als Doktor Grenvil komplettieren souverän; Ingmar Klusmann als Giuseppe und Thomas Ulrich Lässig absolvieren ihre Stichwortgeber zuverlässig. Der Chor der Deutschen Oper kommt mit den heiklen Tempi gut zurecht und erledigt seine nicht unwichtigen, szenischen Aufgaben mit ihrer kleinen Choreographie hervorragend.

Meiner Meinung nach wird sich die Ruckeligkeit der Premierenaufführung in den Folgevorstellungen sicher noch legen, dann hat die Deutsche Oper wieder eine Repertoireperle im Besitz, die dem Publikum noch viel Freude bereiten wird.

Martin Freitag 11.10.13                          Bilder: Hans Jörg Michel

 

 

 

 

Vorab: Der Opernfreund CD-Tipp 

DAS ORIGINAL

(Diese Aufnahme ist Immer noch das Maß der Dinge, wenn nicht vergriffen!)

 

 

ACHTUNG DIESE OPER KANN IHRER GESUNDHEIT SCHADEN

...wenn Sie Zemlinsky-Liebhaber sind.

EINE FLORENTINISCHE TRAGÖDIE

Premiere 15.6.13

Übelste Opernverhunzung - schlechter geht es kaum noch....

Pressemitteilung der Deutschen Oper am Rhein (Intendanz)

Meine Damen und Herren, liebe weitgereiste Opernfreunde!

Leider müssen wir Ihnen erneut mitteilen, daß wir uns schon wieder erst nach der Premiere des an sich großartigen Opernjuwels "Eine Florentinischen Tragödie" von Alexander Zemlinsky gezwungener Maßen entschlossen haben, dieses Stück ab sofort nur noch konzertant zu bringen. Wir möchten Schaden von unserem Publikum abwenden. Bedauerliche erste Krankmeldungen von Zuschauern, die ich sehr ernst nehme, haben mich entsetzt und sprachlos gemacht.

Die Regisseurin Barbara Klimo hat zusammen mit ihrem Team (Bühne: Veronika Stemmberger / Kostüme: Frank Bloching) das Werk dermaßen verhunzt, daß sich Zemlinsky-Liebhaber, Kritiker und Mitglieder der aus Wien extra angereisten Internationalen Zemlinsky-Gesellschaft spontan krank gemeldet haben. Einige haben sich in ihrer Empörung teilweise schon in der Pause übergeben bzw. mussten wg. bedrohlich gestiegenem Bluthochdrucks und Schnappatmung notärztlich versorgt werden - wie ich hörte, konnten nicht wenige ihre Rückreise nach Wien und in den Rest der Welt gar nicht mehr antreten oder sind in der Düsseldorfer Altstadt versackt, wie die meisten Kritiker und Zemlinsky-Sympathisanten, die das Werk zwar kannten, aber nicht mehr erkannten.

Gott sei Dank hat der Großteil unseres hochgeschätzten Düsseldorfer Publikums dieses Desaster gar nicht erst bemerkt, da das doch sehr unbekannte Werk Gott-sei-Dank vom Regieteam im Programmheft der Rheinoper unter "Handlung" auch völlig falsch dargestellt wurde, so daß sich die Empörung in Grenzen, in noch akklamatorisch höflichen Grenzen, hielten. Wir danken dem friedvollen Publikum.

Der Spruch „nichts (Böses) sehen, nichts (Böses) hören, nichts (Böses) sagen“ nach der Lehre des buddhistischen Gottes Vadjra, den wir ja alle kennen, ist nun leider einmal Bestandteil meines hochdotierten Vertrages als General-Intendant der Rheinoper, so daß ich auch in diesem Fall  vorausgehende Warnung wie "Achtung Christoph Meyer, diese Frau arrangiert einen gigantischen Schwachsinn, der nicht das Geringste mit Zemlinsky zu tun hat!" oder "Mensch Meyer, Zemlinsky-Kenner und Opernfreunde, die sich vernünftig vorbereiten, werden sich total verarscht fühlen." alles wie schon beim Skandal-Tannhäuser, ignoriert habe. Als Intendant darf man solchem Vorfeldgeschwätz keinerlei größere Bedeutung zumessen - versteht sich.

Allen Opernfreunden, die dachten, daß wir tatsächlich, wie angekündigt auf den Plakaten, Zemlinskys begnadete Oper "Eine Florentinische Tragödie" bringen würden, tauschen wir bei nachgewiesener Kenntnis des Originalinhalts (durch gezieltes Nachfragen an der Retourkasse, versteht sich) die gekauften Karten natürlich sofort wieder um.                                

