DER OPERNFREUND - 49.Jahrgang - Europas Nr. 1
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WO DIE WILDEN KERLE WOHNEN

Premiere: 03.03.2017, besuchte Vorstellung: 07.03.2017

Große Oper für Kleine Menschen

Unter der Dachmarke „Junge Opern Rhein-Ruhr“ hat die Kooperation der Deutschen Oper am Rhein mit den Theatern in Bonn und Dortmund in den letzten Jahren bereits drei wunderbare neue Familienopern auf die Bühne gebracht, im Mai 2017 folgt mit „Gullivers Reise“ im Theater Dortmund die vierte Uraufführung eines brandneuen Opernwerkes für die ganze Familie. Besonders erwähnenswert ist dies deshalb, da in allen Produktionen eindrucksvoll gezeigt wurde, dass die Theater gewillt sind, hierbei auf die ganz große Bühne zu setzen. Viele der heute begeisterten Operngänger hatten Ihren ersten Opernkontakt mit Humperdincks „Hänsel und Gretel“, auch heute noch ein beliebter Klassiker vor allem in der Weihnachtszeit. Aber es gibt eben noch so viel mehr. Kinder und Familien sind heute wichtiger denn je für den Erhalt der breiten Theaterlandschaft, sind sie doch die Zuschauer von morgen.

In dieser Spielzeit setzt die Deutsche Oper am Rhein in ihrem Duisburger Haus daher auf einen Klassiker im Bereich der Familienoper und dies nicht minder hochwertig produziert, ganz im Gegenteil. „Wo die wilden Kerle wohnen“ von Oliver Knussen wurde bereits 1980 in Brüssel uraufgeführt und kam in überarbeiteter Form 1984 in London auf die Bühne. Die expressive Musik zieht sich stimmig durch die rund 45minütige Oper. Gesungen werden die vergleichsweise wenigen Sätze in deutscher Sprache, ergänzt um eine Phantasiesprache, die der Komponist zusammen mit dem Autor des Kinderbuches Maurice Sendak, der zudem das Libretto für die Oper selbst verfasste, eigens für ihre Oper erfunden haben. Und vieler Worte bedarf es auch gar nicht, die Musik entwickelt zusammen mit dem Geschehen auf der Bühne eine ganz eigene Dynamik.

Großen Anteil hieran hat auch Philipp Westerbarkei der in seiner Inszenierung die kindgerechte Geschichte stimmig und äußerst temperamentvoll auf die Bühne bringt. Für die Kinder (und erwachsenen Begleitpersonen) ist hier stets etwas Neues zu entdecken. Für die aufwendige Bühne, oben Kinderzimmer und unten das Esszimmer des strengen Elternhauses, sowie für die phantasievollen Tierkostüme zeichnet sich Tatjana Ivschina verantwortlich. Besonderes Lob an dieser Stelle auch an die komplette Maskenbildnerei des Hauses.

Die Duisburger Philharmoniker spielen die Partitur schwungvoll unter der musikalischen Leitung von Jesse Wong, was auch die kleinen Besucher mit großem, fast kennerhaften Beifall für das Orchester am Ende belohnen. Den größten Gesangspart hatte an diesem Vormittag Lavina Dames als Max, was sie eindrucksvoll meisterte, denn neben dem Gesang war sie ständig in Bewegung, musste toben, schreien, herumspringen und alles andere was so ein kleiner Kerl eben macht, wenn er nicht ins Bett will und bockig gegen die Eltern rebelliert. So entwickelt sich auch die Geschichte, denn in seiner Wut über die Erwachsenen träumt sich Max nachdem er ohne Abendessen ins Bett geschickt wird in eine Welt, in der sich diese „blöden Erwachsenen“ in allerlei „wilde Kerle“ verwandeln, von der Fledermaus über Salamander und Hahn bis zur Ziege und zum großen Bullen. Doch Max muss erfahren, dass es die „wilden Kerle“ gerne mal übertreiben. Am Ende darf natürlich die große Versöhnung mit den Eltern nicht fehlen und so hat Max aus diesem Abend viel gelernt und diese Erfahrung wird kindgerecht ans junge Publikum weitergegeben.

Neben einigen weiteren Schul- und Kindergartenvorstellungen sind auch drei Familienvorstellungen am Sonntagnachmittag angesetzt, hingehen lohnt sich.

Markus Lamers, 08.03.2017
Fotos: © Hans Jörg Michel

 

 

MADAMA BUTTERFLY

Premiere: 04.02.2017
besuchte Vorstellung: 01.03.2017

Puccini mit Atombombe

Lieber Opernfreund-Freund,

fällt hierzulande der Name des japanischen Nagasaki ist die erste Assoziation eine schreckliche. Am 09. August 1945 fiel auf die für den Schiffsbau bedeutende Stadt eine Atombombe, so dass sie bis heute als Mahnmal dafür steht, welcher Schrecken vom Atomkrieg ausgeht und welches Leid Menschen einander zufügen können. Doch auch Puccinis tragedia giaponese „Madama Butterfly“ spielt in dieser Stadt am südwestlichen Ende Japans. Diesen Umstand macht sich Juan Anton Rechi zunutze und zeigt derzeit in Duisburg seine packende Lesart des tragischen Stoffes vor noch tragischerer Kulisse.

Im August 1945 verortet der gebürtige Andorraner den Beginn der Oper und bei ihm wird von Anfang an klar, dass die Geschichte auf eine Tragödie zusteuert. Die 15jährige Cio-Cio-San ist die einzige, die an eine Zukunft mit dem amerikanischen Offizier glaubt und scheint schon zu Beginn fremd in ihrer Umgebung.

All ihre Verwandten sind in die westliche Mode der 1940er Jahre gehüllt (hinreißende Kostüme von Mercé Paloma), nur sie trägt den traditionellen japanischen Kimono. So belügt sie sich selbst, lässt sich eine heile Welt und große Gefühle vorgaukeln.

Sogar das Haus, das Pinkerton für 999 Jahre mit monatlichem Kündigungsrecht gekauft hat, bleibt ein von allen bestauntes Modell, wird aber nie Realität. Der erste Akt spielt in der amerikanischen Botschaft, die außer von Säulen von einer mitunter gleißend angestrahlten, überdimensionalen amerikanischen Flagge dominiert wird – in Zeiten, in denen einem im Fernsehen allenthalben amerikanische Nationalismus entgegengeschrien wird, für viele allein schon ein bedrohliches Szenario. Die vermeintliche Hochzeitsnacht der verliebten Japanierin wird zum Schäferstündchen, der Gemahl bleibt nicht einmal über Nacht. Dafür fällt am Morgen, als sie alleine dem Bett enjtsteigt, die Atombombe und legt die Welt um Cio-Cio-San nun auch optisch in trostlose Trümmer.

Die Aufbauten von Alfons Flores erzeugen zusammen mit dem ausgeklügelten Licht von Volker Weinhart bedrückende Bilder der Zerstörung, denn wie zigtausende Menschen nach der Bombe im nahezu nicht mehr existenten Nagasaki ausharrten, wartet auch Butterfly vom festen Glauben daran getrieben, dass Pinkerton zu ihr zurück kommt, in den lebensfeindlichen Ruinen. Die verzweifelten „Butterfly“-Rufe des US-Soldaten am Ende der Oper ertönen oft erst, wenn die entehrte Japanerin bereits den totbringenden Schnitt gesetzt hat. Rechi allerdings lässt ihn Butterfly bewusst erst in Anwesenheit von Pinkerton ausführen, macht so ihren Freitod noch mehr zum Statement – und beraubt damit den Zuschauer gezielt jeglicher hoffnungsvollen Was-wäre-gewesen-wenn-Überlegungen. So gelingt ihm auch am Ende eines überzeugenden Abends ein starkes Schlussbild jenseits sentimentalen Kitsches.