 

Die vorausgehende Meldung ist, mit Verlaub Herr Generalismimus Meyer, natürlich von mir fingiert worden, da ich ansonsten nicht weiter auf diese unsägliche Produktion von Newcomerin Barbara Klimo eingehen werde, die mein Sitznachbar (ein betagter Wiener - weit angereist)) zurecht und von mir unwidersprochen als "verquirlte Sch..." mir ins Ohr flüsterte. "Ich werde meine teuren Fahrtkosten von der Rheinoper zurückfordern, denn das ist Betrug; nicht nur am Werk Zemlinskys!" so der empörte älterer Herr weiter. Recht hat er.

Ich sage: Das war das Schlechteste und Dilettantischste, was mir in sagenhaften 40 Jahren an der Rheinoper Düsseldorf bisher untergekommen ist. Eine Bewertung, der aus meiner Sicht auch völlig überforderten Sänger, erspare ich mir, denn ich gehe davon aus, daß man unter permanenten spastischen Zuckungen, hirnrissigem Bewegungsaktionismus und dümmlichstemKinderkarnevals-Blödsinn kaum eine vernünftige Sangesleistung dieser extrem schwierigen Partien liefern kann.

 

Bilder sagen mehr als Worte - weinen sie mit mir, verehrte Zemlinsky-Freunde!

Hier der Inhalt des Originals, den wir aber nicht zu sehen bekamen

"Ich kann ertragen Verachtung, Schande von mancher Art, den schrillen Hohn und offenen Schimpf. Doch wer mir irgend etwas stiehlt, das mir gehört, und wär´s auch nur der schlechteste Teller, davon ich meinen Hunger füttre, setzt Seel und Leib auf Spiel bei seinem Frevel und stirbt!“

So singt es der zermürbt nach längerer Dienstreise heimkehrende Tuchhändler Simone, der seine Gattin überraschend  zusammen mit dem Stadtplayboy und Barden (Sohn des Statthalters) Guido Bardi antrifft. Den Sex haben sie schon erkennbar hinter sich - dumm, daß Prinz Bardi noch auf die sprichwörtliche Zigarette danach bei seiner Maitresse weilte. Es wird seine letzte sein.

„Ist die ganze mächtige Welt in dieses Zimmers Umfang eingeengt, und hat drei Seelen als Bewohner nur? So sei der dürftige Raum jetzt eine Weltenbühne, wo Herrscher fall´n und unser tatlos Leben der Einsatz wird, um den Gott spielt.

Simone macht noch gute Miene zu bösem Spiel, hat er sofort erkannt, was Sache ist. Und so verdichtet sich die Handlung und geradezu klaustrophobisch nähert sich der Tod dem immer noch sich naiv gebenden Prinzen. Erst als der Raum verdunkelt und die Rolläden geschlossen werden, wird es ihm mulmig. Der anfangs noch spielerische Waffenvergleichendet für den adeligen Spross letal, der im Todeskampf gerade noch stammeln kann:

„Nimm mir vom Hals die Würgefinger; ich bin meines edlen Vaters einziger Sohn“ 

Worauf ihm der Hausherr mit den Worten die Gurgel zudreht

„Schweig! Dein Vater wird, wenn kinderlos, beglückter sein!“

Die dramatischen Bögen schwappen über zu einer ungeheuren, hochdramatischen Musik, wennner sich nun seinem Weib zuwendet

„Und jetzt zu Dir!“

Der Tuchhändler greift sein Messer und...

... vergibt seiner Gattin zu, die eben noch von ihrem Liebhaber seinen Tod im Zweikampf („Töte ihn! Töte ihn!“) lauthals gefordert hatte. Grund: Zemlinsky untermalt diese Szene mit eine der schönsten Melodien, die jemals ein Komponist für die Oper geschrieben hat, und sie intoniert gänzlich traumverloren, fast exstatisch

„Warum hast Du mir nie gesagt, daß Du so stark?“

Und nach einem großen, mehrfach geteilten Streichermeer, welches Wagner nicht schöner in Noten gesetzt haben könnte, erwidert er fasziniert

„Warum hast Du mir nicht gesagt, daß Du so schön… bist.“

Riesenfortissimo im aufblühenden Orchester, als wären wir in der Walküre erstem Akt wo der Lenz erwacht, während sich beide in die Arme sinken und sich über der Leiche des gerichteten Nebenbuhlers vereinen.

Das hätte sich selbst Wagner niemals getraut! Und die Oper klingt aus in einer Art Erlösungsmotiv, schön wie das der „Götterdämmerung“.

Mehr an Dramatik kann eine Oper binnen einer knappen Stunde nicht bieten. Grandiosere Musik ist nie mehr geschrieben worden. Was Zemlinsky hier für ein kompaktes Musikdrama komponiert hat, ist das Ultimo der Gefühle: Liebe, Gleichgültigkeit, Hass, Hassliebe, Betrug, Mord und Verzeihen. Was für ein Welt-Theater! Und alles in ein gerade mal 60-minütiges dramatisches Wechselbad der Gefühle gesetzt, welches dem Zuschauer förmlich den Atem raubt - wenn es einiger Maßen ordentlich inszeniert wird. Mehr Musik geht nicht. Mehr Gefühl ist geradezu unmöglich.

Was für hochanspruchsvolle Partien und wie brillant ist die Geschichte doch gesponnen! Dazu ein packender Text von Oscar Wilde. Eine echte Gefahr für Opernfreunde mit Bluthochdruck; aber Hand aufs Herz: kann man zu schönerer Musik sterben? Ich finde nein.

Trauriger Weise hat man nach diesem Düsseldorfer Inszenierungsmüll und in Kenntnis dieser phantastischen leider vergessenen Wahnsinns-Oper, wirklich das Gefühl gleich Sterben zu müssen, ob dieser Ignoranz und Regie-Willkür.

Daher eine Nachricht an meine Hinterbliebenen, wenn es mich tatächlich erwischt: Hallo Freunde! Der Mörder des Kritikers Peter Bilsing ist nicht der Gärtner, sondern ein Herr Christoph Meyer und eine "Regisseurin" namens Barbara Klimo in unseliger Symbiose. Bitte dringend verhaften!

Peter Bilsing / 16.6.

Bilder: Hans Jörg Michel

Ceterum Censeo: Daß die Regisseurin die Tochter des Weltstars Edita Gruberova ist, hat sicherlich nicht das Geringste mit ihrer Bestallung zu tun, oder doch?

 

DER ZWERG

"Der Geburtstag der Infantin"

Original & Fälschung

DOR Düsseldorf Premiere am 15.6.13

Immerhin ist der zweite Teil dieses Zemlinsky-Abends doch recht sehenswert, denn was man auch immer von Immo Karamans Regietaten halten mag, er ist ein professioneller Musiktheater-Regisseur, der sein Handwerk gelernt hat und Inszenierungs-Aufträge sicherlich nicht wegen irgendwelcher Stareltern bekommt, sondern weil er einfach spannend, musik- und zeitgemäß und mit durchaus vorhandenem Werkverständnis Opern realisiert. Jede musikalische Form und Idee findet ihre Entsprechung auf der Bühne und ist nachvollziehbar. Dabei arbeitet er intensiv und ernsthaft mit den Sängern und jede Bewegung oder Aktion der Künstler findet sich auch in der Partitur begründet. Alles ist diesmal sehr textverständlich - trotz Übertiteln, ohne die man im ersten Teil des Abends überhaupt nichts verstanden hätte. Ein guter Regisseur, auch wenn der Rezensent mit vielem nicht einverstanden ist. Immerhin hat er (außer AIDA in Wiesbaden) selten ein Werk in den Sand gesetzt, bei allen vorhandenen Manierismen. In Düsseldorf ist er quasi Hausregisseur und hat damit unter Intendant Meyer die Nachfolge von Loy übernommen.

Lassen Sie mich einen kritischen Einwand zum Regiekonzept gleich am Anfang vorbringen, dann werde ich nur noch loben, versprochen: Die Oper endet im Original damit, daß der Zwerg an gebrochenem Herzen stirbt, begleitet von dem bösen und zynischen Satz der Infantin "Das nächste Mal möchte ich aber ein Spielzeug, das kein Herz hat." dann tanzt sie hüpfend von dannen.

Was für einen Sinn macht die bitterböse Geschichte in der Karaman-Fälschung, wo der Zwerg am Ende aufsteht und als Unbehinderter von der Bühne schreitet, während die Infantin an eben diesem gebrochenen Herzen stirbt? Auch ist mir unverständlich, warum die Infantin und ihre Freundin Ghita als austauschbare Spiegelbilder auftreten und auch stellenweise der anderen Text singen? Mit dem Mädchenpensionat könnte ich mich ja noch anfreunden...  

Musikalisch ist dieser zweite Teil des Zemlinsky-Abends einfach fabelhaft. Die grandiose Musik unter der hervorragenden Leitung des ehemaligen Duisburger GMDs Jonathan Darlinghton erblüht unter den Düsseldorfer Symphonikern so melodisch und romantisch charmant, wie aufrüttelnd expressiv und die orchestrale Dramatik stimmt auf den Punkt; ist sie natürlich auch erheblich differenzierter als im ersten Werk. Es ist schwer verständlich, warum man die "Florentinische Tragödie" dann so runtergehauen hat. Alles wirkte noch im ersten Teil wie vom Blatt, nach nur zwei Durchlaufproben, nämlich der Haupt- und der Generalprobe, abgespielt.  Es war, als säße nun plötzlich ein gänzlich anderes Orchester da im Graben. Nun konnte man Zemlinsky endlich genießen.

Ein besseres Plädoyer für den hohen künstlerischen Wert dieser tollen vergessenen Musik kann man sich kaum vorstellen. Und immer wieder frage ich mich, voll überwältigt von dieser schönen herrlichen Musik, warum Zemlinskys spätromantische Juwelen nur alle zehn Jahre mal aus dem Tiefschlaf der Vergessenheit und Ignoranz entrissen werden? In den legendären Zwanziger Jahren hieß es überall in Deutschland: Vergesst Wagner - wir haben unseren Schreker. Heute sollte es heißen: vergesst Wagner - hört mehr Zemlinsky. Zumindest in dieser Qualität an der Rheinoper!