Die Armenierin Liana Aleksanyan gibt die bedauernswerte Butterfly voller Inbrunst und Leidenschaft. Dabei mischt sie ihrem farbenreichen Sopran, der eigentlich fast zu kräftig für eine unschuldig-naive 15jährige scheint, im ersten Akt eine wunderbare Süße unter und überzeugt hier genauso, wie später als hoffnungsfrohe Mutter und zuletzt als desillusionierte Frau. In der Suzuki von Maria Kataeva findet sie eine treue und aufopfernde Gefährtin, die mit ihrem weichen Mezzo auch stimmlich hervorragend mit ihr harmoniert. Die Rolle des Pinkerton ist vielleicht die undankbarste Tenorrolle aus der Feder von Puccini. Der Sänger hat unentwegt einen Spitzenton nach dem anderen zu produzieren und erhält als Dank lediglich die halbe Arie „Addio fiorito asil“ und null Sympathiepunkte vom Publikum. Mit der Höhe diese Spitzentöne müht sich Eduardo Aladrén redlich ab, hat dabei aber nicht immer so viel Erfolg wie mit seiner glaubhaften und intensiven Darstellung des Unsympathen. Stefan Heidemann überzeugt als Konsul Sharpless vor allem im tiefen und mittleren Register, in die er viel Güte und Menschlichkeit legt. Florian Simson ist ein herrlich schmieriger Goro, den Flüche ausstoßenden Onkel Bonzo hat man allerdings schon wesentlich furchteinflößender gehört, als von Ensembleurgestein Peter Nikolaus Kante.

Der von Christoph Kurig vorbereitete Chor überzeugt mit glänzend aufeinander abgestimmten Stimmen, während der kaum 30jährige Aziz Shokhakimov über weite Teile ein differenziertes, schnörkelloses Dirigat präsentiert. Da und dort lässt er aber dann doch eine gehörige Portion Puccini-Schmelz aufblitzen – und macht damit den Abend auch klanglich rund. Dass er mitunter die Sängerinnen und Sänger klanglich übertüncht, sei dem jugendlichen Drang des Usbeken verziehen.

Das Publikum im nahezu voll besetzten Duisburger Theater ist ebenso ergriffen wie begeistert und applaudiert frenetisch. Und auch ich empfehle Ihnen diese „Atombomben-Butterfly“, die zwar keinen neuen Meilenstein in der Rezeptionsgeschichte des Werkes markiert, aber doch einen interessanten Link schlägt. Nicht zuletzt Liana Aleksanyan in der Titelrolle macht sie darüber hinaus sehenswert.

Ihr Jochen Rüth / 2.03.2017

Bilder (c) Rheinoper /  Hans Jörg Michel.

 

 

DIE LUSTIGEN WEIBER VON WINDSOR

Philharmoniker in Hochform

am 17.11.16


Was gibt es schöneres, als mit dem Beginn der Ouvertüre so in den Bann gezogen zu werden, dass einen dies durch den Abend trägt, selbst wenn die Oper als solche nicht frei von Längen ist? Dieses Kunststück gelang der Oper am Rhein mit Otto Nicolais Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“ im Theater Duisburg wunderbar. Grund hierfür vor allem die Duisburger Philharmoniker unter der meisterhaften Leitung von Generalmusikdirektor Axel Kober, der an diesem Abend einmal mehr demonstrierte, welches Potential in diesem Orchester steckt. Grundlegenden Anteil an diesem starken Beginn des Abends hatte allerdings auch das eindrucksvolle Bühnenbild von Dieter Richer, welches mit dem düsteren Wald von Windsor startet, im Hintergrund eine mystisch anmutende Waldkapelle.

Während der laufenden Ouvertüre erkennt man durch geschickten Lichteinsatz einen Mann, der gerade am Galgen hingerichtet wird. Eine sehr geschickte Verwebung der Oper mit der „Sage vom Jäger Herne“ aus William Shakespeares „Die lustigen Weiber von Windsor“, welcher ansonsten in Nicolais Oper meist nicht solch eine große Rolle zukommt wie in dieser Inszenierung von Dietrich W. Hilsdorf. Eine auf den ersten Blick vielleicht etwas merkwürdig anmutende Mischung mit der Opera buffa, durch die allerdings die Doppelbödigkeit des Bürgertums in der Biedermeierzeit, in welcher diese Inszenierung spielt, stark zur Geltung kommt. Zwar irritiert der Balanceakt zwischen Schwank und Schauerdrama auch hin und wieder, dennoch liefert Hilsdorf hier in der Gesamtsicht eine gut durchdachte und stimmige Inszenierung ab, die auch im weiteren Verlauf durch starke Bühnenbilder beeindrucken kann und ohne albernen Klamauk auskommt. Lobenswert auch die wunderbaren Kostüme von Renate Schmitzer.

Auch die Gesangssolisten sowie der Chor der Deutschen Oper am Rhein boten allesamt eine starke Leistung, allen voran Stefan Heidemann als Herr Fluth. Mit Heidi Elisabeth Meier stand ihm als „Ehefrau“ eine Sopranistin zur Seite, bei der trotz der großen Rolle alle Töne genau saßen. In weiteren Rollen Thorsten Grümbel als Sir John Falstaff, Torben Jürgens als Herr Reich, Katarzyna Kuncio als Frau Reich, Jussi Myllys als Sir Richard Fenton, Paul Schweinester als Abraham Spärlich, Günes Gürle als Dr. Cajus und Anna Princeva als Anna Reich, die vom leider etwas müden Duisburger Publikum wohl mit den größten Applaus bekam. Keine große Gesangsaufgabe hatte an diesem Abend Peter Nikolaus Kante, der als Küster eher seine komödiantische Seite zeigen durfte.

Was bleibt von diesem Abend ist die starke Musik, das detaillierte und liebevolle Bühnenbild und eine grundsolide Inszenierung, die einen Besuch auch für „Operneinsteiger“ empfehlenswert macht. Übersehen sollten gerade diese hierbei aber nicht die Gesamtlänge von rund 3 ½ Stunden, bedingt durch zwei Pausen. Auch einige Längen insbesondere im etwas zäh daherkommenden zweiten Akt trüben etwas das Gesamtbild. Dennoch blickt man schlussendlich glücklich und zufrieden auf diesen Opernabend zurück, was will man mehr?


Markus Lamers, 19.11.2016
Fotos: © Hans Jörg Michel

 

 

Ariadne auf Naxos

 Duisburger Premiere am 25. 2. 2016

Die doppelte Ariadne

Genau genommen ist die Wiederholung einer Inszenierung vom selben Regisseur und demselben Produktionsteam sowie dem Großteil der Sänger keine echte Premiere. Aber im Fall der Opern-Ehe Düsseldorf und Duisburg mag das natürlich schon angehen, zumal auch ein anderer Dirigent am Pult saß oder stand. Die Rede ist von „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss, welche am 27.9.2014 an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf eine hoch gelobte Premiere feierte, inszeniert vom Altmeister Dietrich W. Hilsdorf, häufiger Gastregisseur um Hause und dirigiert vom GMD Axel Kober. Den Premieren-Abonnenten zu Liebe belässt man immer diese Bezeichnung – wie auch anderswo - und freut sich über etwas höhere Einnahmen, zumal in Duisburg der international sehr erfolgreiche und viel beschäftigte Taiwanese Wen-Pin Chien den Taktstock führte. Konsequenterweise heißen die ab 27. März 2016 folgenden Aufführungen in Düsseldorf dann natürlich „Wiederaufnahme“.