Sylvia Hamvasi (Infantin) und Anke Krabbe (Ghita) beweisen, zusammen mit dem fabelhaften Tenor Raymond Very (Zwerg), daß Weltklassegesang auch an der Deutschen Oper am Rhein noch möglich ist. Christoph Kurig hat den Damenchor vorbildlich eingestellt und daß die "Mädels" auch noch so dermaßen gelungen darstellerisch brillieren, erfreut das Herz des Kritikers. Sehr passend zum Ambiente sind die Kostüme von Nicola Reichert, die auch für die Bühne verantwortlich war.

P.S.

Ein großer Abend ist immerhin die Umsetzung dieses ZWERGs. Mein Geheimtipp: gehe Sie erst um 20 45 h (Pause) in die Oper, dann können Sie erleben, wie großartig dieser Zemlinsky tatsächlich ist und warum man seine Opern unbedingt kennen muß. Und - Pst - es ist garantiert niemals ausverkauft, wenn Sie wissen, was ich damit sagen will ;-)))))

Peter Bilsing / 16.6.13                                    Bilder: Hans Jörg Michel

 

 

Gastkritik

Peinlichkeit pur

Rheinopern-Intendant Christoph Meyer geht vor Kritikern in die Knie und setzt szenischen ”Tannhäuser” ab.

Wien, 8.5.13

MERKER-ONLINE - Tageskommentar des Herausgebers

Der Schauplatz: Rheinoper Düsseldorf. Lange, viel zu lange, nämlich seit Samstag/Sonnabend war die Rheinoper Düsseldorf Mittelpunkt der Opernwelt. Der Intendant spielte mit dem Feuer, provozierte einen Theaterskandal, der seinem Haus wegen der verstärkten Medienpräsenz nur gut getan hätte, und ging nun jämmerlich ein – wie die legendäre “böhmische Leinwand”! Oh Gott, welch Weicheier werden auf Intendantesessel gespült. Den Protest der Traditionalisten hätte er vermutlich ja gerade noch ausgehalten, als aber die Jüdische Gemeinde Düsseldorf ihn ob einiger Szenen auch kritisierte (und damit eine etwas seltsame Allianz mit den anderen Protestierenden bildete), bekam der Intendant kalte Füße, versuchte noch vergeblich den Regisseur zu einer Entschärfung der “schrecklichsten “Szenen zu bewegen – und stornierte dann die szenische Aufführung zu Gunsten von konzertanten!

Ganz ehrlich, das ist ein lächerliches Szenario – und wer immer daran beteiligt war, hat sich an einer einzigartigen Kasperliade beteiligt. Ich stelle hier die Behauptung auf, dass diese Peinlichkeit in Wien und bei den gerade in einigen Gegenden Deutschlands vielgeschmähten Wiener Opernfreunden (ich weise da auf unser Forum hin) nie und nimmer möglich gewesen wäre. Wir Wiener hätten zwar herumgemotzt, uns aber ziemlich bald an unsere eigenen Sorgen erinnert und letztlich leicht resignierend festgestellt, dass wir erstens ohndies nichts ändern können und dass zweitens die Sache eigentlich gar nicht so wichtig ist. Theater eben! Aber so miserable Laiendarsteller wie Intendanten und vielleicht auch Politiker (deren Intervention wird behauptet, ist aber keineswegs erwiesen) gibt es Wien nicht! Um nicht missverstanden zu werden, die Wiener “sind auch nicht ohne”, aber keineswegs so dumm, dass sie mit einer derartigen Situation nicht anders fertig geworden wären. “Wienerisch” eben – das kann auch als Drohung verstanden werden!

Aber jetzt habe ich genug von diesem Schmierentheater (siehe weinerliche Erklärung des Intendanten). In unserer Presseschau finden Sie auch eine Stellungnahme des “Opernfreunds”, der ja regional bedingt für dieses Theater eigentlich zuständig ist.

Anton Cupak

 

 

TANNHÄUSER

Der Sängerkrieg findet im Opernhaus statt

"Wir, die wir zu ihm standen, hießen Wagnerianer; die anderen hatten keinen Namen" - Adolf Hitler, 1942

Publikumskrieg am Premierenabend in der Rheinoper am 4.5.2013

Teil 1

"Oper ist keine schöngeistige Veranstaltung... romantischer Kitsch hat für mich keine Relevanz" (Tannhäuser Regisseur Kosminski)

Endlich, endlich, endlich...

kommt es auch in der Ära des Generalintendanten Christoph Meyer zu einer politischen und gesellschaftskritischen Auseinandersetzung im heiligen und hehren Opernhaus am Rhein. Allzu viel des Seichten und Leichten ist bisher den Rhein heruntergeflossen. Die Oper ist stellenweise zum banalen Unterhaltungstempel geriert. Doch Oper, wir nennen es heute bewußt "Musiktheater", muß mehr sein; ein Opernhaus hat durch seine vielen Millionen an Subventionen, neben der spaßigen Unterhaltung und ihres gelegentlichen Gourmet-Charakters auch eine gesellschaftspolitische Verantwortung und Verpflichtung.