© Hans Jörg Michel

Hilsdorf lieferte mit der Duisburger Ariadne seine einhundertfünfzigste Inszenierung ab, hatte erstaunlicherweise aber noch nie die Ariadne auf dem Schirm. Die Inszenierung wurde in den Printmedien und im Netz rege diskutiert und hoch gelobt, so etwa beim Opernfreund und bei www.OMM.de, ein Nachkauen erübrigt sich daher. Besucher, die mit der Düsseldorfer Inszenierung vertraut waren, berichteten von einer weitestgehenden Überstimmung; es reicht daher nur der Bericht über Sänger und Orchester. Denn Hilsdorf hatte für die Einstudierung in Duisburg seine junge Spielleiterin Kinga Szilágyi zurückgelassen, die offensichtlich ganze Arbeit geleistet hatte.

Am Premierenabend zeigte wieder einmal die hohe Qualität des Duisburger Klangkörpers, der sich in keiner Weise hinter der Konkurrenz aus Düsseldorf oder Bonn zu verstecken braucht; Köln spielt allerdings in einer ganz anderen Liga. Chien schaffte es, trotz der Lage des Orchesters hinter der Bühne und einem dünnen durchsichtigen Vorhang als Bühnenbild die Musik jederzeit präsent zu machen und eine gute Ausgewogenheit zu den Sängern herzustellen. Perfekte Bläser, großartige musikalische Bögen, hohe Genauigkeit und ein typischer vielfarbiger Strauss-Sound erfreuten in hohem Maße wie so oft.

 © Hans Jörg Michel

Auch die große Sängerriege mit siebzehn Solorollen stand dem in Nichts nach, zumal hier kein direkter Sichtkontakt, sondern nur über den Bildschirm möglich war. Neu gegenüber Düsseldorf waren Peter Nikolaus Kante als stimmstarker, knarzig und originell spielender Haushofmeister, und der überzeugend singende Musiklehrer von Stefan Heidemann. Auch Florian Simson als Tanzmeister bewegte sich wie ein echter Tänzer, der dabei auch noch prima singen kann. Wunderbar. Corby Welch (Tenor/Bacchus), hörbar erfahrener Wagnersänger, hatte mit seiner kurzen, aber schwierigen Rolle keine Probleme, polterte und mimte laut und klangschön. Die beiden Hauptrollen – Karine Babajanyan (Primadonna im Vorspiel und dann Ariadne) und Elisabeth Meier in der Rolle der Zerbinetta waren blendend besetzt, köstlich-komödiantisch das Trio Scaramuccio (Bruce Rankin), Harlekin (Dimitri Vargin) und Truffaldin (Bogdan Talos), überzeugend auch der Rest der Truppe, insbesondere die drei Nymphen Elena Fink, Eva Bodorová und Maria Popa in herrlicher Harmonie. Eine Sängerriege aus einem Guss, auf die andere kleine Häuser ein wenig neidisch sein dürften. So fiel auch der reichliche Applaus des fast ausverkauften Hauses aus. 

 

Michael Cramer

 

                                     

TURANDOT       

Premiere am 5. Dezember 2015

überarbeitungswürdig

Die Deutsche Oper am Rhein stellt den Regisseur HUAN-HSIUNG LI wie folgt vor: „Eine der aktivsten und einflussreichsten Theatermacher in Taiwan. Er gehörte zu den Gründern zahlreicher Theatergruppen und war in der taiwanesischen Avantgarde für sein Talent und seine Vorstellungskraft bekannt. Seine expressive Bildsprache machte ihn zu einem der bedeutendsten Vertreter der Theaterbewegung in Taiwan. In der Oper hat er bereits Bellinis „Norma“ und Wagners „Ring“ inszeniert. Diese Produktionen wurde beim Taiwan International Festival of Arts aufgeführt.“ Der noch recht jung wirkende Huan-Hsiung Li gab jetzt mit „Turandot“ sein Europadebüt. Die Produktion entstand (DOR-Pressemitteilung) “als Koproduktion mit dem Wei-Wu-Ying Center for the Arts in Kaohsiung, Taiwan, das in der Hafenmetropole im Süden Taiwans als hochmodernes Kulturzentrum für mehr als 6.000 Opern-, Theater- und Konzertbesucher entsteht und 2017 mit der ‚Turandot‘ der Deutschen Oper am Rhein eröffnet werden soll.“ Da sich das Duisburger Publikum rundum erfreut zeigte, ist wohl die die Empfehlung hinfällig, man möge die Produktion noch einmal gründlich überarbeiten.

Im Programmheft äußert Huan-Hsiung Li über das Werk und seine Arbeit daran Kluges und Halbkluges, aber auch Nichtiges. Grundsätzlich darf man in ihm einen politischen Kopf vermuten. Er lässt die „Turandot“-Geschehnisse durch eine junge Frau von heute nacherleben. Großstadtprojektionen werden noch vor Musikbeginn auf den Rundhorizont geworfen. Der Regisseur spielt offenkundig auf einen Regenschirm-Protest in Honkong 2014 an. Also trägt der statische postierte (und bestens singende) Chor solche, spannt sie mal auf, dreht sie oder macht Geräusche mit ihnen. Das wirkt ganz niedlich, aber als politische Anspielung erschließt sich das Ganze nicht. Und wer liest schon vor eine Aufführung konsequent alle infrage kommenden Textbeiträge zu interpretatorischen Entscheidungen?

Dass die Videos von JUN-JIEH WANG „Tintezeichnungen und chinesische Kalligraphie“ (so Huan-Hsiung Li) vermischen wollen, hat man aber vielleicht mitbekommen. Doch was soll’s? Ständig werden Hänger vom Schnürboden herunter gelassen, auf denen sich der Designer mit seinem Stilmix austoben darf.

Reizvoll vielleicht beim ersten Sehen, dann aber nur noch nervend. Die Bühne von Jo-Shan Liang bleibt sich gleich: Laubsägeartige Stadtsilhouette als Hintergrund, Gehschräge in der Bühnenmitte. Zweimal wird ein stufiges Podest herein- und wieder herausgefahren. Welch banaler Einfall. Ein starker Blickfang hingegen ist die Kostümkollektion von HSUAN-WU LAI, stilistisch eine Reise durch Zeitläufte.

Puccinis Oper heißt nicht „China im Aufbruch“, sondern „Turandot“. Da geht es – zusätzliche Assoziationen in Ehren – um ein durch historische Familienschicksale traumatisierte Frau, die zur Liebe nicht (mehr) fähig ist und sich und ihre von der Männerwelt delierisch begehrte Schönheit wie hinter Panzerglas verbarrikadiert. Auf diese emotional gespaltene Figur sollte sich (wenigstens ansatzweise) das Augenmerk einer Inszenierung richten.