So traf es gestern Abend manche Opernfreunde wie ein Schlag mit der Keule. Schon während der Ouvertüre werden nackte Menschen in zum Kreuz gestapelten gläsernen Gaskammern ermordet. Der Venusberg ist ein KZ - Venus heißt dessen Leiterin. Und so schweigt kurz nach der Ouvertüre die Musik und Tannhäuser darf als quasi besondere "Ehre" ein nacktes jüdisches Ehepaar samt Kind mit Kopfschuss hinstrecken. Eine Szene, wie sie tausendfach so brutal tatsächlich stattgefunden hat.

Das saß und traf ins Mark eines saturierten und gestern ganz auf wohltimbrierten Genuss eingestellten holden bis dato noch gutgelaunten Premierenpublikums.

Starker Tobak!

Die meisten sind geschockt, die Altarwagnerianer heulen auf, so etwas ist für sie quasi Gotteslästerung. "Scheiße! Sofort aufhören! Sauerei! Buh!" Am Ende wird der Regisseur noch als "Perverse Sau!" - "Arschloch!" und "Schwein!" beschimpft; man zeigt wo man herkommt im Opernhaus ganz dicht an der Düsseldorfer Kö.

Die Befürworter kontern natürlich entsprechend mit "Weitermachen!"  - "Biederes Spießerpack!" bzw. "Nazis Ruhe!" . Grobe Saalschlacht-Atmosphäre im Musentempel am Rhein; es herrscht Lynchstimmung unter den goldenen Wagnermedaillen-Trägern. Wehe, wenn sie losgelassen...

Sogar ein Notarzt wird gerufen.

Ich erinnere mich nur an wenige Abende in den letzten 40 Jahren, die so aufregend waren und an denen sich das Publikum dermaßen empört spaltete. Bei Zimmermanns "Soldaten" (1968) hielten sich am Ende, vor allem bei den Abo-Aufführungen, Zuschauer und darstellende Künstler die Waage; öfter zählte ich mehr Darsteller als Besucher. Viel später in den 80-ern blieb mir Krämers "MacBeth" als Antikriegs-Oper noch in Erinnerung; mit landenden Kampfhubschraubern mitten im Wahnsinn eines Dschungel-Krieges. Oder seine kongenialen "Gezeichneten", wo sich das Düsseldorfer Publikum und die vor der Oper demonstrieren Tierschützer mehr über die friedlich auf der Bühne schwimmenden Zwergschwäne aufregten, als über die Leichenberge nackter Menschen im Finale.

Nun ist es wieder soweit!

Regisseur Burkhard C. Kosminski provoziert mit dem immer noch bis in die Gegenwart reichenden Trauma unserer deutschen Geschichte - von Ralph Giordano auch als "zweite Schuld" benannt - unserer immer noch ungenügenden Vergangenheitsbewältigung.

Aber, aber...

liebe Freunde und Zeitgenossen! Muß denn nicht endlich mal Schluss sein mit diesem Nazi-Gedöns? Wie lange sollen wir die Schatten unserer Deutschen Holocaust-Geschichte denn eigentlich noch mit uns herumtragen? Wir zahlen doch schon in der EU für alle! Ist das nicht auch eine Form der Wiedergutmachung? Und die Amerikaner sollen mal ganz still sein - ja wer hat denn die ganzen Indianer ermordet? Und Euch Spanier retten wir, obwohl ihr die Mayas ausgerottet habt... Na? Wieviel Zustimmung und Beifall bekomme ich jetzt vom geneigten Leser für dieser Sätze? Viel? Ja natürlich viel!

Endlich sagt mal ein Schreiberling was Sache ist.

Aber was ist denn mit den kleinen "Nazi-Nickeligkeiten", mit denen wir in der Tagespresse immer wieder aktuell ständig konfrontiert werden: NSU, Zschäpe Prozess, Neonazidemos, Horst Tappert, NPD-Verbot, Ausländerhass... etc.

Genau! Darum ist eine solche Inszenierung nicht nur nötig, sondern auch wichtig.