Nichts davon auf der Duisburger Bühne der Deutschen Oper am Rhein. Was Huan-Hsiung Li der Titelrollensängerin LINDA WATSON abverlangt, ließe sich mit einem „Lohengrin“-Zitat umschreiben: „Gesegnet soll sie schreiten“. Turandot schreitet gesegnet und gemessen, wogt hier und da ihre rote Robe hin und her, präsentiert eine eingefrorene Mimik. Dass sich diese frustrierte Frau von Kalaf zuguterletzt (gleich zwei Mal) küssen lässt, möchte man nicht glauben, sähe man es nicht (relativ unbeholfen) angedeutet. Über inszenatorische Defizite könnte man via Leporellos Register-Arie noch ins Unendliche gehen. Ein summarisches Wort mag genügen: szenischer Totalausfall. Das Premierenpublikum jedoch fand alles, wie bereits erwähnt, wonniglich.

Punkte sammeln vermag die Aufführung immerhin im Musikalischen, auch wenn AXEL KOBER in punkto Präzision zumindest im 2. Akt Wünsche offen lässt. Aber das ist vielleicht der Abendform zuzuschreiben. Grundsätzlich hält der Dirigent eine gute Balance zwischen hymnische Exaltation und lyrischen Piano-Gespinsten.

Der Liù-Sopran von BRIGITTA KELE klingt nicht direkt seraphisch, aber doch fein getönt. Ihr kurzer Einwurf in der Rätselszene war übrigens gestrichen oder nicht zu hören. Gut der Timur SAMI LUTTINENs und der Altoum BRUCE RANKINs, ganz erstklassig das Minister-Trio (BOGDAN BACIIU, FLORIAN SIMPSON, CORNEL FREY).

Ja – und dann die Protagonisten. ZORAN TODOROVICH zeigt als Kalaf tenorale Power und nochmals Power, dehnt diese bis in den eitel lang gehaltenen Schlusston von „Nessun dorma“ hinein. Das Turandot-Debüt von  LINDA WATSON ist ein quasi herbstliches : die Töne stimmen, besitzen auch Durchschlagskraft, klingen aber oft über Gebühr geschärft, ohne wirkliche dramatische Rundung. Und darstellerische Passivität (vermutlich aufoktroyiert) drückt zusätzlich auf das nicht ganz problemlos bewältigte Rollenporträt.

Christoph Zimmermann 6.12.15

Bilder Hans Jörg Michel

 

Das schreiben die Kollegen

Peking im Regen (OPERNNETZ)

 

 

 

GEGEN DIE WAND

Besuchte Premiere am 20.06.14

Brennendes Zeitdrama

Eigentlich sollte zu diesem Zeitpunkt die Uraufführung der Oper "Der Troll" an der Rheinoper stattfinden, doch da das Werk nicht rechtzeitig fertig wurde, nahm man Ludger Vollmers erfolgreiche Oper "Gegen die Wand" nach dem gleichnamigen Film von Fatih Akin in das Programm. Eine gute Entscheidung, denn das Werk zeigte sich erneut als sehr packendes, zeitgenössisches Drama. Die Geschichte von Cahit und Sibel, vielleicht eine moderne Form von Königskindern, spielen im deutsch-türkischen Milieu in einer modernen Nebengesellschaft von Alkohol, Drogen und Sexualität; obwohl beide am Schluss zur Liebe aneinander finden, könne sie doch nicht zusammen kommen. Cahit, nach dem Tod seiner Frau auf Abwege geraten, hat Probleme erneut Nähe und Verletzlichkeit zuzulassen. Trotzdem heiratet er Sibel, die er nach einem Suizidversuch in einer Klinik kennenlernt, um sie aus den gediegen konservativen Familienbande von Migrationstürken zu lösen. Sibel will zunächst die "normale" Freiheit westlicher Frauen, tun , was sie will, nicht mehr. Doch ihre Erziehung läßt sie an den gewünschten Zielen scheitern, bevor sie zu ihrem Mann findet, kommt Cahit durch eine Affekthandlung ins Gefängnis. Sibel geht nach Istanbul und dort durch nahezu selbstzerstörerisches Verhalten, zu einem neuen Leben mit Mann und Kind. Als Cahit nachkommt, ist es für eine gemeinsame Zukunft zu spät. Engels schrieb ein harsch realistisches Libretto in deutscher und türkischer Sprache, dazu gibt es beidsprachige Übertitel, auch seine Musik ist durchaus eingängig und wirkt hochemotional mitreißend, dabei werden auch traditionelle türkische Instrumente in die Besetzung des Orchesters eingebunden, die Musik klingt manchmal nach Film oft nach türkischer Musik, "Modernismen" werden sparsam benutzt. Eine Musik, die jeder Mensch auch ohne irgendwelche Vorbildung in seinem klanglich-emotionalem Erleben spontan nachvollziehe kann.

Doch die Duisburger Produktion nutzt das Werk, um eine Zusammenarbeit mit jungen Menschen aufzunehmen: die Initiative "Oper meets HipHop" bindet Duisburger Rapper und Streatdancer (Breakdancer) ein, sowie einen Chor von Studenten/innen der Robert Schumann Hochschule, die Statisterie wirkt ebenfalls jung und nicht unbedingt opernadäquat, was nicht negativ besetzt meint. Mit den Rappern hat der Komponist eigens von den vier jungen Männern erarbeitete Stücke in die Szenen eingebunden, die Dialogszenen des "Originals" ersetzen, um es vorwegzunehmen, gerade hier erlebt der Abend eine angenehme Authenzität, die dem Wunsch, sich gerade dem jüngeren Publikum mit ihrer echten Welt über die Opernszene zu nähern, ein Gelingen. Denn die Regie von Gregor Horres setzt zwar engagiert das Werk um, doch die vielen stilistischen Mittel, die der Regisseur bemüht, verschmelzen nicht zu einer Einheit. Jan Bammes Bühne läßt vieles offen; im Grunde sagt sie nichts. Das Orchester wird auf eine Empore auf die hintere Bühne gestellt, ansonsten wird ein Bett zur zentralen Bezugsstelle, ein Steg führt durch das Parkett nach hinten, Videos beleben die Optik, zwei Tanzperformer machen völlig unnötige Aktionen ohne Aussagekraft, der Chor steht gleich dem antiken Chor oft um die Spielfläche und dekoriert sonst eher. Die vier fabulösen Breakdancer dürfen auch mal ran, ohne daß sie wirklich in die Szene integriert werden. Was mir persönlich an der Regie nicht gefällt, ist das die beiden Protagonisten von Anfang an als "Loser" dargestellt werden. Horres arbeitet zwar sehr schön die Verletzlichkeit und Emotionsangst heraus, doch wird durch eine rigide Negativdarstellung eine Empathie zum Zuschauer verhindert, die dem Abend gut tun würde.

Die Darsteller bieten dabei durch die Bank weg sehr viel an: Günes Gürle bringt seinen tiefenlastigen Basston zu einer emotionalen Verbindung mit der verstörten Figur des Cahit, weniger Brunnenvergifterdarstellung hätte dem Charakter gutgetan. Sirin Kilic war bereits Sibels Darstellerin in der Bremer Uraufführung, die engagierte Präsentation des gefährdeten Menschen ist sehr ergreifend, die Szene des selbstzerstörerischen Tanzes in der Istanbuler Drogenszene geht unter die Haut, trotzdem wäre es schön gewesen, wenn die Regie ihre Lebenslust im ersten Teil nicht nur negativ konnotiert hätte. Stimmlich geht sie mit ihren vibratoreichen Mezzosopran bis an die Grenzen. Michail Milanov und Sarah Ferede gestalten als ihre Eltern mit tiefen Stimmen sehr eindringlich ein konservatives Elternpaar. Wer Tansel Akzeybek in anderen Produktionen erlebt hat, weiß, daß der charismatische Tenor viel mehr Facetten zeigen könnte, als er hier durfte. Conny Thimander leiht seinen spannenden Charaktertenor als Niko/Hüseyin zwei durchaus ähnlichen Menschenstudien. Elisabeth Selle gefällt mit interessantem Sopran als emanziperte Türkin Selma, Melih Tepretmez gelingt mit sonorem Barton ein recht authetischer Hochzeitssänger. Felix Rathgeber und Ömer Temizel ergänzen das Ensemble in kleineren Partien.