Und welcher Komponist ist da als Folienträger besser geeignet als Richard der große Wagner? So heißt es im Lohengrin "Nach Deutschland sollen noch in fernsten Tagen des Ostens Horden siegreich nimmer ziehn!" Und im Tannhäuser? Da kämpft einer einsam und reuig um die wahre Liebe seiner Jugend im Kreis martialischer mordgieriger Genossen Sangesbrüder "So viel der Helden, tapfer, deutsch und weise, ein stolzer Eichenwald, herrlich, frisch und grün - heil..." bzw. "Heraus zum Kampfe mit uns allen... wenn mich begeistert hohe Liebe, stählt sie die Waffen mir mit Mut, und ewig ungeschmäht sie bliebe, vergöss ich stolz mein letztes Blut ... heil, heil, heil!" Wem drängt sich da nicht gleich ein kräftiges "Sieg heil" auf?

So wird der erste Akt, auch mittels der grandios, genialen Darstellerleistung des schwedischen Newcomer und Ex-Rocksänger Daniel Frank zum überzeugenden "Alptraum deutscher Geschichte". In den Wahnträumen Tannhäusers explodiert eine wahre Blutorgie als wären wir in einem Tarantino-Film - gleich eimerweise läuft das Kunstblut die Wände herunter. Kein schöner Opernabend zum anschließenden Champagner-Defilee. Eher ein Theaterabend, der aufrüttelt, schockiert und aufwühlt. Empörte Besucher und Ignoranten verlassen lärmend und demonstrativ türenschlagend den Musentempel. Da habt ihr's!

Der zweite Akt, erkennbar am geänderten Bundesadler, spielt blutlos in der neuen Bundesrepublik: Staatsempfang beim Landesfürsten. Sänger-Concours. Man singt in der heiligen teuren Halle namens Opernhaus - natürlich ins Publikum. Da macht Rampengesang Sinn... Doch am Ende sehen wir, daß die Entnazifizierung doch noch nicht ganz stattgefunden hat, denn manche Minne-Sänger tragen unter ihrem Smoking noch ihre alten Original SS-Reiterhosen. Ute Lichtenberg (Kostüme) muß alle deutschen Nationalarchive geradezu geplündert haben - so echt wirken auch die kompletten Uniformen. Aber, mit Verlaub, was macht der Papst in seinem weisen Ornat in diese Partygesellschaft? Anspielung an die Rattenlinie? Jene von der römischen Kurie nach dem Krieg organisierte Weißwaschung und Verschiffung von Naziverbrechern mittels neuer Rot-Kreuz-Pässe nach Südamerika? Eine intelligente Inszenierung.

War der zweite Akt dann schon wieder pulsberuhigend bis auf die untoten KZ-Insassen, die zombiegleich unseren Minnesänger wohl nach Rom geleitet haben, kommt es im dritten Akt wieder knüppeldick. Wolfram bedrängt die mittlerweile ins Kloster gegangene Elisabeth und vergewaltigt sie, worauf sich Elisabeth die Pulsadern aufschneidet, um allerdings dann im finalen großen Nazi-Staatsbegräbnis als real brennender Engel ("es tat in nächtlich heilger Stund, der Herr sich durch ein Wunder kund") wieder aufersteht, während Tannhäuser laut schreiend, vor Spalier stehenden Nazigrößen, dem Wahnsinn verfällt.

"Hoch über aller Welt ist Gott, und sein Erbarmen kennt kein Spott. Halleeeluja!" ertönt es durch die geöffneten Rangtüren wirklich werktreu von oben im Düsseldorfer Opernhaus - fernintoniert vom prächtig eingestellten Frauen- und Kinderchor (Lt. Gerhard Michaski), dessen männliche Parts sich schon auf der Bühne nach nervösen Anfangsproblemem gut einbrachten.

Die Düsseldorfer Edelmusiker fand ich ausgesprochen mäßig, man spielte einen eigentlich kaum akzentuierten Wagner unter GMD Axel Kober. Ich habe selten einen "Tannhäuser "gehört, welcher dermaßen undifferenziert, langweilig, dynamikschwach und lärmend daher kam. Grobe Unstimmigkeiten wie im ersten Akt traten dann später nicht mehr so in Erscheinung. Aber das ist meine rein persönliche Meinung. Jeder hat halt sein eigenes Wagnerbild. Es sollte in den nur noch fünf Folgevorstellungen 9./12./19./30.Mai + 2.Juni) aber noch besser werden können.

Zwischenfazit: Dank an Christoph Meyer und Burkhard C. Kosminski für diesen wahrscheinlich international besten und intelligentesten Beitrag zum Wagner-Jahr 2013 - wahrlich eine Großtat!

"Wie Todesahnung Dämmrung deckt die Lande, umhüllt das Tal mit schwärzlichem Gewande, der Seele, die nach jenen Höhn verlangt, vor ihrem Flug durch Nacht und Grauen bangt..."  (Wolfram im dritten Akt Tannhäuser)

Da ich von der aufregenden Szene und dem hochemotionalen Szenario doch sehr abgelenkt wurde (zu sehr um die gesanglichen Leistungen korrekt würdigen zu können) wird mein Opernfreund-Kollege Martin Freitag seine Würdigung des künstlerischen Teils anschließen.