Wen-Pin Chien läßt die Duisburger Philharmoniker mit den instrumentalen Spezialisten von der Empore aus wundervoll aufspielen. Chien streicht dabei durchaus die Süffigkeit von Vollmers Musik positiv hervor. Der Projektchor singt und spielt engagiert, ebenso wie die Rapper und Breakdancer, denen man die Spiellaune förmlich anmerkt. Meiner Meinung nach hätte dieser Abend bei sorgfältigerer Regie noch so viel mehr sein können, nicht daß hier von einer vertanen Chance die Rede ist, doch das Potential zu mehr ist spürbar. Weniger kleine Mosaiksteinchen (Tänzer und Video und Laufsteg....), die nicht eine zwingende Wirkung erzielen, zugunsten von Wesentlicherem. Trotzdem ein sehr sehenswerter Musiktheaterabend mit tollen Darstellern, motiverten mitreißenden Jugendlichen, einem klasse Werk, das es wirklich verdient noch häufig aufgeführt zu werden.

Martin Freitag 23.6.14

Bilder Hans Jörg Michel

 

LOHENGRIN

Besuchte Übernahmepremiere am 24.05.14 

An den Fäden der Macht

Die Neuinszenierung von Wagners "Lohengrin" durch Sabine Hartmannshenn hat jetzt auch das Duisburger Theater erreicht, eine durchaus aktuelle Deutung, die das Religiöse und Nationale des Werkes ins heutige Wirtschaftsmilieu setzt, einen Ansatz der durchaus auf das eigenwillige Denken des Komponisten zurückzuführen ist: Eigentlich sind die Karten zur Übernahme einer Bank/ eines Betriebes schon zu Beginn durch König Heinrich und seinen Heerrufer-Adlatus verteilt. Die Erbin Elsa wird von zwei Pflegerinnen flankiert und steht unter Psychopharmaka, was sehr schön das Sonnambule dieser Figur unterstreicht; Telramund und Ortrud sollen ünernehmen. Doch die Führung springt auf den neuen Hoffnungsträger über, statt einem Gottesurteil wird Telramund mit einem Aktenkoffer abgefunden. Natürlich reibt sich das Originallibretto mit der Gottfried-Intrige an diesem Ansatz, das Heidnische, das Märchen wird einfach aussen vor gelassen. Trotzdem gelingt der Regisseurin, deren Stärken deutlich in den intimen Szenen liegen, eine runde Deutung. Die Chorszenen leiden unter dem üblichen Übel des statischen Tableaus, mit anderem Dekor wäre kein Unterschied zu einer herkömmlichen Inszenierung. Doch Hartmannshenn hält sich sehr eng an die Wagner-Vorlage, nur setzt sie andere Vorzeichen, wenn Lohengrin sich zum Schluss dem "Business as usual" verweigert, bleibt die Traurigkeit der verpassten Chance bei allen Beteiligten im Raume stehen. Nur die Drahtzieher versuchen wieder die durchtrennten Strippen in die Hand zu bekommen. Dieter Richter baut ein am Kölner Gerling-Bau inspiriertes, sehr dekorativ-imposantes Bühnenbild, eine Macht und Intrigenzentrale. Die Kostüme Susana Mendozas zeigen heutig gediegenen Banken- und Haute-Volèe-Chic, im Münsterbild mit deutlichem Gruß an die "ach so geschmackvollen" Neureichen der Düsseldorfer Kö, hier streift die Inszenierung durch leicht komische Akzente schon einmal die Vorabendserien. Insgesamt kein Meisterwerk an Regie, doch eines mit dem man gut leben kann, zumal bei einem schwierigen Werk wie "Lohengrin".

Axel Kober ist zwar ein Dirigent von Bayreuth-Ehren, doch seine Leitung überzeugt mich nicht wirklich: schon das Vorspiel beginnt nicht richtig piano, insofern gerät die Steigerung ins teutonisch Dröhnende, die oszillierenden Stellen werden einzeln herausgestellt, doch eine Gestaltung über die Motivik, gar eine Dramaturgie der Musik findet nicht statt. Im Laufe des Abends bleibt zwar die laute Interpretation weitgehend bestehen, doch der dramatische Fluß wird weitestgehend gehalten. Freilich nicht immer, so kommt die Dynamik gerade vor dem Auftritt Elsas in der Münsterszene nicht von der Stelle und wird allzu breiig genommen. Das brilliante Vorspiel zum dritten Akt gerät etwas schwammig, ohne wirklichen Schwung zu bekommen. Die Duisburger Philharmoniker spielen ordentlich, doch sie können noch ganz anders in meiner Erinnerung.

Was wirklich erfreut, ist die Besetzung ganz aus dem Mitgliedern des Ensembles, nicht alle perfekt doch auf einem hohen Niveau: Corby Welch bringt seinen gut fokussierten Tenor in die Titelpartie ein, weniger ein heldischer, denn ein lyrischer Lohengrin, der klugerweise nie ins Forcieren gerät und sich Reserven bis zur Gralserzählung bewahrt, die dann auch mit schönem Atem und guter Gestaltung zu einem Höhepunkt der Aufführung wird. Die leichte Anwendung der Kopfstimme gerät sehr geschickt und geschmackvoll. Auch Sylvia Hamvasi ist eher eine "leichte" Elsa, was in den ersten zwei Akten mit manchmal fast instrumental geführtem Sopran sehr reizvoll klingt ("Einsam in trüben Tagen"), doch im Brautgemach gerät sie mit der dramatischen Geste doch an ihre Grenze und die Höhe wirkt spitz und flirrend. Stefan Heidemann als Telramund läßt anfangs Wagnergesang mit etwas bellender Konsonantengebung hören, doch im zweiten Akt toppt er den oft eindimensionalen Charakter mit kernig gesungenen Legatobögen zu einem Zentrum des Abends. Ihm zur Seite Heike Wessels als Ortrud von weniger dramatischem Strahl, als von elegant geführtem, sinnlich pastosem Mezzo. Im ersten Akt wirkt ihr Spiel etwas outrierend, weniger wäre da sicherlich mehr, doch träufelt sie danach gefährliches Gift vokaler Art in Elsas Ohren, bevor sie dann am Ende des dritten Aktes feurig abräumt. Die Szene zwischen ihr und Elsa im ersten Bild des zweiten Aktes ist ein psychologisch spannend inszeniertes Kammerspiel. Thorsten Grümbel als Konzernchef Heinrich der Vogler gehört vielleicht nicht zu den in der Tiefe bedrohlich dreuenden Bässen, doch die metallische Höhe passt hervorragend zu dem geforderten Rollenprofil, ebenso wie Dmitri Vargins geschmeidiger Bariton zum intriganten Heerrufer, optisch erinnert er fatal an Karl Theodor zu Guttenberg.

Die Edlen , Edelknaben, Brautjungfern, wie der ganze Chor zeigen beachtliches, vokales Profil, szenisch absolvieren sie die geforderten Aufgaben, da liegt der gemächliche Eindruck jedoch auf Kosten der Regie. Insgesamt erlebt man jedoch einen sehr imponierenden Wagner-Abend, den das Duisburger Premierenpublikum mit viel Bravos , Jubel und Applaus feiert.

Martin Freitag 26.5.14

Bilder siehe Düsseldorf

 

LUISA MILLER

im Walde mit Ledersofa und Sonnenschirm

Fiesling Wurm gerettet – nur zwei Tote

PR 4.7.13 

Carlos Wagner, Regisseur der jüngsten Duisburger Verdi-Produktion „Luisa Miller“, verkündete im Vorfeld, dass diese Oper mitnichten ein Abklatsch von Schillers „Kabale und Liebe“, sondern „ein ganz anderes Drama“ sei. Das aber hat er gründlich vergeigt mit einem „opernhaften“ statt einem „bürgerlichen Tauerspiel“.

Die Rheinoper hat offensichtlich kein gutes Händchen mehr für Regisseure. Dem Eklat um den abgesetzten „Nazi-Tannhäuser“ und der allgemeinen Ablehnung von Zemlinsky´s „Florentinische Tragödie“ folgt nun eine mehr als ärgerliche Inszenierung eines Regisseurs, der bereits 2011 im selben Hause mit seiner „neu gedeuteten“ Carmen einhelligen Widerspruch eingeheimst hatte. Man fragt sich zu Recht, wie solche Entscheidungen gefällt werden; dies gilt – zumindest für die erlebte Premiere - ebenso für den sängerisch unsäglichen Auftritt des Chilenen Giancarlo Monsalve, der auf der Webseite des Hauses erstaunlicherweise als „international gefeierter Gast“ bezeichnet wird. Ob damit wirklich Opernhäuser gemeint sind ?

Den Weg der Soldatentocher Luisa Miller vom hoch behüteten Kind im Nachthemd zur einer aus Liebeskummer selbstmordwilligen jungen Frau erzählt Wagner mit Holzhammer und Dreschflegel gleichzeitig. Zentrum ist ein mit Kinderzeichnungen ausgemaltes Zimmer, welches auf einer Drehbühne in einem ordentlich zugemüllten Zauberwald a la „Herr der Ringe“ steht und bis hin zur Hundehüttengröße schrumpft, um am Ende zusammenzubrechen: Sinnbild der endenden kindlichen Unschuld der Luisa (Bühne von Kaspar Zwimpfer). Die Figuren der Wände erscheinen immer wieder als leibhaftige Tier- und Menschen-Geister, auch in Form von zahlreichen Choristen; die Figur des Bauernmädchen Laura schwebt wie das TV-Sandmännchen von oben herab. Na ja, hübsch bunt halt.

Luisas Bett mit späterer bedeutungsvoller Kissenschlacht ist der Mittelpunkt ihres Lebens, sie schläft fest weiter, auch wenn sich Wurm und Miller lautstark im Duett auf der Bettkante messen. Und ihr Kopfkissen, von ihrem Liebhaber fest an sich gedrückt, zerreißt und spuckt Unmengen schwarzer Federn aus, Vorahnung des nahenden Tode; na ja, wer das nicht kapiert!

„Ich glaub ich steh im Wald“ – ebendort spielt dann der andere Teil der Handlung; hässliche baumstumpfähnliche Gebilde mit Lianen, einer mit interner Leiter zu einer Art Mini-Hochsitz, den Vater und Sohn abwechseln erklimmen, um von dort und mit guter Fernsicht zu singen. Erkennen konnten sie ein klassisches Ledersofa, Sonnenschirm und diverse Kleinmöbel, die vom Chor herangeschafft worden waren. Aber auch viele Ungereimtheiten und Albernheiten, über die man nur den Kopf schütteln konnte.

Muss Luisa das behütete naive Kind sein, Jungmädchenfigur, bis zum Ende im weißen Nachthemdchen, das eigentlich nicht richtig mitbekommt, was da läuft ? Die aus der väterlichen Obhut sofort in die Arme eines gräflichen Liebhabers fällt und begehrt wird von einem hinterhältigen Gutsverwalter. Müssen der Graf und sein Verwalter ihr Komplott gegen Luisa mit albernen Ballettschrittchen krönen, muss der Chor sich dem anschließen, muss sich Luisa zum Schluss in ihr Mini-Kinderzimmer quälen und am Ende mit wilden Zuckungen epilepsieartig ihr junges Leben aushauchen? Und warum wird der fiese Wurm nicht von Rodolfo librettopflichtig erstochen ? Na ja, halt Glück gehabt.

Oft gleicht der musikalische Teil eine suboptimale Szene etwas aus; aber auch hier ist nur ambivalentes zu berichten. Der neue GMD Giordani Bellcampi schafft zwar ein vielschichtiges Verdi-Feeling, mit schönen Bläserfarben, hoher Präzision, viel Drive, wenn auch gelegentlich vielleicht etwas zu forsch und zu kräftig. Aber was hilft es, wenn eine Hauptfigur wie Rodolfo – wenn auch ein sehr schicker Typ - einfach grottenschlecht singt. Wenn auch gelegentliche schöne Töne in den mittleren Forte-Lagen zu vernehmen waren, so hangelt er sich mit wechselndem Timbre, mit kehligen und mühsamen Spitzentönen, mit Knödeln und Unsauberkeit durch die Partitur, sodass man ständig in Sorge war, ob er bis zum Ende durchhalten würde; als indisponiert angesagt war er jedenfalls nicht. In seine große Arie „Quando le sere“ hinein erschallten – endlich – etliche Buhs, nicht aber beim Schlussapplaus, ebenso wenig wie für das Regieteam. Das offensichtlich hochzufriedene Premierenpublikum dankte mit langem stehenden Applaus und Bravo-Rufen. Na ja, jedem sein Geschmack halt.

Ein Verdi-Feeling stellte sich nach alledem leider nicht recht ein, auch wenn noch Gutes zu berichten ist. Ganz vorzüglich die Frederica (Susan Maclean) mit ausdrucksstarkem, vollem und gut timbrierten Mezzo. Auch Boris Stasenko als Miller überzeugte mit reifer Stimmfülle und Ausdruck, herrlich sein Part in dem berühmten a-capella-Quartett. Im direkten Vergleich mit Wurm blieb Sami Luttinen allerdings eher blass, sowohl stimmlich wie auch in seiner Verkörperung des Hinterhältigen. Auch Olesya Goloneva in der Titelrolle gefiel durchweg, wenngleich die Stimme unten herum etwas mehr Substanz vertragen könnte. Den Grafen gestaltete Thorsten Grümbel überzeugend und stimmlich ausdrucksstark. Die kleinen Rollen waren adäquat gut besetzt. Leider zeigte sich auch hier wieder, dass die Rezeption selbst guter Stimmen unter einer schwachen Regie und Personenführung sehr zu leiden vermag.

So blieb der Lichtblick des Abends das große Duett der Luisa mit ihrem Vater im letzten Akt, lyrisch wunderbar ausdrucksvoll gesungen und gestaltet, vom Orchester sensibel begleitet. Na ja, wenigstens etwas.

Michael Cramer                                       Bilder: Hans Jörg Michel

 

 

 

 

 

 

Sterne-Abend der Operette in Duisburg

DIE CSARDAFÜRSTIN

Große Operette in zeitgemäßer Regie

Premiere am 13.10.2012 Deutsche Oper am Rhein / Duisburg

"Tanzen möcht ich, jauchzen möcht ich...