Peter Bilsing                                        Bilder (c) Hans Jörg Michel / DOR

 

Teil 2

ZUTIEFST BEWEGENDES MUSIKTHEATER

Szenische Erregungen und musikalische Enttäuschungen

In wesentlichen Teilen kann ich mich persönlich den Schilderungen unseres geschätzten Chefredakteures anschließen. Natürlich ist es sehr mutig, eine so wichtige Premiere wie den "Tannhäuser" noch dazu im Wagner-Jahr einem bis dato reinen Schauspielregisseur zuzutrauen. Doch ich gebe zu, daß der erste Akt ein zwar "unschönes", doch auch zutiefst bewegendes Musiktheatererlebnis war, um so enttäuschender der relativ "normale" zweite Akt, der die Ambivalenz zwischen Nachkriegspolitik und ihren Geheimnissen sehr außer acht ließ, wie eben die ziemliche Nichtbeachtung des Wagnerschen Musikmaterials durch den Regisseur.

So hätte ich beim Wiederklingen der Venusbergmusik auch eine Bezugnahme auf die Dritte-Reich-Bilder erwartet. Warum Tannhäuser letztendlich von der Gesellschaft verurteilt wird, ist für mich im zweiten Akt nicht ersichtlich. Ebenso warum die Chorregie, bei zwei zusätzlich im Programmheft genannten Choreographen, so eindimensional ausgefallen ist.

Bei aller Sympathie für den bewegenden und anregenden Regieansatz von Burkhard C. Kosminski, sollte man, wenn man sich bewußt so weit aus dem Fenster lehnt, doch auch die spezielle Dramaturgie des Musiktheaters beherrschen. Trotzdem ein wichtiger szenischer Ansatz, der das Publikum zu angeregter Diskussion zwingt; wie oft hat man das bei Opernbesuchen?

Doch ebenso enttäuschend das Dirigat von GMD Axel Kober, der mit dieser Neuinszenierung keine gute Visitenkarte für den diesjährigen "Tannhäuser" in Bayreuth abliefert: Man ist von den Düsseldorfer Symphonikern im Verlauf der letzten Jahre schon so manche schwache Vorstellung gewohnt, doch daß sie ausgerechnet ihren Chef bei dieser wichtigen Premiere mit mulmigen Streichereinsätzen und Bläserunausgewogenheiten im Stich lassen... na ja. Doch auch Kobers Dirigat ist nicht ohne Tadel, denn selten habe ich die Venusbergmusik so unsinnlich erlebt, was nicht nur an der Inszenierung festzumachen ist. Die ohnehin etwas sprödere Dresdener Fassung hätte durchaus etwas mehr Leuchtkraft verdient. Bizarr jedoch wurde die merkwürdige Temposteigerung im Finale des zweiten Aktes, da kamen die Sänger in ihren Einwürfen ordentlich ins Japsen, doch nicht nur um bei Elisabeths Einwurf in hehre Stille zu verfallen? Wagner ist eben keine Rossinische Crescendo-Maschine.

Um so erfreulicher ist die Sängerbesetzung: Mit Daniel Frank hatte man einen Tenor für die Titelpartie gewonnen, der mit seiner ungewohnten Tannhäuserinterpretation zunächst für Irritierung sorgte. Franks Tenorstimme ist vom Klang her eher höhentimbriert ohne das gewohnte Baritonfundament, was von der Wirkung ausgezeichnet zu der Darstellung des reuigen Ex-Nazi passte, manchmal hat man das Gefühl, das die Stimme in der Höhe ihre Kontrolle leicht verliert, was durch ungewohnte Schluchzer zu Tage tritt, doch es bleibt lediglich bei den Schluchzern, gleichzeitig hat der Tenor die nötige Stamina für wohl Wagners schwerste Tenorpartie und die ebenso die nötigen Tiefen für die Romerzählung. Daniel Frank ist eine echte, wennauch ungewohnte Entdeckung für dieses Rollenfach.

Die Elisabeth von Elisabet Strid ist ebenfalls ein großer Pluspunkt mit ihrem etwas instrumental geführten Sopran von keuscher Klangfarbe steht sie in guter Fokussierung stets über den Ensembles, die Hallenarie kommt mit leuchtender Emphase, lediglich im Gebet würde ich mir noch etwas mehr Innigkeit wünschen. Markus Eiches Wolfram ist zwar nicht hundertprozentig ausgeglichen zwischen liedhaftem Gesang und dramatischer Attitude, doch Stimmfarbe und Gesang sind absolut erste Klasse. Elena Zhidkovas Venus kommt weniger sinnlich voluminös, als schlank asketisch vom Ton daher, was zu der Rollenanlage passt.