Wussten Sie, verehrte Operngänger, daß es in der Weltstadt Wien, die man wie keine andere mit dem Begriff "Operette" verbindet, in der Saison 1910/11 fast 50 Operettenpremieren gab? Heute können Sie diese wunderbare durchaus zeitgenössische Form des Musiktheaters dort mit der Lupe suchen. Aber nicht nur in Wien, auch bei uns am Niederrhein - eigentlich auf der ganzen Welt. Wie tragisch! Wie traurig...

Was ist eigentlich der Grund dieses Verfalls, dieser Ignoranz, bei einer Form des Musiktheaters, die doch eigentlich alle, von jung bis alt, ansprechen sollte. In einer Stunde Kálmán oder Lehar z.B. befinden sich mehr Ohrwürmer als in drei Verdi Opern zusammengenommen. Früher wurden die Operetten-Theater (spezielle Häuser nur für diese Stücke) abgeschirmt und bis zum jeweiligen Premierenabend geschützt, wie das legendäre Fort Knox. Kein Ton, keine musikalische Sequenz durfte vorher bekannt werden, denn nach der Premiere summte die halbe Stadt all die schönen Nummern, und vom kleinen Schlagerfuzzi über den Bar-Pianisten bis zum großen Opernstar wurde alles sofort nachgesungen und popmäßig vermarktet.

Das langsame Sterben der Operette begann eigentlich mit der größeren Verbreitung des Fernsehens. Unter Beteiligung der damals zeitgrößten Operettenkünstler wie - Pars pro Toto - Rudolf Schock, Anneliese Rothenberger oder später Rene Kollo, wurde die Operette via TV versülzt, verkitscht, verniedlicht und später relativ niveau- und qualitätslos verramscht. Das gleiche Bild bot sich dann bei den wenigen Opernhäuser, die sich noch an das Metier trauten, mit ähnlich trüben und kunstgewerblerischen Präsentationen. Die große Musikform Operette, die eigentlich (wenn man sie ernst nimmt) viel schwieriger und anspruchsvoller zu singen ist als große Oper, wurde hemmungslos trivialisiert und qualitativ minderwertig auf dem Jahrmarkt der Billigkeiten geopfert. Der Altersschnitt der Besucher pendelte sich auf nett gerechnet 70 Jahre ein. Operette gerierte nicht selten zur Musik vom Altenteil fürs Altenteil; exemplarisch immer noch im Parade-Operettenland von Mörbisch, wo nicht selten die 64-jährige Soubrette ihren zehn Jahre älteren Jugendfreund anhimmelte. Musikalischer Komödiantenstadel am Neusiedler See - doch nicht nur dort...

www.seefestspiele-moerbisch.at/

Heute im Jahr 2012 gehen immer noch hundertmal mehr Menschen zu André Rieus "Operettenparade" als in die gediegene Stadttheater-Produktion um die Ecke. Das ist ein großer Fehler, denn es gibt sie noch oder wieder: die ganz große Operette in zeitgemäßer Regie, hoher musikalischer Qualität und anspruchsvoller Präsentation. Die Rede ist von der "Csardasfürstin", die gestern an der Rheinoper im Duisburger Haus Premiere feierte.

Und gibt es eine schönere Operette als diese "Csardasfürstin" mit ihrer zauberhaften ewiglichen Musik, ihren sich stetig beschleunigenden Walzerquartetten, fulminanten Dreivierteltakt-Ekstasen; jedes Lied ein alter Schlager, jedes Zwischenspiel eine Wolke musikalischen Sternenstaubs: Liebe im Dreivierteltakt und das ganze im Spannungsfeld zwischen den Klippen gesellschaftlich feudaler Konvenienz und ehrlicher Emotion. Herz siegt am Ende über Kalkül - oder doch nicht... Lassen Sie sich überraschen!

"Das ist die Liebe, die dumme Liebe..."

Doch was sich dem oberflächlich brav bürgerlichen Weltbild auf den ersten Blick anscheinend so simpel anbiedert, ist bei näherem Hinsehen durchaus zwiespältig. Peter Konwitschny hat dieses Zwischen-den-Welten-Tanzen einmal in Dresden skandalös provozierender inszeniert, mit kopflos walzertanzenden Soldaten und blutigen Kriegsopfern. (UA 17.9.1915!) Viele fanden das unschön... in einer Operette!

Der kopflose Soldat und das Spatenballett (im Bild) in der "Csardasfürstin" sorgten für einen handfesten Theaterskandal, der vor Gericht endete.dpa

Auf ähnliche Provokationen hatte jener im Opernmilieu als "Geheimtipp" gehandelte Regisseur Joan Anton Rechi auch angesichts des mit 75 Jahren (meine persönliche Schätzung!) nicht unangemessen angesetzten Altersdurchschnitts des gestrigen Duisburger Premierenpublikums wohlwollend verzichtet. Das Volk wollte Schönes sehen und bekam es auch, doch nicht im Gewand kitschiger Historie und Kostümorgien, sondern durchaus zeitgemäß zeitlos - und sehr beeindruckend.

Sebastian Ellrich (Kostüme) zauberte nicht nur der fabelhaften Nataliya Kovalowa in der Hauptrolle ein Nichts von Glamour, Seide und Glitter auf die fast nackte Haut, sondern bedachte auch die restlichen Damen und Herren mit kreativer Mode in mehr oder weniger opulente Schönheit mit Stil und Originalität. Alfons Flores (Bühne) zeigte endlich einmal, was ein guter Bühnenbildner auf jenem "Zauberkasten" von Theaterbühne zu imaginieren imstande ist, wenn man ihn läßt und ein gutes praktikables Regiefundament als Basis anbietet. Grandiose, fast überwältigende Bühnentechnik, die mit einer bis aufs Feinste ausziselierten Lichtregie (Volker Weinhart) einher ging. Vergessen wir nicht die fabelhafte Choreographie von Amelie Jalowy, welche die wunderbaren Tänzer perfekt ins Handlungskonzept und die Auftritte der Chöre einband.

So muss, so sollte heutige Operette inszeniert werden! Die Bildwirkung war, trotz fehlender Museal-Kostümierung und historisierenden Pappmaschee-Kulissen, gewaltig. Eine außergewöhnlich hochqualitative Regiearbeit - Maßstab und Verpflichtung für weitere Arbeiten an der Rheinoper in diesem Genre, welches ja durch die dilettantischen Stümpereien eines Harald Schmidt (Lustige Witwe) arg ramponiert und rufgeschädigt worden war. Bitte mehr solche guten Operettenproduktionen!

Der Träger des Abends allerdings - das Regieteam möge mir verzeihen: Prima la Musica - war ein fulminantes Orchester namens Duisburger Philharmoniker, welches unter einem wirklich begnadeten Dirigenten namens Wolfram Koloseus einfach Kolossales leistete. Hier wurde Emmerich Kalman wirklich auf goldenen Händen, besser Flügeln getragen.

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Auch der Kritiker träumt stets vom großen Wiener Orchesterklang (leider außerhalb Wiens meist vergeblich!) - doch hier und gestern wurde er Realität. Ein Traum wurde wahr: Goldenes Blech, feinfühlig sensible Holzbläser, samtene Streicher und eine Akkuratesse, sprich Exaktheit, vor allem in diesen schwierigen niemals gerade endenden Rhythmen. Wow!

Alleine für diese traumhaften Klarinetten hat Benny Goodman sicherlich von Wolke sieben applaudiert. Was für eine imponierende Orchester-Qualität ist hier im Laufe der letzten Jahre entstanden - da müssen sich die DüSys (Düsseldorfer Symphoniker) vom großen Noch-Schwesterhaus aber merklich ins Zeug legen um demnächst bei der Düsseldorfer Premiere auch nur einigermaßen mithalten zu können. Was mich zur Frage bringt, warum verehrter General-Intendant, lieber Disponent, schickt man nicht dieses so fabelhaft jetzt eingeprobte und eingespielte Orchester für die Übernahme-Premiere dieser Csardasfürstin in die Landeshauptstadt. Besser und traumhafter kann man das Stück kaum spielen.

Wien ist nicht weit...

Gesanglich war der Abend auch in Ordnung; man bot überdurchschnittliche Qualität. Zwar kann man diese höllenschwere Partie vielleicht mit weniger Vibrato im Fortissimo und auch textverständlicher singen, aber Nataliya Kovalova bestach durch wunderbare Legati und doch sehr stimmungsvolle Interpretation neben Corby Welch - für mich die Sensation des Abends, der sich im Laufe der Jahre zu einem vielseitigen und wunderschönen Tenor entwickelt hat, welcher durchaus in naher Zukunft in den Schuhen eines René Kollo oder Rudolf Schock zuhause sein könnte.

Mit Peter Nikolaus Kante (Fürst), Cornelia Berger (seine Frau), Alma Sadé (Stasi) Florian Simson (Boni), und dem Feri von Bruno Balmelli bot auch der Rest des Ensembles eine eindrucksvolle Sangesleistung. Dazu eine passable Chorleistung dank Christoph Kurig.

Ein Operettenstern ging gestern über Duisburg auf. Bravo! Bravi! Bitte lasst ihn nicht zur Sternschnuppe verkommen.

Peter Bilsing / 14.12.

Copyright aller Produktionsbilder liegt bei der Rheinoper

 

Nachtrag:

zur anstehende Kündigung der Theaterehe durch die Stadt Duisburg

NOTA BENE ! - Verehrte Duisburger Volkvertreter incl. Kulturdezernent

Dieses Spitzenorchester soll demnächst auf dem Salvator Kirchplatz, dem Altstadt-Park oder passender im Garten-der-Erinnerung KURKONZERTE spielen? Wollt ihr das wirklich? Wollen das die kulturinteressierten Bürger Ihrer Stadt? Das wäre ein Schande!                                         PB

 
 

 

Kult à la Loy

DIE ZAUBERFLÖTE

Wiederaufnahme am 15.11.2011

Opernmuseum oder extravagante Innovation?

Mozarts Werk ‚Die Zauberflöte‘ ist Volkstheater, Märchen und Aufklärungs-parabel zugleich. Es verbindet Zauberwelt, Singspiel und große Oper zu einem Kunstwerk. Die Geschichte bietet viel Potenzial - und für die Inszenierung durchaus intelligentes Potential: Eine entführte Prinzessin, ein Prinz, der ihrer Rettung willen allen Gefahren trotzt, der Kampf zwischen den Reichen der Finsternis und des Lichts. Feuerspeiende Riesenschlangen und hilfsreiche Geistwesen. Ein zauberhaftes musikalisches Märchen mit eingängigen Melodien.

Copyright: Alle Produktionsbilder > Deutsche Oper am Rhein, Frank Heller

 

Mit dieser außergewöhnlichen Produktion geht es, wie mit einem guten Rotwein: im Laufe der Jahre wird sie eigentlich immer besser. Mittlerweile hat sie fast KULT-Status an der Rheinoper.

Man erwartet eine opulente Ausstattungsoper. Ägypten in einem archaischen Zeitalter. Doch Christof Loy versetzt die Szenerie in eine Bibliothek (zum Glück nicht in die Zaubererschule Hogwarts), lässt ein verzanktes Ehepaar (sehr amüsant und mit viel Wortwitz: Götz Argus und Verena Buss) das Märchen von der Zauberflöte und damit ihre eigene Lebens- und Liebesgeschichte erzählen. Kann man so machen und an sich ein interessanter Ansatz. Aber wo bleiben die phantasievollen Szenerien, die himmlischen Mächte der Sonne und Finsternis, die wilden Tiere und burlesken Figuren wie Papageno und seine Papagena?

Ein Putzgeschwader mit fratzenhaften Masken, die eher an den Hollywood-streifen Planet der Affen erinnern und ein Hausarbeiter als der Schurke Monostatos sind nicht nachvollziehbar und daher kein Ersatz für intelligente Alternativen zu gewohnten Sehweisen. Dieses Meisterwerk allein auf die realistische szenische Ebene zu transferieren banalisiert es, raubt ihm wesentliche Momente. Und selbst bei aller Mühe und Toleranz solcher Verfremdungseffekte gegenüber; letztendlich bleibt für mich Mozarts Parabel auf das humanitäre und aufklärerische Gedankengut der Freimaurerei, deren Anhänger er selbst war, die einzige inhaltliche Verbindung zu einer Bibliothek. Aber bei einer Opernaufführung muß eben auch gelten, daß die Ästhetik stimmt. Und hier ist Loy ein durchaus großer Wurf (siehe Bilder!) gelungen.

Was bleibt ist der Kampf Gut gegen Böse, die Macht der Musik sowie die alles überwindende Kraft der Liebe. Und das mit einer Musik, die so schillernd ist wie die (Ur-)Handlung, aber streng in ihrem musikalischen Aufbau. Alle drei Operngattungen Opera seria, Opera buffa und Singspiel werden zu einer Einheit. Das macht die Größe und das Genie Mozarts aus, deshalb lieben wir diese Oper.

Anette Fritsch (Pamina) und Jussi Myllys (Tamino) sowie Marco Vassalli (Papageno) und Elisabeth Selle (Papagena) brillieren als Traumpaare auf der Bühne. Mit ihren stimmlichen Qualitäten und ihrer außergewöhnlichen Spielstärke und –freude begeistern sie das Publikum. Jung, frisch und unverbraucht scheint hier das Erfolgsrezept von Intendant Meyer zu sein. Stimmen und Charakter, an denen wir an der Rheinoper noch viel Freude haben werden. Thorsten Grümbel als Sarastro und eine traumhafte Marlene Mild als Königin der Nacht stehen ihnen dabei in nichts nach. Chorleistung und hervorragend von Wolfram Koloseus eingestellte Duisburger Philharmoniker runden eine perfekte Vorstellung ab.

Loys Inszenierung wird wieder einmal die Zuschauer polarisieren. Und das ist gut so! Mozarts Werk gibt den Regisseuren aber auch alle Freiheiten in der Umsetzung und damit auch gewisse Qualen: Sinnlose Plage – Müh ohne Zweck? Oder ist dies die einzig wahre Sichtweise? Betont man den wienerischen Singspielcharakter, ist es den Intellektuellen nicht recht. Bei zuviel Hintergründigem meutert der Teil der Zuschauer, welcher sich leichte Unterhaltung verspricht. Überfordert wird hier jedenfalls keiner.

Fazit: Bitte reingehen und diskutieren. Musikalisch lohnt es sich auf jeden Fall. Und frei nach dem Motto Richard Wagner "Schafft Neues, Kinder!" ist diese Produktion durchaus mit dem Prädikat BESONDERS WERTVOLL zu dekorieren.

Ralf Linskens

 

 

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@gmx.de