Nach einem etwas mulmigem Beginn gefällt Thorsten Grümbels Landgraf durch satten, leicht knarzigen Bassklang. Corby Welchs Tenor klingt im Sextett des ersten Aktes als Walther zunächst unangenehm unter Druck, was er im Sängerkrieg-Solo wieder revidiert. Thomas Jesatko als Biterolf, Johannes Preißinger als Heinrich der Schreiber und Timo Riihonen als Reinmar singen ihre Partien geschmackvoll mit Effekt. Eine Traumbesetzung ist die junge Sopranistin Svenja Lehmann als Hirtenknabe mit fast kindlichen und dennoch prägnantem Ton, schöner kann man das nicht singen. Die Chöre der deutschen Oper unter Gerhard Michalski gefallen in den großen Ensembles und Auftritten ebenso, wie in den Fernchören, die effektvoll teilweise aus den Foyers gesungen werden, eine prima Leistung.

Fazit: Diese Aufführung ist sicherlich nichts für Freunde konventioneller Operaufführungen, doch wer bereit ist sich auf eine spannende, denkanimierende Interpretation einzulassen, wird sicherlich noch einige Zeit darüber nachsinnen können, was uns das szenische Team erzählen wollte. Eine Werkschau weitab von biederer Bebilderung szenischer Vorgaben. Da diese Vorstellung leider zunächst nicht in die folgende Spielzeit übernommen wird, sollte man sich mit einem Aufführungsbesuch ranhalten.

Martin Freitag

 

 

Saisonvorschau 2013 / 14

2013 ist für die Oper ein Jahr der großen Jubiläen – neben den 200. Geburtstagen Richard Wagners und Giuseppe Verdis würdigt die Deutsche Oper am Rhein den britischen Komponisten Benjamin Britten, der am 22. November 100 Jahre alt geworden wäre, mit einem „Britten-Zyklus“:

Im Oktober und November 2013 kommen in kurzer Folge Immo Karamans erfolgreiche Inszenierungen von „Peter Grimes“ (2009), „Billy Budd“ (2011) und „The Turn of the Screw“ (2012) zurück auf den Spielplan.

Zum Abschluss der Britten-Reihe folgt am 14. Juni 2014 im Opernhaus Düsseldorf eine Neuproduktion: Immo Karaman inszeniert „Death in Venice“, Brittens Oper nach Thomas Manns „Der Tod in Venedig“.

Die Regisseurin Sabine Hartmannshenn, deren „Phaedra“ (Henze) und „The Rake’s Progress“ (Strawinsky) in den letzten Spielzeiten für viel Beifall von Publikum und Presse am Rhein sorgten, widmet sich im Jubiläumsjahr
Richard Wagners „Lohengrin“. Generalmusikdirektor Axel Kober übernimmt für diese Neuproduktion die musikalische Leitung – am 18. Januar 2014 (Düsseldorf) und 24. Mai 2014 (Duisburg) sind die Premieren.

Zu Giuseppe Verdis Geburtstag kommt im Oktober 2013 „La traviata“ neu an den Rhein, zunächst nach Duisburg (8. Oktober), ab 22. Februar 2014 nach Düsseldorf. Die Inszenierung von Andreas Homoki, die bereits große Erfolge feierte, wird in Kooperation mit dem Theater Bonn gezeigt.

Verdis „Luisa Miller“, die bereits in der aktuellen Saison 2012/13 in der Regie von Carlos Wagner in Duisburg präsentiert wird, feiert am 28. September 2013 ihre Düsseldorfer Premiere.

Sie zählt zu den meistgespielten und am häufigsten inszenierten Opern der Welt: „Die Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart. Auf der Suche nach einer neuen „Zauberflöte“ für die Deutsche Oper am Rhein entdeckte
Christoph Meyer im November 2012 an der Komischen Oper Berlin eine Neuproduktion, die die Zuschauer sofort magisch in ihren Bann schlägt. Es gelang dem Generalintendanten, diese inzwischen weltweit gefragte Inszenierung, die Barrie Kosky gemeinsam mit der britischen Theatergruppe „1927“ entwickelt hat, für die kommende Spielzeit – ab 13. Dezember 2013 – nach Duisburg zu holen, um sie mit dem Oper am Rhein-Ensemble bei 17 Aufführungen zu zeigen.

Mit „Le nozze di Figaro“ in der Regie von Michael Hampe hat eine weitere Mozart-Oper Premiere: Ab 1. Februar 2014 ist die Produktion am Opernhaus Düsseldorf zu sehen.

Nach dem großen Erfolg mit Emmerich Kálmáns Operette „Die Csárdásfürstin“, die am 7. Dezember 2013 ihre Düsseldorfer Premiere feiern wird, hat Christoph Meyer dem andorranischen Regisseur Joan Anton Rechi die Neuinszenierung von Jules Massenets „Werther“ übergeben. Die Premiere der Oper nach Goethes Briefroman
Die Leiden des jungen Werthers“ ist am 25. April 2014 im Opernhaus Düsseldorf.

(Pressetext DOR /11.4.13)

 

 

 

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